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XXIV.
Rettung.

Um acht Uhr leuchteten plötzlich Scheinwerfer in der Dunkelheit auf, und es wurde lebendig. Ein Wagen des Überfallkommandos kam den Fahrweg zu der Villa herauf und hielt mit einem Ruck vor der Haustür an. Die Motorhaube berührte beinahe den Kühler des anderen Wagens. Fünf Männer sprangen heraus; der erste war Inspektor Cardby.

Caudry zeigte auf die Männer in dem anderen Auto und gab einen kurzen Bericht. Er zitterte und war nahezu am Ende seiner Kraft.

»Reeves!« rief Cardby.

Der Inspektor lief mit einem Beamten quer über den Rasen.

»Verhaften Sie diese Leute. Sie sagten eben, Caudry, daß Maddick das Haus durch den hinteren Ausgang verließ und mein Junge hinter ihm herrannte?«

»Ja, das stimmt. Die anderen sind wahrscheinlich unten im Keller eingesperrt.«

»Gehen Sie so schnell wie möglich nach dem Gartentor und sagen Sie Inspektor Hall, er soll sofort die Kerle im Keller verhaften. Er muß gleich ankommen. Und dann setzen Sie sich in einen der Wagen und ruhen sich aus. Kommen Sie, Gribble.«

Die Beamten eilten durch die Halle der Villa, kamen auf den Hof und durchsuchten den Garten. In der Pferdekoppel stießen sie mit Polizeidirektor Croß und seinen Leuten zusammen, der von dort her in das Haus eindringen wollte.

»Haben Sie zwei Männer vorbeilaufen sehen?« fragte Cardby.

»Nein. Wir kommen direkt vom Wald und haben niemand bemerkt. Was ist denn geschehen?«

»Wir haben alle verhaftet – mit Ausnahme von Maddick, der durch die Hintertür entwischt ist. Mick verfolgt ihn. Wir wollen ausschwärmen, eine Kette bilden und das ganze Grundstück abriegeln. In den Wald können sie nicht geraten sein, und auf den Feldern zu beiden Seiten des Hauses sind auch Posten aufgestellt. Sie müssen also irgendwo im Garten sein.« Cardby fügte nicht hinzu, daß er fürchtete, nur noch zwei Tote zu finden.

Als sie sich nach allen Seiten verteilten, eilte ein Mann vom Hause her auf Sergeant Gribble zu.

»Ihre Tochter ist gefunden worden! Ich dachte, das müßten Sie doch gleich erfahren. Wir haben sie unten im Keller entdeckt.«

Gribble dankte ihm und setzte dann seine Nachforschungen fort. Es wurden Fußspuren gefunden, die man eine kurze Strecke verfolgte, dann aber wieder aufgab. Zehn Minuten vergingen, ohne daß sie zu einem Ergebnis führten.

»Kommen Sie bitte einmal hierher, Inspektor!« rief einer der Kriminalbeamten plötzlich aus der entfernten Ecke des Gartens.

Der dicke Mann lief mit einer Geschwindigkeit, die man ihm bei seinem Gewicht kaum zugetraut hätte, und traf den anderen auf einem Seitenweg. Der Beamte leuchtete mit seiner Lampe auf den Pfad, wo sich tiefe Eindrücke in dem weichen Boden zeigten.

»Hier ist jemand vom Weg abgewichen«, sagte er. »Sehen Sie her. Sie sind hier um die Gebüsche herumgegangen.«

Der Mond war wieder hinter Wolken verschwunden, und es war dunkle Nacht. Cardby hob die Lampe und sah das Gärtnerhaus vor sich.

Schnell zog er den Revolver aus der Tasche. Trotz seiner langen Dienstzeit in Scotland Yard war es erst das zweitemal in seinem Leben, daß er eine Schußwaffe bei sich trug. Croß, Gribble und fünf weitere Kriminalbeamte waren inzwischen auch herbeigekommen.

»Seien Sie möglichst ruhig«, flüsterte Cardby, als er vorausging.

Er folgte den Fußspuren, bis er drei Meter vor der zerbrochenen Haustür stand. Dann hielten alle an.

»Sie müssen hineingegangen sein. Das wollen wir auch tun, aber ganz leise und vorsichtig.«

Auf Zehenspitzen schlichen sie vorwärts. Gribble hielt die Tür auf, während Cardby mit seiner Taschenlampe den Flur ableuchtete. Plötzlich wurde er bleich. Dicht neben der Wand lag am Ende des Raumes eine Pistole, und vor seinen Füßen war ein Brett so aufgestellt, daß jeder, der ahnungslos hereinkam, darüber fallen mußte.

Er trat darüber weg und winkte den anderen, daß sie draußen bleiben sollten. Als er die Waffe aufhob, preßte er die Lippen zusammen. Es war Micks Pistole. Beim Ableuchten des Bodens entdeckte er auch Blutspuren. Er sah sich weiter um. Allem Anschein nach war das Haus lange Zeit nicht bewohnt worden. Das Brett war der einzige Gegenstand in dem Raum. Im Fußboden zeigten sich Risse, und der Kamin hatte sich von der Wand gelöst. Die Fensterflügel fehlten und die Wände waren grün angelaufen.

Cardby starrte auf den Boden und ging dann nach der Küche, die auf der hinteren Seite lag. Dort sah er einen zerbrochenen Abguß und einen alten Kochtopf, weiter nichts. Die hintere Tür stand weit offen; ein unbestelltes Stück Land lag dahinter. Er kehrte in den Flur zurück und ging zu der ausgetretenen Treppe in der Ecke. Die Holzplanken waren wurmstichig, und es schien gefährlich, hinaufzugehen. Ein leichterer Mann als er hätte es wagen können. Cardby rief Gribble, und dieser verschwand nach oben, kehrte aber nach ein paar Minuten wieder zurück.

»Oben sind nur zwei leere Zimmer, die offenbar seit Jahren nicht benützt wurden«, berichtete er.

Die beiden traten wieder zu den anderen hinaus, gingen ein Stück Weges zurück und hielten eine Beratung ab.

»Maddick ist zuerst in das Haus gegangen«, sagte Cardby. »Und mein Junge war hinter ihm her. Das steht zweifellos fest. Sie müssen also irgendwo in der Nähe sein. Maddick selbst kann nicht weit gegangen sein, wenn man bedenkt, daß er Mick tragen muß.«

»Aber zum Kuckuck, wo könnten sie denn sein?« fragte Polizeidirektor Croß bestürzt.

Cardby antwortete nicht, eilte nach der Hecke und rief den Sergeanten an, der auf dem Feld Wache hielt.

»Haben Sie jemand gesehen, der hier entlangkam?«

»Nein.«

Cardby kehrte zu dem Platz vor der Haustür zurück und untersuchte die Fußspuren aufs neue.

»Merkwürdig«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete. »Ich weiß wohl, daß es unmöglich klingt, aber meiner Meinung nach müssen sie irgendwo im Hause sein. Die Spuren weisen alle nach einer Richtung – nach dem Haus.«

»Hat es denn keinen Keller?« fragte Croß.

»Verdammt, daran habe ich noch nicht gedacht. Ich will mich gleich umsehen. Bitte, warten Sie hier.«

Er durchsuchte das Erdgeschoß noch einmal, konnte aber keinen Kellereingang finden.

Gribble ging inzwischen außen um das Haus herum und leuchtete mit seiner Lampe hierhin und dorthin, um einen Anhaltspunkt zu finden. Auf der Rückseite sah er ein kleines Schutzgitter, das einen Abfluß bedeckte. Das Rohr, das damit in Verbindung stand, war ungefähr einen Meter über dem Boden abgebrochen. Gribble ging weiter, glitt aber auf dem feuchten Ende aus und stürzte. Er schlug mit dem Kopf gegen die Wand, so daß er mit dem Gesicht über dem Schutzgitter lag. Einen Augenblick blieb er liegen, um sich wieder zu sammeln, dann erhob er sich. Als er fortgehen wollte, kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er etwas entdeckt hatte. Was hatte nur seine Aufmerksamkeit erregt? Er kniete auf dem Boden nieder und beugte sich aufs neue über das Schutzgitter. Nun wußte er, was es war. Die Luft, die aus dem Kanal drang, war warm!

Er legte die Hand über die Öffnung, dann zog er die Luft ein.

Sofort stand er wieder auf und eilte zu den anderen zurück.

»Ist einer unter Ihnen, der nicht raucht?« fragte er.

»Ich«, entgegnete einer der Beamten.

Gribble nahm ihn mit sich.

»Riechen Sie einmal an diesem Gitter und sagen Sie mir, ob Sie etwas Besonderes entdecken können.«

»Ja, Tabakrauch.«

»Sind Sie Ihrer Sache sicher?«

»Vollkommen.«

»Gut, das genügt.«

Als Gribble sich umdrehte, stand Cardby hinter ihm. Er nahm den Chefinspektor beiseite.

»Es muß ein Raum unter dem Hause sein«, sagte er. »Diese Öffnung wird als Ventilator benützt. Die Luft, die herauskommt, ist warm. Außerdem muß unten jemand rauchen. Was sollen wir machen?«

»Wir wollen mit ein paar Stemmeisen den Fußboden aufbrechen«, sagte Croß.

»Nein, das geht nicht«, entgegnete Cardby schnell. »Wenn Maddick mit meinem Jungen da unten ist, können Sie sich darauf verlassen, daß Mick außer Gefecht gesetzt ist. Maddick weiß, daß er auf jeden Fall an den Galgen kommt, wenn wir ihn fangen. Er macht sich also auch nichts aus einem weiteren Mord. Er weiß jetzt, daß er meinem Jungen diesen Mißerfolg verdankt. Wenn wir den Boden aufbrechen, wird er ihn sofort erschießen und dann die Waffe gegen sich selbst richten. Wir müssen einen besseren Plan ausdenken. Wir wollen einmal zur Seite gehen. Zwei Leute sollen hier bleiben und das Haus bewachen.«

Der Chefinspektor ging zu dem Haupthaus voraus. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

Alle Gefangenen standen in dem vorderen Zimmer, von Polizeibeamten bewacht. Mavis eilte auf ihren Vater zu und umarmte ihn. Cardby wandte sich zur Seite. Er war froh, sehr froh, daß Gribble seine Tochter wieder hatte, aber wie stand es mit Mick? Er war nicht der einzige, der daran dachte. Auch Mavis war aufgeregt und bleich und bestürmte ihren Vater mit Fragen nach ihm, aber der schüttelte nur traurig den Kopf.

Cardby dachte fieberhaft nach und stieg die Treppe hinauf. Ziellos ging er von einem Schlafzimmer zum anderen, drehte das Licht an und sah sich um. Er stieg ins zweite Obergeschoß, öffnete dort eine Tür in der Nähe der Treppe und machte Licht. Erstaunt blickte er dann um sich. Der kleine Raum enthielt weiter nichts als Metallzylinder und Flaschen, die auf großen Wandbrettern standen. Cardby wußte Bescheid. Er öffnete den Hahn des ersten Zylinders ein wenig und roch daran. Diesen schrecklichen Geruch konnte man nicht verkennen: Es war Schwefelwasserstoff. Er versuchte einen anderen und mußte heftig husten: Chlorsäuregas. Nun betrachtete er die Flaschen aufmerksam. Als er an der ersten roch, glänzten seine Augen plötzlich.

Sie enthielt fast vier Liter Äther.

Er nahm sie mit nach unten, wo er Gribble und Croß in der Halle traf. Überrascht sahen sie auf die Flasche.

»Jetzt weiß ich ein Mittel«, sagte er. »Schicken Sie ein paar Leute aus, daß sie einige Stemmeisen suchen. In dieser Flasche ist Äther. Ich will ihn durch die Entlüftung hinunterschütten, damit die beiden das Bewußtsein verlieren. Dann warten wir noch ein paar Minuten und brechen den Fußboden auf.«

Die Beamten fanden zwei Stemmeisen in einem Gartenschuppen, und wenige Minuten später kniete Cardby mit der Flasche neben dem Gitter. Zum Schutz hatte er sein Taschentuch in kaltes Wasser getaucht und um Nase und Mund gebunden.

Zuerst schüttete er nur wenig in den Ablauf, aber nach einigen Sekunden hielt er die Flasche schräger, und zwei Minuten darauf war der ganze Äther ausgegossen. Ein widerlich-süßer Geruch verbreitete sich, und Cardby war froh, als er aufstehen und weggehen konnte. Sie warteten noch eine Weile im Garten, bevor sie in den Hausflur gingen.

Vier Beamte leuchteten mit ihren Taschenlampen, während Cardby und Gribble die Stemmeisen nahmen. Bald hatten sie einige der flachen Steinplatten entfernt. Darunter fanden sie Erde. Cardby ließ sich einen Spaten bringen und grub, bis ihm der Schweiß von der Stirne lief. Die anderen halfen. In etwa fünfzig Zentimeter Tiefe stieß er auf ein Hindernis. Als er in die Grube hineinleuchtete, fand er, daß es dicke Holzplanken waren.

Mit dem großen Taschenmesser eines Beamten machte er zwischen zwei Brettern einen Einschnitt, sodaß sie die Schneide eines Stemmeisens einsetzen konnten. Eine Minute später gab das Holz nach, und es entstand eine Öffnung. Der Inspektor ließ sich auf Hände und Knie nieder und schaute hindurch. Er lächelte, als er sich wieder aufrichtete, denn unten hatte er Mick auf dem Fußboden und den Rechtsanwalt Conway Addison auf der Couch liegen sehen. Er war dem Anwalt oft genug in Old Bailey begegnet.

»Gribble«, sagte Cardby, »ziehen Sie Ihren Revolver und zielen Sie auf Maddicks Herz, während ich die Öffnung erweitere. Wenn er sich rührt, rufen Sie ihn an und sagen ihm, daß Sie ihn erschießen, sobald er sich bewegt.«

Zehn Minuten später holten sie sie Bewußtlosen durch die Öffnung herauf. Die schwerste Aufgabe war es, Cardby wieder nach oben zu bringen.

Sofort schnitten sie die Stricke an Micks Armen und Beinen durch. Maddick wurde auf den Steinboden gelegt. Man nahm ihm die Schußwaffe ab und fesselte ihn mit Hand- und Fußschellen.

Mick kam zuerst wieder zu sich, und das Erwachen brachte ihm eine angenehme Überraschung. Als er die Augen öffnete, sah er Mavis Gribble, die sich über ihn beugte, und lächelte.

»Ach, ich bin so froh!« sagte sie und streichelte sein Gesicht. »Endlich kommen Sie wieder zum Bewußtsein. Ich hatte schon solche Angst um Sie. Fühlen Sie sich jetzt etwas besser, Mick?«

»Glänzend, Mavis!« log er. »Aber wenn Sie fortgehen, verliere ich die Besinnung wieder. Bleiben Sie also bei mir.«

Addison hatten sie inzwischen in das vordere Zimmer getragen, wo er nach einiger Zeit auch wieder zu sich kam. Erstaunt starrte er auf die Hand- und Fußschellen, dann sah er die Umstehenden der Reihe nach an.

»Guten Abend«, sagte er gefaßt, als ob nichts geschehen wäre. »Es scheint, daß ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe.«

»Ach, das ist nicht der Rede wert«, entgegnete Inspektor Cardby. »Wir mußten nur den Fußboden im Gärtnerhaus aufbrechen – das war alles.«

»Wie unachtsam von mir, daß ich Ihnen keine genaue Anweisung zurückließ. Der ganze Kamin läßt sich herumdrehen. Dahinter befindet sich eine Leiter, die nach unten führt. Wie geht es denn meinem jungen Freund?«

»Meinen Sie meinen Sohn?«

»Natürlich. Ich kann Ihnen nur gratulieren, daß Sie einen so tüchtigen Jungen haben.«

»Kommen Sie«, sagte der Polizeidirektor. »Sie sollen im Wagen abtransportiert werden. In Scotland Yard werde ich Ihnen die Anklage vorlesen.«

»Das wird mindestens eine halbe Stunde dauern, wenn Sie alles auf Ihrer Liste haben.« Addison schien vollkommen gleichgültig gegen sein Schicksal zu sein. »Ich bin bereit.«

Cardby und Gribble gingen in den anstoßenden Raum.

»Also, nun kommt, ihr beiden. Wir fahren ab.«

»Das ist gut«, erwiderte Mick und richtete sich halb auf. »Aber ohne uns. Es geht mir jetzt einigermaßen besser, und eine ruhige, langsame Fahrt wird mir sehr gut tun. Ich werde Mavis in Maddicks Wagen nach Hause bringen. Dann komme ich nach Scotland Yard und berichte alles, was ihr wissen wollt. Ich rechne eine Stunde für den Heimweg, eine andere, um mir alles noch einmal zu überlegen, und noch eine halbe für den Weg nach Scotland Yard. In der Zeit werde ich es schaffen.«

»Ein guter Polizeibeamter denkt zuerst an seine Pflicht«, sagte der Chefinspektor.

»Gott sei Dank, daß ich noch keiner bin. Schließe bitte die Tür, es zieht.«

 


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