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XIX.
Der Überfall.

Cardby gab dem anderen Gefangenen noch einmal Whisky zu trinken, reichte ihm ein paar belegte Brote und erzählte ihm, wie die Dinge sich entwickeln würden, Dann ging er wieder nach oben, setzte sich in seinen Sessel und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Als er erwachte, schien das graue Licht der Morgendämmerung durch das Fenster. Der Rasen war mit Tautropfen bedeckt, und an dem düsteren Himmel hingen Regenwolken. Mick fror, wanderte im Zimmer auf und ab und schlug die Arme zusammen, um sich zu wärmen. Dadurch weckte er Kane und Alibi. Die beiden schimpften und fluchten auf ihn, während sie sich schläfrig die Augen rieben. Das Feuer im Kamin war ausgegangen.

»Wie spät ist es denn?« fragte Kane.

Mick sah auf seine Uhr.

»Fünf Uhr fünfundzwanzig. Sie haben gerade noch eine halbe Stunde Zeit. Es wäre gut, wenn Sie nach oben gingen und die anderen weckten.«

Kane verließ den Raum, und Delaney folgte ihm. Cardby wusch sich in der Küche und trocknete sich mit seinem Taschentuch ab, da er kein Handtuch hatte. Als er wieder in das Wohnzimmer trat, fand er Mariel und Clancy dort. Sie frühstückten alle zusammen.

»Was machen denn Ihre Gefangenen?« fragte Mariel.

»Die habe ich seit etwa fünf Stunden nicht mehr gesehen, aber als ich mich das letztemal nach ihnen umschaute, war alles in bester Ordnung. Glauben Sie, daß Sie die Sache heute schaffen?«

»Ich bin gerade nicht in der besten Verfassung«, erwiderte Kane. »Ich habe Kopfschmerzen und einen Krampf in den Beinen. Außerdem bin ich nervös und friere.«

»Nehmen Sie doch einen Schuß Whisky in den Tee«, riet Clancy. »Ich werde das ebenfalls tun. Geben Sie mir mal die Flasche, Alibi.«

Punkt sechs Uhr kam ein Wagen die Auffahrtstraße entlang und hielt vor der Haustür. Taxi Long saß am Steuer. Zwei Minuten später hatte er gewendet, und Clancy, Delaney und Kane nahmen Platz.

»Damit hat die Geschichte angefangen«, sagte Mariel, die am Fenster stand und dem davonfahrenden Wagen nachsah. »Sagen Sie mir doch, Pete, wenn heute alles gut ausgeht, geben Sie die Sache dann für immer auf?«

»Darauf kann ich nur schwer eine Antwort geben. Bis jetzt habe ich noch nicht recht herausgefunden, ob es mir im Blut liegt oder nicht. Manchmal kommt mir der Gedanke, daß eine kleine nette Wohnung und ein harmloses Vergnügen besser sind, als wenn man den ganzen Rest seines Lebens darauf warten muß, von einem Polizisten abgeholt zu werden. Wie denken Sie darüber, Mariel?«

»Ich könnte es jetzt nicht mehr aufgeben. Ein sogenanntes anständiges Leben würde mir keinen Spaß mehr machen. Ich bin das, was die Richter einen unverbesserlichen Verbrecher nennen. Solange es dauert, ist es wirklich ein herrliches Dasein.«

»Das stimmt wohl, aber das Glück kann nicht für immer anhalten.«

»Wenn es zu Ende geht, mache ich auch einen Punkt.«

»Aber Sie haben das Leben doch sicher zu gerne, als daß Sie es sich nehmen würden?«

»Glauben Sie? Wenn ich zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt werden sollte, würde ich sie bestimmt nicht absitzen. Nein, Pete, das Leben ist nur schön und angenehm, wenn man das erhält, was man haben will. Sobald es einen sauren Geschmack bekommt, ist es besser, allem Lebewohl zu sagen und sich davonzumachen.«

»Sie sind heute morgen gerade in nicht besonders guter Stimmung. Das fällt mir auch auf die Nerven, Mariel.«

»Tut mir leid, aber ich habe eine niederträchtige Vorahnung. Ich fühle, daß es schlecht ausgeht. Sehen Sie sich vor, Pete.«

»Nun ist es aber hohe Zeit, daß wir diese Unterhaltung abbrechen, sonst fangen wir bald noch beide an zu heulen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und holen Sie Mantel und Hut. Ich werde noch einmal nach den beiden im Keller sehen und mich vergewissern, daß dort alles in Ordnung ist.«

Cardby eilte die Stufen hinunter und klopfte zweimal scharf an die Tür von Mavis Gribble. Er mußte einige Zeit warten, bis sie die Handschellen aufgeschlossen hatte und zur Tür kam.

»Ich bin nur heruntergekommen, um Ihnen zu sagen, daß das Haus in zehn Minuten leer sein wird. Dann können Sie sich an die Arbeit machen. Sobald Sie telephoniert haben, gehen Sie wieder nach unten und machen Caudry frei.«

Er schlüpfte noch schnell in den anderen Raum und klopfte dem Gefangenen aufmunternd auf die Schulter. Als er wieder in die Halle trat, wartete Mariel bereits in Mantel und Hut auf ihn.

Mick öffnete die Haustür. Die Luft war bitter kalt, und es hatte zu regnen begonnen.

»Bleiben Sie noch einen Augenblick hier im Trockenen stehen, während ich den Wagen aus der Garage hole. Haben Sie einen Schlüssel für die Haustür.«

»Nein. Einer der anderen muß ihn mitgenommen haben.«

»Dann wollen wir nur hoffen, daß sie vor uns zurückkommen.

Cardby, der noch die Chauffeuruniform vom Tag vorher trug, steuerte den großen Wagen aus der Garage. Für Maddick war es leicht, Befehle zu geben, aber wie sollte Mick sich um diese frühe Morgenstunde alte Kleider beschaffen?

Mariel setzte sich hinten in den Wagen.

»Wenn wir angehalten werden sollten, sind Sie Mrs. Rodney Mawley und ich bin Ihr Chauffeur Simms.«

Sie nickte und zog die Pelzdecke über die Knie.

Als Mick abfuhr, schlug eine Kirchturmuhr die halbe Stunde. Die Straße lag einsam und verlassen vor ihnen. Schnell kam der Wagen in Fahrt, und als sie High Ongar hinter sich hatten, lief der Motor ruhig und geräuschlos. Bei der Station Seven Sisters bog Mick nach links ein und fuhr geradeaus, bis Finsbury Park rechts auftauchte. Dann bog er wieder ab und nahm seinen Weg durch Highbury, Islington und später durch Holborn.

Schließlich verlangsamte er das Tempo. Es war nun fünfundzwanzig Minuten vor acht. Mariel setzte er an der Ecke der Shaftesbury Avenue ab, zog respektvoll die Mütze und fuhr dann nach Trafalgar Square hinunter. Dort ließ er den Wagen vor der Nationalgalerie stehen und ging gemächlich zu dem kleinen Café an der Ecke des Platzes. Nachdem er dort ein Paar Würstchen gegessen und eine Tasse Kaffee getrunken hatte, zeigte seine Uhr zehn Minuten vor acht, und er machte sich allmählich auf den Weg nach Pall Mall. Als er etwa fünfzig Meter vom Eingang zum St. James Place entfernt war, bemerkte er den grauen Zweisitzer an der Bordschwelle. Delaney und Clancy hatten ihre Plätze bereits eingenommen.

Ziellos ging Mick den Gehsteig entlang. Er sah gleichgültig drein, aber das entsprach durchaus nicht seiner Stimmung. Da die Jagd nun beginnen sollte, machte sich die Abspannung nach den Anstrengungen des vorigen Tages bemerkbar. Er fühlte sich müde, und quälend tauchte eine Frage nach der anderen in ihm auf, ohne daß er sie beantworten konnte. Hatte Miß Gribble an seinen Vater telephoniert? Hatte sie die Botschaft auch richtig übermittelt? Hatte sein Vater noch genügend Zeit, alle Wagen des Überfallkommandos und die Polizeibeamten auf den Straßen zu benachrichtigen? Oder würde Maddick im letzten Augenblick seine Pläne ändern? Ob Caudry schon frei war? Was würde heute abend um acht geschehen? Wenn nun doch jemand in der Villa zurückgeblieben war?

Die Straßen waren nicht belebt. Wer um acht im Geschäft oder im Büro sein mußte, hatte sich bereits dort eingefunden, und die anderen, die erst um neun oder zehn mit der Arbeit anfingen, waren noch nicht unterwegs. Maddick hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können. Vom Big Ben schlug es acht. Nun mußte das Abenteuer jeden Augenblick beginnen. Mick ging auf die rechte Seite von Pall Mall hinüber. Er nahm an, daß der Wagen die Biegung nahm, bevor er anhielt. Aber dann lief es ihm plötzlich eiskalt über den Rücken, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoß. Wenn der Fahrer nun das Bewußtsein so schnell verlor, daß er keine Zeit mehr hatte, den Transportwagen anzuhalten! Wenn das Lastauto in ein Schaufenster oder gegen eine Mauer fuhr und dadurch so stark beschädigt wurde, daß es nicht weiterfahren konnte! Dann waren alle Anstrengungen umsonst gewesen, und Maddick mußte noch einmal von vorne anfangen.

Mick sah nach der Richtung von Trafalgar Square und bemerkte einen Lastwagen. Das war das Auto, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Ein uniformierter Polizeibeamter saß neben dem Chauffeur. Mick schob die Hände in die Taschen und wartete. Von der Seite aus konnte er Clancy beobachten, der die Gaspistole unter dem Instrumentenbrett hervorholte. Als der Transportwagen zwanzig Meter entfernt war, ragte die Mündung der Waffe um Daumenbreite aus dem heruntergelassenen Fenster hervor. Clancy zielte.

Plop!

Mick vernahm die leise, dumpfe Explosion. Das Auto drehte nach dem Gehsteig zu, und der Fahrer sank über das Steuerrad. Der Motor lief langsamer und langsamer, als der Fuß des Chauffeurs den Gashebel freigab, aber der Kühler war nur vier Meter von der nächsten Straßenlaterne entfernt. Der Polizist war auch auf seinem Sitz zusammengesunken. Clancy und Delaney waren bereits aus ihrem Wagen gesprungen.

Cardby sprang auf das seitliche Trittbrett, schob den Fahrer beiseite und setzte die Handbremse in Tätigkeit. Mit einem Ruck blieb das Transportauto stehen. Der Motor setzte aus. In dem Augenblick kamen zwei Wagen um die Ecke aus der St. James Street, aber die Fahrer bemerkten sie nicht. Sie sahen nur ein Lastauto auf einer Seite der Straße, eine Limousine auf der anderen, zwei Leute, die über den Fahrdamm gingen, und einen Mann, der auf dem Trittbrett stand und mit dem Chauffeur des Lastautos sprach. So stellte sich ihnen die Sache dar. Sie fuhren vorüber.

Der Polizeibeamte wurde schnell in das Auto gezogen, und bevor der Fahrer herausgehoben wurde, hatte Mick den Motor bereits aufs neue angestellt. Delaney hatte seinen Sitz noch nicht wieder eingenommen, als das Transportauto schon davonfuhr. Hinter sich hörte Mick einen Schrei. Er drückte den Fuß auf den Gashebel und fuhr geradeaus. Als er nach Cleveland Row einbog, sah er den Möbelwagen vor sich. Die hinteren Türen standen weit offen. Es waren zwei breite, dicke, sieben Meter lange Planken angebracht, die von der Straße in das Innere des Wagens führten. Mick hörte, wie die eingeschlossenen Polizeibeamten hinter ihm tobten und mit den Fäusten gegen die Wände schlugen. Kaltblütig schaltete er auf den ersten Gang um und gab Gas. Der Motor arbeitete geräuschvoll. Langsam bewegte sich der Wagen vorwärts. Nun waren die Räder auf die Planken aufgefahren. Mick wartete, bis die Vorderräder den Boden des Möbelwagens erreichten, dann setzte er Fuß- und Handbremse in Tätigkeit. Im nächsten Augenblick kam das Lastauto zum Stehen. Die Spitze des Kühlers war gerade noch einen Fuß von der inneren Vorderwand des Möbelwagens entfernt. Sofort wurde es dunkel. Der Lärm der eingesperrten Polizisten war nun umso deutlicher zu hören. Mick fühlte, wie der Wagen schwankte, als er von dem Führersitz heruntersprang. Sie waren in Fahrt – wohin es ging, wußte er nicht.

»Mariel!« rief er. »Sind Sie hier?«

»Ja«. Sie drehte in der Nähe der hinteren Tür ihre Taschenlampe an und Mick sah sie. Zu seinen Füßen entdeckte er einen Metallzylinder, der mit einem Auslaß versehen war. Daran befand sich ein mit Stahldraht umsponnenes Schlauchende. Er hörte, wie umgeschaltet wurde, dann fuhr der Wagen wieder vorwärts. Die Polizisten im Innern riefen und schrien, und zu all dem Tumult ertönte nun auch noch der schrille Ton einer Glocke. Er war immer stärker zu vernehmen und wurde dann schwächer. Kane führte seinen Auftrag aus!

»Wir wollen die Kerle zum Schweigen bringen«, sagte Mariel und packte den Stahlzylinder. »Halten Sie die Lampe, während ich die Mündung in das Schloß einführe.«

»Es ist besser, daß Sie die Lampe halten und ich das andere besorge.«

»Nein, das gibt es nicht. Maddick hat angeordnet, daß ich es tun soll.«

»Wissen Sie etwas von Arsenwasserstoff, Mariel? Seien Sie doch vernünftig. Heute morgen sagten Sie noch, daß Sie es niemals überleben würden, wenn Sie eine Gefängnisstrafe erhielten. Wenn Sie dieses Gas aber einströmen lassen, bekommen Sie mehr als das. Eines Morgens werden Sie in der Frühe geweckt und ein Geistlicher wird Sie fragen, ob Sie vor Ihrem Tode noch etwas zu sagen hätten. Dann noch ein kurzer Gang, und es ist zu Ende. Es kann nicht gerade sehr angenehm sein, wenn man gehängt wird.«

»Ich will die beiden doch nur auf kurze Zeit bewußtlos machen.«

»Wenn Sie mit dem Gas noch nicht gearbeitet haben, bringen Sie die Leute um. Im Handumdrehen sind sie tot. Ich selbst verstehe ja nicht viel von Giften, aber von Arsenwasserstoff weiß ich etwas. Selbst wenn es auf 0,02 Prozent verdünnt wird, wirkt es tödlich. Geben Sie mir den Zylinder. Ich bin nicht weichherzig, aber ich habe mein Leben zu gerne, um einen Mord zu begehn.«

Plötzlich hielt der Möbelwagen an, und sie erschraken. Aber nach einiger Zeit fuhr er wieder weiter.

»Halten Sie das Licht«, sagte Mick.

Mariel gab den Widerstand auf und leuchtete ihm, während er durch das Schlüsselloch sah. Es steckte kein Schlüssel darin. Der Fahrer und der Polizist mußten die Tür von außen abgeschlossen und den Schlüssel eingesteckt haben. Er führte die Mündung des Schlauches ein und drehte das Öffnungsrad halb um. Die Polizisten schrien und schlugen mit den Fäusten dauernd gegen die Wagenwände. Mick drehte das Rad ein wenig weiter auf. Bald darauf verstummte der Lärm im Innern, und es wurde ganz ruhig.

Mick legte den Zylinder auf den Boden und verstopfte das Schlüsselloch mit seinem Taschentuch.

»Wir wollen nicht auch noch etwas von dem Gas abbekommen. Hoffentlich habe ich ihnen nicht zuviel gegeben … wir müßten jetzt eigentlich in der Gower Street sein. Ich möchte nur wissen, wohin die uns bringen.«

»Das ist mir vollkommen gleichgültig. Wir wollen uns auf die Säcke in der Ecke setzen und es uns ein wenig bequem machen.«

Mick nahm sein Zigarettenetui heraus, und beide rauchten schweigend. Später leuchtete er mit der Taschenlampe auf das Zifferblatt seiner Uhr.

»Halb neun. Wir wollen einmal kurz überlegen. Der Möbelwagen fuhr sieben Minuten nach acht fort und hat bis jetzt viermal gehalten. Rechnen wir dafür jedesmal zwei Minuten, so sind wir eine Viertelstunde unterwegs. Wir müssen also zwei bis drei Meilen von Pall Mall entfernt sein. Wenn wir in der Richtung nach Euston unterwegs sind, müßten wir schon auf der anderen Seite der Euston Road sein … Wer steuert eigentlich den Möbelwagen?«

»Ich bin einfach hineingeklettert, ohne jemand zu sehen. Kurz darauf kamen Sie auch schon an.«

Noch zweimal hielten sie an, allem Anschein nach an Straßenkreuzungen. Nach einer Weile setzte sich der Wagen immer wieder in Bewegung. Mick wurde allmählich ruhiger. Es schien doch, daß Mavis Gribble seinen Vater erreicht hatte. Er hoffte nur, daß alle anderen Ereignisse des Tages ebenso ohne Störung verlaufen würden, aber er hatte starke Zweifel, daß es ohne Blutvergießen abgehen würde.

Mariel lehnte sich an ihn und hielt seinen Arm. Selbstverständlich war alles recht, was er tat. Davon war er überzeugt. Aber das änderte nichts an der Tatsache, daß er sich als ein Betrüger fühlte. Wäre er schon bei der Polizei angestellt gewesen, so hätte er sich sicherer gefühlt.

Aus dem Innern des Transportwagens kam kein Laut mehr. Das Gas hatte gewirkt. Mick hoffte nur, daß die Dosis nicht zu stark gewesen war. Er hatte sich schon an genügend Verbrechen beteiligen müssen, auch ohne daß er einen Mord begangen hatte. Wieder leuchtete er mit der Taschenlampe auf das Zifferblatt. Zehn Minuten vor neun. Er konnte den Verkehrslärm von draußen hören.

»Wie weit fahren wir denn noch?« fragte er.

»Das mag der Himmel wissen«, entgegnete sie. »Ich könnte schlafen. Das Schwanken des Wagens macht mich müde.«

»Dann tun Sie es doch. Es stört Sie niemand.«

Ihr Kopf sank auf seinen Arm, und nach einigen Minuten hörte er ihre regelmäßigen Atemzüge. Sie war tatsächlich eingeschlafen. Mick steckte die Hand in die Rocktasche und fuhr befriedigt über die Pistole. Dann lehnte er den Kopf gegen die Wagenwand und schloß die Augen.

Fünf Minuten nach neun kam der Möbelwagen zum Stehen. Cardby sah auf, als er Stimmen vor der Tür hörte, weckte Mariel und half ihr beim Aufstehen. Dann packte er die Waffe in der Tasche und wartete.

Die große Eisenstange, die quer über die Tür gelegt war, fiel polternd zu Boden, und Mick schob den Fuß zwischen die sich öffnenden Flügel. Er blinzelte, als es plötzlich hell wurde. Die hintere Seite des Wagens stand dicht an einer Tür in der Mauer eines hohen Gebäudes. Ihr unterer Rand befand sich in gleicher Höhe mit dem Fußboden des Möbelwagens. Eine Verbindungsbrücke wurde zu der offenen Tür geschoben, und drei Männer starrten in das Innere. Mick hatte sie noch nicht gesehen. Sie trugen weiße Schürzen und standen in mittlerem Alter.

»Alles in Ordnung?« fragte einer von ihnen.

»Ja«, antwortete Mick und trat auf die Brücke. Dann schaute er sich in dem engen Hof um, der auf allen Seiten von hohen Lagerhäusern eingeschlossen war. Der Fahrer, der sie hergebracht hatte, kam um die Ecke. Mick betrachtete ihn neugierig. Er war sicher, daß er ihn schon einmal getroffen hatte. Schließlich erkannte er ihn. Der Mann in der schmutzigen Kappe, die er über ein Ohr gezogen hatte, und dem abgetragenen Anzug war kein anderer als der sonst so tadellose Mr. Clason von Crosby House!

Er grinste Mick und Mariel an.

»Nun, hat Ihnen die Fahrt gefallen? Was machen denn die Polizisten?«

»Sie hat uns Spaß gemacht«, erwiderte Mick, »aber die Polizisten können darüber wohl keinen Bescheid geben. Die wissen ja auch nicht viel davon.«

»Gut … wir müssen uns jetzt beeilen und den Wagen entladen, öffnen Sie die hintere Tür des Lastautos, dann wollen wir gleich anfangen.«

»Das kann ich nicht. Sie ist verschlossen, und wir haben keinen Schlüssel.«

»Das werden wir bald haben. Woraus ist denn die Tür. Aus Holz oder Metall?«

»Metall. Es fühlt sich so an, als ob es Stahl wäre.«

»George!« Clason wandte sich an einen der Arbeitsleute. »Bringen Sie mir einen von den kleinen Azetylenbrennern.«

Mick horchte auf. War dies etwa das Hauptquartier der Bande? Aber so ungewöhnlich der Auftrag auch sein mochte, es dauerte nicht lange, bis die Azetylenlampe herbeigeschafft war. Clason kletterte in den Möbelwagen. Eine Minute später zischte die blaue Flamme und bahnte sich einen Weg rings um das Schloß. Die Stahlwand war dünn, und das Azetylen schnitt durch wie ein Messer durch ein Stück Käse. Als das Schloß herausgelöst war, wickelte Mick ein Stück Sackleinen um die Hand und riß die Tür auf. Nur der Vorderteil des Lastautos war beladen; dort waren Hunderte von kleinen Lederetuis und Holzkästen zu sehen. In der Nähe der Tür lagen die beiden Polizisten, die vollkommen leblos zu sein schienen.

»Schaffen Sie die Kerle fort«, sagte Clason, »dann können wir die Sachen herausholen.«

Als Cardby den ersten Mann am Handgelenk packte und ihn über die Schulter legte, fühlte er nach dessen Puls und atmete erleichtert auf, als dieser noch schwach erkennbar war.

»Warten Sie einen Augenblick«, rief Clason. »Wir wollen sie nicht ins Innere bringen. Joe, kommen Sie mal her und nehmen Sie die beiden in Ihren Lastwagen.«

Neben dem Möbelwagen stand ein Halbtonner. Ein Mann stieg vom Führersitz und nahm den bewußtlosen Polizisten in Empfang, den Mick herunterließ. Dann wurde auch der zweite Beamte in den kleineren Wagen verladen. Mick konnte sich zu seiner Beruhigung davon überzeugen, daß auch dieser noch lebte.

»Schaffen Sie die Leute fort, Joe. In einer einsamen Gegend können Sie die zwei auf die Landstraße werfen«, sagte Clason. »Machen Sie schnell.«

Das Entladen des Wagens dauerte nicht länger als zehn Minuten, und Clason seufzte befriedigt, als die letzten Koffer und Kästen in das Lagerhaus gebracht waren.

Mick und Mariel waren in dem Möbelwagen geblieben und warteten auf weitere Anordnungen.

»Für Sie beide ist jetzt nichts mehr zu tun«, wandte Clason sich schließlich an sie. »Ich kümmere mich weiter um die beiden Wagen. Am besten machen Sie sich auf den Rückweg nach der Villa. Heute abend sehe ich Sie wieder.«

»Dann kommen Sie also auch?« fragte Mariel.

»Ja, wir fahren zusammen.« Er erklärte nicht näher, wen er mit dem »Wir« meinte, aber sie wußten es.

»Können Sie uns, bevor wir fortgehen, noch sagen, wo wir uns hier befinden?« fragte Mick.

»Das ist sehr einfach. Gehen Sie am Ende des Hofes nach links und biegen Sie in die zweite Straße rechts, darauf in die erste links ein. Das ist die City Road. Von dort aus können Sie leicht Ihren Weg finden.«

Dann waren sie doch noch nicht über Euston hinausgefahren! Das war nur ein anderes Täuschungsmanöver Maddicks. Mick winkte allen zu, dann half er Mariel aus dem Wagen. Als sie unter dem Bogen am Ende des Ganges durchgingen, las Mick auf dem Emailleschild, daß das Haus den Namen »Tilson's Yard« trug.

»Wie wollen wir zurückfahren?« fragte er.

»Ich bin dafür, daß wir erst einmal anständig essen. Ich bin hungrig.«

»Einverstanden. Kann ich Sie eine halbe Stunde allein lassen, während ich nach der New Street gehe und mir einen anderen Anzug beschaffe? Ich möchte nicht den ganzen Tag in Chauffeuruniform herumlaufen.«

»Ich werde ein Taxi nehmen und zu meiner Wohnung fahren. Um halb zwölf treffen wir uns vor dem Eingang des Criterion-Theaters wieder.«

»Ausgezeichnet. He!« Mick winkte einem Chauffeur, der gerade vorbeifuhr, und sagte ihm, es solle sie nach Haymarket bringen. Dann stiegen beide ein. Es war fünf Minuten nach zehn. Als sie durch East End kamen, sahen sie die großen Plakatschriften der Zeitungsverkäufer:

»Für eine Million Pfund Juwelen geraubt!«

»Unerhörter Überfall bei hellem Tageslicht!«

»Banditen stehlen am hellen Tage für eine Million Pfund Juwelen!«

Mariel wies mit einer Handbewegung darauf und lächelte.

»Kommen Sie sich nicht wichtig vor, Pete? Sie sind in der Öffentlichkeit jetzt so bekannt, wie eine ehrgeizige Schauspielerin es sich nur wünschen kann.«

»Ich möchte lieber mehr Geld und weniger Berühmtheit haben.«

»Wohin wollen Sie mich zum Essen einladen?«

»Wir werden schon irgendwo einen ruhigen Platz finden. Die Polizei erinnert sich vielleicht immer noch an mein Gesicht, deshalb möchte ich nicht in einem überfüllten Restaurant sitzen.«

»Was mag aus Tommy Kane geworden sein?«

»Der wird jetzt nach der Villa zurückfahren wie die anderen.«

Mick fügte nicht hinzu, daß er selbst gerne dort gewesen wäre. Es war gerade kein angenehmer Gedanke, daß die drei Männer mit Mavis Gribble in dem Hause waren.


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