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II.
Besprechung in Scotland Yard

In einem der oberen Büros von Scotland Yard saßen fünf Männer um einen runden Eichentisch. Sie sahen nicht besonders glücklich und zufrieden aus. Sir Wynnard Salter, der Polizeipräsident der Hauptstadt, stützte sein dickes Kinn in die wohlgepflegten Hände und starrte düster auf die anderen. Polizeidirektor Cross, dessen kühngeschnittene Züge und scharfe Augen häufig in der Tagespresse abgebildet wurden, wenn ein berühmter Mordprozeß zur Verhandlung stand, zeichnete nervös Kreise auf eine Schreibunterlage.

Chefinspektor Hall, dem das Überfallkommando unterstellt war, schaute auf die Themse hinaus. Er haßte Besprechungen ebenso sehr, wie er mit Leib und Seele dabei war, wenn er bei der Verfolgung eines Verbrechers in schnellster Fahrt auf zwei Rädern um eine Straßenecke bog. Ein anderer Beamter seiner Abteilung, Inspektor Reeves, saß schweigend und finster neben ihm. Er hatte schon zuviel Unangenehmes hören müssen.

Der letzte war Chefinspektor Cardby, ein kräftiger, untersetzter Mann mit einem großen, fleischigen Gesicht und vergnügten grauen Augen. Sein dicker Hals quoll über den Kragen seines abgetragenen blauen Anzugs.

»Wenn ich einmal sterbe, wird man den Namen ›Maddick‹ auf meinem Herzen eingegraben finden«, sagte er.

»Es ist aber jetzt wirklich nicht angebracht, Scherze zu machen«, erwiderte Sir Wynnard vorwurfsvoll. »Ich habe es bereits gesagt, und ich muß es wieder betonen, daß Sie alle Zeit und Gelegenheit hatten, der Sache ein Ende zu machen. Die Lage, in der wir uns befinden, ist äußerst niederdrückend. Sie war schon traurig genug, bevor der Staatssekretär des Innern vor dem Parlament die Erklärung abgab, aber jetzt ist sie noch unendlich viel schlimmer. Ich brauche Sie ja nicht daran zu erinnern, daß er den Abgeordneten die Versicherung gab, die Polizei wäre mit dem Fortgang ihrer Untersuchungen zufrieden und Maddick und seine Bande würden in ein paar Tagen verhaftet werden. Inzwischen ist ein Monat vergangen, und jetzt machen sich Hinz und Kunz in London über uns lustig.«

»Wer hat denn den Minister des Innern ermächtigt, eine solche Erklärung abzugeben?« fragte der Polizeidirektor ruhig.

»Ich habe das getan«, entgegnete der Präsident. »Damals erschien es unvorstellbar, daß Sie mit allen Ihren Hilfsmitteln den Kerl nicht sollten fassen können.«

»Wir haben uns die größte Mühe gegeben und alles getan, was wir konnten«, sagte Hall. »Maddick muß seine Organisation seit Jahren aufgebaut haben, und eine jahrelange Arbeit kann man nicht in ein paar Tagen zunichte machen.«

»Dazu sind Sie aber doch angestellt.«

»Diese Geschichte ist etwas ganz Neues«, mischte sich Cardby ins Gespräch. »Dergleichen habe ich noch nie erlebt, und ich bin nun schon zweiundzwanzig Jahre im Dienst. Maddick, wer er auch sein mag, hat das Verbrechen eben vollständig vernunftgemäß durchdacht und dementsprechend organisiert. Anstatt nach der alten Methode zu arbeiten, einzelne Verbrechen zu begehen, dann einige Zeit untätig zu bleiben und das Geld auszugeben, hat er eine große Organisation aufgerichtet und dasselbe getan, was in geschäftlicher Beziehung zum Beispiel Woolworth, Lipton, die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft und ähnliche Unternehmen getan haben. Diese kann man auch nicht in kurzer Zeit zertrümmern, und ebensowenig läßt sich Maddicks Aufbau einfach zerschlagen.«

»Wollen Sie mir einreden, daß es unmöglich ist, diesen Kerl kleinzukriegen, Cardby? Sollen wir ihn seine Verbrechen ruhig auch weiterhin begehen lassen?«

»Nein, das habe ich durchaus nicht gemeint. Ich will nicht aufdringlich sein, aber vielleicht ändern Sie Ihre Ansicht über die Aufgabe, wenn Sie die Sache einmal von innen her betrachten. Die Kenntnisse, die wir uns während unserer langen Dienstzeit erworben haben, sind in diesem Fall praktisch wertlos. Wir haben es früher noch nie mit einer Bande zu tun gehabt, die so großzügig arbeitet wie diese. Wenn ich einen Betrugsfall bearbeite, kann ich Ihnen den Beamten nennen, der ihn lösen wird. Dasselbe gilt von Urkundenfälschungen, Morden, Einbrüchen, Brandstiftungen und allen anderen Vergehen, mit denen wir zu tun haben. Hier aber stehen wir zunächst vor einem Rätsel, weil Maddicks Bande sich nicht auf ein Verbrechen beschränkt, sondern alle ausführt. Er hat aus dem Verbrechen geradezu eine Industrie gemacht.

Ein anderes großes Hindernis für unsere Aufklärungsarbeit liegt darin, daß keiner der Leute, die er zur Ausführung seiner Pläne anstellt, den vollen Umfang des Verbrechens kennt, bei dem er mitwirkt. Jeder tut nur einen bestimmten Teil, hat aber keine Ahnung, was vorher oder nachher geschieht. Sie arbeiten wie die einzelnen Zahnräder einer Maschine, und Maddick sorgt dafür, daß sie immer in bester Ordnung ist und gut geölt wird.«

»Wieviel Leute mag er wohl in seinen Diensten haben?« fragte Sir Wynnard.

»Wir haben schon häufig Vermutungen darüber angestellt«, antwortete der Polizeidirektor. »Es müssen ein paar hundert Mann sein, vielleicht auch bedeutend mehr.«

»Und wie hat er die alle zusammengebracht?«

»Wenn wir die Frage beantworten könnten, wüßten wir schon sehr viel über Maddick. Während der letzten sechs Monate haben wir vielleicht zehn seiner Leute fassen können, aber die wissen von den Verbrechen noch weniger als wir selbst. Er muß eine ganz sonderbare Methode anwenden, um sie in seinen Dienst zu bringen, aber wir wissen noch nicht, wie er es macht.«

»Haben wir denn nicht einen Mann unter unseren Beamten, der sich unter die Bande mischen und uns die nötigen Angaben über seine Methoden machen könnte?«

»Wenn das möglich wäre, hätten wir es schon längst getan. Maddicks Leute werden aber direkt von ihm selbst gewarnt, sobald einer von unseren Beamten auch nur auf eine Meile an sie herankommt.«

»Glauben Sie, daß wir hier im Amt jemand haben, der Maddick Nachricht zukommen läßt?«

»Nein, das möchte ich eigentlich nicht sagen. Aber Maddick oder einer, der ihm nahesteht, kennt die Beamten hier so genau, daß sich keiner von uns in die Bande einschleichen kann. Ich glaube, alle, die hier sind, haben – mit Ausnahme von Ihnen – dieses Kunststück versucht, aber niemand hatte auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg. Denken Sie daran, daß der junge Caudry vor vier Wochen dasselbe unternommen hat. Seit der Zeit haben wir nichts mehr von ihm gesehen und gehört. Ich fürchte, daß er seine Kühnheit mit dem Leben bezahlt hat.«

»Darüber wollen wir später sprechen. Es ist ebensogut möglich, daß er so vernünftig ist und sich versteckt hält, bis er sein Ziel erreicht hat.«

»Aus diesem Grunde haben wir ja auch keine weiteren Nachforschungen angestellt und nicht öffentlich nach ihm gesucht. Es ist denkbar, daß Caudry im geheimen arbeitet, aber ich möchte es stark bezweifeln. Man kann Maddick nicht so leicht hinters Licht führen.«

»Haben Sie einmal versucht, einen unserer Agenten für diese Aufgabe einzusetzen?«

»Unsere gewöhnlichen Spitzel kommen dafür nicht in Frage. Maddick kennt sie ebensogut wie die Beamten hier. Wir haben es mit einigen probiert, wie Sie wohl wissen, und die Ergebnisse waren nicht besonders ermutigend. Cardby hat einen seiner besten Agenten dazu benützt, den kleinen Geldschrankknacker Tim Kennedy. Da wir ihn früher nie zu solchen Dingen verwendet hatten, glaubten wir bestimmt, daß er Erfolg haben würde, besonders da er als Spezialist für Geldschränke in der Unterwelt in hohem Ruf stand. Aber der erreichte auch nichts, und schließlich fischten wir ihn tot aus der Themse. Obendrein konnten wir den Fall nicht einmal richtig untersuchen und mußten uns ruhig verhalten.

Danach habe ich Heimie Krutz zu dem Zweck eingesetzt. Das war der Mann, der früher so viele Betrügereien ausgeführt hat. Vor zwei Wochen erhielt er von mir den Auftrag, und seit der Zeit habe ich nichts mehr von ihm erfahren. Ich nehme an, er wird der nächste sein, den wir aus der Themse ziehen. Dergleichen spricht sich herum, und jetzt werden wir vermutlich niemand mehr zu einem weiteren Versuch überreden können. Man braucht nur den Namen Maddick zu erwähnen, dann ziehen sich die Leute sofort in ihr Schneckenhaus zurück. Und uns selbst wird es niemals gelingen, hinter Maddicks Schliche zu kommen. Erst in der letzten Woche habe ich zwei seiner Leute in der Farringdon Street verhört. Mehrere Stunden lang habe ich sie ausgefragt. Alles, was jeder bei sich hatte, war eine Mitteilung. Die eine Anweisung lautete: ›Tragen Sie einen braunen Filzhut und eine braune Krawatte mit weißen Tupfen. Warten Sie morgen um drei Uhr vor dem Tivoli und zwar an der Ecke, die nach Adelphi führt.‹ Auf dem anderen Zettel stand: ›Nehmen Sie morgen um 2,45 am Victoria-Bahnhof ein Taxi. Fahren Sie damit zur Ecke von Tivoli und Adelphi. Dort nehmen Sie einen Mann mit, der einen braunen Filzhut und eine braune Krawatte mit weißen Tupfen trägt. Dann fahren Sie nach der Untergrundstation Russell Square. Dort treffen Sie einen Mann mit einer Zeitung unter dem Arm, der eine Pfeife raucht und einen leichten Regenmantel trägt. Er gibt Ihnen weitere Anweisungen.‹ Ich erkannte die beiden, als sie in dem Taxi an mir vorüberkamen, und nahm sie gleich mit.

Wir fuhren dann nach der Untergrundstation Russell Square, um den dritten Mann abzuholen. Aber meinen Sie, der hätte dort gestanden? Nein! Und glauben Sie, daß die beiden sonst noch etwas gewußt hätten? Sie hatten keine Ahnung. So ist es jedesmal gegangen, wenn wir einen von seinen Leuten erwischten. Was würden Sie denn unter solchen Umständen tun?«

Der Polizeipräsident rieb seine Wange.

»Sie müssen nicht denken, daß ich die Sache für leicht halte. Ich sage nur, wir müssen unter allen Umständen Maddick verhaften, ganz gleich, ob es noch zehn Menschenleben oder eins kostet. Ich habe Sie zusammengerufen, damit Sie mir Vorschläge machen sollen. Aber ich habe bis jetzt nur eine Menge von Entschuldigungen, Beschwerden und Behauptungen gehört, daß es unmöglich sei, diesen schlimmsten Verbrecher, der seit zehn Jahren hier aufgetaucht ist, zu fassen. Wäre es Ihrer Ansicht nach jetzt nicht endlich an der Zeit, einmal Ihre reichen Erfahrungen zu benützen und etwas Positives vorzubringen?«

»Ich bin vollkommen davon überzeugt«, entgegnete der Polizeidirektor, »daß kein Beamter von Scotland Yard etwas erreichen wird. Sie sind alle zu gut bekannt. Ebenso werden unsere Spitzel aus der Unterwelt keinen Erfolg haben. Erstens haben sie nicht den nötigen Überblick und Verstand, zweitens sind sie auch sehr bald bekannt, und dann kommt es wieder zu einem Mord.«

»Um Himmels willen«, rief der Präsident ärgerlich, »ist denn keiner unter Ihnen, der wenigstens von weitem die Möglichkeit zugibt, daß wir Maddick fangen können? Wollen wir die Kriminalabteilung von Scotland Yard schließen und unsere Aufgaben den Pfadfindern übertragen?«

»Ich stimme mit dem Direktor überein«, erklärte Cardby. »Sie werden niemals die Bande fassen, wenn Sie Beamte von Scotland Yard oder Leute aus der Verbrecherwelt benützen.«

»Es gibt also überhaupt niemand, der es fertigbringen könnte?«

»Im Gegenteil; die beiden Gruppen, die ich eben erwähnte, stellen doch höchstens ein Prozent der Bevölkerung von London dar.«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Cardby.«

»Dann will ich versuchen, mich klarer auszudrücken. Meiner Meinung nach kann Maddick nur von einem Mann gefaßt werden, der weder mit Scotland Yard noch mit der Verbrecherwelt in Verbindung steht.«

»Sollen wir einen Privatdetektiv mit der Sache beauftragen?« fragte Sir Wynnard ironisch.

»Nein. Wenn Maddick alle Beamten von Scotland Yard kennt, sind ihm sicher auch alle Privatdetektive von Bedeutung bekannt.«

»Ich habe heute morgen wirklich genug Geduld mit Ihnen gehabt, aber das ist denn doch zuviel für mich, Cardby. Was meinen Sie denn eigentlich?«

»Gut, ich werde meine Karten auf den Tisch legen. Dann können Sie ja sagen, ob mein Plan gut ist. Wir haben uns alle an dieser Aufgabe versucht und keinen Erfolg gehabt. Wir haben nicht versagt, weil Maddick zu schlau für uns ist, sondern weil er uns schon kannte, bevor wir anfingen. Ich schlage deshalb vor, mit unseren gewöhnlichen Nachforschungen fortzufahren wie bisher, ja, sie noch eifriger zu betreiben. Und während wir an der Oberfläche arbeiten, schicken wir einen Mann aus, der im geheimen wirkt und weder den Kriminalbeamten noch den Verbrechern bekannt ist.«

»Und wo wollen Sie den Mann finden, der ohne die Unterstützung von Scotland Yard, ohne das Vertrauen der Verbrecherwelt und ohne Aussicht auf materiellen Gewinn arbeiten soll?«

»Ich habe ihn schon gefunden«, erwiderte Chefinspektor Cardby.

Die vier anderen beugten sich über den Tisch vor und sahen ihn verblüfft an.

»Wer ist es denn?« fragte der Präsident.

»Mein Sohn.«

Vom Big Ben schlug es zwölf, während alle schwiegen.

»Wissen Sie auch, daß Sie durch diesen Vorschlag Ihren Sohn vielleicht in den Tod schicken?« fragte Sir Wynnard schließlich ernst.

»Ich weiß nur, daß ich meinem Jungen damit eine bessere Gelegenheit gebe vorwärtszukommen, als ich sie je im Leben hatte. Ich kenne ihn. Er wird mit beiden Händen zugreifen. Für ihn heißt es Sieg oder Untergang.«

»Einen Augenblick«, sagte der Polizeidirektor. »Ich kenne Sie nun seit zwanzig Jahren, Cardby, und ich weiß, daß Sie ein tüchtiger Beamter sind. Aber wo sind die Beweise, daß sich Ihr Sohn für eine so schwierige Aufgabe eignet?«

»Das kann ich Ihnen bald erklären.« Cardbys Ton verriet, wie stolz er auf seinen Jungen war.

»Bevor wir uns auf den Plan einlassen, möchten wir natürlich gern etwas mehr von ihm wissen«, sagte nun auch der Präsident.

»Sie sollen alles erfahren. Er ist zweiundzwanzig – noch nicht sehr alt, das stimmt. Aber er hat ein ungewöhnliches Leben hinter sich, und das macht einen großen Unterschied. Seit seiner frühen Jugend ist er gegen das Verbrechen eingenommen und hat sich stets für dessen Bekämpfung interessiert. Wenn andere Jungen Vogelnester suchten und Briefmarken oder Schmetterlinge sammelten, dann hat er mich mit Fragen bombardiert und alles gelesen, was er nur in die Finger bekommen konnte. Nach jedem schweren Fall, den ich aufklärte, habe ich mir stets die Mühe gemacht, ihm alle Einzelheiten auseinanderzusetzen, so daß er auch alles erfuhr, was die Öffentlichkeit nicht wußte. Aber abgesehen davon hat er unheimlich viel studiert und während der letzten Jahre sich mit Dingen beschäftigt, mit denen ich niemals etwas zu tun hatte – mit Fingerabdrücken, Schießlehre, gerichtlicher Medizin und so weiter. In der Beziehung ist er also gut vorgebildet.

Außerdem ist er über einen Meter achtzig groß und einer der gewandtesten Halbschwergewichtler. Hoffentlich braucht er seine anderen Fähigkeiten nicht anzuwenden, aber wenn das nötig sein sollte, kann ich nur sagen, daß er viele Stunden auf den Schießständen zugebracht hat. Von dem Schaden, den er mit dem Browning in meinem Garten angerichtet hat, will ich lieber schweigen. Sollte er einmal in Gefahr kommen und die Waffe ziehen müssen, so kann er sich verteidigen. Wollen Sie sonst noch etwas über ihn wissen?«

»Wenn er sich doch so sehr für die Arbeit der Polizei interessiert, warum ist er denn nicht längst als Beamter bei uns eingetreten?« fragte Sir Wynnard.

»Weil ich ihm gesagt habe, daß eine gute Bildung heutzutage viel mehr wert ist als zu meiner Jugendzeit. Er war auch vernünftig genug, das einzusehen. Ich habe mir seine Erziehung etwas kosten lassen, und als er nachher in Oxford studieren wollte, war ich nicht dagegen. Vor drei Wochen hat er dort seine Schlußprüfung gemacht, und er hat die Absicht, nach Ostern in den Polizeidienst einzutreten.«

»Er wird Maddicks Bande niemals einreden können, daß er aus ihren Kreisen stammt«, meinte der Polizeidirektor. »Dazu müßte er doch ihre Sprache sprechen und auch mehr von der Sache verstehen. Und Sie haben ihn doch wohl nicht zum Verbrecher erzogen, Cardby?«

»Das brauchte ich ihm nicht beizubringen, das hat er selbst gelernt. Es war immer eine seiner Lieblingsideen, daß man einen Verbrecher um so leichter fassen könnte, je mehr man sich in seine Lage versetzte. Er kann ein Auto steuern wie der beste Berufsfahrer und mit den Ganoven in ihrer eigenen Ausdrucksweise über Geldschränke, Einbrüche und so weiter reden, obwohl er selbst niemals einen Safe geknackt hat. Er kennt alle Schliche von Urkundenfälschern und hat alle Methoden der Erpresser genau studiert. Außerdem kann er sich in der Verbrechersprache unterhalten, als ob er schon selbst in Dartmoor gesessen hätte, und vor allem hat er einen klaren Kopf und läßt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen.«

»Es sieht so aus, als ob er für die Aufgabe geeignet wäre«, meinte Hall.

»Ich möchte nur eins wissen«, sagte Reeves. »Wie wollen Sie ihn in Maddicks Bande einschmuggeln? Das wird das schwerste an der ganzen Sache sein.«

»Stimmt«, antwortete Cardby. »Aber dafür hat der Junge selbst einen Vorschlag zu machen. Und der einzige, der diesen Plan zur Ausführung bringen kann, ist der Präsident.«

»Ich bin bereit, in vernünftigen Grenzen alles zu tun«, entgegnete Sir Wynnard.

»Dann will ich Ihnen den Plan auseinandersetzen. Er ist unsere einzige Rettung, wenn er Ihnen auch sehr ungewöhnlich erscheinen mag. Morgen vormittag um elf Uhr wird mein Sohn auf dem Cavendish Place umherschlendern, bis er einen Wagen findet, den er stehlen kann. Wir müssen die Sache so anfangen, daß wir ihn zu einem Verbrecher machen. Er wird dann mit dem Wagen die Harley Street entlangfahren und in den Äußeren Ring einbiegen. Inspektor Hall kann an der Ecke des Cavendish Place einen seiner Leute aufstellen, der den Vorfall beobachtet und den gestohlenen Wagen genau beschreibt. Die Nachricht muß Hall mitgeteilt werden, der einen Wagen des Überfallkommandos außerhalb von Regents Park aufstellt.

Sobald mein Junge ans Ende der Harley Street kommt, nimmt der Wagen vom Überfallkommando die Verfolgung auf. Der Fahrer darf nichts von unserem Plan wissen. Je weniger Leute in dieses Geheimnis eingeweiht werden, um so besser ist es. Es muß dann eine rasende und unerhört aufregende Jagd durch die Straßen geben. Es muß alles getan werden, um die Verfolgung so dramatisch wie möglich zu gestalten, damit die Abendzeitungen große Berichte auf der ersten Seite bringen. Es wäre gut, wenn die Jagd möglichst lange dauerte und man den Jungen erst in Camden Town erwischte. In der Gegend halten sich genug Verbrecher auf, die Maddick die Sache schon stecken werden. Vor allem muß die Verfolgung echt sein. Wenn Sie wollen, können Sie mitten auf der High Street die Sache mit einer Schlägerei beenden.

Inspektor Hall kann – ohne zu sehr auf Einzelheiten einzugehen – den Pressevertretern mitteilen, daß das Überfallkommando eine wichtige Verhaftung gemacht hat. Am nächsten Morgen wird dann mein Sohn vor dem Polizeirichter in der Marylebone-Station gebracht werden. Vorher muß sich der Polizeipräsident mit dem Richter ins Einvernehmen setzen, der natürlich in das Geheimnis eingeweiht werden muß. Sagen Sie ihm, daß er dem Antrag der Polizei, den Fall auf eine Woche zu vertagen, stattgeben soll. Inspektor Hall selbst kann als Zeuge auftreten. Seine Aussagen genügen, um meinen Sohn zu verhaften. Der wird daraufhin den Antrag stellen, gegen eine Kaution freigelassen zu werden.

Nun kommt der wichtigste Augenblick. Hall muß Widerspruch einlegen und den Jungen als einen der tollkühnsten Autodiebe und rücksichtslosesten Fahrer hinstellen, die der Polizei bekannt sind. Er kann die Sache ja auch auf seine eigene Weise noch ausschmücken und erwähnen, daß das Überfallkommando schon verschiedene Male hinter dem Jungen herjagte, ihn aber nicht fassen konnte. Darauf wird mein Sohn auf sieben Tage in Untersuchungshaft nach Brixton geschickt.

Der schwierigste Teil wird sein, ihn von dort unauffällig entwischen zu lassen. Erst vor kurzem ist ein Gefangener von dort während der Besuchsstunden entflohen. Es muß alles so eingerichtet werden, daß es ihm leicht gemacht wird, dasselbe zu tun. Nachdem er aus dem Gefängnis entwichen ist, kann er sich in Walworth, Camden Town, Islington, Clapham, Lambeth oder Euston verstecken, und wir können es dann ja Maddick überlassen, ihn zu finden. Meiner Meinung nach wird der sich sehr schnell mit ihm in Verbindung setzen. Wenn das geschehen ist, hängt alles weitere von meinem Sohn ab. Er wird hierher nichts berichten, bis er glaubt, daß die Zeit zum Zugriff gekommen ist. In der Zwischenzeit, solange er Erkundungen einzieht, muß er wahrscheinlich bei einigen Verbrechen mitwirken. Das ist leider nicht zu umgehen, denn man wird ihm erst trauen, wenn er ein paar Aufträge erfolgreich durchgeführt hat. Wie denken Sie nun darüber? Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?«

»Ich glaube, Ihr Sohn nimmt eine furchtbare Gefahr auf sich«, erwiderte Sir Wynnard. »Sonst scheint mir der Plan nicht schlecht zu sein.«

»Der Junge kann für sich selbst sorgen.«

»Wenn er nun aber gleich bei der ersten Sache, die er für Maddick ausführt, von der Polizei geschnappt wird? Das würde doch den ganzen Plan vereiteln.«

»Er hat mich davon überzeugt, daß seine Annahme richtig ist. Er sagt, ein guter Detektiv müßte auch einen guten Verbrecher abgeben können.«

»Sie wollen ihn also tatsächlich sein Glück versuchen lassen?«

»Ja. Er wird schon zeigen, was er kann.«

»Aber es wird eine Auseinandersetzung mit dem Eigentümer des gestohlenen Wagens geben. Wie wollen wir das ordnen?«

»Der Wagen wird nicht zu Schaden kommen und kann dem Besitzer eine halbe Stunde später wieder zur Verfügung gestellt werden, so daß er sich eigentlich noch beim Überfallkommando zu bedanken hat.«

»Sie scheinen den Plan ja schon in allen Einzelheiten durchdacht zu haben, Cardby.«

»Ich nicht – mein Junge hat es getan. Er ist auch davon überzeugt, und das ist für mich die Hauptsache.«

»Wenn ich recht verstehe, will er nach dieser Begegnung mit den Verbrechern in den Polizeidienst eintreten?«

»Ja. Er möchte durch diese Sache vor allem möglichst schnell in die Kriminalabteilung von Scotland Yard versetzt werden. Einen Bezirk abzupatrouillieren, ist nicht nach seinem Geschmack.«

»Noch eins ist zu erwähnen«, sagte Hall. »Wir sollen die Verfolgung möglichst auffällig machen. Wenn ich aber selbst daran teilnehme, ist natürlich Murphy mein Fahrer, und in dem Fall wird die Geschichte sehr schnell zu Ende gehen. Es gibt niemand in London, den er nicht einholen könnte. Das wissen Sie doch selbst sehr gut.«

»Ich wette, daß mein Junge morgen doch schneller ist. Sie werden auch zeigen müssen, was Sie können. Machen Sie sich deshalb nur keine Sorgen.«

»Also, dann wollen wir den Plan annehmen. Ich wünsche Ihrem Jungen alles Glück!« sagte der Präsident.


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