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V.
Ein Angebot

Zwei Tage später trat der Polizeidirektor lächelnd in das Büro des Chefinspektors Cardby.

»Nun ist es geschehen«, sagte er und setzte sich auf die Ecke des Schreibtisches.

»Was denn?«

»Der Direktor des Brixton-Gefängnisses hat mich eben angerufen. Peter Borden ist entflohen! Das muß ein sehr gerissener junger Mann sein, Cardby. Sind Sie ihm zufällig schon einmal begegnet?«

»Ich kann mich auf den Namen durchaus nicht besinnen, aber mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut wie früher. Wie ist die Sache denn gedreht worden?«

»Genau so, wie er selbst es vorgeschlagen hat. Er ist mit dem Ausweis eines anderen während der Besuchszeit durch die Kontrolle gekommen. Selbstverständlich ist ihm die Sache nicht allzu schwer gemacht worden. Es war außerdem ein glücklicher Zufall für ihn, daß etwa zweihundert Meter von dem Gefängnis entfernt ein Wagen parkte. Im Augenblick muß er schon ziemlich weit von Brixton entfernt sein.«

»Man hätte dort besser auf ihn aufpassen sollen. Aber was machen wir nun?«

»Ich gehe jetzt hinunter zu den Pressevertretern. Nur selten haben sie das zweifelhafte Vergnügen, mich zu sehen, aber ich möchte es so einrichten, daß diese Sache wieder in großer Aufmachung auf der ersten Seite der Zeitungen erscheint. Deshalb will ich ihnen die Geschichte selbst erzählen. Aber die Beschreibung, die sie bekommen, wird gerade nicht genau den Tatsachen entsprechen. Wir müssen dem jungen Mann doch auch ein wenig beistehen.«

»Ich hoffe nur, daß er nicht von irgendeinem Polizisten erkannt und verhaftet wird, bevor er seinen Plan ausführen kann. Sollte das geschehen, dann war alles umsonst. Ein zweites Mal können wir ihn doch nicht aus dem Gefängnis entwischen lassen.«

»Mit der Gefahr müssen wir allerdings rechnen. Sie haben ihm doch hoffentlich gesagt, daß er sich ruhig einer Verhaftung widersetzen kann, wenn er keinen schweren Schaden anrichtet?«

»Ja. Wenn ein einzelner Polizist ihn festnehmen will, soll er ihm getrost einen Kinnhaken versetzen und machen, daß er davonkommt. Ich habe ihm gesagt, daß wir dagegen nichts einzuwenden haben.«

»Gut. Der Polizist hat dann eben Pech. Um solche Kleinigkeiten können wir uns in den nächsten Tagen nicht kümmern.«

*

Mick Cardby atmete freier, als er um die Ecke des Gefängnisses bog und die Hauptstraße entlangschritt, und seine Augen leuchteten auf, als er nicht weit entfernt einen Wagen an der Bordschwelle sah. Das Auto schien nicht zufällig dort zu stehen. Micks Meinung darüber wurde noch bestärkt, als er entdeckte, daß im Umkreis von fünfzig Metern niemand sich aufhielt, der Motor des Wagens aber lief. Vier Minuten später bog er bei Kennington Horns nach links ein und fuhr die Westminster Bridge Road entlang. Kurze Zeit darauf steuerte er den Wagen rechts nach Lambeth Lower Marsh. An der Ecke der Straße verließ er ihn und ging zu Fuß nach der Waterloo Road. Von der Frazier Street kam er zur Oakley Street und schließlich erreichte er die Tanswell Street. Dort klopfte er an die Haustür von Nr. 78a.

Eine nachlässig gekleidete Frau mit unordentlichen Haaren und schmutzigem Rock öffnete ihm.

»Hallo, Mr. Wall, Sie kommen ja bald zurück.«

»Ja, einen Tag eher, als ich annahm, Mrs. Chapman.« Er trat ein. »Hat jemand nach mir gefragt, oder ist Post für mich angekommen?«

»Nein, nichts. Es hat auch niemand nach Ihnen gefragt.« Die Frau ging über den linoleumbedeckten Flur zur hinteren Küche, während Mick die Treppe zum Obergeschoß hinaufstieg. Dort öffnete er die Tür am Ende des Ganges und trat in sein Schlafzimmer, das verhältnismäßig ärmlich eingerichtet war. Ein paar billige Gardinen hingen an den schlechtgeputzten Fenstern, in einer Ecke stand eine eiserne Bettstelle, die mit einer roten Spreite bedeckt war, in einer anderen ein billiger Waschständer mit einem gesprungenen Becken und einem Krug, an dem der Henkel fehlte.

Vor zehn Tagen hatte Mick im voraus die bescheidene Miete von zwölf Schilling bezahlt, und er hatte sein Zimmer erst eine halbe Stunde vor seinem Erscheinen am Cavendish Place verlassen.

Schnell zog er den dunkelgrauen Anzug aus und brachte ihn mit Hut, Schuhen, Kragen, Oberhemd, Krawatte, Socken und der goldenen Armbanduhr im Schrank unter. Als er kurz darauf wieder unten im Flur erschien, trug er einen dunkelblauen, auf Taille gearbeiteten Anzug mit weiter Hose. Kragen und Oberhemd waren aus blau- und schwarzgestreiftem Stoff; in der gestrickten Krawatte steckte eine falsche Perlennadel, die Halbschuhe waren übertrieben spitz, und die Socken zeigten ein auffallendes Muster in Schwarz und Silbergrau. Von einer Westentasche zur anderen lief eine dünne Kette. Daran war an einer Seite eine flache Uhr, an der anderen ein Medaillon befestigt. In der Tasche trug er verschiedene Briefe, die sämtlich an Mr. Stan Wall, Tanswell Street Nr. 78a, Waterloo S. E., gerichtet waren. Sie wiesen ungleichartige Handschriften auf, obwohl Mick sie selbst geschrieben hatte. Er wollte in der Beziehung kein Risiko eingehen.

Rasch klopfte er an die Küchentür.

»Wenn jemand nach mir fragen sollte, können Sie sagen, daß ich in einer Stunde zurück bin. Ich muß einen Mann wegen eines Hundes aufsuchen.« Er zwinkerte der Frau zu, und sie lächelte. Sie hatte früher schon ähnliche Mieter gehabt, und als er zwei Tage fortblieb, vermutete sie, daß die Polizei ihn verhaftet hatte. Aber die Zeiten waren schwer, und sie konnte die Leute nicht auswählen.

»Schon gut«, sagte sie.

Mick kannte die Umgebung bereits genau. Nicht umsonst hatte er schon sieben Tage bei Mrs. Chapman gewohnt. Er hatte die Zeit ausgenützt und ging nun die Straße entlang, bis er zu einem Wirtshaus in einer engen Seitengasse kam.

»Guten Morgen«, sagte der schiefäugige Gastwirt, als Mick durch die Schwingtür in die Gaststube trat. Drei Männer und zwei Frauen standen am Schanktisch und stützten die Ellbogen auf die polierte Mahagoniplatte. Eine der beiden herausfordernd gekleideten Frauen und zwei der Männer nickten Mick zu, die beiden anderen starrten ihn argwöhnisch an.

Mick kannte drei von ihnen. Er hatte ihre Bilder im Verbrecheralbum in Scotland Yard gesehen. Der kleine Mann in dem auffallenden braunen Anzug war Ed Connors, eben von Dartmoor zurückgekommen, wo er eine Strafe abgesessen hatte. Bevor er zu nervös geworden war, hatte es in der Hauptstadt nur wenige Verbrecher gegeben, die einen Geldschrank besser knacken konnten als er. Jetzt stand er höchstens noch an der Ecke Schmiere und mußte sich mit ein paar Pfund begnügen, während ein anderer im Innern das Schloß aufbrach.

Neben ihm stand Taxi Long, der ein einträgliches Geschäft betrieben hatte, bis ihm die Polizei auf die Sprünge kam. Er fuhr in einem leeren Taxi auf der Straße auf und ab, wenn es sich um einen Schaufenstereinbruch handelte. Die Banditen warfen dann ihre Beute durch das offene Fenster seines Wagens. Aber damit war es jetzt aus, und Taxi Long arbeitete nun als Fahrer mit einer Bande zusammen, die Schaufenstereinbrüche ausführte.

Die Frau neben ihm hatte sich stark geschminkt und ihre Lippen knallrot gefärbt. Ihr Alter konnte man schwer feststellen. Sie mochte zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig sein, trug einen billigen Pelzmantel und hatte schiefgetretene Absätze. An der Hand, mit der sie das Bierglas hielt, funkelten zwei Ringe, aber die Steine waren zu groß, um echt zu sein.

Es war »Miß Ellen«. Sie hatte Urlaub – daher die Aufmachung und der Versuch, elegant zu erscheinen. Wenn sie arbeitete, nahm sie Stellung als Stubenmädchen in besseren Häusern an und kundschaftete für ihre Freunde die Lage aus. Verschwand sie von einem Platz, so ereignete sich gewöhnlich kurz darauf dort ein Einbruch.

Den anderen Mann und die zweite Frau kannte Mick nicht.

»Geben Sie mir einen Bittern«, sagte Cardby und wandte sich an Connors. »Trinken Sie einen mit?«

»Hab nichts dagegen«, antwortete der Mann ohne Begeisterung.

»Und Ihre Freunde?«

»Die müssen Sie schon selbst fragen.«

»Wenn Sie nicht reden können, sage ich auch nichts.« Mick holte aus einer inneren Tasche eine Pfundnote hervor und legte sie auf den Schanktisch. Die anderen Gäste leerten ihre Gläser und schoben sie über die Platte.

»Fortgewesen?« fragte der Wirt.

Mick sah sofort, daß diese Leute ihn nicht bereitwillig als einen der ihren annahmen, sonst wäre eine solche Frage nie gestellt worden. Keine Regel wird in Verbrecherkreisen strenger eingehalten als diese: Wenn ich dir etwas sagen will, tue ich es; wenn ich dir nichts sage, dann halte den Mund.

»Neugierig?« erwiderte Mick gleichgültig, als er das Glas vom Tisch nahm.

»Nein. Ich dachte nur, Sie wären in den letzten paar Tagen nicht hier gewesen.«

»Hat jemand nach mir gefragt?«

»Nein. Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Ich habe mich für eine Weile zurückgezogen. Also, gut Glück, Leute«, sagte er und hob das Glas.

»Bleiben Sie länger hier?« erkundigte sich Connors.

»Nun hört einmal zu, Leute. Ich bin hier, um in aller Ruhe ein Glas zu trinken, und nicht, um blöde Fragen zu hören. Wenn ihr mir also einen Gefallen tun wollt, dann trinkt ihr euer Glas in Ruhe und haltet den Schnabel. Wenn ihr es mit mir verderben wollt, braucht ihr nur noch weiter zu quasseln.«

»Nichts für ungut«, sagte Connors.

»Aus dem Brixton-Gefängnis ist einer ausgebrochen«, sagte Taxi Long aufs Geratewohl.

»Ach?« erwiderte der Wirt wie beiläufig. »Jemand aus unserer Gegend?«

»Der Peter Borden, der das Auto am Cavendish Place geklaut hat und später in Regents Park erwischt worden ist.«

»Das muß ein Hauptkerl sein, der seinen Kram versteht«, meinte Connors. »Kennt ihn einer von euch?«

Mick hatte sich mit dem Rücken an den Schanktisch gelehnt und sah auf ein Plakat an der gegenüberliegenden Wand. Hätten sich die Leute ganz offen miteinander unterhalten, so hätten sie es ihm nicht deutlicher sagen können. Einer von ihnen hatte ihn jedenfalls erkannt!

Plötzlich kam ihm eine Erinnerung. Er sah wieder den Gang im Polizeigericht vor sich und die Prozession der Frauen, die in den Saal gingen und wieder herauskamen. Und nun wußte er es genau: die Frau an seiner Seite, die er nicht erkannt hatte, war eine der Gefangenen gewesen.

Alle betrachteten ihn neugierig. Der Wirt wusch die Gläser hinter dem Tisch aus, schielte aber zu Mick hin, der sich gähnend umwandte und einen kräftigen Schluck aus seinem Glase nahm. Dabei bemerkte er, daß die Frau zu seiner Linken ihn anschaute. Er drehte den Kopf und lächelte sie an.

»Ich habe versucht, mich auf Sie zu besinnen, Schwester. Ich kenne Sie – aber wo haben wir uns nur getroffen?«

Sie stellte ihr Glas auf einen Seitentisch und wandte sich ihm zu. Ihre Augen waren geschwollen, und ihre Gesichtsfarbe war bleich und ungesund.

»Sie scheinen ein recht schlechtes Gedächtnis zu haben.«

»Manchmal ist es ganz gut, mein Schatz.« Mick dachte nach, während er das sagte. Wie sollte er sich verhalten. Er befand sich in einer schwierigen Lage. »Vielleicht gibt es Dinge, an die man sich lieber nicht erinnern möchte, liebes Kind?«

»Ja, genug. Gewöhnlich kann ich auch meinen Mund halten. Damit kommt man am besten durch. Aber es ist nicht gerade sehr lange her, seit wir uns getroffen haben.«

»Jahre sind jedenfalls inzwischen nicht vergangen. Ich kann mich nicht auf Ihren Namen besinnen. Ich heiße Stan Wall.«

»Und ich Greta Garbo«, erwiderte sie mit besonderer Betonung.

»Dann ist es ja gut, Miß Garbo. Nun kennen wir einander.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß ich Sie so bald wiedersehen würde.«

»Warum denn nicht? Man kann niemals voraussagen, was in dieser Welt passieren wird.«

»Mag sein. Sie sind heute morgen wohl besonders aufgekratzt und vergnügt?«

»Ich fühle mich so stark wie zehn Männer, mein Schatz.«

»Hoffentlich haben Sie weiterhin Glück.«

»Danke. Ich hoffe, wir treffen uns in den nächsten zwanzig Jahren nicht wieder an dem Platz, wo wir uns neulich gesehen haben.«

Die Männer rührten sich nicht. Durch die Unterhaltung hatten sie alles erfahren, als ob sie es in einem Buch gelesen hätten.

»Trinken Sie ein Glas mit mir«, sagte Connors. »Jedenfalls wünsche ich Ihnen auch Glück für die Zukunft.«

Weiter wurde nichts gesagt, bis die Gläser gefüllt waren. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Mick grinste die anderen an.

»Alles Gute!« sagte er. Er war nicht daran gewöhnt, viel zu trinken, deshalb hatte er vorsichtigerweise einen Eßlöffel Öl aus einer Sardinenbüchse geschluckt, bevor er sein Schlafzimmer verließ. Das hatte er von seinem Vater gelernt.

»Arbeiten Sie?« fragte Connors.

»So bald schon wieder? Man muß sich doch aber auch ein klein wenig ausruhen!«

Sie lachten. Auch der Wirt stimmte ein.

»Nach allem, was ich von Ihnen gehört habe«, fuhr Connors fort, »habe ich Sie für einen von denen gehalten, die überhaupt keine Pause machen und ein Ding nach dem anderen drehen.«

Mick schob den Hut in den Nacken und lächelte dem anderen zu.

»Nun, was ist denn besser, Connors – ein Jahr lang fünf Pfund die Woche zu verdienen, oder zweihundertfünfzig Pfund an einem Tage in die Tasche zu stecken?«

»Das gibts hier nicht mehr, Wall. Die Zeit, als man noch großes Geld machen konnte, ist längst vorbei. Wenn man jetzt bei einer Sache dreißig bis vierzig verdient, kann man von Glück sagen.«

Cardby seufzte und langte wieder nach seinem Glas.

»Das hängt ganz davon ab«, entgegnete er langsam, »ob man weiß, was man tut. Ich kannte einmal einen Mann – den Namen brauchen wir ja nicht zu nennen – der verstand sein Spezialfach ausgezeichnet, aber zu etwas Größerem langte es nicht. Schließlich wollte er zu hoch hinaus, er gab die Sache auf, die er so gut verstand, fing etwas anderes an und sitzt nun schon ein paar Jahre im Zuchthaus. Und wenn er herauskommt, weiß er auch nichts rechtes anzufangen. Haben Sie Erfolg mit Ihren dreißig Pfund, so bleiben Sie dabei und schauen Sie nicht nach den Wolken hinauf, bis jemand Sie auffordert und sagt: ›Kommen Sie mit.‹ Es könnte sonst passieren, daß jemand zu Ihnen sagt: ›Kommen Sie mit zur nächsten Polizeistation.‹ Auf die Weise geht es bei den meisten schief.«

»Nehmen wir einmal den Fall, daß einer sich darauf eingearbeitet hat, Wagen zu klauen«, erwiderte Connors. »Was hat der von so einem Geschäft, wenn er sie an den Mann gebracht hat?«

»Wenn einer Wagen klaut, um sie zu verkitschen, gehört er ins Irrenhaus. Das ist der größte Dummkopf, den es je gegeben hat. Der müßte ins Zuchthaus gesteckt werden und obendrein die neunschwänzige Katze dafür bekommen, daß er das versucht.«

»Aber ich kenne Leute, die so was machen«, sagte Long und sah Cardby hart an.

»Dann kennen Sie einen, der ein paar Schilling damit verdient und nächstens von der Polizei eingelocht wird.«

Plötzlich wurde es still in der Schankstube. Mick wartete darauf, daß einer etwas sagen sollte. Er wußte, was die Leute dachten.

»Also, hören Sie einmal zu, Borden.« Connors war der erste, der wieder sprach.

Mick beugte sich vor, packte ihn am Rock und schüttelte ihn, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt.

»Lassen Sie den Blödsinn«, sagte er und beugte sich so weit vor, daß sein Gesicht nur noch eine Handbreit von dem des anderen entfernt war. »Ich habe schon Leute genug an die Wand geklebt, wenn sie unnötigerweise das Maul aufgerissen haben. Gehen Sie Ihrer Wege und lassen Sie mich in Frieden. Ich sorge schon für mich. Wenn Sie das nächste Mal so was machen, haue ich zuerst zu und warne Sie hinterher. Und wenn einer von Ihren Freunden« – er sah sich im Kreise um – »ähnliche Gedanken haben sollte, dann gebe ich ihm nur den guten Rat, sie zu vergessen. Ich bin ein guter Freund, aber ich wünsche keinem, daß er es erlebt, wenn mir die Wut in den Bauch fährt. Wir wollen noch ein Glas zusammen trinken, Connors, dann können Sie machen, daß Sie fortkommen. Leute wie Sie sind ja schlimmer als Polizeispitzel. Die werden dafür bezahlt, daß sie etwas sagen. Aber Sie schwatzen, weil die Zunge mit Ihnen durchgeht. Also, auf gute Gesundheit und ein weniger gutes Gedächtnis!«

Schweigend tranken sie. »Miß Ellen« leerte ihr Glas rasch und verließ den Schankraum. Die andere Frau folgte ihr. Mick sah ihnen interessiert nach, als sie so plötzlich verschwanden.

»Wahrscheinlich haben die Mädels gedacht, es kommt zu einer Schlägerei«, bemerkte er gleichgültig.

»Sieht so aus«, meinte Long. »Trinken Sie noch ein Glas mit mir, bevor Sie gehen.«

»Gut. Ich hoffe, daß Sie vernünftig aufnehmen, was ich Ihnen gesagt habe. Wenn einer von Ihnen mich verpfeifen sollte, kann er was erleben, selbst wenn ich ein paar Jahre in Dartmoor warten muß, bis ich ihn mir kaufen kann.«

»Hier wird keiner verpfiffen«, erklärte der Wirt.

»Wenn wir das tun, drehen wir uns doch selbst das Genick um«, sagte Ed.

»Wenn wir uns nicht gegenseitig trauen, können wir ja überhaupt nicht leben«, fügte Taxi Long hinzu.

»Also nun haltet einmal den Mund«, sagte der dritte, der zum erstenmal sprach, seitdem Mick hereingekommen war. »Ihr blökt hier alle herum wie eine Herde Schafe. Wall hat ganz recht, Connors. Wenn Sie immer soviel schwatzen, geraten Sie in kurzer Zeit in böse Schwierigkeiten. Es wäre besser, wenn Sie sich die Klappe zunähten. Ich heiße Delaney, Wall, und bin bekannt unter dem Namen ›Alibi‹. Das kann ich Ihnen jetzt ja ruhig sagen.«

»Gott sei Dank, daß ich jemand gefunden habe, der wenigstens Verstand hat. Wenn Sie das nächstemal mit den beiden zusammenkommen, Alibi, dann sagen Sie ihnen mal, was mit unnützen Jungens geschieht, die aus der Schule plaudern. Also, bis später. Auf Wiedersehen.«

Delaney öffnete die Schwingtür für ihn, und Mick fühlte, daß er ihm einen Zettel in die Hand steckte. Langsam ging er zur Tanswell Street hinunter. Als er um die erste Ecke bog, verschwand »Miß Ellen« in einer Nebenstraße, aber er hatte sie doch noch bemerkt.

In seinem Zimmer faltete er das schmutzige Blatt auseinander und las die kurze Nachricht: »Besuche Sie heute abend um sieben.«


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