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XXI.
Die Ereignisse überstürzen sich.

Die beiden gingen nebeneinander die Halle entlang. Delaney beobachtete Mick argwöhnisch von der Seite. Bis sie die Küche erreichten, sprachen sie nicht miteinander. Dort nahm Delaney die Taschenlampe von dem Wandbrett.

»Sie gehen voraus«, sagte er. »Es behagt mir nicht, daß Sie hinter mir sind. Also los, ich leuchte Ihnen.«

»Werden Sie nervös?«

»Nein, aber ich habe gehört, was Maddick über Sie sagte. Sie hintergehen uns vielleicht, aber ich werde auf der Hut sein. Mir soll es jedenfalls nicht passieren. Ich kann Ihnen nur eins sagen, Sie tüchtiger Junge: Wenn Sie heute abend niedergeknallt werden, soll es mir ein besonderes Vergnügen sein, das zu tun.«

»Na, dann freuen Sie sich nur einstweilen ordentlich darauf. Aber jetzt leuchten Sie erst mal vernünftig, ich will mir nicht das Genick brechen, wenn ich hinuntersteige.«

Mick versuchte sich daran zu erinnern, ob er die Tür hinter Caudry zugeschlossen hatte, konnte sich aber nicht darauf besinnen. Delaney bedrohte ihn von hinten mit dem Revolver. Er hatte die Waffe aus der Tasche genommen, als sie in die Küche traten. Aber auch er hatte den Finger am Abzug.

Als er unten angekommen war, wartete er auf Alibi, dann gingen sie wieder nebeneinander den Gang entlang.

»Wir wollen den Kerl zuerst erledigen«, sagte Delaney.

»Ist mir recht.« Mick atmete erleichtert auf. Wenn Mavis Gribble zuerst darangekommen wäre, hätte sich bald gezeigt, daß sie den Schlüssel zu ihrem Raum hatte.

Mick wurde wieder mutiger, als er sah, daß die Tür zu dem anderen Kellerraum verschlossen war. Delaney deutete auf den Schlüssel.

»Schließen Sie auf«, befahl er, »und zwar mit der rechten Hand.«

»Das werde ich nicht tun. Warum Sie immer die Waffe auf mich gerichtet halten, weiß ich nicht, aber wenn Sie glauben, daß ich selbst die Hand von der Pistole nehme, solange Sie mich bedrohen, können Sie lange warten! Ich schließe mit der Linken auf oder überhaupt nicht!«

Delaney warf einen Blick auf Micks Rock und sah die Ausbuchtung, die der Mündung der Pistole entsprach. Nachdem Cardby aufgeschlossen hatte, schob er die Tür mit dem Fuß auf.

»Wir wollen jetzt hineingehen – Sie zuerst, denn Sie haben das Licht. Ich folge Ihnen.«

Wieder warf Delaney Mick einen mißtrauischen Blick zu, trat dann aber in den Keller.

Er leuchtete den Raum ab und drehte sich im nächsten Augenblick schnell um.

»Zum Donnerwetter, was –« begann er, aber er vollendete den Satz nicht, denn Cardby traf ihn mit einem wohlgezielten Faustschlag unter das Kinn. Er ließ Taschenlampe und Revolver fallen, stürzte nieder, schlug mit dem Kopf gegen die Wand und verlor die Besinnung.

Mick ließ sich auf Hände und Knie nieder und suchte den Boden nach der Lampe ab, die verlöscht war. Er hatte Glück, daß er sie sofort fand, und daß sie nicht beschädigt war. Er knipste sie wieder an und sah Alibi an. Der konnte nicht so bald wieder zum Bewußtsein kommen.

Mick warf einen Blick auf seine Uhr. Viertel vor acht. Dann entdeckte er Delaneys Revolver auf dem Boden, bückte sich und feuerte einen Schuß ab. In dem engen Raum klang die Detonation furchtbar laut, denn der Schall stieß sich an den Wänden. Beißender Korditgeruch füllte die Luft. Mick trat aus dem Keller und schloß die Tür hinter sich zu. Dann zog er seine eigene Pistole aus der Tasche und ging zur Treppe. In jeder Hand hielt er eine Waffe.

Wenn es ihm doch nur gelingen würde, Maddick und die anderen noch eine Viertelstunde lang im Hause aufzuhalten!

Er hörte eilige Schritte oben an der Treppe.

»Maddick möchte wissen, was zum Donnerwetter ihr da unten treibt!« rief Clancy. »Er will nicht den ganzen Abend auf euch warten. Macht, daß ihr fertig werdet, und kommt nach oben.«

»Die Schuld hat der verdammte Delaney!« erwiderte Mick. »Ich kann nichts mit ihm anfangen. Er schwätzt mit dem Mädel, prahlt vor ihr und tut sich wichtig.«

»Na, dem verfluchten Kerl werde ich helfen!«

Mick hörte, daß Clancy herunterkam, und drückte sich seitlich an die Wand. Mit festem Griff umklammerte er den Lauf des Revolvers. Clancy wollte den Gang entlangeilen, aber er kam nicht weit.

Mick hob den Arm und schlug dem Mann mit dem Revolvergriff auf den Hinterkopf. Clancy drehte sich wie ein Kreisel, warf die Arme in die Luft und fiel dann mit dem Gesicht nach unten auf den Steinboden.

Ohne zu zögern, steckte Cardby die beiden Pistolen in die Tasche, packte Clancy an den Schultern und schleifte ihn den Gang entlang. Dann schloß er den Kellerraum auf, in dem schon Alibi lag, und warf Clancy hinein.

Nachdem er die Tür wieder gesichert hatte und zur Treppe zurückgekehrt war, feuerte er einen zweiten Schuß ab und wartete gespannt. Nach kurzer Zeit hörte er oben wieder Schritte.

»Seid ihr da unten denn alle verrückt geworden?« rief Kane. »Zum Teufel, was treibt ihr denn? Wenn ihr nicht bald heraufkommt, kümmert Maddick sich nicht mehr um euch und läßt euch ruhig unten. Eilt euch, er will fortgehen.«

»Delaney ist vollständig verrückt geworden«, sagte Mick. »Er hat Streit mit mir angefangen, dann kam Clancy herunter, um mir zu helfen, aber Delaney jagte ihm eine Kugel in die Rippen. Ich kann ihn nicht aus dem Kellerraum des Mädchens herausbringen. Es ist schrecklich, Tommy. Kommen Sie doch herunter, dann wollen wir sehen, ob wir mit ihm fertig werden.«

Arglos ging Kane in die Falle, und kurz darauf lag auch er auf dem Steinboden neben Clancy und Delaney. Diesmal nahm Mick ihnen auch die Schußwaffen ab. Nun hatte er in jeder Hand eine Pistole, außerdem noch zwei in den Seitentaschen. Sicherlich würde Maddick nicht länger warten. Der Mann mußte doch inzwischen auch argwöhnisch geworden sein und etwas gemerkt haben. Er war viel zu gerissen, um ebenso in die Falle zu gehen wie Clancy und Kane. Wo mochte Caudry sein? Was tat er? Davon hing viel ab.

Mick drehte die Taschenlampe aus und steckte sie in die Hosentasche. Er wollte nicht im Dunkeln umherwandern, aber er hatte wenigstens die Genugtuung, daß die anderen ihn ebensowenig sehen konnten wie er sie. Geräuschlos stieg er die Treppe hinauf.

Ein paar Sekunden später stand er vor der Küchentür und überlegte, nach welcher Seite er sich wenden sollte. Wenn Maddick durch die vordere Tür entwich, würde er Caudry in die Arme laufen. Mick hielt es für das beste, im Hause zu bleiben und den hinteren Ausgang zu bewachen. Jeden Augenblick erwartete er Mariels Stimme oder befehlende Worte von Maddick zu hören. Die Haustür würde vielleicht aufgehen und Clason und Collier mit der Waffe in der Hand ins Haus eindringen.

Aber Mick grinste trotzdem. Er hatte allen Grund, im Moment zufrieden zu sein. Mavis Gribble war in Sicherheit, Caudry frei, und er hatte Maddick in nächster Nähe. Durch sein unerwartetes schnelles Handeln hatte er die Sache zur Entscheidung gebracht. Aber noch war es nicht vorüber – noch lange nicht.

Er hörte, daß die Tür links in der Halle geöffnet wurde. Das mußte Mariel sein. Mit leisen Schritten näherte sich jemand. Sofort zog Mick sich in die Küche zurück und versteckte sich hinter der Tür. Mariel kam dicht an ihm vorbei. Er hielt den Atem an. Was würde sie tun?

Er nahm ihr Parfüm wahr und hörte das Rascheln ihrer Kleider. Sie ging quer durch die Küche und öffnete die Tür nach dem Keller. Dort blieb sie schweigend stehen. Kein Laut kam von unten herauf.

Undeutlich konnte Cardby ihre Gestalt erkennen. Schwaches Licht drang durch die schmutzigen Scheiben des Küchenfensters. Eine so günstige Gelegenheit würde sich ihm wahrscheinlich nicht wieder bieten. Schnell ließ er die Waffe in die Tasche gleiten und nahm ein großes seidenes Taschentuch aus seiner Brusttasche. Auf Zehenspitzen schlich er vor. Als er nur noch einen Schritt von ihr entfernt war, drehte sie sich plötzlich um – aber es war zu spät. Mick drückte ihr das Taschentuch über den Mund. Mit dem anderen Arm packte er sie um die Hüften und hob sie vom Boden auf. Sie trat nach ihm und suchte sich freizumachen, als er mit ihr die Treppe hinunterstieg. Zweimal hätte sie sich beinahe losgerissen, aber Mick hielt sie nur umso fester. Sollte er ihr mit dem Pistolengriff einen Schlag hinter das Ohr versetzen? Das würde ihm im Augenblick eine große Hilfe sein, aber er scheute davor zurück, es zu tun.

Er trug sie nach dem hinteren Kellerraum, als er plötzlich einen Laut hörte, der ihn sofort zum Stehen brachte. Er wußte, ohne zu überlegen, was das bedeutete, und sein Mut sank. Schnell ließ er Mariel los, aber bevor er sich umdrehen konnte, packte sie ihn von hinten, und er fühlte einen heftigen Schmerz als sie ihm die Fingernägel in den Hals grub und nach seiner Kehle faßte.

Wie der Blitz wandte er sich um und schleuderte sie in eine Ecke. Nun hatte er für Rücksichten keine Zeit mehr. Er trat auf sie zu und schlug ihr mit dem Revolver über den Kopf.

Als sie bewußtlos niedersank, sprang er die Treppe hinauf, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Aber als er die Tür erreichte, bestätigten sich seine schlimmsten Befürchtungen: Maddick hatte Geräusche gehört, war aus dem Vorderzimmer in die Küche geeilt und hatte dort die Kellertür von außen zugeschlossen!

Cardby legte die beiden Schußwaffen auf die oberen Stufen und prüfte die beiden anderen. Er wählte das schwerste Kaliber aus. Ohne die Taschenlampe anzudrehen, betastete er die Tür, bis er das Schloß fand. Dann legte er den Lauf seiner Pistole zwischen zwei Finger und feuerte in das Schloß hinein. Es gab einen furchtbaren Knall, als das Geschoß durch Holz und Stahl drang. Das Schloß war aufgebrochen. Nun blieben nur noch die Riegel. Zwei Schüsse genügten für den oberen Bolzen, drei für den unteren.

Mick stürzte in den Gang. Die Vordertür stand weit offen. Mit großen Sätzen sprang er hinaus. Er erwartete, daß der Wagen – und Maddick verschwunden waren.

Aber das Auto stand noch vor der Tür. Am Steuer saß Clason und hielt die Hände über den Kopf. Neben ihm sah Mick den früheren Inspektor Collier, und auf einem hinteren Sitz Andy, dessen Gesicht sich vor Wut verzerrt hatte. Caudry hatte einen Fuß auf das Trittbrett des Wagens gestellt und hielt die drei mit seiner gezogenen Pistole in Schach. Mick war erstaunt, wie ruhig der Mann die Waffe hielt.

»Er ist durch die Hintertür entwicht, Cardby«, sagte Caudry, ohne den Kopf umzudrehen. »Höchstens hundert Meter Vorsprung kann er haben – laufen Sie!«

Mick wartete nicht länger. Mit langen Sprüngen eilte er durch die Halle. Die Tür nach dem hinteren Hof stand weit offen. Er sprang mit einem Satz die Stufen hinunter und schlitterte ein paar Meter über die Steine, bevor er das Gleichgewicht wiederfand. Eine der beiden Pistolen steckte er in die Tasche. Er konnte besser laufen, wenn er eine Hand frei hatte.

Er wußte, daß er sich großer Gefahr aussetzte, denn er war deutlich zu sehen und bot ein gutes Ziel.


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