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XI.
Es ereignet sich noch mehr

Verblüfft starrten alle auf die Gruppe. Diese Sekunde benützte Mick. Er sah zu dem Mann hinüber, der ihn hatte retten wollen, zu dem jungen Mädchen, zu Lord Mead, dann zu den Fenstern. Zwei Herren stürzten zu Boden, als er plötzlich gegen sie anrannte und auf das linke Fenster zusprang, ein anderer wurde umgerissen, als der vermeintliche Detektiv auf das rechte zueilte.

Mick war rücksichtslos hinausgesprungen, fiel mit den Knien auf das Bleidach und lief bis zum Rande. Etwa drei Meter unter sich sah er die Stufen, die in den hinteren Hof führten. Er schätzte den Abstand, faßte die Dachrinne, ließ sich fallen, landete auf verschieden hohen Stufen und schlug mit dem Kopf gegen eine Seitenmauer. Sterne tanzten vor seinen Augen, aber im nächsten Augenblick hatte er sich wieder gefaßt und konnte die Stufen vor sich erkennen. Mit vier großen Schritten war er am Boden. Als er über das Gartentor stieg, eilten drei der Gäste um die Ecke.

Sie waren nur fünf Schritte von ihm entfernt, als er auf den Gehsteig sprang, außerdem im Vorteil, da sie sich nicht den Kopf an einer Ziegelsteinmauer gestoßen hatten. Mick rannte davon, als ob es einen Wettlauf über hundert Meter gälte, und nach kurzer Zeit hatte er seinen Vorsprung vergrößert. Er lief schnell, aber ebenso schnell dachte er nach, wohin er sich wenden sollte.

Er überquerte die New Bond Street und eilte nach dem Hanover Square. Jetzt beteiligte sich auch ein Polizist an der Verfolgung, aber Mick war den anderen bereits acht Meter voraus. Er sagte sich, daß er nur dann entkommen könnte, wenn er durch die Regent Street ging und in dem Gewirr der vielen kleinen östlich liegenden Straßen untertauchte. Und er hatte Glück. Nur ein paar Fußgänger waren zu sehen, als er über die Regent Street den Argyll Place hinunterlief.

Während der nächsten fünf Minuten fielen seine Verfolger zurück, und schließlich war er ihnen entkommen, nachdem er die verschiedensten Straßen durcheilt hatte. Er verlangsamte das Tempo ein wenig, und nach einer Weile erreichte er seine Wohnung in der Titchfield Street. Diesmal freute er sich, als er Mona sah. Er war noch ganz außer Atem und sank in der Diele keuchend auf einen Stuhl nieder.

»Wo ist denn Ihr Mantel und Ihr Hut, Stan?« fragte sie.

»Vermutlich auf der Polizeistation in der Vine Street«, erwiderte er, als er sich etwas erholt hatte. »Ich habe ein Gefühl, als ob ich fünf Meilen landeinwärts gelaufen wäre. Habe ich eine Beule am Hinterkopf, Mona?«

»Ja. Aber sie ist nicht größer als ein Taubenei.«

»Mir kommt sie so groß wie ein Straußenei vor. Bringen Sie mir doch etwas zu trinken, Mona.«

Dankbar nahm Mick ein Glas Whisky-Soda. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er das Bedürfnis, Alkohol zur Beruhigung zu nehmen. Während er trank, dachte er nach. Einem würde die Schuld für das Durcheinander bei dem Meadschen Empfang sicher zugeschoben werden. Davon war er überzeugt. Am besten war es also, den Stier bei den Hörnern zu packen.

»Rufen Sie Alibi für mich an«, sagte er zu Mona. »Ich will von Ihrem Zimmer aus mit ihm sprechen. Sie bleiben so lange vor der Tür.«

Delaney war offenbar in bester Stimmung.

»Hallo, mein Junge, was für Neuigkeiten haben Sie?«

»Eine ganze Menge«, entgegnete Mick kurz, und sein Ton verriet, daß er nicht mit sich spaßen lassen wollte. »Also, hören Sie einmal zwei Minuten zu, Delaney, dann werden Sie genug haben. Waren Sie es, der mich heute abend verpfiffen hat?«

»Um's Himmels willen – nein, Pete!«

»Es sieht mir jedenfalls so aus, als ob jemand die Sache der Polizei gesteckt hat. Wenn ich den herausfinde, und sollte es M. selbst sein, so bringe ich ihn um! Mir kommt es nicht darauf an, deshalb später an den Galgen gehängt zu werden.«

»Aber beruhigen Sie sich doch und regen Sie sich nicht auf! Was ist denn eigentlich geschehen?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen, da Sie nichts von der Geschichte selbst wissen. Aber es ist heute abend allerhand passiert, was ich jemand mitteilen muß. Entweder hat uns jemand verraten, oder die Anordnungen waren verflucht schlecht. Sagen Sie, Alibi, wie können Sie es einrichten, daß ich mit Maddick spreche? Er muß vor allem wissen, was vorgefallen ist, und je eher er es erfährt, desto besser ist es.«

»Hm – das geht schlecht, weil ich nicht weiß, wie ich mich mit ihm in Verbindung setzen könnte. Aber ich glaube, ich kann es erfahren. Wenn es so wichtig ist, werde ich sehen, was sich tun läßt. Bleiben Sie in der Nähe des Apparates. In fünf Minuten rufe ich Sie wieder an.«

Mick ließ sich in einen Stuhl fallen und steckte sich eine Zigarette an. Er dachte jetzt an etwas anderes – an die junge Dame, die plötzlich bei dem Empfang aufgetaucht war. Welch eine Überraschung, daß dieser trübsinnige Gribble eine so hübsche Tochter hatte! Das Mädel hätte ihn in eine verflucht unangenehme Lage bringen können. Sie hatte alles getan, um ihn verhaften zu lassen. Dann hätte er die Nacht auf der Polizeistation in der Vine Street zubringen müssen. Sie hatte jedenfalls eine scharfe Zunge. Obwohl sie sich an Schönheit nicht mit Eleanora vergleichen konnte, hatte sie doch tiefen Eindruck auf Mick gemacht, und er hatte den Wunsch, unter günstigeren Umständen wieder mit ihr zusammenzukommen.

»Na, Sie sehen ja so einsam und verlassen aus, mein Schatz«, sagte Mona, als sie die Tür öffnete. »Ist Ihnen die Polizei schon so dicht auf den Fersen?«

»Nein, ich habe nur Alibi ein paar Binsenwahrheiten beigebogen.«

»Sie bringen Ihre Zeit offenbar damit zu, sich mit Delaney zu zanken. Das ist alles nur Kraftverschwendung, mein Kleiner. Der Mann hat gar keine Bedeutung. Er darf immer nur ja oder nein sagen zu allem, was der Boß anordnet. Er ist eine Null, obwohl ich das eigentlich nicht sagen dürfte.«

»Na, Mona, sind wir denn nicht alle Nullen?«

»Ja, das glaube ich auch. Ich bin immer froh, daß ich nicht in die Nähe des Boß zu kommen brauche. Wenn ich ihm jemals begegnen sollte, würde ich mich sicher zu Tode fürchten.«

»Manchmal überlege ich mir« – Cardby sah zur Decke hinauf, als ob er mit sich selbst spräche – »wieviel M. wohl im ganzen wert ist.«

»Sagen Sie eine Million und denken Sie nicht mehr daran, Stan. Ich kriege Leibschmerzen, wenn ich mir vorstelle, daß jemand mehr als zwanzig Pfund die Woche verdient, und wenn M. so weitermacht, hat er in zehn Jahren zehn Millionen beisammen.«

»Donnerwetter, ist das ein Geschäft, Mona! Erpressungen, Urkundenfälschungen, Ladendiebstähle, Brandstiftungen, Raub, Rauschgifthandel, Mord, Banknotenfälschung – all das kann man in einer Firma haben!«

»Sie haben noch Bordells und Folter vergessen«, fügte sie hinzu.

»Hat er noch mehr solche Häuser wie dies?« fragte er.

»Eine ganze Menge, Stan. Dies ist nur eins von den kleineren.«

»Und was soll das mit der Folter?«

»Wenn er Nachrichten haben will und jemand nicht sagt, was er weiß, bringt M. ihn schon zum Sprechen. Ich habe einmal irgendwo gelesen, daß die Spanier darin sehr viel geleistet haben, aber ich glaube, M. übertrifft sie noch. Ich könnte Ihnen allerhand erzählen über das Aussehen von Leuten, die er zu Tode gefoltert hat.«

»Dann ist es eine gefährliche Sache, für ihn zu arbeiten, Mona.«

»Ja, das ist richtig, Stan. Und wenn ich an Ihrer Stelle wäre – aber Sie behaupten ja, daß Sie für sich selbst sorgen können.«

In diesem Augenblick klingelte das Telephon.

»Hier Delaney. Sind Sie es, Pete? Gut. Hören Sie zu. Ich habe meine Fühler ausgestreckt und die Sache für Sie verabredet. Ich sagte, daß Sie eine äußerst wichtige Mitteilung zu machen hätten, und ich hoffe um Ihretwillen nur, daß das auch stimmt. Ziehen Sie sich um und gehen Sie zum Hobart Place. Der liegt in der Nähe des Victoria-Bahnhofs. Drücken Sie am Haus Nr. 34a zweimal auf den dritten Klingelknopf von oben. Auf dem Schild steht der Name A. A. Wheeler. Wenn geöffnet wird, sagen Sie, daß Sie Mrs. Wheeler sprechen möchten. Das ist alles. Ich sehe Sie jedenfalls morgen früh. Vergessen Sie nicht, sich umzuziehen. Also, viel Glück.«

Mit gemischten Gefühlen legte Mick den Hörer zurück. Das klang zu gut, um wahr zu sein. Hatte Maddick herausgebracht, wer er war, und wollte er ihn jetzt zur Schlachtbank führen? Mick überlegte, ob es sicher genug war, zu dem Hause am Hobart Place zu gehen, ohne sich vorher mit seinem Vater zu verständigen. Aber es blieb ihm nur übrig, kühn zu handeln, nachdem er so weit gegangen war.

»Wollen Sie ausgehen?« fragte Mona, als er sich erhob.

»Ja, Liebling. Und wenn ich nicht bald zurückkomme, dann gehöre ich auch zu den Leuten, von denen wir eben gesprochen haben.«

Sie wurde bleich.

»Sollen Sie zum Boß?«

»Fragen Sie nicht, dann hören Sie keine Lügen.«

»Gott steh' Ihnen bei, wenn Sie zu ihm müssen. Der läßt Sie nicht am Leben, wenn Sie auch nur ahnen, wer er ist.«

Cardby ging in sein Zimmer und zog sich schnell um. Zehn Minuten später war er fertig. Eine automatische Pistole mit einem gefüllten Rahmen hatte er in die Tasche gesteckt.

Am Fuß der Treppe wartete Mona auf ihn.

»Na, dann viel Glück, Stan. Hoffentlich brauchen Sie es nicht.«

»Bleiben Sie meinetwegen nicht wach. Wenn ich nicht zurückkomme, können Sie wenigstens sagen, daß ich etwas davon gehabt habe.«

Mick nahm ein Taxi. Was würde er erleben? Am Grosvenor Place stieg er aus und ging dann die kurze Strecke zu Fuß. Sein Kopf schmerzte noch bedenklich, aber seine Schritte waren elastisch, seine Gesichtszüge hart.

Er steckte ein Streichholz an und setzte eine Zigarette in Brand, während er die lange Reihe von Messingschildern las. Delaney hatte ihm richtig Bescheid gesagt. Der dritte Name von oben lautete A. A. Wheeler. Mick drückte auf die Klingel.

Sein Herz schlug heftig, und er nahm ein paar tiefe Züge aus seiner Zigarette. Wenn er dieses Abenteuer glücklich überstehen sollte, was mehr als fraglich war, würde ihm ein Leben als Polizeibeamter eintönig und langweilig erscheinen.

Die schwere Haustür öffnete sich, und die beiden, die sich gegenüberstanden, sahen sich erstaunt an.

Das Hausmädchen war niemand anders als »Miß Ellen«. Die Schminke und das Rot des Lippenstiftes waren jedoch verschwunden. Ihr Gesicht sah bleich aus, und ihre Augen weiteten sich, als sie den Besucher erkannte. Mick grinste vergnügt. Jahre schienen vergangen zu sein, seitdem sie sich zum erstenmal in der Kneipe in Lambeth gesehen hatten.

»Ich möchte Mrs. Wheeler sprechen, Ellen. Wie geht es Ihnen denn?«

»Was, Sie wollen Mrs. Wheeler sprechen?«

Sie sagte das, als ob er verlangt hätte, den König oder einen Minister zu sehen.

»Weiß sie, daß Sie kommen?«

»Zunächst lassen Sie mich einmal ins Haus. Es ist eine schlechte Angewohnheit, Besucher auf der Türschwelle warten zu lassen. So ist es besser. Ja, sie erwartet mich. Bestellen Sie ihr nur, daß Mr. Wall hier ist.«

»Kommen Sie mit.« Sie ging zu einem kleinen Fahrstuhl und schloß die Tür, nachdem sie eingetreten waren. Dann drückte sie auf den Knopf zum dritten Stockwerk. Während sie hinauffuhren, fragte sie: »Was tun Sie denn hier?«

»Sie würden staunen, wenn Sie das ahnten. Wie lange sind Sie schon hier in Stellung?«

»Seit heute morgen.«

»Gefällt es Ihnen?«

»Ich habe schon genug.«

Sie schob das Gitter des Fahrstuhls zurück, dann ging sie durch den Gang voraus, öffnete eine Tür und führte Mick in ein hübsch eingerichtetes Wohnzimmer.

»Nehmen Sie einen Augenblick Platz. Ich werde Mrs. Wheeler melden, daß Sie hier sind.«

Cardby ging auf und ab und sah sich um, aber er konnte nichts entdecken, das ihm einen Anhaltspunkt geboten hätte. Keine Bücher, keine Papiere, nichts, außer den eleganten Möbeln und Einrichtungsgegenständen.

Ellen kam bald zurück.

»Kommen Sie mit.« Sie benahm sich jetzt vorschriftsmäßig wie eine Hausangestellte und schien eine ganz andere zu sein als damals in der Kneipe, wo sie mehrere Glas Bier getrunken hatte.

Cardby folgte ihr den Gang entlang. Am Ende öffnete sie eine Tür, meldete Mr. Wall an und verschwand. Nachdem das Abenteuer nun begonnen hatte, fühlte Mick sich sicherer und trat ein.

Vor dem Kamin saß Eleanora und lächelte.

»Guten Abend, Andrea«, sagte sie und begrüßte ihn ironisch durch ein Kopfnicken. »Ich fürchtete schon, daß mein Mann verlorengegangen sein könnte.«

»Auf jeden Fall hat er seine Frau verloren.«

»Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem. Möchten Sie etwas trinken?«

»Nein, danke, im Augenblick nicht. Sie wissen natürlich, warum ich gekommen bin?«

»Gewiß. In ein paar Minuten können Sie mit ihm sprechen.«

»Das ist gut. Ich habe ihm allerhand zu sagen.«

»Hoffentlich ist es nicht umgekehrt, so daß er Ihnen den Standpunkt klarmacht. Das würde viel unangenehmer für Sie sein.«

»Das weiß ich nicht. Ich habe mir nicht das geringste vorzuwerfen. Sind Sie schon lange zu Hause?«

»Sie ziehen Ihre Schlußfolgerungen etwas zu schnell, mein lieber Andrea. Warum soll ich denn hier zu Hause sein?«

»Aus verschiedenen Gründen. Sie tragen doch wohl keinen Morgenrock, wenn Sie sich in einem fremden Hause aufhalten, und Sie bieten auch nicht Besuchern etwas zu trinken an, wenn Ihnen die Wohnung nicht gehört. Das Mädchen kennt Sie als die Hausherrin. Ich könnte auch sonst noch Verschiedenes anführen.«

»Ihr Denkapparat scheint nicht unter Aufregung zu leiden.«

»Aufregung, meine liebe Eleanora? Warum sollte ich mich denn aufregen?«

»Sie sind wirklich blasiert. Nächstens sagen Sie mir noch, daß Sie sich heute abend gelangweilt haben.«

»Das wohl kaum. Ich habe tatsächlich einen recht unangenehmen Abend hinter mir. Sie erinnern sich doch noch, daß ich Ihnen sagte, es würde aller Verdacht auf Sie fallen, wenn ich von dem Empfang verschwunden wäre?«

»Ja, darauf besinne ich mich sehr wohl.«

»Dann machten Sie sich natürlich auch klar, daß im umgekehrten Fall ich in Verdacht geraten mußte?«

»Selbstverständlich.«

»Sagen Sie mir doch einmal: Wie dachten Sie eigentlich, daß ich mich aus dieser gefährlichen Lage befreien sollte?«

»Darüber habe ich keinen Augenblick nachgedacht. Das hat mich auch nicht im mindesten interessiert. Ich hatte meine Anweisungen, und die habe ich ausgeführt. Was nachher aus Ihnen wurde, ging mich nichts an.«

»Danke für die Mitteilung. Natürlich wußten Sie schon, als Sie mit mir sprachen, daß Sie beim Ausgehen des Lichtes sofort das Haus verlassen würden?«

»Sicher. Wenn Sie nicht selbst für sich sorgen können, so taugen Sie auch nichts, und dann ist es hohe Zeit, daß Sie für immer verschwinden. Sie können uns nichts nützen, wenn Sie nicht schlauer und klüger sind als andere.«

»Nun wollen wir einmal ganz offen miteinander reden. Wußten Sie oder wußten Sie nicht, daß die Sache bei der Polizei verpfiffen war?«

Nun war sie erstaunt. Sie trat näher zu ihm und sah ihn scharf an, aber er hielt ihren Blick ruhig aus.

»Glauben Sie wirklich, daß jemand uns verraten hätte?«

»Es sieht verdammt danach aus. Deshalb wollte ich mit M. sprechen. Und ich bin auch nicht eher zufrieden, als bis ich mehr über diese Sache gehört habe.«

»Und wer sind Sie denn, daß Sie verlangen können, zufriedengestellt zu werden?«

»Die Frage kann ich Ihnen sehr schnell beantworten. Ich bin ein junger Mann, bereit, einwandfrei zu arbeiten, solange ich weiß, daß die Leute, für die ich mich einsetze, mich nicht hintergehen. Wenn ich mich heute abend nicht davon überzeugen kann, daß die Vorfälle bei dem Empfang nur einem unglücklichen Zufall zuzuschreiben sind, reiche ich meine Entlassung ein und sehe mich nach etwas anderem um. Dann kann mich niemand mehr überreden, daß es nicht das beste ist, allein zu bleiben und nichts mit anderen zu tun haben. Auf mich selbst kann ich mich jedenfalls verlassen. Da brauche ich nicht zu fürchten, daß ich verraten werde. Aber ich zweifle, ob das bei anderen Leuten zutrifft.«

»Glauben Sie, daß Sie einfach weggehen können, wenn es Ihnen nicht mehr paßt?«

»Das wohl kaum, aber ich bin davon überzeugt, daß M. wirklich intelligent ist und einsieht, wie zwecklos es ist, einen Mann zu halten, der unzufrieden ist.«

»Vielleicht denkt er ebenso, stellt sich aber die Trennung ein wenig anders vor als Sie. Denken Sie am Ende, ich hätte der Polizei etwas gesteckt?«

»Das will ich nicht sagen. Aber wenn Sie wußten, daß die Sache verraten war, hätten Sie nicht besser handeln können. Ich will sogar noch weitergehen: Wenn M. oder sonst jemand ein Interesse daran hatte, mich heute abend verhaften zu lassen, hätte es nicht besser angefangen werden können.«

Sie trat noch näher zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Machen Sie nur keinen Krach, bevor es soweit ist«, sagte sie und klopfte ihm auf den Arm. Ihre Hand glitt dann an seinem Ärmel entlang und faßte an seine Hüfttasche. »Und geben Sie mir die Schußwaffe. Kleinen Kindern sollte man nicht erlauben, daß sie solche Dinger bei sich tragen.«

»Es tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß. Eleanora, aber ich habe mich so daran gewöhnt, eine Pistole bei mir zu haben. Ich fürchte, ich erkälte mich, wenn sie mir fehlt.«

»In dem Fall muß ich darauf bestehen, daß Sie mir die Waffe geben.«

»Ich bin untröstlich, daß ich einer Dame eine Bitte abschlagen muß, aber ich bestehe ebenso auf meiner Meinung.«

»Ich auch«, ertönte plötzlich die Stimme eines Mannes vom anderen Ende des Zimmers her. Es war derselbe, der sich bei dem Empfang als Sergeant Gribble ausgegeben hatte. Er trat hinter einem blauen Samtvorhang hervor, und die Mündung des Revolvers, den er in der Rechten hielt, zeigte auf Micks Brust. »Nimm ihm die Pistole ab!« befahl er.

Cardby lächelte, als sie die Waffe aus seiner Tasche zog.

»Es scheint fast so, als ob wir hier eine Familienzusammenkunft abhalten«, sagte er leichthin.

»Wenn Sie nicht vernünftig sind«, erklärte der Mann, »halten wir eine Totenschau ohne Vorsitzenden ab. Sie spielen dabei die Leiche, und wir fällen den Spruch, daß Sie sterben mußten, damit Sie sich das Schwätzen abgewöhnten.«

»Das haben Sie gut gesagt, mein Freund. Wenn Sie Ihre Schießkanone weglegen und ein wenig freundlicher dreinschauen, würde ich Ihnen gern noch dafür danken, daß Sie mir heute abend aus der Klemme helfen wollten.«

»Ich habe nur nach meinen Anweisungen gehandelt.«

»Waren Sie denn schon während der ganzen Zeit auf dem Empfang?«

»Ich war schon vor Ihnen dort und verließ das Haus mit Ihnen zusammen.«

»Dann können Sie mir sicher sagen, ob meine Vermutung stimmt, daß die Sache verraten worden ist.«

»Im Augenblick möchte ich mich darüber nicht äußern.«

»Gott, sind die Leute hier schweigsam! Wie steht es denn mit M.? Wann kann ich mit ihm sprechen?«

»Sofort«, erwiderte Eleanora. »Sie sehen doch die Tür dort in der Ecke? Gehen Sie hinein. Dort finden Sie ein Telephon. Die Verbindung mit M. ist bereits hergestellt. Wir warten hier auf Sie.«


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