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XIII.
Auf der Great West Road

»Wohin wollen wir fahren?« fragte Mick, als er ein Taxi angehalten hatte.

»Nach der New Street, Nr. 65 c. Die liegt in der Nähe der St. Martin's Lane.«

»Erzählen Sie mir doch noch mehr«, bat Cardby, als sie zusammen in dem Wagen saßen. »Was sagten die Beamten denn, als sie kamen?«

»Sie zeigten mir eine Vollmacht, daß sie die Wohnung durchsuchen konnten, und machten sich auch gleich an die Arbeit.«

»Das sieht so aus, als ob Sie Schwierigkeiten bekommen würden.«

»Nein, das glaube ich nicht. Ich hatte diesmal fabelhaftes Glück. Es war nur ein Mann im Hause, und der war zufällig auch wirklich mit dem Mädel verheiratet. Die anderen waren alle ausgegangen. Heute abend wird ein neuer Club in der Carnaby Street eröffnet. Ich sah gleich, daß sie sich für mich oder meine Pension kaum interessierten. Vor allem wollten sie wissen, wer Sie sind, wie Sie aussehen, welchen Beruf Sie haben. Sie fragten auch, wie lange Sie schon bei mir wohnen. Dann haben sie alle Schubladen in Ihrem Zimmer durchsucht und auch die Taschen in Ihren Sachen umgedreht.«

»Da finden sie nichts. Was haben Sie ihnen denn erzählt?«

»Daß Sie Stanley Wall heißen, bei einer Firma in Birmingham angestellt sind und augenblicklich Urlaub haben. Vor drei Tagen sind Sie zu mir gekommen – das müssen Sie sich merken – Briefe oder Besuche haben Sie nicht erhalten. Dann wollten sie hören, wohin Sie gegangen sind. Ich sagte, Sie hätten das Haus kurz nach neun in einem gewöhnlichen Straßenanzug verlassen und erwähnt, daß Sie sich ein wenig in der Stadt umsehen wollten. Nachdem sie sich noch weiter im Haus umgeschaut hatten, ließen sie zwei Leute zurück, die auf Sie warten sollen. Ich setzte mich einige Zeit zu ihnen, aber dann entschuldigte ich mich, weil ich noch in der Küche zu tun hätte. Von dort schlich ich mich durch die hintere Tür und sagte den anderen, daß sie nach Ihnen Ausschau halten sollten. Ich selbst ging zum Oxford Circus, weil ich mir dachte, daß Sie hier entlangkommen würden. Das ist alles.«

»Das haben Sie gut gemacht, Mona. Aber wohin fahren wir jetzt?«

»Nach einem anderen Haus, das Maddick eingerichtet hat. Aber es ist nicht derselbe Betrieb wie bei mir. Es wohnen nur Männer dort, meistens Leute, die irgendeinen Auftrag ausführen sollen. Sie werden alle möglichen Leute dort finden, Stan.«

»Das wird mir mehr behagen als Ihre Pension, Mona, obwohl Sie mir jetzt einen großen Dienst erwiesen haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß Sie mich dorthin bringen sollen?«

»Ich bin die Straße hinuntergelaufen und habe von einer Freundin aus telephonisch angefragt, was ich mit Ihnen machen sollte. Ein paar Minuten später klingelte er an und sagte, daß er mit M. gesprochen hätte und ich Sie nach dem Hause in der New Street bringen sollte.«

»Wen haben Sie denn angeklingelt?«

»Denselben, dem ich immer berichte – Amt Regency. Aber ich habe ihn unter seiner Hampstead-Nummer angerufen.«

»Ein Glück, daß er zu Hause war.«

»Er ist immer dort oder in dem Büro in der Regent Street. Er würde zu viel aufs Spiel setzen, wenn er nicht zu finden wäre.«

Das Taxi hielt vor einem Haus in der New Street, dessen Front wenig einladend aussah.

Ein junger Mann, der einen teuren, gutsitzenden dunkelblauen Anzug trug, öffnete. Seine Augen waren stechend und giftig. »Das ist ein Mensch, der nicht vor einem Mord zurückschreckt«, dachte Mick.

»Dies ist Pete Strange, Andy«, erklärte Mona. »Und dies ist Andy, Pete.«

Cardby seufzte. Wie oft mußte er seinen Namen noch ändern?

Andy musterte ihn kritisch von Kopf bis zu Fuß. Mick fand die Art und Weise etwas herausfordernd, schwieg aber dazu.

»Kommen Sie herein«, sagte Andy schließlich.

Sie traten in ein Wohnzimmer, in dem zu viele Möbel standen. Andy schloß die Tür und setzte sich dann Cardby gegenüber.

»Sie haben doch schon alles gehört?« fragte Mona.

»Ja, vor etwa zehn Minuten wurde ich angerufen. Warum müssen Sie denn vor der Polizei davonrennen?«

»Fragen Sie Maddick«, entgegnete Mick. »Wenn der sagt, daß Sie es wissen sollen, werde ich es Ihnen mitteilen.«

Andy kniff die Augen zusammen.

»Ich möchte Ihnen gleich einen guten Rat geben«, erwiderte er mit leiser, tonloser Stimme. »Sie mögen ein verdammt tüchtiger Kerl sein und sich einbilden, daß Sie der ganzen Welt befehlen können, aber in diesem Hause wird getan, was ich sage, und wenn ich etwas frage, dann will ich eine Antwort haben. Ich kann verflucht unangenehm werden, wenn die Leute mir frech kommen. Ich meine nicht nur eine gewöhnliche Schlägerei – wenn ich erst anfange, dann setzt es was!«

»Was Sie nicht sagen! Dann werden Ihre anderen Gäste ja eine angenehme Zeit erleben, Andy. Sehen Sie, ich lasse mir von anderen Leuten nicht viel dreinreden. Das geht mir gegen den Strich. Wenn wir einmal aneinandergeraten – ich hoffe, daß es nicht geschieht – werden Sie an nicht mehr viel denken können. Wo ist mein Zimmer?«

»Einen Augenblick, bevor wir über Zimmer und dergleichen verhandeln.« Andy erhob sich und steckte die Hand in die Rocktasche. Mona faßte ihn am Arm und führte ihn zur Tür hinaus. Mick blieb ruhig sitzen und pfiff eine Melodie.

»Lassen Sie den in Ruhe, Andy, und seien Sie vernünftig«, sagte Mona. »Wenn Sie mit dem aneinandergeraten, richten Sie etwas an, was Sie nicht wieder gutmachen können. Der hat sogar den Delaney klein gekriegt. Der frißt ihm aus der Hand. Und dann noch eins, Andy, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Heute abend ist dieser Pete fortgegangen, um mit Maddick zu reden. Die beiden hatten etwas miteinander, aber es kam ihm nicht darauf an, er war ebenso ruhig, als ob es nur darum ginge, eine Zigarette anzuzünden. Überlegen Sie sich das, Andy, und nehmen Sie sich in acht.«

Das machte Eindruck auf den Mann. Seine Augen wurden größer, als Mona ihm das alles erzählte.

Was ist denn seine Spezialität?«

»Das kann ich nicht genau sagen, aber Sie dürfen mir glauben, er ist einer der besten Leute des Boß. Sehen Sie sich mit dem vor. M. hat ein besonderes Auge auf ihn geworfen, und wenn etwas schief geht, haben Sie es zu verantworten.«

»Kommen Sie, ich will Ihnen Ihr Zimmer zeigen«, rief Andy nach innen, und so wurde Friede zwischen den beiden geschlossen.

Der neue Raum war gemütlich eingerichtet, ohne übertrieben luxuriös zu sein.

»Kein Telephon, Andy?«

»Das ist hier nicht sicher. Wir haben eines unten in einem besonderen Zimmer nach hinten hinaus. Das können Sie benützen, so oft Sie wollen.«

Der junge Cardby mußte es am nächsten Morgen um halb neun ganz unerwartet benützen. Andy kam an seine Tür und steckte den Kopf ins Zimmer.

»Sie werden unten am Telephon verlangt. Warten Sie einen Augenblick, ich bringe Ihnen meinen Morgenrock.«

Mick besaß natürlich nur das, was er bei seinem Besuch am Hobart Place getragen hatte, schlüpfte dankbar in den Morgenrock und ließ sich zu dem Privatzimmer führen.

»Sind Sie da, Pete?« fragte eine fremde Stimme. »In einer halben Stunde wird ein Auto vor Ihrem Hause stehen. Steigen Sie ein, fahren Sie durch Kensington, Hammersmith und Turnham Green, bis Sie auf die Great West Road kommen. Fahren Sie fünfunddreißig Minuten dort entlang, nicht schneller als dreißig Kilometer die Stunde. Ein grüner Zweisitzer wird an Ihnen vorüberfahren. Geben Sie Gas, bis Sie ihn einholen. Der Fahrer wird, wenn alles in Ordnung ist, ein Paket hinten in Ihren Wagen werfen. Dann fahren Sie langsamer, wenden und kehren möglichst unauffällig nach London zurück. Halten Sie vor Olympia. Ein Mann in einem Sportanzug wird Ihnen dann weitere Anweisung geben. Alles verstanden?«

»Ja. Danke.«

Cardby ging in sein Schlafzimmer zurück, kleidete sich schnell an und bestand darauf, daß ihm das Frühstück ins Wohnzimmer gebracht wurde. Andy hielt den neuen Gast für etwas überspannt. Er konnte natürlich nicht wissen, daß Mick von dort aus die Straße beobachten wollte, um zu sehen, wer den Wagen hierhersteuerte. Pünktlich um neun Uhr war Cardby fertig, und im gleichen Augenblick traf der Wagen ein.

Taxi Long brachte ihn! Das Auto war ein billiger viersitziger Tourenwagen, wie es viele Tausende gab. Long verschwand sofort, nachdem er angehalten hatte. Mick suchte Andy auf und gab ihm zehn Schilling.

»Schicken Sie einen Ihrer Leute fort, daß er mir ein buntes wollenes Halstuch kaufen soll. Ich habe keinen Mantel bei mir, und es würde doch sonderbar aussehen, wenn ich an einem so kalten Morgen ohne Tuch oder Mantel am Steuer säße.«

Nach ein paar Minuten wickelte Mick den gelbschwarzen Schal um den Hals und machte sich auf den Weg zu seinem dritten Unternehmen.

Er hatte mehr als eine halbe Stunde auf der angegebenen Straße zurückgelegt, als er in seinem Rückspiegel einen grünen Zweisitzer sah, der höchstens fünfzig bis sechszig Kilometer die Stunde fuhr. Der Chauffeur drückte auf die Hupe und fuhr an Mick vorbei, dann wandte er sich um und winkte. Mick hatte den Mann früher noch nie gesehen. Es war Kelly, und dies war eine Vergnügungsfahrt nach seinem letzten Ausflug in die Old Vond Street vor wenigen Tagen.

Cardby trat auf den Gashebel und sah, daß die Nadel des Geschwindigkeitsmessers auf fünfundvierzig und fast fünfzig stieg. Zu beiden Seiten lagen Felder, und nur ab und zu fuhr ein Auto an ihnen vorüber. Als Mick etwas weiter war, gab er ein Zeichen mit seiner Hupe, und der andere winkte ihm, daß er vorfahren sollte.

Cardby sah in den Rückspiegel. Er konnte niemand hinter sich bemerken. Und vor ihm lag die Straße auf mindestens zweihundert Meter bis zur nächsten Biegung frei.

Als er an dem grünen Wagen vorbeifuhr, sah er in Kellys Hand ein Paket in braunem Papier, das ungefähr die Größe einer Schuhschachtel hatte. Der Mann warf es hinten in Micks Wagen.

Cardby verlangsamte die Fahrt, während das grüne Auto weiterfuhr. Als sie an die Biegung kamen, war er etwa sechzig Meter von ihm entfernt, und nach einigen Minuten war der andere ganz verschwunden.

Ein wenig weiter die Straße entlang bog Mick in einen Seitenweg ein, wendete und kehrte nach der Stadt zurück. Zehn Minuten nach elf hielt er vor Olympia. Ein junger Mann in einem braunen Sportanzug kam ihm entgegen, begrüßte ihn auffallend herzlich und reichte ihm die Hand.

»Hallo, alter Junge, das ist ja ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe! Wie wäre es, wenn wir ein Glas zusammen trinken?«

»Ich bin dabei«, antwortete Mick. »Aber was soll ich denn mit meinem Wagen machen?«

»Stellen Sie ihn in die Parkanlagen um die Ecke. Ich warte hier auf Sie.« Dann fügte er leise hinzu. »Und bringen Sie das Paket mit.«

Drei Minuten später standen die beiden an dem Schanktisch der nächsten Kneipe und sprachen einige Zeit über Autos und Fußballspiel. Mick hatte das Paket unter den Arm. Nachher setzten sie sich an einen Ecktisch.

Der junge Mann im Sportanzug nahm eine Rennzeitung auf und beugte sich darüber.

»Bringen Sie das Paket nach Crosby House in der Regent Street. Das ist ein paar Häuser von Liberty entfernt. Im dritten Stock finden Sie das Büro der Regent Einkommensteueragentur. Fragen Sie dort nach Mr. Clason und geben Sie ihm das Paket.« Er sprach wieder laut. »Ich wette, daß Merlin den Sokrates um einige Längen schlägt, wenn sie jetzt in einem größeren Rennen zusammenkommen. Was halten Sie davon?«

»Das ist eine sichere Wette. Kann ich Sie ein Stück Weges mitnehmen? Ich muß jetzt fort.«

»Nein, danke, ich gehe nach der anderen Richtung.«

Sie trennten sich vor der Kneipe. Erst als Mick Piccadilly entlangfuhr, fiel ihm etwas ein. Der junge Mann hatte ihm nicht gesagt, was mit dem Wagen geschehen sollte. Den ganzen Weg über hatte er darüber nachgedacht, was wohl in dem Paket sein mochte. Sollte er es öffnen. Er entschloß sich, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Er brachte den Wagen in eine bekannte große Garage in der Nähe von Piccadilly Circus und gab dort einen falschen Namen an. Dann ging er zu der Reparaturwerkstätte, die auf der Rückseite lag, als ob er jemand suchte. Unter dem Arm hatte er das braune Paket. Links fand er einen Waschraum und ging hinein. Er sah sich genau an, wie das Papier gefaltet und die Schnur gebunden war, bevor er das Paket aufmachte. Im Innern fand er eine kleine Zinnbüchse mit einem luftdichten Deckel, öffnete sie und schaute hinein.

Zwei Minuten später hatte er alles wieder sorgfältig eingepackt. Auf den ersten Blick hatte er den Inhalt erkannt. Mit fünfundzwanzig Unzen Kokain unter dem Arm ging er zu dem Crosby House.

Mit dem Fahrstuhl erreichte er den dritten Stock und klopfte an ein kleines Fenster, an dem er das Schild »Auskunft« las. Ein junges Mädchen schob die Scheibe in die Höhe.

»Ich möchte Mr. Clason sprechen.«

»Er ist im Augenblick beschäftigt. Aber kommen Sie bitte diesen Weg.«

Mick folgte ihr in ein kleines Wartezimmer, in dem schon zwei andere Herren saßen. Sie hatten Aktenmappen bei sich und schienen Geschäftsleute zu sein.

»Wie ist Ihr Name?« fragte das junge Mädchen

»Mr. Peter Strange.«

Die Minuten vergingen. Cardby hörte zu, wie die beiden anderen sich über Einkommensteuer unterhielten. Es schien fast eine Stunde zu vergehen, bis das junge Mädchen wieder erschien. Die beiden anderen sahen sie erwartungsvoll an, aber sie forderte Mick auf, sie zu begleiten.

Cardby folgte ihr durch ein größeres Büro, in dem acht Angestellte arbeiteten. An der entgegengesetzten Wand des Zimmers befand sich eine Tür, deren oberer Teil aus Milchglas bestand. Darauf las er in großen Buchstaben: »T. E. Clason, Direktor«.

Als er eintrat, sah er einen starken, untersetzten Herrn, der einen schwarzen Rock und gestreifte Beinkleider trug. Er saß in einem Drehstuhl vor einem großen Schreibtisch. Sein Gesicht hatte eine gesunde rote Farbe, seine Hände waren weiß und sorgfältig gepflegt.

»Guten Morgen, Mr. Strange«, sagte er. »Ich sehe, daß Sie mir die Dokumente gebracht haben. Sind sie in Ordnung?«

»Ja, soweit ich weiß, Mr. Clason. Kann ich sie hier lassen?«

»Ja, wir werden uns um die Sache kümmern, sobald es geht. Übrigens haben Sie bei einer früheren Gelegenheit zuviel gezahlt. Ich werde Ihnen das Geld zurückgeben.«

Mr. Clason reichte Mick zwei Fünfpfundnoten. Cardby nickte zum Dank und steckte sie in eine innere Tasche.

»Wünschen Sie sonst noch etwas von mir zu wissen, bevor ich gehe?«

Clason klopfte mit den Daumen auf die Tischplatte, verzog den Mund und sah seinen Besucher an.

»Es ist besser, wenn wir diese Papiere in meinem Büro nachsehen, damit ich gleich feststellen kann, ob etwas nicht in Ordnung ist.«

Er ging zu der Tür neben dem Kamin und ließ Cardby in den nebenanliegenden Raum eintreten, in dem sich keine Fenster befanden. Die Tür war von innen mit Stoff bespannt, um den Schall zu dämpfen. Auf einem Tisch stand ein Telephon und in der äußersten Ecke sah Mick einen großen Geldschrank.

»Können Sie den aufkriegen?« fragte Clason unvermittelt und zeigte mit dem Kopf nach dem Safe.

Mick trat hinüber und betrachtete den Schrank genauer. Das Schloß war durch zwei Kombinationen gesichert; eine bestand aus Zahlen, eine aus Buchstaben.

»Ohne ein Sauerstoffgebläse würde ich es nicht versuchen, und auch dann würde es ziemlich lange dauern«, erwiderte Mick. »Man braucht mindestens eine Stunde, um die Schlösser herauszuschneiden, und wenn man die Buchstaben aufs Geratewohl einstellt und nur darauf hört, ob die einzelnen Sperrhebel fallen, gehören vier bis fünf Stunden dazu. Das ist jedenfalls ein sehr guter Safe, Mr. Clason.«

»Davon bin ich auch überzeugt. Aber darüber wollte ich eigentlich nicht mit Ihnen sprechen. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich will das Paket öffnen.«

Cardby beschäftigte sich noch einige Minuten mit dem Geldschrank.

»Alles in Ordnung«, sagte Clason schließlich. »Setzen Sie sich jetzt einmal hierher, Strange, dann wollen wir uns ein wenig unterhalten. Sie waren doch noch nie hier?«

»Nein, bis heute morgen hatte ich nichts von Ihnen gehört.«

»Gut, dann vergessen Sie mich auch sofort, wenn Sie gegangen sind, bis Sie wieder hierherkommen müssen. Wenn Sie sich jemals mit M. in Verbindung setzen wollen, so telephonieren Sie entweder hierher oder zu meiner Privatnummer Hampstead 79475. Dort wohne ich. Denken Sie immer daran. Ich kann Ihnen womöglich aushelfen, wenn Sie in den nächsten Tagen in eine schwierige Lage geraten. Sollten Sie etwas Wichtiges haben, so lassen Sie es mich sofort wissen. Der schnellste Weg zu M. geht jedenfalls über mich. Und dann noch eins: Wenn Sie hören, daß einer von den anderen über Regency spricht, meint er mich damit. Ist das klar?«

»Vollkommen.« Mick war außer sich vor Freude. Das war ein großer Schritt vorwärts. Und Clason handelte sicher auf Maddicks Wunsch. Nun stand fest, daß man ihm traute.

»Das ist gut. Nun habe ich Ihnen noch verschiedenes mitzuteilen. Heute und morgen werden Sie mehr zu tun haben als jemals in Ihrem Leben. Die beiden Aufgaben, an denen Sie mitarbeiten sollen, sind schwer zu lösen; die zweite ist wohl noch gefährlicher als die erste. Aber Ihnen kommt es doch nicht darauf an, auch einmal eine schwierige Sache zu übernehmen?«

»Ich habe es M. gesagt und ich wiederhole es Ihnen: Das einzige, was ich ablehne, ist Mord. Und vielleicht tue ich das auch nur, weil ich noch niemals Gelegenheit hatte, einen zu begehen.«

»Das ist die richtige Einstellung. Es gefällt mir, daß Sie so sprechen«, entgegnete Clason befriedigt. Es war erstaunlich, daß ein Mann wie er in dieser Weise über Mörder sprach. Seine Stimme klang gebildet und angenehm wie die eines Frauenarztes. Seiner guten Erscheinung und seinem Äußeren nach hätte man ihn auch für einen Börsenmakler halten können, der eifrig Golf spielte. »Haben Sie schon einmal von Tommy Kane gehört?«

»Der Name kommt mir bekannt vor, aber im Augenblick weiß ich nicht, wo ich ihn unterbringen soll. Lassen Sie mich einmal nachdenken. Was ist denn sein Spezialfach?«

»Tommy Kane war Maddicks bester Mann«, erwiderte Clason beinahe ehrfürchtig.

»Sie sagten eben, er war sein bester Mann. Ist er denn tot?«

»Nein, aber wenn nicht schnell etwas unternommen wird, dann ist er so gut wie tot, zum mindesten kommt er dann für den Boß nicht mehr in Betracht. Ich wundere mich nicht, daß Sie noch nichts von ihm gehört haben, denn die Polizei hat die Sache totgeschwiegen. Da wir einander trauen müssen, ist es am besten, daß ich Ihnen erzähle, was geschehen ist.

Tommy Kane ist der beste Geldschrankknacker, von dem ich je erfahren habe. Er hat den Safe dort in einer Stunde und zehn Minuten ohne irgend welche Werkzeuge mit bloßen Händen geöffnet; er hat so lange an den Schlössern herumprobiert, bis die Sperrhebel fielen. Der Mann hat für M. mehr Geld herausgeholt als zehn andere, und niemals hat er eine Aufgabe ungelöst gelassen. Und wenn man das nach achtzehnmonatiger Zusammenarbeit sagt, so will das etwas heißen. Vor einer Woche hatten wir nun eine große Sache vorbereitet, wobei mehr als hunderttausend herauskommen sollten.

Es handelte sich um den Geldschrank im Büro des Tamberley Loan Club, und wir wußten, daß dort über hunderttausend in bar aufbewahrt wurden, weil man die Mitglieder am nächsten Tag auszahlen wollte. Einen Monat vorher hatten wir einen unserer Leute als Angestellten in die Firma geschickt, und wir besaßen eine ziemlich genaue Beschreibung des Safes. Tommy Kane erhielt den Auftrag und sagte, er würde ihn in nicht ganz einer Stunde aufbringen, wenn man ihm das nötige Werkzeug beschaffte. Wir haben dann siebenhundert Pfund dafür ausgegeben, und er war im Besitz der besten Ausrüstung, die je ein Geldschrankknacker hatte. Darauf wurden alle Einzelheiten vorbereitet.

Die Büros des Klubs liegen auf der hinteren Seite des Tufnell-Parks nach dem Highgate-Bahnhof zu. Wir sorgten dafür, daß der Nachtwachmann einen Schlaftrunk bekam, und so war alles in bester Ordnung. Zwei unserer Leute fuhren mit Tommy hin, und er stieg zuerst aus dem Wagen. Kaum hatte er den Gehsteig erreicht, als sich drei Kriminalbeamte auf ihn stürzten. Die beiden im Wagen fuhren davon und ließen Tommy im Stich, der daraufhin verhaftet wurde. Die zwei sind nicht gefunden worden, und wenn sie weiterleben wollen, können sie nur jeden Abend den lieben Gott bitten, daß die Polizei sie faßt, bevor M. auf ihre Spur kommt. Zehntausende solcher Kerle sind nicht einen Tommy Kane wert.

Die Polizei wollte nichts bekannt werden lassen, um desto sicherer die beiden anderen zu fassen. Wahrscheinlich wollten sie auch die Männer gefangennehmen, die das ganze Unternehmen aufgezogen hatten. Anstatt Tommy zur gewöhnlichen Zeit vormittags vor das Polizeigericht zu bringen, setzten sie die Verhandlung für ihn für den Nachmittag an, als der Gerichtssaal vollkommen leer war. Die Pressevertreter, die glaubten, es wären bereits alle Fälle erledigt, hatten das Gericht bereits verlassen. Die Verhandlung wurde vertagt bis heute nachmittag.

»Verlassen Sie sich darauf, daß Tommy Kane nicht wieder ins Gefängnis zurückkehren wird. Heute nachmittag holen wir ihn! Das mag Ihnen unmöglich klingen, aber das kommt nur daher, weil Sie M. nicht so gut kennen wie wir. Er sagt, daß Tommy aus den Händen der Polizei befreit werden muß, und was er sagt, setzt er durch. Und Sie sollen auch dabei helfen, Strange. Haben Sie etwas einzuwenden, bevor ich fortfahre?«

»Höchstens, daß eine solche Aufgabe mich nervös macht. Sie dürfen mich aber nicht mißverstehen, Mr. Clason. Ich meine nur folgendes: Mein ganzes Leben lang habe ich allein gearbeitet, und ich mag mich nicht auf andere verlassen. Gestern abend wäre ich beinahe verhaftet worden, weil ich mit fremden Leuten zusammenarbeitete. Glauben Sie mir, es ist nicht angenehm, mit Unbekannten einen schwierigen Plan durchzuführen.«

»Diesmal werden Sie sich über nichts zu beklagen haben, Strange. Nur unsere besten Leute werden Ihnen helfen. Sie können allen unbedingt trauen. Überlegen Sie sich die Sache und sagen Sie mir, ob Sie dabei sind.«

»Natürlich bin ich dabei. Ich wollte nur erwähnen, daß ich nicht wieder so etwas erleben möchte wie gestern. Sie brauchen mir nur zu sagen, was ich zu tun habe, dann führe ich es auch durch.«

»Ich verstehe jetzt, warum Maddick Sie so gerne hat. Also, diesmal kommt nichts dazwischen. Hören Sie zu. Die Polizei will auf keinen Fall Gefahr laufen, daß Tommy Kane befreit wird. Deshalb wird er unter Bewachung zum Gericht gebracht. Wir haben erfahren, daß die Grüne Minna um zwei Uhr beim Polizeigericht in Highgate ankommt. Die Verhandlung soll eine Viertelstunde später beginnen. Der Gefangenenwagen wird vor dem Hause langsamer fahren und dann wenden. Verschiedene unserer Leute folgen ihm und halten dem Fahrer und seinem Begleitmann einige Revolver unter die Nase, sobald sie die Geschwindigkeit vermindern. Ein anderer Wagen wird dicht hinter der Grünen Minna halten, und Tommy weiß, daß wir ihn befreien wollen. Er muß dann sehen, wie er aus dem Gefängniswagen herauskommt, und er ist stark genug, um die Leute zu überwältigen, die bei ihm sind. Sie werden gerade in dem Augenblick nicht so scharf aufpassen, da sie ja am Ziel ihrer Fahrt angekommen sind.

Sobald Tommy in den anderen Wagen eingestiegen ist, dreht der Fahrer um, jagt den Hügel hinunter und biegt nach rechts in der Richtung auf Finchley ab. Sie müssen um Viertel vor zwei vor der Untergrundstation Golders Green sein. Dort wartet ein Mann mit einem Halbtonnerlastwagen, der die Aufschrift ›E. Edwards, Gemüsehandlung, Hampstead‹ trägt. Er fährt Sie etwa hundert Meter die Straße entlang, dann nehmen Sie seinen Platz am Steuer ein. Er wird Ihnen genau sagen, welchen Weg Sie nehmen müssen. Bringen Sie den Wagen zum Stehen, sobald er Sie dazu auffordert, aber stellen Sie den Motor nicht ab und sorgen Sie dafür, daß die Spitze nach Highgate gerichtet ist. Sobald Sie den anderen Wagen sehen, fahren Sie los, aber ganz langsam, nicht schneller, als wenn jemand zu Fuß geht.

Tommy wird aus dem anderen Auto herausspringen und von hinten in das Ihre klettern. Fahren Sie ruhig weiter nach Highgate. Es werden Ihnen viele Wagen begegnen, denn dann wird die Verfolgung in vollem Gange sein. Wenn man Sie anhält, sagen Sie den Beamten, der Wagen mit dem Flüchtling sei eben mit unheimlicher Geschwindigkeit an Ihnen vorbeigerast. Sollte jemand versuchen, in Ihren Wagen zu schauen, dann schlagen Sie ihn nieder. Seien Sie nicht zu vorsichtig in der Beziehung. Fahren Sie in der Richtung nach Hampstead, über Haverstock Hill bis nach Chalk Farm, dann wird Ihnen der andere Mann sagen, was Sie weiter zu tun haben.

Das ist eine große Gelegenheit für Sie, Strange. Glauben Sie, daß Sie das schaffen werden?«

»Ich sehe keinen Grund, warum ich es nicht könnte. Auf jeden Fall will ich alles genau so machen, wie Sie gesagt haben, und wenn die Sache schief geht, soll es nicht mein Fehler gewesen sein.«

»Das ist gut. Die Belohnung ist auch dementsprechend, wenn die Sache gelingt. Morgen gibt es eine andere große Möglichkeit. Aber ob Sie dabei mithelfen, hängt davon ab, ob Sie die Sache heute nachmittag richtig durchführen. Wenn Sie Tommy befreien, bekommen Sie fünfhundert, und wenn die Sache morgen klappt, können Sie mit fünftausend Pfund in der Tasche auf Ferien gehen. Ist das nicht verlockend?«

»Mick rieb sich die Hände, als ob er sich außerordentlich freute.

»Das kann einen schon reizen, Mr. Clason. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?«

»Ja. Sobald Sie hier herauskommen, gehen Sie zu einem Altkleiderladen in einer der Nebengassen und kaufen sich einen alten Rock, ein Halstuch und eine Kappe. In diesen feinen Kleidern können Sie den Lastwagen unmöglich fahren. Das wäre alles.«

»Soll ich Sie anrufen, wenn alles klar ist?«

»Ja, heute abend zu Hause, nicht hier im Büro. Guten Morgen.«

An der Tür gaben sie sich die Hand, und Mick trat durch die Schwingtür ins äußere Büro. Als er den Ausgang erreichte, führte das junge Mädchen von der Auskunft einen anderen Besucher herein.

Die beiden sahen einander erstaunt an und nickten sich nur zu, ohne etwas zu sagen. Der andere war Alibi Delaney!

Cardby hatte viel Stoff zum Nachdenken, als er in der Nebenstraße ein Trödlergeschäft aufsuchte, aber er war jetzt nicht mehr so ängstlich. Er wußte, daß er nun auf dem richtigen Wege war.


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