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XV.
Mick trifft Vorbereitungen

Großer Gott! Der Mann, der hier auf dem Boden lag, war alt, schwach und gebrochen. Seine Kraft war dahin, sein Geist zermürbt. Und doch wußte Mick, daß Detektiv Caudry noch nicht dreißig Jahre alt war!

Unentschlossen blieb er stehen. Er wußte nicht, was er tun sollte. Was konnte er auch diesem Mann sagen, der in wenigen Wochen Jugend, Gesundheit und Stärke verloren hatte und ein vollständiges Wrack geworden war!

»Hören Sie, Caudry«, begann er schließlich. »Können Sie verstehen, was ich sage?«

Der Detektiv drehte sich ein wenig zur Seite und nickte.

»Ich gehöre nicht zu Maddicks Bande, aber die anderen glauben, daß ich ein Verbrecher bin wie sie. Ich werde Sie aus Ihrer Lage befreien, aber Sie müssen noch kurze Zeit Geduld haben. Sobald wie möglich komme ich wieder herunter und schließe Sie los. Seien Sie nur mutig. Es wird bald alles wieder besser werden. Und noch eins: Wenn Sie gefragt werden, Sie haben nicht mit mir gesprochen und Sie kennen mich auch nicht.«

Ein schwaches Lächeln huschte über das verwilderte Gesicht.

»Das ist gut«, erwiderte er leise. »Ich danke Ihnen vielmals.«

»Also, auf Wiedersehen, Caudry. Denken Sie daran, daß es bald vorüber ist. Ich werde dafür sorgen.«

Erschöpft sank der Mann zurück.

Cardby schloß die Tür wieder zu und ging nach oben. Aus dem Wohnzimmer war ihm niemand gefolgt, aber er war so ergriffen, daß er sich kaum fassen konnte, und er wußte, daß das gefährlich war. Er durfte sich nicht von seinen Gefühlen übermannen lassen, er mußte klar und kühl denken. Aber es vergingen zehn Minuten, bis er sich wieder so weit in der Gewalt hatte, daß er zu den anderen zurückkehren konnte. Wieviel leichter wäre es gewesen, wenn er jetzt gleich die Verbrechen blutig an den anderen hätte rächen können.

»Was machen Sie denn nur? Haben Sie nichts zu essen?« fragte er, als er wieder ins Zimmer trat. »Ich bin nun im ganzen Hause umhergewandert und konnte nicht das geringste finden. Wo sind die Vorräte?«

»Sie glaubten doch nicht etwa, im Keller etwas zu finden?« fragte Alibi gehässig.

»Nein. Aber was wollen Sie damit sagen?«

»Warum sind Sie in den Keller gegangen, wenn Sie etwas zu essen suchten?«

»Wer sagt Ihnen denn, daß ich unten war?«

»Ihr Rock ist so staubig, daß man das sofort sehen kann. Und am Ärmel haben Sie Spinnweben.«

»Das ist gerade nicht erstaunlich, Delaney. Zeigen Sie mir auch nur einen Raum in diesem verdammten Haus, der nicht dreckig ist! Hier ist wer weiß wie lange nicht sauber gemacht worden. Und selbst wenn ich mich im Keller oder im Obergeschoß umsehe – was haben Sie darüber zu reden? Sind Sie es, der hier zu befehlen hat, oder ist es Maddick?«

»Wenn ich nun Maddick berichte, daß Sie den Keller durchsucht haben?«

»Das würde mich nur freuen. Damit tun Sie mir geradezu einen Gefallen, denn Sie sparen mir die Mühe, es ihm selbst zu erzählen. Aber an Ihrer Stelle würde ich nicht zu viel krähen. Sie bilden sich eine ganze Menge ein.«

»Schon gut, Sie Schlaukopf, Wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht.«

»Das werde ich sein, Alibi. Aber nun soll mir doch endlich einer sagen, wo ich etwas zu essen finden kann.«

»Kommen Sie mit.« Mariel stand auf. »Ich will es Ihnen zeigen. Je weniger Sie mit Delaney zusammen sind, desto besser ist es für uns alle.«

Sie ging quer durch die Halle in das Speisezimmer und nahm dort aus dem Büfett kalten Schinken und Brot.

»Sie sorgen gerade nicht besonders gut für Ihre Gäste, Mariel.«

»Sie bekommen auch nicht weniger als wir anderen. Wir wohnen doch nicht in diesem verlassenen Haus. Bis heute morgen ist keiner von uns mehr als ein paar Tage hier gewesen.«

Mick dachte an Caudry, der im Keller gefangen lag. Der arme Mann!

»Wollen Sie nicht auch etwas nehmen?« fragte er, und sie nickte.

Sie setzten sich zusammen an den dunklen Eichentisch, und Mick sah sich in dem Raum um.

»Gemütlich eingerichtet ist das Zimmer nicht«, meinte er.

»Das stimmt. Es gehört einem Mann, der augenblicklich in den Malaiischen Staaten lebt. Maddick hat es auf sechs Monate auf eine Anzeige in der Zeitung hin gemietet. Warum er das tat, weiß ich nicht. Wir haben es kaum benützt.«

»Machen Sie morgen bei der großen Sache auch mit?«

»Ich habe keine Ahnung. Bis jetzt hat er uns nur gesagt, daß es sich um einen ganz großen Plan handelt. Was es ist, wo es ist und wer mitmacht, wissen wir nicht. Deshalb kommt er doch heute abend zu uns heraus.«

»Ist es nicht etwas gefährlich für ihn, selbst hierher zu kommen?«

»Darüber zerbreche ich mir den Kopf nicht.« Mariel nahm sich noch eine Scheibe Schinken. »Es sieht ihn doch keiner. Es gibt ein Sprichwort: Neapel sehen und sterben! Ich möchte dagegen sagen: Sieh Maddick und stirb!«

»Über eins wundere ich mich, und Sie brechen sicher kein großes Geheimnis, wenn Sie mir darüber Bescheid sagen: Sind eigentlich Amerikaner unter Maddicks Leuten?«

»Ich habe noch nie einen getroffen. Wenn einige darunter sein sollten, so haben sie jedenfalls nichts zu bedeuten. Sonst müßte ich sie kennen. Daher weiß ich auch, daß Maddick viel von Ihnen hält. Ich habe sonst nie mit neuen Leuten zusammengearbeitet und war deshalb empört, als er mir sagte, daß ich mit einem Mann zusammengehen sollte, der erst seit einer Woche bei uns ist.«

»Nun, es war ja nicht unser Fehler, daß die Sache schief ging.«

»Ich möchte nur wissen, wer uns verpfiffen hat. Den könnte ich niederknallen!«

Mick hob die Augenbrauen und sah sie an. Sie hatte gleichgültig gesprochen, aber er erkannte nun, daß sie es ernst meinte. Hinter diesem freundlichen Engelsgesicht verbarg sich grausame Härte. Wenn man einmal in die Gefangenschaft dieser Bande geriet, war es sicher besser, unter der Obhut Alibi Delaneys zu stehen als dieser schönen Frau auf Gnade und Ungnade ausgeliefert zu sein.

»Wie geht es denn zu, wenn Maddick später kommt?«

»Ich weiß es nicht. Er ist früher noch nie hier gewesen, wenn wir alle im Haus waren. Ich nehme an, daß er telephoniert, bevor er kommt, und uns noch seine Anweisungen gibt.«

»Manchmal fällt mir diese ganze Geheimniskrämerei auf die Nerven. Ich habe immer offen gearbeitet und mich dabei wohl gefühlt. Es ist eine merkwürdige Sache, für einen Mann tätig zu sein, den niemand kennt.«

»Das kümmert mich wenig. Er zahlt gut, und die Gefahr, die man auf sich nimmt, ist nicht allzu groß. Sie wissen gar nicht, wie gut es Ihnen geht.«

»Waren Sie schon im Gefängnis, Mariel?«

»Nein. Das passiert nur den Dummen. Der erste Polizist, der mich verhaftet, verdient eine Beförderung. Ich bin jetzt schon vier Jahre dabei und nie gefaßt worden.«

»Und ich«, log Mick mit der größten Sicherheit und Ruhe, »bin schon sechs Jahre tätig. Aber nun habe ich doch eingesehen, daß es nicht auf Tüchtigkeit und Gerissenheit, sondern auf Glück ankommt. Und das kann nicht ewig dauern.«

»Das sagen Sie. Ich behaupte gerade das Gegenteil. Es kommt nur auf einen scharfen Verstand an, nicht auf Glück. Jeder kleine Mann, der geschnappt wird und vor die Geschworenen kommt, beklagt sich darüber, daß er Pech hatte. Die klugen Leute verlassen sich nicht auf Glück. Sie sind vorsichtig, so daß sie es nicht brauchen.«

»Nehmen wir aber nun einmal an, bei dem Empfang von Lord Mead hätte diese Miß Gribble es sich in den Kopf gesetzt, Sie am Arm zu packen, als das Licht ausging? Hätten Sie das auch Pech genannt?«

»Sie meinen, daß es ein Pech für Miß Gribble gewesen wäre. Ich gehe niemals unvorbereitet zu solchen Gesellschaften.«

»Hatten Sie denn eine Pistole bei sich?«

»Um Himmels willen, nein! Glauben Sie denn, ich hätte noch die geringste Aussicht auf ein Entkommen, wenn ich Lärm machte und einen Schuß abfeuerte? Ich habe etwas viel Nützlicheres als eine Schußwaffe in meiner Handtasche. Das wirkt immer. Sie hätte nur einen kleinen Schmerz im Arm gefühlt, und bevor ich das Haus verlassen hätte, wäre sie schon tot gewesen.«

»Das klingt ja sehr interessant. Was hatten Sie denn bei sich?«

»Eine Spritze mit Blausäure. Auf dem Empfang wäre es unmöglich gewesen, ihr noch zu helfen. Ein gewöhnliches Gift kann man durch Gegengifte unschädlich machen, aber was ich gebrauche, hat eine viel stärkere Wirkung, und die hätte ich an Miß Gribble erprobt, wenn sie mich angehalten hätte. Wollen Sie das vielleicht Glück nennen?«

»Der Richter würde es als einen Mord bezeichnen. Aber wie wäre es, wenn wir ein wenig an die frische Luft gingen? Hier drinnen ist es sehr schwül.«

»Ich komme gern mit.«

»Wissen Sie hier in der Gegend Bescheid?«

»Wir brauchen nicht auf die Straße zu gehen, wir können im Park bleiben. Der ist groß genug.«

Sie riegelten die Hintertür auf und gingen über einen mit Steinplatten belegten Hof. Die Sonne war dem Untergang nahe, und die Bäume warfen lange Schatten. Auf der anderen Seite des Hofes lag ein verwilderter Garten. Überall wuchs Unkraut, und die Wege waren nicht in Ordnung gehalten. Sie gingen durch den Garten, öffneten eine Schwingtür und kamen dann an eine Hürde. Jenseits sahen sie ein Gehölz, das sich dunkel vom Himmel abhob. Die Temperatur war gefallen, die Luft dünn.

»Ich habe keine große Lust mehr, noch länger draußen umherzuwandern«, sagte Mariel nach einer Weile. »Ich möchte wieder ins Warme. Kommen Sie mit.«

»Ich möchte Sie noch um eins bitten«, bemerkte Mick, als sie umkehrten. »Wenn Sie sehen, daß es zwischen mir und Alibi wieder zum Streit kommt, dann stiften Sie doch Frieden. Ich will meine Zeit nicht unnötig damit verschwenden, daß ich mich mit ihm herumzanke.«

»Ach, kümmern Sie sich doch nicht um den, Pete. Der redet immer nur ins Blaue hinein. Er ist ebenso gefährlich wie eine zahme Maus. Vermeiden Sie dagegen einen Streit mit Clancy. Der sieht nicht so gefährlich aus, ist aber ebenso schlimm wie Maddick, wenn er erst einmal anfängt. Ich kenne ihn einigermaßen, und ich warne Sie beizeiten. Bis jetzt ist er noch nicht ärgerlich auf Sie, denn er kann Delaney nicht leiden. Daß Sie den zu Boden geschlagen haben, hat Clan gefallen. Aber denken Sie deshalb ja nicht, daß er schon Ihr Freund ist.«

»Dann ist er wohl sehr veränderlich in seinen Stimmungen?«

»Mehr als das. Es ist sehr schwer mit ihm auszukommen, Pete.«

»Sie scheinen ihn ja sehr gut zu kennen.«

»Das versteht sich. Er ist mein Mann.«

»Herzlichen Glückwunsch. Aber warum erzählen Sie mir das alles?«

»Nun, vielleicht brauche ich in den nächsten Tagen einmal Ihre Hilfe. Denken Sie daran, daß ich Ihnen einen guten Rat gegeben habe.«

»Das überrascht mich, Mariel. Ich dachte, Sie hätten bei dieser Gesellschaft das meiste zu sagen.«

»Dann denken Sie noch einmal nach. Wer unter Maddick arbeitet, kann immer nur für ein paar Stunden voraussehen und weiß nie genau, wie er steht.«

»Das ist ja gerade nicht sehr angenehm.«

Als sie ins Haus zurückkehrten, war Kane eingeschlafen. Clancy saß auf einem Stuhl und las eine Zeitung, Delaney schaute zum Fenster hinaus. Keiner kümmerte sich darum, daß die beiden wieder hereinkamen. Langsam vergingen die Minuten. Cardby dehnte und reckte sich. Er hätte am liebsten etwas unternommen.

Plötzlich klingelte das Telephon, und Clancy nahm den Hörer ab.

Sie hörten weiter nichts als: »Ja … ja … ja …« Clancy schien nichts anderes zu wissen. Eine Unterhaltung konnte man das nicht nennen, es war eher ein Monolog von Maddick, der etwa vier Minuten sprach. Schließlich legte Clancy den Hörer hin und rüttelte Kane an der Schulter.

»Wachen Sie auf. Jetzt müssen alle zuhören.«

Tommy rieb sich die Augen. Clancy lehnte sich mit dem Rücken an den Kamin.

»Eben war Maddick am Telephon«, begann er überflüssigerweise. »Um acht will er hier sein, und er hat mir gesagt, was wir tun sollen. Zunächst soll ich noch einmal allen mitteilen, daß es mit jedem aus ist, der seine Anordnungen nicht ausführt. Um acht kommt er mit dem Wagen hier an, und wir sollen uns alle in diesem Zimmer aufhalten. Unter keinen Umständen darf jemand zur Haustür gehen. Er hat einen Schlüssel und kann sich selbst einlassen. Diese Tür muß geschlossen bleiben. Sobald wir den Wagen hören, sollen wir das Licht ausmachen. Maddick kommt dann in die Halle und wird mit uns sprechen. Wenn er fertig und abgefahren ist, können wir das Licht wieder einschalten. Das ist alles.«

»Warten Sie mal«, sagte Delaney. »Wir können dadurch leicht in Schwierigkeiten kommen. Wenn es überall dunkel ist, sehen wir ihn ja nicht, und wie sollen wir wissen, daß es wirklich Maddick ist?«

»Das habe ich noch vergessen. Wir werden ihn an zwei Dingen erkennen. Erstens wird er zweimal hupen, wenn er vor der Haustür ankommt, zweitens unsere Namen aufrufen. Ich denke, das genügt.«

»Und was sollen wir tun, wenn er fort ist?« fragte Mick.

»Zum Teufel, wie soll ich das wissen, bis er es uns gesagt hat?«

»Ja, ganz recht. Aber was machen wir, bis er kommt?«

»Wir setzen uns hin, legen die Hände in den Schoß und drehen die Daumen.«

»Ich glaube nicht, daß ich das tue, Clancy. Ich habe das Stillsitzen sowieso satt. Ich gehe draußen im Park spazieren.«

»Sie kommen nicht lebendig zurück, wenn Sie das tun. Was glauben Sie denn! Herumlaufen, während wir auf Maddicks Ankunft warten! Sie bleiben hier im Zimmer.«

»Schön, soll mir auch recht sein. Wie ist es, wollen wir noch ein Glas trinken?«


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