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Das Gespenst

Ich verlasse die Lilie.

Ich gehe rasch heim, und die Gedanken an den N, den es nicht mehr gibt, lassen mich nicht los.

Sie begleiten mich in mein Zimmer, in mein Bett.

Ich muß schlafen!

Ich will schlafen!

Aber ich schlafe nicht ein –

Immer wieder höre ich den N: »Sie haben es ja ganz vergessen, Herr Lehrer, daß Sie mitschuldig sind an meiner Ermordung. Wer hat denn das Kästchen erbrochen – ich oder Sie? Hatte ich Sie denn damals nicht gebeten: Helfen Sie mir, Herr Lehrer, ich habs nämlich nicht getan – aber Sie wollten einen Strich durch eine Rechnung ziehen, einen dicken Strich – ich weiß, ich weiß, es ist vorbei!«

Ja, es ist vorbei.

Die Stunden gehen, die Wunden stehen.

Immer rascher werden die Minuten –

Sie laufen an mir vorbei.

Bald schlägt die Uhr.

»Herr Lehrer«, höre ich wieder den N, »erinnern Sie sich an eine Geschichtsstunde im vorigen Winter. Wir waren im Mittelalter, und da erzählten Sie, daß der Henker, bevor er zur Hinrichtung schritt, den Verbrecher immer um Verzeihung bat, daß er ihm nun ein großes Leid antun müsse, denn eine Schuld kann nur durch Schuld getilgt werden.«

Nur durch Schuld?

Und ich denke: bin ich ein Henker?

Muß ich den T um Verzeihung bitten?

Und ich werd die Gedanken nicht mehr los –

Ich erhebe mich –

»Wohin?«

»Am liebsten weg, gleich weit weg –«

»Halt!«

Er steht vor mir, der N.

Ich komm durch ihn nicht durch.

Ich mag ihn nicht mehr hören!

Er hat keine Augen, aber er läßt mich nicht aus den Augen.

Ich mache Licht und betrachte den Lampenschirm.

Er ist voll Staub.

Immer muß ich an den T denken.

Er schwimmt um den Köder – oder?

Plötzlich fragt der N:

»Warum denken Sie nur an sich?«

»An mich?«

»Sie denken immer nur an den Fisch. Aber der Fisch, Herr Lehrer, und Sie, das ist jetzt ein und dasselbe.«

»Dasselbe?!«

»Sie wollen ihn doch fangen – nicht?« »Ja, gewiß – aber wieso sind ich und er ein und dasselbe?«

»Sie vergessen den Henker, Herr Lehrer – den Henker, der den Mörder um Verzeihung bittet. In jener geheimnisvollen Stunde, da eine Schuld durch eine andere Schuld getilgt wird, verschmilzt der Henker mit dem Mörder zu einem Wesen, der Mörder geht gewissermaßen im Henker auf – begreifen Sie mich, Herr Lehrer?«

Ja, ich fange allmählich an zu begreifen –

Nein, jetzt will ich nichts mehr wissen!

Hab ich Angst?

»Sie sind noch imstand und lassen ihn wieder schwimmen«, höre ich den N. »Sie beginnen ja sogar schon, ihn zu bedauern –« Richtig, seine Mutter hat für mich keine Zeit –

»Sie sollen aber auch an meine Mutter denken, Herr Lehrer, und vor allem an mich! Auch wenn Sie nun den Fisch nicht meinetwegen, sondern nur wegen des Mädels fangen, wegen eines Mädels, an das Sie gar nicht mehr denken –«

Ich horche auf.

Er hat recht, ich denke nicht an sie –

Schon seit vielen Stunden.

Wie sieht sie denn nur aus?

Es wird immer kälter.

Ich kenne sie ja kaum –

Gewiß, gewiß, ich sah sie schon mal ganz, aber das war im Mond, und die Wolken deckten die Erde zu – doch was hat sie nur für Haare? Braun oder blond?

Komisch, ich weiß es nicht.

Ich friere.

Alles schwimmt davon –

Und bei Gericht?

Ich weiß nur noch, wie sie mir zunickte, bevor sie die Wahrheit sagte, aber da fühlte ich, ich muß für sie da sein.

Der N horcht auf.

»Sie nickte Ihnen zu?«

»Ja.«

Und ich muß an ihre Augen denken.

»Aber Herr Lehrer, sie hat doch keine solchen Augen! Sie hat ja kleine, verschmitzte, unruhige, immer schaut sie hin und her, richtige Diebsaugen!«

»Diebsaugen?«

»Ja.«

Und plötzlich wird er sonderbar feierlich.

»Die Augen, Herr Lehrer, die Sie anschauten, waren nicht die Augen des Mädels. Das waren andere Augen.«

»Andere?«

»Ja.«


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