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Der Fisch

»Nun«, fährt der Präsident fort, Eva zu verhören, »du hast also den N mit diesem Steine hier verfolgt?«

»Ja.«

»Und du wolltest ihn erschlagen?«

»Aber ich tat es nicht!«

»Sondern?«

»Ich habs ja schon gesagt, es kam ein fremder Junge, der stieß mich zu Boden und lief mit dem Stein dem N nach.«

»Wie sah denn dieser fremde Junge aus?«

»Es ging alles so rasch, ich weiß es nicht –«

»Ach, der große Unbekannte!« spöttelt der Staatsanwalt.

»Würdest du ihn wiedererkennen?« läßt der Präsident nicht locker.

»Vielleicht. Ich erinner mich nur, er hatte helle, runde Augen. Wie ein Fisch.«

Das Wort versetzt mir einen Hieb.

Ich springe auf und schreie: »Ein Fisch?!«

»Was ist Ihnen?« fragt der Präsident und wundert sich.

Alles staunt.

Ja, was ist mir denn nur?

Ich denke an einen illuminierten Totenkopf.

Es kommen kalte Zeiten, höre ich Julius Caesar, das Zeitalter der Fische. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches.

Zwei helle, runde Augen sehen mich an. Ohne Schimmer, ohne Glanz.

Es ist der T. Er steht an dem offenen Grabe.

Er steht auch im Zeltlager und lächelt leise, überlegen spöttisch.

Hat er es schon gewußt, daß ich das Kästchen erbrochen hab?

Hat auch er das Tagebuch gekannt?

Ist er dem Z nachgeschlichen und dem N?

Er lächelt seltsam starr.

Ich rühre mich nicht.

Und wieder fragt der Präsident: »Was ist Ihnen?«

Soll ich es sagen, daß ich an den T denke?

Unsinn!

Warum sollte denn der T den N erschlagen haben? Es fehlt doch jedes Motiv –

Und ich sage: »Verzeihung, Herr Präsident, aber ich bin etwas nervös.«

»Begreiflich!« grinst der Staatsanwalt.

Ich verlasse den Saal.

Ich weiß, sie werden den Z freisprechen und das Mädel verurteilen. Aber ich weiß auch, es wird sich alles ordnen.

Morgen oder übermorgen wird die Untersuchung gegen mich eingeleitet werden.

Wegen Irreführung der Behörde und Diebstahlsbegünstigung.

Man wird mich vom Lehramt suspendieren.

Ich verliere mein Brot.

Aber es schmerzt mich nicht.

Was werd ich fressen?

Komisch, ich hab keine Sorgen.

Die Bar fällt mir ein, in der ich Julius Caesar traf. Sie ist nicht teuer.

Aber ich besaufe mich nicht.

Ich geh heim und leg mich nieder.

Ich hab keine Angst mehr vor meinem Zimmer. Wohnt er jetzt auch bei mir?


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