Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Besuch

Heute vormittag bekam ich Besuch. Ich habe ihn nicht sogleich wiedererkannt, es war der Pfarrer, mit dem ich mich mal über die Ideale der Menschheit unterhalten hatte.

Er trat ein und trug Zivil, dunkelgraue Hosen und einen blauen Rock.

Ich stutzte. Ist er weggelaufen?

»Sie wundern sich«, lächelt er, »daß ich Zivil trage, aber das trage ich meistens, denn ich stehe zu einer besonderen Verfügung – kurz und gut: meine Strafzeit ist vorbei, doch reden wir mal von Ihnen! Ich habe Ihre tapfere Aussage in den Zeitungen gelesen und wäre schon früher erschienen, aber ich mußte mir erst Ihre Adresse beschaffen. Übrigens: Sie haben sich stark verändert, ich weiß nicht wieso, aber irgend etwas ist anders geworden an Ihnen. Richtig, Sie sehen viel heiterer aus!«

»Heiterer?«

»Ja. Sie dürfen auch froh sein, daß Sie das mit dem Kästchen gesagt haben, auch wenn Sie jetzt die halbe Welt verleumdet. Ich habe oft an Sie gedacht, obwohl oder weil Sie mir damals sagten, Sie glaubten nicht an Gott. Inzwischen werden Sie ja wohl angefangen haben, etwas anders über Gott zu denken –«

Was will er? denke ich und betrachte ihn mißtrauisch.

»Ich hätte Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen, aber zunächst beantworten Sie mir, bitte, zwei Fragen. Also erstens: Sie sind sich wohl im klaren darüber, daß Sie, selbst wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Sie niederschlagen sollte, nie wieder an irgendeiner Schule dieses Landes unterrichten werden?«

»Ja, darüber war ich mir schon im klaren, bevor ich die Aussage machte.«

»Das freut mich! Und nun zweitens: wovon wollen Sie jetzt leben? Ich nehme an, daß Sie keine Sägewerksaktien besitzen, da Sie sich ja damals so heftig für die Heimarbeiter einsetzten, für die Kinder in den Fenstern – erinnern Sie sich?«

Ach, die Kinder in den Fenstern! Die hatte ich ja ganz vergessen!

Und das Sägewerk, das nicht mehr sägt –

Wie weit liegt das alles zurück!

Und ich sage: »Ich habe nichts. Und ich muß auch meine Eltern unterstützen.«

Er sieht mich groß an und sagt dann nach einer kleinen Pause: »Ich hätte eine Stellung für Sie.«

»Was?! Eine Stellung?!«

»Ja, aber in einem anderen Land.«

»Wo?«

»In Afrika.«

»Bei den Negern?« Es fällt mir ein, daß ich »der Neger« heiße, und ich muß lachen.

Er bleibt ernst.

»Warum finden Sie das so komisch? Neger sind auch nur Menschen!«

Wem erzählen Sie das? möchte ich ihn fragen, aber ich sage nichts dergleichen, sondern höre es mir an, was er mir vorschlägt: ich könnte Lehrer werden, und zwar in einer Missionsschule.

»Ich soll in einen Orden eintreten?«

»Das ist nicht notwendig.«

Ich überlege. Heute glaube ich an Gott, aber ich glaube nicht daran, daß die Weißen die Neger beglücken, denn sie bringen ihnen Gott als schmutziges Geschäft.

Und ich sage es ihm.

Er bleibt ganz ruhig.

»Das hängt lediglich von Ihnen ab, ob Sie Ihre Sendung mißbrauchen, um schmutzige Geschäfte machen zu können.«

Ich horche auf. Sendung?

»Jeder Mensch hat eine Sendung«, sagt er.

Richtig!

Ich muß einen Fisch fangen.

Und ich sage dem Pfarrer, ich werde nach Afrika fahren, aber nur dann, wenn ich das Mädchen befreit haben werde.

Er hört mir aufmerksam zu.

Dann sagt er:

»Wenn Sie glauben zu wissen, daß der fremde Junge es tat, dann müssen Sie es seiner Mutter sagen. Die Mutter muß alles hören. Gehen Sie gleich zu ihr hin« –


 << zurück weiter >>