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Der Köder

Zu Hause liegt wieder ein blaues Kuvert. Aha, der Klub!

Sie werden bestimmt wieder nichts vermerkt haben ich öffne und lese:

»Achter Bericht des Klubs. Gestern nachmittag war der T im Kristall-Kino. Als er das Kino verließ, sprach er mit einer eleganten Dame, die er drinnen getroffen haben mußte. Er ging dann mit der Dame in die Y-Straße Nummer 67. Nach einer halben Stunde erschien er mit ihr wieder im Haustor und verabschiedete sich von ihr. Er ging nach Hause. Die Dame sah ihm nach, schnitt eine Grimasse und spuckte ostentativ aus. Es ist möglich, daß es keine Dame war. Sie war groß und blond, hatte einen dunkelgrünen Mantel und einen roten Hut. Sonst wurde nichts vermerkt.«

Ich muß grinsen.

Ach, der T wird galant; aber das interessiert mich nicht. Warum schnitt sie eine Grimasse?

Natürlich war sie keine Dame, doch warum spuckte sie ostentativ aus?

Ich geh mal hin und frage sie.

Denn ich will jetzt jede Spur verfolgen, jede winzigste, unsinnigste –

Wenn er nicht anbeißt, wird man ihn wohl mit einem Netz fangen müssen, mit einem Netz aus feinsten Maschen, durch die er nicht schlüpfen kann.

Ich gehe in die Y-Straße 67 und frage die Hausmeisterin nach einer blonden Dame –

Sie unterbricht mich sofort: »Das Fräulein Nelly wohnt Tür siebzehn.«

In dem Hause wohnen kleine Leute, brave Bürger. Und ein Fräulein Nelly.

Ich läute an Tür siebzehn. Eine Blondine öffnet und sagt: »Servus! Komm nur herein!«

Ich kenne sie nicht.

Im Vorzimmer hängt der dunkelgrüne Mantel, auf dem Tischchen liegt der rote Hut. Sie ist es.

Jetzt wird sie böse werden, daß ich nur wegen einer Auskunft komme. Ich verspreche ihr also ein Honorar, wenn sie mir antwortet. Sie wird nicht böse, sondern mißtrauisch. Nein, ich bin kein Polizist, versuche ich zu beruhigen, ich möchte ja nur wissen, warum sie gestern hinter dem Jungen ausgespuckt hat?

»Zuerst das Geld«, antwortet sie.

Ich gebe es ihr.

Sie macht sichs auf dem Sofa bequem und bietet mir eine Zigarette an.

Wir rauchen.

»Ich rede nicht gern darüber«, sagt sie.

Sie schweigt noch immer.

Plötzlich legt sie los: »Warum ich ausgespuckt hab, ist bald erklärt: es war eben einfach ekelhaft! Widerlich!« Sie schüttelt sich.

»Wieso?«

»Stellen Sie sich vor, er hat dabei gelacht!«

»Gelacht?«

»Es ist mir ganz kalt heruntergelaufen, und dann bin ich so wild geworden, daß ich ihm eine Ohrfeige gegeben hab! Da ist er gleich vor den Spiegel gerannt und hat gesagt: es ist nicht rot! Immer hat er nur beobachtet, beobachtet! Wenns nach mir ging, würd ich ja diesen Kerl nie mehr anrühren, aber leider werde ich nochmal das Vergnügen haben müssen –«

»Nochmal? Wer zwingt Sie denn dazu?«

»Zwingen lasse ich mich nie, nicht die Nelly! Aber ich erweise damit jemand einen freiwilligen Gefallen, wenn ich mich mit dem Ekel noch einmal einlaß – ich muß sogar so tun, als wär ich in ihn verliebt!«

»Sie erweisen damit jemandem einen Gefallen?«

»Ja, weil ich eben diesem jemand auch sehr zu Dank verpflichtet bin.«

»Wer ist das?«

»Nein, das darf ich nicht sagen! Das sagt die Nelly nicht! Ein fremder Herr.«

»Aber was will denn dieser fremde Herr?«

Sie sieht mich groß an und sagt dann langsam:

»Er will einen Fisch fangen.«

Ich schnelle empor und schreie: »Was?! Einen Fisch?!« Sie erschrickt sehr.

»Was ist Ihnen?« fragt sie und drückt rasch ihre Zigarette aus. »Nein – nein, jetzt spricht die Nelly kein Wort mehr! Mir scheint, Sie sind ein Verrückter! Gehen wir, gehen wir! Adieu!«

Ich gehe und torkle fast, ganz wirr im Kopf.

Wer fängt den Fisch?

Was ist los?

Wer ist dieser fremde Herr?


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