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Schleier

Der Präsident des Jugendgerichtshofes betritt den Saal, und alles erhebt sich. Er setzt sich und eröffnet die Verhandlung.

Ein freundlicher Großpapa.

Die Anklageschrift wird verlesen.

Z wird nicht des Totschlags, sondern des Mordes angeklagt, und zwar des meuchlerischen.

Der Großpapa nickt, als würde er sagen: »Oh, diese Kinder!«

Dann wendet er sich dem Angeklagten zu.

Z erhebt sich.

Er gibt seine Personalien an und ist nicht befangen.

Nun soll er in freier Rede sein Leben erzählen. Er wirft einen scheuen Blick auf seine Mutter und wird befangen.

Es wäre so gewesen wie bei allen Kindern, fängt er dann leise an. Seine Eltern wären nicht besonders streng gewesen, wie eben alle Eltern. Sein Vater sei schon sehr bald gestorben.

Er ist das einzige Kind.

Die Mutter führt ihr Taschentuch an die Augen, aber oberhalb des Schleiers.

Ihr Sohn erzählt, was er werden wollte – ja, er wollte mal ein großer Erfinder werden. Aber er wollte nur Kleinigkeiten erfinden, wie zum Beispiel: einen neuartigen Reißverschluß.

»Sehr vernünftig«, nickte der Präsident. »Aber wenn du nichts erfunden hättest?«

»Dann wäre ich Flieger geworden. Postflieger. Am liebsten nach Übersee.«

Zu den Negern? muß ich unwillkürlich denken.

Und wie der Z so von seiner ehemaligen Zukunft spricht, rückt die Zeit immer näher und näher – bald wird er da sein, der Tag, an dem der liebe Gott kam.

Der Z schildert das Lagerleben, das Schießen, Marschieren, das Hissen der Flagge, den Feldwebel und mich. Und er sagt einen sonderbaren Satz: »Die Ansichten des Herrn Lehrers waren mir oft zu jung.«

Der Präsident staunt.

»Wieso?«

»Weil der Herr Lehrer immer nur sagte, wie es auf der Welt sein sollte, und nie, wie es wirklich ist.«

Der Präsident sieht den Z groß an. Fühlt er, daß nun ein Gebiet betreten wurde, wo das Radio regiert? Wo die Sehnsucht nach der Moral zum alten Eisen geworfen wird, während man vor der Brutalität der Wirklichkeit im Staube liegt? Ja, er scheint es zu fühlen, denn er sucht nach einer günstigen Gelegenheit, um die Erde verlassen zu können. Plötzlich fragt er den Z: »Glaubst du an Gott?«

»Ja«, sagt der Z, ohne zu überlegen.

»Und kennst du das fünfte Gebot?«

»Ja.«

»Bereust du deine Tat?«

Es wird sehr still im Saal.

»Ja«, meint der Z, »ich bereue sie sehr.«

Sie klang aber unecht, die Reue.

Das Verhör wandte sich dem Mordtag zu.

Die Einzelheiten, die bereits jeder kannte, wurden abermals durchgekaut.

»Wir sind sehr früh fortmarschiert«, erzählt der Z zum hundertstenmal, »und sind dann bald in einer Schwarmlinie durch das Dickicht gegen einen Höhenzug vorgerückt, der von dem markierten Feinde gehalten wurde. In der Nähe der Höhlen traf ich zufällig den N. Es war auf einem Felsen. Ich hatte eine riesige Wut auf den N, weil er mein Kästchen erbrochen hat. Er hat es zwar geleugnet –«

»Halt!« unterbricht ihn der Präsident. »Der Herr Lehrer hat es hier in den Akten vor dem Untersuchungsrichter zu Protokoll gegeben, daß du ihm gesagt hättest, der N hätte es dir gestanden, daß er das Kästchen erbrochen hat.«

»Das hab ich nur so gesagt.«

»Warum?«

»Damit kein Verdacht auf mich fällt, wenn es herauskommt.«

»Aha. Weiter!«

»Wir gerieten also ins Raufen, ich und der N, und er warf mich dabei fast den Felsen hinab – da wurde es mir rot vor den Augen, und ich sprang wieder empor und warf ihm den Stein hinauf.«

»Auf dem Felsen?«

»Nein.«

»Sondern wo?«

»Das hab ich vergessen.«

Er lächelt.

Es ist nichts aus ihm herauszubekommen.

Er erinnert sich nicht mehr.

»Und wo setzt sie wieder ein, deine Erinnerung?«

»Ich ging ins Lager zurück und schrieb es in mein Tagebuch hinein, daß ich mit dem N gerauft habe.«

»Ja, das ist die letzte Eintragung, aber du hast den letzten Satz nicht zu Ende geschrieben.«

»Weil mich der Herr Lehrer gestört hat.«

»Was wollte er von dir?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nun, er wird es uns schon erzählen.«

Auf dem Gerichtstisch liegt das Tagebuch des Z, ein Bleistift und ein Kompaß. Und ein Stein.

Der Präsident fragt den Z, ob er den Stein wiedererkenne?

Der Z nickt ja.

»Und wem gehört der Bleistift, der Kompaß?«

»Die gehören nicht mir.«

»Sie gehören dem unglücklichen N«, sagt der Präsident und blickt wieder in die Akten. »Doch nein! Nur der Bleistift gehört dem N! Warum sagst du es denn nicht, daß der Kompaß dir gehört?«

Der Z wird rot.

»Ich hab es vergessen«, entschuldigt er sich leise.

Da erhebt sich der Verteidiger: »Herr Präsident, vielleicht gehört der Kompaß wirklich nicht ihm.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Damit will ich sagen, daß dieser fatale Kompaß, der dem N nicht gehört, vielleicht auch dem Z nicht gehört, sondern vielleicht einer dritten Person. Bitte mal den Angeklagten zu fragen, ob wirklich niemand dritter dabei war, als die Tat geschah.«

Er setzte sich wieder, und der Z wirft einen kurzen, feindseligen Blick auf ihn.

»Es war keinerlei dritte Person dabei«, sagt er fest.

Da springt der Verteidiger auf: »Wieso erinnert er sich so fest daran, daß keine dritte Person dabei war, wenn er sich überhaupt nicht erinnern kann, wann, wie und wo die Tat verübt wurde?!«

Aber nun mischt sich auch der Staatsanwalt ins Gespräch.

»Der Herr Verteidiger will anscheinend darauf hinaus«, meint er ironisch, »daß nicht der Angeklagte, sondern der große Unbekannte den Mord vollführte. Jawohl, der große Unbekannte –«

»Ich weiß nicht«, unterbricht ihn der Verteidiger, »ob man ein verkommenes Mädchen, das eine Räuberbande organisierte, ohne weiteres als große Unbekannte bezeichnen darf –«

»Das Mädel war es nicht«, fällt ihm der Staatsanwalt ins Wort, »sie wurde weiß Gott eingehend genug verhört, wir werden ja auch den Herrn Untersuchungsrichter als Zeugen hören – abgesehen davon, daß ja der Angeklagte die Tat glatt zugibt, er hat sie sogar sogleich zugegeben, was auch in gewisser Hinsicht für ihn spricht. Die Absicht der Verteidigung, die Dinge so hinzustellen, als hätte das Mädchen gemordet und als würde der Z sie nur decken, führt zu Hirngespinsten!«

»Abwarten!« lächelt der Verteidiger und wendet sich an den Z:

»Steht es nicht schon in deinem Tagebuch, sie nahm einen Stein und warf ihn nach mir – und wenn der mich getroffen hätte, dann wär ich jetzt hin?«

Der Z sieht ihn ruhig an. Dann macht er eine wegwerfende Geste.

»Ich hab übertrieben, es war nur ein kleiner Stein.«

Und plötzlich gibt er sich einen Ruck.

»Verteidigen Sie mich nicht mehr, Herr Doktor, ich möchte bestraft werden für das, was ich tat!«

»Und deine Mutter?« schreit ihn sein Verteidiger an. »Denkst du denn gar nicht an deine Mutter, was die leidet?! Du weißt ja nicht, was du tust!«

Der Z steht da und senkt den Kopf.

Dann blickt er auf seine Mutter. Fast forschend.

Alle schauen sie an, aber sie können nichts sehen vor lauter Schleier.


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