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Vierundzwanzigstes Kapitel.
Eine beglückende Wendung


Der Beisetzung des Verewigten beizuwohnen, die nach einigen Tagen in aller Stille erfolgte, war unsern Freunden nicht mehr vergönnt. Mit demselben Tage, an dem die Seele des Staatsrates ihre sterbliche Hülle verließ, erreichte der Aufenthalt der Russen in Kassel sein Ende.

Auf die Nachricht, daß ein französisches Korps von Frankfurt her im Anmarsche sei, hatte Czernitscheff sich zum Rückzuge entschlossen. In der Stille der Nacht erfolgte der Aufbruch.

Die Freunde hatten, von den Frauen mit Windlichtern auf die Straße begleitet, ihre Pferde bestiegen. Während Friedrich mit der Mutter ernste Abschiedsgrüße tauscht, beugt Herr von Gehren sich flüsternd zu der Schwester herab:

»Ich weiß es, mein Fräulein, Ihre Gebete begleiten uns. Mögen nach unserem Abzuge die Franzosen auch wiederkehren und für den Augenblick noch einmal die Herren spielen im Lande, zweifeln Sie nicht: die Tage der Fremdherrschaft sind zu Ende. Auch Ihrem Vaterlande bricht die Morgenröte der Freiheit an. Und wenn dann – vorausgesetzt, daß es Gott uns beiden vergönnt, aus diesem gerechtesten aller Kriege gesund wieder heimzukehren – auch der Freund Ihres Herrn Bruders zum andernmal Ihre Schwelle betreten wird, darf er, mein teures Fräulein, wohl Ihres freundlichen Willkomms versichert sein?«

Unter Tränen lächelnd sah Emilie zu dem ernsten Manne auf.

»Sie dürfen es,« hauchte sie und reichte ihm die Hand. »Gott behüte Sie – Sie und meinen Bruder!«

Signalhörner erklangen. Mit freudigem Gewieher begrüßten die Rosse den wohlbekannten Klang. Mit Tüchern und Händen winkten die Scheidenden einander den letzten Gruß, zum letztenmale tauschten ihre Lippen ein Lebewohl – und die Reiter sprengten die Gasse hinab. Noch sahen ihnen mit tränenden Augen unsere Freundinnen nach, da durchzitterte das Dunkel ein schimmernder Strahl. Mutter und Tochter schauten empor: aus Wolken vorbrechend, funkelte am Himmel der Morgenstern. Der Anblick bewegte sie wundersam; sollte es eine Vorbedeutung sein? Trotz Trennungsschmerz und Abschiedsweh von einer wunderbaren Hoffnung belebt, kehrten beide ins Haus zurück.

Wer aber beschreibt das Erstaunen der Kasselaner, als am Morgen keiner der fremden Krieger, weder Kosak noch Husar mehr zu sehen war. Sie waren weg, wie vom Winde verweht!

Was Friedrich übrigens vorausgesehen hatte, trat ein. Kaum ist je eine unheilvollere Proklamation in ein Land geschleudert worden als jene, in der ein einfacher Kosakenführer ein ganzes Königreich kurzweg für aufgelöst erklärte. Eine vollständige Anarchie drohte hereinzubrechen über das Land. Allenthalben kam jetzt der lange verhaltene Grimm des Volkes gegen die Fremden und deren Helfershelfer zum Ausbruche. Besonders die Steuerbeamten, die Gendarmen und andere Diener der öffentlichen Ordnung bekamen die Wut der Menge zu fühlen. Sie wurden verhöhnt und beschimpft, mißhandelt und durchgeprügelt, wo sie sich blicken ließen. In Kassel selbst war es ruhig. Dort hielt Major Bödiker, von allen wohlgesinnten Einwohnern der Stadt unterstützt, mit kräftiger Hand die Ordnung aufrecht. Ein sogenannter Assistenzrat, aus den angesehensten Bürgern erwählt, stand ihm zur Seite. Ein schöner Dank ward den Herren jedoch, als am 7. Oktober General Alix mit einer Truppenabteilung seinen abermaligen Einzug hielt; sie wurden sofort sämtlich verhaftet, in elende Kerker geworfen und mit dem Tode des Erschießens bedroht. Ein furchtbares Schreckensregiment hatte abermals seinen Anfang genommen. Erst als am 16. Oktober auch Jérome – von Montabaur und Koblenz, wo er derweile residiert hatte – noch einmal zurückkehrte, sah sich Alix genötigt, mildere Saiten aufzuziehen. Dank den Vorstellungen, die Minister Reinhard erhob, gab der König den Gefangenen die Freiheit wieder, doch nicht, ohne zugleich den General Alix für seinen Eifer durch ein besonderes Anerkennungsdekret, durch eine reiche Dotation und durch die Ernennung zum Grafen von Freudental zu belohnen. Die Minister – mit Ausnahme Simeons, der nach Frankreich zurückgekehrt war – nahmen ihre Tätigkeit wieder auf; alles schien wieder im alten Geleise zu gehen – dennoch wußte jeder: dem Königreiche hatte sein Stündlein geschlagen. Der endgültige Zusammenbruch stand vor der Tür.

Unsere Freunde waren mittlerweile mit ihren Gefangenen längst wieder bei der Hauptarmee angelangt.

Die Erwartung, die die Generale von Wittgenstein und von Kleist an die Einbringung des Duc de la Garde geknüpft hatten, erfüllte sich nur zum Teil. Daß ein Anschlag gegen das Leben des Preußenkönigs bestanden habe, daran war nach den Schriftstücken, die man bei dem Marquis de Lorne gefunden hatte, füglich nicht wohl zu zweifeln, aber weder aus den von Kassel mitgenommenen Papieren, noch aus den Verhören, die mit den beiden Gefangenen angestellt wurden, ergab sich ein Anhalt, der den Verdacht einer Mitschuld Napoleons oder des Kasseler Hofes gerechtfertigt hätte. Immerhin mochte der Gedanke, durch eine so hochpolitische Tat wie die Ermordung des von Jérome sowohl wie von seinem kaiserlichen Bruder bitter gehaßten Königs sich für alle Zeiten in deren Gunst zu behaupten, für das saubere Paar ein Hauptbeweggrund ihres verbrecherischen Planes gewesen sein. Die Vermutung war um so wahrscheinlicher, als beide über kurz oder lang ihrer Entlarvung gewärtig sein mußten. Denn so wenig Bestimmtes sich auch über die Rolle ermitteln ließ, die der westfälische Hof in der Angelegenheit spielte: wenigstens das, was Emilie von dem Verdachte des Staatsrates gegen den Duc erwähnt hatte, fand bei dem nachfolgenden Prozesse seine volle Bestätigung. Als Spione, Hochverräter und Hochstapler wurden sie im Laufe des Winters in Prag enthauptet. Durch das umfassende Geständnis, das beide vor ihrem Ende noch ablegten, wurde jetzt endlich auch von jenem nächtlichen Ereignis in Vernau der Schleier hinweggezogen; als Haupt einer weitverzweigten Verbrecherbande hatte der Marquis eigenhändig eine Menge bisher unentdeckt gebliebener Einbrüche, darunter auch den in das Pfarrhaus, geleitet. Pfarrer Bohnewald wollte seinen Augen nicht trauen, als er durch die Zeitungen die Kunde bekam. Sein Freund, der Freiherr, hatte einmal auch hier wieder recht behalten …

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Die große Völkerschlacht bei Leipzig war geschlagen. Einen neuen Völkerfrühling verheißend, hatte der gewaltige Sieg den Korsen von der Höhe seiner Macht und seines Ruhmes heruntergestürzt, Deutschlands Völkern die Freiheit von dem drückenden Fremdenjoche gebracht. Zum zweitenmale hatte Jérome die Hauptstadt seines Reiches, und diesmal für immer, verlassen. Niemand weinte ihm eine Träne nach. Wohl wissend, daß die Tage seiner Herrschaft gezählt waren, schien er überhaupt nur gekommen zu sein, um vollends aus Schlössern und Museen noch mitzunehmen, was bei den früheren Transporten vor der Hand noch zurückgeblieben war. Seine späteren Versuche, durch Fürsprache seines Schwiegervaters, des Königs von Württemberg, wieder auf den Thron zu gelangen, schlugen gründlich fehl. Mit den neunzehn Millionen, die er bei aller Verschwendung während seiner fünfjährigen Regierung für sich aus dem Lande herauszuschlagen gewußt und schon lange vor der Katastrophe in sicheren Anlagen in Frankreich untergebracht hatte, setzte er nachmals in Meudon sein üppiges Leben fort. Die feinen Damastgedecke mit dem hessischen Wappen, die er dem Schatze des Kurfürsten entwendet hatte, zierten dort seine Tafel. Das überflüssige Silberzeug hatte er einschmelzen lassen …

Am 21. November hielt Kurfürst Wilhelm seinen Einzug in die Burg seiner Väter. Da gingen allerorten die Wogen der Begeisterung hoch. Auch im Pfarrhause zu Vernau freute man sich der Wendung der Dinge von ganzem Herzen. Dennoch war dem Freudenbecher ein Tropfen Wermut beigemischt; man sorgte um das Leben der Freunde. Seit ihrem Abschiede im Herbste hatte man nichts wieder von ihnen gehört. Mit Sehnsucht harrte man ihrer ersten brieflichen Nachricht entgegen. Sie blieb aus. Wie immer ging Rosa ihren gewohnten häuslichen Geschäften nach, aber ihr fröhliches Lachen war verstummt, und die Farbe wich von ihrem Angesicht. Der Oheim, der den Grund nicht ahnte und eine Krankheit im Anzuge wähnte, beobachtete sie mit geheimer Sorge. Aber auch er ward traurig, wenn er der Freunde gedachte. Der Gedanke, daß sie gefallen seien, gewann mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit.

Die Christwoche war herangekommen. Studierend saß Pfarrer Bohnewald eines Nachmittages an seinem Schreibtische, als ein schwerer Männertritt sich knirschend über den hartgefrorenen Schnee dem Hause näherte. Aufblickend erkannte er den Briefboten. Erwartungsvoll stand er auf. Einen dicken versiegelten Brief in der Hand, trat jener ein. Erregt las der Pfarrer die Aufschrift; sie zeigte die wohlbekannte markige Handschrift des Freiherrn. In freudiger Hast zahlte er dem Boten dankbar den geforderten Betrag, hieß ihn sich in der Küche von Dore eine Tasse Kaffee geben zu lassen und rief nach Rosa.

»Herr Oheim?« schallte es aus den oberen Räumen des Hauses zurück. Im Augenblicke war Rosa bei ihm.

»Was ist es, Herr Ohm?« Eine leise Erregung klang aus ihrer Stimme; sie war auf dem Flure dem Briefboten begegnet.

»Kind, mein Kind,« erwiderte der Oheim fröhlich, »freue Dich mit mir: ein Brief vom Freiherrn ist angekommen. Willst Du ihn hören?«

»Ah!« Ein Zittern durchflog ihren Körper. Tiefaufatmend sank sie auf einen Stuhl. »Bitte, Herr Ohm!« hauchte sie.

Schon hatte jener den Umschlag entfernt. Zwei Briefe fielen heraus. Die markigen Schriftzüge des einen verrieten den Freiherrn als Verfasser, der andere zeigte eine zierlichere Handschrift; Pfarrer Bohnewald sah nach der Unterschrift: »Friedrich von Grandenborn« stand da klar und deutlich geschrieben. »Gottlob,« murmelte er, »sie leben beide.«

Er entfaltete den Brief des Freiherrn. Er enthielt nur wenige Zeilen. Der Pfarrer las:

 

Falkenhagen i. Th., den 18. Dez. 1813.

»Mein lieber teurer Freund,

hiermit die fröhliche Nachricht, daß wir aus der gewaltigen siegreichen Bataille bei Leipzig lebend, wenn auch mit einigen tüchtigen Blessuren, davongekommen sind. Es ging hart her, auf Parole! aber der Sieg ist herrlich! Nun müssen Sie mich aber entschuldigen, daß ich schon aufhöre; erst vor wenigen Tagen nach der Heimat zurückgekehrt, finde ich hier eine Menge Dinge vor, die noch vor dem Feste zu ordnen sind; die Franzmänner, die während des Krieges hier gehaust haben, haben das Oberste zu unterst gekehrt. Wills Gott, findet sich bald Gelegenheit, uns wieder einmal mündlich auszusprechen. Vorläufig wird mein des Schreibens besser gewohnter Freund Ihnen alles, was Ihnen und Fräulein Rosa zu wissen erwünscht sein wird, ausführlicher mitteilen.

Genehmigen Sie, lieber Freund, nebst Ihrer kleinen Fee und der alten Dore die herzlichsten Festgrüße von

Ihrem treuergebenen Freunde
Joachim von Gehren.

Nachschrift. Sollte mein Freund in seinem Briefe, wie ich Grund habe zu vermuten, eine gewisse Bitte äußern, so wollen Sie, lieber Freund, versichert sein, daß auch ich sehr stark an dieser Bitte beteiligt bin und daß ihre Gewährung nächst ihm niemand mehr beglücken würde als

Ihren obengenannten Freund.«

 

Der Pfarrer machte, als er diese Stelle las, große Augen. »Nun, was mag denn das sein?« murmelte er. Er entfaltete den zweiten Brief, überflog die Überschrift und begann zu lesen:

 

»Sie werden, verehrte Freunde, sich wundern, daß Sie unsere Briefe aus Thüringen erhalten, während Sie uns vielleicht längst auf dem Marsche nach dem Rheine, ja nach Frankreich, vermuten. Denn daß wir aus dem blutigen Völkerringen, das in jenen ewig denkwürdigen Tagen vom 16. bis 18. Oktober sich auf Leipzigs Gefilden abgespielt hat, lebend davongekommen sind, verrät Ihnen der Anblick unserer Briefe. Warum, fragen Sie, wir hier, auf dem Schlosse Ihres und meines Freundes, müßig (?) sitzen, während unsere Waffengefährten dem Bonaparte auf den Fersen sind? Nun, ich will Ihnen, so gut es meine zitternde Hand vermag, die Ursache mitteilen.

»Über den Verlauf der furchtbaren Schlacht, des glänzendsten Sieges, der je über einen Usurpator erfochten worden ist, werden Sie aus den Zeitungen das Nötige erfahren haben, sodaß ich mich hier auf die Schilderung dessen beschränken darf, was mein Freund und ich in den Tagen erlebten. Es war an dem ersten jener denkwürdigen Schlachttage, am 16. Oktober. Unser Regiment war eines von denen, die unter den Generalen Wittgenstein und Kleist die feindlichen Stellungen bei Markkleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz im Südosten von Leipzig zu stürmen die Aufgabe hatten. Früh am Morgen waren unsere Heerhaufen zum Angriffe vorgerückt. Markkleeberg und Wachau waren bereits von den Unsern erobert, der Kolmberg bei Liebertwolkwitz von den Oesterreichern besetzt, der Feind in vollem Rückzuge begriffen; so nahe waren wir, wie ich später erfahren habe, bereits an die Stelle herangerückt, wo Napoleon selbst mit seinen Garden Aufstellung genommen hatte, daß mehrere aus seinem Gefolge durch unsere Kanonenkugeln getötet sein sollen – da gebot – es war um die Mittagsstunde – ein unerwartetes Ereignis unserm Vordringen plötzlich Halt. Ungeachtet des ihn umwogenden Schlachtgetümmels hatte Napoleon in seinem Mittelpunkte rechts und links von Wachau in aller Stille aus dem Kerne seines Fußvolks, aus Reiterei und Geschützen zwei furchtbare Schlachthaufen gebildet und diese gerade im entscheidenden Augenblick unter seinen Augen urplötzlich zum Angriffe vorbrechen lassen. Der Angriff geschah so unerwartet und war so stürmisch, daß im Handumdrehen fast alle errungenen Vorteile uns wieder verloren gingen. Wir wurden zurückgeworfen, nur General Kleist vermochte die von ihm errungene Position zu behaupten. Tapfer hielt er in Markkleeberg allen Angriffen stand. Ein wütender Kampf entspann sich in und bei dem Dorfe Güldengossa, das den Stützpunkt unseres Zentrums bildete. Das Dorf, von Abteilungen unserer Infanterie besetzt, mußte um jeden Preis gehalten werden, wenn nicht das ganze Mitteltreffen Gefahr laufen sollte, von den Flügeln abgeschnitten und in das sumpfige Tal der Gosel gestürzt zu werden. Seitwärts hatte unsere Artillerie, daneben unser Regiment, Aufstellung genommen. Auf einem Hügel dicht hinter uns, nur durch den Teich von Güldengossa von unserer Stellung getrennt, hielten die Monarchen, Zar Alexander und der König von Preußen, ein Umstand, der wie nichts anderes geeignet war, die Brust jedes einzelnen unter uns mit todverachtendem Mute zu entflammen. Der entscheidende Augenblick kam. Von dem stürmischen Murat geführt, wogte der französische Schlachtkeil heran. Hinter einem Hügel hervor stürmt seine furchtbare Reiterschar, französische und sächsische Kürassiere, geradeswegs gegen unsere Artillerie, gegen unser Regiment. Im Augenblicke befanden wir uns im erbittertsten Handgemenge. Trotz tapferster Gegenwehr war der Feind mittlerweile in das Dorf gedrungen; schon war eine Anzahl unserer Geschütze erobert, die Bedeckung niedergehauen; unsere Reihen lichteten sich gewaltig; mit jedem Schritte gewann der Feind an Boden – es war zum Verzweifeln. Im Handgemenge mit den Kürassieren hatten einzelne unserer Schwadronen, darunter auch die meinige, unvermerkt die Fühlung mit den anderen verloren. Kämpfend höre ich plötzlich dicht an meinem Ohre die Stimme unsers Freundes: ›Wir sind abgeschnitten, Kamerad. Wir müssen versuchen, uns seitwärts durchzuschlagen, oder wir sind alle verloren!‹ Er schreit seine Befehle in das Getümmel hinein, die Trompeter blasen die Signale zum Sammeln, zum Angriffe – wir schwenken, und mit Hurrah gings von neuem gegen den Feind. In demselben Augenblick erhalte ich einen furchtbaren Hieb über den Arm, gleichzeitig empfinde ich am Kopfe einen schmetternden Schlag. Tausend Funken springen vor meinen Augen, ich verspüre einen dumpfen Schmerz, in meinen Ohren ein Summen und Sausen, dann aber höre und sehe ich gar nichts mehr. Von einem Pistolenschusse durch den Czako getroffen, hatte ich das Bewußtsein verloren. Als ich wieder zu mir kam, war es dunkele Nacht. Ich fand mich auf freiem Felde, neben mir mein treues Roß, das, mit gesenktem Kopfe über mich gebeugt, die Nüstern an meine blutige Wange schmiegte. Über mir flimmerten die Sterne mit mildem Scheine; Feuerschein rötete den Horizont, grausig beleuchteten die Wachtfeuer der ruhenden Heere, die Flammen der in Brand geschossenen Dörfer das Schlachtfeld. Rings um mich höre ich Schmerzgestöhn, das Seufzen der Verwundeten, das Röcheln von Sterbenden. Wie mir in diesem Augenblicke zu Mute war, können Sie sich denken. Zu dem Schmerze, den die brennende Wunde verursachte, gesellte sich noch ein anderer, viel grimmigerer und schwererer, der Schmerz um die vermeintlich verlorene Schlacht. Ich war nahe daran, zum zweitenmale das Bewußtsein zu verlieren. Plötzlich horche ich auf. Aus dem Gestöhne ringsum glaube ich einen trauten Klang zu vernehmen; so laut ich konnte, rief ich den Namen meines Freundes in die Nacht hinaus. Eine matte Stimme aus der Nähe gab Antwort: ›Sind Sie es, Grandenborn?‹ Seltsam, welch Gefühl mich da auf einmal durchströmte. Unter andren Umständen hätte mich gewiß der Gedanke erschreckt, unter den Verwundeten, die hilflos die weite Ebene bedeckten, auch den Freund, ihn vielleicht gar als Sterbenden, zu wissen; statt dessen empfand ich jetzt nur eine lebhafte Freude – ich fühlte mich weniger verlassen, da ich ihn bei mir wußte. ›Ich bin es,‹ rief ich zurück; ›wie kommen Sie hierher?‹ ›Vermutlich auf die nämliche Weise, wie Sie selbst,‹ gab er mit einem Anfluge von Galgenhumor zur Antwort. ›Mein Pferd ward mir unter dem Leibe erschossen, ich selbst bin in der Hüfte verwundet, werde wohl einen Denkzettel für mein Leben bekommen haben, wenn ich überhaupt davon kommen werde. Und wie gehts Ihnen?‹ Ich beschrieb ihm den Unfall und fragte nach dem Schicksal unserer Schwadronen. Er stöhnte. ›Die Hälfte mindestens ist gefallen,‹ sagte er, ›die andern scheinen sich durchgeschlagen zu haben. Die Schlacht muß übrigens gewonnen sein, fallend sah ich noch die donischen Leibgardekosaken des Zaren über das Feld jagen; wie im Traume vernahm ich später Viktoriarufe. Ach, Freund, war das ein Kampf – auf Parole!‹ Er stöhnte wieder. ›Wollte Gott,‹ ächzte er, ›es wäre Tag und die Unsern kämen, uns aufzuheben. Schrecklich, so hilflos zu sein, mich quält ein entsetzlicher Durst.‹ Merkwürdig – hatte das Wort in unsern armen Leidensgenossen, den Verwundeten umher, das Bewußtsein ihrer Lage erweckt, oder wie kam es? – überallher tönt plötzlich in den kläglichsten Lauten der Ruf: ›Wasser, Wasser!‹ über das Feld. Das Jammergeschrei der Verschmachtenden schnitt mir ins Herz. Ich fasse nach meiner Feldflasche, sie ist leer. Ich versuche mich aufzurichten, aber von einem jämmerlichen Gefühle der Ohnmacht übermannt, sank ich zurück. Ach, und nun fühle ich selber auf einmal so einen nagenden brennenden Durst, daß mir ist, als müßte ich auf der Stelle verschmachten, und sehe doch keine Möglichkeit, weder bei mir noch bei andern, das quälende Verlangen zu befriedigen.

»Die Stunden vergingen. Endlich brach der Tag, ein Sonntag, an. Wir wurden gefunden und zuerst nach Güldengossa, wo man uns den ersten Verband anlegte, und von dort auf Leiterwagen nach benachbarten Orten in Lazarette gebracht. Wir beide, unser Freund und ich, waren mit andern nach Borna gekommen. Dort erst fanden wir eine geordnete Verpflegung. In ihrer Freude, ihr so furchtbar heimgesuchtes Land von den Franzosen befreit zu sehen, boten die guten Leute dort alles auf, das Los der armen Verwundeten in ihren Mauern zu erleichtern. Mein Freund und ich hatten darin ganz besonderes Glück. Unter denen, die uns am ersten Tage besuchten, war auch der Amtshauptmann des Städtleins. Ein Herr von bereits vorgerücktem Alter mit ergrauendem Haare, hatte er kaum unsern Freund erblickt, als er in ihm einen alten Waffengefährten aus den früheren Feldzügen am Rheine erkannte. Die Freude des Wiedererkennens war groß. Er ordnete sofort unsere Überführung in seine Wohnung an. Mehrere Wochen haben wir in diesem gastfreundlichen Hause verlebt. Herr und Frau des Hauses, ein zur Zeit kinderloses Ehepaar – ihr einziger Sohn war, kaum fünfzehn Jahre alt, als Lützowscher Jäger vor kurzem in dem Gefecht an der Göhrde gefallen –, wetteiferten miteinander, uns den Aufenthalt auf immer unvergeßlich zu machen. Sie pflegten unser mit einer Sorgfalt, als gewähre es ihnen eine wehmütige Genugtuung, an uns die Liebe zu wenden, die sie dem Verewigten nicht mehr erweisen konnten. So besorgniserregend auch unser Zustand gewesen war – bei solcher Pflege ging die Heilung unserer Wunden wunderbar rasch von statten. Nach Verlauf von sechs Wochen durften wir unser Schmerzenslager bereits verlassen. Ein Wermuttropfen blieb freilich zurück: unsere Kriegstüchtigkeit ist dahin. Mein Freund hat eine gelähmte Hüfte, ich einen steifen Arm aus der Affäre davongetragen. Untätig müssen wir zusehen, wie unsere Waffenbrüder den Korsen nach Frankreich verfolgen, die Völker für immer von dieser Geißel zu befreien. Denn ›auf nach Frankreich‹ ist jetzt die Losung überall; so sehr auch die Diplomaten Rußlands und Österreichs in Frankfurt, wie man hört, an der Arbeit sind, den Völkern die Freude an dem herrlichen Siege zu verkümmern, so viel Künste sie auch aufbieten mögen, wenigstens den Thron Frankreichs dem Korsen zu erhalten: der Druck der öffentlichen Meinung wird, hoffe ich, sich diesmal stärker erweisen, als der Wille rückständiger Minister und Potentaten, sodaß dem Marschall Vorwärts die Freude vergönnt sein wird, den Löwen aus seinem eigenen Bau auszuräuchern. Aber wir beide müssen, wie gesagt, leider zu Hause bleiben. Ein ehrenvoller Abschied ist uns verwilligt worden. Auf der andern Seite hat freilich dieser Umstand für mich auch eine große Freude in seinem Gefolge. Ich habe Hoffnung, bald wieder eintreten zu dürfen in meinen alten Wirkungskreis. Schon von Borna aus habe ich bei dem Kurfürsten Schritte zu meiner Rehabilitierung getan. Täglich erwarte ich die Antwort auf mein Gesuch; sie wird, da ich mir keinen Grund des Gegenteils denken kann, jedenfalls günstig sein. Ich habe gebeten, sie unter der Adresse meines Freundes hierher nach Falkenhagen zu senden; sobald das Reskript eintreffen wird, hält mich nichts mehr von der Reise nach meinem Heimatlande Hessen zurück. Ich habe förmlich das Heimweh nach Haus. Daß mein erster Besuch, nachdem ich Mutter und Schwester begrüßt haben werde, Ihrem teuren Hause gelten wird, darauf können Sie, verehrte Freunde, sich fest verlassen. Ich erlaube mir, Sie schon jetzt darauf vorzubereiten – – –«

 

Der Vorlesende brach ab; er räusperte sich und las still für sich weiter. Der Ausdruck einer maßlosen Verwunderung malte sich auf seinem Gesicht …

Rosas Wangen glühten. Mit leuchtenden Augen war sie dem Vorlesenden gefolgt. Innerlich zitternd und bebend, und wieder jauchzend und jubelnd, erlebte sie gleichsam im Geiste alles das mit, wovon die Zeilen berichteten. Ihre Brust hob und senkte sich ungestüm. Erwartungsvoll sah sie der Fortsetzung der Lektüre entgegen. Doch der Oheim schwieg. Langsam faltete er endlich die Blätter zusammen und sah Rosa forschend an. Plötzlich stand er auf.

»Freuest Du Dich auf diesen Besuch, mein Kind?« fragte er weich.

»Ja, lieber Herr Ohm,« lautete die leise Antwort.

Da legte der Oheim lächelnd die Hand auf ihren Scheitel und sagte:

»Ja freue Dich, mein Kind. Er bringt meiner Rosa das Glück. Das war der Schluß des Briefes: Herr von Grandenborn hält bei mir an um Deine Hand … Magst Du ihn?«

Statt aller Antwort fiel ihm Rosa schluchzend um den Hals. »Liebster Oheim,« hauchte sie, »wie soll ich Ihnen danken?«

Er küßte sie auf die Stirn: »Gott segne Dich, mein Kind!«

Das Antlitz in Freudentränen gebadet, ging Rosa auf ihre Stube. –

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