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Zweites Kapitel.
Doras Beobachtungen


Es ging bereits auf den Abend, als der Schlummernde erwachte. Verwundert blickte er um sich. Das Rasseln eines leichten Rollwägleins tönte vom Hofe herauf. Stimmen wurden laut. Er unterschied die Stimme des Hausherrn, der, wie es schien, mit einem Ankommenden Grüße tauschte. Kräftige Männertritte dröhnten über den Flur und gleich danach die Treppe zum Oberstocke herauf. Die Tür des Nachbarzimmers wurde geöffnet und ein schwerer Gegenstand – gewiß der Koffer des Fremden, dachte der Lauschende – darin niedergestellt. Ein Geräusch wie von klingenden Münzen ließ sich hören; gleich darauf schritt jemand die Treppe hinab. Das Gefährt rollte von dannen. Durch die dünne Wand aber, die jenes Gemach von seinem Kämmerlein trennte, vernahm unser Wanderbursch jetzt deutlich die Stimme des Pfarrers:

»So, mein lieber Herr von Gehren, dies Zimmer steht also völlig zu Ihrer Verfügung. Möchte es meiner Nichte gelungen sein, es Ihnen recht heimisch und behaglich zu machen. Betrachten Sie übrigens das ganze Haus als das Ihrige. Sobald Sie, wie Sie wünschten, sich umgekleidet haben, kommen Sie, bitte, zum Imbiß hinunter. Rosa wird sich freuen, Ihnen ihre Aufwartung machen zu dürfen. Ich habe ihr schon viel von dem langjährigen Freunde erzählt. Also, auf Wiedersehen!«

Der Angeredete erwiderte einige Worte, worauf sich die Tür hinter dem abgehenden Hausherrn schloß.

Das war also der erwartete Besuch. Über die Erlebnisse des Tages nachdenkend, schloß der Wanderbursch die Augen. Er hörte, wie der Fremde nach einiger Zeit das Zimmer wieder verließ. Eine Weile blieb es still; dann aber erregte ein Geräusch trippelnder Schritte, die sich draußen auf dem Korridor rasch seinem eigenen Kämmerlein näherten, seine Aufmerksamkeit. Gleich darauf ward die Tür leise geöffnet; die Pfarrmagd trat, ein Tragbrett mit Speisen in den Händen, über die Schwelle. Hinter ihr im Rahmen der Tür aber stand, von dem breiten Rücken der Alten halb verdeckt, diejenige, mit der sich soeben seltsamerweise seine Gedanken beschäftigt hatten, Rosa. Der Schein der Abendsonne, der durch das Fenster an der Giebelwand in das Kämmerlein flutete, übergoß ihre Züge mit verklärendem Schimmer; nie glaubte er eine holdere Erscheinung gesehen zu haben. Neugierig lugte sie nach dem Kranken hin, verschwand aber sofort, als sie sich von diesem beobachtet sah.

»Nun, das heiß' ich aber lange geschlafen,« polterte die gutmütige Alte. »Schon dreimal bin ich an seiner Tür gewesen, aber der Musje schlief ja wie ein Dachs, der seinen Winterschlaf hält. Na, er mag sich gratulieren, daß er einem so guten Manne ist in die Hände gefallen, wie mein Herr einer ist.«

Ein Lächeln flog über des jungen Mannes Gesicht; er richtete sich auf und sagte:

»Das sehe ich, Mütterchen, daß ich, traun, guten Menschen bin in die Hände gefallen; Gott lohn' es ihnen, was sie an dem armen Handwerksburschen getan! So« – er deutete auf den vor dem Bette stehenden Stuhl – »stellt nur das Essen dorthin; ich werde schon zulangen mit allem Dank. Aber was ich Euch fragen wollte: das ist wohl ein ganz vornehmer Herr, der da vorhin ist angekommen?«

Durch die zutrauliche Anrede geschmeichelt, entzückt durch die dankbare Gesinnung, die sich in den Worten des Fremdlings aussprach, versetzte die Alte:

»Ei freilich, ein vornehmer Herr, aus dem Thüringischen daheim, ein Mann, der meinem Herrn ist zugetan von Kindesbeinen an. Mein Herr, müßt Ihr nämlich wissen, ist einst sein Informator gewesen. Das waren,« schloß sie seufzend, »freilich noch andere, bessere Zeiten.«

Mit einem Blick, in dem sich Mitleid und Teilnahme spiegelten, fragte jener: »So geht's Eurem Herrn nicht gut?«

Die Magd antwortete nicht sogleich. Zögernd glitt ihr Blick über den Kranken hin; endlich sagte sie: »Je nun, wie man's nimmt. Hat schon viel Kreuz im Leben gehabt, der gute Mann. Frau und Kinder sind ihm hintereinander weggestorben. Damals hätt' ich noch nicht geglaubt, daß er je wieder könnte fröhlich werden. Erst seitdem das Mamsellchen, seine Nichte, eine vater- und mutterlose Waise, im Hause ist, macht er wieder ein anderes Gesicht. Aber daran dacht' ich jetzt nicht.«

Aus dem Auge des Fremdlings brach ein leuchtender Strahl. »Ah so,« bemerkte er, »ich verstehe – auch Ihr verwünscht den Tag, der diese heillose Franzosenwirtschaft –«

Doch die Alte fiel ihm erschrocken ins Wort: »Halt' er das Maul, Musje,« rief sie, »hab' ich so was gesagt? Ha, ich werde mich hüten, mir das Maul zu verbrennen. Na – und nun eß' er, Musje, ich kann mich nicht länger aufhalten. Gesegnete Mahlzeit!«

Weg war sie. Gedankenvoll sah ihr der Fremdling nach. – –

Acht Tage waren vergangen. Die sorgsame Behandlung, die der Pfarrer, ein eifriger Anhänger Hahnemanns, den wunden Füßen unsers Handwerksburschen angedeihen ließ, hatte Erfolg gehabt; die Wunden waren ihrer Heilung nahe. Aus Sorge, seinem Wohltäter durch längeres Verweilen lästig zu fallen, hatte er bereits die Absicht ausgesprochen, das gastliche Haus zu verlassen, doch der Pfarrer wollte die Abreise nicht vor vollständiger Heilung gestatten. So saß er denn stundenlang an dem Giebelfenster seines Gemaches und las in den Büchern, die ihm jener auf seine Bitte zur Verfügung gestellt hatte. Oft unterbrach er jedoch die Lektüre; dann flogen seine Blicke bewundernd über den Pfarrgarten hin, der, an die Giebelwand angrenzend, in seiner ganzen Einrichtung, mit seinen Gemüsebeeten, seinen gutgehaltenen Rabatten, seinen Ziersträuchern und Rosenstöcken die Pflege einer sorgfältigen Frauenhand verriet, oder er sah träumend nach den Bergen hin, die in einiger Entfernung vom Dorfe die Feldmark begrenzten. Eine malerische Kuppe, von deren waldgekröntem Scheitel die Zinnen eines halb in Trümmern liegenden, alten Schlosses winkten, fesselte dabei wiederholt seinen Blick. So saß er auch jetzt wieder – es war um die Mittagszeit – lesend und träumend an dem gewohnten Platze, als eine Stimme an sein Ohr schlug, deren melodischen Klang er nicht wieder gehört hatte, seitdem er in dem Pfarrhause eingekehrt war. Er erhob den Kopf und lauschte. Es war ein Zwiegespräch, das mit gedämpfter Stimme da unten geführt wurde. Sein Gesicht belebte sich, als er bemerkte, daß von ihm selber die Rede war.

»Und ich bleibe dabei,« hörte er die alte Dore, die Pfarrmagd, sagen, »ein Handwerksbursch ist der Musje nimmermehr. Der hat so etwas Apartes, Feines; hab' es gleich am ersten Tage bemerkt, so wie der spricht kein Handwerksbursch. Und denken Sie, Mamsellchen, was ich heute morgen gesehen habe. Ich hatte ihm das Morgensüpplein gebracht; wie ich wieder weggehen will, sagte er, ich möchte ihm doch den Gefallen tun, einmal ›gründlich‹ – ja, so sagt' er – die Kleider zu reinigen. ›Gern‹, sagt' ich; aber wie ich eben den Rock vom Nagel nehmen will, ruft er auf einmal: ›Halt, Dore, noch einen Augenblick. Bitte, gebt mir doch den Rock einmal her‹. Ich geb' ihm den Rock; da fuschelt er in den Taschen herum und zieht einen Pack Papiere heraus, die –«

»Seine Handwerkspapiere, Zeugnisse, Paß und so weiter,« unterbrach Rosa die redselige Alte und lachte.

»Handwerkspapiere,« versetzte die Magd eifrig. »Hat sich was mit Handwerkspapieren. Die ließ er ruhig im Rocke stecken, wie ich nachher gesehen habe. Nein, Gedrucktes war's, und nun passen Sie mal auf: wie er den Pack an sich nehmen will, fällt auf einmal eine Brieftasche heraus – eine Brieftasche, sag' ich Ihnen, wie sie in der ganzen weiten Welt kein Handwerksbursch bei sich trägt, eine Brieftasche von Maroquinleder mit Goldschnitt und einem goldgestickten Namenszug, mit einem adligen Wappen darüber. Schnell wie der Blitz faßt' er danach und versteckte es unter der Decke. Dachte wohl, ich hätt's nit gesehen, aber die alte Dore hat gute Augen. Glaubt Mamsellchen nun noch, daß der Musje nix sei als ein simpler Handwerksbursch?«

Einen eigentümlich verdutzten Ausdruck im Gesicht fuhr der Lauschende empor. Er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und lugte in den Garten hinab. Beide Frauen waren mit Lattichlesen beschäftigt. Das Gesicht Rosas, die sich bei den Worten der Alten aus ihrer gebückten Stellung aufgerichtet hatte, zeigte einen gedankenvollen Ausdruck. Wie von einer magnetischen Gewalt gezogen, hob sie jetzt langsam das dunkelbewimperte Auge zu dem Fenster empor. Ihr Blick begegnete dem seinigen; mit jähem Erröten wandte sie sich ab und wieder ihrer Arbeit zu. Die leisen Worte, die sie an Dore richtete, verstand er nicht. Das Zwiegespräch wollte nicht wieder in Gang kommen. Der Magd eine wirtschaftliche Weisung zurufend, verließ sie nach einer Weile den Garten.

In tiefem Sinnen sah der geheimnisvolle Fremdling vor sich hin. Als die Alte ihm bald nachher die Mahlzeit brachte und redselig wie immer, ein Gespräch beginnen wollte, bemerkte sie zu ihrer Verwunderung, wie wenig zugänglich er heute für derartige Versuche war. Auf ihre teilnehmenden Fragen gab er nur zerstreute und einsilbige Antworten. Sie schüttelte verdrießlich den Kopf und gab die Versuche auf. Am Nachmittage und am Abende ging es nicht besser. Den ganzen Tag über blieb er wortkarg und in sich gekehrt.

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