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Achtzehntes Kapitel.
Der Abend im Schlosse


In den festlich erleuchteten Räumen des alten Landgrafenschlosses wogte eine bunte Menge. Die Honoratioren der Stadt, Pfarrer, Richter und Beamte, Patrizier und Zunftmeister, Stadträte und Bürger und ein ganz stattlicher Damenflor drängten sich, von Dienern in goldgestickten Livreen zurechtgewiesen, durch die Flügeltüren in den sogenannten goldenen Saal, jenen prachtvollen Raum, dessen Wände einst die in goldenen Rahmen hängenden Ahnenbilder des früheren Fürstenhauses geschmückt hatten. Gruppen bildeten sich, Begrüßungen wurden gewechselt. Hier und da tauschte eine Gruppe jüngerer Herren ihre Bemerkungen über die Anwesenden, besonders den weiblichen Teil der Versammlung, aus. Die Bürger – in ihrer altmodischen Tracht, langem blauem Gehrock und langschößiger Weste, eine schier auffallende Erscheinung inmitten der befrackten und uniformierten, zum Teil mit Ordenssternen versehenen Beamtenwelt – zeigten meist ernste Gesichter: mit geröteten Wangen und weitgeöffneten Augen blickten ihre Frauen und Mädchen in das wogende Treiben. Als der Glockenschlag der achten Stunde den Beginn der Festlichkeiten verkündete, schlossen sich die Eingangstüren. Ein Herr aus des Königs Begleitung, anscheinend ein Zeremonienmeister, bat die Anwesenden sich in Reihen zu ordnen. Es geschah und jener trat zurück, den König zu erwarten. Tritte näherten sich auf den Wandelgängen. » Sa Majesté!« erklang es von den Lippen des Hofbeamten. Das Flüstern verstummte. Eine Tür flog auf. Von den Grafen von Waldenburg-Truchseß, von Fürstenstein Mit seinem eigentlichen Namen Lecamus. Er war der Sohn eines Pflanzers auf der Insel Martinique in den französischen Antillen. Jérome, der ihn von seiner seemännischen Laufbahn her kannte, hatte ihn mit nach dem Kontinente gebracht und mit dem erledigten Lehen der Diede von Fürstenstein (bei Eschwege) beschenkt. und Wellingerode Eigentlich Meyronnet, Jéromes ehemaliger Adjutant., dem Palastpräfekten von Boucheporn, dem Kammerherrn und Kabinetssekretär Cousin de Marinville u. a. begleitet, trat der König ein. In einfachem Zivilanzuge, mit einem einzigen Ordenssterne auf der Brust, schritt der König, mit leichtem Neigen des Kopfes nach rechts und links grüßend, langsam zwischen den Reihen hindurch, sah sich die Gesichter an, ließ sich hier und da eine der Damen – Bürgerfrauen und Bürgermädchen nicht ausgenommen – vorstellen und nickte befriedigt, wenn zuweilen ein einfaches Bürgerkind seine in französischer Sprache gestellten Fragen ohne Hilfe des Dolmetschers schlagfertig in derselben Sprache beantwortete. Mit einigem Herzklopfen beobachtete Emilie, die mit Kurt und ihrer Mutter etwas im Hintergrunde stand, seine Gestalt, sein Gesicht. Er trug den Kopf etwas zwischen den Schultern, sonst war er durchaus kein unschöner Mann. Sein bräunliches Gesicht hatte einen krankhaften Zug, um die Augen zogen sich dunkle Schatten. Seine Miene war freundlich, doch der Blick seines Auges meist matt und ausdruckslos. Nur wenn ein besonders hübsches Gesicht vor ihm auftauchte, belebten sich seine Züge. Als er jetzt Kurt mit seinen Begleiterinnen gewahrte, huschte, kaum bemerkbar, ein Lächeln über sein Angesicht. Forschend glitt sein Blick über das edle Antlitz der Matrone hin und blieb dann mit einem Ausdrucke der Überraschung auf Emilie haften. Sie war, entgegen dem Wunsche Kurts, der sie gern in hellfarbiger Gewandung gesehen hätte, ganz in Schwarz gekleidet. Das Gewand von schwerer Seide war kostbar, ließ jedoch nicht, wie es die Mode wollte, Hals und Büste frei. Die Ärmel, an den Schultern zu Puffen erweitert, umschlossen die Arme bis zum Handgelenk. Im Übrigen aber zeigte sich nichts auffallendes. Schnitt und Faltenwurf waren genau der herrschenden Mode gemäß. Sie trug keinen Schmuck. Das einfach gescheitelte goldblonde Haar war am Hinterkopfe zu einem griechischen Knoten aufgesteckt und mit einem Bande von blauer Seide umwunden. Allein gerade die edle Einfachheit ihrer Erscheinung ließ, weit entfernt, ihrer Schönheit Eintrag zu tun, diese ihr selbst unbewußt um so eindruckvoller hervortreten, und König Jérome, ein Kenner in solchen Dingen, bemerkte das auf den ersten Blick. Er zeichnete beide Damen durch eine längere Unterredung aus. Emiliens Gesicht war, wie gewöhnlich in Augenblicken seelischer Erregung, bleich; der ungewöhnliche Liebreiz ihrer Züge, mit einem Ausdruck hoheitvoller Würde gepaart, fesselte und entzückte den König.

Die Vorstellung war vorüber. Der König schickte sich zum Rückzuge an. Die Flügeltüren öffneten sich aufs neue, und auf einen Wink des Zeremonienmeisters begaben sich alle, paarweise geordnet, nach dem roten Saale hinüber, wo die Bewirtung stattfand. Man ordnete sich um die mit Speisen besetzten Tische. Von den wechselnden Eindrücken der letzten Stunde noch wie betäubt, saß Emilie mit gesenkten Lidern an dem Platze, den man ihr zugewiesen hatte. Als sie jetzt ihr Auge erhob, sah sie sich zu ihrem Schrecken an der Seite des Königs. Den Platz auf der andern Seite hatte ein junger Mann eingenommen, dessen eigentümlich schönes olivenfarbiges Gesicht ihr schon vorher aufgefallen war. Ihr war unsäglich beklommen zu Mute. Der König – wollte er ihr Zeit lassen sich zu sammeln und sich in die ungewohnte Lage zu finden? – beachtete sie glücklicherweise nicht; er hatte mit seiner Nachbarin zur Linken, der Gemahlin des Unterpräfekten, ein Gespräch angeknüpft und schien davon für den Augenblick gänzlich gefesselt. Desto beflissener zeigte sich ihr anderer Tischnachbar, eine Unterhaltung mit ihr zu eröffnen. Er hatte sich ihr als einen Duc de la Garde vorgestellt. Aber sein stechender Blick gefiel ihr nicht; trotz seines glatten gewandten Äußern konnte sie, ohne daß sie sich über den Grund hätte Rechenschaft geben können, sich in seiner Nähe nicht eines gewissen heimlichen Grauens erwehren. Kurz und ablehnend beantwortete sie seine Fragen. Auf ihrem Antlitze lag ein peinlicher Zug. Sie fühlte sich überhaupt todunglücklich. Ihr Blick suchte die Mutter, die zwischen Kurt und dem Unterpräfekten ihr und dem Könige fast gegenüber saß. Kurt, der ihre Verlegenheit bemerkte, winkte ihr ermutigend mit den Augen. Sie raffte ihre ganze Entschlossenheit zusammen, um der eigentümlichen Lage, in die sie sich durch die Laune des Königs versetzt sah, gewachsen zu sein.

Die Tafelmusik, mit der auf des Königs Wunsch die städtische Kapelle aufwartete, hatte ihren Anfang genommen. Champagnerpfropfen knallten; die Diener gingen mit den Speisen herum. Die Suppe ward aufgetragen. Mechanisch nahm sie den Teller in Empfang; fast unberührt wurde er später wieder abgetragen; sie war zu aufgeregt, um essen zu können. Der König, der sich just wie zufällig nach ihr umwandte, bemerkte es mit Verwunderung.

»Aber, mein schönes Fräulein,« redete er sie im Tone leiser Mißbilligung auf französisch an, »warum essen Sie nicht?«

»Majestät verzeihen,« erwiderte sie in derselben Sprache kaum hörbar, »die ungewohnte Umgebung – die Schwüle im Saal – une faiblesse, eine Schwäche, wenn Sie wollen – es ist mir wirklich unmöglich …«

» Impossible – unmöglich?« wiederholte der König ungläubig. »Eine junge Dame, werden Sie doch nicht an der Tafel Ihres Königs fasten? Warten Sie, wir werden Ihre Lebensgeister auffrischen.«

Er stand auf und schlug an sein Glas. Augenblicklich verstummte die Musik; alles blickte erwartungsvoll auf. Dem Grafen von Waldenburg-Truchseß winkend, seine Worte zu übersetzen, begann der König:

»Meine Damen und Herren, verehrte Bürger und Bürgerinnen dieser schönen Stadt! Schon lange hat mein Herz die Stunde ersehnt, wo es mir vergönnt sein sollte, dieser idyllischen Gegend, dem Werratale, und zumal dieser schönen Stadt einen Besuch abzustatten und ihren Bewohnern einen Beweis meines Wohlwollens, meiner landesväterlichen Huld zu geben. Übelwollende haben es zwar versucht, zwischen mir und dem herrlichen Volke, an dessen Spitze mich der Wille der Vorsehung und der Wunsch meines kaiserlichen Bruders gestellt hat, Mißstimmung zu säen und mir die Herzen meiner getreuen Untertanen zu entfremden, aber ich hoffe, dieser Tag, an dem ich unter Ihnen zu weilen die Freude und Ehre habe, wird es beweisen, daß meine Regierung nichts anderes als die Förderung der Wohlfahrt meines Volkes im Auge hat, daß Sie in mir nicht nur Ihren König, sondern noch mehr, nämlich Ihren Freund, ich wiederhole, Ihren Freund zu erblicken berechtigt sind. Ich habe Sie eingeladen, diesen Abend mit mir zu verleben, nicht um Ihnen den Fürsten zu zeigen, sondern um Gelegenheit zu haben, einmal als Mensch unter Menschen, uneingeengt durch den Zwang eines lästigen Zeremoniells, mit Ihnen fröhlich zu sein, und bitte Sie, die Anhänglichkeit, die ich Ihnen entgegenbringe, dadurch zu vergelten, daß auch Sie sich so ungezwungen geben, wie Sie es zu Hause, in Ihrer Familie, im Verkehre mit Ihren Freunden gewohnt sind. Von dem Wunsche beseelt, daß das Band, das die Vorsehung zwischen Ihnen und mir geknüpft hat, sich künftig zu einem wahren und innigen Freundschaftsbande gestalten möge, bitte ich insbesondere Sie, meine Damen« – er verneigte sich nach verschiedenen Seiten – »Sie, denen die Vorsehung die schöne Rolle zugedacht hat, als Gattinnen und Mütter, Bräute und Schwestern dem menschlichen Leben Anmut und Liebreiz zu verleihen, Ihren Einfluß geltend zu machen, daß dieser Abend, von den Geistern der Freude verschönt, Ihnen allen, sowie mir selbst in dauernder liebender Erinnerung bleibe. In dieser Absicht erhebe ich mein Glas und bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen in dem Rufe: Die Bewohner dieser schönen Stadt, insbesondere aber die hier gegenwärtigen Vertreterinnen des schönen Geschlechts, sie alle leben hoch, hoch, hoch!«

Die Anwesenden erhoben sich, die meisten stimmten in den Hochruf ein, die Musik spielte Tusch. Die Rede, in überaus harmlosem Tone gehalten, hatte bei der Mehrzahl der Erschienenen den gewünschten Erfolg. Die teils verlegenen, teils düsteren Mienen der Männer aus dem Bürgerstande hellten sich auf, Frauen und Mädchen fühlten sich geschmeichelt und blinzelten einander lächelnd zu; manches Auge blickte mit einem Ausdrucke dankbarer Rührung auf den König, der, so gefühlvoll zum Herzen zu sprechen, sich auch mit Bürgersleuten so »gemein« zu machen verstand. Doch nicht alle waren befriedigt. Emiliens Antlitz blieb unbewegt. Sie hielt das Auge gesenkt, aber in ihrem Herzen regten sich rebellische Gedanken. Die Ansprache erschien ihr im Ganzen doch wenig königlich. »König Lustik,« dachte sie, indem sie von ihrem Glase nippte, »wie er leibt und lebt.«

Erschrocken blickte sie auf. Sie hörte des Königs Stimme dicht an ihrem Ohr: »Nun, mein Fräulein, was muß ich sehen? Ihr Glas steht unberührt … Auf, trinken Sie!«

»Sie irren, Sire,« gab sie lächelnd mit leisem Erröten zurück, »nur dürfen Majestät nicht vergessen, daß ich eine Dame und als solche außer Stande bin, allzu hohen Anforderungen in dem Punkte zu genügen.«

Der König sah sie forschend an. Ihr Gesicht zeigte einen gequälten, schmerzvollen Ausdruck.

»Haben Sie einen Kummer?« fragte er plötzlich in völlig verändertem weichem Tone. Zögernd bejahte Emilie.

»Das ist mir leid, certainement! Eine junge Dame, deren Schönheit ihr ein Recht gibt, auf Glück und Freude Anspruch zu machen, sollte niemals traurig sein. Darf ich den Grund nicht erfahren?«

»Majestät würden,« versetzte sie fast herbe, »kaum erbaut sein, wenn ich die Kühnheit hätte, Ihnen den Grund zu offenbaren. Ich bitte Sie, mir die Antwort erlassen zu wollen, Sire.«

Der König machte ein verdutztes Gesicht. Ein wenig Verdruß klang aus seiner Stimme, als er entgegnete: »Warum so zurückhaltend, mein Fräulein? Haben Sie so wenig Vertrauen zu Ihrem Könige und Herrn, daß Sie Bedenken tragen, ihm mitzuteilen, was Ihr junges Herz bedrückt?«

Emilie sah auf. Ihr Blick begegnete dem Auge der Mutter. Im Gespräche mit dem Unterpräfekten begriffen, hatte diese einige Worte der Unterredung erlauscht; ein Ausdruck heimlicher Sorge lag auf ihrem Gesicht.

»Es gibt Dinge,« erwiderte unsere Freundin ausweichend, »die man am besten in der eigenen Brust verschließt. Majestät wollen nicht weiter drängen.«

Die kühle Zurückhaltung, die aus ihren Mienen sprach, berührte den König unangenehm. Seinen Verdruß unter einem Lächeln verbergend, wandte er sich seiner Nachbarin auf der anderen Seite zu, mit der er sich bald in eine anregende Unterhaltung vertiefte.

Wieder war ein Gang abgetragen worden. Der Unterpräfekt war aufgestanden und stieß an sein Glas. Eine allgemeine Stille entstand, und jener begann:

»Ew. Majestät haben die Gnade gehabt, uns, Ihren getreuen Untertanen, den Bewohnern dieser Stadt, einen Beweis Ihres Wohlwollens zu geben, dessen Erinnerung niemals in unsern Herzen erlöschen wird. Sie haben Worte geredet, die in unsern Herzen nachklingen werden, so lange wir leben. Sie entsprachen dem erhabenen Bilde, das, die Züge eines leutseligen und menschenfreundlichen Herrschers zeigend, sich unsern Gemütern von Ihnen, Sire, hat eingeprägt; sie entsprechen den Prinzipien, die Sie je und je in der Regierung Ihres Landes geleitet haben. Im Felde unter politischen Stürmen aufgewachsen, haben Sie, wenngleich noch jung, die Erkenntnis gewonnen, daß Gerechtigkeit, gepaart mit Milde, die Stärke des Herrschers, daß Gleichheit vor dem Gesetze, Tapferkeit und Treue die wahre Stärke einer Nation ausmachen und deren Würde begründen, und Sie haben, als Sie den Thron dieses Reiches bestiegen, dieser Erkenntnis Folge gegeben, Sie haben unter den Auspizien Ihres erhabenen Bruders, Sr. Majestät des Kaisers, dem Reiche eine Grundverfassung, eine Konstitution, geschenkt. Die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetze, die freie Ausübung des Gottesdienstes der verschiedenen Religionsgesellschaften zu proklamieren, die Privilegien aufzuheben, die, das Vorrecht besonderer Stände, ehedem eine solche Kluft zwischen ganzen Klassen der Menschheit befestigten, war eine Ihrer ersten Regierungshandlungen. Dem Zwecke, das Glück, die Wohlfahrt einer Nation zu begründen, war Ihre Regierung gewidmet. Es sind große und gewaltige Errungenschaften, die wir Ihrer Regierung, Sire, verdanken, Errungenschaften, die seiner Zeit reichlich die Opfer ersetzen werden, die Ihr Volk der neuen Ordnung der Dinge zu bringen genötigt ist. Die verschiedenen Stämme und Natiönchen, aus denen dieses Reich zusammengesetzt ist, sie konnten, unter so viele Herrschaften geteilt, keinen Anspruch auf einen ruhmvollen Rang unter den Nationen erheben. Welch eine bedauernswürdige Nichtigkeit, zu der sich die zerstreuten Provinzen Ihres Reiches verurteilt sahen, eine Nichtigkeit, bei welcher sie sich gegen den Krieg nicht verteidigen und des Friedens nicht genießen konnten. Alle Drangsale des Krieges wurden ihnen zu teil, von den Vorteilen des Friedens waren sie ausgeschlossen. Zu einer Scheinexistenz herabgedrückt, ernteten sie nur die trockene Ehre, den Verhandlungen ihre Namen zu leihen – Verhandlungen, bei denen nichts vergessen war als das Schicksal der Völker, welche sie bewohnten. Diesem bedauernswerten Zustande hat Ihre Thronbesteigung, Sire, ein Ende gemacht. Unter Ihrer Regierung zu einer Nation, zu einem einheitlichen Reiche verbunden, haben diese zerstückelten Volks- und Landesteile eine politische Existenz, eine Regierung durch weise Gesetze, ein gemeinsames Vaterland gewonnen. Die Zeiten des Lehnswesens, das die Herrschaften zerstückelte, da fast jeder Fleck deutschen Landes einen eigenen Herrn erhielt, da jeder dieser sogenannten Souveräne nur seine eigenen Interessen verfolgte, sie sind vorüber. Ein einziges Interesse verbindet jetzt alle, das Interesse des Vaterlandes. In Ihnen aber, Sire, verehren wir den Vater des Vaterlandes. In der Tat« – der Redner wandte sich an die Versammlung – »ich rechne darauf, daß unter Ihnen, verehrte Mitbürger und Mitbürgerinnen, keiner ist, dessen Herz nicht in tiefster Verehrung, in unwandelbarer Treue und dankbarer Ergebenheit unserm erhabenen Monarchen entgegenschlägt. Ich glaube darum nur Ihren eigenen Gefühlen Ausdruck zu geben, wenn ich den Wunsch ausspreche, daß Sr. Majestät noch eine lange Reihe friedvoller und glückseliger Jahre in der Regierung Ihres Landes beschieden sein mögen. Se. Majestät, König Hieronymus Napoleon von Westfalen lebe hoch!« das Obige – z. T. wörtlich – nach gleichzeitigen Kundgebungen.

Der Redner hatte deutsch gesprochen, des Königs bevorzugter Günstling Lecamus, Graf von Fürstenstein, seine Worte Satz für Satz dem Könige und den anwesenden Franzosen übersetzt. Lautes Gläserklingen folgte der Rede. Dreimal schallte, vom Tusch der Musik begleitet, der Hochruf durch den Saal. Über des Königs Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln. Und in der Tat, wer die Verhältnisse, die wirkliche Stimmung der Mehrzahl nicht kannte, mochte wirklich glauben, daß die Ausführungen des Redners, sowie der Wunsch, in dem sie gipfelten, auf allen Seiten freudigsten Widerhall gefunden hätten. Aber dem war doch nicht so. Gar mancher, der in scheinbarer Begeisterung in den Hochruf einstimmte, verleugnete dabei seine wahre Gesinnung, sei es, weil man sich fürchtete, bei solcher Gelegenheit gegen den Strom zu schwimmen, sei es, weil der liebenswürdige Eindruck, den man von des Königs Persönlichkeit an diesem Abend empfing, vielleicht auch das eine oder andere Körnlein Wahrheit, das die Rede enthielt, die Gemüter wirklich bezaubert hatte, sodaß man des Grolles über die französische Mißwirtschaft einmal gern vergaß. Nur wenige waren besonnen und – mutig genug, von der allgemeinen Strömung sich nicht gleich den andern fortreißen zu lassen und dem Zwange der Verhältnisse zum Trotze auch in der heiklen Lage, in der sie sich befanden, in gemessener kühler Zurückhaltung ihren Standpunkt zu wahren. Zu diesen wenigen gehörten auch unsere Freundinnen. Der Weihrauch grober Schmeichelei, den der Redner dem Könige streute, die übertreibende Art, wie er dessen wirkliche oder vermeintliche Verdienste herausstrich, hatte beide Damen in hohem Grade angewidert. Ihre Herzen gehörten dem früheren rechtmäßigen Landesherrn, den sie je früher desto lieber auf den angestammten Thron seiner Väter zurücksehnten, und es fiel ihnen garnicht ein, Gefühle zu heucheln, für die in ihrer Seele kein Raum war. Den Augenblick der allgemeinen Erhebung benutzend, hatten beide wie auf Verabredung sich unauffällig von der Tafel entfernt. Bei der geräuschvollen Szene, die dem Schlusse der Rede folgte, hatte niemand ihres Gebahrens sonderlich acht; nur Kurt hatte den kleinen Vorgang bemerkt. Er ahnte sogleich den Grund; sein Auge schoß wütende Blitze; einen Auftritt befürchtend, kniff er jedoch die Lippen zusammen und schwieg. In heimlicher Besorgnis beobachtete er den König, der, nachdem er an den Unterpräfekten einige schmeichelhafte dankende Worte gerichtet hatte, soeben mit diesem und der übrigen Umgebung anstieß. Er bemerkte, wie Jérome, das Glas in der Hand, sich nach dem Platze seiner jungen Nachbarin umwandte, wie er, verwundert, ihn leer zu finden, sich mit suchenden Blicken im Saale umsah. Ein Pfeiler verdeckte ihre Gestalt; sie stand im Gespräche mit einem Manne, der gleich ihr es verschmäht hatte, in die allgemeine Huldigung einzustimmen. Ein schlichter Bürgersmann im langschößigen Gehrock wars, ein Mann, der einst in der Vaterstadt eine geachtete Stellung bekleidet hatte und eines hohen Ansehens in den städtischen Kreisen genoß, dem Enkel und Enkelkinder, unter ihnen auch der Erzähler dieser Geschichte, noch heute ein ehrenvoll Gedenken bewahren; der fing den suchenden Blick des Königs auf und machte die junge Dame darauf aufmerksam. Langsam kehrte sie zu ihrem Platze zurück.

»Sie Ausreißerin,« flüsterte der König und trat ihr einen Schritt entgegen, »wo stecken Sie nur? Kommen Sie, stoßen Sie einmal mit mir an!«

Sie nahm ihr Glas, das unberührt noch auf dem Tische stand, sah mit ernstem Blicke den König an und sagte: »Daß es Ew. Majestät Person wohl gehen möge, so lange Sie leben!«

» Bon, Sie kleine Schäkerin,« rief der König und lachte. Mit hellem Klange stießen die Gläser aneinander.

Kurt atmete auf. Einen so friedlichen Ausgang der Sache hatte er kaum erwartet …

Die Versammlung hatte ihre Sitze wieder eingenommen und das Mahl nahm seinen Fortgang.

Auf dem Antlitze des Königs lag ein gedankenvoller Zug. Heimlich beobachtete er seine schöne Nachbarin, die, einen peinlichen Ausdruck im Gesicht, mit sichtlicher Anstrengung einige Bissen aß. Plötzlich sah er vom Teller auf, wandte ihr das Antlitz zu und sagte:

»Kurage, mein Fräulein! Sie machen mir Freude, wenn es Ihnen schmeckt. Aber sagen Sie einmal« – er drohte lächelnd mit dem Finger, »warum legten Sie vorhin einen solchen Nachdruck auf das Wort Person? Dem Könige, Sie kleine Hessin, gelten wohl ihre Gefühle nicht?«

Emilie errötete. »Majestät verstehen, scheint es, in den Herzen zu lesen,« erwiderte sie zögernd mit kühler Höflichkeit. Herzlicher fuhr sie fort: »Ich traue jedoch Ew. Majestät zu, daß Sie meine Gefühle, die Gefühle eines deutschen Mädchens, achten werden. Gesinnungen kann man nicht wechseln wie einen Rock. Diese Gefühle betreffen jedoch nicht Ihre Person, Sire, das werden Sie mir glauben.«

»Ah, ich verstehe,« versetzte der König. Eine Falte lag auf seiner Stirn. »Aber ich achte Ihre Aufrichtigkeit. Ich bewundere Sie. Die Schwester eines so rabiaten Franzosenfressers,« – er lächelte – »ja stutzen Sie nur, Sie sehen, ich weiß mehr als Sie glauben – die Schwester eines Friedrich von Grandenborn, werden Sie freilich nicht allzu freundliche Gesinnungen für Uns hegen. Lassen Sie nur,« wehrte er freundlich ab, als Emilie zu einer Entgegnung Miene machte, »ich bin darum nicht minder, ja, ich darf sagen, von nun an nur um so mehr Ihr wohlaffektionierter König.«

Diesmal war Emilie wirklich gerührt.

»Ihre Güte, Sire,« flüsterte sie, »tut mir unendlich wohl. Ich bin der lebhaften Zuversicht, daß diese Güte sich auch auf meinen Bruder erstreckt haben würde, hätte Ew. Majestät Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen. Sie sind ohne Zweifel falsch über seinen Charakter berichtet worden. Eine so rabiate Gesinnung zu hegen, wie Majestät sie bei ihm voraussetzen, lag ihm bei seiner strengen Rechtlichkeit völlig fern. Nicht verbissene unversöhnliche Franzosenfeindschaft, nein, sein Gerechtigkeitssinn war es, der ihn, den Juristen, bestimmte, damals mit jener Broschüre hervorzutreten, einer Broschüre, in der, so unliebsam auch das Aufsehen war, das sie erregte, – ich bin davon fest überzeugt – kein billig und vorurteilsfrei denkender Mensch aufrührerische Tendenzen zu entdecken im Stande sein dürfte. Haben Majestät die Broschüre gelesen?«

Der König, der mit wachsender Teilnahme zugehört hatte, verneinte.

»Sehen Sie?« eine tiefe Bewegung klang aus ihrer Stimme – »so sind Sie von Ihren Ratgebern, wer sie auch sein mögen, in der Tat übel berichtet worden, Sire. Aber wie ist es meinem armen Bruder ergangen! Wahrlich,« – ihr Auge blitzte – »an ihm hat sich die hochwohlweise scharfblickende Polizei mit ihrer Sach- und Personenkenntnis wieder einmal glänzend bewährt! Ich bin überzeugt, Sire, hätten Sie Gelegenheit gehabt, das inkriminierte Schriftstück zu lesen, Sie selbst hätten anders, milder, geurteilt, und mein Bruder« – sie zögerte – »nun ja, er stünde – soweit es auf Ew. Majestät ankäme – vielleicht noch heute als akademischer Lehrer auf seinem Posten.«

Tränen standen in ihren Augen. Jérome betrachtete sie mit unverhohlener Bewunderung. Sie war so schön in diesem Augenblicke. Nicht ohne einen Anflug von Verlegenheit sagte er:

»Sie sind eine beredte Verteidigerin, mein Fräulein, in der Tat. Also das ist der Kummer, der Sie bedrückt und den zu offenbaren Sie so großes Bedenken trugen, Sie törichtes Kind? … Darf ich fragen, wohin sich Ihr unglücklicher Bruder gewandt hat? Mißverstehen Sie mich nicht,« fügte er, ihrem befremdeten, fragenden Blicke begegnend, schnell hinzu, »meine Frage verfolgt keinen feindlichen Zweck, ich frage aus wirklicher Teilnahme. Vielleicht ließe sich manches noch gut machen.«

»Ich weiß es nicht,« antwortete unsere Freundin traurig. »Wir wissen nicht einmal, ob er noch lebt. Majestät sind sehr gütig, aber ich bezweifle, ob Sie – trotz Ihrer edelmütigen Absichten« –

Sie stockte.

»Warum schweigen Sie?« fragte der König. »Sprechen Sie sich offen aus; es macht mir Vergnügen, aus so schönem Munde einmal die ungeschminkte Wahrheit zu hören.«

»Wirklich, Sire?« Sie sah ihm mit forschenden Augen voll ins Gesicht. Durch den gutmütigen Ausdruck seiner Züge ermutigt, fuhr sie fort: »Trauen Sie sich wirklich die Macht zu, Sire, einen Menschen, der der hohen Polizei, was sage ich, Sr. Majestät, dem Kaiser, unbequem geworden ist, seinem Schicksal, sei es auch noch so unverdient, zu entreißen?«

Der König räusperte sich. Das Gespräch mit der jungen Dame begann einigermaßen verfänglich zu werden. Ohne die Verlegenheit merken zu lassen, in die ihn ihre Worte versetzten, erwiderte er:

»Mein kaiserlicher Bruder verfolgt seine eigenen Wege. Die großen Ziele, die er sich gesteckt hat, die hohen Ideale, die er, seinem erhabenen Genius folgend, mit der ihm eigenen eisernen Willenskraft zu verwirklichen strebt, nötigen ihn, die Hindernisse, die ihm Übelwollen und Feindschaft entgegensetzen, allerdings mit rücksichtsloser Härte zu bekämpfen; sie lassen aber – ich gestehe es unumwunden ein – ihn Hindernisse auch da oft erblicken, wo nur Unverstand, mißverstandenes Rechtsgefühl oder was weiß ich, sich als die leitenden Motive erweisen. Und warum sollte in solchem Falle nicht ich, sein Bruder, soviel Einfluß haben, um, was er hier in seinem Übereifer zu viel tut, rektifizieren zu können? So hoch ihn auch sein Genius über die Menge anderer Sterblicher erhebt, so ist er doch auch wiederum viel zu sehr Mensch, um nicht, wenn man es versteht, zu guter Stunde an seine menschlichen Gefühle zu appellieren, ihnen Rechnung zu tragen.«

»Aber wenn dies der Fall, Sire,« wandte Emilie in steigender Erregung ein, »warum haben Sie, von meinem Bruder gänzlich zu schweigen, diesen Einfluß nicht geltend gemacht, um seiner Zeit die grausamen Prozeduren auf dem Kasseler Forst und dem Kratzenberge zu verhindern? Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Ich rede nicht von denen, die als Aufrührer die Waffen wider Ihre Regierung erhoben haben – bei ihnen mochte, was geschehen ist, immerhin eine politische Notwendigkeit sein –, ich rede von den bedauernswerten Schlachtopfern des spanischen Krieges, jenes Krieges, der für Ihr eigenes Land, für Ihre eigene Regierung so wenig von Vorteil war, jene Armen meine ich, die aus purer Furcht, fern von ihrer so sehr geliebten Heimat auf fremder Erde verbluten zu müssen, versucht haben sich der Konskription zu entziehen, darauf, Sire, antworten Sie mir!«

Der König entfärbte sich. Eine solche Wendung hatte der leichtlebige Mann nicht erwartet. Die Worte hatten den wundesten Punkt seines Herzens getroffen – einen Punkt, dessen Berührung empfindlich schmerzte. Stellte doch eben dieser spanisch-englische Krieg ihm seine abhängige Stellung in einer Weise vor Augen, daß ihm die Regierung zeitweise völlig verleidet worden war. Eine drohende Wolke lag auf seiner Stirn. Düsteren Blicks sah er die junge Dame an.

» Mille tonnerres, mein Fräulein,« rief er heiser, »was reden Sie da? Sie sind kühn, sehr kühn, ma foi! Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, Sie sollten mir einmal die Wahrheit sagen. Aber, parbleu, dieses ist mehr als erlaubt ist. Was versteht so ein junges Mädchen von Staatsraison, von der Politik? Doch – hm – ich pardonniere Ihnen. Nur die Frage erlauben Sie mir: was sagt Ihr Herr Bruder Kantonmaire zu solchen – hm – ganz ungewöhnlichen Anschauungen?«

Betroffen von dem flammenden Blicke, der die Worte begleitete, schlug Emilie das Auge nieder. Sie hatte das unangenehme Gefühl, zu weit gegangen zu sein, im Drange ihrer Empfindungen mehr gesagt zu haben, als eigentlich gut war.

»Den Kantonmaire,« gab sie mit heißem Erröten kaum hörbar und doch nicht ohne einen gewissen zornigen Nachdruck zur Antwort, »dürfen Majestät allerdings nicht im Verdacht haben, daß er unsere Anschauung teile. Nein, Sire, in dessen Augen ist alles, o, gut und vortrefflich, was unter den Auspizien Sr. Majestät des Kaisers geschieht. Ein Mann, der es über sich vermag, den eigenen Stiefbruder vor den Augen der Mutter zu verhaften, steht« – ein verächtliches Lächeln kräuselte ihre Lippen – »über jeden Verdacht illoyaler Gesinnung erhaben.«

Des Königs Miene hellte sich auf. Schnell, wie seine Aufwallung gekommen war, war sie auch wieder verflogen. Mit einem belustigten Lächeln warf er die Bemerkung hin: »Und doch hat er den Delinquenten entschlüpfen lassen, hahaha! Himmel, mein Fräulein, sehen Sie mich nicht so fürchterlich an! Ich werde mich nicht unterstehen, den geheimen Fäden dieser kostbaren Intrigue nachzuspüren, in der ein pflichtgetreuer loyaler Beamter, eine liebende Mutter und – ein tapferes Mädchen die handelnden Personen sind. Die Sache hat seiner Zeit am Hofe – wir haben nämlich unter der Hand so manches erfahren – nicht wenig Redens gemacht. Parbleu, die jungen französischen Herren schwärmten ja förmlich für den weiblichen Ritter, für die göttliche Walküre, die ihren gefährdeten Schützling so schnell unsichtbar zu machen und nach Walhalla zu entführen vermochte. Doch Scherz bei Seite – ich achte den Kantonmaire, Sie aber, mein Fräulein, sind bewundernswert. Ich würde stolz sein, eine solche Schwester zu haben. Darf ich nicht wenigstens um die Gunst Ihrer Freundschaft bitten?«

Emilie sah auf. Der König hatte sich zu ihr geneigt; in seinen Augen lag etwas, das sie beängstigte. Wie hilfeflehend irrten ihre Blicke über die Tafel; ihr Auge suchte die Mutter. Die Matrone, die beide heimlich beobachtet und mit steigender Besorgnis die Erregung Emiliens bemerkt hatte, verstand ihren Blick. Ohne zu wissen, wovon die Rede gewesen war, kam sie ihr kurz entschlossen mit der Bemerkung zu Hilfe:

»Halten zu Gnaden, Majestät, Sie werden gewiß ungehalten sein über den Mangel an höfischer Schulung, den meine Tochter verrät? Majestät wollen, ich bitte, diesen Mangel auf Konto der einfachen Erziehung schreiben, die ich ihr angedeihen zu lassen durch die Umstände genötigt war.«

Jérome erhob den Kopf. Ein leiser Ausdruck von Mißbehagen lag auf seinem Gesicht. In verbindlichem Tone, obwohl innerlich die Störung verwünschend, die ihm gerade in diesem Augenblicke so ungelegen wie möglich kam, äußerte er:

»Ganz im Gegenteil, Madame, ich mache Ihnen mein Kompliment zu dieser Erziehung. Ich bin entzückt, so viel Geist und Liebenswürdigkeit mit blendender Schönheit gepaart zu sehen. Aber, Pardon, Madame, welch einen Frevel hieße es an der Menschheit begehen, ein solch Blümlein Wunderhold in den engen Verhältnissen einer kleinen Landstadt verkommen zu lassen. Eh bien,« fügte er, zu Emilie gewandt, hinzu, »ich würde, mein Fräulein, mich glücklich schätzen, den Weg in die große Welt Ihnen bahnen, das Blümlein an den Platz verpflanzen zu dürfen, den edle Abkunft nicht minder, als Schönheit und Anmut ihm zuweisen – an den Hof. Habe ich,« wandte er sich wieder an die ältere Dame – »nicht recht, Madame? Der Wechsel der Verhältnisse, den die von mir beschlossene Beförderung Ihres Stiefsohnes, Monsieur Wendheims, irre ich nicht, auch für Sie, meine Damen, zur Folge haben wird, legt den Gedanken so nahe, daß Sie – bei meiner königlichen Ungnade, mein Fräulein, hören Sie!« – er lächelte bedeutungsvoll – »meinen sehr ernstlich gemeinten Vorschlag nicht von der Hand weisen dürfen!«

In peinlichster Verlegenheit sahen Mutter und Tochter einander an. Eine Rolle am westfälischen Hofe zu spielen, dessen Skandalchronik so ziemlich das ärgste berichtete, was überhaupt von einem Fürstenhofe damaliger Zeit gesagt werden konnte, wäre in der Tat das letzte gewesen, wozu sich ein ehrbares deutsches Mädchen hätte entschließen können. Beide waren ratlos. Den König, dessen Laune unberechenbar war, zum zweitenmale durch eine unbedachte Bemerkung, eine schroff ablehnende Haltung zu reizen, fand Emilie nicht den Mut. Was sollte sie sagen?

»Himmel, schlagen Sie ein, Mademoiselle, schlagen Sie ein!« mischte sich ihr anderer Tischnachbar, der Duc de la Garde ins Gespräch. »Ein brillanter Gedanke, parbleu! dem Majestät so eben Ausdruck gegeben haben. Eine wahrhaft göttliche Schönheit, würde Mademoiselle als ein Stern erster Größe am Hofe glänzen und sich im Sturme alle Herzen erobern. Ich meinesteils bin entzückt über die Aussicht, die Ew. Majestät uns da eröffnen.«

Emilie hatte sich gesammelt. Mit der Mutter einen schnellen Blick des Einverständnisses wechselnd, entgegnete sie würdevoll, nicht ohne einen Anflug von Hohn:

»Der Herr Duc de la Garde haben von der deutschen Damenwelt offenbar noch wenig Erfahrung, sonst würden Ew. Herrlichkeit wissen, daß die übertriebenen Schmeicheleien eines französischen Herrn auf ein deutsches Mädchen keinen Eindruck machen.«

Der Franzose biß sich auf die Lippen. Im Tone gekränkter Unschuld platzte er mit einem unverschämten Lächeln heraus:

» Mille tonnerres, Sie stolze Juno, finden die Huldigungen eines aufrichtigen Bewunderers in Ihren Augen so wenig Gnade?«

Der König lachte. »Hollah, mein Freund,« sagte er, »Sie haben wohl nicht bedacht, daß auch die schönsten Rosen spitzige Dornen haben? Unser Schützling, das merken Sie sich, ist nicht aus dem gewöhnlichen Teige gebacken.«

Ein klingender Ton, der von der andern Seite der Tafel herüberdrang, machte der peinlichen Szene ein Ende, freilich nur, um den Übergang zu bilden zu einer neuen Verlegenheit. Der Kantonmaire schlug an sein Glas. »Um Gotteswillen,« dachte Emilie, »was wird er sagen?«

»Meine Damen und Herren,« so hob er an, »wir haben vorhin einem Wunsche Ausdruck verliehen, der in dem Herzen eines jeden Patrioten den kräftigsten Widerhall finden wird, dem Wunsche, daß Sr. Majestät, unserm Könige und Herrn, noch lange Jahre einer friedvollen glücklichen Regierung vergönnt sein mögen. Wer aber wird bei solcher Gelegenheit nicht zugleich dessen gedenken, dessen Weisheit im Herzen Germaniens einen Staat wie den unsrigen geschaffen hat, Sr. Majestät des Kaisers Napoleon? Held und Staatsmann zugleich, als Feldherr wie als Gesetzgeber einzig groß, ein Krieger, dessen Absichten einzig auf den Frieden, auf das Glück der überwundenen Völker gerichtet sind, war es der Kaiser Napoleon, der, sein Werk in Germanien zu befestigen und zu vollenden, uns sein anderes Selbst, seinen geliebten Bruder, unsern tiefverehrten Monarchen gegeben hat. Wie für unseres Königs Majestät, so steigen darum auch für Se. Majestät den Kaiser unsere Wünsche zum Lenker des Weltalls empor. Eine Erscheinung von einzigartiger Genialität steht die Gestalt des großen Kaisers vor den Augen der Zeitgenossen; besungen in Lied und Sage, wird sie gleich den poesieumwobenen Helden des Altertums, einem Alexander und Karl dem Großen, fortleben im Munde der bewundernden Nachwelt, fortleben in den Ruhmesblättern der Geschichte. Von der Vorsehung ausersehen, die großen Ideen, deren Geburtsstätte das schöne Frankreich ist, in die Kulturwelt des Abendlandes einzuführen, hat Napoleon, mit dem Fluge des Adlers seine Laufbahn verfolgend, den verrotteten Zuständen unseres alten Europas den Garaus gemacht. Nur zu lange wurden die gesegneten Fluren dieser einst so zerstückelten Länder durch den Eigennutz ihrer Regenten, durch Familienansprüche und Kabinettsintriguen gedrückt. Kabinettsansprüche und Kabinettsintriguen, die selbstischen Bestrebungen ihrer Herrscher, verwickelten die Völker in Kriege, von denen diese kaum je einen Vorteil hatten. Wie ganz von diesen verschieden sind dagegen die Resultate derjenigen Kriege, die gegen den Bruder unsers erhabenen Monarchen erregt wurden. Nur für die Völker hat Se. Majestät der Kaiser gesiegt. Jeder Friede, den er geschlossen hat, war ein Schritt näher zu dem großen Ziele, das sein erhabener Genius, getragen von der Idee einer allgemeinen Menschenverbrüderung, sich vorgesteckt hat, ein Schritt näher dem Ziele, die verschiedenen Völker, benachbarte und dennoch einander feindselige Geschlechter und Nationen, eine auseinanderstäubende Welt, unter einem erhabenen Grundsatze zu vereinigen, unter dem Szepter eines beständigen Friedens zu einer großen Familie zu verschmelzen. Noch freilich ist das große Ziel nicht erreicht. Wieder einmal deutet das Barometer der Zeitverhältnisse auf Sturm. Wolken haben sich erhoben am politischen Horizont; schon haben sie begonnen, sich abermals in Donner und Blitz zu entladen. Feinde jeglichen Kulturfortschritts, Vorkämpfer der finstersten Reaktion, unfähig, die Zeichen der Zeit zu verstehen, haben die Fürsten Europas abermals Sr. Majestät das Schwert in die Hand gedrückt. Um so mehr werden alle, denen als wahren Patrioten der Fortschritt der Menschheit am Herzen liegt, werden auch Sie, verehrte Mitbürger und Mitbürgerinnen, gleich mir den lebhaften Wunsch empfinden, daß es Sr. Majestät dem Kaiser vergönnt sein möge, wie so oft schon, so auch in dem jetzt begonnenen Waffengange Glück und Sieg an seine Fahnen zu heften, durch endgültige Bezwingung seiner Feinde endlich den Weltfrieden herbeizuführen, nach dem sich alle edlen Geister sehnen, und so vor aller Welt die Losung zu rechtfertigen, mit der er ebenso kurz als treffend das Ziel seines Lebens und Strebens gekennzeichnet hat: › das Kaiserreich ist der Friede.‹ Das Obige z. T. wörtlich nach wirklichen Kundgebungen aus jener Zeit. So bitte ich –«

So weit war der Redner gekommen, da geschah etwas sehr merkwürdiges. Seine Absicht, auf Napoleon ein Hoch auszubringen, wurde durchkreuzt und zwar in einer sehr eigentümlichen Weise vom Könige selbst. Dieser, dessen Blicke, während jener sprach und Graf von Fürstenstein dolmetschte, unverwandt auf Emilie ruhten, hatte mit steigender Besorgnis den wechselnden Ausdruck ihrer Züge beobachtet. Ihre Wangen zuckten; die Farbe kam und ging auf ihrem Angesicht. Was stand in jenen Augenblicken nicht alles auf diesem Mädchenantlitze geschrieben! Welch eine deutliche Sprache redeten diese bald spöttisch gekräuselten, bald in heimlichem Ingrimm auf einander gepreßten Lippen, diese Augen, die bald gesenkt wie in tiefer Beschämung sich hinter den langen dunklen Wimpern verbargen, bald wieder zornige Blitze auf den Redner schleuderten; welch eine Entschlossenheit, die sich in ihrer Haltung, ihrem ganzen Gebahren kundgab, eine Entschlossenheit, die – Jérome bemerkte es mit heimlicher Furcht – selbst nicht vor einem öffentlichen Eklat zurückschrecken würde. In diesem Augenblicke hatte sie wirklich etwas von einer Walküre an sich … Seine Blicke flogen zur Mutter hinüber – auch dort dieser gequälte, verärgerte Zug, in dem sonst so sanften Gesicht derselbe entschlossene, unheilverkündende Ausdruck. Ein Gefühl unwillkürlicher Hochachtung beschlich seine Brust; fürwahr, diese Frauen waren aufrichtig in ihrem Hasse gegen Napoleon, gegen das von ihm vertretene System – diese Augen, diese Lippen heuchelten nicht, heuchelten nicht wie bei der großen Masse Bewunderung, während es in den Herzen vor Ingrimm kochte … Er sah den Kantonmaire an, dessen Auge vor Begeisterung leuchtete. Wie war es nur möglich – die Frage durchzuckte ihn wie ein Blitz – daß diese drei in ihrem ganzen Fühlen und Denken so verschiedenen Menschen unter einem Dache leben und mit einander auskommen konnten? Welche Kämpfe mochten vorausgegangen sein, ehe sich die Frauen dazu verstanden hatten, seiner durch den Kantonmaire ergangenen Einladung um des häuslichen Friedens willen Folge zu geben? Eine wundersame Stimmung hatte sich seiner bemächtigt. Wie eine Art Mitleid kam es über ihn; die Rücksichtslosigkeit, mit der jener durch eine so überschwengliche Lobrede auf den Kaiser sich über das Empfinden seiner nächsten Angehörigen hinwegsetzen konnte, berührte ihn nahezu peinlich. Die Rede erschien ihm in mehr als einer Beziehung unklug. Seine eigenen Gefühle für den kaiserlichen Bruder, der ihn mehr als einmal empfindlich gekränkt hatte, waren längst nicht mehr derart, daß ihn, was der Redner von dessen Seelen- und Geistesgröße faselte, wirklich befriedigt hätte. Etwas wie Eifersucht, Eifersucht gegen den Gewaltigen, den er seinen Bruder nannte, regte sich in seiner Brust. Er selbst war – er fühlte es nur zu wohl – eine Null, höchstens eine Schachfigur wie andere auch, eine Schachfigur, mit der jener umsprang, wie es seinen Plänen entsprach und seiner augenblicklichen Laune gefiel; aber für sein eigenes Empfinden war es wenig schmeichelhaft, wenn er in solchen den Kaiser verhimmelnden Aeußerungen immer von neuem an die ohnmächtige Rolle erinnert wurde, die er neben seinem kaiserlichen Bruder, ein Zwerg neben dem Riesen, in der Geschichte der Gegenwart spielte. Da hatte die Rede des Unterpräfekten ihm besser gefallen. Wieder sah er Emilie an. Welch ein Opfer, sagte er sich, könnte zu groß sein, wenn es ihm gelang, dies herrliche deutsche Mädchen für sich günstig zu stimmen und mit den ihr so widerwärtigen Verhältnissen auszusöhnen. Entschlossen, unter allen Umständen den gefürchteten Eklat zu vermeiden – einen Eklat, der, mochte der Ausgang sein, wie er wollte, wie einmal die Verhältnisse lagen, für sein eigenes Ansehen nur die übelsten Folgen haben konnte –, beugte er, ehe der Redner den Satz vollenden konnte, das Glas in der Hand, sich weit über die Tafel vor; laut genug, um von allen Umsitzenden verstanden zu werden, redete er die alte Dame an:

»Auf baldigen Frieden, Madame! Den wünschen doch auch Sie, nicht? Und Sie, mein Fräulein,« wandte er sich an seine Nachbarin, »hegen gewiß den gleichen Wunsch?«

Beide Damen verbeugten sich. Die Matrone holte erleichtert Atem, sah den König an mit einem dankbaren Blick und wiederholte feierlich:

»Auf baldigen Frieden, Majestät!«

»Auf baldigen Frieden!« wiederholte Emilie laut und vernehmlich in deutscher Sprache. Beide standen auf und stießen kräftig mit dem Könige an. Betroffen über die Störung wandte der Redner den Kopf. Stirnrunzelnd versuchte er den Satz zu vollenden, doch schon hatte, dem gegebenen Beispiel folgend, sich die Mehrzahl der Versammelten erhoben. Seine Stimme verhallte in dem Tumult; unten an der Tafel hatte man bereits den Ruf Emiliens aufgefangen, und – der Kantonmaire wußte nicht wie ihm geschah – statt des Lebehochs auf den Kaiser Napoleon durchbrauste den Saal plötzlich der vielstimmige Ruf: »Es lebe der Friede!!«

Gläserklingen und jauchzende Hochrufe schlossen sich an – die Musik fiel ein – mehrere der Herren sahen belustigt, andere verdrossen drein – der Kantonmaire selbst hatte ein Gefühl, als wäre er durchgefallen – aber was half's? Es blieb ihm nichts übrig als mit sauersüßem Lächeln zu dem bösen Spiele gute Miene zu machen …

»Nun, mein Fräulein,« wandte sich, als alle ihre Plätze wieder eingenommen hatten, König Jérome leise an seine Nachbarin, »sind Sie jetzt mit Ihrem Könige zufrieden? Sie sollten mir eigentlich dankbar sein. Sie sehen, wie ich Ihre Gefühle respektiere.«

»Ich danke Ihnen, Sire,« lautete ihre einfache Antwort. »In der Tat, ich danke Ihnen.« Aus ihrer Stimme klang eine Wärme, die den König entzückte.

Der Rest der Mahlzeit verlief ohne besondere Zwischenfälle. Der König, der den Verdruß des Kantonmaires über den unerwarteten Erfolg seiner Rede recht wohl bemerkt hatte und das Bedürfnis empfand, ihn zu besänftigen, zog ihn gleich seinen Damen wiederholt ins Gespräch; er hatte die Genugtuung zu sehen, wie alle drei mehr und mehr auftauten. Nachdem ein Versuch des Kabinetssekretärs, Herrn de Marinville, der neben der Gemahlin des Unterpräfekten saß, ein Gespräch über die Kriegsliteratur in Gang zu bringen, an der Teilnahmlosigkeit seiner Umgebung gescheitert war, hatte sich die Unterredung dem Gebiete der Kunst und besonders der schönen Literatur zugewandt. Deutsche, französische und englische Schriftsteller – unter den letzteren besonders Walter Scott, der damals auf der Höhe seines Ruhmes stand – wurden eifrig besprochen. Vergleiche wurden gezogen; besonders war es das dichterische Doppelgestirn der Deutschen: Goethe und dessen verstorbener Freund Schiller, deren Bedeutung lebhaft erörtert wurde. Für Goethe, in dem selbst Napoleon auf dem Erfurter Fürstenkongreß von anno 8, wo er mit dem Dichterfürsten eine Unterredung gehabt hatte, »einen Mann« wollte gefunden haben, schwärmten alle, Franzosen wie Deutsche, mit gleicher Bewunderung. Es kam die Rede auf Schillers Dramen. Selbst der Kantonmaire wurde warm, als jemand des Gebahrens der Geheimpolizei gegen diese Dramen erwähnte. Mit scharfen Worten rügte er, wie die Herren von der Geheimpolizei sich hätten erdreisten können, diese Dramen im April des vergangenen Jahres als »ebenso boshaft und satirisch wie die des Herrn von Kotzebue« zu verdächtigen, nachdem Se. Majestät, König Jérome selbst durch Dekret vom Jahre 1809 den Verkauf der neuen Ausgabe der Schillerschen und Goethischen Werke (auf Ersuchen des Verlegers, des Buchhändlers Dr. Cotta in Tübingen) für den Bereich der Monarchie auf fünfzehn Jahre privilegiert habe. Sehr aufmerksam hörte der König allen diesen Ausführungen zu, die Debatte wurde immer allgemeiner; die Herren vom Hofe, besonders Graf von Waldenburg-Truchseß, der sich als Landsmann Schillers sehr für die Sache erwärmte, und Graf von Fürstenstein, beteiligten sich an der Erörterung dieser Frage; der König selbst warf hier und da ein witziges Wort dazwischen und war entzückt, wenn seine Bemerkungen bei den beiden Damen von Grandenborn Anklang zu finden schienen, wenn er sah, wie sich über Emiliens ernstes Gesicht wieder und wieder ein Lächeln stahl. Seine Bewunderung für die junge Deutsche wuchs mit jedem Augenblick; ihre Belesenheit, mochte nun von deutschen, englischen oder französischen Klassikern die Rede sein, machte ihn staunen.

Die Tafel ward aufgehoben. Auf des Königs Anordnung begaben sich die Gäste in den goldenen Saal zurück, um den Abend – so wollte es jener – durch einen Ball zu beschließen. Die Gesichter der jungen Damen strahlten vor Vergnügen bei dieser Aussicht. Die älteren Herren begannen sich in die anstoßenden Gemächer zu zerstreuen, wo sie sich bald bei einer Partie Whist oder Schach vergnügten.

Die Musiker auf dem Podium stimmten ihre Instrumente. Die Paare ordneten sich. Erwartungsvoll blickte alles auf den König, der in die Mitte des Saales getreten war und sich wie suchend im Kreise umsah.

»Wo sind die beiden Damen von Grandenborn?« tönte seine Stimme durch den Saal. Ein gewisser Mißmut klang aus der Frage.

Niemand hatte die beiden Damen gesehen. Soeben erschien der Kantonmaire in einer der Eingangstüren. Sein gerötetes Gesicht drückte Ärger und Verlegenheit aus.

»Nun, mein guter Kantonmaire,« rief ihm der König entgegen, »wo sind Ihre Damen?«

»Halten zu Gnaden, Majestät,« gab Kurt mit erzwungener Ruhe zur Antwort. »Mama ist unwohl geworden; sie sah sich genötigt, das Fest zu verlassen. Soeur Emilie begleitet sie, da sie es nicht über das Herz bringen konnte, die Mutter ohne Hilfe und Begleitung zu lassen. Beide lassen Majestät ersuchen, sie wegen ihres notgedrungenen Rückzuges in Gnaden entschuldigen zu wollen.«

Er sprach die Unwahrheit. Der Mutter war nicht unwohl geworden. Die Damen hatten das Schloß verlassen, weil beide, die Tochter ebensowohl wie die Mutter, es aus Grundsatz verschmähten, sich an dem Tanze zu beteiligen. Mit der Bitte, sie bei dem Könige zu entschuldigen, hatten sie Kurt ihre Absicht mitgeteilt. Er war außer sich. Sie zum Bleiben zu bewegen, hatte er alle Künste der Überredung versucht, aber vergebens. Die Damen hatten auf ihrem Vorsatze bestanden und sich in aller Stille entfernt. Es blieb ihm nichts übrig, als ihre Abwesenheit so gut als es ging zu entschuldigen. In aller Offenheit, wie die Damen es wünschten, die Wahrheit zu sagen, getraute er sich nicht. Der König hätte, sagte er sich, den Grund einfach nicht gelten lassen; er hätte für eine solche Stellung gar kein Verständnis gehabt. So behalf er sich mit der Ausflucht einer erdichteten Erkrankung, einer Ausflucht, die in seinen Augen wenigstens den Vorteil hatte, daß sie glaubhaft erschien und ihn und die Damen nicht weiter bloßstellte.

Der König machte ein verdrießliches Gesicht.

»Fatal, dieses Unwohlsein,« sagte er, »ganz fatal, certainement. Ich hatte mich so sehr gefreut, mit Mademoiselle –«

Er verschluckte den Nachsatz. In bedauerndem Tone fuhr er fort: »Wollen Sie Ihrer Frau Maman den Ausdruck meines schmerzlichen Bedauerns und den Wunsch baldiger Genesung übermitteln. Hoffentlich habe ich das Vergnügen, beide Damen in nicht sehr ferner Zeit an meinem Hofe zu begrüßen. Sagen Sie ihnen das, hören Sie, bester Kantonmaire!«

Kurt verbeugte sich, und der König wandte sich ab. Ein dralles hübsches Bürgerkind, das mit großen Augen in die Szene schaute, erregte seine Aufmerksamkeit. Er winkte das Mädchen heran und wirbelte mit ihm durch den Saal. Lautes Beifallklatschen erscholl; manch vornehmes Dämlein aber machte ein enttäuschtes Gesicht.

Des Königs Laune war jedoch für den Abend verdorben.

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