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Neuntes Kapitel.
Das Versteck in der Klosterruine


Einen Augenblick herrschte entsetztes Schweigen. Unten ging eine Tür. Bei dem Geräusche raffte sich Emilie auf.

»Er hat das Haus verlassen, der Unselige!« rief sie schluchzend. »Er wird seine Beamten benachrichtigen und dann –«

Mitten im Satze brach sie ab. Sie wandte sich nach dem Bruder um, der mit verschränkten Armen am Fenster stand und finster vor sich hinbrütete, und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ihr Auge blitzte, ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. »Komm, Friedrich,« sagte sie mit völlig veränderter ruhiger Stimme. »Haben sollen sie Dich auf keinen Fall. Sage Mama Adieu – aber schnell, die Minuten sind kostbar.«

In verständnisloser Verwunderung starrte der Professor das kühne Mädchen an. »Emilie, Du wolltest –«

»Ja, Friedrich, ich rette Dich – aber es gilt Eile. Wir haben keine Sekunde zu verlieren.«

Sie verschwand im Alkoven. Noch zögerte er, da fiel sein Blick auf die Mutter. Bei den Worten Emiliens wie aus einer Erstarrung erwachend, hob sie mit einem Ausdruck, in dem sich Angst und aufglimmende Hoffnung spiegelten, das Auge zu ihm empor. Der Anblick machte schnell seinem Zaudern ein Ende.

»Gut,« sagte er, »sei es also! Um Ihretwillen –« er breitete die Arme nach der Greisin aus – »teuerste Mutter, leben Sie wohl!«

Schluchzend hing die Matrone an seinem Halse.

Eben trat Emilie mit Mantille und Kapuze wieder in die Stube. Eine zweite Kapuze und einen großen Frauenmantel trug sie auf dem Arm, der andere Arm blieb unter der Mantille versteckt. Schweigend ließ sich Friedrich die ihm zugedachte neue Verkleidung gefallen. Noch ein letzter kurzer Abschiedsgruß, und von der Schwester fortgezogen, verließ er das Zimmer. Tränenden Auges sah die Mutter den beiden nach.

Durch ein Pförtchen hinten im Hofe, zu dem Emilie den Schlüssel verwahrte, gelangten beide ins Freie. Eine enge dunkle Gasse nahm sie auf. Arm in Arm schlugen sie die Richtung nach dem Cyriaxberge ein. Am Ende der Gasse angekommen, wandten sie sich rechts und bogen in den Weg ein, der zum ehemaligen Kloster führte. Kein Mensch begegnete ihnen. Tiefe, nächtliche Stille herrschte ringsum. Das Kloster selbst, sowie sämtliche Gebäude am Fuße des Hügels lagen in Dunkel begraben. Nur aus dem Stübchen des Türmers auf dem Hauptturme des Klosters schimmerte noch Licht. Zwischen den Tuchrahmen, an denen die Tuchmacher die frischgefärbten Zeuge zu trocknen pflegten, schritten sie den Hügel hinan. Vor dem Portale des Turmes machten sie Halt.

»Hier ist's,« flüsterte die Schwester. »Das Kloster birgt ein Geheimnis, von dessen Dasein kaum die ältesten Leute in Eschwege eine Ahnung haben dürften. Mir hat es – ich glaube aus Dankbarkeit, weil ich zuweilen seine kranke Frau besuchte – vor einigen Wochen der Türmer verraten. Die Erinnerung kam mir gerade zur rechten Zeit. Du kennst den Mann auch, weißt Du, den alten, biederen Hessen und Veteranen, den Pater Börner – er hat noch den siebenjährigen Krieg mitgemacht.«

»Das wäre soweit schon ganz schon, Emilie,« bemerkte der Bruder und griff nach der Klinke des Eingangpförtchens. »Wie kommen wir aber hinein? Das Tor ist verschlossen.«

»Still, Du wirst es sogleich sehen.«

Von dem Turme der Dionysienkirche hallte eine Anzahl Glockenschläge über die schlummernde Stadt. Gleich darauf ward das Zeichen vom Nikolaiturme und in kurzen Abständen von den übrigen Türmen der Stadt beantwortet. Vom alten Schlosse her klang ein eigentümlicher Ton: die Rolandsfigur am Schloßpavillon, der sogenannte Tutemann – ein altertümlicher Automat – stieß in das steinerne Horn. Gleich darauf hörten die Geschwister das Horn und den Ruf des Nachtwächters schallen:

»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:
Die Glocke hat elfe geschlagen.
Bewahrt das Feuer und auch das Licht,
Damit der Gemeinde kein Schade gebricht,
      Lobet Gott den Herrn!«

In der Wohnung des Türmers oben knarrte eine Tür. Ein heller Lichtstreif fiel über den Platz. Der Türmer war aus seinem Stübchen auf »die Altane,« den Rundgang des Turmes, getreten. Der Schall seines Hornes drang durch die Stille der Nacht. In demselben Augenblick erklang unten dicht an Friedrichs Ohr ein wundersamer Ton. Erstaunt wandte sich Friedrich um. Unbemerkt hatte Emilie eine Flöte unter der Mantille hervorgezogen; in weichen, schmelzenden Tönen erklang eine rührende Melodie – die Melodie des alten wehmütigen Volksliedes: »Zu Straßburg auf der Schanz.«

Friedrich lauschte in stummer Verwunderung. Jetzt machte die Spielende eine Pause; soeben wollte jener den Mund zu einer Frage öffnen – er hatte Emilie noch nie auf diesem Instrument spielen hören – als eine gedämpfte Stimme vom Turme her fragte: »Mamsellchen, sin Sä dos?«

»Ja, Vater Börner,« rief die Jungfrau leise nach oben zurück. »Bitte, öffnet mir eilends!«

Gleich darauf hörte man den Alten die Treppe herabhumpeln. Der Schlüssel knarrte, der Schein einer Laterne fiel heraus; im nächsten Augenblicke schlüpften die Geschwister durch die geöffnete Tür. Sie befanden sich in der alten Kapelle, die, einst dem heiligen Nikolaus geweiht, als letzter Rest der ehemaligen Klosterkirche in jenen Tagen noch vorhanden war. Der Türmer, ein alter Stelzfuß mit eisgrauem Haar und Schnauzbart, schloß die Tür, hielt die Laterne hoch und sah sich seine späten Gäste verwundert an.

»Das is mich ja en später Besüch, Mamsellchen,« sagte er. Sein Blick streifte die vermummte Frauengestalt an Emiliens Seite. »Was hat mich denn der ze bedüten?«

Friedrich hatte die Kapuze abgenommen. Er streckte dem Türmer die Rechte hin und nahm statt der Schwester das Wort: »Kennt Vater Börner mich noch? Ich sollt' es denken, bin ich doch früher manchmal auf dem Turm gewesen.«

»Wer – ei, sülls denn wohl möglich gesien? Der Herr Brofesser – verdowweri! den de Franzmänner –«

»Ja, Vater Börner,« fiel Emilie dem Erstaunten ins Wort, »er ist es, mein Bruder Friedrich. Die Polizei ist ihm arg auf den Hacken: dürfen wir auf Eure Hilfe rechnen?«

»De Bolezei?« wiederholte der Alte. Ein grimmes Lächeln flog über sein verwittertes Angesicht. »Na, warte, die kann gesüchen. Es gitt en Winkelchen hie, das spüren se üch nit uf, un wenn se sülden so ahld wären, wie der Medusalah. Kommen Se nur!«

Er wandte sich, den Geschwistern den Weg zu zeigen. Emilie hielt ihn zurück.

»Noch einen Augenblick, Vater Börner,« sagte sie. »Ich will erst Abschied nehmen.«

Sie fiel dem Bruder um den Hals.

»Leb wohl, Friedrich! Ich muß eilen, damit ich daheim bin, wenn Kurt zurückkommt. Morgen Abend bringe ich Dir weitere Nachricht, Du weißt, von wegen –« Sie brach schluchzend ab.

»Leb wohl, mein tapferes Schwesterlein,« flüsterte Friedrich und zog die Weinende an sich. »Ich danke Dir für Deine treue sorgende Liebe. Grüß mir die Mutter viel tausendmal!«

Gewaltsam ihre Bewegung bezwingend, wandte sich Emilie ab.

Noch einmal winkte sie grüßend mit der Hand. »Also, auf Wiedersehen, Friedrich, bis morgen Abend. Schlag ein halb elf Uhr, Vater Börner, werde ich vor dem Turme sein; haltet mir das Türlein offen. Gute Nacht!«

Sie verließ die Kapelle.

Mit der Laterne voranleuchtend, führte der Türmer unsern Freund zu einer Nische, wo eine Anzahl uralter zerbrochener Kirchstühle und anderes Gerümpel der Vorzeit aufgeschichtet lag. Mit flinker Hand schob der Alte die morschen Trümmer bei Seite. Erwartungsvoll sah der Flüchtling zu. An sein Ohr drang ein eigentümlich knirschendes Geräusch. Mit Verwunderung bemerkte er, daß die Wand, durch einen verborgenen Mechanismus wie von Geisterhänden in Bewegung gesetzt, auf beiden Seiten langsam zurückwich. Eine Öffnung gähnte ihm entgegen, deren dunkler Schlund in die Unterwelt zu führen schien. Der Greis erhob die Laterne: im Scheine des Lichtes wurde eine Anzahl schmaler zerbröckelter Stufen sichtbar. Vorsichtig begann der Greis auf den Trümmern hinabzusteigen, hielt die Laterne hoch und bat den Professor, ihm zu folgen. Ein enger gewölbter Gang, der, in die Grundmauer der ehemaligen Klosterkirche hineingebaut, sich wie ein Spalt im Gemäuer ausnahm, nahm die Wandernden auf. Nachdem beide eine kurze Strecke darin zurückgelegt hatten, machte der Türmer umhertastend Halt. Der Professor erhob das Auge und bemerkte seitwärts eine schmale Tür, deren feste, mit Eisen über und über beschlagene Eichenplanken in ihrer altersschwarzen Färbung sich kaum von dem Gestein umher unterschieden. Sein Begleiter stieß die verrosteten Riegel zurück, zog und zerrte, rüttelte und half mit der Schulter nach, bis sie knarrend sich soweit öffnete, um ein Hindurchschlüpfen zu gestatten. Er ging voran, der Flüchtling folgte. Der Türmer leuchtete umher – bei dem Anblicke, der sich jetzt unserm Freunde bot, entfuhr seinen Lippen ein lautes verwundertes »Ah!«

Sie befanden sich in einem weiten gewölbten Raume, in einer sogenannten Krypte, einer jener unterirdischen Kapellen, wie sie sich auch in protestantischen Gegenden noch vielfach unter alten Kirchen finden, seit den Tagen der Reformation aber, ihrer ursprünglichen Bestimmung – als Stätten des Märtyrerkultus – entkleidet, mehr oder minder vergessen und dem Verfall anheimgegeben sind. Außer den vom Alter herrührenden Spuren der Verwüstung zeigten sich hier jedoch auch solche, die auf eine geflissentliche Zerstörung durch Menschenhand deuteten, sodaß es überhaupt als ein glücklicher Zufall erschien, daß die Krypta nicht schon längst, gleich der uralten Klosterkirche darüber, ganz und gar eine Beute der Vernichtung geworden war. Nur die Pfeiler, auf denen die Gewölbe ruhten, standen noch ziemlich unversehrt. Groteske Figuren, die Schatten jener phantastischen Gebilde, die, in ihrer ursprünglichen Gestalt kaum noch erkennbar, die Kapitäler schmückten, glitten bei dem ungewissen Scheine des Lichts gespenstisch über den Boden hin; weiße zerbröckelte Steinmassen, die Trümmer eines alten Altares und einer Treppe, die einst zur Hauptkirche emporgeführt hatte, schimmerten aus dem Halbdunkel dem Eintretenden entgegen. Das Ganze machte einen ziemlich unheimlichen Eindruck.

»So, Herr Brofesser,« bemerkte der Türmer, »das eß der Blatz. Hie wären Se disse französischen Spürnasen nit gesüchen. Ich brenge En Ihnen. gliech so veel Bettzüch herbi, daß Se bequem geschlofen kunn. Wun Se nit äu was ässen?«

Der Flüchtling verneinte. »Aber für die Bereitung eines Nachtlagers,« sagte er, »und wäre es auch nur eine Streu, würde ich dem Vater Börner sehr dankbar sein.«

Der Türmer nickte und entfernte sich. Die Laterne ließ er am Eingange zurück. Nach einiger Zeit erschien er wieder. Er brachte Stroh, Kissen und Bettzeug mit, außerdem aber einen Leuchter und einige Unschlittkerzen, deren eine er an der Laterne anzündete. In einem Winkel bereitete er dem Flüchtlinge das Lager, versprach ihm am nächsten Morgen ein Frühstück bringen zu wollen, wünschte ihm eine geruhsame Nacht und humpelte von dannen. Der Flüchtling war mit seinen Gedanken allein.

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