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Sechstes Kapitel.
Pfarrer Sträubelein und der Kantonmaire


Der Zolleinnehmer, der in der Stube zurückgeblieben war, hatte sich inzwischen hinter dem Rücken des Pfarrers in geräuschloser Hast nach hinten begeben. An dem Handwerksburschen vorüber eilend, gab er diesem einen verstohlenen Wink, öffnete eine Tapetentür und ließ jenen, der sich augenblicklich erhoben hatte, hineinschlüpfen. Ein kleines, dunkles Kämmerlein nahm den Fremdling auf. Geräuschlos zag der Wirt die Tür wieder hinter sich zu und eilte, als wäre nichts vorgefallen, hinaus, den neuen Gast zu begrüßen, der, nachdem er das Pferd besorgt hatte, eben jetzt auf den Flur trat. Mit tiefem Bücklinge fragte der Zöllner nach seinem Begehr und lud ihn, zur Seite tretend, mit verbindlicher Miene ein, Platz zu nehmen.

Der Kantonmaire, ein bildschöner, noch recht jugendlich aussehender Herr, dankte mit vornehmer Nachlässigkeit. Seine hochmütige Miene verfinsterte sich jedoch augenblicklich, als er den Pfarrer erkannte. Dieser Mann, dessen franzosenfeindliche Gesinnung stadt- und landkundig war, dessen beißender Spott niemand, selbst einen Napoleon nicht verschonte, sich aber stets in Formen kleidete, daß man ihm niemals beikommen konnte, war ihm und seinesgleichen schon längst ein Dorn im Auge gewesen. Schon das ironische Gesicht, das der Pfarrer ihm gegenüber stets aufsetzte, erregte seinen Zorn; wie gern hätte er ihm etwas am Zeuge geflickt, wenn jener ihm nur eine Handhabe geboten hätte. Mit hochmütigem Kopfnicken erwiderte er die tiefe Verbeugung, mit der Sträubelein, der sich erhoben hatte, ihn begrüßte, und ließ sich, die Stube durchschreitend, am entgegengesetzten Ende der Wirtstafel nieder. Der Wirt brachte den bestellten Wein und schenkte ein. Hastig stürzte der Kantonmaire ein paar Gläser hinunter, schielte jedoch, während er trank, immer wieder nach dem Pfarrer hin, der, ohne eine Miene zu verziehen, ruhig weiterschmauste. Auch die Knaben würdigte der gestrenge Herr seiner Aufmerksamkeit; der Appetit, womit diese in das einfache Mahl einhieben, erregte seine stille Verwunderung. War es der genossene Wein, der ihn auf einmal gesprächig machte, oder prickelte ihn die Lust, den Gehaßten einmal gehörig zu ärgern – ohne weitere Einleitung hob er an: »Herr Pfarrer, was werden Sie nur mit den vielen Jungen mal anfangen? Die werden Sie doch nicht einst alle, haha, als Prediger auf die sündige Menschheit loslassen wollen?«

»Hm, wäre gar nicht so übel,« gab Sträubelein trocken zur Antwort. »Die Menschheit im allgemeinen ist schlecht, und was so im besonderen die Herren sind, na – von denen ist erst recht nicht viel Rühmens zu machen, denen müßten erst recht alle Tage die Köpfe gewaschen werden. Aber das Geschäft ist zu undankbar, wär' auch für die Jungen da, wenigstens für die drei ältesten – denn von den anderen kann man noch wenig sagen – viel zu schwer. So viel Grütze, wie heutiges Tages zu einem Pfarrer gehört, könnten die gar nicht aufbringen. Der erste da, der Rudolf, hat von Frühauf Lust gehabt am Soldatenspiel – kann's wohl recht gut mal zum General oder Oberst bringen; der zweite, na – spielt auch gern Soldaten, wird wohl auch einmal ein Offizier oder so etwas werden, aber der dritte, – ich sag' Ihnen, das ist ein merkwürdig dummer, einfältiger Junge, aus dem wird gewiß einmal nichts anderes als ein Kantonmaire.«

Der Wirt verbiß heimlich ein Lächeln. Der Kantonmaire machte ein Gesicht, als ob er Essig verschluckt hätte und sagte nichts mehr. Er leerte sein Glas, bezahlte die Zeche und verließ, von dem dankenden Wirte mit vielen Bücklingen begleitet, hocherhobenen Hauptes die Stube.

»Der Einfalt,« brummte der Pfarrer grimmig, »will der sich an dem ›dummen Landpfarrer‹ reiben? Ich will's ihm versalzen!«

Die Knaben hatten ihren Hunger gestillt. Der Geistliche rief den Wirt und fragte, wieviel er schuldig sei.

»Nichts,« erwiderte der und lächelte.

»Nanu?« fragte jener und zog die Augenbrauen hoch. »Was soll das heißen?«

»Nein, Herr Pfarrer,« gab der Zolleinnehmer ernsthaft zurück, »Sie sind mir nichts schuldig.« Leise fügte er hinzu: »Die Antwort, die Sie dem naseweisen Herrn gegeben haben, hat mir –« er kicherte fröhlich – »insgeheim einen so mächtigen Spaß gemacht, daß ich mich mehr als bezahlt fühle. Na, der wird an die Antwort gedenken, haha!« Er lachte laut auf. »Aber Sie könnten mir einen Gefallen tun. Bitte, setzen Sie sich noch einen Augenblick. Die Jungen können ja einstweilen hinausgehen und draußen warten.«

Der Pfarrer gab den Knaben einen Wink, und diese verließen die Stube. Er setzte sich wieder und fragte: »Recht gern – was ist es?«

Der Zöllner warf einen forschenden Blick durchs Fenster, ließ sich neben dem Pfarrer auf der Bank nieder und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Wie elektrisiert erhob jener den Kopf; blitzenden Auges sah er den Sprechenden an.

»Ist's möglich? Der Tausend – und was denken Sie, daß ich –«

»Zweierlei, Herr Pfarrer,« unterbrach ihn der Wirt, »könnten Sie tun.« Er neigte den Kopf zu seinem Ohr und begann von neuem zu flüstern. »So,« sagte er dann laut, »das ist das Ganze. Ein Glück, daß der Kantonmaire just nicht zu Hause ist; ich höre von meiner Frau, daß er nach Albungen und Soden gefahren sei; ob da wieder was los ist? So kommt er vor Mitternacht jedenfalls nicht zurück. Ich freute mich königlich, als ich Sie vorhin kommen sah; der Gedanke kam mir sofort in den Sinn: das ist der Mann, den Du brauchst. Im schlimmsten Falle hätte ich mich selber auf den Weg machen müssen, aber man kann hier so schwer abkommen, und den Männern, die vorhin hier waren, mocht' ich die Sache nicht anvertrauen; sie sind mir alle nicht schlau und gerieben genug, und das Ding muß klug angefangen werden. Nur den Kommerzienrat hab' ich ins Geheimnis gezogen; er wird die Familie benachrichtigen. Nun, nicht wahr, Sie tun mir, oder vielmehr dem armen Herrn, den Gefallen?«

»Ei, mit tausend Freuden,« rief Sträubelein und drückte dem Zolleinnehmer herzhaft die Hand. »Vermelden Sie ihm, hören Sie, meinen achtungsvollen Gruß; sagen Sie ihm, daß ich zu jeder Zeit des Tages wie der Nacht ihm zu Diensten stünde. So ein Mann soll sich nicht umsonst an den Pfarrer Sträubelein wenden … Zum Kuckuck, hätte ich von seiner Gegenwart eine Ahnung gehabt … Jetzt wird's wohl zu spät sein, ihm meine Aufwartung zu machen?«

»Der Tag ist hin und wenig mehr Zeit zu verlieren,« versetzte der Zolleinnehmer. »Ich glaube, Sie tun besser, sich auf den Weg zu machen. Ihren Gruß und Auftrag aber werde ich ausrichten.«

»Nun, so sei es – in Gottes Namen!«

Der Pfarrer stand auf. Mit mehr als gewöhnlicher Herzlichkeit verabschiedete er sich von dem wackeren Manne und verließ das Haus.

Sobald sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte, begab sich der Einnehmer in das Kämmerlein, in dem unser Handwerksbursch verschwunden war. Auf einem Schemel hockend, hatte dieser die ganze Unterredung des Pfarrers mit dem Kantonmaire mitangehört. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Freute er sich der Abfertigung, die der Kantonmaire erfahren hatte? Nachdem der Wirt mit dem Eingeschlossenen eine Weile lang heimliche Zwiesprach gepflogen hatte, öffnete er die Tür, und beide traten heraus. Der Wanderbursch nahm sein Ränzel auf, ergriff Hut und Stock und trat, mit feurigem Dankeswort sich von dem Zöllner verabschiedend, auf die dunkelnde Straße.

Er schlug den Weg nach Eschwege ein.

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