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Siebentes Kapitel.
Zu Hause


Die Nacht war bereits eingebrochen, als unser Freund die Stadt erreichte. Von der Dunkelheit begünstigt, gelangte er, ohne angehalten zu werden, durch das Tor. Die Straßen waren still und menschenleer; nur hier und da saßen noch, alter Gewohnheit getreu, ein paar, meist ältere, Männer vor den Haustüren auf einer Bank, schmauchten ihr Pfeifchen und genossen den warmen Abend. Den Hut tief in die Stirn gedrückt, ging er langsam die Forstgasse hinunter, bog, die breite Straße ›am Stade‹ durchkreuzend, in die Herrengasse ein und lenkte hochklopfenden Herzens seine Schritte dem Markte zu. Dicht unter dem Rathause, aus dessen oberen Fenstern heller Lichtschein schimmerte, stand er still. Sein Blick schweifte die Häuserreihe zu seiner Linken entlang. Auf der breiten Steinfassung einer Treppe, die den Aufstieg zum Eingang eines größeren Hauses bildete, glaubte er die Umrisse einer hockenden weiblichen Gestalt zu erkennen. Zögernden Fußes trat er näher, blieb wieder stehen und rief leise den Namen: »Emilie!«

Er hatte sich nicht getäuscht. Wie von einem Zauberstabe berührt, kam plötzlich Leben in die dunkle Gestalt; sie schnellte empor: »Bist Du es, Friedrich?«

Im nächsten Augenblicke lagen die Geschwister einander in den Armen.

»O Friedrich,« flüsterte die Schwester, »wie freue ich mich, daß Du glücklich gekommen bist. Wie haben wir uns um Dich geängstigt. Ich wollt' es erst gar nicht glauben, als unser Hauswirt, Herr Kommerzienrat Bartholomäus, uns heimlich die Kunde brachte. Wie hat man, da man Dich nirgends fand, noch zuletzt hier in Eschwege nach Dir geforscht und gefahndet. Nach dem hochwohlweisen Urteil unserer berühmten Polizei sollte Mama durchaus Deinen Aufenthalt kennen … Da wir so gar nichts von Dir hörten, so wähnten wir Dich bereits im Auslande. Aber nun komm, die Mutter wartet auf Dich.«

Sie zog den Angekommenen ins Haus, schloß geräuschlos die Haustür hinter sich zu und zog den Schlüssel ab. »Tritt vorsichtig auf und stoße Dich nicht,« flüsterte sie, während sie den dunkeln gewölbten Hausgang entlang schritten. »Licht mag ich nicht anzünden. Zwar ist Kurt glücklicherweise verreist und das junge Volk im Nebenhause, die Dienstboten und Handlungsgehilfen des Kommerzienrats zu einem Brunnenfest die Reinigung der Straßenbrunnen, an der sich alle, die die Sache anging, Alt und Jung, beteiligten, bildete für die junge Welt immer ein Fest, das mit gemeinsamem Ausfluge und einem Tanzvergnügen schloß. auf den Leichberg – aber besser ist besser. Unsere Emma, die Magd, habe ich auf ein paar Tage zu ihren Eltern nach Schwebda geschickt.«

Leise öffnete sie die Hintertür: man befand sich auf einem Hofe, von dem eine Holzstiege aufwärts nach einem an dem Seitenflügel und der Rückwand des Hauses hinlaufenden Vorbau – einer »Altane«, wie der ortsübliche Ausdruck lautet – und von dort in die oberen Gemächer führte. Eine Tür öffnete sich. Blendender Lichtschein fiel heraus; eine ältere Dame von hoher Schönheit und sanften Zügen, deren Haupt eine weiße Spitzenhaube bedeckte, stand auf der Schwelle. Ihre Augen waren wie in lebhafter Erwartung weit geöffnet; der Armleuchter zitterte in ihrer Hand. Wie ein Hauch kam es über ihre bebenden Lippen: »Kommt Ihr, Kinder?«

»Ja, liebe Mutter,« flüsterte der Angekommene in tiefer Bewegung und schloß die Greisin in die Arme …

Es ist ein mit vornehmer Einfachheit ausgestattetes trauliches Hinterstübchen, in dem wir uns befinden, das stille Witwengemach einer Frau, die in einem wechselvollen Leben Lust und Leid der Erden in reichem Maße erfahren hat. Bürgerlicher Abkunft, die Tochter eines Pfarrers, hatte sie einst, eine blendende Schönheit, dem Kammerherrn und Hofrat von Grandenborn ihre Hand gereicht, einem Manne, der, für alles Schöne und Gute begeistert, nicht nur ihren hochentwickelten Kunstgeschmack, ihre Begeisterung für die großen Dichter der Gegenwart und die Liebe zu dem angestammten Fürstenhause, sondern vor allem auch die ungefärbte christliche Frömmigkeit teilte, die sie als beste Mitgift aus dem Vaterhause in ihr neues Heim mitgebracht und trotz ihrer künstlerischen Liebhabereien in einer Zeit sich bewahrt hatte, wo fast allenthalben der ödeste Rationalismus die Geister beherrschte, der verdorrende Wüstenhauch einer sogenannten »Aufklärung« schier alles geistliche Leben in den höheren Ständen ertötet hatte. Nach einer mehrjährigen glücklichen Ehe, der als die einzigen Überlebenden aus einer stattlichen Geschwisterschar ihre Kinder Friedrich und Emilie entsprossen waren, hatte ihr der Tod den geliebten Gemahl entrissen. Die Witwe hatte sich nach ihrem Heimatstädtchen Wanfried zurückgezogen und sich hier nach einigen Jahren zum zweitenmale und zwar mit einem reichen Witwer, dem Bankier Wendheim, verheiratet. Diesmal hatte sie es nicht so glücklich getroffen. Jene innere Harmonie der Seelen, die das Glück ihrer ersten Ehe begründet hatte, fehlte bei der zweiten Ehe durchaus. Herrn Wendheim war eine gewisse Herzensgüte nicht abzusprechen; auch war er nicht ganz ohne Religion; aber befangen in dem landläufigen Deismus – jener öden Religionsphilosophie, die, in den drei Begriffen »Gott, Tugend und Unsterblichkeit« gipfelnd, in Christo höchstens ein Tugendideal, nicht aber den Erlöser und Versöhner, den Gottmenschen, erkennen mochte –, stand er dem klaren, entschiedenen Bibelchristentum ablehnend, ja feindselig gegenüber. Ein Verehrer der französischen Literatur, zeigte er sich zugleich stark von den Ideen beeinflußt, mit denen die französischen Apostel der Aufklärung, die Diderot, d'Alembert, Voltaire und andere, die Welt beglückten. Unzufrieden mit den bestehenden Verhältnissen, hatte er sich einer der vielen Logen angeschlossen, die, Brut- und Pflegestätten jener teils deistischen, teils naturalistisch-freiheitlichen Ideen, eben damals, gegen Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts, wie Pilze aus der Erde schossen. – Sein Antrag war der Witwe ganz unerwartet gekommen. Von seinen Beziehungen zur Loge wußte sie nichts, sonst wäre wohl nie etwas aus der Heirat geworden. Auch so war ihr der Entschluß, einen neuen Ehebund einzugehen, nicht leicht geworden. Die Rücksicht auf ihre Kinder, die in der sturmbewegten Zeit noch gar zu sehr – sie waren damals noch klein – der Leitung einer männlichen Hand zu bedürfen schienen, hatte den Ausschlag gegeben. Die Verbindung war – sie erkannte es bald – ein Mißgriff gewesen; dennoch unterzog sie sich in gewissenhaftester Weise den Pflichten, die ihr aus dem neuen Verhältnis erwuchsen. Mit Klugheit und Festigkeit behauptete sie ihren christlichen Standpunkt; der oft wechselnden Laune, der leicht aufbrausenden Heftigkeit ihres Gatten setzte sie eine Sanftmut entgegen, die bewundernswert war. Ihrer Geduld, ihrem feinen Takte war es allein auch zuzuschreiben, daß sich trotz der inneren Disharmonie wenigstens äußerlich das Zusammenleben verhältnismäßig friedlich gestaltete.

Auch Herr Wendheim hatte einen Sohn in die Ehe gebracht, einen Knaben, der mit Friedrich ziemlich gleichen Alters, auch gleich diesem ungewöhnlich begabt, jedoch in Denk- und Sinnesart, in seinem ganzen Wesen von dem Stiefbruder verschieden war. Im Gegensatze zu Friedrich, in dessen ruhigem gesetztem Wesen der Geist seines Vaters und der milde sinnige Ernst der Mutter zu harmonischer Einheit verschmolzen schienen, war Kurt rasch, feurig, zu aufbrausendem Jähzorne geneigt. Während Friedrich schon frühzeitig ein starkes Rechtsgefühl bekundete, das ihn drängte, den Dingen auf den Grund zu gehen und Personen und Verhältnisse nach sittlichen Maßstäben zu beurteilen, zeigte sich Kurt leicht durch die glänzende Außenseite der Dinge geblendet. Selbst kühn und trotzig, voll aufstrebenden Kraftgefühls, betrachtete er auch, was im Leben, in der Geschichte großartig, heroisch, gigantisch erschien, von Kind auf mit schwärmerischer Bewunderung. Mochte der sittliche Wert der Helden, für die er schwärmte, noch so zweifelhaft, mochten die Triebfedern ihrer Handlungen noch so verwerflich sein – durch die Brille seiner vorgefaßten Meinung sah er darüber hinweg, wenn – der Erfolg für ihre Bestrebungen sprach. Die Stiefmutter, die sich seiner Erziehung mit derselben Liebe, Treue und Sorgfalt widmete, die sie auf ihre eigenen Kinder verwandte, versuchte vergebens, seinen hochfliegenden Geist in gesunde, christlich-nüchterne Bahnen zu lenken. Das Beispiel des Vaters vor Augen, der aus seiner abweichenden Stellung selbst vor den Ohren der Kinder kein Hehl machte, konnte sich Kurt mit der Geistesrichtung der neuen Mutter durchaus nicht befreunden. Wie der Vater, so brachte auch er den aufklärerischen Freiheitsideen der Zeit ein nur zu empfängliches Gemüt entgegen. Zu der französischen Nation, die den Mut gehabt hatte, das »Tyrannenjoch« des Königtums zu zerbrechen, sah er bewundernd empor. Die monarchische Verfassung, wie sie zur Zeit bestand, erschien ihm in jeder Beziehung hassenswert; in jedem ihrer Träger sah er ohne Weiteres den geborenen Tyrannen; aber – seltsamer Widerspruch, den nur seine gleichzeitige Vorliebe für heroische Naturen erklärlich machte – für jene greulichsten unter allen Tyrannen, für die Schreckensmänner der Terroristenpartei, die Marats, Desmoulins, Dantons und Robespierres, konnte er sich bis zur Glut erwärmen! Begeistert für die Idee der Menschenrechte, schwärmend für Freiheit und Gleichheit, brachte er gleichwohl dem eisernen Diktator Napoleon, dieser Geißel der Menschheit, eine wahrhaft abgöttische Verehrung entgegen! Es war wunderbar, aber bei seiner Geistesrichtung völlig erklärlich; gerade Napoleon war es, in dem er alle seine Ideale gleichsam verkörpert sah: von dem Nimbus des Übermenschlichen, Göttlichen umstrahlt, erschien ihm der Korse recht eigentlich als der Heiland der Menschheit, als der gottbegnadete Held, von dessen Siegen er die Verwirklichung aller jener von den französischen Freiheitsmännern ausgebrüteten Theorien, jener phantastischen Träume von Völkerfrieden und Völkerglück, von einem Weltreiche der Freiheit und Gleichheit für alle erwartete.

Bei solcher Stellung Kurts war es begreiflich, daß Friedrich, dessen Anschauungen in allen Stücken so ziemlich das Gegenteil der seinigen bildeten, sich von Anfang an nur schwer mit dem Stiefbruder vertragen konnte. Gemeinsam hatten beide das Gymnasium durchgemacht, beide hatten die Rechte studiert, beide die gleichen Versuchungen zu bestehen gehabt: der zweifelsüchtige Geist einer durch und durch vom Unglauben beherrschten Zeit hatte auch auf Friedrich seinen schädigenden Einfluß geäußert; gar manche schöne Blüte seines inwendigen Lebens war unter seinem verdorrenden Hauche verwelkt – dennoch schied ihn von Kurt noch immer eine gewaltige Kluft. Sie waren einander nicht näher gekommen, im Gegenteil. Die Franzosentümelei zumal, die Revolutionsideen, in denen Kurt befangen war, waren Friedrich nach wie vor ein unsagbarer Greuel.

Auch ihr äußerer Lebensweg hatte sich inzwischen verschieden gestaltet. Seiner Neigung zu stillerer Tätigkeit folgend, hatte Friedrich die akademische Laufbahn eingeschlagen, Kurt dagegen sich dem Verwaltungsfache zugewandt. Die Freimaurerloge, deren Ziele und Bestrebungen so ganz seiner eigenen Weltanschauung entsprachen, zählte ihn mit Stolz zu ihren eifrigsten Mitgliedern. Der Stolz seines Vaters, hatte er noch in hessischen Zeiten, unter dem Landgrafen und nachmaligen Kurfürsten Wilhelm, schnell »Karriere« gemacht. Dennoch war er, als unter den Schlägen des Unglücksjahres 1806 der Kurstaat zusammenbrach, einer von denen, die diese Wendung mit unverhohlenem Jubel begrüßten. Trotz seiner Schwärmerei für freiheitliche Ideen weit entfernt, sich als Gleicher unter Gleichen behaglich zu fühlen, sah er wie seinen Bestrebungen so vor allem auch seinem Ehrgeize erst jetzt die weitesten Bahnen geöffnet: er konnte sich förmlich in der Aussicht berauschen, in dem Napoleonischen Weltreiche einst als hoher Staatsbeamter eine Rolle zu spielen. Der Vater hatte übrigens jene Zeit der Umwälzungen nicht mehr erlebt. Wenige Jahre zuvor hatte ihn ein Unterleibsleiden hinweggerafft. Das Königreich Westfalen war mittlerweile entstanden und Kurt Kantonmaire in Eschwege geworden. Er hatte das väterliche Anwesen in Wanfried verkauft und Mutter und Schwester zu sich genommen. Mit schwerem Herzen hatte jene Wanfried verlassen. Sie hätte am liebsten in stiller Zurückgezogenheit ihre Tage beschlossen, aber Kurt, der sie trotz der gänzlichen Verschiedenheit ihrer Grundsätze in seiner Art liebte und hochschätzte, hatte ihr keine Ruhe gelassen, bis sie, seinen Wünschen willfährig, nach Eschwege übergesiedelt war, um ihm bis auf weiteres den Haushalt zu führen. Sie hatte es in der stillen Hoffnung getan, daß aller früheren gegenteiligen Erfahrung zum Trotz ein solch Zusammenleben vielleicht doch noch einmal für den Stiefsohn vom Segen sein werde.

Die Hoffnung war freilich zunächst völlig aussichtslos. Von der Sinnesänderung, die sie für Kurt erhoffte, war vorläufig auch nicht die Spur zu bemerken. Mit Friedrich, der in der ersten Zeit noch ab und zu nach Eschwege kam, verstand er sich je länger je weniger. Schon öfter war es zwischen beiden zu Zerwürfnissen gekommen, und daß diese nicht längst zum völligen Bruche ausgeartet waren, dazu trug nicht zum wenigsten der Einfluß bei, den allmählich, ohne es zu wollen, die schöne Emilie über den hochmütigen Streber gewonnen hatte. Zu ihr, die, ganz das Ebenbild ihrer Mutter, in den paar Jahren, wo er sie nicht gesehen, zu einer überaus lieblichen Jungfrau erblüht war, hatte Kurt, anfangs ihm selbst kaum bewußt, eine tiefere Neigung gefaßt, eine Neigung, die weit über das geschwisterliche Verhältnis früherer Jahre hinausging und, obwohl sie in keiner Weise erwidert wurde, mit der Zeit immer tiefere Wurzeln geschlagen hatte. Sie war die einzige, deren Blick und Wort wie mit Zauberkraft den Wütigen entwaffnete, wenn er, über des Bruders Zurechtweisungen erbost, in aufbrausendem Zorne Schmähreden oder gar Drohungen gegen Friedrich ausstieß, wenn er sich über den »altfränkischen Narren«, wie er ihn nannte, über den »Rückschrittler« ereiferte, der so gar kein Verständnis habe für »die erhabenen Ziele und die großen Ideen der Zeit.« Dennoch hatte auch sie es nicht verhindern können, daß nach den letzten Ereignissen Kurts Stimmung gegen den Stiefbruder sich in einer Weise verschlechtert hatte, die kaum noch eine Hoffnung auf Besserung aufkommen ließ. Man hatte den Professor der Beteiligung an dem Emmerichschen Aufstande beschuldigt. Die Wahrheit war, daß er in einer Flugschrift, die wenige Tage vor dem verunglückten Putsche unter seinem Namen erschienen war, sich über den Krieg in Spanien ausgelassen, aus historischen und juristischen Gründen in vorsichtig gewählten Worten die Ungerechtigkeit dieses Krieges dargetan, auch die Verwendung westfälischer Truppen dabei, sowie die Härte gerügt hatte, mit der allerorten die Konskriptionen betrieben wurden. Die Flugschrift hatte namentlich in juristischen Kreisen Aufsehen gemacht, aber erst das unglückliche Zusammentreffen mit dem kopflosen Aufstande der Sache eine Bedeutung gegeben, die ihr an sich garnicht zukam. Er selbst hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß er mit seiner Schrift in den Hofkreisen Anstoß erregen würde; wußte er doch, daß selbst der König mit den Maßnahmen seines kaiserlichen Bruders in dem berührten Punkte wenig zufrieden war. Dennoch wäre seine Verhaftung erfolgt, wenn er nicht noch im letzten Augenblicke Gelegenheit gefunden hätte, sich den Schergen der »hohen Polizei« zu entziehen. Der Zorn Kurts über des Bruders Handlungsweise war grenzenlos. Die Aeußerungen, zu denen er sich in jenen Tagen, als die Sache bekannt wurde, hinreißen ließ, machten Mutter und Schwester zittern. Daß Friedrich es hatte wagen können, seiner Familie einen solchen Schandfleck, wie er es nannte, anzuhängen, daß er sich öffentlich als den Feind eines Mannes, den er selbst gleich einem Gotte verehrte, als den Gegner eines Systems zu erkennen gab, für das er selbst jederzeit mit seiner ganzen Persönlichkeit in die Schranken zu treten bereit war, das erschien ihm wie ein Verbrechen, für das es in der ganzen Welt keine Sühne gab. So standen die Sachen, als Friedrich von Grandenborn – der geneigte Leser hat ihn wohl längst erkannt – in seiner Verkleidung an jenem Abend bei den Seinigen eintraf.

Sie haben den Flüchtling auf den schwellenden Divan genötigt. Auf der einen Seite die Mutter, auf der andern die Schwester, haben sie je eine seiner Hände umfaßt; ihre Blicke hängen an seinen Lippen, als wollten sie ihm die Worte vom Munde ablesen. Er erzählte seine Erlebnisse.

»Ich saß,« so berichtete er, »ohne die geringste Ahnung einer Gefahr, in meine Bücher vergraben, vor der brennenden Lampe in meinem Studierzimmer, als plötzlich unser neuer Universitätspedell, ein wackerer Mann namens Moog, in ganz ungewöhnlicher Tracht – er trug einen Bauernkittel – mit den Worten hereinstürzt: ›Sie müssen fliehen, Herr Professor und zwar sogleich. Wenn nicht, so sind Sie in einer halben Stunde verhaftet.‹ ›Aber warum denn, mein Lieber?‹ frage ich ganz erschrocken, ›ich bin mir doch nicht bewußt –‹ ›Einerlei‹, unterbrach er mich, ›es ist, wie ich sage, und hätt' ich nicht soeben zufällig von einem befreundeten Gerichtsbeamten erfahren, was Ihnen bevorsteht, so könnte kein Mensch Ihnen helfen. Machen Sie sich sogleich fertig!‹ Ich sehe den Mann an, aber sein Gesicht verriet nur zu deutlich, daß er die Wahrheit sprach. ›Aber mein lieber Moog,‹ sage ich, ›ich begreife noch immer nicht – wie soll ich denn nur in solcher Eile‹ – die Flucht bewerkstelligen, wollte ich sagen; aber er schnitt mir das Wort ab und zog einen Packen unter dem Arm hervor: ›In Verkleidung natürlich, Herr Professor, hier – ich habe schon alles besorgt – ich fliehe mit Ihnen, denn auch mir ist die Polizei auf den Fersen.‹ Er faltet den Packen auseinander: ›die Sachen sind von meinem Freunde, dem Bäckermeister Günther, der sie noch von seiner Wanderschaft her aufbewahrt, ein Paß steckt in der Rocktasche, er gehört seinem Gesellen. Nun machen Sie schnell und verlieren Sie keine Zeit.‹ In zitternder Hast kleide ich mich um, stecke noch einiges notwendige zu mir, und will mit dem Wartenden, der wie auf heißen Kohlen saß, eben das Zimmer verlassen, da öffnet sich unten die Haustür; schwere Tritte dröhnen die Treppe herauf. ›Um Gotteswillen,‹ flüstert der Wackere, ›da sind sie schon. Schnell zur Bodenluke hinauf – an der Bodenluke des Nachbarhauses gegenüber erwarte ich Sie.‹ Damit ist er auch schon zur Stube hinaus. Ich folge, schlüpfe die Treppen hinauf und erreiche den Speicher. Unten höre ich bereits die Gendarmen mit rauher Stimme Einlaß fordern: ich stehe an der Speicherluke und warte. Es vergingen einige qualvolle Augenblicke; vergeblich zerbreche ich mir den Kopf, wie ich da oben hinauskommen soll – da schiebt sich eine Planke in die Oeffnung herein, ich höre eine gedämpfte Stimme: ›Sind Sie da?‹ ›Ja,‹ rufe ich leise in das Dunkel hinaus. ›Besteigen Sie rittlings die Planke,‹ schallt es zurück: ›eilen Sie, ich halte das Brett fest.‹ So schnell ich konnte, schlüpfte ich hinüber. Freund Moog griff mir unter die Arme, half mir in die Luke hinein, an der er stand und zog die Planke zurück. ›So, und nun schnell hinunter,‹ flüsterte er. Wir erreichten glücklich die Straße und eilten nach dem Barfüßertore. Es war bereits geschlossen. Wir mußten zurück. An den andern Toren gings ebenso. Es blieb uns nichts übrig, als die Ankunft der Kasseler Post zu erwarten, die gegen elf Uhr das Elisabethtor passieren mußte. Moog hatte den Plan, in dem Augenblicke hindurchzuschlüpfen, in dem das Tor geöffnet ward. Wir hockten in einem Winkel an der Mauer nieder und warteten. Flüsternd erzählte mir Moog, wie er an den Gendarmen vorübergekommen war. Sie hatten ihn im Dunkeln für den Professor gehalten und ihn zurückhalten wollen; er hatte ganz gemütlich in bäurischem Dialekte mit verstellter Stimme geantwortet: ›ne, Musje, 'n Professer sain aich niet – so wiet hon aich's noch nit gebroocht,‹ und sie hatten ihn laufen lassen. Wenn sie ihn kriegten, sagte er, gäb' er für sein Leben keine zwei Heller. Sie hatten herausbekommen, wer die Bauern aus Ockershausen in der Nacht vom 23. zum 24. Juni in die Stadt geführt hatte: auch seine Verhaftung wäre an dem Abend erfolgt, wäre ihm nicht durch jenen Freund die Sache gesteckt worden. Bei dem Aufstande von Anno 7 hat man ihn laufen lassen; zwar haben auch damals die Franzosen auf ihn gefahndet, aber obwohl er sich jederzeit offen gezeigt, hat keiner den starken Mann zu greifen gewagt aus Furcht seiner eigenen Lebensgefahr und weil nun gefürchtet, daß seine Anhänger – er ist in allen Dörfern um Marburg bekannt und ungemein bei den Bauern beliebt – ihre Rache mit Sengen und Brennen auslassen würden.

»Endlich schlug's von St. Elisabeth elf. Der Ton des Posthorns klang in der Ferne; wir standen auf. Das Tor ward geöffnet, rasselnd fuhr die Postkutsche durch das Gewölbe heran. Wie Schatten flogen wir an den scheuenden Pferden vorüber in den dunkeln Gang. Wir waren gerettet.

»Auf der Straße nach Kölbe trennten wir uns. Er hatte die Absicht, an Gießen vorbei an den fürstlich solmsischen Hof in Braunfels zu flüchten, wo er Gönner und Freunde hat; seine Bitte, ihn dorthin zu begleiten, mußte ich abschlagen. Ich hatte mir die Sache bereits überlegt. Für einen geächteten Professor, einen Mann, der eine öffentliche Stellung im Lande bekleidet hat, dürfte es in Deutschland überhaupt keine Sicherheit geben. Meine Absicht ist, die Werra und die Weser hinab nach Bremen mich durchzuschmuggeln und dort, wenn mir das Glück hold ist, nach England mich einzuschiffen. So nahmen wir denn Abschied von einander und wanderten, der eine südwärts, der andere nordwärts, jeder seines Wegs. Die ganze Nacht hindurch bin ich wie mit Siebenmeilenstiefeln gewandert; an den Nachtmarsch werd' ich gedenken! Die unbequemen Gesellenschuhe, das ungewohnte Marschieren, die teilweise schlechten Wege, alles kam zusammen, mich vor der Zeit marode zu machen.

Mit wunden Füßen schleppte ich mich stundenlang dahin. Zuletzt hatte ich noch das Unglück, über eine Wurzel zu stolpern und mir den Fuß zu vertreten. Im Weichbilde von Vernau, einem Dörflein im Schwalmgrunde, brach ich endlich zusammen. Resigniert ergab ich mich in mein Schicksal. ›Mag es mir denn gehen, wie Gott will,‹ dachte ich: ›ich kann nicht mehr.‹ Aber siehe, just zur rechten Stunde erschien ein barmherziger Samariter, der mich, den Unbekannten, aufhob und rettete.«

In Worten dankbarer Rührung erzählte er sein Erlebnis mit Pfarrer Bohnewald, stockte jedoch, als er seiner ersten Begegnung mit Rosa gedachte. Wieder sah er sie vor sich mit dem Röslein im Haar, den reizenden Schelmengrübchen in dem lächelnden Gesicht, inmitten ihrer hungrigen Geflügelschar. Mit einigem Herzklopfen glitt er über die Szene hinweg, um desto länger bei der Schilderung des Edelmannes und dessen hochherziger Handlungsweise zu verweilen.

»Seine Warnung,« fuhr er fort, »ließ mich die Abreise nicht länger verzögern. Der Versuchung, mein Inkognito aufzugeben, widerstand ich. Ich hatte meine Gründe dazu.

»Glücklich gelangte ich nach Niederhone. Ich ging ins Chausseehaus. Der Zöllner, unser guter Freund Billing, erkannte mich auf der Stelle, war jedoch klug genug, sich nicht zu verraten. Nicht einmal seine Hausgenossen haben bis jetzt eine Ahnung, wer der Handwerksbursch war. Ich hatte nicht vergebens auf seine Hilfe gerechnet. Bon ihm erfuhr ich, daß der Schiffer Völke in der Mangelgasse, ein zuverlässiger Mann, just ein Schiff für Bremen befrachtet habe, das morgen Nacht abgehen werde; er versprach, selbst mit dem Manne das Nötige verabreden zu wollen. Meinen Wunsch, Euch, meine Lieben, noch einmal zu sehen, wollte er mir ausreden, da es Kurts wegen zu gefährlich sei. Und doch konnte ich die Sehnsucht, von Ihnen, teuerste Mutter, und von Dir, mein liebes Schwesterlein, persönlich Abschied zu nehmen, so schwer bezwingen … Ich hatte jedoch ganz unverhofftes Glück. Herr Kommerzienrat Bartholomäus kehrte mit einigen wohlgesinnten Männern aus Eschwege im Chausseehause ein; später kam noch Pfarrer Sträubelein aus Schwebda dazu; beide Herren wurden von meinem guten Billing ins Vertrauen gezogen. Der Kommerzienrat übernahm es, Euch vorzubereiten. Es fügte sich überaus günstig, daß Kurt just zu der Stunde verreisen mußte – auch er kehrte auf ein paar Minuten im Chausseehause ein, hat mich jedoch dank der Umsicht des wackeren Wirtes nicht zu sehen bekommen – somit konnte ich mein Vorhaben ausführen. Pfarrer Sträubelein hat versprochen, die Sache mit dem Schiffer ins Reine zu bringen. Da es gewagt erscheint, in der Stadt das Schiff zu besteigen, so wollte er den Schiffer verständigen, unterhalb des Fürstensteines bei Instedt anzulegen. Dort werde ich ihn und sein Schiff erwarten. O meine Lieben,« schloß er bewegt, »wie dankbar bin ich, daß sich alles so glücklich gefügt hat – vor allem aber, daß es mir vergönnt war, Euch noch einmal zu sehen, bevor mich das Schiff den heimatlichen Penaten entführt.«

Er schwieg und drückte beiden die Hand.

»Die braven Menschen,« bemerkte Emilie leise. »Der gute Pfarrer Bohnewald! Gottlob, es gibt doch noch treue Herzen im Lande!«

Mit leuchtenden Augen sah sie den Bruder an. Ungeachtet des Ernstes der Lage fragte sie plötzlich und lächelte schalkhaft: »Ist Fräulein Rosa sehr schön, lieber Bruder?«

»Nicht ganz so schön wie Du, mein Schwesterlein,« gab, unter ihrem Blick errötend, Friedrich zur Antwort und lächelte ebenfalls. »Sonst aber –«

»O Du Schäker!« unterbrach ihn die Schwester und tupfte ihn sanft auf den Mund.

Die Mutter lenkte das Gespräch ab. Ihrem feinen Ohre war ebensowenig wie dem Emiliens der Ton scheuer Zurückhaltung entgangen, mit dem Friedrich des jungen Fräuleins erwähnt hatte: ihr mütterliches Auge hatte ebensogut wie Emilie die heimliche Glut bemerkt, die in seinen Augen flammte, so oft in seiner Schilderung von Rosa die Rede war; allein für den Augenblick nahmen ganz andere Dinge ihre Gedanken in Anspruch.

»Das ist nun so weit alles recht schön und gut, liebe Kinder,« sagte sie, »aber wie viel, ach wie viel ist noch zu bedenken! Der Gedanke, nach England zu fliehen, hat gewiß vieles für sich – das Land ist im Kriege mit Napoleon, und viele unserer geflüchteten Patrioten haben dort eine Zuflucht gefunden – aber woher, lieber Friedrich, wirst Du dort die Mittel zum Unterhalt nehmen? Die hundert Frank, die der gute Baron Dir zugesteckt hat, reichen nicht weit, dürften kaum zu den Reisekosten genügen – und sonst wirst Du auch nicht viel –«

Sie brach ab. Nachdenklich ruhten ihre Blicke auf seinem Antlitz.

»Ich hoffe,« gab Friedrich leise zur Antwort, »daß es mir drüben nicht schwer fallen wird, bald eine Anstellung, sei es auch nur als Privat- oder Hauslehrer, zu finden. Freilich«, – seine Miene ward ernst – »einige Zeit dürfte immerhin darüber vergehen … Ich hatte,« fuhr er zögernd fort, »als ich so Hals über Kopf aus Marburg flüchten mußte – darf ichs gestehen? – zunächst auf Ihre Hilfe, teuerste Mutter, meine Hoffnung gesetzt. Verzeihen Sie eine Frage: wird es Ihnen möglich sein, mit einem Darlehen – hundert Taler, denke ich, würden vollständig genügen – mir auszuhelfen?«

Die Mutter war blaß geworden. Wie träumend blickten ihre Augen in eine weite, weltverlorene Ferne. Tränen perlten an ihren Wimpern. Auch Emilie machte ein ernstes Gesicht. Bangen Herzens, wie von einer beklemmenden Ahnung bedrückt, sah Friedrich bald die eine, bald die andere an. Fast schüchtern bat er: »Wollen Sie mich nicht mißverstehen, Herzensmutter. Es ist, wie gesagt, nur ein Darlehen, um das es sich handelt, da ich recht wohl weiß, daß ich vom väterlichen Vermögen nichts mehr zu beanspruchen habe; es ist eben bei meinem Studium draufgegangen. Ich denke nicht daran, mein Schwesterlein zu berauben …«

Die Greisin hatte sich umgewandt: »O mein Sohn, das ist's ja nicht …« Hingerissen von ihrer Bewegung schlang sie beide Arme um seinen Hals und flüsterte, den Kopf an seiner Brust, unter rinnenden Tränen: »Was wirst Du denken von Deiner Mutter, mein Friedrich? Ich dumme Frau habe die unglaubliche Torheit begangen, auf Kurts Drängen mein ganzes Barvermögen zu der neuen Staatsanleihe des Königreichs zu verausgaben. Die Obligationen hat Kurt in Verwahrung genommen …«

»Das haben Sie getan?« rief Fredrich erbleichend. »Aber wenn nun eines Tages dieses aus so vielen heterogenen Bestandteilen künstlich zusammengesetzte Staatswesen zusammenstürzt, wenn der Staat – und das kann über Nacht geschehen – Bankerott macht, wo bleibt dann Ihr Geld?«

»Ja, wo bleibt es?« schluchzte die Weinende.

Sie zog den Arm zurück, erhob den Kopf und sah ihm bittend, mit einem Blicke unsäglicher Liebe ins Auge. Mit einem Versuche ihre Tränen zu trocknen, fuhr sie gefaßter fort: »Vergib mir, mein Sohn! … Kurt – ach, er war so stürmisch in seinen Bitten: er selbst hat – aus purem Patriotismus, wie er sich einredet – mehr als die Hälfte seines Vermögens dem Staate zur Verfügung gestellt, um des lieben Friedens willen – er kann ja so leidenschaftlich sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat und dabei Widerspruch findet – habe ich ihm den Willen getan. Er glaubte es gut zu machen – behauptet noch heute, daß eine Gefahr, dabei zu verlieren, in keiner Weise vorhanden, das Geld gerade so am besten und sichersten angelegt sei … Dennoch –

»O, wer doch alles voraussehen konnte!« stieß sie förmlich zerknirscht hervor. »Was soll nun werden? … Kurt schneidet von Vierteljahr zu Vierteljahr die Koupons ab und gibt uns, was auf unsere Anteile entfällt, und das reicht mit dem, was er uns sonst noch zukommen läßt, nur so eben für unsere Bedürfnisse aus. Unglücklicherweise geht auch gerade jetzt das Quartal zu Ende. Das Wenige, was noch in der Kasse vorhanden ist – es steht, o natürlich! zu Deinen Diensten, mein Sohn – aber es ist auch nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein … Mein Gott, was fangen wir an?«

Es entstand eine Pause. Die eigenen Tränen zu verbergen, hatte Emilie ihr Taschentuch vor die Augen gedrückt. Leise stand sie vom Divan auf und lehnte den Kopf gegen das gardinenverhangene Fenster.

Trübe brannten die Flämmchen auf dem Leuchter. In den Winkeln des Gemachs brauten die Schatten der Nacht. Fast gespenstisch hoben sich die weißen Nippessachen an den Wänden aus der umgebenden Dämmerung ab; die Uhr auf der Konsole über der altmodisch geschweiften Kanerde ließ ununterbrochen ihr eintöniges Tiktak hören – das Ganze ein schwermütiges Stimmungsbild der Lage, in der sich unsere ratlosen Freunde befanden.

»Ja, was fangen wir an?« wiederholte Friedrich und seufzte.

Plötzlich wandte sich Emilie um. Ein Strahl der Hoffnung schimmerte aus ihren Augen.

»Wäre es denn, liebste Mutter, nicht möglich,« fragte sie, »das Nötige durch einen Wechsel zu beschaffen? Vielleicht wäre Herr Bartholomäus so gefällig, uns einen auf Bremen – bis England reichen leider seine Verbindungen nicht – auszustellen, den wir – natürlich poste restante und unter einer Deckadresse – Friedrich nötigenfalls nachschicken müßten.«

»Es wäre vielleicht ein Weg,« sagte der Flüchtling und drückte der Schwester, die sich wieder zu ihm gesetzt hatte, die Hand. »Allein« – er zögerte – »die Sache hat ihren Haken, mein Schwesterlein. Bis ich Bremen erreiche, wird die Polizei in den Hafenstädten längst alarmiert sein: ohne Gefahr, erkannt und ergriffen zu werden, dürfte ich mich also kaum auf der Post zeigen. Wenn es jedoch irgend eine Möglichkeit gäbe, den Wechsel sogleich mit mir zu nehmen – an das Bankhaus könnte ich ihn von London aus schicken –«

Er brach ab und versank in Nachdenken.

»Eigentlich müßte ich,« fuhr er mit gesenkten Lidern fort, »noch im Laufe der heutigen Nacht nach Niederhone zurück. Kurt darf mich ja auf keinen Fall hier treffen. Aber wenn ich hoffen dürfte –.« Er sah Mutter und Schwester an. »Wie lange,« fragte er, »glaubt Ihr mich wohl vor ihm verbergen zu können?«

Die Mutter hob das tränenüberströmte Antlitz empor.

»Das Schiff, sagtest Du, fährt morgen Nacht ab?«

Friedrich nickte.

»Nun, so lange,« bemerkte sie, »wird es ja immerhin möglich sein. Kurt ist so von seinem Amte in Anspruch genommen, daß er außer den Mahlzeiten, die er hier einnimmt, nur sehr selten ein Stündchen –«

Aber wie es so oft nach dem Sprichworte geht: ›Wenn man vom Wolfe spricht, steht er vor der Tür‹, so geschah es auch hier. Es pochte. Erschrocken, wer da so spät, ohne daß man das Öffnen der Haustür oder einen Schritt auf der Altane gehört hatte, noch Einlaß begehre, und doch, da der Stiefsohn verreist war, nicht gerade des Schlimmsten gewärtig, brach die Matrone mitten im Satze ab. Ihre Blicke richteten sich in ängstlicher Spannung auf die Tür. Emilie war aufgesprungen.

»In die Kammer!« flüsterte sie angstvoll – ihre Hand deutete auf den Teppichvorhang, der das Schlafgemach, eine Art Alkoven, vom Wohnzimmer trennte – und eilte, das Licht in der Hand, nach der Tür. Sie öffnete und – prallte im nächsten Augenblicke tödlich erschrocken zurück. Ein Zittern durchflog ihren Körper, ihre Knie schlotterten, der Boden schien unter ihren Füßen zu wanken und das ganze Zimmer sich mit ihr im Kreise zu drehen. Der Kantonmaire stand vor ihr. – –

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