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Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Ein Wiedersehen


So schnell die Flucht des Königs erfolgt war, war sie doch von den Russen bemerkt worden. Während des Kampfes am Leipziger Tore hatte eine Abteilung der Russen unter Oberst von Beckendorf, der unsere Freunde sich angeschlossen hatten, die Fulda durchschwommen und kaum, nachdem der Königliche Nachtrab vorübergezogen war, die Frankfurter Straße erreicht. Sie hatten sofort die Verfolgung aufgenommen und von der Begleitung des Königs noch zehn Offiziere und zweihundertundfünfzig Mann zu Gefangenen gemacht. Der König selbst war mit dem Reste seiner Mannschaft entkommen, verlor jedoch unterwegs noch so viel Leute durch Desertion, daß, als er am andern Tage in Marburg einzog, er nur noch einhundertundachtzig Mann bei sich hatte.

Wenn Kurt übrigens glaubte, daß Czernitscheff sein Vorhaben auf Kassel aufgegeben habe, so sollte er bald erleben, wie sehr er sich auch darin wieder getäuscht hatte. Nur die Nachricht von dem Anrücken des Generals Bastineller, der mit einem aus verschiedenen Waffengattungen gemischten Korps von 1500 Mann sich endlich zum Entsatze der Hauptstadt angeschickt hatte, war der Grund jenes plötzlichen Aufbruches gewesen. Dem Angriffe Bastinellers zuvorzukommen, war Czernitscheff wie auf Windesflügeln in der Richtung auf Melsungen davongestürmt. Die feindlichen Korps stießen auf einander; aber der Kampf hatte kaum begonnen, so war er auch schon entschieden. Die westfälischen Truppen versagten ihrem Führer den Gehorsam; ihrer dreihundert gingen geradeswegs zu den Russen über, die übrigen zerstreuten sich. Mit Zurücklassung zweier Geschütze suchte Bastineller sein Heil in der Flucht. Vierzig Mann, die Offiziere mitgerechnet, bildeten die stattliche Kriegsmacht, mit der er nach einigen Tagen Friedberg in Oberhessen erreichte.

Wie erstaunten die Bewohner der Hauptstadt, als es schon am Mittage des jenem Aufbruche folgenden Tages plötzlich hieß: die Kosaken sind wieder da! Wie durch Zauberei herbeigeführt, standen sie wieder auf dem Forst und richteten ihre erbeuteten Geschütze gegen die geängstete Stadt.

In der Bürgerschaft herrschte eine gewaltige Aufregung. General Alix, ein tapferer Haudegen, den Jérome inzwischen zum Gouverneur der Hauptstadt ernannt hatte, war mit einer Abteilung französischer Truppen zurückgekehrt. Trotz der drohenden Haltung des Volkes begann er alles zur Verteidigung einzurichten. Donnernd krachten die ersten Schüsse der Russen in die Stadt …

In diesem Augenblicke kam jedoch der jahrelang aufgespeicherte Grimm ihrer Bewohner zum Ausbruch. Tobend rottete sich das Volk zusammen. Im Handumdrehen waren die französischen Husaren entwaffnet. Alix war ratlos. Schon drohte die Menge dem Feinde die Tore zu öffnen, da – es war zwischen sieben und acht Uhr Abends – entschloß er sich, zu kapitulieren.

Unter unbeschreiblichem Jubel der Bürgerschaft hielt Czernitscheff am 1. Oktober seinen Einzug in Kassel. General Alix zog mit den geringen Resten seines durch unaufhörliche Desertionen zusammengeschmolzenen Husarenregiments nach Marburg ab. In einem schönen Hause in der Bellevue, inmitten einer herrlichen Umgebung, nahm Czernitscheff mit seinen vornehmsten Offizieren Quartier. Eine Proklamation, die er noch desselben Tages erließ, erklärte das Königreich Westfalen für aufgelöst.

Es war um die Mittagsstunde des folgenden Tages. Aus dem Portale des Museums, jenes großen palastartigen Gebäudes am Friedrichsplatze, in dessen oberem mit einer Bildsäule des Korsen geschmücktem Saale noch vor kurzem die Stände des Reiches getagt hatten, trat ein Offizier. Ein Soldat, der mehrere mit Bindfaden umschnürte Aktenbündel im Arme trug, folgte ihm. Ein anderer Offizier kam in demselben Augenblicke die Lindenallee am Friedrichsplatze herab. Als dieser den Kameraden erblickte, kam er eilig näher und rief: »Ei, Freund, sehe ich Sie endlich wieder? Ich habe Sie schon den ganzen Morgen gesucht.«

»Sie sehen,« rief Friedrich von Grandenborn lächelnd, »was mich schon den ganzen Vormittag, zuerst im Schlosse, zuletzt hier, beschäftigt hat. Eine Reminiscenz an frühere Zeiten – ich habe Akten durchstöbert.«

Er bedeutete den Soldaten, die Bündel in sein Quartier zu tragen, und schritt mit dem Freunde den Friedrichsplatz hinunter.

»Die Ausbeute ist geringer, als ich erwartet hatte,« nahm er wieder das Wort. »Eigentlich gravierende Stücke sind nicht darunter. Waren wirklich solche vorhanden, so hat man sie ebenso wie die herrlichen Kunstschätze des Museums vorsichtigerweise noch rechtzeitig bei Seite geschafft. Es ist eine Schmach, diese nackten Wände zu sehen – nichts, was nur einigen Wert hat, steht noch an seiner Stelle. Alles ist weg.«

»Also nichts gefunden, hm, hm,« machte Oberstleutnant von Gehren. »Na, trösten Sie sich. Dafür habe ich das Glück gehabt, ein lebendes Dokument zu erwischen, das, auf Parole, uns die papierenen mehr als ersetzt.«

Überrascht hemmte Friedrich von Grandenborn seinen Schritt.

»Was Sie sagen!«

»Mache ich da,« fuhr jener fort, »gestern Abend in später Stunde dem Kastell noch einen Besuch. Es lüstete mich, die Gefangenen, die man dort untergebracht hatte – Offiziere und andere Herren –, mir einmal anzusehen. Eben da ich mich anschicke, die Tür zu einem der Zimmer zu öffnen, schlägt mir ein Name an das Ohr: ›Duc de la Garde!‹ Sie können sich denken, wie ich die Ohren spitzte. Eine Antwort hörte ich nicht, dafür aber gleich darauf eine lachende Stimme, die auf französisch rief: ›Laßt ihn, der Duc ist melancholisch geworden. Teufel auch, daß das lustige Leben hier so hat müssen ein Ende nehmen! Der Abschied von den schönen Weibern –‹

»›Schweig, Leboeuf,‹ donnerte jemand, ›oder –‹

»In demselben Augenblicke trat ich ein. Da saßen die Herren, ihrer drei oder viere, munter und guter Dinge beim Kartenspiel. Nur einer, ein auffallend schöner Mann, saß abseits am Fenster und stierte, in Gedanken versunken, mürrisch vor sich hin. Bei meinem Anblick sprangen alle bis auf den Herrn am Fenster mit dem Rufe auf: › Ah, monsieur le colonel!‹ und machten ihre Reverenz.

»Nun meine Herren,« fragte ich, »und wer ist unter Ihnen der Duc de la Garde?«

»Ich erhielt keine Antwort, aber die Blicke der Herren, die sich verlegen auf den Herrn am Fenster richteten, und dessen plötzliches Erblassen sagten genug. Er? fragte ich und deutete mit dem Finger auf ihren Genossen. Mehrere nickten. Na, ich wußte genug, ließ mir jedoch nichts merken, sprach ein paar gleichgültige Worte und wünschte ihnen schließlich einen guten Abend. Noch in derselben Stunde aber ließ ich sämtliche Eisengitter an den Fenstern des Kastells untersuchen, an Stelle der schadhaften neue einsetzen und die Wachen verdoppeln, um jeden Fluchtversuch unmöglich zu machen. Genug, wenn hier nicht zufällig eine Namengleichheit vorliegt, so haben wir ihn.«

»Aber das ist ja herrlich!« rief Friedrich von Grandenborn. »Dann, ja dann hat unsere Expedition allerdings einen Erfolg gehabt, wie man ihn sich gar nicht besser denken und wünschen kann. Kassel genommen, der Duc gefangen –«

»Und ein ganzes Königreich vernichtet,« ergänzte Herr von Gehren lachend. »Wie ich übrigens soeben höre, ist auch die zweite Hauptstadt in den Händen der Unsern. Major von Marwitz hat am 29. September Braunschweig genommen. Aber sehen Sie nur,« fuhr er fort, »diese Völkerwanderung! Das strömt ja nur so nach der Bellevue. Die Stadt schwimmt, so scheint es, förmlich in Wonne. Alles will den General sehen, und – für wen, meinen Sie wohl, daß ihn die guten Leute halten?«

Friedrich sah den Freund fragend an.

»Für Se. Durchlaucht den Kurprinzen,« sagte dieser. »Der Name Czernitscheff, glaubt das Volk steif und fest, sei nur ein Deckname für den Prinzen. Ich habe es selbst aus dem Munde eines Besuchers erfahren. Auf Parole, die Anhänglichkeit des Volkes an sein angestammtes Fürstenhaus ist wirklich rührend.«

Schweigend schritten sie neben einander dahin.

»Ob es übrigens vom General klug war,« nahm Friedrich von neuem das Wort, »eine solche Proklamation zu erlassen? So lange er selbst im Lande weilt, wird wohl einigermaßen die Ordnung aufrecht erhalten werden; aber was wird nach unserm Abzuge werden? Das wird eine schöne Unordnung geben, wenn niemand weiß, wer Herr oder Diener ist. Ich möchte nicht in den Schuhen der bisherigen Beamten stecken.«

»Ist nicht unsere Sache, Freundchen,« versetzte der Oberstleutnant, »uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Das Ding wird eben seinen Gang gehen. Aber was haben Sie?«

Verwundert sah er auf den Freund, der plötzlich stehen geblieben war und mit starrem Blick einer schlanken verschleierten Dame folgte, die in der Richtung zur Altstadt über den Platz eilte.

»Sollte es möglich sein?« murmelte Friedrich. »Hier in Kassel –«

»Von wem reden Sie?« fragte der Freiherr, während er, dem Blicke des Freundes folgend, aufmerksam die Dame beobachtete.

»Von meiner Schwester Emilie,« lautete die Antwort. »Wenn ich mir einen Vers darauf machen könnte, wie sie just nach Kassel sollte verschlagen sein, sonst möchte ich schwören –«

Mitten im Satze brach er mit einem leisen Rufe der Überraschung ab. Die Dame hatte die beiden Offiziere bemerkt; schon wollte sie nach einem flüchtigen Blicke vorübergehen, als sie, wie von einer Erinnerung durchzuckt, nochmals den Kopf wandte. Ungeachtet des verhüllenden Schleiers bemerkte Friedrich, wie sie in jähem Erschrecken die Farbe wechselte.

»Meiner Treu,« rief er aufgeregt, »sie ist's wirklich. Kommen Sie!«

Von Herrn von Gehren gefolgt, eilte er über den Platz. Die Dame war stehen geblieben. Jetzt schlug sie den Schleier zurück. Mit dem gleichzeitigen Rufe: »Friedrich! Emilie!« sanken die Geschwister einander in die Arme.

»Mein liebes, liebes Schwesterlein,« flüsterte Friedrich, »welch eine Freude, daß ich Dich endlich, endlich darf wiedersehen.«.

Mit bewundernden Blicken betrachtete Herr von Gehren das schöne Mädchen. So sah also die Jungfrau aus, für die er nach den Schilderungen des Freundes schon längst im Stillen geschwärmt hatte! Lächelnd trat er jetzt mit einer Verbeugung näher: »Da mein Freund in entschuldbarer Aufregung ganz zu vergessen scheint, mich vorzustellen, so –«

Doch schon hatte Friedrich sich umgewandt. Mit heiterer Miene fiel er dem Freunde ins Wort: »O, o, ich bitte tausendmal um Verzeihung! Hier, mein Schwesterlein, habe ich die Ehre, Dir förmlich und feierlich meinen treuen Schützer, Gönner und Freund, den Herrn Oberstleutnant, Freiherrn Joachim von Gehren vorzustellen. Ich darf wohl annehmen, daß mein Schwesterlein für den Mann, der dem heimatlosen Flüchtling jahrelang ein so freundlich Asyl in seinem Hause gewährt hat, dieselben warmen Gefühle der Dankbarkeit hegen werde, wie sie für Zeit und Ewigkeit den Bruder beseelen.«

Mit einem leuchtenden Blicke sah Emilie dem ernsten Manne in das Angesicht.

»Herr Oberstleutnant von Gehren,« wiederholte sie leise und reichte ihm die Hand. »Gottes Segen über Sie! Wer das an meinem Bruder getan hat, wie ich soeben zu meiner Überraschung höre – Mutter und ich haben Friedrich in Rußland geglaubt –, der darf darauf zählen, daß er auch dem Herzen der Schwester stets teuer sein wird.«

Der Freiherr verbeugte sich abermals, hielt die dargebotene Hand mit sanftem Druck in der seinigen fest und sagte:

»Machen Sie mich, bitte, nicht schamrot, mein Fräulein. Was ich getan habe, hätte jeder deutsche Patriot auch getan. Aber ich bin glücklich, der Freundschaft einer Dame mich versichern zu dürfen, deren hochherzige Gesinnung mich schon längst zu ihrem aufrichtigen Bewunderer gemacht hat.«

Emilie errötete. Indem sie ihm sanft die Hand entzog, bemerkte sie ablenkend mit einem lächelnden Blick auf den Bruder: »Welch ein wunderbares Zusammentreffen! O Friedrich, wie wird sich unser Mütterlein freuen! Aber Verzeihung,« fuhr sie fort und sah Herrn von Gehren bittend an, »für den Augenblick ruft mich eine dringende Pflicht hinweg. Darf ich die Herren bitten, mich ein wenig zu begleiten? Ich bin auf dem Wege zum Arzt –«

»Zum Arzte?« rief Friedrich erschrocken. »Ist Mutter krank?«

»Nicht sie; doch darf ich bitten? Ich werde unterwegs alles erzählen. Nachher gehen wir, wenn Herr von Gehren so gütig sein wird, uns zu begleiten, zusammen zu unserm Mütterlein. Mein Gott,« rief sie und legte die Hand auf ihr pochendes Herz. »Was wird sie sagen? Nein, diese Freude!«

»Es ist unser armer Kurt, Friedrich, um den es sich handelt,« berichtete sie, während sie mit einander den Steinweg hinab schritten.

»Kurt?« fragte Friedrich und sah die Schwester an. Es lag etwas Peinliches in seinem Blick.

»Ah, Du weißt noch gar nicht,« fragte Emilie zurück, »daß er Staatsrat geworden ist?«

»Nein, wie sollte ich, immer in Aktion, das erfahren haben? Im Felde, mein Schwesterlein, erfährt man von den Verhältnissen in der Heimat wenig.«

»Nun gut, er war Staatsrat geworden. Wir, Mutter und ich, sind übrigens nur bei ihm zu Besuch. Er hatte Mütterlein keine Ruhe gelassen, bis sie sich endlich entschloß, ihm den Wunsch zu erfüllen. Ich begleitete sie, wenn auch, wie Du verstehen wirst, sich alles in mir dagegen sträubte. Aber ich konnte Mütterlein, die oft kränkelt, doch nicht allein reisen lassen, und jetzt bin ich froh, daß ich nicht meinem Gefühle gefolgt bin. Schon hatten wir alles zur Rückreise vorbereitet, da geschah das Unglück. Vorgestern Morgen noch kerngesund, lag er schon am Mittag, ein gebrochener Mann, anscheinend auf den Tod darnieder. Eine Kanonenkugel hatte das Haus getroffen. Kurt saß gerade in seinem Arbeitszimmer, als sie hereingesaust kam. Sie hatte ihren Weg durchs Fenster genommen, der zerschmetterte Fensterladen ist dem Ärmsten gegen Brust und Schulter geflogen. Wie wir, Mutter und ich und die Dienerschaft, auf das Geprassel hereinstürzen, liegt Kurt blutend, besinnungslos am Boden. Nun, dieser Schreck! Innere Organe müssen zerrissen sein, der Arzt scheint wenig Hoffnung zu haben. Schon zweimal war er heute morgen bei ihm; er bat, ihm sogleich Nachricht zu geben, wenn sich irgend eine Änderung in seinem Befinden bemerkbar machte. Die Änderung ist eingetreten, er hat einen Blutsturz gehabt … Dem Arzte genauen Bericht zu erstatten, habe ich mich selbst auf den Weg gemacht. So, hier sind wir am Ziel; ich bitte die Herren einen Augenblick zu verweilen.«

Sie waren vor einem großen Hause in der Nähe der Sternwarte und des abgebrannten Fürstenschlosses, der Kattenburg, angelangt. Emilie verschwand im Hausflur, kehrte jedoch nach wenigen Minuten mit den bedauernden Worten zurück: »Leider nicht zu Hause, wird erst in einer halben Stunde zurückerwartet. Ich habe eine schriftliche Meldung zurückgelassen, daß er, sowie er zurückkommt, sich zu dem Verwundeten bemühe. Gehen wir.«

Mit fliegenden Worten erzählten die Geschwister einander während des Ganges ihre Erlebnisse. Daß sein Brief nicht angekommen war, tat Friedrich leid, dagegen entzückte es ihn, den Eindruck zu sehen, den sein Bericht über den damaligen Empfang in Falkenhagen bei der Schwester hervorrief. Ihr Gesicht strahlte.

»Was macht übrigens,« fragte er, »mein junger Retter, der Rudolf?«

Emiliens Gesicht wurde ernst. »Rudolf ist tot,« sagte sie.

Friedrich erschrak. »Tot? … O, Schwester, wie ist es möglich?«

»Ein jugendlicher Held, ist er gefallen auf dem Felde der Ehre. Als Fürst von Wittgenstein jene Proklamation erließ, worin er das Volk zur Erhebung aufforderte, da litt es den guten Jungen nicht länger zu Hause. Eines Tages war er verschwunden. Niemand wußte, was aus ihm geworden war; sein Vater schwieg sich aus. Aus Andeutungen jedoch, die er mir gegenüber einmal verlauten ließ, erfuhr ich, daß Rudolf als freiwilliger Jäger in das Lützowsche Freikorps getreten war. Er hat den berühmten Streifzug des Korps durch Thüringen nach dem Voigtlande mitgemacht und ist bald danach in dem verräterischen Überfalle bei Kitzen 18. Juni. Damals wurde auch Körner verwundet. unter den Augen seines Chefs, des Rittmeisters von Bornstädt, gefallen. Ein Brief, den dieser, nachdem sich die zersprengten Reste des Korps wieder gesammelt hatten, von Genthin aus auf Umwegen an den Pfarrer gelangen ließ, hat diesem die Kunde gebracht.«

Friedrich war betrübt. »Der tapfere Junge!« sagte er. »Schad' um ihn! Er war ein so vielversprechender Knabe … Wie nahm sein Vater die Nachricht auf?«

»Ja, das ist nun der Jammer,« gab Emilie zur Antwort. »Der arme Mann war erst wie betäubt von dem Schlage – er hatte so große Hoffnungen auf Rudolf gesetzt, – auf einmal hörte man, daß er seinen Trost suche im Trunke. Und es war auch so. Es ist traurig, diesen Niedergang mit anzusehen.«

»Das ist – allerdings schrecklich,« bemerkte der Bruder erschüttert. »Aber freilich, geahnt habe ich es damals schon, daß es noch einmal dahin kommen werde.« Die Szene im Wirtshause von Altenburschla – wie lebhaft stand sie wieder vor seiner Seele. Er seufzte. »Wie schade, o, wie schade um den sonst so wackeren, dazu so begabten Mann …

»Jener versoffene Wicht, der Hellmut, der mich damals in eine so üble Lage brachte,« fragte er, »er treibt wohl noch immer sein altes Wesen fort?«

»Ihn hat,« erwiderte die Schwester, »bald genug die Strafe ereilt. Er hat in einem Volksauflaufe sein Leben verloren. Von der wütenden Menge verfolgt, suchte er sich in ein benachbartes Haus zu retten, wurde jedoch aufgefunden, stürzte sich, sein Leben verloren gebend, in trunkener Verzweiflung durch die Bodenluke auf die Straße hinab und wurde tot aufgehoben.

»Die Zeit hat überhaupt manche Veränderungen gebracht,« fuhr sie fort. »Manche unserer alten Bekannten, auch Kommerzienrat Bartholomäus, sind gestorben. Der alte Börner aber auf dem Cyriaxturme ist immer noch rüstig, und auch Dein guter Freund, der lange Billing im Niederhoner Chausseehause, lebt noch.«

Schweigend schritt, während so die Geschwister ihre Erlebnisse austauschten, der Oberstleutnant neben ihnen her. Sein Gemüt war seltsam bewegt. Wieder und wieder flogen seine Blicke in scheuer stiller Bewunderung nach dem schönen Mädchen hin. Wie von einem süßem Traume umfangen, sog er mit Entzücken den Wohllaut ihrer Stimme ein. Noch nie, so gestand er sich, hatte eine Frau auf ihn einen solchen Eindruck gemacht, wie dieses Mädchen. Er kam sich vor wie verzaubert.

Sie hatten sich mittlerweile der Wohnung des Staatsrats genähert. Der Anblick des Hauses mit seinen verhangenen Fenstern stimmte Friedrich recht wehmütig. »Ist er« – er deutete nach oben – »noch immer der Alte?«

»Nein, Friedrich, er ist es nicht mehr. Du wirst einen gebrochenen Menschen finden, mein lieber Bruder. Schon die Erfahrungen, die er am Hofe gemacht hat, hatten ihn sehr ernüchtert. Nun liegt er, ein geschlagener Mann, vollends am Boden. Alle seine Ideale zertrümmert, seinen eigenen ehrgeizigen Bestrebungen ein so plötzliches Ziel gesetzt zu sehen – die Erfahrung war freilich bitter, o wie bitter! Du solltest ihn sehen, wie er jetzt auf unser Mütterlein hört, Friedrich, wenn sie, in ihrer klugen Weise redend von dem einen, das not ist, ihn zu dem Sünderheiland weist. Wie der Verdurstende nach einem Wassertrunk, so lechzt er förmlich nach ihrem Zuspruch. Ist es nicht wunderbar? Mütterchen hat wieder einmal recht behalten, wenn sie immer wieder die Hoffnung aussprach, daß auch Kurt noch einmal werde zur Besinnung kommen.«

Gesenkten Hauptes, das Herz von wundersamen Empfindungen bewegt, schritt Friedrich neben der Schwester her. Sie betraten das Haus. Mit vorsichtig gedämpften Tritten schlüpften sie eine Treppe hinauf. Emilie führte ihre Begleiter den teppichbelegten Korridor entlang in das Zimmer der Damen – wir kennen es schon; es war dasselbe Gemach, in dem sich erst kürzlich jene erregte Szene abgespielt hatte –, bat sie, es sich einstweilen bequem zu machen und verschwand, um, wie sie sagte, die Mutter auf die freudige Überraschung vorzubereiten. Wenige Augenblicke später trat die Matrone ein. Mit tiefer Rührung bemerkte Friedrich, wie sehr sie gealtert war. Tiefe Falten zogen sich durch ihr Gesicht und ihre Gestalt war gebeugt. Aber der gute Ausdruck, der ihrem Gesicht eigen war, dieser sanfte friedvolle Ausdruck, den Friedrich schon in jüngeren Jahren so sehr an der Mutter bewundert hatte, war geblieben und verschönte ihre alternden Züge wunderbar. Wie ein Sonnenstrahl flog es verklärend darüber hin, als ihr Blick jetzt auf die beiden Offiziere fiel. Mit einem Freudenrufe sank sie dem Sohne an die Brust.

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