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Vierzehntes Kapitel.
Auf dem Heldrastein


Indem wir die beiden vorläufig ihrem Geschick überlassen, wenden wir, die Aufmerksamkeit eines so starken polizeilichen Aufgebots auf dem Kamm des Gebirges zu erklären, unsere Aufmerksamkeit einigen Ereignissen zu, die sich mittlerweile im Tale abgespielt haben.

Kaum war Sträubelein, mit langen Schritten vom Berge herabsteigend, wieder im Grunde angelangt, als er die Verfolger auch schon hinter der nächsten Wegbiegung auftauchen sah. Es waren zwei Gendarmen. Hellmut war bei ihnen.

»Do eß der Pfarr,« hörte er diesen die beiden Gendarmen bedeuten, »bi dem wor he.«

Sträubelein sah, wie sich auf ihn sofort die Blicke der beiden Gendarmen richteten. Aber ein Lächeln huschte über sein Angesicht, als er, näher hinsehend, jetzt den einen von ihnen erkannte. Der Gendarm war ein Bekannter von ihm, ein Eschweger Kind, von dem, wie er wußte, nicht viel zu befürchten war.

»Der gute Zeuch,« murmelte er. »Gottlob, jetzt hab' ich gewonnen Spiel.«

Er zog die Mütze, grüßte und wollte vorübergehen – Hellmut und der Franzose vertraten ihm den Weg.

»Nit, nit, Herr Pfarr,« lallte der Metzger, der sich offenbar Kurage angetrunken hatte – er duftete schon auf zehn Schritte nach Branntwein –; »Se su – sun uns e – erscht jetze mol sahn, wo der angere eß.«

»Wer? Der Rittergutsbesitzer von Wildungen?« gab Sträubelein mit gutgespielter Verwunderung zurück.

»Nä, der Bro – Brofesser von Gra – Grandenborn.«

»Hört einmal, Hellmut,« sagte der Pfarrer sehr ruhig, »ich habe Euch schon gesagt, daß der Gutsbesitzer, mein Freund, nichts mit einem Professor zu tun hat.«

»Pardon, Monsieur,« nahm der Franzose mit einem verächtlichen Blick auf den angetrunkenen Metzger höflich das Wort, »kann Sie nit sak, wo sein der professeur de Grandeborn. Das Mann da saken, er sein gewest certainement chez vouser sei sicher bei Ihnen gewesen.

»Der Mann irrt,« versetzte Sträubelein. »Hört einmal, Hellmut,« – er sah dem Spion mit einem durchdringenden Blick in das Auge – »kennt Ihr denn überhaupt den Professor von Grandenborn?«

Der Metzger riß das blutunterlaufene Auge auf. Die Frage kam ihm sehr unerwartet. »Gekennen? Herr Pfarr, dos hon Se mi – mich gor nit ze gefrögen.«

»So, Ihr kennt ihn also nicht? Wie, und Ihr konntet es wagen, meinen Freund, einen Mann, den Ihr partout nicht kennt, in so unerhörter Weise zu molestieren und zu beschimpfen?«

Er wandte sich an den deutschen Gendarmen. »Herr Zeuch, ich bitte um Schutz vor diesem Menschen! Sitzen wir da, mein Freund, ein Rittergutsbesitzer aus der Gegend von Mühlhausen, sein Junge und ich, in der Schenke bei dem alten Andres. Mein Freund, der auf der Heimreise von einem Besuche begriffen ist, gedenkt unterwegs den Normannstein bei Treffurt zu besuchen, zugleich aber sich auch einmal die Gärtnereien in Großburschla anzusehen, und hatte sich deshalb schon früh mit dem Jungen auf den Weg gemacht, ich aber beide die paar Stunden hierher begleitet. Nun, wir sitzen da also ganz gemütlich beisammen, da kommt auf einmal dieser Mensch herein und insultiert uns beide ohne irgend welchen Anlaß in einer Weise, wie es wenigstens mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen ist. Ich frage Sie: soll ein Untertan Seiner Majestät des Königs von Westfalen sich eine solche Behandlung gefallen lassen? Wozu haben wir die Gesetze? Ich sage Ihnen, es ist hohe Zeit, daß dieser Mann, von dem man allerorten nichts Gutes hört, endlich einmal unschädlich gemacht werde. Ich verlange seine Bestrafung, damit er aufhöre, unbescholtene Menschen am hellen Tage zu insultieren.«

Des Metzgers Gesicht bei dieser Rede war kostbar. Mit offenem Munde starrte er den Pfarrer an. Plötzlich platzte er los. Er stotterte ein paar Flüche daher und fing an zu schimpfen: »Sä gottverd – Huddig, Se wun mi – mich, 'n königlichen A – Angestellten, 'n A – Agenten von der ho – hochen Bolezei hie Mo – Moritz lehren? Da soll doch gl – gliech 'n heiliges Kreuz –«

»Stille, Hellmut,« legte sich der deutsche Gendarm ins Mittel. »Sie haben hier, verstehen Sie mich, überhaupt nit zu schimpfen, am allerwenigsten aber, wenn sie selber so eine Art königlicher Beamter sind. Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nit mal selber ganz ordentlich am Kragen gepackt werden! Der Herr Justizminister Simeon, und sogar der Herr Generalkommissar Moisez sind, wie ich mir habe sagen lassen, so wie so nit gut auf die Agenten der Geheimpolizei zu sprechen. Wissen Sie das?«

Der Spion verfärbte sich. Nach Luft schnappend wollte er eine heftige Erwiderung geben, aber die Wut, in die er sich nachgerade hineingearbeitet hatte, würgte ihm in der Kehle; er brachte keinen Laut hervor.

Der Gendarm wandte sich an seinen Kollegen: »Kommen Sie, Kamerad, der Hellmut hat uns einmal richtig in den April geschickt.«

Der Franzose, der dieser merkwürdigen Unterredung, von der er übrigens das wenigste verstand, mit großen Augen gefolgt war, sah zweifelnd von einem zum andern und fragte: »Is sik nix mit die professeur, wirklich nix?«

Sein Kamerad schüttelte den Kopf. »Indes,« sagte er nachdenkend, »wir können uns ja selbst überzeugen und zum Überfluß in Großburschla nachfragen. Der Begleiter des Herrn Pfarrers ist über Großburschla nach Treffurt gegangen.«

Er faßte grüßend an seinen Czako und zog, ohne auf die Wutausbrüche des kollernden Agenten zu achten, seinen Kollegen mit sich am Arme fort. Der Pfarrer ging seines Weges.

»So ists recht,« lachte er in sich hinein. »Geht Ihr nur hübsch auf den Normannstein! Mittlerweile sind die beiden längst über alle Berge.«

Gutes Mutes zog er seine Straße weiter.

Die Gendarmen hatten die Richtung auf Großburschla eingeschlagen. Von dem Begleiter des Pfarrers war natürlich nichts zu sehen. Zeuch beruhigte seinen Kollegen: »Der Mann muß einen Richtweg eingeschlagen haben. In Großburschla treffen wir ihn sicher.«

Sie kamen im Dorfe an. Gleich am Eingange stand eine Schenke. Die Fenster standen offen; lauter Wortwechsel, vermischt mit französischen Flüchen, tönte auf die Gasse heraus.

»Aha, nos camarades!« rief der Franzose. » Entrons Treten wir ein., messieurs, vielleicht wissen von die professeur

Sie traten ein. Um den Wirtstisch geschart saßen wohl ein halb Dutzend westfälischer Gendarmen dort, die, nachdem sie in den nahen Grenzwaldungen die Nacht über vergebens auf der Lauer gelegen hatten, sich bei Karten, Würfeln und Branntwein von ihren nächtlichen Strapazen erholten. Ein lautes: » Ah, holà, bon jour, camarades!« empfing die Eintretenden. Mehr als einer streckte ihnen kredenzend sein Glas entgegen. Der Anblick gab dem noch immer grollenden Agenten sein Gleichgewicht wieder. Schnalzend tat er, gerade als ob er zu ihnen gehörte, den Männern Bescheid und bestellte, seinen Ärger vollends hinunterzuspülen, sogleich eine ganze Flasche Branntwein. Die Franzosen in der Gesellschaft schrieen lachend Beifall; sie glaubten nicht anders, als der Mann wolle sie traktieren.

» Ah, holà, monsieur,« rief es ihm entgegen, »Sie sein gut Mann, Sie uns spendieren, he?«

»Spendieren?« lachte Hellmut. »Holla, – 'n ganzes Faß, wenn Se wun, weishaftig! Wenn Se mich nämlich helfen, den verdammten Brofesser von Grandenborn zu kregen.«

» Voilà, le professeur,« rief einer, »aben gesuchen die ganze Nacht – muß aben die Teufel in Leib! Bringe Sie uns die Faß, Monsieur Wirt – auf die Koste von diese gut Mann, Sie wissen.«

»Halt da – so nit!« wehrte der Metzger ab, »erscht den Brofesser, hernah das Faß!«

»Ach, mak Sie kein slecht Sak, monsieur! Was ab Sie mit die professeur? Is sik unsern Sak –«

»Ihre Sache?« rief Hellmut giftig, »so, un wenn he nu hie eß in Großenburschel, der Brofesser, do kunn Se so ruhig sitzen gebliewen un Schnaps gesäufen?«

» Quoi? ici, sak Sie, ici in das Dorf?« mischte sich ein älterer Gendarm ins Gespräch.

»Messieurs können sich beruhigen,« nahm Zeuch das Wort. Er hatte inzwischen, der Einladung einiger Kameraden folgend, mit seinem französischen Begleiter Platz genommen. »Es ist eine sehr unsichere Spur, die der Civilist da, der Hellmut, im Sinne hat.« In möglichster Kürze berichtete er die Begegnung mit Sträubelein.

Die lärmende Gesellschaft war still geworden. »Aha,« rief jener ältere Gendarm, der eine Art Vorgesetzter zu sein schien, »mak sik sein, wie wollen, allons, camarades, trink Sie aus! Recherchons, daß finden wir das Mann!«

Er sprang auf und griff nach seinem Gewehr. Mit sauren Gesichtern mußten sich die übrigen fügen. Sie tranken aus, bezahlten die Zeche und stürmten dem älteren Kameraden nach, der bereits das Zimmer verlassen hatte. Die zuletzt Gekommenen folgten ihrem Beispiel. Nur der Spion zögerte noch. Der Wirt hatte ihm den Branntwein gebracht: erst mußte er seinem Durste Genüge tun. Um nicht bei der bevorstehenden Hetzjagd zu fehlen, stürzte er hastig ein Glas nach dem andern hinunter. Als jedoch das letzte geleert war, hatte er tatsächlich Professor und Pfarrer, die ganze Welt vergessen. Er wollte aufstehen, sank jedoch taumelnd der Länge nach auf die Bank zurück. Im Handumdrehen war er fest eingeschlafen.

Die Nachforschungen, die die Gendarmen im Orte nach den zwei Reisenden anstellten, hatten übrigens einen unerwarteten Erfolg. Wirklich waren ein paar gut aussehende fremde Männer durchs Dorf gekommen; sie hatten es jedoch nicht in der Richtung auf Heldra und Treffurt verlassen, sondern sich seitwärts ins Gebirge gewandt. Zeuch, der seine eigenen Gedanken bei der Geschichte hatte, schüttelte den Kopf. Er fragte den Bauern, der die Auskunft gab, ob es nicht statt zweier Männer nur ein Mann und ein Knabe gewesen seien.

»So genäu hon ich se mich net ahngegücket,« gab der Bauer mürrisch zur Antwort. »Ich meine, es wären 'n poor ahle Kerle gewäsen, 's kann awwer äu sinn, daß der eine 'n Junge wor, Adjes.«

Und weg war er. Mit einem eigentümlichen Lächeln sah Zeuch dem Manne nach. Er nickte befriedigt.

» Voyez donc, in das Berg?« rief der alte Gendarm. » Allons, camarades, lass' Sie uns folgen die Männer.«

Fluchend schlug die Schar die Richtung ein, die der Bauer gewiesen hatte: sie führte geradeswegs nach dem Heldrastein.

###

Im Dickicht pflogen unsere Freunde Rat.

»Bei Tage,« sagte Rudolf, »kommen wir, so lange die Gendarmen da sind, nicht mehr über den Berg. Wissen Sie was, Herr Professor?« Er deutete auf einen Tannenwald, der, von Brombeergestrüpp und wucherndem Unterholze durchsetzt, wenige Schritte vor ihnen seinen Anfang nahm. »Dort schleichen wir uns hindurch. Weiter vorne weiß ich uns ein gutes Versteck; da bleiben wir, bis die Nacht einbricht. In der Nacht führe ich Sie weiter nach Wolfmannsgehau.«

»Gut, so zeige den Weg, mein Junge. Schade,« – Friedrich lächelte schwermütig – »wir haben früher in Wanfried gewohnt, aber während ich das Thüringerland während meiner Jenaer Studentenzeit in die Kreuz und Quer durchwandert habe, war ich doch nur ein einziges Mal auf dem Heldrastein. Wie ich diesen Mangel an Ortskenntnis jetzt bedauere! … Aber so geht's – das Ferne sucht man auf, und das Nahe, mag es noch so schön und gut sein, bleibt unbeachtet.«

Sie schlüpften nach den Tannen hinüber und schlichen so geräuschlos wie möglich durch das Gehölz. Nach einiger Zeit lichtete sich der Wald. Noch wenige Schritte, und sie befanden sich am Rande jener imposanten, senkrecht abstürzenden Felsenmauer, die, von gewaltiger Höhe und Breite, zu dem großartigsten gehört, was das mittlere Deutschland an Naturwundern aufzuweisen hat. Tief unter ihnen dehnte sich das romantische Tal, durch das in einem großen Bogen die Werra dahinfloß.

Noch wogte der Nebel im Tale. Bald durchsichtig, wie ein zerrissener Schleier, bald zu dichten Massen zusammengeballt, kroch er an den Abhängen der Berge empor, gleichsam bemüht, vor den Strahlenpfeilen des Tagesgestirns in den Schluchten des Gebirgs eine letzte Zuflucht zu finden. Wie Inseln ragten aus dem wogenden Nebelmeere die jenseitigen Berge, der Normannstein mit seiner Ruine, der Muhlienberg, der Kronstein und in der Ferne die Plesse mit ihren mächtigen Kalksteinfelsen hervor.

Ein schmaler Pfad schlängelte sich zwischen Gestein und Unterholz den Rand der Felsenmauer entlang. Rudolf trat auf den Weg hinaus, sah sich spähend nach allen Seiten um und winkte dem Professor. Vorsichtig schritten beide, linker Hand abbiegend, auf dem schmalen Pfade vorwärts. Plötzlich machte Rudolf, der vorne ging, eine Bewegung des Schreckens. Hinter einer Biegung, die der Weg etwa hundert Schritte weiter vor ihnen machte, hatte sein scharfes Auge den blinkenden Lauf eines Gewehres bemerkt. Fast im nämlichen Augenblicke tauchte dort eine Gestalt hinter den Büschen auf, die sich rasch näherte. Sich duckend wie eine Katze war Rudolf mit ein, zwei Sätzen dem Professor zur Seite.

»Herr Professor,« flüsterte er dem Erbleichenden zu, »es hilft nichts, Sie müssen hier hinunter.« Er deutete, sich über den Abhang vorbeugend, auf einen Baum, dessen Krone noch so eben über den Wegrand vorragte. »Springen Sie gerade in den Baum hinein, halten Sie sich an den Ästen fest und verstecken Sie sich in dem Laubwerk, bis ich zu Ihnen komme. Um Gotteswillen,« drängte er, »springen Sie, sonst sind Sie verloren. Mich hat sicher der Gendarm schon gesehen, ich muß deshalb hier bleiben.«

Der Professor wagte den Sprung. Es rauschte und knackte in dem Geäst; Rudolf wagte nicht hinunterzusehen, da der Gendarm jeden Augenblick zur Stelle sein konnte. Mit einer Unschuldmiene bückte er sich, zwischen den Zähnen leise ein Liedchen summend, zu einer Brombeerstaude nieder und begann mit einem Eifer zu pflücken und zu essen, als wenn er sein Lebtag noch keine Brombeere gekostet hätte.

» Voilà, mon garçon,« Sieh da, mein Junge. rief eine Stimme, »was maken wir da?«

Rudolf sah auf. Der Gendarm, ein schwarzbärtiger Mann, stand vor ihm und maß ihn von oben bis unten mit funkelnden Blicken. Der Knabe machte kauend ein paar große erschrockene Augen und stotterte:

»Ich esse Brombeeren, Herr Gendarm. Bitte, ach, bitte, tun Sie mir nichts; ich dachte, Brombeeren zu pflücken, wäre nicht verboten.«

Der Gendarm machte ein verwundertes Gesicht. »Brombeer? Brombeer?« fragte er, »was sein das?«

»Schöne schwarze Beeren,« erwiderte Rudolf. »Schmecken sehr gut. Probieren Sie einmal, Herr Gendarm.« Er bückte sich nieder, pflückte einige Beeren ab und reichte sie in der offenen Hand dem Franzosen hin.

»Hm, hm,« schmunzelte dieser, nahm und kostete eine, » je le trouve bon. ich finde es gut = es schmeckt mir gut. Aber saken mir doch, garçon, was das sein für ein Mann, was sein gewest bei Dir?«

»Bei mir?« wiederholte Rudolf mit einem Schafsgesicht. »Ich bin doch allein, Herr Gendarm: ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Der Franzose sah ihn zweifelnd an. »Mein ik doch,« sagte er, »ik aben gesehen ici ein Mann. Sollen ik passen ici auf ein Mann aus Escheweg, daß ik maken ihn prisonnier. zum Gefangenen. Ist sik gefährlik Mann, professeur de Grandeborn, un traitre, ein Verräter. – Du wissen vielleicht?«

Rudolf schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, Herr Gendarm.«

Das einfältige Gesicht, das er machte, war so natürlich, daß der Franzose wirklich getäuscht wurde. Er wunderte sich, daß er sich so gröblich geirrt haben sollte, aber immerhin – möglich war's doch. Kopfschüttelnd fragte er: »Wo kommst Du her?«

»Von Wolfmannsgehau,« flunkerte der Knabe frischweg. »Ich sollte eine Bestellung machen in Treffurt, die Brombeeren hier aber schmeckten so gut – nicht wahr, Herr Gendarm« – er sah mit einem drollig treuherzigen Blick zu ihm auf – »Sie tun mir deshalb nichts zu leide?«

Der Franzose lachte. » Non pas, garçon, ist sik nit slimm; mais attendez« aber warte. – er zog ein Geldstück hervor und hielt es dem Jungen vor die Nase – »Du das kennen?«

»Ein Frank,« erwiderte Rudolf mit leuchtenden Augen und sah den Gendarmen erwartungsvoll an.

» Bon,« fuhr dieser fort, »Du das bekommen von mir, wenn Du sehen das Mann, davon ik sak, Du ihn mir apporter, mir saken, wo Du ihn aben gesehen, verstanden?«

Rudolf nickte. »Und ich soll den Frank wirklich haben?«

» Certainement, wenn Du tun, was ik sak.«

»Aber ich kenne den Mann ja nicht, lieber Herr Gendarm,« sagte Rudolf weinerlich, »weiß gar nicht, was für einen Mann Sie meinen.«

»Nun, den bougre, den traître – wie saken die Leut – Ver– Ver–«

»Ah, Verbrecher?«

»Richtik, Verbrecher. Ist sik aber ein vornehm Mann, Du wissen ein professeur

»Ein Bro– braves Öhr? Was ist das, Herr Gendarm?«

Der Gendarm sah den Jungen verblüfft an. So ein einfältiger Junge war ihm ja lange nicht vorgekommen.

»Du nit wissen das?«

»Nein, Herr Gendarm.«

Der Franzose kratzte sich hinter dem Ohre. Wie sollte er dem Jungen nun das explizieren? »Ja, wie sollen saken ik – ein gelehrt Mann, ein kluges Mann –«

»Ah, in Frack und großem Hut?«

Der Franzose riß die Augen auf. » Ah, voilà, Frack und chapeau, Du ihn aben gesehen?«

»Gesehen? Nein, Herr Gendarm, ich frage Ihnen nur. Man muß doch auch wissen, wie so ein Mann, der Herr Braves – Braves Öhr – aussehen tut. Wie sollt' ich ihn denn sonst kennen, wenn er mir einmal begegnet?«

Der Gendarm machte ein enttäuschtes Gesicht. »Frack, chapeau,« sagte er nachdenkend, »kann sik sein, garçon, kann sik sein auch nit.«

Er zog einen Streifen Papier aus der Tasche – es war der Steckbrief, der in beiden Sprachen die Beschreibung des Verfolgten enthielt –, entfaltete das Blatt und begann, mühsam an dem deutschen Teil herumbuchstabierend, vor den Ohren des Jungen zu lesen:

»Sta–tur: groß – und – slank;
A–a–re: blond;
Au–gen: blau und glän–ßend;
Na–se: groß und ge–ra–de;
Mund: mit–tel–groß, sarf ge–snit–ten;
Kinn: ge–wöhn–lik;
Klei–dung: unbe–kannt, je–den–falls in Ver–mum – Vermummung.«

Der Lesende steckte das Blatt ein und wandte sich an den Knaben: »Du aben verstanden?«

»Alles nicht,« erwiderte Rudolf mit der unschuldvollsten Miene der Welt.

Des Franzosen Antlitz verfinsterte sich. Seine Weisheit war offenbar am Ende. Mit dem Jungen ließ sich wirklich nichts anstellen.

»Dumm garçon!« rief er ärgerlich. » Bougre! bête!
va–t–en au diable!
« geh zum Teufel. Er wandte ihm zornig den Rücken.

Grinsend sah ihm Rudolf nach, schnitt hinter seinem Rücken eine höhnische Grimasse und wandte sich mit anscheinendem Eifer wieder seiner Beschäftigung zu. Nach einer Weile erhob er sich und schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, dabei jedoch scharf nach allen Seiten ausspähend, den Weg entlang, auf dem der Franzose verschwunden war. Nachdem er etwa hundert Schritte gegangen war, bemerkte er seitwärts eine schmale Schlucht, die, von dichtem Gebüsch umwuchert, sich wie ein Riß in der steilen Felsenwand zur Tiefe hinabsenkte. Noch einmal sah er sich spähend nach allen Seiten um; der Franzose war nirgends zu sehen. An Gestrüpp und Wurzeln sich haltend, glitt er schnell auf dem tau- und regenfeuchten Grunde hinab. Der Einschnitt hatte schon nach wenigen Minuten ein Ende. Er befand sich auf einem schmalen nackten Vorsprunge der Felsenwand; unter ihm gähnte die furchtbare Tiefe, seitwärts zur Rechten zog sich ein schmaler, oft kaum fußbreiter Weg an einem terrassenförmigen Absatze der Felsenmauer entlang. Ohne zu zögern trat er auf die Terrasse hinaus. Die rechte Hand am Gestein schlüpfte er vorsichtig Schritt um Schritt vorwärts. Nach einiger Zeit sah er den Weg durch dichtes in den Ritzen der Felswand wucherndes Gebüsch versperrt, und dahinter erhob sich ein großer Baum, ein Ahorn mit breiter Krone und tiefherabhängenden Zweigen, dessen knorrige Wurzeln, aus den Spalten im Gestein ihre karge Nahrung saugend, weithin über die Terrasse verliefen. Der Knabe zwängte sich durch das Dickicht. Bei dem Baume angelangt, blieb er stehen, hob das Auge zu dem im Herbstschmucke prangenden bunten Laubgewirr empor und ahmte ein paarmal den Schrei eines Uhus nach.

»Rudolf, bist Du da?« klang es aus dem Baume zurück.

Rudolf atmete erleichtert auf. »Ja,« rief er leise hinauf; »klettern Sie dicht an der Wand herunter! Halten Sie sich an dem Aste fest – so – gleich sind Sie unten.«

Einen Augenblick später stand der Flüchtling, blaß vor Aufregung, aber unversehrt bei ihm auf der Terrasse.

»So, und nun hier herein.«

Er nahm den Professor bei der Hand und führte ihn, die Büsche zur Seite biegend, rückwärts in das Dickicht. Wieder hatte er ein paar der hemmenden Zweige zurückgedrängt, als sich ein Spalt in der Felswand öffnete. Der Eingang einer Höhle lag vor ihnen. Den Flüchtling nach sich ziehend, schlüpfte Rudolf hinein.

»Wo sind wir?« fragte unser Freund, indem er sich verwundert in dem dunkeln Raume umsah.

»Im Henningsloche,« versetzte Rudolf, »in der Höhle, wo einmal vor vielen hundert Jahren ein Räuber namens Henning gehaust hat. Sie kennen die Geschichte nicht?«

»Ich habe in meiner Kindheit davon gehört,« gab der Professor in halber Zerstreutheit zur Antwort – ihm lag noch immer der überstandene Schreck in den Gliedern – »wie war sie doch?«

Rudolf erzählte:

»Es war einmal ein schlimmer, schlimmer Räuber, der tat den Leuten viel Übles. Aber obwohl ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war, konnte doch niemand ihn greifen. Da ging einmal ein Mädchen von Heldra in den Wald am Heldrastein, Heidelbeeren zu suchen, zu dem trat ein großer starker finsterer Mann und sprach: ›Folge mir.‹ Das Mädchen erschrak furchtbar vor dem wüsten Mann und seinem unheimlichen Blicke; es bat flehentlich, daß er sie doch möchte heimgehen lassen zur Mutter. Aber der Räuber – denn er war es – sprach und rollte dabei die Augen:

›Folgst Du nicht willig,
so stirbst du billig!‹

»Da gehorchte das Mädchen und ging mit ihm. Als es abends nicht nach Hause kam, geriet die Mutter in große Angst; sie ging ins Dorf und klagte den Leuten ihre Not. Da haben sie sich mit Fackeln aufgemacht nach dem Walde, das Mädchen zu suchen, aber es nicht gefunden. Die Mutter weinte und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie war eine Witwe, und die Tochter war ihre einzige Stütze und Freude gewesen auf der Welt. Ein Jahr ist so dahingegangen, da sitzt eines Abends die Mutter in ihrem Stüblein wieder traurig und denkt an die verlorene Tochter, horch, da geht draußen die Tür, und es huscht etwas über den Flur. Sie steht auf, will sehen, wer's ist, aber da geht auch schon die Stubentür auf, und wer steht vor ihr? Ihr verschwundenes Kind, wie es leibt und lebt! Nun, die Freude kann man sich denken! Aber wie blaß und vergrämt und elend sah das Mädchen aus! Die Mutter fragt, wo es so lange gewesen wäre, darauf gibt das Mädchen zur Antwort: ›Ach, liebe Mutter, wenn ich Euch das verraten dürfte! Ich bin in einem gar schweren Dienst, aber ich habe geloben müssen mit einem schweren Eide, daß ich keiner Menschenseele verraten wolle, wo und bei wem ich wohne. Nur zwei Tage Urlaub hat mir mein harter Dienstherr gegeben; komme ich glücklich zurück, hat er gesagt, so dürfe ich Euch nächstes Jahr wieder besuchen. Aber jetzt will ich zum Priester gehen und ihm beichten, denn, ach, meine Sünden liegen auf mir so schwer wie die Felsmassen des Heldrasteins.‹ Die Mutter weinte und ließ die Tochter gehen. Als sie aus der Pfarre zurückkam, war die Mutter gerade in die Küche gegangen, ihrem unglücklichen Kinde ein Abendbrot zu bereiten, da hört sie, wie sie sich zu dem großen Kachelofen in der Wand zwischen Stube und Küche niederbückt, auf einmal drinnen ihre Tochter sprechen:

›Keinem Menschen darf ich's sagen,
Doch dem Ofen will ichs klagen:
In der Höhl' am Heldrastein
Muß ich Magd des Räubers sein.‹

Voll Freude über den Fingerzeig, sann nun die Mutter auf eine List, wie sie den Ort finden könnte; hatte sie doch noch nie etwas von einer Höhle auf dem Heldrastein gehört. Als der Urlaub abgelaufen war, nahm die Tochter wieder Abschied. Unterwegs wundert sie sich, daß ihre Taschen so schwer sind; wie sie nachsieht, da hat ihr die Mutter alle Taschen mit Erbsen gespickt. Sogleich durchschaute sie der Mutter Absicht und ließ von da an immer eine Erbse nach der andern zur Erde fallen. So fand die Mutter, die ihr nachgeschlichen war, richtig den Eingang zur Höhle. Sie ging aber nicht hinein, sondern zog sich sachte zurück, lief strackswegs nach Treffurt und erzählte dem Rate der Stadt, was sie für eine wichtige Entdeckung gemacht hätte. Der Rat, nicht faul, gab ihr sogleich ein halb Dutzend gewappneter Knechte mit, die führte sie, als die Nacht einbrach, heimlich zur Höhle. Dort stand schon das Mädchen wartend am Eingange, sagte, daß der Räuber betrunken wäre und soeben seinen Rausch ausschliefe, und sank der Mutter unter Freudentränen in die Arme. Die Gewappneten aber zündeten schnell ein paar Fackeln an, drangen in die Höhle, banden den schlafenden Unhold an Händen und Füßen und schleppten ihn, als er endlich knirschend und fluchend erwachte, in die Stadt ins Gefängnis. Er wurde vor Gericht gestellt, seiner Missetaten überführt und am Galgen aufgehängt. Die Schätze, die er in der Höhle aufgespeichert hatte, wurden ihren rechtmäßigen Eigentümern wiedergegeben; ein Teil davon ist jedoch dem Mädchen als Schmerzensgeld, der Mutter aber der Preis zugesprochen worden, den das Gericht auf den Kopf des Räubers gesetzt hatte. Aus dem Räuberschatz hat das Mädchen hernach ein Krankenhaus bauen lassen, dahinein zog es mit seiner Mutter und pflegte die Kranken, bis daß sie starb. Das ist die Geschichte vom Henningsloche.«

»Eine schöne Sage,« bemerkte der Flüchtling, der allmählich aufmerksam geworden war. »Wo hätte ich gedacht, daß die Räuberhöhle noch einmal würde meine Zuflucht sein?«

Bei ihrer unzugänglichen, versteckten Lage, die selbst für die wenigen Ortskundigen ein Betreten der Höhle gefährlich machte, bot sie in der Tat einen herrlichen Unterschlupf dar.

Rudolf war müde und hungrig geworden. Er sah sich nach einem Ruheplatze um. Auch bei dem Professor stellte sich jetzt mit dem wiederkehrenden Gefühle der Sicherheit die Nachwirkung der schlaflosen Nächte, der überstandenen Strapazen und Aufregungen ein. Rudolf raffte das Laub zusammen, das in großen Mengen am Eingange lag, trug es in den trockenen Hintergrund der Höhle und häufte es dort zum Lager auf. Beide ließen sich darauf nieder, zogen ihre Mundvorräte aus der Tasche und begannen zu essen. Erst jetzt kam es unserm Freunde ganz zum Bewußtsein, wie vorsorglich der Pfarrer gehandelt hatte, da er ihm den Proviant aufnötigte, und dankte ihm im Stillen dafür.

Schmausend gab Rudolf noch sein Abenteuer mit dem Gendarmen zum besten, dann fielen ihm die Augen zu. Der Flüchtling saß, den Kopf auf die Hände gestützt, noch eine Zeitlang wach und grübelte. Wieder und wieder ließ er die Erlebnisse der letzten Tage an seinem Geiste vorüberziehen, allmählich aber verwirrten sich seine Vorstellungen. Kopf und Hände verloren ihren Halt; er sank auf das Lager zurück. Es dauerte nicht lange, so umfing auch ihn ein tiefer, fester Schlaf.

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