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Fünfzehntes Kapitel.
Am Ziel


»Gnädiger Herr Baron, im Hofe unten steht ein Mann, der Sie zu sprechen wünscht. Was befehlen Sie?« Herr von Gehren blickte von der Zeitung auf, in der er bei dem Schein einer Öllampe gelesen hatte, und sah den greisen Kammerdiener an.

»Wer ist's?«

»Er nennt sich Kleinhans,« lautete die Antwort.

»Kleinhans?« wiederholte der Freiherr nachdenkend. Plötzlich belebten sich seine Züge. »Ah – führ' ihn sogleich herein, Konrad, und sorge dafür, daß uns niemand stört.«

Eine Minute später trat Friedrich von Grandenborn über die Schwelle. Mit tiefer Verbeugung nahm er lächelnd das Wort: »Der Handwerksbursch von Vernau, alias« – er dämpfte seine Stimme – »Professor Friedrich von Grandenborn, erlaubt sich, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die Herr von Gehren so gütig gewesen ist, ihm anzubieten.«

Der Freiherr war aufgestanden. Ein schneller forschender Blick glitt über die Gestalt des Eintretenden hin; blitzenden Auges rief er, indem er ihm beide Hände entgegenstreckte: »Also doch – ich glaubte schon – na, die veränderte Kleidung … Ei ja, willkommen, tausendmal willkommen in Falkenhagen, Herr Professor! Der Tausend, Sie werden mir gewiß viel zu erzählen haben.«

Er führte ihn zu einem Sofa, bat ihn Platz zu nehmen und klingelte.

Der Kammerdiener stürzte herein: »Herr Baron befehlen?«

»Sieh her, Konrad,« befahl der Kammerherr und deutete auf den Gast, »unser neuer Rentmeister, Herr Kleinhans.« Der Kammerdiener verbeugte sich. »Du wirst uns sogleich für ein gutes Abendbrot sorgen.«

»Sehr wohl, gnädiger Herr!« Konrad entfernte sich.

Der Flüchtling machte große Augen.

»Sie wundern sich über die Rolle, die ich Ihnen zugedacht habe?« fragte Herr von Gehren mit lächelndem Blicke. »Sie sehen, ich war auf Ihre Ankunft vorbereitet, und eben diese Rolle machte sich just ganz natürlich, da mein alter Rentmeister kürzlich gestorben ist. Einen Ersatz zu finden, war mit ein Grund meiner Reise, die solchermaßen also einen recht günstigen Erfolg gehabt hat.« Er rieb sich vergnügt die Hände. »Sind Sie mit meinem Plane zufrieden?«

Der Flüchtling lächelte verlegen. »Zufrieden, Herr Baron? Ei, das wäre ich schon, und o wie dankbar, wenn solcherweise – aber wird sich der Plan ungefährdet für meine und nicht zum wenigsten auch für Ihre Sicherheit durchführen lassen? Ich hatte eigentlich vor, von hier auf dem kürzesten Wege nach Rußland zu fliehen, nachdem ein anderer Plan, der einer Flucht nach England, zu Wasser geworden ist.«

»Nach – Rußland?« wiederholte der Freiherr gedehnt. »Na, das lassen Sie man. Dafür ist, sollte es mal nötig werden, immer noch Zeit. Zunächst bleiben Sie ruhig hier. Sie sind hier nicht in Westfalen, und französische Spürnasen haben hier vorläufig nichts zu suchen. Von meiner Dienerschaft haben Sie vollends nichts zu befürchten; lauter alte bewährte Leute, wissen Sie, mir und meinem Hause treu ergeben, und außerdem ohne Ausnahme gute Deutsche. Also, Sie sind von jetzt an mein Rentmeister: schlagen Sie ein?«

»Nun denn, mit tausend Freuden!« rief der Professor. »Es ist ja mehr, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte. Wie soll ich Ihnen, mein verehrter Herr Baron, danken?«

Kräftig schlug er in die dargebotene Rechte des Freiherrn ein.

Der Kammerdiener erschien und trug kalte Küche und Wein auf. Nachdem er Teller, Messer und Gabeln geordnet hatte, gab ihm sein Herr einen Wink, und er ging geräuschlos hinaus.

Der Freiherr sprach das Tischgebet und bat seinen neuen Rentmeister zuzulangen. »Müssen vorlieb nehmen, mein lieber Kleinhans;« – er schmunzelte – »wollen den Namen gleich fest halten, wissen Sie, damit wir uns daran gewöhnen: – ja, was ich sagen wollte: in meiner Lage – ich bin trotz meiner vierunddreißig Jahre noch Junggeselle – muß man's nehmen, wie's eben kommt. Dafür hat man freilich auch in dieser Jammerzeit weniger Sorgen.« Er erhob sein Glas: »Daß es Ihnen bei mir behagen möge!«

Dankend stieß der Flüchtling mit dem Freiherrn an. Er war hungrig; so ließ er sich zur Freude seines Wirtes die aufgetragenen Speisen vortrefflich schmecken.

Nachdem abgetragen war, brachte der Hausherr Pfeifen und Tabak herbei. Bald erfüllte eine ganz anständige Dampfwolke das Gemach.

Friedrich erzählte seine Schicksale. Herr von Gehren lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit. Als jener der aufregenden Vorgänge in der mütterlichen Wohnung gedachte, seine Begegnung mit Kurt und die Geistesgegenwart seiner tapferen Schwester schilderte, leuchtete das Auge des Freiherrn bewundernd auf.

»Sieh, sieh,« rief er, »so ein mutiges Frauenzimmer! Ein famoses Mädchen, eine echt deutsche Jungfrau, auf Parole! Die möcht' ich kennen lernen … Aber verzeihen Sie – erzählen Sie weiter.«

Friedrich nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf. Er berichtete seine Erlebnisse bei Pfarrer Sträubelein und das Abenteuer am Heldrastein.

In jener Räuberhöhle,« fuhr er fort, »konnte ich mich als gerettet betrachten. Als wir in der Abenddämmerung die Höhle verließen, waren die Gendarmen verschwunden. Ungehindert erreichte ich unter des Knaben Führung Wolfmannsgehau. Ein prächtiger Junge, der Rudolf! Hätte ich den nicht gehabt, es wäre mir schlecht ergangen, verteufelt schlecht! … Die Wege über die Berge kannte er alle wie seine Tasche. Als ich ihn hinter Wolfmannsgehau entließ, wollte ich ihm ein Stück Geld aufnötigen, aber er war nicht zu bewegen, es anzunehmen. Einem unschuldig Verfolgten behilflich gewesen zu sein, daß ihn die Franzosen nicht hätten in die Mache gekriegt, das Bewußtsein, sagte er, wäre ihm Lohn genug. Ich war förmlich gerührt. Traun, eine so noble Gesinnung bei einem Knaben findet man sicher nicht alle Tage!

»Die Reise hierher bot – abgesehen davon, daß sie ziemliche Anforderungen an meine Ausdauer stellte – weiter keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Von meinen Streifereien aus der Jenaer Studentenzeit her waren mir die Wege noch ziemlich bekannt. Größere Ortschaften, besonders Städte zu berühren, vermied ich. Den Tag über hielt ich mich, soviel es sich tun ließ, im Walde. Ungefährdet erreichte ich, als der Tag sich zu neigen anfing, das Schwarzatal, fand einige Bauern, die mich auf meine Fragen zurechtwiesen, und kam also glücklich hier an.«

»Glücklich hier an,« wiederholte der Freiherr und nickte. Paffend blies er eine Weile den Rauch seiner Pfeife vor sich hin. Plötzlich wandte er mit einer lebhaften Bewegung den Kopf, nahm die Pfeife aus dem Munde und rief: »Ja, wahrhaftig, Sie haben ganz unmenschliches Glück gehabt, Freundchen! Der Tausend auch, unter solchen Umständen zu Muttern zu gehen, auf Parole, es war ein gewagtes Stück! Hätte ich Ihre Pläne gekannt, hätten Sie nicht so hartnäckig Ihr Inkognito festgehalten in Vernau, ich hätte Sie auf keinen Fall nach Eschwege ziehen lassen.«

Er stand auf und klopfte die Asche aus seiner Pfeife. »Na, das beste ist,« fuhr er schmunzelnd fort, »daß Sie hier sind. Ich freue mich ganz außerordentlich, daß Sie mich endlich aufgesucht haben. Auf Parole, in diesem weltentlegenen Bergneste einmal auf längere Zeit den Umgang eines gebildeten Deutschen genießen zu können, die Aussicht ist wahrhaft entzückend! – Und wie gesagt, wegen Ihrer Sicherheit dürfen Sie ohne Sorge sein. Ich werde es schon einrichten, daß, sollte es wirklich einmal so einer französischen Spürnase einfallen, sich hier blicken zu lassen, sie mit langer Nase wieder abziehen soll – werde Sie so herausstaffieren, daß niemand in Ihnen den geächteten ehemaligen Professor erkennt.«

Er sah nach der Uhr.

»Schon zehn Uhr,« sagte er. »Traun, da werden Sie – na, nach einem solchen Marsche, ich meine wohl! – gehörig müde sein. So erlauben Sie wohl, daß wir Andacht halten. Ich halte die alte Sitte meines Hauses fest, daß auch die Dienerschaft daran teilnimmt. Darf ich bitten?«

Er nahm die Lampe und öffnete die Tür. Der Professor erhob sich, und beide verließen das Zimmer.

Herr von Gehren führte seinen Schützling die Treppe zum Erdgeschosse des Hauses hinab. In einem größeren Zimmer, der »Halle«, wie es noch von Urväter Tagen her hieß, fanden sie bereits die Dienerschaft ihrer wartend.

»Unser neuer Rentmeister, Kinder,« sagte der Edelmann, »Herr Kleinhans – Ihr werdet ihm mit gebührender Achtung begegnen.«

Die Männer verbeugten sich mit zurückhaltender Höflichkeit; einige alte Weiblein, die die Rolle von Mägden versahen, knixten und lugten mit heimlicher Neugier nach dem neuen Hausgenossen her. Dieser reichte allen die Hand, fragte die Leute nach ihrem Namen, wechselte hie und da ein paar freundliche Worte und hatte im Handumdrehen die Herzen gewonnen.

Der Hausherr hatte mittlerweile ein Schränklein geöffnet, das, in die Wand eingelassen, eine Anzahl Bücher, mehrere Bibeln, eine Anzahl guter alter Predigtbücher und ein Gebetbuch – den alten Friedrich Starke – enthielt, nahm Bibel und Gebetbuch heraus und las den Abendsegen. Andächtig und aufmerksam hörten die Leute zu. Unser Freund war ergriffen. Alles, was er hier sah und hörte, erfüllte ihn mit Bewunderung. Als ihn Herr von Gehren nachher zu den Gemächern begleitete, die fortan seine Wohnung sein sollten, konnte er nicht umhin, seinen Gefühlen in ernsten Worten Ausdruck zu geben.

Der Freiherr lächelte. »Was wollen Sie? Es ist die Weise, die meine Voreltern seit Jahrhunderten gehalten haben, und ich selbst habe den Segen davon. Auf Leute, denen die Bibel noch ein heiliges Buch ist, die, sozusagen, in der Himmelsluft aufgewachsen sind, die aus diesem Buche weht, kann unsereins sich verlassen. Bei denen findet die französische Luft und französisches Wesen so leicht keinen Eingang. Der Bücherschrank steht allen meinen Leuten zu freier Verfügung offen und, die Bücher werden fleißig benutzt. Auf Parole, unser deutscher Adel von oben bis unten hat sich selbst den Ast abgesägt, auf dem er saß, als er dem Rationalismus mit seiner verdammten Aufklärung Tür und Tor öffnete.«

Als unser Freund sich eine Weile später in dem hohen Himmelbette des Schlafgemaches zur Ruhe begab, umfing ihn ein Behagen, wie er es lange nicht empfunden hatte. Ein wonniges Gefühl der Sicherheit durchströmte seine Glieder. Er hatte wieder eine Heimat gefunden.

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Um dieselbe Zeit, da Friedrich von Grandenborn, aus dem Walde tretend, die Zinnen von Falkenhagen aus abendlicher Dämmerung auftauchen sah und müde und hungrig die letzte Wegstrecke, die ihn noch von seinem Ziele trennte, zurückzulegen sich anschickte, saßen in dem uns bekannten Hinterstübchen der Werrastadt unsere Freundinnen, des Professors Mutter und Schwester, in traulichem Dämmerstündchen beisammen und tauschten zitternden Herzens ihre Besorgnisse aus. Sie hatten unter der Hand von den Nachforschungen Kunde erlangt, die die Polizei in der Umgegend nach dem Flüchtling veranstaltet hatte, und noch hatten sie keine Ahnung, wie es um den Erfolg dieser traurigen Hetzjagd stand. Plötzlich schraken beide auf. Draußen pochte jemand leise und wiederholt an die Tür. Emilie ging, öffnete behutsam und – fuhr auf einmal mit einem leisen Rufe der Überraschung zurück. In das Zimmer schlüpfte eine jugendliche Gestalt. Derselbe Knabe, der ihr kürzlich jenes geheimnisvolle Blatt in die Hände gespielt hatte, stand vor ihr.

»Wer bist Du, mein Junge?« fragte sie bebend und reichte ihm in einer halb beklommenen, halb freudigen Aufwallung die Hand. »Meine liebe Mutter,« wandte sie sich im Flüstertone an die Greisin und schloß die Tür, »dies ist der Knabe, durch den uns unser verborgener Freund damals jene Nachricht zugehen ließ.« Sie bot dem Knaben einen Stuhl.

Rudolf machte ein vergnügtes Gesicht. Leise erwiderte er: »Der Freund, mein Vater nämlich, läßt die Damen herzlich grüßen und Ihnen Glück wünschen zu dem guten Erfolge.«

Den Lippen der Damen entschlüpfte ein leises »Ah!«

»So ist er glücklich hindurch?« fragte die Matrone, freudig erzitternd. »Komm und reiche auch mir die Hand, mein Sohn.« Rudolf gehorchte lächelnd. »Und es ist wirklich wahr, er ist seinen Verfolgern wirklich entgangen?«

»Ja, wirklich!« versetzte er ernsthaft.

»Wie war es nur?« forschte Emilie. »Erzähle uns doch, lieber Junge.«

Und Rudolf erzählte. Er war erst gegen Morgen nach Haus gekommen, hatte den Tag über tüchtig geschlafen, es sich dann aber nicht nehmen lassen, den Damen selbst die Nachricht zu bringen, der sie, wie er sich sagte, in bangender Sehnsucht entgegensahen. Um das Haus herumschlendernd, hatte er das zum Glück unverschlossene Hinterhofpförtlein entdeckt, war wie ein Schatten über den Hof geschlüpft und hatte richtig die Wohnung gefunden.

Zitternd vor Aufregung vernahmen die Damen seinen Bericht.

»Ich wollte,« schloß er treuherzig, »den Herrn noch weiter begleiten, aber er sagte, es sei nicht mehr nötig, und schickte mich zurück. Er läßt Sie noch viel-vieltausendmal grüßen, und Sie möchten sich nun auch nicht länger mehr um ihn ängstigen. Der liebe Gott, der ihm soweit durchgeholfen habe, werde auch ferner helfen. Von Rußland aus werde er an Sie schreiben, aber es könne noch lange dauern bis dahin; Sie möchten deshalb, wenn der Brief länger ausbliebe, keine Angst haben. Von meinem Vater aber hab' ich auch noch einen Auftrag; Sie möchten sich, läßt er sagen, vor dem Metzger Hellmuth in Acht nehmen, der wäre ein grundschlechter Kerl. Und das ist er auch,« setzte der Knabe mit zornigem Nachdruck hinzu.

Die Augen seiner Zuhörerinnen leuchteten. Wenn auch die Lippen schwiegen – ihr Herz quoll über von Lob und Dank.

Rudolf erhob sich.

»Du willst gehen?« rief Emilie, »Nicht so, erst –« sie sprang auf.

»Bitte nicht, Fräulein,« wehrte Rudolf, der ihre Absicht erriet, unter heftigem Erröten, »ich nehme kein Geld. Der Herr wollte mir auch welches geben, aber das tät' ich doch um keinen Preis, daß –«

Emilie hatte sich umgewandt. »Du hast recht, mein Junge,« fiel sie ihm lächelnd ins Wort. »Mit Geld ist eine Tat, wie Du sie vollbracht, nicht zu bezahlen. Es sähe beleidigend, wie eine Ablohnung aus. Aber das« – sie steckte ihm die Taschen voll Obst und Süßigkeiten – »das wirst Du uns zu Liebe doch annehmen. Und wenn wir Dir irgend einmal einen Wunsch, einen recht lieben Wunsch erfüllen können, dann kommst Du zu uns, hörst Du?«

Mit lächelndem Gesicht sah Rudolf zu dem schönen Mädchen auf. »Das – das – nun, ich will einmal sehen. Ich dank' auch recht schön. Guten Abend.«

Er reichte beiden mit sittiger Verbeugung die Hand. Die Matrone legte wie segnend ihre Rechte auf sein Haupt.

»Gott lohn' es Dir, mein lieber Knabe,« sagte sie und eine tiefe Bewegung zitterte aus ihrer Stimme, »was Du an meinem Sohne hast getan. Sage Deinem guten Vater, wir dankten ihm herzinniglich für seine opferwillige, tatkräftige Hilfe. Den Freundesdienst, den Ihr beide uns erwiesen, wir werden ihn Euch nicht vergessen unser Lebenlang. Gott behüte Dich, mein Junge, daß einmal ein Mann aus Dir werde, an dem Gott und Menschen Wohlgefallen haben! … Lebe wohl, mein Sohn, Gott segne Dich!«

Rudolf schlüpfte hinaus. Auf demselben Wege, auf dem er hereingekommen war, erreichte er unbeschrieen die Straße.

Drinnen aber lagen zwei Menschenkinder anbetend vor dem Allmächtigen auf ihren Knieen. Das Herz der Mutter ergoß sich in einem brünstigen Dankgebete …

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