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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Das Bekenntnis eines Sterbenden


Freude und Leid – wie nahe sind sie im Leben mit einander verbunden. Hier ein freudevolles Wiedersehen nach langem Trennungsschmerz und dort, nur durch wenige Türen von den Wiedervereinigten getrennt, ein kranker Mann, der sich zum Abschiede rüstet für die Ewigkeit. Hier ein Grüßetauschen und Händeschütteln mit einem lieben Freunde – mit einem Manne, dem die Herzen dankbar entgegenschlagen –, dort ein Ringen des Lebens mit seinem furchtbarsten Feinde, dem Tode …

Friedrich hatte der Mutter den Freund vorgestellt, die Mutter tiefgerührt, in Worten überströmender Dankbarkeit ihn willkommen geheißen. Noch lösten Fragen und Antworten einander in rascher Folge ab, als mit leisem Tritt Emilie eintrat. Sie hatte mittlerweile der Mutter Stelle bei dem Kranken vertreten; in ihren Zügen lag ein tiefer Ernst. Fragend ruhten die Blicke der Freunde auf ihrem Angesicht.

»Kurt wünscht Dich zu sehen, Friedrich,« berichtete sie. »Er muß etwas geahnt haben; er fragte nach Dir. Bei der Nachricht, daß Du soeben gekommen seiest, flog es wie ein Leuchten über sein Angesicht. Kommst Du?«

»Gewiß, liebe Schwester.«

Er stand auf. Auch Herr von Gehren erhob sich und griff nach seinem Czako, um Abschied zu nehmen, da seine Gegenwart, wie er meinte, augenblicklich nur störend sei. Doch die Damen redeten, von Friedrich unterstützt, ihm den Entschluß aus. Es werde sogleich angerichtet werden, hieß es; sie alle rechneten darauf, daß er, so lange die Truppen in Kassel verweilten, gleich Friedrich ihr Gast sein werde. »Ihre Effekten,« fügte Emilie errötend hinzu, »werde ich sogleich mit denen meines Bruders durch die Diener hierher bringen lassen, wenn Sie nur die Güte haben wollen mir anzugeben, wo Sie seither ihr Quartier gehabt haben.«

Sie bat so innig, und auch die Mutter und Friedrich drängten so sehr, daß er sich nur zu gern zum Bleiben entschloß. Er stellte den Czako wieder an seinen Ort. Während die drei sich zur Krankenstube begaben, machte er sich mit den Büchern zu schaffen, die, in einem Glasschranke verwahrt, mit ihren glänzenden Einbänden schon beim Eintritte seine Blicke gefesselt hatten. Es waren zumeist – ein Zeugnis für den Geschmack und die Geistesrichtung ihres Besitzers – französische Werke, poetische und philosophische Schriften von Rousseau, Voltaire, Diderot und anderen. Er las die Titel, schlug auch eines oder das andere auf und blätterte darin, jedoch ohne dem Inhalt sonderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Er war zerstreut. Ein neues seither nie gekanntes Gefühl durchströmte seine Brust. Wo er ging und stand, schwebte Emiliens Bild vor seinen Augen. »Torheit,« schalt er, ärgerlich auf sich selbst, »jetzt an dergleichen zu denken.« Er schloß den Schrank und ließ sich mit Geräusch auf eine Causeuse fallen – um im nächsten Augenblicke doch wieder in allerlei süße Zukunftträumerei zu versinken …

Wir begeben uns mit unsern Freunden ins Krankenzimmer.

Friedrich war erschrocken, als er die Jammergestalt erblickte, die ihm damals, bei jenem schmerzlichen Abschied in der Werrastadt, im Vollbesitze blühender Männlichkeit, ein Bild kraftstrotzender Gesundheit, so feindselig entgegengetreten war. Tiefbewegt reichte er dem Todwunden die Hand:

»Kurt, lieber Bruder, zürnst Du mir noch?«

Mit einem eigenen Lächeln sah Kurt zu ihm auf, hielt seine Hand fest und flüsterte:

»Das sollt' ich von Rechtswegen Dich fragen, Friedrich. Kannst Du mir vergeben?«

»Von ganzem Herzen,« versicherte unser Freund gerührt.

In den Zügen des Staatsrats zuckte es. Eine Träne perlte in seinen Augen und stahl sich langsam die verfallenen fieberheißen Wangen hinab.

»Ich bin auf einem Irrwege gewesen, Friedrich,« sagte er. »Im Angesichte des Todes erscheint manches, das man früher erträumt und erstrebt, in einem andern Licht.

»Es war ein schöner Traum,« fuhr er mit sichtlicher Anstrengung und doch wie in einem letzten Aufflammen seiner feurigen Gemütsart fort, »der Traum einer allgemeinen Gleichheit und Brüderlichkeit, aber – doch eben nur ein Traum, ein Schaum, Friedrich, eine schillernde Seifenblase, nichts anderes. Ich bin aufgewacht, Friedrich, aus dem Traume zur Wirklichkeit, aus dem Irrtum zur Erkenntnis, einer demütigenden zwar, aber, o mon Dieu, einer wunderbar schönen Erkenntnis. Ich fange an zu sehen, Friedrich. Die da« – er deutete auf die Mutter, die mit tränenüberströmtem Antlitz zur Seite stand – »hat michs gelehrt. Bin lange ein ungelehriger Schüler gewesen, Friedrich; erst Gottes Würgengel, der Tod, hat seine Krallen nach mir ausstrecken müssen, mich gefügig und gelehrig zu machen und mir das Auge für die Wirklichkeit der Dinge zu öffnen. Ich träumte von Freiheit und Gleichheit und war doch – welch ein Hohn der Tatsachen auf die Theorie! – voll ehrgeizigen Strebens, selbst weit entfernt, der Theorie im Leben Rechnung zu tragen, weit entfernt, ein Gleicher unter den Gleichen in der Masse verschwinden zu wollen. Traum und Schaum die ganze Theorie! …«

Erschöpft machte der Redende eine Pause. Aber die Gedankenflut ließ sich nicht hemmen. Eine neue Welt des Lichts und der Wahrheit, eine Welt von ungeahnter wunderbarer Herrlichkeit hatte sich seinem erlöschenden Blicke erschlossen. Die Gedanken quollen und wogten in seiner Brust und drängten, mit übermächtiger Gewalt aus der schwachen Leibeshülle hervorbrechend, sich in Worten über die Lippen:

»O mein Gott, wie war es nur möglich, daß ich so lange so blind sein konnte, so blind, so blind! Von Freiheit zu träumen, während die Seele, vom Satan gebunden, die Sklavenketten der Sünde trug … Der Glaube an Jesum Christum, den Sohn Gottes, der Glaube an den Heiland, der uns arme verlorene und verdammte Sünder erlöst hat, er macht frei – frei, Bruder! – er allein. O, ein wunderbarer Bau, dieses Gottesreich einer ewigen Gnade! Eine Monarchie, die ihres Gleichen nicht hat unter den Monarchien der Erde – eine Monarchie, deren Haupt Christus ist, der Gekreuzigte – ein Reich, das, von ihm getragen, regiert und beschützt, von keinem Feinde je überwunden wird, das, wenn diese Welt mit allen ihren Reichen wird untergehen, erst dann in dem vollen Glanze seiner sieghaften Herrlichkeit hervorstrahlen wird. Ein wunderbar Volk, das Christenvolk, ein Volk, das, in Glauben und dankbarer Liebe seinem himmlischen Könige ergeben, sich so völlig gebunden weiß an sein Wort, sich diesem Wort – das just in dieser Gebundenheit, in der bedingungslosen Unterwerfung unter dieses seines Königs Wort, ja nur in ihr, wahrhaft frei und wahrhaft selig ist – ein Volk, das der Sünden- und Todesknechtschaft entnommen, frei im Gewissen, keinen andern Herrn außer ihm über sich hat, das keine Gewissenstyrannei, keine Menschenherrschaft in seinem Gebiete, im Gebiete des Glaubens und Gewissens, verträgt – ein Volk von Freien, eine Republik der Geister, da aller Unterschiede des äußeren bürgerlichen Lebens ungeachtet alle Eines Standes sind – ein wahrhaft adelig Volk, ein Volk von Priestern und Königen vor Gott …

»O eitles Beginnen,« hob er nach kurzer Unterbrechung mit erlöschender Stimme abermals an, und ein schmerzliches Lächeln flog über sein Angesicht, »das bürgerliche Leben nach Grundsätzen ummodeln zu wollen, die in der Kirche, in dem Reiche Christi, zu Recht bestehen. Ein Problem, an dessen Lösung sich die Klügsten und Weisesten dieser Welt vergebens die Köpfe zerbrechen! Ein Kind sollt' es begreifen können, daß sie den Stein des Sisyphus rollen; aber man will mit Gewalt in seiner Weisheit immer aufs neue zum Narren werden. En voilà, Bruder, die einfältigen Seelen, die an Jesum von Nazareth glauben, sie haben den Schlüssel der Erkenntnis, sie haben den Stein der Weisen gefunden …

»Brüderlichkeit, pah, wo wäre sie zu finden in der glaublosen, christusfeindlichen Welt? Christenleute, die im Glauben das Geheimnis der Versöhnung erkannt haben, voilà, sie sind es, die, Kinder ihres himmlischen Vaters, dem Vorbilde folgen, das Jesus Christus seinen Brüdern, den Menschen, gegeben hat, ja nachfolgen und nacheifern in Glauben und Liebe. Die andern? Narrenspossen, Friedrich! Und ich, Friedrich, war einer der Narren – der Narren, die da vermeinen, die Menschen durch die Nivellierung ihrer äußeren Verhältnisse, durch eine veränderte Rechtsordnung, durch Ausgleichung der Standes- und Volksunterschiede zu Engeln zu machen. O Friedrich, welch ein großer Narr bin ich gewesen mein Lebenlang! O welch ein wunderbares Licht, das mir armen Sünder über mich selbst, über Gott, über Christum, über die Welt auf einmal ist aufgegangen! Der da« – wieder streifte sein Blick mit dankbarem Ausdruck die stillweinende Mutter – »habe ich die Entdeckung eines Wunderlandes zu verdanken – Eldorado, io hé trovado Ich habe das Goldland gefunden.! Heureka, Bruder – ich habe Christum den Heiland gefunden, habe wie der Schächer am Kreuze sterbend das Leben gefunden – gefunden durch den Dienst einer Mutter, sage ich Dir, der besten, treuesten, die die Erde trägt, ob sie gleich nur meine Stiefmutter war. Mère, ma mère,« rief er laut, mit Aufbietung seiner letzten Kraft, » ma chère mère, wie soll ich Ihnen danken?«

»Nicht mir Kurt – dank' es dem treuen Gott,« versetzte die Mutter unter rinnenden Tränen, und legte lind ihre Rechte auf sein fieberndes Haupt. »Er hat ein Wunder an Dir, mein Sohn, getan.«

Friedrich stand überrascht, wie betäubt. Eine solche Sinnesänderung, wie sie sich in diesem Bekenntnisse kundgab, war ihm noch nicht vorgekommen, so lange er lebte. Er selbst war nie im Fahrwasser jenes groben frivolen Unglaubens gesegelt, der die tonangebenden Kreise beherrschte und der zugleich der eigentliche und tiefste Grund jener bodenlosen Verwirrung aller Rechtsbegriffe war, die zumal in diesen Kreisen bereits wie eine Sündflut um sich gegriffen hatte, noch ehe Deutschland auch politisch dem fremden Eroberer erlag. Der Vernunftglaube, wie er auf den Kanzeln und Kathedern sich breit machte, hatte ihn angewidert von Kindesbeinen an. Von Jugend auf hatte er sich eine tiefe Ehrfurcht bewahrt vor dem Heiligtume Gottes, der heiligen Schrift. Sie galt ihm als die Offenbarung des wahren dreieinigen Gottes. Er erkannte in Christo den Erlöser und Versöhner der sündigen Welt. Äußerlich wies sein Leben keine besonderen Verfehlungen auf. Er schwamm nicht mit dem großen Strome der Welt. Von der herrschenden Zeitströmung unberührt, hatte er, ungleich tausend andern in Napoleon, dem Götzen der Zeit, von jeher nur den großen Usurpator und Revolutionär, den gigantischen Feind aller irdischen Rechtsordnung erkannt, hatte er die Grundsätze und Ideen der Revolution bei aller Einsicht in die Mißstände, die sie bekämpften, klaren Auges als einen ungeheuren Betrug durchschaut und sich von jeher über die Toren erzürnt, die diese Ideen als eine Art neuer Offenbarung bewunderten und von ihrer Verwirklichung einen neuen Kulturaufschwung der Menschheit erhofften; er hatte mitleidig die Narren belächelt, die, durch äußere Erfolge geblendet, mit hündischem Schweifwedeln den Triumphwagen des Usurpators umschmeichelten und förmlich in Bewunderung erstarben vor der »großen Nation.« Wie viel Hohn und Spott hatte er nicht schon auf der Schule seiner ernsten Richtung wegen geerntet! Dennoch beschlich ihn – wie kam es nur? – in diesen Augenblicken ein Gefühl der Beschämung, daß er kaum die Augen aufschlagen mochte. Wie klein und armselig kam er sich vor dieser Glaubensglut gegenüber, die aus den Worten und Blicken des Bruders leuchtete – eines Bruders, den er von jeher geradezu als den Typus eines unverbesserlichen Weltkindes betrachtet hatte! Wie die Bilder eines Kaleidoskops zog sein vergangenes Leben, zogen seine Schülerjahre, seine Studentenzeit, die Zeit seiner akademischen Lehrtätigkeit, in Augenblicken an ihm vorüber. Wie manche Blüte seines inwendigen Lebens war nicht zerknickt worden in jener Zeit, da nicht mehr wie einst in den seligen Tagen der Kindheit ein frommes sorgliches Mutterauge über ihm wachte. Er war träg und gleichgültig geworden; die Freudigkeit und Zuversicht im Gebetsumgange mit Gott, die der Sonnenschein seiner Kindheit gewesen war, hatte sich verloren; die Wissenschaft hatte sein Denken gefangen genommen; weltlicher Wissensdurst hatte die Sorge um seiner Seele Heil und Seligkeit, die Beschäftigung mit dem Worte Gottes zurückgedrängt. Der Klarheit und Unmittelbarkeit kindlich gläubigen Erkennens war eine Periode böser Zweifel gefolgt. Der nötigen Pflege ermangelnd, den versuchlichen Einflüssen einer durch und durch glaublosen, gottlosen Umgebung ausgesetzt, war sein Glaube, wenn auch nicht gänzlich erloschen, doch ein gar kümmerlich, hinwelkend Pflänzlein, er war wie ein Fünklein geworden, das, unter der Asche glimmend, matt und kaum noch bemerkbar sein Dasein fristet. Wie ein zweischneidiger Dolch bohrte sich die Erkenntnis in seine Seele: gleich tausend andern, deren Glaubensschifflein an den Klippen der Zeit gescheitert war, war auch er nahe daran gewesen, völlig Schiffbruch zu leiden …

Nun, es war anders, es war – er durfte es sich sagen – wieder besser geworden, seitdem er, der langgewohnten Umgebung entrückt, in anderen Kreisen wieder christliche Luft – dieselbe Lebensluft hatte atmen dürfen, die ihn einst in der Kindheit umfing, deren wohltuenden Odem er später nur noch zeitweilig, bei seinen gelegentlichen Besuchen daheim, bei Mutter und Schwester, empfunden hatte. Schon die Eindrücke, die er bei seinem einstigen vorübergehenden Aufenthalt in Vernau empfangen hatte, waren nicht spurlos vorübergegangen. Von bleibendem Segen vollends waren für ihn die Jahre in Falkenhagen geworden. Des Freiherrn Wesen, eine glückliche Mischung von tiefsinnigem Ernst und humorvoller gemütvoller Heiterkeit, von weichstem Zartgefühl und urwüchsigster Derbheit, hatte ihn angezogen von Anfang an. Ein Mann, dessen Frömmigkeit so frei von allem Gemachten war, dessen Lebensbaum in dem heil- und lebenquellenden Gesundbrunnen des Evangelii um so tiefer Wurzeln geschlagen hatte, je heftiger die Stürme gewesen waren, die ihn schüttelnd und zausend umtosten, dessen eigener Glaube nur um so kräftiger seine Schwingen entfaltete, je mehr der zweifelsüchtige Geist des Freidenkertums die Gemüter vergiftete, war es Joachim von Gehren gewesen, dessen machtvollem Einflusse Friedrich recht eigentlich seine geistliche Genesung verdankte – ihm hatte er ganz unendlich viel zu danken. Dort in Falkenhagen hatte das schwankende Schifflein seines inwendigen Lebens wieder Ankergrund gefunden. Aber wie? – mit spitzigem schneidendem Stachel drängte sich ihm die beschämende Frage auf – hatte er Gott wohl jemals ernstlich für den empfangenen Segen, für diese doppelte Rettung gedankt? Mußte ihn Gott erst an dieses Sterbebett führen, um ihm den Zweck zu enthüllen, den er in dieser wunderbaren Lenkung seiner Lebensschicksale, in dieser seltsamen Verkettung von Personen und Umständen im Auge gehabt hatte?

Wunderbar, erst hier an dem Sterbebette des Bruders ging ihm – ein heller Sternenblick in dunkler Nacht – ein überraschendes Licht auf über seinen eigenen Lebensweg, sah er zum erstenmale den Schleier des Geheimnisses gelüftet, der über seinem anscheinend so dunkeln Schicksal schwebte und dessen Zweck und Bedeutung so lange seinen Augen verhüllt hatte; ging ihm zum erstenmale ein Verständnis auf für die scheinbar so verworrenen Wege und Gnadenführungen seines Gottes … Sein Herz wallte in Beschämung und Dank. An seiner eigenen Seele verspürte er das machtvolle Wehen des Lebensodems, der dieses hartgesottene tote Weltkind, seinen sterbenden Bruder, zu neuem Leben erweckt hatte. Der Anblick dieser wunderbaren Bekehrung überwältigte ihn. Diese Stunde – er gelobte es sich – sollte auch für ihn ein Wendepunkt sein … In tiefer Bewegung senkte er sein Haupt. Wie ein Seufzer entrangen sich seinen Lippen die Worte:

»So werden die ersten die letzten und die letzten die ersten sein … O Kurt, glücklicher Mensch, wie beneide ich Dich! … Gott erbarme sich mein!« –

Es pochte. Der Arzt trat ein. Die Geschwister entfernten sich leise. Die Mutter blieb bei dem Kranken.

In dem Zimmer, worin Herr von Gehren sich inzwischen die Zeit, so gut wie er konnte, vertrieben hatte, war angerichtet. Emilie bat den Bruder, das Gebet zu sprechen, und man setzte sich zu Tische. Es war ein trauriges Mittagsmahl. Emilie machte die Honneurs; sie selbst vermochte bei ihrer gegenwärtigen Gemütsverfassung nur wenig zu essen, doch widmete sie sich den Pflichten der Wirtin mit Aufmerksamkeit. Sie bat die Herren, sich nicht durch die schmerzlichen Vorgänge, von denen sie Zeuge sein mußten, beirren zu lassen. Aber Friedrich erging es nicht besser als seiner Schwester. Die empfangenen Eindrücke waren zu mächtig gewesen; ihm war alles Essen und Trinken vergangen. Die Bewegung der Geschwister ehrend, fühlte der Oberstleutnant um so mehr die Verpflichtung, die Kosten der Unterhaltung zu tragen. Indem er an den Vorfall anknüpfte, der zu der Verwundung des Staatsrats geführt hatte, brachte er die Rede auf die letzten Kriegserlebnisse. Mit Genugtuung sah er, wie aufmerksam Emilie, durch seine Schilderungen gefesselt, ihm zuhörte. Sie horchte hoch auf, als die Rede auf den gefangenen Marquis und den Duc de la Garde kam.

»Das ist ja merkwürdig,« sagte sie. »Auf den Duc hat mein armer Bruder als einen höchst verdächtigen Menschen schon längst ein wachsames Auge gehabt. Man ist verschiedenen großartigen Unterschleifen auf die Spur gekommen, an denen Kurt steif und fest den angeblichen Duc in erster Linie beteiligt glaubt. Nur ein Glied, sagte er noch vor wenigen Tagen, fehle noch in der Kette der Beweise; sobald er es gefunden, werde er dem Könige Vortrag tun und den schlechten Menschen entlarven. Er hält ihn für einen Hochstapler der schlimmsten Sorte, den man mit allen Mitteln versuchen müsse unschädlich zu machen.«

»Ein Hochstapler!« rief der Freund. »Auf Parole, die Geschichte wird immer besser.« Er stieß Friedrich an. »Haben Sie gehört, Kamerad? Wie sagte ich doch, wissen Sie noch, damals zu Pfarrer Bohnewald? Aber« – er wandte sich wieder an die junge Dame – »wie in aller Welt kommt nun ein solcher Mensch an den Hof?«

»Das ist eben das Sonderbare,« versetzte Emilie. »Ein schöner Mann, der er unleugbar ist, hat er durch ein täuschend kavaliermäßiges Benehmen sich Zugang zu den besten Häusern zu verschaffen gewußt. Die Frauen schwärmen für ihn. Am Hofe hat er gleich von allem Anfang an eine Rolle gespielt. Man munkelte, daß er ein alter Bekannter des Königs sei noch aus der Zeit, da Jérome als einfacher Schiffsleutnant in den westindischen Gewässern kreuzte. Ob er ihm vielleicht in einer heiklen Angelegenheit einmal einen Dienst erwiesen hat – wer kann es sagen? Das war ja überhaupt meines Bruders Kummer, daß so viel zweifelhafte Elemente, Glücksritter und Abenteurer, am Hofe verkehrten.«

Herr von Gehren versank in Nachdenken.

»Hat Ihr Herr Stiefbruder,« fragte er und sah Emilie an, »niemals eine Andeutung von Konspirationen gemacht, mein Fräulein, die, vom Kasseler Hofe ausgehend, die Ermordung des Königs von Preußen bezweckten?«

Emilie blickte verwundert auf. »Nein, nie. Es ist das erstemal, daß ich überhaupt davon höre. Freilich, daß König Jérome und sein kaiserlicher Bruder auf den Preußenkönig ganz besonders übel zu sprechen sind, ist ja längst kein Geheimnis mehr. Die Ende Februar erfolgte Gefangennahme des westfälischen Gesandten, Barons von Linden, und des französischen Legationssekretärs Lefèvre in Bingerbrück ein Städtchen an der Havel, südwestlich von Potsdam. durch die Russen, die Proklamationen des Preußenkönigs und des Fürsten von Wittgenstein, ihre Aufforderung an die Bewohner Westfalens, das Fremdenjoch abzuschütteln, haben begreiflicherweise bitterböses Blut gemacht. Am Hofe hielt man ganz bestimmt Friedrich Wilhelm III. für den Urheber aller dieser feindlichen Kundgebungen. Es ging sogar das bestimmte Gerücht, die Russen, die den Baron von Linden gefangen genommen haben, seien verkappte Preußen gewesen. Man hat sich, wie Ihnen bekannt sein wird, seiner Zeit dadurch gerächt, daß man den Vertreter Preußens, den Legationsrat von Mettingh, als Geisel für den Baron unter strengster Bewachung in Kassel zurückbehalten hat. So wäre es, an und für sich betrachtet,« – sie zögerte – »am Ende – nun, ich will sagen, es wäre nicht geradezu unmöglich, daß solche Konspirationen bestanden haben. Gerade von dem preußischen Könige, der seiner Zeit die schönsten seiner Provinzen an Westfalen verloren hat, hat Jérome für den Bestand des Königreiches das meiste zu fürchten. Solange Friedrich Wilhelm von Preußen lebt, wird er kaum daran denken können, daß seine Versuche, sich den Alliierten zu nähern, Erfolg haben werden. Daß er den Gedanken einer solchen Annäherung überhaupt hegt, habe ich zu meiner Überraschung erst kürzlich aus Kurts Munde erfahren. Übrigens« – sie sah Herrn von Gehren fragend an – »darüber müßten eigentlich Sie beide mehr wissen als ich. Ihr eigener General hat ja mit Jérome wegen eines Anschlusses an die Verbündeten verhandelt.«

Herr von Gehren mußte trotz seiner ernsten Stimmung lächeln. »So wissen auch Sie davon? Dem General war es natürlich nur darum zu tun, dem Könige Sand in die Augen zu streuen, ihn in Sicherheit einzuwiegen und eine wirksame Verteidigung der Residenz zu verhindern. Die erste Antwort des Königs, durch seinen Flügeladjutanten überbracht, klang allerdings stolz genug: ›König durch die Siege Frankreichs und für Frankreich, werde er, der Bruder des Kaisers, sich auch nur unter dem Schutze der siegreichen Schlachten des Kaisers zu behaupten wissen.‹ Aber in der Hauptsache haben diese Anträge ihren Zweck schließlich doch noch erreicht. Jérome ist ruhig in Kassel geblieben; fast hätten wir ihn selbst zum Gefangenen gemacht.«

Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mutter unterbrochen. Auf ihren verweinten Zügen lag ein feierlicher Ernst. Bestürzt sahen die Geschwister zu ihr auf.

»Erschreckt nicht, Kinder,« sagte sie leise mit tränenerstickter Stimme. »Kurt ist nicht mehr. Ein neuer Blutsturz hat seinem Leben ein rasches Ende gemacht. Er starb unter den Händen des Arztes. Der Arzt ist bei dem Toten.«

Die Geschwister waren erschüttert. Emilie brach in Tränen aus. Das Mahl ward aufgehoben.

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