Andreas Gryphius
Papinian
Andreas Gryphius

 << zurück weiter >> 

Papinian.
Diß hilt man preisens werth / nun läst man michs entgelten!
Daß ich dem Pöfel nicht die Ohren füllen kanUnter diesen Worten kommet Plautia auff den Schaw-Platz und höret von ferne zu biß sie in folgender Abwechselung unversehens hervor trit.
Mit frembder Laster Dunst; gebt ihr vor Laster an.
O thörichte der nichts als lästern kan und schänden/
Wenn er vom Trunck erhitzt und mit nicht festen Händen
Den Wein zum Hals eingeust; erzittert und erschrickt
Wenn der den er verletzt / unzaghafft jhn beschickt /
Behertzt in Gegenwart die schmach zu widerlegen.
Wer richten kan und soll ob der auff rechten Wegen
Dem j[e]der folgen muß sucht selbst deß Fürsten Ohr
Und trägt dem Völcklin nicht der grossen Thorheit vor.

Cämmerer.
Sie eifert daß er nechst die Theilung vorgeschlagen!

Papinian.
Weil Rom zwey Sonnen nicht auff einen Tag wil tragen.

Cämmerer.
Verstossen auß der Stadt: Verstossen von dem Reich!

Papinian.
Zwey Kronen spürt ich dort: Hier furcht' ich eine Leich.

Cämmerer.
Entfernte kan man leicht durch schlaue Lüste dämpffen.

Papinian.
Anwesend' unversehns durch strenge Macht bekämpffen.

Cämmerer.
Was heist von Rom verschickt? In fernes Elend zihn.

Papinian.
Auff einem Thron dem Haß und steter Furcht entflihn.

Cämmerer.
Die Freunde können hir die herbe Zwytracht schlichten.

Papinian.
Und Feinde (leider) hir mehr Haß und Zanck anrichten.

Cämmerer.
Es war der Fürsten Rath der diesen überwug.

Papinian.
Weil sich die Mutter selbst zu sehr ins Mittel schlug.

Cämmerer.
Man könte zwar das Reich / doch nicht die Mutter theilen /

Papinian.
O könte sie das Reich und dessen Brüche heilen.

Plautia. Papinianus. Der Cämmerer.

Plautia.
Recht auß! nur (leider!) sie ists die den Brand entsteckt.
Sie / die die Unruh selbst und Seuch im Reich erweckt /
Und zweiffelt sie an uns? Was sucht man ferner Zeichen?
Must jhrer Statsucht nicht in fernes Elend weichen
Was keusch und redlich war / als sie den Hof betrat
Den sie mit Blut bespritzt / mit Haß vergiftet hat?
O Schwester! werthes Hertz! wer hat das Band zutrennet /
Krafft dessen Antonin in deiner Lieb entbrennet!
Der nachmals dich so früh und unverdint verstiß
Und an Charibdens Strand in tollem Zorn verwiß.
Was hat sie weiter vor! Papinian mein Leben!
Wil sie daß er zu letzt soll Plautien vergeben?
Sucht sie umb daß er mich noch nicht verlassen kan:
Wie er zu stürtzen sey? Euch Götter ruff ich an!
Euch die man frölich nennt wenn nun die Braut verhüllet /
Und jhres Liebsten Wuntsch mit Gegenwart erfüllet!
Euch Götter ruff ich an! die jhr die Röm'sche Macht/
Die jhr deß Fürsten Thron und weite Burg bewacht!
Euch Götter ruff ich an! den Glaub und Trew vertrauet!
Die jhr verdeckte Schuld ja Seel und Geist durchschauet!
Seyd Richter zwischen uns! und wo jhr steuren könnt;
So steuret dem was mir nicht Eh' und Ruhe gönnt!
So steuret dem / das wächst durch Argwohn / Haß und Flammen
Und seinen Ehrgeitz nährt durch tödten und verdammen!

Cämmerer.
Durchlauchtigst ich erstarr; und weiß nicht wo ich sey:
Wil sie mit diesem Grimm der Fürsten Mutter bey?
Wie? Oder hab ich selbst den rauhen Zorn verschuldet?

Plautia.
Ich hab' es gar zu lang' und mehr als lang' erduldet /
Und Zung und Wort gehemmt. Erlaubt: Ich breche loß /
Und geb euch / (hört nur zu /) die gantze Seele bloß.
Jhr wolt mein Ehgemahl der Welt verdächtig machen /
Jhr lockt und reitzt auff jhn deß tollen Pöfels Rachen/
Man spürt jhm Tag und Nacht auff allen Gängen nach /
Fängt seine Reden auff / beschmutzt mit herber Schmach
Den wol-verdienten Fleiß; sucht heimlich umbzukauffen
Die jhm zu Diensten stehn / man siht Verräther lauffen
Umb Vor- und Hinter-Hof / in dem er euch erhebt /
Und für der Fürsten Heil und Mutter Ehre lebt.
Was reitzt euch aber an den theuren Freund zu hassen?
Nichts / als nur daß er nicht wil Plautien verlassen.
Daß er mich nicht von sich heist zu Plautillen gehn.
Diß ist die gantze Sach / (es kan's ein Kind verstehn.)
Das ander / das euch muß zu einem Vorwand dinen
Ist Nebel / Dunst und Dampff. Was darff man sich erkühnen
Zu forschen wehm wir trew? Wofern nicht Redli[ch]keit
Uns beyden pflichtig macht / und etwan auff die Seit
Haß oder Wolthat beugt / so könt jhr überlegen
Was jeder uns erwis / durch wessen Faust und Degen
Mein Vater untergieng. Wer auff sein Haus entbrand /
Wer meine Schwester fern in Ceres Insel bannt.
Ists wahr nun; wie es wahr / daß Bassian betrübet
Uns / die Fürst Geta mehr denn wol sein Bruder liebet;
Warumb denn gibt man vor / man ziel auff jenes Theil /
Uns ist ein fest Gemüt vor keine Neigung feil.
Wir ehren beyder Kron / so trew deß einen wincken
Als werth deß andern Hold / eh wird Calisto sincken
Wohin der grause Styx die Schweffel-Wellen schickt:
Den jemand darthun / daß uns minste Schuld bestrickt.

Cämmerer.
Den Eifer gibt Jhr ein / bloß ungewiß vermuten.

Plautia.
Gewiß ists: Daß mir offt die Hertzens-Wunden bluten.

Cämmerer.
Die Wunden / die Sie selbst Jhr durch Gedancken macht.

Plautia.
Gedancken / die jhr frisch bißher zu Wercke bracht.

Papinian.
Genung! man weiß vorhin wie unser Haus gesonnen!
Durch schmeicheln ward ich nie; durch pochen nicht gewonnen.
Ich bin der Ehren satt / der Aempter Überdruß /
Der Heuchler grosses Heer / der ungewisse Schluß
Den man auff Schrauben setzt / der Räthe zages zittern /
Der Zeitungs-Träger Gifft die Fürst auff Fürst erbittern /
Und was ich jetzt nicht rühr' ermuntert mein Gemüt;
Daß ich die Lachesis umb schnell' Entbindung bitt.
Ob gleich der Jahre Reiff den Scheitel noch nicht färbet
Und sich der Stirnen Haut in ernste Runtzeln kerbet.
Vielleicht wird (wenn ich hin) noch jemand frey von Neid /
Erwegen; wer ich war / wie ich der Zeiten Leid /
Großmütig überwand / und was mir angetragen /
Ja Schrecken / Furcht und Ach / hab auß der acht geschlagen/
Nicht Freund auß Gunst gestärckt / nicht Feind auß Haß betrübt /
Ja die mich unterdrückt biß in den Tod gelibt /
Und daß mir Redli[ch]keit nie auß der Brust zu rücken;
Ob schon der Zangen Grimm mich riss' in tausend Stücken.

Plautia.
Vergiffter Zungen Stich reist über Zang und Pfal.

Cämmerer.
Einbildung ist jhr selbst die allergrimmste Qual.

Plautia.
Man gibt jhr Ursach Tod / und mehr uns vor zu stellen.

Cämmerer.
Ich kam nicht an den Ort Sie weiter zu vergällen /
Auch ruffen mir Geschäfft. Ich geh! entzündet nicht
Ein Feuer / das schon glimmt und durch die Aschen bricht.

Plautia.
Wil das Verhängnüß mich durch Glut zur Aschen machen:
So werdet jhr gewiß mit in der Flammen krachen.

 

Plautia. Papinianus.

Papinian.
Mein Hertz! es ist nicht ohn / es greifft die Seele an
Und presst den großen Geist / der sich nicht hemmen kan
Wenn Trotz mit schlauer List gewaffnet ein wil brechen:
Doch (leider!) es ist schlecht sich nur mit Worten rächen/
Wenn jener Schwerdter wetzt: Deß Vatern grosser Stand
Verfiel auff einen Tag. Das Glück das nur auff Pfand
Uns seine Schätze leiht; holt Zins und Haupt-Gut wieder
Wenn niemand sichs versiht. Wo sind die starcken Glieder
Der weiten Freundschafft hin? Es fordert noch was mehr /
Und wo nicht meinen Leib / doch unser beyder Ehr.
Sie lasse Julien und ihren Argwohn fahren /
Und nehme sich in acht. Wer sich nur kan verwahren
Wenn alles sincken wil / erhält das höchste Gut.

Plautia.
O wolte / wollte Gott daß Bassian mein Blut /
Daß Julia diß Hertz zum Opffer stracks begehrte!
Hier ist sie die es jhn den Augenblick gewehrte.
Doch nein! es ist was mehr / die Schwester meld ich nicht /
Der der Cyclopen Fels die steten Seuffzer bricht /
Mein Trost es kam mir vor eh sich Matuta regte
Und sich die braune Nacht von jhrem Platz bewegte;
Mich daucht /

Papinian.
        Es ist nicht Zeit auff Träum' anjetzt zu sehn!
Wer wachend umb sich schaut / beobacht was geschehn /
Und spürt wie hoch die Lufft von Donner-Wolcken schwanger;
Schleust leichtlich das die Glut erhitzt auff Hof und Anger.
Und bergt sich wo er kan. Wer auff der Wache steht:
Muß stehn / ob schon der Strahl jhm durch die Adern geht/
Solt auch auff jhn allein sich gleich der Blitz erheben.
Ade! die Stund ist hier. Ich muß Verhöre geben.

 

Reyen der Hofe-Junckern Papiniani.

Wie selig ist der Hof und Macht /
Und der beperlten Zepter Pracht /
Auß den vergnügten Sinnen stellt /
Und sich in engen Gräntzen hält /
Der nicht nach leichtem Glück und hohen Aemptern steht
Und bloß mit reiner Seel und Gott zu Rathe geht.

Er zeucht zwar nicht in Purpur auff
Kein scharff- mit Stahl-bewehrter Hauff /
Umbgibt sein unbewahrte Seit
Er führt kein Heer zu rauhem Streit /
Er schreibt den Fürsten nicht Gesetz und Schlüsse vor;
Doch hat er Wonn und Lust die sein Gemüt erkor.

Ob seine Taffel nicht besetzt
Mit allem was das Aug ergetzt
Ob er nicht bey schon nahem Tag
Spät' Abend-Mahlzeit halten mag /
Und fern-gepresten Wein auß edlen Steinen trinckt
Biß daß der Morgen-Stern der göldnen Sonnen winckt;

Ob niemand nach erkauffter Müh
Fällt zitternd vor jhm auff die Knie;
Ob er nicht herrscht in dem Gericht /
Und über Hals und Leben spricht;
Auch nicht deß Fürstens Schatz in seine Koffer schleust/
Und frembde Fantasie ins Königs Sinnen geust.

Ob er nicht reiche Schlösser baut
Auch nicht sich selbst im Kupffer schaut;
Ob nicht sein Ebenbild der Welt
In Alabaster vorgestellt;
Ob jhn kein Thracisch Roß halb-tantzend einher trägt/
Ob auff sein wincken nicht das gantze Land sich regt;

Doch siht er auß der stillen Ruh
Dem unbedachten Pöfel zu.
Und weiß nichts von dem blassen Neid /
Nichts von dem innern Hertzensleid /
Das in Palästen wohnt und dem die Jahre kürtzt
Der offt von höchster Höh in tieffsten Abgrund stürtzt.

Jhm reicht man kein gebiesamt Gifft /
Das Drachen-Eyter übertrifft.
Er weiß nicht was Verläumbdung sey /
Und ist von Furcht und zagen frey.
Man hält auff seinen Leib Verräther nicht in Sold /
Und kaufft sein Haus nicht umb mit new-gepregtem Gold.

Wo Purpur nicht die Mauren deckt
Wird kein Auffmercker leicht versteckt.
Trug / Meuchelmord / Spieß / Dolch und Bley;
Laurt hinter der Tappezerey.
Er lacht wenn sich die Schaar der Opffer-Knecht erhitzt
Und auff sein Ampt und Stand durch falsch weissagen spitzt.

Er lebt vor sich jhm selbst zu gut
Bebaut das Land mit gleichem Mut /
Vertreibt die bange Traurigkeit;
Mit Fällen längst verjährter Zeit.
Und was die Reich empört und Throne stürtzen kan
Das siht er unverzagt gleich einem Schaw-Spiel an.

Er forscht durch Fleiß und sinnen auß
Der nassen Amphitriten Haus
Versteht wenn Cynthia auffgeh
Und Hermes fünckel auß der Höh
Erfindet sich in sich und was noch mehr / die Noth
Liegt unter seinem Fuß / er pocht den grimmen Tod.

Sein Hertz ist heilger Götter voll /
Und wenn er hier gesegnen soll
Und jhn das Alter rufft zur Ruh;
Schleust er gar sanfft die Augen zu.
Wie daß uns denn was hoch / doch für und für verletzt
Vor dem was niedrig ist und stets erquickt / ergetzt?


 << zurück weiter >>