Andreas Gryphius
Papinian
Andreas Gryphius

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Großmütiger
Rechts-Gelehrter

Oder

Sterbender
PAPINIANUS,

Trauer-Spiel.

Die Erste Abhandelung.

Papinianus.

Wer über alle steigt / und von der stoltzen Höh
Der reichen Ehre schaut wie schlecht der Pöfel geh /
Wie unter jhm ein Reich in lichten Flammen krache /
Wie dort der Wellen Schaum sich in die Felder mache /
Und hier der Himmel Zorn mit Blitz und Knall vermischt
In Thürm und Tempel fahr / und was die Nacht erfrischt
Der heisse Tag verbrenn'/ und seine Sieges-Zeichen
Siht hier und dar verschränckt mit vielmal tausend Leichen;
Hat wol (ich geb es nach) viel über die gemein.
Ach! aber! ach wie leicht nimmt jhn der Schwindel ein
Und blendet unverhofft sein zitterndes Gesichte /
Daß er durch gähen Fall wird ehr man denckt zu nichte.
Wie leichte bricht der Fels auff dem er stand gefast /
Und reist jhn mit sich ab! bald wird der Gipffel Last
Dem Abgrund selbst zu schwer / daß Berg und Thal erzittert /
Und sich in Staub und Dampff in weite Brüche splittert;
Bald saust der rauhe Nord / und steht er dem zu fest
So bringt der faule Sud die ungeheure Pest
Die man Verläumbdung heist! wehn hat die nicht bekriget?
Wehn hat sie / wenn der Neid jhr beyfällt / nicht besiget?
Was ists Papinian daß du die Spitz erreicht?
Daß keiner dir an Stand / noch Macht/ noch Hoheit gleicht?
Daß Läger / Hof und Rath / und Reich / dir anvertrauet?
Daß Hauptmann und Soldat bloß auff dein wincken schauet?
Daß dich das Römsche Volck der Länder Vater nennt?
Daß dich Sud / Ost und West / und raue Scyth' erkennt?
Daß du mit Schwägerschafft den Kaysern nah verbunden?
Daß dich Sever stets trew / du jhn stets Freund befunden?
Daß er in dem er schid / die Kinder dir befahl?
Und baut auff deine Brust sein höchstes Ehren-Mahl?
Wenn eben diß die Klipp' an der dein Schiff wird brechen!
Nun mich die Warheit nicht umb Laster kan besprechen
Ist Tugend mein Verweiß / die als sie durch die Nacht
Mit hellen Strahlen drang und sich durchläuchtig macht /
Viel Nebel hat erweckt die sich in Dünste theilen
Und umb und neben mich als Donner-Wolcken eilen
Von harten Knallen schwer und schwanger mit der Noth
Erhitzt durch rote Glut gestärckt mit Ach und Tod.
Welch rasen steckt euch an in Zanck verwirrte Brüder!
Ists billich daß ein Mensch selbst wüt' in seine Glieder
Und eifer in sein Fleisch? Wie? Oder mag das Reich
Das ersten Grund gelegt auff brüderliche Leich /
Nicht unter beyden stehn? Ist euch der Länder mänge
Die grosse weite See / ja selbst die Welt zu enge?
Man theilte ja vorhin / wofern deß Blutes Band
Euch nicht mehr zwingen kan / so scheid euch Flut und Sand!
Nah / dient es länger nicht / wofern nicht Rom soll zittern
Ob einem Jammer-Spiel. Mir ahnts! es wil sich wittern
Ich schaw deß Brudern Faust im brüderlichen Haar
Die grosse Stadt in noth / die Länder in gefahr /
Die Flott in lichtem brand / den hohen Thron zustücket /
Und mich durch eines Fall (doch ohne Schuld) erdrücket.
Doch klag ich Rom / nicht mich / ich scheue keinen Tod
Den mir von langer Hand die Eisen-feste Noth
An diese Seiten gab / man ließ vor vielen Zeiten
Zu meinem Untergang den Werckzeug zubereiten.
Verläumbdung schliff das Beil / das durch den Hals wird gehn
Wenn mir der heisse Neid wird über Haupte stehn.
Und hierumb hat man längst das Volck auff mich verhetzet/
Und Lügen umbgestreut / und meinen Ruhm verletzet
Der nach mir leben wird / man murmelt hir und dar:
Man hält mich in Verdacht / und schätzt für wahr und klar
Was Argwohn von mir dicht / die Läger sind beflecket /
Die Kirchen nicht zu rein / der Rath selbst angestecket /
Wer könt es denn nicht sehn daß meine Zeit außrinnt:
Wenn jeder / Tag für Tag / mir zu verterben spinnt.
Was hab ich denn verwürckt? Unredliche Gemütter!
Kommt Kläger! tretet vor! entdeckt wie herb und bitter
Auch eure Zunge sey! Ich fliehe die gemein/
(Sprecht jhr) und schliesse mich vor Freund und Frembden ein.
Wahr ists daß ich bißher den Umbgang was beschnitten;
Seid dem / daß ich mich muß vor Freund und Frembden hütten /
Die / was mein offen Hertz freymütig von sich gibt /
Das gar nicht schmeicheln kan und Falschheit nie gelibt /
Verkehrt und gantz vergällt dem Fürsten zugetragen.
Schämt jhr euch nicht mein Wort verkehrt mir nach zu sagen;
So stört mein einsam seyn durch eur gereusche nicht.
Mein Hof ist dennoch frey / ich halte stets Gericht /
Geb' offentlich Verhör / auch wenn der lichte Morgen
Den Himmel noch nicht siht / und sich der Tag verborgen.
Ich fahre keine Witt'b mit rauen Worten an /
Ich helffe wo ich mag / den ich nicht retten kan
Laß ich doch sonder Trost nicht von dem Angesichte /
Und klage wenn ich nicht /was jemand wüntscht / verrichte.
Man gibt mir ferner Schuld daß ich der Götter Ehr
Als auß den Augen setz' und nicht der Christen Lehr
Mit Flamm' und Schwerdt außreut'. Ists aber wol zu loben
Daß man so grimmig wil auff dise Leute toben /
Und Leich auff Leichen häufft da niemand recht erkennt
Was jhr Verbrechen sey? Wer jetzund Christen nennt
Wil stracks daß man zur Qual auch ohn erforschen eile /
Da doch das heilge Recht gesetzte Zeit und Weile
Beym Blut-gericht' erheischt! man strafft / ich weiß nicht was /
Und schir ich weiß nicht wie / welch Recht spricht billich das;
Daß man ein erbar Weib der Unzucht übergebe
Und in ein offen Haus auß jhrem Zimmer hebe /
Umb daß sie Christum liebt. Ist das die Röm'sche Zucht?
Ist diß ein neues Recht: So sey diß Recht verflucht!
Man wirfft mir weiter vor daß ich der Fürsten rasen
Und grimme Zwytracht stärck' und Flammen helff' auffblasen/
Die ich mit meinem Blut zu dämpffen willig bin.
Nim grosse Themis nim den Schandfleck von mir hin!
Ich der die gantze Zeit auch mit gefahr deß Lebens
Den Bassian gehemmt / den Antonin vergebens
Zu Freundschafft anermahnt / werd' umb ein Stück verdacht/
Drob sich mein Geist entsetzt. Wer hiß der Läger macht
Den Brüdern in gemein den theuren Eid ablegen?
Noch gleichwol wolt ich sie zu theilen nechst bewegen!
Ihr Götter dieses Reichs! wofern bey solchem Stand
Mein Rath auß Boßheit kam so waffnet eure Hand
Mit Blitzen wider mich / und last es nicht geschehen
Daß ich mein eigen Haus muß ausser Zweytracht sehen!
Noch ferner sprengt man auß / als ring' ich nach dem Thron/
Und sucht auß diesem Zwist der Antoninen Kron;
Fahrt / rasende fahrt fort / also mir nachzustellen;
So wird die Lügen selbst in eurem Mund erhällen.
Hat die Aufflag in mir wol jrgends einen Schein?
Kommt mit dem Anschlag auch mein Leben überein?
Wen hab ich umbgekaufft das Werck mit mir zu wagen?
Wem die Verrätherey / den Meyneid vorgetragen?
Hab ich das Läger je zu meinem Dienst ersucht?
Kan diß mein' Einsamkeit? Kan diß der Freunde Flucht?
Sind mir die fernen Reich' und eingetheilten Waffen
Mit Pflichten zugethan? So kommt ergrimmte Straffen
Und fodert mich zur Pein! ists denn ein eitel wahn
Warumb bedenckt man nicht was ich bißher gethan?
Gilt ein vergiffter Mund mehr als ein rein Gemüte;
So fege frembder Schuld mein unbefleckt Geblüte.
Und diß wird nun mein Lohn; daß ich so manche Nacht
Entfernt von süsser Ruh / in Sorgen durchgebracht /
Daß ich so manchen Tag Staub / Sonn und Frost getragen
Daß ich auff See und Land behertzt den Leib zu wagen
Mein und der Feinde Blut auff dieser Brust vermischt /
Durch meiner Glieder Schweiß der Länder Angst erfrischt/
Der Parthen Macht gestützt / den Nil und Phrat gezwungen/
Den stoltzen Rhein umbpfählt / den Balth ans Joch gedrungen/
Der Römer Recht erklärt / der Fürsten Schatz erfüllt/
Der Läger Trotz gezäumt / der Völcker Sturm gestillt/
Die Stadt in Hungers-Noth mit Ostens Korn gespeiset /
Jetzt West / jetzt wüsten Sud / und rauhen Nord durchreiset/
Dort Schantzen hin gesetzt / hir Mauren auffgebaut /
Hier Thamm und Wahl gesänckt / und wo dem Frieden graut /
Der Britten rauhe Ströhm' und Klippen-reiche Wellen
Mit Brücken überlegt / nie vor erkante Quällen
Den Arabern entdeckt / mein Leben in Gefahr
Für Freyheit deines Raths / O Rom / und dein Altar
Schir Tag für Tag gewagt / mir nichts zu schwer geschätzet/
Durch eignen Guts Verlust / gemeines Best' ergetzet /
Der Feinde List entdeckt/ und Frembd' in Bündnüß bracht /
Verjagt' ins Reich versetzt / und die verschworne Macht
In erster Glut erstöckt / was könt ich anders hoffen!
Ein Schatten-reicher Baum wird von dem Himmel troffen:
Ein Strauch steht unversehrt. Wer die gemeine Noth
Zu lindern sich bemüht; sucht nichts als eigenen Tod.
Wer sich für alle wagt / wird auch nicht einen finden /
Auff dessen rechte Trew er könn in schiffbruch gründen.

 

Papinianus. Der Käyserin Cämmerer.

Cämmerer.
Glück zu!

Papinian.
        Woher so früh?

Cämmerer.
                Recht auß der Frauen Saal
Das werthe Mutter-Hertz das stets in neue Qual
Durch diese Zwytracht sinckt / bemüht mich jhn zu grüssen
Und wil sich seiner Trew durch mich versichert wissen.

Papinian.
Wie? Zweiffelt Julie an unverfälschter Gunst!

Cämmerer.
Die ungewissen Fäll umbhüllt mit trübem Dunst
Der Augen falscher Schein / der Klang vergällter Lippen /
Der Hertzen Wanckelmut sind leider harte Klippen /
An welchen Redli[ch]keit gar offt zu scheitern fährt.
Es weiß Papinian was jhren Geist beschwert.
Zugleich daß sie auff jhn all jhr Vertrauen setze /
Und weil er sicher steht / sich unvergänglich schätze.
Doch steckt der Neid den Hof mit so viel Seuchen an
Das niemand sonder Furcht. Wo man verläumbden kan:
Beut Argwohn stets die Faust / wo Argwohn zugenommen:
Hat Schmertz die oberhand und Haß den Thron bekommen.

Papinian.
Was mischt man so viel Wort' und hält was noth zurück?
Zagt Julia auffs new? Entdeckt uns was sie drück.
Auffrichtig hab ich stets zu wandeln mich beflissen
Nie der Verläumbder Mund (das niemand kan) zu schlissen.

Cämmerer.
Man gibt jhr ein; es sey was mehr denn unerhört;
Daß Printzen / die in Haß / doch einen Mann geehrt/
Daß Geta sich zu letzt werd ohne Beystand finden;
Weil er sich läst zu sehr von Bassian verbinden.
Viel ists Papinian wenn uns der Käyser libt:
Und mit dem letzten Geist die Freundschafft übergibt /
Weit mehr / wenn dessen Huld wil gleich als erblich werden /
Und wenn deß Fürsten Leib verkehrt in Staub und Erden/
Sein Nachsaß unverfälscht die Neigung unterhält:
Das höchst und was anjetzt uns als unglaublich fällt
Ist / wenn zwey Hertzen hart umb eine Krone zancken;
In beyder Hold zu stehn / von keinem abzuwancken.

Papinian.
Daß mich Sever erhub / und an die Seite setzt /
Und (in dem mancher sich durch rauhen Fall verletzt)
Als mit der Faust erhilt; muß ich mit ruhm erkennen
Und zwar mein Glück / doch mehr / deß Käysers Urtheil nennen.
Das rede nun vor mich. War es der Tugend Lohn?
Was klagt jhr an mir an? Hat er der Fürsten Kron
Und Leben mir vertraut / als er die Zeit vollendet
Und Himmel-auff den Geist / nach so viel Sig gesendet:
So hat er einen Schatz / ja last mir anvertraut /
Weil er mein Hertz erkennt und gar genaw durchschaut /
Hab ich sein hoffen nun / das er geschöpfft / betrogen
Und letzten Willen nicht untadelhafft vollzogen:
So richte Reich und Welt. Ist denn sein Wuntsch vollbracht:
Warumb zeucht Julia die Freundschafft in Verdacht.
Wofern ja Bassian auffrichtig mir geneiget:
(Sein Aug' entdeckt mir was / ob wol die Lippe schweiget!)
Wird hierdurch Geta nichts von Nutz und Schutz entgehn.
Ein Freund kan für jhn mehr denn ein verhaster stehn.
Denn daß ich seitwerts ab von jhm mich trennen solte /
Wenn Antonin durch mich was schädlichs suchen wolte;
Kommt meiner Ehr und Eyd und Redlichkeit zu nah.
Hier steht Papinian wie jhn das Läger sah;
Als er den hohen Schwur den Brüdern abgeleget /
Und durch sein Vorbild/ Rath und Stadt und Heer beweget.
Man such jhn anders nicht. Wer aber bringt euch bey
Daß ich dem ältern mehr durch gunst verbunden sey?
Weil ich Ampts halber muß fast täglich mit jhm handeln?
Siht man mit Geta mich nicht schier viel öffter wandeln?
Bringt meine Wort' hervor! legt alles auff die Wag!
Diß ist die Lantze nicht die mich verletzen mag!

Cämmerer.
Mehr wundert Julien daß man noch nie verspüret;
(Wie schwer auch Bassian von etlichen verführet)
Ob je Papinian, und wie / sich widersetzt.

Papinian.
Daß bald der Fürst auff diß / und bald auff den verhetzt:
Darff langer Worte nicht. Ob ichs gebillicht habe /
Ist leider was man fragt. Deß strengen Himmels Gabe
Ist diß was in uns wacht / das ihr Gewissen heist;
Das uns von innen warnt / und nagt / und reitzt / und beist.
Wenn dieses schon zu schwach die Menschen zu gewinnen;
Wird man mit Reden nicht die Geister brechen können.
Doch that ich offt was mehr / als mir mein Stand erlaubt /
Zu wenig thät der Fürst der mir zu wenig glaubt.

Cämmerer.
Es hört jhn niemand je deß Fürsten jrrthum schelten.


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