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Die Bettlergemeinde

Man würde mir Unrecht tun, wenn man aus den letzten Worten des vorigen Kapitels den Schluß ziehen wollte, ich glaube, es seien keine Arme an ihrer Armut schuld. Ich weiß gar wohl, daß ein bedeutender Teil der Armen ihre Armut selbst verschulden und mutwillig ihre Kinder in ihrem Elend behalten; ich wollte nur sagen, daß auch gar viele Reiche ihre eigenen Nachkommen in die Armut bringen, gerade wie es mir erging, und will nun ferner zeigen, daß viele Arme nicht nur durch ihre Schuld arm bleiben, sondern deswegen, weil man gar nicht daran denkt, sie so zu erziehen, daß sie sich in der Welt mit Ehren forthelfen können.

Meine Mutter hatte bei ihrem Bruder die Gunst ausgewirkt, mich bei ihr behalten zu dürfen bis zur Bettlergemeinde, welche in wenigen Wochen stattfinden sollte. Es war ein schöner Maimorgen, als wir uns aufmachten nach unserem Heimatsort. Schön blau war der Himmel, schön warm schien die Sonne, schön grün waren die Matten; die Bäume blühten schön und die Vögelein sangen so lustig und spielten so frei und froh miteinander in den Bäumen und Zäunen, daß es eine Herzenslust war.

Und während die fröhlichen Vögelein so lustig sangen, so frei sich lustig machten an der warmen Sonne, unter dem lieben heitern Himmel, zogen viele, viele Kinder mit schwerem Herzen und trüben Gesichtern der Bettlergemeinde zu; sie fühlten die warme Sonne nicht, sie sahen den blauen Himmel nicht; ihnen war's wie den Vögelein, die man im lustigen Mai in die Kräze tut, in die Stube hängt und in einem Trögelein das Fressen ihnen sorgsam zumißt, welches sie früher unter Lust und Jubel nach Belieben selbst gesucht.

Mir freilich war so trübe nicht zumute, eher war ich fröhlich. Die Mutter trug einen großen Bündel Zeug, hatte mir ein neues schönes Halstuch umgebunden und erzählte gar viel, wie ich es gut haben, wieder zu Rossen, Kühen und Pferden kommen werde usw. So war's mir leicht ums Herz, fast wie den Vögelein ringsum, und wohlgemut kam ich am Orte unserer Bestimmung an.

Dort waren bereits viele Leute versammelt. Leute, welche Kinder brachten; Leute, die Kinder an Kost nehmen, Eltern, welche ihre Kinder der Gemeinde auf den Hals werfen wollten, denen man die heimliche Freude ansah, ihrem eigenen Fleisch und Blut bald loswerden zu können. In einer Ecke saß ein Weib, zwei schöne Mädchen neben sich; alle drei weinten bitterlich und hielten einander immer wieder um den Hals. Es war eine Witwe, welche vor die Gemeinde mußte, um entscheiden zu lassen, ob man ihr lieber die Kinder verdingen oder den Hauszins geben wolle. Sie war verleumdet worden von einer guten Freundin, welche ein Klappermaul und Zutritt in viele Häuser hatte, eben ihres Maules wegen. Eine Frau Gemeindrätin hatte diese böse Nachrede aufgefaßt, sie ihrem Mann hinterbracht, dieser das arme Weib gar übel angefahren und ihr alle Hoffnung abgesprochen, die Kinder behalten zu dürfen. Zum Glück war er diesmal nicht allein Meister; die so deutlich an den Tag tretende Mutterliebe trug den Sieg davon, und die zwei schönen Mädchen blieben am Herzen der Mutter.

Es war fast wie an einem Markttag. Man ging herum, betrachtete die Kinder von oben bis unten, die weinend oder verblüfft dastanden, betrachtete ihre Bündelchen und öffnete sie wohl auch und betastete die Kleidchen Stück für Stück; fragte nach, pries an, gerade wie an einem Markt. Ein Vater, der vier Kinder brachte, rief dieselben aus und jeden Vorübergehenden herzu, um ihm eines oder das andere aufzudringen; er machte es ärger als die Weckenfrau an ihrem Korbe mit ihrer Ware. Am meisten Menschen versammelten sich um einen brüllenden, fluchenden Mann und ein Kind, das herzzerreißend schrie. Es war ein Vater und sein Kind. Die Gemeinde hatte es verdinget; der Vater wollte es behalten, und das Kind schrie immer: «Ach der tusig Gotts Wille nume nit zum Vater; er schlat mi alli Tag halb z'tod und git mr nüt z'esse!» Und der Vater fluchte dann seinem Kinde, wollte es schlagen; das Kind verbarg sich zwischen den Beinen der Umstehenden vor seinem Vater. Auch hier war die Gemeinde barmherzig – und der Vater verließ wie ein brüllend Tier den Ort, und auf diesen Vater schien auch Gottes liebe Sonne, aber er schämte sich vor der Sonne nicht. Der Unglückliche wußte nicht, daß sie Gottes Auge ist. Die Steigerung ging langsam vor sich; die ersten auf dem Rodel kamen zuerst, die, welche neu zu verdingen waren, zuletzt. Der Mittag kam, die Sonne brannte heiß, die Kinder wurden hungrig, die kleinen besonders durstig; den einen wurde etwas gekauft, das machte die andern nur hungriger und durstiger, so daß nach und nach vor Weinen und Schreien man kaum sein eigenes Wort verstand, bis endlich ein guter Mann der Armen sich erbarmte und mit einigen Batzen den Jammer stillte. Mir hatte die Mutter einen batzigen Wecken gekauft; diesen in der Hand stand ich nahe bei der Witfrau und ihren beiden Mädchen; denn sie gefielen mir gar wohl.

Ihre Mutter hatte beiden zusammen auch einen halbbatzigen Wecken gekauft; sie selbst aß nichts davon; sie freute sich über die Freude der Kinder und sättigte sich an dieser. Allein die Freude war kurz, der Wecken bald gegessen, der Hunger noch da; da sahen die Mädchen gar bittlich um noch einen in das Mutterauge; aber die arme Mutter hatte für die armen Kinder keinen Halbbatzen mehr. Das griff mir ans Herz; ich brach Stücke von meinem Wecken ab und streckte sie den Mädchen dar. Schüchtern sahen sie mich an und zärtlich meinen Wecken; aber keines rührte die Hand. Als ich aber gar freundlich sie nötigte, wagte es endlich das Jüngere, dann aber auch bebend das Ältere, mir Wecken abzunehmen. Nun war Freude in meinem Herzen und in ihren; diese Freude schloß einen innigen Freundschaftsbund; wir aßen, plauderten, g'vätterleten zusammen, vergaßen alles darüber, waren glücklich eine Stunde lang; dann ward der Bund zerrissen. Die Witwe und ihre Kinder wurden weggerufen. Nach ihnen, die mit freudestrahlenden Augen zurückkehrten, kamen wir vor. «La g'seh, wer wott dä Bueb, er isch gar e tolle u-n-e muntere, u-n-isch guet kleidet, er isch e halbe Chnecht oder e ganzes Chingemeitschi!» so wurde ich ausgerufen. Ich wurde betrachtet, für und wider geredet; ein zerlumpter Mensch bot endlich auf mich, das heißt er erklärte für einige Kronen mich zu nehmen. Wahrscheinlich rechnete er darauf, mit meinen Kleidern seine eigenen zerlumpten Kinder zu bekleiden. Diesem jedoch wollte man mich nicht geben; man bot mich wieder an und strich mich aus. Ich war allerdings ein wackerer Bube, groß, breit gewachsen, nur etwas blaß, und hatte viele Kleider, was nicht vergessen wurde. Man beschaute mich von neuem, redete hin und her; einer nach dem andern trat an mich heran; mir wurde bange, ich fing an zu weinen, hängte mich an die Mutter und wollte fort. Endlich beredete man einen ziemlich guten Bauer, mich zu nehmen, um bei ihm Kindemeitschi zu werden, da er ja eines nötig hätte, weil das frühere ihm abgehandelt worden sei. Er ließ sich dazu verstehen, nahm mich um zehn Kronen jährlich mit einer Mahnung, mich gut zu halten. Weil man mich jetzt so gut angebracht, wurden wir entlassen.

Um meinem neuen Meister gutes Blut zu machen, zahlte die Mutter ihm noch eine Halbe Wein, und er rühmte, wie ich es gut bei ihm haben werde, wenn ich folgen wolle; dann kam er überhaupt ins Rühmen hinein, und strich alles, was ihm angehörte, heraus, von ihm selbst weg bis auf den schwarzen Hund, der ihm zwischen den Beinen saß, so daß ich voll guter Dinge mit ihm aufbrach und beim Abschied von der Mutter nicht besonders mich härmte.


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