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Wie ein Vater Kinder prellt

So war ich über fünf Jahre alt geworden, als wir einmal an einem Sonntage Dorf bekamen, was eine sehr seltene Sache in unserm Hause war. Auf einem Wägeli kam ein großer dicker Bauer und ein mächtiges vierschrötiges Mädchen mit plumpen Gesichtszügen, kleinen Augen und gewaltigen Händen. Ihr Staat zeugte von Reichtum; aber sie hatte ihn angezogen, als ob ein Küherknecht ihre Kammerjungfer gewesen wäre (so äußerte sich meine Mutter); ihr ganzes Betragen trug das Gepräge bäurischen Stolzes und Hochmutes. Der jüngste Sohn nahm das Roß ab, das einen halbzentnerschweren Kommet an hatte und in demselben dahertrampelte, fast wie die Tochter in ihrem Putz. Die Großeltern empfingen die Gäste mit sichtbarer Freude; auf meine übrigen Onkeln und Tanten hingegen wirkte die Erscheinung dieser Leute, wie das Erblicken eines Habichts auf eine Truppe Tauben, sie schossen nach allen vier Winden hin. Einige Zeitlang sah man noch bald das eine, bald das andere hinter einer Ecke oder aus einem Türspalt hervorgucken; bald aber verschwanden sie alle, und keines zeigte sich mehr bis am späten Abend; ja, zwei der Onkel kamen erst am Morgen wieder zum Vorschein.

Die Gäste wurden in die Hinterstube geführt, welche in jedem Bauernhause eine sehr wichtige Rolle spielt und noch oft vorkommen wird. Die Großmutter ging alsobald wieder in die Küche, nachdem sie mit der Schürze die weißgefegten Bänke abgewischt hatte, ich, an ihrem Kittel hängend, natürlich mit. Großmutter wollte in der Ordnung aufwarten und vor allem mit einem Kaffee, weißes Brot gehörte dazu, nachher aber mit allem, was Sitte ist. Nun war viel zu tun: Kaffee mußte geröstet, gemahlen, Brot, Wein geholt, Nidle gewellt, Fleisch herabgeschnitten, Schnitze gewaschen, Küchliteig angemacht, und vor allem ein tüchtiges Feuer angeblasen und unterhalten werden. Sie war eine rüstige Frau; aber zehn Beine und zwanzig Hände hatte sie doch nicht, sie rief daher: «Stüdeli, Lisebetli, Bäbeli», dann «Stüdi, Lisebet, Bäbi!», aber niemand gab Bescheid; sie rief: «Hansli, Joggeli, Christi, Peterli», und wieder «Hans, Joggi, Christen, Peter!», aber niemand kam. Man kann sich denken, welchen Zorn die gute Großmutter verwerchete; sogar ich bekam einen Mupf; dazu durfte sie ihn nicht laut werden lassen und alles mußte doch gemacht werden, wenn sie nicht mit Schanden bestehen sollte, ob welchem Gedanken es ihr fast g'schmuechten wollte. Trotz meinem erhaltenen Mupf tröstete ich die Großmutter und versicherte sie: ich und meine Geschwister wollten ihr so gut und besser helfen als die andern; und so geschah es auch.

Wir vier armen Kinder halfen mit Jubel und Lust die Mahlzeit bereiten, die uns aus dem Hause, in die Wüste, ins Elend trieb. Kätheli holte das Brot und wusch die Schnitze, Benzli holte den Wein, und Anneli röstete, mahlte, erwellte, und alle machten der Großmutter es zum Dank, vor allem ich, der zum Feuer sah und ihr das Leiterli hielt, als sie Speck und Fleisch herunterschnitt. Der Kaffee war bald gemacht, und, nachdem ein schön gelöchert Tischlachen gebreitet war, aufgetragen, aus dem Buffert mit Glasfenstern die geblümten Kacheli herausgenommen, mit der Schürze der Staub ausgewischt und eingeschenkt. Was beim Kaffee weiter vorging, weiß ich nicht: ich mußte heraus zu meinem Feuer; dorthin vergaß Großmutter nicht mir meinen Teil zu bringen.

Nachdem Großmutter den Nidlehafen noch einmal zugefüllt hatte, denn sie machte heute den Kaffee recht weiß, und die Gäste ihre Kacheli umgestürzt ins Plättli gestellt und das Meitschi beteuert hatte: es müeßt sy S...l oben ab gäh, wenn es noch mehr nähme, führte der Großvater die Gäste hinaus, ihnen seine Herrlichkeit zu zeigen. Sami, der jüngste Sohn, stolperte einige Schritte hintendrein, kam aber nicht recht mit Reden z'weg und blieb im Stall beim Roß zurück und musterte das Pferdegeschirr, als ob er ein Sattler werden wollte. Wenn ich Scheiter holte, so sah ich den Großvater, wie er neben dem Bauern herwanderte durch Wald und Felder, sah hintendrein die Tochter marschieren und dachte dabei nichts anderes, als es geschähe darum, damit die Großmutter, die ärger schwitzte als eine arme Seele im Fegfeuer, mit allen ihren Gerichten fertig werden könnte. Großvater stand oft stille und verwarf die Hände; dann verwarf sie der Bauer auch, und die Tochter glaubte ich einige Male sogar zu hören. Unterdessen war das Fleisch lind geworden; die Küchli standen an der Wärme, ein Teil des Weines bereits in einer schönen Flasche auf dem Tische; da mußte Sami die Spazierenden rufen, welche endlich so langsam daherkamen als möglich, damit man ja nicht glaube, sie hätten etwa Lust zu Speis und Trank. Meine Geschwister wurden, jedes mit einer Küchlischnitte, fortgeschickt; ich durfte mit der Großmutter in die Stube, wohin man endlich gelangte, nachdem sie unzählige Male «Göt doch yche» hatte sagen müssen. In meinem Leben kommen mir nicht viele Dinge wieder so wunderlich und seltsam vor, als dieses Essen, und was sich dabei zutrug. Ich war gewohnt, daß man beim Essen sonst nicht viel sprach; jedes aß wacker und ohne Unterbrechung fort, sei es Erdäpfel oder Kraut, bis es fertig war; dann wischte es den Mund mit dem Ärmel, den Löffel mit dem Tischtuch ab, pflanzte die Ellbogen auf den Tisch, hielt die Kappe vors Gesicht und ging dann seiner Wege. Hie und da gab der Vater einem Sohne einen Schnauz oder klagte über ein Mißgeschick oder die schlechten Zeiten usw., oder die Großmutter sprach zu einem der Kinder: «Hest no nit gnue? es düecht mi, du chönntisch's afe mache.»

Wie ging das jetzt anders zu! Da bot die Großmutter die Schüsseln herum und legte den Gästen gar wohl aufs Teller, als ob sie keine Arme hätten; sie sagte in einem fort: «Nät doch! Äßit doch!» Dann entschuldigte sie sich, daß man es so schlecht bei ihnen habe, daß sie nicht besser aufwarten könne, und rief dann wieder. «Sami, schäych doch y, u mach G'sundheit!» Obgleich alles so gut war, aßen der Bauer und seine Tochter doch als ob ihnen das Essen zuwider sei; sie gabelten auf dem Teller herum, als ob sie Spreuer in demselben hätten, und doch rühmten sie die Großmutter und ihr Essen; mit dem Trinken machten sie es ebenso; nur der Bauer nahm zuweilen im Vergeß einen großen Schluck. Zwischendurch wurde viel geredet und gerühmt; ich kannte den Großvater gar nicht wieder ob dem Gerühmsel, das er anbrachte über seine Habe und über seine Kinder. Daß die Großmutter eine Welle Tuch nach der andern zu zeigen brachte und nicht ruhte, bis sie das Vreneli, so hieß nämlich das große Mensch, in den Speicher geführt und ihm dort ihre Schätze gezeigt hatte, wunderte mich weniger. Hinwiederum rühmten auch der Bauer und seine Tochter so viel sie z'Platz kommen konnten. Der erstere, wieviel Heu er dem Küher gebe, wieviel Korngarben er gemacht, und von Ausgeliehenem ließ er mehr als ein Wort fallen. Die letztere, wie frühe sie aufstehe, für wieviel Schweine und wie viele Menschen sie koche, wieviel sie zwischendurch spinne usw. Das Reden schien ihnen Hunger zu machen; je länger sie aßen und tranken, desto geschwinder wurden sie mit ihren Gläsern fertig und desto geschwinder räumten sie ihre Teller ab. Ja, als es zu dunkeln anfing, und von der Heimreise die Rede war, konnte Sami mit Einschenken nicht fertig werden, so daß es der Großmutter Angst machte, sie hätte nicht Wein genug holen lassen, und sie nach und nach mit Pressieren nachließ; aber sie nahmen unpressiert; mit den Küchlene und dem Fleisch ging es ebenso; es war, als ob sie alles reue, was sie übrig lassen müßten. Ich saß da ganz voll Verwunderung, hatte längst genug und konnte mich endlich nicht enthalten zu sagen: «Großmuetter, es düecht mi, sie chönnti's afe mache!» Ich erhielt die erste Ohrfeige in meinem Leben, ohne zu wissen, was ich eigentlich gefehlt, und wurde zur Stube hinausgeschickt. Diese Behandlung schmerzte mich tief; ich weinte bitterlich, bis Sami das Roß einspannte, die Gäste aufbrachen und aufsaßen unter vielen Danksagungen und Entschuldigungen von allen Seiten. Großvater hieß den Sami mitgehen, weil es bös sei durch den Wald zu fahren, wenn man nicht recht bekannt sei. Sami ging und kam den Abend nicht wieder. Es war ein trauriger Abend, nichts als Schelten und Brummen im Hause. Die weggelaufenen Söhne und Töchter stellten sich nach und nach wieder ein, wurden furchtbar ausgescholten, und wenn nicht allzu viel Versäumtes nachzuholen gewesen wäre, so daß die Großmutter keine Zeit zum Prügeln hatte, die Töchter keine, sich prügeln zu lassen, sie hätte eine nach der andern in die Finger genommen. Unter all dem Lärmen schlief ich betrübt ein und erwachte erst am andern Morgen wieder, als die Großmutter mit der alten Liebe mich aufweckte, und ich wie gewohnt zum Großvater ins Bett konnte.

Alles sah am Morgen noch zerstört aus; wo man hinsah, steckten einige die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander. Ich glaubte, sie klagten sich ihre gestern erhaltenen Scheltungen, bis ich von der Mutter die Wahrheit vernahm. Sie lockte mich beiseits, um mich auszufragen, wie in der Stube alles zu- und hergegangen, was geredet, was gegessen worden und wie man einander angesehen, usw. Hier hörte ich, die Gäste seien der reiche Bauer Niegenug zu Unsegen samt seiner Tochter gewesen, welche der Onkel Sami heiraten solle. Nun zog die Mutter los, zuerst über den Bauern und seine Tochter, dann über Großvaters. Über die ersten wußte sie hundert Geschichten von ihrem Geiz und Stolz und dem gewöhnlich damit verbundenen Unverstand. So behauptete sie, der Bauer stehle seinen Knechten die Knöpfe von den Kleidern; von seiner Frau und Tochter, daß sie immer beim Spinnen auf dem bloßen Hemde säßen, um die Kittel nicht zu verribsen, und ihre Erdäpfelrösti täten sie auf die Fenstersimse an die Sonne, um sie zu wärmen und Holz zu sparen. Großvaters seien aber um nichts besser, sonst würden sie einen solchen Geizhund nicht ins Haus begehren; aber es wäre ihnen recht, wenn ihre Söhne des Teufels Großmutter heirateten, sobald sie nur goldene Hörner und einen silbernen Schwanz hätte usw. Die Heirat war allerdings richtig geworden, das vernahmen die Hausgenossen, aber erst dadurch, daß zu ungewohnter Zeit Schneider und Schuhmacher, sogar eine Nähterin auf die Stör kamen, um an der Ausstattung von Sami zu arbeiten, bei welcher die Großeltern ungewohnte Freigebigkeit zeigten. Der Großvater hatte zur Kleidung Tuch erlaubt, welches einen Taler die Elle kostete; die Großmutter gab vom schönsten flächsenen Tuch für zwei Hemder her; nur der Schuster konnte lange nicht zur Arbeit kommen, weil Sami Stiefel wollte, der Großvater aber nur Schuhe bewilligte; doch gab er am Ende auch nach. Daß dieses den Neid der übrigen erweckte, kann man sich denken; daß niemand dem Sami das Pferd füttern und anspannen wollte am Hochzeittag, ebenfalls; doch ließ man sich weiter keine grauen Haare wachsen; man hatte Ahnung von dem, was nachkam. Daß am Abend die junge Frau heimkam, fiel noch nicht auf; aber allgemeine Bestürzung verbreitete sich unter den jungen Leuten, als am folgenden Morgen ein Knabe mit einer großen aber magern Kuh anlangte, welche einen Meyen aufgebunden hatte, als der Kuh zwei mächtige Schweine folgten und diesen endlich ein Wagen mit Schaft, Trögli, Bett, Spinnrad, Wiegle usw.

Nun erst erfuhr man, daß die junge Frau bei uns, statt, wie man erwartet hatte, bei ihren Eltern bleiben solle. Das erschreckte alle, erstlich weil sie nicht gefiel und man so viel Böses von ihr gehört hatte, und weil man überhaupt nicht gern den gewohnten Trab durch eine Fremde mochte unterbrochen sehen. Doch fand man bald Ursache zum Lachen und vergaß für den Augenblick die Bestürzung. Als der Trossel abgepackt werden sollte, fand man Trog und Schaft sehr schwer und fürchtete sie zu verletzen; daher packte man sie auf dem Wagen aus. Zum Vorschein kam nun das sämtliche Zeug der jungen Frau, aber alles ungewaschen. Wahrscheinlich hatte sie zu Hause die Seife gereut und das Holz, und gefunden, Großvaters könnten wohl beides liefern. Stück für Stück wurde nun herausgenommen; denn nichts war ordentlich eingepackt, und alle, die damit zu tun hatten, sorgten dafür, daß kein Fleck, kein Schmutz unbemerkt blieb; alles ließ man, wie Fahnen, im Winde flattern. Und merkwürdig war's, wie die junge Frau mit der größten Schamlosigkeit zusah und mit aller Gleichgültigkeit diese Lüfteten geschehen ließ.

Den folgenden Tag stand die junge Frau in der Küche herum, wenn die Großmutter in derselben wirtschaftete, beguckte alles, und sprach zuerst davon, wie sie es zu Hause gemacht; dann hatte sie nach und nach an dem, was die Großmutter machte, etwas auszusetzen; fand zuviel Anken in der Pfanne, als jene die Suppe machte, und blies noch mehr von den Milchkacheln, welche die Großmutter auf den Tisch stellen wollte, oben ab in den Nidelkübel. Überall war ich ihr im Wege. Sie hatte meinen Ausruf noch nicht vergessen, hatte immer ein böses Wort für mich, und nur, daß ich mich fest an der Großmutter hielt, sicherte mich vor Mißhandlungen. Meine Geschwister jagte sie, sooft sie sich blicken ließen, zur Küche hinaus.

Am zweiten Tag griff sie schon mehr ein, und so alle Tage mehr, bis sie die Großmutter ganz aus ihrem Regiment verdrängt hatte. Man fühlte auch alsobald die Änderung. Das Essen wurde spärlicher, schlechter. Alle murrten; meine Mutter stichelte: es scheine, man fange an, den Schweinen zu geben, was den Menschen gehöre, und den Menschen, was den Schweinen zukommen sollte. Sie erhielt aber alsobald zur Antwort: für eine verhungerte Krämerstochter sei das noch lange viel zu gut. Niemand konnte das Benehmen der Großmutter sich erklären. Sie, die sonst so resolute Frau, ließ sich alles gefallen; nur hie und da hörte man einen Seufzer von ihr, wenn sie noch fleißiger als früher hinter ihrem Kuder saß. Man vergaß, daß die Großmutter auf Erden Reichtum am höchsten hielt, daß sie also auch vor reichen Leuten den größten Respekt haben mußte. Sie war es gewohnt, alle Leute, die minder reich waren als sie, nach ihrer Weise von oben herab zu behandeln; selbst den Pfarrer, auf dem sie übrigens viel hielt, ließ sie es immer fühlen, daß er keinen Hof habe wie sie; dagegen sah sie jedem Reichern mit ordentlicher Andacht nach. Nun war ihre Schwiegertochter reich; daher hatte sie Respekt vor ihr, und durfte ihr Recht gegen sie nicht behaupten. Noch lag eine andere Ursache ihres Benehmens im Hintergrunde, die niemand kannte, die aber bald auf eine furchtbare Weise an Tag kommen sollte.

An einem Samstag vor einem heiligen Sonntag ging mein Großvater fort an das Gericht zu Unverstand; denn er war Gerichtssäß. Man pflegt an vielen Orten Gemeinden, Gerichte, Steigerungen an einem Samstage abzuhalten. Solche Versammlungen sind Gelegenheiten, wo man ein Gläschen über den Durst trinken und einige Stunden in die Nacht hinein verweilen kann, ohne daß die Weiber darüber räsonnieren dürfen, die, beiläufig gesagt, auf die Titel ihrer Männer sich viel einbilden, den Geschäften aber, die mit dem Titel zusammenhängen, nicht nachfragen und über manche Stunde branzen, die der Mann bei denselben zubringen muß. Auf den Samstag folgt dann kein Werktag, sondern der Sonntag; an diesem kann man, ohne etwas zu versäumen, ordentlich ausschlafen, und ein schwerer Kopf hindert an keiner Arbeit. Ob aber der liebe Gott an seinem Tage an solchen schweren Köpfen ein besonderes Wohlgefallen habe, daran denkt man nicht; und ob solche schwere Köpfe an den lieben Gott und ihre unsterbliche Seele ordentlich denken können, darum bekümmert man sich wieder nicht, und doch bin ich überzeugt, sind die meisten, die also tun, nicht gottlos; aber sie denken halt zuerst an ihren Nutzen, dann an ihre Bequemlichkeit, dann an ihre Weiber, und erst, wenn sie nichts mehr anderes zu denken wissen, an den lieben Gott. Daß also mein Großvater an das Gericht ging, den ganzen Tag wegblieb, fiel niemand auf; ebenso nicht, daß die Großmutter den Sami am Abend fortsandte, mit dem Bedeuten: er solle den Großvater heimbegleiten, weil es gar finster werde und der Alte nicht mehr soviel erleiden möge. Spät kamen sie zusammen heim, niemand achtete sich ihrer. Am Sonntag war es schön Wetter. Viele aus unserm Hause gingen zur Kirche, auch mein Vater, nur meine Mutter nicht. Seit ihrem Unglück mußte man sie fast zwingen, in den Gottesdienst zu gehen, und später, als die Kleider ihr zu fehlen anfingen, ging sie gar nicht mehr hin.

Nach und nach kamen sie alle zurück, bis an meinen Vater, den niemand seit der Kirche gesehen haben wollte. Man setzte sich zu Tische, ärgerte sich über das schmutzige Tischtuch, die schlechte, verdünnte Suppe und brummte über die kleinen Stücke Fleisch, aber aufreden durfte doch niemand. Da wurde plötzlich die Türe aufgerissen; mein Vater stürzte herein mit rollenden Augen, wie ihn niemand noch gesehen hatte, auf den Großvater zu und brüllte: «Ist's wahr, hest de dem donners Schnuderbueb da dr Hof um ds halb Geld verkauft?»

Und eine Stille ward, als ob der Donner eingeschlagen hätte; mehrere Minuten lang sprach niemand ein Wort. Meinen Vater hatte Wut und Hast sprachlos gemacht. Großvaters und die jungen Eheleute waren erschrocken über den so schnell an den Tag gekommenen Kauf, der ein Geheimnis bleiben sollte noch eine Zeitlang, teils weil man die andern Brüder noch zugunsten Samis als Knechte ohne Lohn benutzen, teils weil man das Unangenehme, welches natürlich das Ruchbarwerden dieser unväterlichen Handlung nach sich ziehen mußte, verschieben wollte. Großvater hatte sich bei der Fertigung einige Maß Wein mehr nicht reuen lassen, um sich bei seinen Kollegen Stillschweigen zu erkaufen, und einen ganzen Kloben an den Schreiber, daß er spät abends eine Fertigung noch vornehme, nachdem alle Leute verlaufen waren, und dennoch am folgenden Morgen wußten die Kirchenleute alles. Wie war das möglich.

Das hätte der gute Großvater gar gut wissen können; allein die Menschen wissen oft gar nicht, was sie selbst tun, und können es sich daher nicht erklären, wenn andere das gleiche tun. Wenn Hausväter um Mitternacht oder erst gegen Morgen nach Hause kommen, so sagt ihnen ihr Gewissen, daß sie gefehlt, ihre Erfahrung, daß die Weiber sie tüchtig abputzen oder mit ihnen kupen werden. Nun sinnen die meisten Männer, auf welche Weise sie das Wetter abwenden können: die einen kramen Wein, ein Brötli; die meisten aber, instinktmäßig die schwache Seite der Weiber auffindend, bringen nicht etwas für den Hunger oder den Durst, sondern etwas für den G'wunder nach Hause. Sie wissen, daß, sobald sie eine ordentliche Neuigkeit vorwerfen können, die Frau die Sünden des Mannes vergißt und sich festbeißt in die Sünden des Nachbars.

Gar manche Frau branzt auch mit dem Manne gar nicht weil er spät heimkommt, sondern nur, um Neuigkeiten und Geheimnisse herauszupressen, wie man einen Schwamm drückt, damit das Wasser herausläuft. So geht es in manchem Hause; so ging es bei Großvaters und so auch bei andern Gerichtssäßen; und sicher nicht nur zu Unverstand, sondern an andern Orten mehr, und sicher nicht nur bei den Gerichtssäßen, sondern auch bei den Sittenrichtern. Ja, man sagt, diese erwarteten nicht einmal die Nacht, um zu plaudern, sondern schon des Mittags bei der Fleischsuppe fingen sie an, und ehe man mit dem Fleische fertig sei, wisse man über den Tisch weg die ganze Verhandlung, von welcher sie eben kommen. So war es diesmal gegangen wie andere Male, und doch konnte es der Großvater nicht begreifen und behauptete steif und fest, es müsse jemand unter dem Bett versteckt oder am offenen Fenster gewesen sein. Des Vaters Brüder waren verstummt; an so etwas hatten sie nie gedacht, überhaupt nie daran gedacht, daß das bestehende Verhältnis ändern könnte; sie brauchten lange Zeit, die Sache zu fassen, und dann noch längere Zeit, bis die bei ihnen von unten auf kochende Wut Worte gebildet und zum Munde hinausgetrieben hatte. Es lohnte sich wohl der Mühe in Zorn zu kommen über diesen Kauf. Der Großvater hatte den Hof von seinem Vater auch gekauft, und zwar um die gleiche Summe, welche jetzt Sami zahlen sollte; allein die Kaufsumme war wohl gleich, nur der Preis nicht. Der Großvater hatte den Hof 6000 Pfund teurer übernommen, als er gefergget wurde vor Gericht. Diese 6000 Pfund betrugen sein Weibergut, welches er gleich bar an den Hof zahlte, ohne daß dessen im Kaufbrief erwähnt wurde, um von so viel tausend Pfund den Ehrschatz zu ersparen, und den Staat darum zu beluxen. Ein Kniff, den nicht nur Gerichtssäße, sondern noch ganz andere Leute treiben. Dann war noch eine bedeutende Matte gekauft, der Hof durch bessere Bearbeitung gar sehr verbessert worden, und doch gab er alles das dem Sami um den Kaufschilling, den er bezahlt hatte.

War denn Großvater ein so schlechter Mann, daß er seine sieben übrigen Kinder auf eine so schändliche Weise betrog? O nein, er war nur wie hundert andere Bauern! Sein Lebtag hatte er wenig anderes gesinnet und getrachtet, als einen großen Haufen zusammenzubringen; seine Kinder sah er wie Ameisen an, welche zu diesem Haufen immer noch mehr zusammenkräzen sollten. Daß dieser zusammengescharrte Haufen zusammenbleibe auch nach seinem Tode, das war sein Lieblingsgedanke; ob darüber seine andern Kinder Bettler würden, daran dachte er gar nicht, oder dachte vielleicht, es wäre am besten, wenn keines heiratete, sondern die unbezahlten Leibeigenen ihres Bruders blieben. Zu solcher grenzenlosen Herzlosigkeit und unnatürlichen Härte wird der Mensch gebracht, wenn er im Leben und im Tode Abgötterei treibt mit Geld und Gut.

Ein Unbefangener hatte füglich Zeit, diese Betrachtungen zu machen, während sie alle sich stumm, aber auf der einen Seite mit wachsender Wut, auf der andern mit steigender Verlegenheit gegenüberstanden. Auf der sündigen Partei war allein Samis Frau nicht verlegen; die hatte kein Gefühl für Recht und Unrecht. Sie brach daher auch zuerst das Stillschweigen und sagte meinem Vater, das gehe ihn am allerwenigsten an; er selbst sei nichts wert und seine Schlampe und vier andern Freßmäuler habe man ihm lange genug umsonst gefüttert. Wie oft ein Kanonenschuß das Zeichen der Schlacht ist, und, wenn er nach langer Stille abgefeuert wird, auf einmal alle Kanonen brüllen, das Gewehrfeuer dazwischen prasselt und das friedliche Feld zum Schlachtfeld wird, so war hier die Rede Vrenis der Kanonenschuß, der alle Mäuler öffnete und die Fäuste ballte. Alles brach los, meine Mutter vor allem mit schneidenden Worten; die Tanten schimpften und die Onkels brüllten gerade heraus. Als Großvater und Großmutter schlichten wollten, erhielten sie auch ihren Teil. Man stund auf, man trat einander näher, hielt sich die Fäuste vors Gesicht, die Kinder schrien, eine allgemeine Prügleten drohte. Mein Vater hatte bereits den Sami in eine Ecke geschleudert, wollte Vreni beim Göller nehmen; die warf ihm eine Kachle Milch ins Gesicht, daß er schnopsen mußte. Andere Hände streckten nach Vreni sich aus, Sami drängte sich wieder hinzu, Großvater wollte auch fassen; da fuhr auf einmal unser Ringgi, der gewöhnlich meinen Vater begleitete, dem Vreni an die Beine, weil es sich an meinem Vater vergriffen hatte, und biß tüchtig zu. Über diesen neuen Feind brüllte es laut auf, wehrte sich mit Händen und Füßen; aber Ringgi wurde immer wilder, riß ihm das Fürtuch vom Leibe, den halben Kittel, biß auch Sami, der helfen wollte. Man sah deutlich, daß der Ringgi einen eigenen Trieb hatte, an Vreni sich zu rächen, das ihm weit schlechter und weniger zu fressen gab, als früher die Großmutter. Die andern zogen ihre ausgestreckten Hände zurück, machten dem Ringgi Platz, der für sie alle den Streit übernommen und vielleicht auch den Großvater vor Schlägen gerettet hatte, jubelten, brüllten bei jedem neuen Fetzen der davonflog. Ihre Wut verflog, und als es endlich der Großmutter gelang, den Ringgi aus der Stube zu bringen, da hatten sie ob der Schadenfreude und der wilden Lust den Handel und den Hof fast vergessen und konnten nicht satt werden, zu erzählen, wie wütend und zerrissen Vreni endlich das Schlachtfeld hätte verlassen müssen. Nur mein Vater vergaß den Handel nicht. Er hatte Weib und Kinder, und um seiner treuen Arbeit und vielleicht auch um meinetwillen wahrscheinlich Teil am Hof zu erhalten gehofft. Er war nun 45 Jahre alt, hatte keine 10 Batzen Geld im Sack, nichts angeschafft, keine Ehesteuer, keinen Trossel erhalten; nichts besaß er, als die Kleider und sehr wenig Hausrat, den seine Frau aus ihrem Schiffbruch gerettet. Das rüttelte sein ganzes Wesen auf; er verschwor sich, keinen Streich mehr auf diesem Hofe zu arbeiten, und verschwand einige Tage ganz, ohne daß man wußte, wohin er gegangen.

Das waren traurige Tage. Denn aller Friede war gewichen. Keins gab dem andern ein gutes Wort; nur wenn ich an der Schürze der Großmutter hing, war ich vor Schlägen sicher, aber nirgends vor bösen Worten. Großvaters waren auch still und mürrisch; wahrscheinlich schlug das begangene Unrecht ihr Gewissen und sie fingen an zu fühlen, was ihrer warte, wenn Vreni vollends Meisterfrau geworden sei. Auch machte ihnen das Ausbleiben meines Vaters Angst; sie fürchteten nach und nach, er möchte sich ein Leid angetan haben. Das wäre das Schrecklichste gewesen, was ihnen hätte widerfahren können; nicht bloß, weil sie sich als die Ursache seiner Verzweiflung hätten betrachten müssen, sondern wegen der Schande, die dadurch über ihre ehrbare Familie kam, und weil sie ganz bestimmt glaubten, er müsse als Gespenst wiederkommen, hätte keine Ruhe und ließe auch andern keine. Schon durfte des Nachts Großmutter nicht mehr allein ums Haus, und wenn abends jemand an der Türe klopfte, so hätte sie um keinen Preis mehr geöffnet oder gefragt: «Wer ist da?», aus Furcht, den Benz zu sehen oder zu hören.

Meine Mutter kannte die Ursache der Abwesenheit des Vaters; aber sie war boshaft genug, sie nicht nur nicht merken zu lassen, sondern noch durch verstellte Betrübnis und Stichelreden über beraubte und getötete Kinder die Herzensangst zu vergrößern und sogar Vreni zum Schweigen zu bringen. Diese hätte meinem Vater den Tod herzlich gegönnt und der Mutter dazu; aber das Wiederkommen desselben fürchtete gerade sie am meisten, weil zu erwarten war, das Gespenst werde sich am meisten an ihr vergreifen.

Endlich am Morgen des sechsten Tages nach jenem Auftritt, erschien mein Vater mit Roß und Wagen vor dem Stöckli und befahl der Mutter, alsobald die wenigen Habseligkeiten aufzupacken und mich holen zu lassen; er wolle weder dem Pferde eine Handvoll Heu hier geben, noch einen einzigen Bissen hier essen. Meine Mutter gehorchte mit großer Freude und sandte alsobald hin, mich zu holen; Großmutter ließ erwidern: ich sei ihr Kind, sie lasse mich nicht. Einer erneuerten Botschaft gab sie gleichen Bescheid. Da erschien mein Vater selbst, drang in die Stube, wo Großvaters waren, riß mich auf den Arm und wollte, ohne ein Wort zu sagen, zur Türe hinaus. Doch die Großmutter stellte sich ihm in den Weg und sprach: «Benz, tu doch nicht so; wo willst du hin mit dem Miaßli, den lasse ich dir nicht!» Nun folgte ein erschütternder Auftritt, der mein Lebtag mir vor Augen sein wird. Die frühere Angst um den Sohn war noch in Großvaters; sein wildes Aussehen ließ sie glauben, daß er zu allem fähig sei, selbst zum Mord seiner Kinder. Ihr Gewissen fing nicht nur an zu erwachen, sondern sie begannen schon zu fühlen, daß sie den Löffel aus der Hand gegeben, ehe sie genug gegessen, daß Undank ihr Lohn sei; sie waren schon beiden, Sami und Vreni, im Wege, und was ihnen gegeben werden sollte, erhielten sie entweder gar nicht, oder schlecht. Beide waren weich gestimmt und wollten den Benz so nicht fortlassen; die Großmutter nahm ihn bei der Hand und machte ihn sitzen; er mußte endlich, so sehr er sich weigern mochte, von dem aufgestellten Brönz trinken; nur essen wollte er nicht, das hatte er verschworen. Sie baten ihn, nicht so wüst zu tun, mich ihnen zu lassen; wenn sie das Leben hätten, so würden sie sorgen, daß er nicht zu kurz komme. Endlich wurde mein Vater auch weich, er zählte alles her, was er getan, welchen Lohn er erhalten, wie ihm zumute gewesen sei, was er erst Furchtbares im Sinn gehabt, und alle drei weinten miteinander, und ich natürlich auch mit. Da ließ meine Mutter fragen, warum sie so lange warten müsse? Nun erst mußte Vater Bescheid geben, wohin er wolle. Man erfuhr, daß er mehrere Stunden von da einen Hof empfangen habe; Großvater schüttelte den Kopf, ging aber über das Genterli und drückte dem Vater Geld in die Hand. Die Großmutter hatte wieder Hoffnung gefaßt, mich behalten zu können. Allein, mein Vater war unerbittlich; er behauptete, keins seiner Kinder hätte Triftig in der Nähe des Geizhundes, sie wäre imstand ihnen ein Leid anzutun, und er hätte es verschworen, keins eine Stunde länger im Hause zu lassen, sobald er ein ander Obdach für sie gefunden. Da weinte die Großmutter wieder bitterlich; mit von Tränen dunkeln Augen packte sie meine Kleidchen zusammen. Sie fühlte wohl, daß Benz recht hatte und daß die Trennung von mir eine gerechte strafende Folge ihrer Handlung sein müsse. Zum letzten Male nahm sie den Spycherschlüssel zur Hand; doch mich ließ sie nicht mit, und brachte ein ganzes Fürtuch voll dürres Zeug zurück, womit sie mir alle Säcke vollstopfte und dem Vater noch den Rest einsteckte. Der Vater pressierte; aber die Großmutter konnte nicht aufhören mich zu küssen und mir zu sagen: ich solle sie nicht vergessen, im Frühjahr wolle sie zu uns kommen. Der Großvater nahm mich auf die Arme, er hatte ganz nasse Backen. Als ich endlich mit zur Stube hinaus mußte, trug mich die Großmutter bis zum Wagen, gab mir noch alles Geld, was sie in den Säcken hatte, bat auf das rührendste, man solle ihnen doch nicht zürnen, konnte mich gar nicht loslassen, und als endlich die Pferde anzogen, sie mich lassen mußte, setzte sie sich auf einen Baumstamm, hielt das Fürtuch vor das Gesicht und weinte, daß es sie über und über schüttelte. Ich schrie, so laut ich konnte: «Großmuetterli, Großmuetterli, ich will nicht fort, will dich nicht verlassen!» Allein umsonst, die Pferde zogen an, fort ging's. Bald sah ich die weinende Großmutter nicht mehr, sah ihr Haus nicht mehr und am Ende gar nichts mehr; in lautem Weinen fiel ich in einen tiefen Schlaf. Meine glückliche Zeit war dahin; sie hatte etwas mehr als fünf Jahre gedauert.


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