Friedrich Gerstäcker
Die Flußpiraten des Mississippi
Friedrich Gerstäcker

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Kapitel 27

An demselben Abend, an welchem Kelly im ›Grauen Bären‹ jene Anordnungen traf, die den Schlag wenn auch nicht von ihren Häuptern abwenden, doch ihn noch aufhalten sollten, bis sie selbst einer Entdeckung und Verfolgung lachen konnten, ging Georgine, die Königin dieses Verbrecherstaates, mit raschen, ungeduldigen Schritten in ihrem kleinen prachtvollen Gemach auf und ab. Nur dann und wann blieb sie am Fenster, um hinauszuhorchen, als ob sie jemanden erwarte, der immer und immer noch nicht kommen wolle.

Die Augen des schönen Weibes glühten in Zorn und Unmut; ihre kleinen, schwellenden Lippen waren fest zusammengepreßt, ihre feingeschnittenen Augenbrauen berührten sich fast, und der zierliche Fuß stampfte mehrmals in rücksichtslos ausbrechendem Unmut den teppichbelegten Boden. Kelly hatte am Donnerstag morgen fast mit Tagesanbruch die Insel verlassen und sie seit der Zeit nicht wieder betreten; ihr ausgesandter Bote, der Mestize, ein Knabe, den sie aufgezogen und der sich nur ganz und allein ihrem Dienste geweiht hatte, war ebenfalls nicht zurückgekehrt und ihre Gefangene entflohen – Gott allein wußte, wohin; Grund genug, ein Gemüt wie das ihre zu äußerster Aufregung zu treiben. Zwar hatte sie schon mehrere Boten dem Mestizen nachgeschickt, doch umsonst; keiner konnte ihr Nachricht über ihn bringen, keiner wollte ihn gesehen haben. Nur noch einer fehlte jetzt – Peter –, und lange Stunden hatte sie in immer peinlicher werdender Ungeduld gewartet, ihn zu sehen und günstigen Bericht von ihm zu hören. Endlich konnte sie das ruhige, untätige Harren nicht länger ertragen; sie öffnete rasch und heftig die Tür und wollte eben zur ›Bachelor's Hall‹ hinüberschreiten, als das schmale Eingangstor knarrte und gleich darauf Peters breitschultrige Gestalt aus dem jetzt dicht auf der Insel lagernden Nebel hervortrat. Als er die winkende Bewegung der Herrin sah, schritt er auf sie zu und mußte ihr augenblicklich zurück in das Haus folgen. Hier aber kündete sein ernstes, bedenkliches Gesicht keineswegs Gutes, und er wollte auch im Anfang gar nicht so recht mit der Sprache heraus. Georgine jedoch, die ihn erst mehrere Sekunden lang scharf und prüfend fixierte, faßte plötzlich seine Hand, zog ihn zur eben entzündeten Ampel, die ein sanftes, wohltuendes Licht über den kleinen Raum warf, und flüsterte endlich, als ob sie durch den leisen Ton der Frage die schon gefürchtete Antwort zu mildern hoffte: »Wo ist Olyo?«

»Ich weiß nicht«, lautete die halb scheue, halb mürrische, kurz herausgestoßene Antwort des Narbigen, der dabei den Kopf zur Seite wandte und mit der anderen freien Hand emsig in seiner Tasche nach dem Kautabak suchte.

»Wo ist Olyo?« wiederholte aber mit noch dringenderem, ernsterem Tone die Gebieterin. – »Mensch, sieh mich an und beantworte mir meine Frage: Wo ist Olyo?«

»Ich weiß es nicht, habe ich Euch schon gesagt«, knurrte der Bootsmann und spuckte seinen Tabak ziemlich ungeniert auf die blankgescheuerten Messingzierate des Kamins; – »ich bin im ganzen Walde herumgekrochen, habe ihn aber nicht finden können.«

»Im Walde? Weshalb im Walde?« fragte Georgine mißtrauisch. – »In der Stadt mußte er sein, nicht im Walde. Weshalb suchtest du ihm Walde?«

»Weil er nicht in der Stadt war. Donnerwetter, durch die Luft kann er nicht davongeflogen sein, und da glaubte ich, ich müßte ihn entweder in der Stadt, im Walde oder woanders finden. – Irgendwo muß er doch stecken, aber umsonst; – in der Stadt ist er nicht, im Walde auch nicht –«

»Und im Wasser, Peter? – Im Wasser?« flüsterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme.

»Im Wasser?« fragte der Bootsmann erschreckt und blickte sich scheu nach ihr um. »Wie kommt Ihr darauf?«

Georgine begegnete seinem Auge in stummem Entsetzen und stöhnte endlich, aber so leise, daß er die Worte kaum verstehen konnte: »Also im Wasser, – im Wasser hast du ihn gefunden? Mensch, rede! Du bringst mich, beim ewigen Gott, noch zur Verzweiflung.«

»Nein, auch nicht!« sagte der Alte und biß ein riesiges Stück von seinem Tabak herunter.

»Also hast du doch im Wasser nach ihm gesucht? Du mußt Verdacht geschöpft haben; du glaubtest ihn dort zu finden. – Sprich und reiße mich aus einer Ungewißheit, die fürchterlicher ist, als selbst die gräßlichste Wahrheit sein könnte.«

»Im Wasser gesucht? Ich? – Unsinn! Weshalb sollte ich im Wasser suchen? – Harris meinte nur –«

»Was meinte Harris, Peter?« fragte Georgine jetzt mit erkünstelter Fassung, da sie bemerkte, daß der Narbige endlich zu erzählen begann, und sie ihn irre zu machen fürchtete, wenn sie sich nicht soviel wie möglich bezwang.

»Ei nun, daß der Mestize nicht ans Ufer gekommen wäre«, fuhr der Bootsmann fort und hustete dabei ein paarmal, als ob die Worte nicht recht aus der Kehle wollten. »Harris sah das Boot ans Land kommen und wollte gern nachher mit Olyo sprechen. Den einzigen möglichen Weg aber, der von dort aus, wo das Boot eingelaufen ist, in den lichteren Wald führte, hatte er nicht betreten, und kein Mensch antwortete ihm auch, als er später nach allen Richtungen hin den Namen rief.«

»Olyo wird sich versteckt haben«, flüsterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme; – »er – er traute sicherlich dem Rufe nicht und wünschte ungesehen zu bleiben.«

»Ja, das meinte Harris auch«, fuhr Peter fort, der jetzt durch die angenommene Fassung der Frau selbst beruhigt und sicher gemacht wurde – »das meinte Harris auch; es – es kam ihm aber sonderbar vor, daß der Neger so schnell wieder zurückruderte, da er ihn doch eigentlich, wie es am wahrscheinlichsten gewesen wäre, wenigstens so weit hätte begleiten müssen, daß er sich nicht mehr verirren konnte. Bolivar trieb überdies noch ein ganzes Stück stromab, ehe er wieder zu rudern anfing, und war indessen emsig mit etwas beschäftigt, das jener aber der weiten Entfernung wegen nicht erkennen konnte. Nachher wollte er gern sehen, wo das Boot in der kleinen Bucht, in der es eingelaufen war, gelandet wäre. Nirgends aber war eine Spur davon zu entdecken, und der weiche Erdboden hätte auf jeden Fall selbst den leisesten Eindruck bewahren müssen.«

»Nun? Und was weiter?« fragte Georgine, als jener einen Augenblick schwieg und dann unschlüssig zu der Frau aufblickte. Aber er sah nicht das leise, kaum merkbare Zucken der Lippen; er sah nicht das innerliche Beben der ganzen Gestalt; er sah nicht, wie die eine kleine Hand krampfhaft die Stuhllehne umklammert hielt, auf die sie sich stützte, als ob sie in das reichgeschnitzte Mahagoniholz die zarten Finger fest und tief eingraben wollte. – Nur die totenbleichen Wangen sah er und das kalt und ruhig auf ihn geheftete Auge und fuhr nach kurzem Zögern wieder fort: »– Am Ufer war nichts zu erkennen aber auf dem Wasser –«

»Auf dem Wasser?« – wiederholte Georgine leise und tonlos. »Ei, zum Teufel, er kann sich auch geirrt haben!« brach da der Bootsmann die Mitteilung plötzlich kurz ab; er wußte recht gut, wie Georgine an dem Knaben hing, wenn er auch dafür keinen Grund angeben konnte. Es wurde ihm auch dabei selber peinlich, eine Geschichte, die ihm selbst fatal schien, so aus sich herauspressen zu lassen, während er sich doch auch wieder scheute, gerade von der Leber weg zu reden. Georgine war aber nicht gesonnen, ihn so wieder loszugeben, da sie jetzt wohl fühlte, er wisse mehr, als er gestehen wollte »Er hat etwas auf dem Wasser schimmern sehen, Peter«, sagte sie, fast ebenso leise wie vorher. – »Was war es? Verheimliche mir nichts, – selbst wenn es nur noch Vermutung sein sollte! –«

»Hm, Unsinn«, brummte Peter und sah sich sehnsüchtig nach der Tür um. Die jetzt auf ihm haftenden Augen des schönen Weibes ließen ihm aber nicht Ruhe noch Rast, wohin er sich auch wenden mochte. Er wußte, ihr Blick war auf ihn geheftet, und er knurrte endlich, während er halb trotzig den alten schwarzen Filz mit beiden hornigen Fäusten knetete: »Zum Donnerwetter, wenn Ihr's denn einmal wissen müßt, so kann mir's auch recht sein; Blut, meinte er, wär's gewesen, fettige Blutflecke mit ihren häßlich schillernden Farben, die sich in der kleinen Bucht herumtrieben und, gerade als er den Platz erreichte, dem Einflusse zuströmten; – auch ein paar gelbe Schaumblasen waren dabei, – andere, als sie der Regen auf dem Flusse erzeugt. Der ganze Platz sah unheimlich aus, und er sagte, ihm wäre es ordentlich so vorgekommen, als ob sich das ganze Schilf des Ufers hinauf- und von dem einsamen Platz fortdrängen wollte.«

»Hat er die Leiche gefunden?« flüsterte Georgine, aber so leise, daß sie die Frage wiederholen mußte, ehe sie der Bootsmann verstand.

»Die Leiche? Nein, Gott bewahre; es ist ja auch noch immer nur ein Verdacht, den er hat; Olyo kommt vielleicht heute oder morgen zurück, und dann ist die ganze Sorge um nichts gewesen.«

»Peter«, sagte die Frau nach kurzem Sinnen, während sie die Hände fast unbewußt auf der Stuhllehne faltete, auf welche sie sich wirklich stützen mußte, – »willst du mir in dieser Sache – Gewißheit verschaffen? Willst du mir –«

»Die könnte am besten der Neger geben«, entgegnete Peter mürrisch – »Aufrichtig gesagt möchte ich auch mit der ganzen Geschichte nicht viel zu tun haben. – Der Kapitän könnte es nicht gern sehen!«

»So? Vermutest du das auch?» fragte Georgine rasch.

»Nun ja, – er machte sich nicht besonders viel aus dem Knaben und wußte auch, daß der Junge auf ihn aufpassen sollte.«

»Er wußte das? Und so glaubst du vielleicht gar, daß es ihm lieb sein möchte, den Knaben auf solche Art losgeworden zu sein, – daß es vielleicht gar auf seinen Befehl –«

»Bitte um Verzeihung«, rief Peter rasch und erschrocken, »so lange in meinem Kopf nur ein Fingerhut voll Verstand bleibt, soll solche Behauptung wahrhaftig nicht über meine Lippen kommen. Das sind auch überdies Sachen, um die ich mich nie kümmere. Ich tue meine Arbeit und lasse den Rest in Ruhe, so lange sie mir ein Gleiches gönnen.«

»Gut dann, Peter, das ist recht von dir; aber würdest du dich weigern, mir, wenn ich dich recht dringend darum bäte, einen großen Dienst zu leisten, – einen Dienst, den ich dir fürstlich lohnen wollte?«

»Einen Dienst zu leisten? – Weigern? Ei, Gott bewahre! Es wäre ja nur eigentlich meine Pflicht und Schuldigkeit, besonders gegen eine Lady!«

»Gut, – du versprichst mir also, meine Bitte zu erfüllen?«

»Wenn ich es kann, von Herzen gern.«

»Gib mir deine Hand darauf.«

Peter zögerte; die Sache fing an, zu ernsthaft zu werden, und es gereute ihn schon fast, sein Wort so ganz bestimmt gegeben zu haben. Georgine streckte ihm aber die weiße und jetzt marmorkalte Hand so bittend entgegen, daß er nicht nein sagen konnte und einschlug. Die Hornfinger ruhten für einen Augenblick in dem weichen Griff der zarten Rechten.

»Du hast dein Wort gegeben«, flüsterte jetzt die Frau, »du wirst es als Mann nicht brechen wollen. – Nimm Haken und Seile mit; jene Bucht, von der du sprichst, wird nicht so tief sein. Schaffe mir die Leiche! – Du kannst einen von den Enterhaken mitnehmen; auf dem Boden hingezogen, muß er sich in die Kleider –« sie hielt einen Augenblick inne und barg das Gesicht in den Händen; gleich darauf aber fuhr sie mit der vorigen Ruhe und Festigkeit fort: »in die Kleider des unglücklichen Knaben einhaken. Die Leiche schaffst du mir, sobald du sie hast, hier herüber. – Olyo soll wenigsten ein Grab in trockener Erde haben. Willst du das tun?«

»Wenn aber Kapitän Kelly kommt und nach mir fragt?«

»Die Entschuldigung deiner Abwesenheit laß meine Sorge sein. Willst du mir die Leiche herschaffen?«

»Meinetwegen denn, ja«, brummte Peter; »die Bucht ist höchstens zehn Fuß tief, vielleicht nicht einmal das; wo aber schaffe ich den – den Kadaver hin?«

»Hier in mein Haus, dort in jenes Kabinett. Das Weitere besorge ich selber. Doch jetzt noch eins, – wo habt ihr den Neger aufbewahrt?«

»Der liegt in dem einen Stalle da drüben, den sie für ein zeitweiliges Gefängnis hergerichtet haben«, sagte Peter. »Corny ist heute tatsächlich an den Bißwunden gestorben; es war doch wohl eine Ader gesprengt und nicht recht abgebunden, und wir wollen jetzt nur des Kapitäns Ankunft abwarten, daß dieser beschließt, was mit dem Schufte werde soll. Wenn's kein Neger wäre, so hätten wir uns allerding nicht so viel Mühe um die Sache gegeben; denn Corny hatt ihn auch genug gereizt, und sie konnten's zusammen ausmachen. Daß sich aber ein Neger an einem Weißen ungestraft vergreifen sollte, dürfen wir doch nicht gestatten, sei's auch nur des bösen Beispiels wegen, und Kapitän Kelly mag deshalb bestimmen, was mit ihm werden soll. Losgeben darf er ihn aber nicht; die Leute sind wütend auf das schwarze Fell.«

»Bring ihn hierher!« sagte Georgine jetzt, als sie wie aus tiefem Sinnen emporfuhr.

»Wen? Den Neger?«

»Bolivar, gebunden wie er ist und schicke mir zwei von den Männern mit! – Wähle ein paar von Cornys Freunden!«

»Hm«, meinte der Alte, »da bedeutet das wohl nichts Gutes für den Schwarzen. Wenn Ihr übrigens glaubt, daß ihr den zu irgendeinem Geständnis zwingt, so seid Ihr verdammt irre; der ist störrisch wie ein Maulesel. Doch meinetwegen; ich gehe indessen, um mein Wort zu lösen; wenn Ihr mir und Euch übrigens einen Gefallen tun wollt, so erwähnt nichts gegen den Kapitän, wenn er etwa kommen sollte.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer; Georgine aber warf sich, kaum von seiner Gegenwart befreit, auf die Ottomane und machte ihrem gepreßten und bis dahin nur gewaltsam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden, lindernden Tränenstrom. Der Schmerz des schönen, leidenschaftlichen Weibes konnte sich aber nicht auf solch sanfte Art brechen; ihr Charakter wollte nicht leiden und dulden, er wollte ankämpfen gegen den Druck, der ihn beengte, und Rache üben an dem, der es wagte, ihr feindselig gegenüberzutreten. Grenzenloser Liebe war sie fähig, aber auch grenzenlosen Hasses, und diese Leidenschaften wurden nur verstärkt, da Zweifel und Eifersucht die eine umnachtete, während noch immer die Gewißheit fehlte, der anderen freien und ungehinderten Lauf zu lassen. Sie hatte Richard Kelly mit einer Stärke geliebt, die sie selbst erbeben machte; – alles – alles hatte sie ihm geopfert, Gefahren mit ihm geteilt, Verfolgung und Not mit ihm getragen; in seinen letzten Schlupfwinkel war sie ihm gefolgt; unter dem Auswurfe der Menschheit lebte sie mit ihm für ihn; jede Rückkehr in das gesellschaftliche Leben war ihr abgeschnitten; ihre einzige Hoffnung auf dieser Welt war er, der einzige Stern, zu dem sie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe emporblickte, er, der einzige Gott fast, zu dem sie gebetet, er, und jetzt – zum ersten Male der fürchterliche Verdacht, – nein fast die Gewißheit schon, daß er falsch sei. Das alles machte ihr Hirn schwindeln, jagte ihr das Blut in Fieberschnelle durch die Adern. Er war schuldig; – wozu brauchte er denn auch sonst ihren Boten zu fürchten? Wozu hätte er – großer allmächtiger Gott, die Sinne vergingen ihr, wenn sie den Gedanken fassen wollte! – das Kind ermorden lassen?

»Gewißheit!« stöhnte sie mit krampfhaft gefalteten Händen. – »Heiland der Welt, gib mir Gewißheit, nur Gewißheit, und überlaß das übrige mir! Richard, Richard, wenn du dein Spiel mit mir getrieben hättest –«

Ein Stimmengewirr wurde vor der Tür laut, und als sie öffnete, standen etwa ein halbes Dutzend der Insulaner davor, von denen einige Fackeln trugen, andere den gebundenen Neger in der Mitte führten. Bolivar schritt trotzig zwischen ihnen einher; den Kopf umwand eine Binde, und das eine Auge war ihm vom Kampfe mit der Übermacht angeschwollen. Des Messers hatten sie ihn beraubt, daß er nicht doch noch Unheil damit anrichte.

Georgine trat auf ihn zu, sah ihm erst einige Sekunden lang fest und starr in das halb trotzig, halb scheu zu ihr aufgeworfene Auge und sagte dann, während sie ein kleines silberverziertes Terzerol spannte und in der Hand hielt, jetzt aber auch in kaum zwei Fuß Entfernung von dem Afrikaner stehenblieb: »Bolivar, – deine Tat ist verraten; – du bist in meiner Macht, und kein Gott könnte dich vor der verdienten Strafe retten, wäre nicht noch ein anderer hineinverwickelt, dessen Entdeckung mir wichtiger ist als dein Leben, Sklave! Du hast den Knaben, der deiner Obhut anvertraut wurde, ermordet, in jener Bucht drüben den Leichnam versenkt. Du siehst, ich weiß alles; jetzt gestehe aber auch, so dir dein schwarzes Leben nur den Wert einer Glasperle hat, was und wer dich dazu bewogen hat. Der Knabe hatte dir nie ein Leid getan. Er war manchmal übermütig, nach der Knaben Art, aber sonst noch fast ein Kind. In deinen Händen mußte er wie die Taube in des Geiers Krallen sein. Wer hat dich also gedungen, Mensch, oder wessen Befehlen hast du dabei gehorcht? Sprich, denn ich weiß alles; aber ich will nur erst durch deinen Mund Gewißheit. – Sprich!«

»Ich weiß nicht, wer Euch all den Unsinn in den Kopf gesetzt hat«, knurrte Bolivar; »aber so viel ist gewiß, daß ich hier um nichts und wieder nichts niederträchtig behandelt werde. Wäre Massa Kelly hier –«

»Der würde dir beistehen, das glaube ich«, flüsterte die Frau, »doch deine Ausflüchte helfen dir nichts. – Gestehe, sage ich, oder, beim ewigen Gott, ich jage dir diese Kugel durchs Hirn, du kennst mich, wenn es gilt, eine Drohung auch auszuführen.«

»Ja, darin kenne ich Euch!« trotzte der wilde Sohn der Wüste. »Darin kenne ich Euch nur zu gut; aber ich lache Eurer Drohungen. Dieses Leben, das ich in letzter Zeit hier geführt habe, ist doch kaum besser als das eines Hundes gewesen. – Drückt in drei Teufels Namen ab; aber glaubt nicht, daß ich mich vor solchem Kinderspielwerk fürchten soll; – 's wäre lächerlich.«

»Löst ihm die Hände und bindet sie an jenen Baum«, rief Georgine jetzt, die ihren Entschluß geändert hatte, während sie die kleine Unterlippe mit ihren hellglänzenden Zähnen fast blutig preßte. »Ich will doch sehen, ob ich die schwarze Bestie nicht zum Reden zwingen kann. – Tusk, bringe die Peitsche heraus, und peitscht ihn mir so lange, bis er bekennt, und wenn ihr ihm das schwarze, tückische Fell in Streifen vom Rücken ziehen solltet. Tod und Verdammnis dieser mörderischen Kanaille! Er soll mir, wenn er nicht gestehen will, unter der Knute verbluten.«

»Das war mein Rat von vornherein«, rief der angeredete Bootsmann. Er hatte seinen Namen von einem eberähnlich vorstehenden Zahn erhalten, der seinem Gesicht etwas Fürchterliches gab. – »Hier habe ich die Knute gleich mitgebracht, und nun wollen wir doch einmal sehen, ob das Blut ebenso schwarz ist wie die Schwarte, unter der es steckt. – Herunter mit dem Kittel, mein Mohrenprinz, und tu mir den Gefallen und schreie nicht gleich ›genug‹, daß der Spaß nicht so bald aus ist.«

Bolivar warf ihm einen wilden, trotzigen Blick zu; aber kein Laut kam über seine Lippen, und schweigend ertrug er es, als der herkulische Bursche die schwere Sklavenpeitsche nach besten Kräften über seinen nur mit einem dünnen Kattunhemd bekleideten Rücken zog, so daß dieses bald in Streifen herunterhing und das helle Blut den fürchterlichen Streichen folgte. Schweigend knirschte er nur mit den Zähnen, als sie ihn seiner Abkunft und Rasse wegen verhöhnten, seine Eltern verfluchten und ihm in übermütigem Grimme ins Gesicht spien. Schweigend hörte er die Drohungen noch füchterlicherer Strafe Georginens an, die mit zornfunkelnden Augen vor ihm stand und in der Empfindung befriedigter Rache Gefühl und Weiblichkeit vergessen zu haben schien. Bolivar blieb aber standhaft; seine zerrissenen Schultern zerfleischte die unbarmherzige Knute mehr und mehr; seine Glieder zuckten im gräßlichen Schmerz, und die Knie zitterten unter ihm. Er konnte kaum noch aufrecht stehen; aber abgebissen hätte er eher die Zunge, ehe sie seinen Henkern das verriet, was sie begehrten. – Fest aufeinander knirschte er die Zähne und fest auf das stolze Weib heftete er den wilden, drohenden Blick. Vor seinen Augen fing es jetzt an, sich in tollen, schwarzen und schillernden Nebeln zu regen – Sterne blitzten auf und nieder, und eine unbezwingbare Schwäche überkam ihn. – Er wollte sich mit letzter Anstrengung aufrecht halten; er lehnte seine Schulter an den Baum, der seine Fesseln hielt; aber es war vergebens. Die Gestalten fingen an sich vor seinen Augen zu drehen; purpurschimmernde Nacht folgte, und er sank halb ohnmächtig in die Knie.

»Will die Bestie beten?« rief der eine mit dem Eberzahn. »Auf, Kanaille! Wenn wir mehr Zeit haben, – ehe du gehängt wirst, rufe deine schwarzen Götzen an, jetzt ist's noch zu früh –«

»Halt!« rief da dicht neben ihnen eine Stimme, und zwar so kalt und gebieterisch, so ruhig und doch so fürchterlich ernst, daß die Henker überrascht in ihrer blutigen Arbeit innehielten und auch Georgine sich erschreckt dem wohlbekannten Tone zuwandte.

Es war Kelly, der, den bunten mexikanischen Mantel über den Schultern hängend, den schwarzen, breitrandigen Filz tief in die Stirn gedrückt, dicht neben ihnen stand und die Hand gegen die mit Peitschen Bewaffneten ausstreckte. – »Wer hat hier ein Urteil zu vollziehen, das ich nicht gefällt habe?«

»Ich sprach das Urteil!« sagte Georgine mit fest auf ihn gehefteten Augen, indem sie die noch immer gegen die Männer ausgestreckte Hand ergriff. »Ich verurteilte ihn, weil er den Knaben ermordet hat. Das Kind, das ich aufgezogen und gepflegt habe, hat er mit seinen teuflischen Händen erwürgt, und du darfst mich nicht hindern, ihn zu strafen, du darfst es nicht« und sie zischte die letzten Worte mit leiser, vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme, »wenn du nicht selbst als ein Teilnehmer jenes Mordes erscheinen willst.«

»Bindet den Neger los!« lautete des Kapitäns ruhiger, den Einwand gar nicht beachtender Befehl. – »Bindet ihn los, sage ich; die Tat soll untersucht werden!«

»Sie ist untersucht, Mann!« rief Georgine, sich heftig und wild emporrichtend. – »Ich trete gegen ihn auf und rufe den allmächtigen Gott zum Zeugen an, daß er den Mord verübt hat. Willst du ihn jetzt noch schützen und befreien?«

»Bindet ihn los, sage ich«, wiederholte Kelly mit finsterer, drohender Stimme. – »Zurück da, Georgine! – Dein Platz ist nicht hier. – Willst du alle meine Befehle übertreten?«

Georgine wandte sich erbleichend ab, der Eberzahn aber rief, sich trotzig gegen den Gebieter kehrend: »Ei, zum Henker, Sir, der Bursche hier hat Hand und Zähne an einen weißen Mann gelegt, und verdammt will ich sein, wenn er nicht dafür hängen soll. Subordination ist ganz gut, muß aber auch nicht zu weit getrieben werden. Wir sind freie Amerikaner, und die Majorität entscheidet sich hier für Strafe. Nichts für ungut, aber den Neger binde ich nicht los.«

Schneller zuckt kaum der zündende Blitz aus wetterschwangerer Wolke in den stillen Wald, als Kellys schweres Messer in seiner Hand blitzte, zurückfuhr und dem trotzigen Gesellen im nächsten Augenblick mit fürchterlicher Sicherheit das Herz durchbohrte. Er blieb noch mehrere Sekunden mit stieren, entsetzt vor sich hinstarrenden Augen stehen, schlug dann die Arme empor und stürzte, eine Leiche, nach vorn auf sein Gesicht nieder. Die anderen sprangen wild empor; Kelly aber, unbewaffnet die Gefahr verachtend, warf sich ihnen entgegen und rief zürnend: »Rasende, wollt ihr euch selbst verderben? Verrat umgibt euch von allen Seiten; – unsere Insel ist entdeckt; – Spione von Helena durchziehen nach allen Richtungen hin den Strom; – unser Leben und das, was wir mit saurem Schweiß erbeutet haben, steht auf dem Spiele, und ihr hier, in wahnsinnigem Übermut, frönt dem eifersüchtigen Trotz eines Weibes und schlagt gegen die Hand an, die allein imstande ist, euch zu retten. Toren und Schufte, die ihr seid, an eure Posten! Ein fremdes Boot ist hier gelandet, und sein Besitzer liegt vielleicht nur wenige Schritte von uns versteckt, um unser Treiben zu belauschen. Er darf die Insel nicht wieder verlassen. Fort! – In Bachelors' Hall erwartet meine Befehle. – Ich bin im Augenblick bei euch. – Bindet den Neger los, sage ich, und ihr beiden – schafft den Leichnam hinaus aus dem Lager und begrabt ihn. – Der Bursche kann froh sein, noch so aus dieser Welt hinausgeschickt zu sein; er hatte Schlimmeres verdient. Er war in Helena schon einen Kontrakt eingegangen, um uns zu verraten. Nur die Gier, noch höheren Lohn zu erhalten, hatte ihn bis jetzt daran gehindert. Fort mit ihm, und du, Bolivar, erwartest mich hier, bis ich zurückkehre!«

Die Männer gehorchten schweigend den Befehlen, Kelly aber folgte Georgine in ihre Wohnung, wo sie ihn mit kaltem, mürrischem Trotz empfing.

»Wo ist die Kranke?« fragte er, als er, in der Tür stehenbleibend, mit seinen Blicken den kleinen geschmückten Raum überflog »Wo ist das Mädchen, das du hier bei dir behalten und bewahren wolltest?«

»Wo ist der Knabe?« rief Georgine jetzt, vielleicht noch durch das Bewußtsein eigener Schuld gereizt, wild und heftig dagegen auffahrend. »Wo ist der Knabe, den jener teuflische Afrikaner auf deinen Befehl erschlug? Wo ist das Kind, das ich mir aufgezogen hatte, das einzige Wesen, das mit wahrer, aufopfernder Liebe an mir hing und dessen alleinige Schuld nur die Treue gegen mich gewesen sein konnte. Kelly, du hast ein entsetzliches Spiel mit mir gespielt, und ich fürchte fast, ich bin das Opfer einer gräßlichen Bosheit geworden.«

»Du phantasierst«, sagte Kelly ruhig, während er den breitrandigen Hut abnahm und auf den Tisch warf. – »Was weiß ich, wo der Knabe ist? Weshalb hast du ihn von dir gesandt? – Ich riet dir stets ab. Überhaupt kann er ja auch heute oder morgen zurückkehren, wer weiß, ob er nicht, froh der neugewonnenen Freiheiten, in tollem Übermut in Helena herumtaumelt, wo unser aller Leben an seiner kindischen Zunge hängt. Wo ist das Mädchen? – Rufe es her!«

»Zurückkehren?« rief Georgine in bitterem Schmerze. »Ja, seine Leiche! – Peter holt sie aus der Bucht drüben, wo sie der Neger versenkte. – Sein ›toller Übermut‹ wurde in gieriger Flut gekühlt, und seine kindische Zunge droht keinem Leben mehr Gefahr.«

Der lange zurückgehaltene Schmerz des stolzen Weibes brach sich jetzt endlich in wilden, undämmbaren Tränen Bahn; Georgine barg das Antlitz in ihren Händen und schluchzte laut.

Kelly stand ihr erstaunt gegenüber und hielt das dunkle Auge fest und verwundert auf ihre zitternde Gestalt geheftet.

»Was bedeutete dir jener Knabe?« sagte er endlich mit leiser, schneidender Stimme. »Welchen Anteil nimmst du an einem Burschen, der, aus gemischtem Stamm entsprossen, dir nur als Diener lieb sein durfte? – Georgine, ich habe dich nie nach jenes Knaben Herkunft gefragt; jetzt aber will ich wissen, woher er stammt.«

»Aus dem edelsten Blute der Seminolischen Häuptlinge!« rief das schöne Weib und richtete sich, ihren Schmerz gewaltsam bezwingend, stolz empor. »Seines Vaters Name war der Schlachtschrei einer ganzen Nation; er ist unsterblich in der Geschichte jenes Volkes.«

»Und seine Mutter?«

Georgine fuhr wie von einem jähen Schlage getroffen zusammen; ihre ganze Gestalt zitterte, und fast unwillkürlich griff sie, eine Stütze suchend, nach dem Stuhle, neben welchem sie stand. Kellys Lippen umzuckte ein spöttisches Lächeln, aber er wandte sich, als ob er ihre Bewegung nicht bemerke oder doch nicht bemerken wolle, rasch dem kleinen Kabinett zu, wo Marie ihren Schlafplatz angewiesen bekommen hatte.

»Wo ist die Kranke?« fragte er, den Ton zu dem eines gleichgültigen Gesprächs verändernd. – »Ist sie in ihrer Kammer?«

»Sie schläft!« sagte Georgine, wohl überrascht über das kurze Abbrechen seiner Frage, doch schnell gesammelt. »Störe sie nicht; – sie bedarf der Ruhe!«

»Ich will sie sehen!« erwiderte der Kapitän und näherte sich dem Vorhang, der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte.

»Du wirst sie wecken; – tu mir die Liebe und laß sie ungestört«, bat Georgine.

Kelly wandte sich gegen sein Weib und schaute ihr mit so scharfem, forschendem Blick ins Auge, als ob er ihre innersten Gedanken ergründen wollte. – Ihr Antlitz blieb aber unverändert, und sie ertrug ohne Zucken den Blick. Schweigend drehte er sich von ihr ab und lüftete den Vorhang. Das Bett stand diesem gerade gegenüber, und auf ihm, die schlanken Glieder von warmer Decke umhüllt, den Rücken ihm zugewendet, daß nur der kleine, von wirren Locken umschmiegte Kopf, ein Teil des blendend weißen Nackens und die rechte, auf der Decke ruhende zarte Hand sichtbar blieben, lag eine weibliche Gestalt. Die äußeren Umrisse hatten auch Ähnlichkeit mit dem entflohenen Mädchen; aber Kellys scharfer Blick entdeckte rasch den Betrug.

Im ersten Augenblick machte er allerdings eine fast unwillkürliche Bewegung, als ob er noch weiter vortreten wolle; plötzlich aber hielt er wieder ein, ließ noch einmal seinen Blick erst über die ausgestreckte schlummernde Gestalt, dann über das schöne, doch marmorbleiche Antlitz seines Weibes schweifen und verließ dann rasch die Kammer und das Haus.

Draußen schritt er an dem Neger vorüber, der noch neben dem Baum kauerte, an welchem er mißhandelt worden war, und trat zwischen die jetzt in ›Bachelors' Hall‹ versammelten Männer. Die Zeit drängte; keinen Augenblick durfte er verlieren; denn der nächste konnte schon verderbenbringend über sie hereinbrechen, und in kurzen, klaren Befehlen verteilte er einzelne der Schar über die Insel, von denen einige die Ufer nach einem gelandeten Kahn absuchen, andere die Dickichte durchstöbern sollten. Fanden sie den Kahn, so war weiter nichts nötig, als ihn wohlversteckt zu bewachen; der Ire mußte dann in ihre Hände fallen. Ahnte er aber, daß er entdeckt sei, und hielt er sich verborgen, nun, so konnte er auch die Insel nicht verlassen und war für den Augenblick unschädlich gemacht, bis ihn das Tageslicht seinen Verfolgern entdecken mußte. Posten wurden dann auch, um jeder anderen, bis jetzt noch unbekannten Gefahr zu begegnen, an all den Plätzen ausgestellt, wo eine Landung überhaupt möglich war, und die Bewohner der Insel erhielten gemessenen Befehl, ihre Sachen gepackt in Bereitschaft zu halten, um jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerüstet zu sein. Ihre Boote mußten zu diesem Zweck doppelt bewacht und überhaupt alles getan werden, den Ausbruch des ihnen drohenden Wetters so lange wie möglich zu verzögern. Noch war ja auch nicht einmal die Gewißheit da, daß ihr Schlupfwinkel ernstlich verraten sei, denn die beiden, die auf dessen Erforschung ausgegangen waren, konnten unschädlich gemacht werden.

Ließen sich die Bewohner von Helena und besonders die der Umgegend wieder beruhigen, so wäre es töricht gewesen, in unkluger Furcht voreilig einen Platz zu verlassen, wie es vielleicht keinen zweiten für sie in den Vereinigten Staaten gab. Auf jeden Fall konnten sie ihn dann so lange behaupten, bis sie imstande waren, all ihre Habseligkeiten in die südlicher gelegenen Staaten, besonders nach Texas und Mexiko zu schaffen, so daß, wenn später je einmal eine Nachsuchung gehalten wurde, die Nachbarn höchstens den leeren Horst, die Geier aber ausgeflogen fanden. Zu diesem Zwecke mußte Kelly jedoch augenblicklich wieder nach Helena hinauffahren und wollte nur in dem Fall gleich zu ihnen zurückkehren, wenn unverzögerte Flucht nötig werden sollte. Galt es die letzte Rettung, so blieb ihnen auch immer das letzte Mittel gewiß, sich Bahn zu hauen, ehe die Feinde auch nur eine Ahnung bekamen, wie stark und zahlreich sie wären.

Diese Anordnungen waren alle so umsichtig getroffen und die Kräfte derer, deren Macht sie zu fürchten hatten, so genau dabei berechnet, daß wirklich eine ganz genaue Kenntnis jener Verhältnisse dazu gehörte, mit solcher Sicherheit selbst den letzten Augenblick abzuwarten, wo eine einzige versäumte Stunde alles ins Verderben stürzen konnte. Sei es aber nun, daß die Insulaner von der Nähe der Gefahr nicht so genau unterrichtet waren, denn Kelly teilte ihnen nur das mit, was sie notwendigerweise wissen mußten, oder vertrauten sie ihm und seiner Klugheit wirklich so sehr, kurz, die meisten schienen die Sache ungemein leicht zu nehmen und verließen sich auf ihre Übermacht. Solche lange Ungestraftheit ihres verbrecherischen Treibens hatte sie übermütig gemacht, und einige äußerten sich sogar ganz offen darüber, es wäre ihnen gleichgültig, ob sie entdeckt seien oder nicht. Den wollten sie sehen, der sie hier in ihrer eigenen Feste angriffe.

Kelly dachte hierüber freilich anders und kannte recht gut die Gefahr, die ihnen drohte, wie auch die Mittel, die ihnen zu Gebote standen, um ihr zu begegnen. Ihn beunruhigte aber auch jetzt das Ausbleiben des schon längst von Indiana erwarteten Bootes; denn der Zeit nach, und wenn es fortwährend flottgeblieben war, hätte es die Insel lange erreichen und passieren müssen. Der entsetzliche Nebel erklärte freilich einigermaßen dieses Zögern. Entweder hatte der alte Hosier die Sicherheit seines Bootes nicht preisgeben wollen, oder Bill mochte auch selbst gefürchtet haben, vielleicht zu früh aufzulaufen oder gar vorbeizurennen und die kostbare Beute dadurch aufs Spiel zu setzen.

Es schien indessen, als ob sich der Nebel lichten würde, der Wind fing wenigstens an zu wehen, hierfür immer ein gutes Zeichen, und es war also möglich, daß jenes Fahrzeug mit oder vielleicht gleich nach Tagesanbruch eintreffen würde. Während sich jetzt die Männer über die Insel zerstreuten, um die gegebenen Befehle zu erfüllen und ihr Asyl gegen Verrat zu schützen, schritt Kelly langsam zu dem Neger zurück und legte leise seine Hand auf dessen Schulter. Der Afrikaner zuckte zusammen, als er den leichten Druck der Finger auf seiner Achsel fühlte; sie hatten eine durch die Peitsche gerissene Wunde getroffen. – Bald erkannte er aber seinen Herrn und erhob sich schweigend.

»Bolivar«, flüsterte der Kapitän und blickte finster in das Antlitz des treuen Negers, »sie haben dich mißhandelt und mit Füßen getreten, weil du mir ergeben bliebst?«

Der Neger knirschte mit den Zähnen und warf den funkelnden Blick zu dem hellerleuchteten Fenster der Herrin hinüber.

»Ich weiß alles«, sagte Kelly und hob beruhigend die Hand gegen ihn auf; »aber vielleicht ist es gut, daß es so gekommen ist, auf keinen Fall soll es dein Schade sein. Doch hier darfst du nicht bleiben«, fuhr er nach kurzer Pause fort.

– »Georgine weiß, was du getan hast, und kennt in diesem Punkte keine Grenze ihrer Rache. – Wir haben uns beide dagegen zu wahren. Packe das zusammen, was du mitzunehmen gedenkst, und komm mit mir!«

Bolivar blickte staunend zu dem Kapitän empor. Es lag ein finsterer Ausdruck in diesen Worten. – Wollte er die Insel, wollte er Georgine ihrem Schicksal überlassen?

»Kehren wir nicht zurück?« fragte er, als er den Blick des Herrn von sich abgewendet sah.

»Du nicht, wenigstens nicht in nächster Zeit; ich vielleicht schon morgen«, sagte Kelly. »Doch eile dich, eile dich; unsere Minuten sind gemessen; wir haben manche lange Stunde gegen die Strömung des Mississippi anzurudern.«

»Ich kann nicht rudern!« murrte der Neger. »Meine Arme sind gelähmt; die Peitsche hat mich meiner Kraft beraubt.«

»Du wirst steuern«, sagte der Kapitän. – »Hast mich manchmal hinübergerudert und magst heute deine Arme ruhen lassen. Doch, Bolivar, willst du fortan auch mir nur folgen, dein Leben meinem Dienst weihen und in unveränderter Treue an mir hängen? Willst du gehorchen, was auch immer der Befehl sein möge?«

»Ihr habt mich heute gerächt, Massa«, flüsterte der Neger, und seine dunkelglühenden Augen hafteten an der Gruppe, die eben den Leichnam des Erstochenen durch die Einfriedigung schleppte. »Das Blut jenes Schurken, von eurer Hand vergossen, ist über mich weggespritzt, und jeder einzelne Tropfen war wie Balsam auf meine brennenden Wunden; glaubt Ihr, daß ich das je vergessen könnte?«

Kellys prüfender Blick haftete wenige Sekunden auf ihm, dann sagte er leise: »Genug, ich glaube dir. Geh jetzt und rüste dich; mein Boot liegt auf seinem gewöhnlichen Platze.« Und rasch wandte er sich von ihm ab, um ihn zu verlassen. Da hemmte des Negers Ruf noch einmal seine Schritte. »Massa!« sagte Bolivar und griff in die Tasche seiner Jacke. – »Hier sind zwei Briefe, die der Rothäutige bei sich gehabt hat; – sie scheinen aber nicht für Euch bestimmt zu sein.«

»Schon gut«, flüsterte Kelly und nahm sie an sich; »ich danke dir«, und schnell verließ er durch das kleine nordwestliche Tor die innere Einfriedigung, die ein schmaler Pfad mit dem oberen Teil der Zwischenbank verband. Bolivar aber schlich in seine eigene Hütte, raffte dort das Beste seines Eigentums zusammen und verließ, ohne Gruß oder Wort weiter an irgendein lebendes Wesen der Insel zu richten, durch den feuchtdunstigen Nebel hin dem wohlbekannten Pfade folgend, die Kolonie, um seinen Kapitän an dem bestimmten Platze zu treffen.


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