Pellegrin (Friedrich de la Motte Fouqué)
Alwin
Pellegrin (Friedrich de la Motte Fouqué)

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Viertes Kapitel.

Adalbert und Hartwald hatten ihre Truppen in ein gemeinschaftliches Lager vereinigt, und Alwin fand bei seiner Rückkehr die Hauptleute zusammen. Nach Abstattung seines Rapports sagte Hartwald: es ist Alles gegangen, wie ich hoffte, wenigstens in dem, was für uns das Wichtigste gilt. Nun aber erbitte ich mir für den Rest des Abends unsern jungen Freund als Gast. Wir haben noch mancherlei zu besprechen.

Dabei faßte er Alwin unter den Arm, 206 und führte ihn nach seinem Gezelte, vor welchem sie eine Abendmahlzeit bereitet fanden, und so, daß sie die Aussicht in ein heitres, angebautes Thal vor sich hatten, von der sinkenden Sonne beschienen.

Ich würde einen andern Gesandten erwählt haben, sagte Hartwald, wenn ich früher hätte wissen können, daß Ihr ein Bräutigam seid, und zwar ein getreuer. Es ist aber auch so Alles recht gut. Ihr gefallt Flaminien, wie Eure Aufnahme mir beweist, und darauf kommt es hauptsächlich an. Das Uebrige macht mit Euch selbst aus.

Ich bin kein Undankbarer, erwiederte Alwin lächelnd. Eure Wahl führte mich in das irdische Paradies ein, und ich würde mich vor der verbotnen Frucht zu hüten wissen, auch wenn keine heiligre Bande mich fesselten.

207 Ihr betrügt Euch, sagte Hartwald, und schreibt mir ein Glück zu, dessen ich nicht theilhaftig bin. Die nähere Bekanntschaft mit mir soll Euch erklären, warum dies unmöglich ist. Ueberhaupt bildet Euch nicht ein, Flaminia stehe so leicht zu erobern, als man es denken möchte wenn man sie beim heitern Mahle sich gegenüber sieht, oder sie und ihre Gespielinnen ein lustiges Liedchen singen hört. Sie ist eben keine Nonne, aber wunderbar fest in ihren Entschlüssen; nur wenige Männer gefallen ihr, und sie würde ehe den bittersten Tod erdulden, als dem Ungeliebten ein günstiges Wort verstatten. Dabei ist sie immer ein sehr furchtsames Reh, wie sies Euch durch einen Zufall gezeigt hat. Ich bemerkte dies Alles größtentheils bei unsrer ersten Bekanntschaft. Ein Hauptmann von den Katholischen hatte sich in sie verliebt, hübsch, 208 jung, von gutem Hause; indeß konnte sie ihn nicht leiden, ohne zu wissen warum. Ihr freies Betragen entflammte seine Hoffnungen; die unerwartet abschlägige Antwort reizte ihn zur Wuth. Seine ganze tolle Schaar berennte ihr Schloß, Feuerbrände flogen hinein, Kugeln gegen die Mauern, und während sie in der entsetzlichsten Angst war, und winselte und weinte, versprach er, alsbald abzuziehen., um einen einzigen Kuß; sonst dringe er ein, und mit ihm die ausgesuchteste Rache. Flaminia schlug jede Gewährung ab, und fuhr fort zu jammern. Als ich den Feind vertrieben hatte, und in's Schloß kam, fand ich sie mehr todt als lebendig vor Angst, aber sie erhohlte sich auch gleich wieder, und wir speisten äußerst vergnügt mit einander zu Abend.

Was meint sie denn mit den drei Rosen, 209 die man beim Einlaß in's Schloß nennen muß? fragte Alwin.

Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat.

Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang:

Mein Knappe, wie kommst Du an Stirn und Brust
    Und Arm von Blute so roth,
Und reitest als wie in erquicklicher Lust,
    Als gäb' es nicht Jammer noch Noth?
      Drei Rosen, sang er, drei Rosen,
      Die pflückt' ich aus feindlichem Tosen,
    Die pflückt ich aus drohendem Tod.

Und als er kam vor das Königshaus,
    Der junge siegende Held,
Da trat die Königinn selber heraus:
    Nun fordre, was Dir gefällt. 210
      »Drei Rosen, hätt' ich drei Rosen,
      Wie wollt' ich noch hundertmal losen
    Um's Leben auf eisernem Feld!

Die Königinn wußte, was Helden gebührt;
    Was Helden kann machen gesund.
Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt
    In Zimmers verschwiegenen Rund.
      Drei Rosen gab sie, drei Rosen,
      Drei Küsse mit freundlichem Kosen
    Von ihrem hellrosigen Mund.

Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal
    Stand Herzog und Grafe bereit,
Da sagte die Herrin zu dieser Zahl
    Sei künftig mit Ehren gereiht,
      Und heiße der Ritter von Rosen,
      Und führ' im Wappen drei Rosen,
    Und rosenfarb Helmbusch und Kleid.

Du hast Deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! 211 Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins indeß Alwin, als bemerke er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne.

Kennt Ihr uns nun? rief Hartwald lachend. Ich wußte früher, woran ich mit Euch war, aber Ihr konntet Euch nur aus den Zügen meiner hübschen Begleiterin zurecht finden. O Ihr Mädchenspäher! Und Ihr wollt ein getreuer, ordentlicher Bräutigam sein, vielleicht gar nach beendigtem Feldzug ein verständiger Ehemann. Um Euch ist's Jammerschade. Wenn Eure Braut hübsch 212 ist, und Euch lieb hat, warum thut sie nicht wie meine holde Emilie; durch Marsch und Waffenlerm dem Liebsten nacheilend? Die lästigen Verwandten hätten alsdann das Nachsehn. Ihr glaubt nicht, wie herrlich wir leben in unsrer unbeschränkten Freiheit, jegliches in der Lust der ersten Liebe, weil uns kein äußres Band hält, und wir immer besorgt sind, ein schönrer, ein lockenderer Buhle könne uns des trauten Genossen berauben. Deshalb schafft uns die Furcht ein innres erneutes Ringen nach dem liebsten Preis. So solltet Ihr leben, Alwin, und taugt Eure Beatrix nicht dazu, so laßt sie laufen. Freilich wird es nicht Jedem so gut, als uns Beiden, die einander herrlich toll und ausgelassen lieben mußten, daß gar kein vernünftiges, oder vielmehr unvernünftiges Bedenken statt fand.

213 Er hatte während dieser Worte Emilie auf seinen Schooß nieder gezogen, die Sterne blinkten vertraulicher herab, immer lustiger kreiste der volle Pokal.

Ich sollte Dir eigentlich Stillschweigen gebieten, sagte Emilie, denn ich merke schon, Du willst die Geschichte von unsrer Liebe und Flucht erzählen, was Alles gar nicht zu meiner Ehre gereicht. Aber ich bin wie berauscht. Hat es der Wein gethan, oder die Lagerfeuer und das Singen der Reiter, im Bunde mit den nächtlichen Düften und Lüften aus dem Thale heraus – ich weiß es nicht. Aber erzähle nur, lieblicher Räuber.

Daß Emilie von ihren Eltern zum Kloster bestimmt war, fing Hartwald an, daß ich nach ihrem Besitze rang und vergebens, könnt Ihr Euch aus dem, was Ihr wißt, beinah von selbst abnehmen. Ich war noch immer 214 klug genug gewesen, mich nicht als Werber zu erkennen zu geben; denn umsonst wär jeder Versuch gewesen, das wußt' ich, und wollte mir nicht selbst die heimlichen Wege versperren. Emilie ward eingekleidet, und während ich in tausend verschiednen Gestalten um ihr Münster schlich, so daß meine Reiterschaar mich gänzlich verloren gab, erfuhr ich, daß ein Mönchskloster, auf einer Felsenspitze gegenüber liegend, verpflichtet sei, täglich einen Beichtvater dorthin zu senden. Ueber den Abgrund führte ein schwindliger Steg, von welchem Sturm und Dunkelheit den Wandrer leicht über die Steinwände hinabstürzen konnte, so daß nach Abgang des ehemaligen Beichtvaters Niemand diese Stelle übernehmen wollte. Erwünschte Nachricht für mich! Bald war die Tonsur geschoren, das wollne Habit angethan, und ich als ein heiliger 215 Büßer in's Mönchskloster aufgenommen, ja, man sah es für eine besondre Gnade an, daß ich des Beichtigers gefährliches Amt übernehmen wollte.

O, wie lieblich erschrackst Du, Emilie, als ich zuerst in die kleine Zelle trat, um Dir statt des verheißnen, geistlichen Trostes den süßern der Liebe zu bringen! Wir trieben fortan unsre lustige Neckerei mir den grämlichen Nonnen, denen ich strenge Kasteiungen auferlegte (es war keine hübsche unter ihnen), um desto ungestörter in Emiliens Zelle verweilen zu können. Dort, vor den Bildern einer tollen Enthaltsamkeit, feierten wir die Feste der Liebe, zum erstenmale wurden diese Wände durchleuchtet von dem Glanze der mächtigsten Gottheit, und das Gewölb durchhallte zärtliche Seufzer zurück, das bis zu unsern glücklichen Zeiten nur Echo ängstlichen Jammers gewesen war. 216 Man bewunderte in beiden Klöstern meinen Muth. Oft um Mitternacht, wenn die Stürme am wildesten tobten, das Waldwasser aus dem Abgrund am hohlsten heraufbrüllte, fand ich den Gang zu meinen Beichtkindern nothwendig, vor Allen zu Emilien, die der weltlichen Lust, hieß es, noch immer anhing, und meines Besuches daher so häufig bedurfte. Aber der Verrath schläft nimmer, und auch wir Beide solltens erfahren. Meine ungewöhnliche Strenge, hatte die garstige Gesellschaft der schönen Emilie wider mich aufgebracht, diese oder jene Kleinigkeit mochte ihnen auch an mir profan und säcular vorgekommen sein; – kurz, man lauerte mir auf, und mein holdes Geheimniß kam vor das häßliche Tribunal. Noch kaum entsprang ich den dürren, todtenähnlichen Händen, die nach mir und Emilien griffen, ohne daß ich doch mein 217 geliebtes Bild mit mir retten konnte. Zum Glück hatte ich immer die Spur meiner Kriegsgefährten behalten, ich fand sie leicht in den umliegenden Wäldern auf, und noch leichter brachen wir durch die morschen Klostermauern, durch die Rotten der feigen Klosterknechte, und führten die reizende Beute von dannen. Nun hab' ich sie, nun hab' ich sie, rief er, indem er Emiliens glühende Lippen küßte, und nicht Teufel nicht Tod sollen mir sie wieder nach einem Kloster zurückbringen.

Pfui, sagte Emilie. Wie Du doch immer so wild wirst.

Wir sind es eigentlich alle drei geworden, erwiederte Hartwald. Unsere Wangen glühn, unsre Augen blitzen, wir liegen einander gegenüber wie freudige Gewitter. Auch giebt es nichts bessres in der Welt. Aber weil wir 218 Kriegsleute doch die Nächte des Schlafes genießen sollen, um munter zu bleiben für die Nächte der Wacht, so sing' uns ein, Emilie mit dem Liede vom fremden Gast im Lager, und laßt uns dann im frölichen Taumel scheiden.

Emilie sang:

      'Ne Musik ist erklungen
      Gar fremd im Waffenfeld,
      Hat sich empor geschwungen
      Zu Nacht aus meinem Zelt.

Die Andern, die sonsten im Lager klingen
Roßwiehern, Trommel, Soldaten singen,

    Die kommen zu Hauf, nehmens übel fast,
    Und wollen verjagen den fremden Gast.

      Trompete schreit vor Allen
      Recht ungethümlich drein,
      Und meint' es müss' ihr Schallen,
      Solo im Kriege sein. 219

Fort, fort! Marsch fort mit dem fremden Gesellen!
So ruft sie, daß Jedem die Ohren gellen,

    Fort, fort! Marsch weiter! Marsch fort! Marsch fort!
    Ruft unermüdlich das nämliche Wort.

      Nur sacht, Ihr wilder Ritter,
      So spricht der Fremde laut.
      Kennt Ihr nicht mehr Frau Zither?
      Nicht Eures Vetters Braut?

Denn Waldhorn und ich, wir vermählen zusammen,
Beim fürstlichen Feste wohl Klagen und Flammen,

    Wohl Frohsinn und sehnenden Liebestraum
    Und Euch auch dorten verstatten wir Raum.

      Trompeten sprach herwieder,
      Und etwas milder schon.
      Ich kenn', ich kenn' Euch wieder,
      Kenn' diesen leisen Ton.

Und fand Euch schon öfters, wir gingen zum Feste,
Doch waren von schwächlichen Ohren die Gäste, 220

    Denn sprach ich mal wacker und herzlich dabei,
    So nannten sie's allesammt wildes Geschrei.

      Konnt' ich Euch dort beweisen,
      Sprach Cither, Gastlichkeit,
      So habt zu gleichen Weisen
      Ihr nun Gelegenheit.

Soldatenlied will mich keinesweges ertragen,
Die Trommel läßt gar mir zum Aerger sich schlagen,

    Und Roßgewieher, das schnarcht mich an,
    Ich bitt Euch macht etwas mir freier die Bahn,

      Trompeten sprach: Frau Base,
      Hemmt, hemmt der Rede Lauf,
      Dieweil ich jetzo blase:
      Sitzt auf! Sitzt auf' Sitzt auf!

Doch sind wir zu Abend in's Städtlein gekommen,
Da tanzen die Reiter, da mag es Euch frommen,
Da kommt auch Euer Bräutigam Waldhorn mit vor;
Dient gegenwärtig beim Schützenchor.

221 Man nahm lachend von einander Abschied und während Alwin nach seinem Zelt zurück ging, hörte er noch fernher Emiliens Cither, und blickte öfters zurück, wie sie von Hartwald umschlungen, im Mondenlicht auf dem Gipfel des Hügels saß.


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