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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Kanalbootfahrten: auf dem Wege nach dem fernen Westen.
1842.

Es würde nicht möglich sein, eine lebhaftere oder richtigere Vorstellung von dem Genie und dem Charakter des Autors zu geben als diejenige, welche diese Briefe gewähren. Der ganze Mann erscheint hier in der höchsten Stunde seines Lebens und in dem vollen Genuß seiner höchsten Empfindung desselben. Unaussprechlich traurig war für mich die Aufgabe, sie wieder durchzugehen, aber meine Ueberraschung kam meiner Trauer gleich. Ich hatte vergessen, was darin war. Daß sie in ihrer ersten Lebhaftigkeit alle hervorragendsten Schilderungen seines Buches über Amerika enthielten, wußte ich. Aber die Wiederholung irgend eines Theils derselben war hier nicht zulässig und in der Meinung, daß ihr wesentlicher Inhalt fast ganz in den Amerikanischen Noten verkörpert sei, zu deren Abfassung sie benutzt wurden, nahm ich sie mit sehr geringen Erwartungen, etwas für meine gegenwärtigen Zwecke Passendes darin zu finden, zur Hand. Doch die Schwierigkeit war nicht zu finden, sondern auszuscheiden, und wo die Ausscheidung am unvermeidlichsten war, war sie nicht immer am leichtesten. Auch wo die in dem gedruckten Buche behandelten Gegenstände wiederkehren, ist in den Briefen eine Frische der ersten Eindrücke, die es zu keiner kleinen Prüfung macht, streng an der in diesen Auszügen beobachteten Regel festzuhalten. In den Noten finden sich natürlich manche meisterhafte Beobachtungen und Schilderungen, von denen anderswo keine Spur ist; aber die nach den Briefen weiter ausgeführten Stellen sind nicht verbessert und die männliche Kraft und Unmittelbarkeit einiger ihrer Ansichten und Reflexionen, die mit einer malerischen Vollständigkeit vorgeführt werden, welche keine Ausarbeitung verleihen könnte, ist hier und da durch rhetorische Zusätze in dem gedruckten Buch nicht verstärkt worden. Ueberdies haben die Briefe einen Reiz, welchen der bei dem Buche befolgte Plan nothwendigerweise davon ausschloß. Dasselbe wird natürlich immer seinen Werth behalten als der wohlbedachte Ausdruck der aus den amerikanischen Erfahrungen gesammelten Resultate; aber die persönliche Erzählung dieses berühmten Besuchs in Amerika findet sich in den Briefen allein. Die Art wie seine Erfahrungen entstanden, der anfängliche Wunsch, Nichts zu sehen, das nicht vortheilhaft war, die Langsamkeit, mit der entgegengesetzte Eindrücke sich bildeten, und die eifrige Anerkennung jeder wahren und edeln Eigenschaft, die ihm vorkam und sich über dem Tadel erhielt, treten nur in den Briefen hervor.

Es ist aus ihnen bereits offenbar, daß die vorerwähnten Enttäuschungen sowol des Gastes über seine Wirthe, als der Wirthe über ihren Gast, ihren Ursprung in den Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Schutzes des literarischen Eigenthums hatten; aber es ist nicht minder klar, daß die sociale Unzufriedenheit seinerseits sich aus noch früherer Zeit herschrieb, und mit dem Lande sicherlich nichts zu thun hatte. Es wurde ihm, wie ich mich entsinne, vorgeworfen, daß er, durch die ungünstigen Bemerkungen über manche Punkte, welche sein Buch enthielt, die demokratischen Einrichtungen angreife, die den Charakter der Nation gebildet hätten; aber die Antwort liegt auf der Hand, daß, da demokratische Einrichtungen in Amerika allgemein sind, sie ebenso sehr berechtigt waren, an dem Guten Theil zu haben als an dem Schlechten; und man muß zugeben, daß er in seinem Lobe, von dem hier reichliche Zeugnisse vorliegen, jene Einrichtungen ebensowol erhoben hat, als man ihm vorwerfen konnte, sie durch seinen Tadel herabgesetzt zu haben. Er spricht nie richtend über das ganze Volk ab. Nach Allem, was die Briefe uns über die Art zeigen, wie er seine später veröffentlichten Ansichten bildete, zieht er keine Schlüsse, so lange seine Beobachtungen nicht zum Abschluß gediehen sind, und ohne Ausnahme enthält er sich der Nachahmung des Beispiels, das ihm, in den Ausdrücken des von den Schriftstellern Amerika's ihm dargebrachten Willkommens, zu eindringlich gegeben wurde, eine Nation der andern ins Gesicht zu werfen. Er läßt jede auf ihrem eignen Boden. Sein Hauptaugenmerk in dem veröffentlichten Buche, wie in den hier mitgetheilten ersten Eindrücken, ist auf die Darstellung der wirkenden socialen Mächte gerichtet, wie er sie selbst sah, und es würde sicherlich von allen schlechten Complimenten das schlechteste gewesen sein, wenn er, als er beschloß, in dem Tone und mit den Absichten eines Freundes kund zu thun, was er in Amerika beobachtet, vorausgesetzt hätte, daß ein solches Land die Wahrheit übel nehmen würde.

An einen Umstand muß man sich jedoch sowol beim Lesen der Briefe als bei der Beurtheilung des auf dieselben gegründeten Buches ganz besonders erinnern. Es ist ein Punkt, auf den, wie ich glaube, Emerson die Aufmerksamkeit seiner Landsleute hinlenkte. Alles Anstößige, einerlei ob der Verfasser es so wollte oder nicht, tritt bei weitem deutlicher und schärfer hervor als sein Gegentheil. Die sociale Sünde ist ein greifbareres Ding als die sociale Tugend. Hartnäckig auf der Menschlichkeit und Anmuth des Lebens bestehen, heißt deren ruhiges und anspruchsloses Wesen beschimpfen; aber wir setzen uns der Gefahr aus, die Gemeinheiten und Unanständigkeiten zu vermehren, wenn wir sie aufrecht zu halten scheinen, indem wir es unterlassen sie bloßzustellen. Und wenn man dies beim Lesen des hier Mitgetheilten nur im Auge behält, wird man finden, daß das Maaß des Tadels die gerechte Bewunderung und das unübertriebene Lob nicht überwiegt.

Abgesehen von diesen Rücksichten, muß man auch sagen, daß die Briefe, die hier grade so abgedruckt werden, wie sie geschrieben wurden, als bloß literarische Erzeugnisse ein ungewöhnliches Verdienst besitzen. Unvergleichliche Schnelligkeit der Beobachtung, die seltene Gabe, aus einer Menge von Dingen grade dasjenige hervorzuheben, was wesentlich ist, das unwiderstehliche Spiel des Humors, ein Pathos, wie nur Humoristen von so hohem Range es besitzen und die unermüdliche ungezwungene Lebhaftigkeit eines immer frischen, leichten, schwunghaften Lebensmuths, fanden nie einen natürlicheren, mannigfaltig bequemeren, oder malerischeren Ausdruck. Obgleich sie unter der in ihnen geschilderten Zerstreuung, Anstrengung und Ermüdung, unter dem mißtönigen Lärm der Hotels und der Straßen, an Bord von Dampfschiffen und Kanalböten und in Blockhäusern geschrieben wurden, ist kein Wort darin verändert oder ausgestrichen. Nicht bloß äußere Gegenstände, sondern Gefühle, Reflexionen und Gedanken sind mit derselben unvergleichlichen Leichtigkeit in sichtbaren Gestalten photographirt. Sie borgen keinen Beistand von den Gegenständen, über welche sie handeln. Sie würden den dargestellten Gegenständen eine alte Bekanntschaft und ein überwältigendes Interesse verliehen haben, hätten sie sich mit einem Volk im Monde beschäftigt. Ueber den zugleich abgebildeten persönlichen Charakter werden andre, deren Gefühle weniger lebhaft dadurch ergriffen werden, ruhiger und klarer urtheilen als ich. Und doch kann nur ich wissen, wie gering die Freundschaftsdienste waren, welche hinreichten, alle Empfindungen dieser schönen und edeln Natur aufzuregen. Während unsres ganzen lebenslangen Verkehrs war es dasselbe. Die Schärfe seines Urtheils verließ ihn nie, außer wenn sie, wie hier, in dem grenzenlosen Umfang seiner Würdigung aller ihm erwiesenen Freundlichkeiten verloren ging, und nie empfing er Etwas, was mit der Absicht gegeben wurde, ihm zu nützen, ohne daß er bemüht war, es hundertfältig zu erwiedern. Ein wahrhaft edler gesinnter Mensch hat nie gelebt.

Sein nächster Brief wurde angefangen »an Bord des Kanalboots. Auf dem Wege nach Pittsburg. Montag, 28. März 1842«, und nirgends empfand ich die Schwierigkeiten der Auslassung, von denen eben die Rede war, mehr als hier. Es finden sich darin mehrere der beschreibenden Meisterstücke des Buches, mit Zügen von so ursprünglicher Frische, daß eine Wiederholung in ihrer ersten Form wohl dadurch hätte gerechtfertigt werden können. Dahin gehören die Harrisburger Post-Kutsche, auf ihrem Wege durch das Susquehannah-Thal, die Eisenbahn über das Gebirge, der braune Förster vom Mississippi, der wißbegierige Mann in dem buntgestreiften Anzug und die rührende Scene mit den Auswanderern, die an's Ufer gesetzt werden, als das Dampfschiff den Ohio hinauffährt. Aber Alles, was ich hier von demjenigen mittheilen kann, was an das in den Noten Erzählte erinnert, ist die einleitende Skizze des kleinen Geschöpfs oben auf dem Dache der sonderbaren Postkutsche, dem die gedruckte Version keine hinreichende Gerechtigkeit widerfahren läßt; und ein Erlebniß, welches insofern von Interesse ist, als dadurch der Gedanke zu der Ansiedlung von Eden in » Martin Chuzzlewit« angeregt wurde. . . . »Wir verließen Baltimore am vorigen Donnerstag, den 24sten, um halb 9 Uhr Morgens mit der Eisenbahn und kamen um zwölf nach einem Ort Namens York. Dort speisten wir und nahmen Plätze in der Postkutsche nach Harrisburg, fünf Meilen weiter. Diese Postkutsche glich nichts Anderem so sehr als einer der Schaukeln, die man auf Jahrmärkten sieht, auf vier Räder gesetzt, mit einem Dach versehen, und an den Seiten mit gemalter Leinwand bedeckt. Es saßen zwölf Personen im Innern! Ich, Dank meinen Sternen, war auf dem Bocke. Das Gepäck lag auf dem Dach; darunter ein ziemlich großer Eßtisch und ein mächtiger Schaukelstuhl. Wir nahmen auch einen betrunkenen Herrn herauf, der während einer Fahrt von zwei Meilen zwischen mir und dem Kutscher saß, und einen andern betrunkenen Herrn, der hinten aufstieg, aber nach einer Meile oder so hinunterfiel, ohne sich zu beschädigen, und den wir in der fernen Perspective nach der Grogbude zurücktaumeln sahen, wo wir ihn gefunden hatten. Vier Pferde zogen natürlich diese Landarche, aber wir gelangten erst Abends halb 7 Uhr an's Ende unsrer Fahrt. . . . Die erste Hälfte der Reise war zahm genug, aber die zweite ging durch das Thal des Susquehannah (ich glaube, ich schreibe es recht, aber ich habe keine amerikanische Geographie zur Hand), welches sehr schön ist. . . . .

»Ich glaube, ich machte schon früher einmal eine gelegentliche Bemerkung gegen Dich über die Frühreife der Jugend dieses Landes. Als wir auf dieser Fahrt die Pferde wechselten, stieg ich ab, um meine Beine zu recken, mich mit einem Glase Whisky und Wasser zu erfrischen und die Nässe von meinem Ueberrock abzuschütteln – denn es regnete sehr stark und fuhr die ganze Nacht fort zu regnen. Indem ich wieder auf meinen Sitz hinaufstieg, sah ich etwas auf dem Dach der Kutsche liegen, was ich für eine ziemlich große Violine in einem braunen Sacke hielt. Während einer Fahrt von zwei Meilen oder so entdeckte ich aber, daß es ein Paar schmutzige Schuhe am einen Ende hatte und eine glasirte Mütze am andern, und weitere Beobachtungen ergaben, daß es ein kleiner Junge in einem schnupftabackbraunen Rock war, dessen Arme durch tiefes Hineinstecken in die Taschen ganz an seine Seiten festgebunden schienen. Es war vermuthlich ein Verwandter oder Freund des Kutschers, da er oben auf dem Gepäck lag, sein Gesicht dem Regen zugekehrt; und außer, wenn eine Veränderung seiner Lage seine Schuhe mit meinem Hut in Berührung brachte, schien er zu schlafen. Als wir anhielten, um die Pferde zu tränken, etwa eine halbe Meile von Harrisburg, richtete dies Ding sich langsam zu einer Höhe von drei Fuß acht Zoll auf und sagte, seine Augen mit einem gemischten Ausdruck von Selbstgefälligkeit, Gönnermiene, nationaler Unabhängigkeit und Sympathie für alle äußern Barbaren und Fremden auf mich heftend, in schrillem pfeifenden Ton: ›Nun Fremder, ich vermuthe, dies kommt euch beinah wie ein englischer Nachmittag vor, – nicht wahr?‹ Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß ich nach seinem Blute dürstete.

»Wir hatten den ganzen nächsten Morgen für Harrisburg, da das Kanalboot erst um drei Uhr Nachmittags abfahren sollte. Die städtischen Behörden warteten mir auf, ehe ich noch mit meinem Frühstück fertig war, und da die Stadt der Sitz der Pennsylvanischen gesetzgebenden Versammlung ist, ging ich nach dem Kapitol hinauf. Es interessirte mich sehr, eine Anzahl von Verträgen mit den armen Indianern zu betrachten. Ihre Unterschriften bestanden aus rohen Zeichnungen der Geschöpfe oder der Waffen, nach denen sie genannt werden, und die außerordentliche Zeichnung dieser Sinnbilder, in der die seltsame, ungewohnte, zitternde Art und Weise, auf welche jeder Mann seine Feder gehalten, erkenntlich war, brachte einen eigenthümlichen Eindruck auf mich hervor.

»Du kennst meine geringe Achtung vor unserm Unterhause. Diese lokalen gesetzgebenden Versammlungen äffen einer großartigen Gesetzgebung auf zu unerträgliche Art nach, um ohne Galle gesehen zu werden, aus welchem Grunde, und weil ein großer Haufen Senatoren und Damen sich in beiden Häusern versammelt hatte, um den Unnachahmlichen zu sehen, und schon in dem Privatzimmer des Sekretärs angefangen hatte, zu ihm hereinzuströmen, ich in aller Eile nach dem Hotel zurück ging. Die Mitglieder beider Häuser folgten mir jedoch dorthin; wir mußten daher das gewöhnliche Levée vor unserm Dîner um halb zwei Uhr abhalten. Wir empfingen eine große Menge. So ziemlich Jedermann spuckte auf den Teppich, wie gewöhnlich, und einer schneuzte sich mit den Fingern, – ebenfalls auf den Teppich, der sehr hübsch war, da man uns das Privatwohnzimmer der Frau des Wirthes überlassen hatte. Dies ist indeß seitdem etwas so Gewöhnliches geworden, daß es kaum der Erwähnung werth scheint. Ich bitte Dich, zu bemerken, daß der fragliche Herr ein Mitglied des Senats war, der (wie man mir oft sagt) unserm Oberhause entspricht.

»Der Gastwirth war der aufmerksamste, höflichste und gefälligste Mensch, der mir je vorgekommen ist. Als ich ihn um die Rechnung bat, sagte er, es sei keine Rechnung da: die Ehre und das Vergnügen &c. seien mehr als ausreichend. Miß Martineau hatte also doch theilweise recht. Vergl. S. 317–18. Ich gab dies natürlich nicht zu und bat Mr. O., ihm zu erklären, daß, da ich zu Vieren reiste, ich es unter keinen Umständen annehmen könne.

»Und nun komme ich zu dem Kanalboot. Was gäbe ich nicht darum, mein lieber Mensch, – könntest Du uns nur an Bord des Kanalboots sehen! Ich muß mich einen Augenblick besinnen, zu welcher Zeit des Tages und der Nacht Du uns wohl am besten sähest. Am Morgen? Soll ich zwischen fünf und sechs Uhr Morgens sagen? Gut! Du würdest mich gern sehen mögen, wie ich auf dem Verdeck stehe und mit einem zinnernen Kochlöffel, der an einer langen Kette an dem Boot befestigt ist, das schmutzige Wasser aus dem Kanal schöpfe, dasselbe in ein, ebenfalls auf gleiche Weise angekettetes zinnernes Becken gieße, und mir das Gesicht mit dem allgemeinen Handtuch scheuere. Soll ich sagen, des Nachts? Ich bin nicht gewiß, ob Du des Nachts in die Kajüte blicken möchtest, nur um mich auf einem zeitweilig aufgeschlagenen Brett liegen zu sehen, genau von der Breite dieses Papierbogens, wenn er aufgeschlagen ist (ich maß es heute Morgen), mit einem Mann über und einem andern unter mir, und alles in allem achtundzwanzig Personen in einer niedrigen Kajüte, in der man mit dem Hut auf dem Kopfe nicht aufrecht stehen kann. Auch beim Frühstück, glaube ich, würdest Du nicht hereinsehen mögen, denn dann hat man nur gerade jene Bretter herabgenommen und bei Seite gebracht, und die Atmosphäre ist, wie Du Dir vorstellen kannst, keineswegs frisch – obgleich auf dem Tische Thee und Kaffee und Lachs und Mayfisch und Leber und Steak und Kartoffeln und Pickles und Schinken und Pudding und Würste stehen, und dreiunddreißig Leute essend und trinkend herumsitzen und wohlriechende Flaschen Gin und Whiskey und Brandy und Rum auf dem nahen Schenktisch stehen und siebenundzwanzig von den achtundzwanzig Personen schmutzige Hemden tragen und gelbe Ströme halbgekauten Tabacks ihnen am Kinn heruntertröpfeln. Die beste Zeit zum Hereinsehen für Dich würde vielleicht die gegenwärtige sein: elf Uhr Vormittags, wenn der Barbier beim Rasiren ist und die Herren am Ofen herumlungern und warten, bis an sie die Reihe kommt, und nicht mehr als siebzehn zusammen spucken, und zwei oder drei über unsern Köpfen auf dem Verdeck umherspazieren (sie werfen sich aufs Gepäck, jedesmal wenn der Mann am Steuerruder ausruft: Brücke!) und ich dies in der Damenkajüte schreibe, die einen Theil der Herrenkajüte ausmacht und nur durch einen rothen Vorhang davon getrennt ist. In der That gleicht sie ganz genau dem Privatzimmer des Zwerges in einer Karavane bei einem Jahrmarkt, und die Herren stellen im Allgemeinen die Zuschauer, einen Penny per Kopf, dar. Der Ort ist grade so rein und grade so groß als jene Karavane, die Du und ich bei dem letzten Jahrmarkt in Greenwich besuchten. Von außen ist es grade wie ein Kanalboot, das man bei Regents Park oder anderswo sieht.

»Von dem Räuspern und Spucken die ganze Nacht durch kannst Du Dir keine Vorstellung machen. Die letzte Nacht war die schlimmste. Ich versichre Dir auf mein Ehrenwort, daß ich heute Morgen meinen Pelzrock auf das Verdeck legen und die halb vertrockneten Spuckflocken mit meinem Taschentuch davon abwischen mußte – und man schien nur überrascht, daß ich es für nöthig hielt, dies zu thun. Als ich mich gestern Abend hinlegte, legte ich den Rock auf einen Schemel neben mir, und dort lag er unter einem Kreuzfeuer von fünf Menschen, dreien auf der gegenüberliegenden Seite, einem über und einem unter mir. Ich beklage mich nicht und zeige keinen Ekel. Man hält mich Abends für sehr lustig, denn ich mache Späße mit Allen in meiner Nähe, bis wir einschlafen. Morgens gelte ich für sehr abgehärtet, denn ich renne um halb sechs Uhr mit bloßem Hals hinauf und tauche den Kopf in das halbgefrorne Wasser. Man achtet mich wegen meiner Behendigkeit, denn ich springe aus dem Boote auf den Leinpfad und gehe vor dem Frühstück eine bis anderthalb Meilen und halte die ganze Zeit mit den Pferden Schritt. Kurz, sie sind ganz erstaunt, zu finden, daß ein seßhafter Engländer sich so gut durchschlägt und sich so viel Bewegung macht und richten darüber viele Fragen an mich. Die meisten von diesen Männern sitzen lieber den ganzen Tag um den Ofen und frieren, als daß sie einen Fuß vor den andern setzen. Daß man ein Fenster öffnen sollte, daran ist nicht zu denken.

»Wir denken heute Abend zwischen acht und neun Uhr Pittsburg zu erreichen und dort hoffen wir glühend, Deine Märzbriefe vorzufinden. Wir haben, Freitag Nachmittag ausgenommen, köstliches, aber kaltes Wetter gehabt. Klare Stern- und Mondnächte. Der Kanal lief bis jetzt meistens an den Flüssen Susquehannah und Iwanata entlang und ist durch gewaltige Hindernisse hindurchgeführt. Gestern fuhren wir über den Berg. Dies geschieht mit der Eisenbahn. . . . . Man speist in einem Wirthshause auf dem Berge und braucht, mit Einschluß der für das Essen gestatteten halben Stunde, etwas mehr als fünf Stunden, um diesen seltsamen Theil der Reise zurückzulegen. Die Leute im Norden und »hinten im Osten« haben schreckliche Geschichten über seine Gefährlichkeit; aber man scheint ausnehmend vorsichtig zu sein und geht durchaus nicht wild zu Werke. Allerdings sind einige kuriose Abgründe ganz nahe an den Schienen, aber mir scheint, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen sind, welche ein so schwieriges und großes Unternehmen zuläßt.

»Die Scenerie, ehe man die Berge erreicht und wenn man darauf ist und nachdem man sie verlassen hat, ist großartig und schön, und der Kanal windet seinen Weg durch einige tiefe, düstere Schluchten, die, bei Mondlicht gesehen, einen tiefen Eindruck hervorbringen, obgleich sie unendlich tief unter Glencoe stehen, zu dessen Furchtbarkeit ich nicht die geringste Annäherung gesehen habe. Wir sind in den Bergen und anderswo an einer großen Zahl neuer Ansiedlungen und abgelegener Blockhäuser vorbeigekommen. Ihr völlig verlornes und klägliches Aussehen geht über jede Beschreibung hinaus. Ich habe nicht sechs Hütten unter sechshundert gesehen, wo die Fenster heil waren. Alte Hüte, alte Kleider, alte Bretter, alte Stücke von Decken und Papier werden in die zerbrochenen Scheiben hineingesteckt, und ihr Aussehen ist das Elend und die Trostlosigkeit selbst. Es thut dem Auge weh, in jedem Weizenfelde die Stümpfe großer Bäume dick verstreut zu sehen und nie den ewigen Sumpf und den öden Morast zu verlieren, in dessen ungesundes Wasser hunderte verrotteter Ulmen und Fichten und Sykomoren und Farbholzstämme eingetaucht sind, wo die Frösche des Nachts so quaken, daß nach dem Dunkelwerden ein unaufhörliches Klingen erschallt, als führen Millionen von gespenstischen Gespannen mit Glocken in einer ungeheueren Entfernung durch die obere Luft. Es ist auch eine niederdrückende Erfahrung, wenn man an große Lichtungen kommt, wo die Ansiedler die Bäume niedergebrannt haben und wo die verwundeten Körper derselben wie die Leichen ermordeter Geschöpfe umherliegen, während hie und da ein verkohlter und geschwärzter Riese zwei nackte Arme in die Höhe hebt und seine Feinde zu verfluchen scheint. Der hübscheste Anblick, den ich noch gehabt habe, war gestern, als wir – auf den Höhen des Gebirges und in einem scharfen Winde – hinabschauten in ein Thal voll Licht und Wärme, wo verstreute Hütten dem Auge begegneten, Kinder nach den Thüren liefen, Hunde in Gebell ausbrachen, Schweine wie ebenso viel verlorne Söhne heimrannten, Familien draußen in ihren Gärten saßen, Kühe mit dummer Gleichgültigkeit aufwärts blickten, Männer in Hemdsärmeln nach ihren unfertigen Häusern sahen und die Arbeit des kommenden Tages überlegten – während der Zug hoch oben über ihnen wie ein Sturm dahin fuhr. Aber ich weiß, dies ist schön, sehr – sehr schön!

»Ich möchte wissen, ob Du und Mac nach dem Greenwicher Jahrmarkt gehen werdet. Vielleicht dinirt Ihr heute in der ›Krone und Scepter‹, denn s' ist Ostermontag – wer weiß? Ich wollte, Ihr tränkt Punsch, lieber Forster. Es ist schmählich, daß ich mir Dich nicht mit jenem kühlen grünen Glase vorstellen kann. . . . . .

»Ich erzählte Dir schon von der vielfältigen Anwendung des Wortes ›befestigen‹. Ich frage Mr. O. an Bord des Dampfschiffs, ob das Frühstück bald fertig ist und er antwortet mir, er glaubt, es muß bald fertig sein, denn als er zuletzt unten gewesen, habe der Kellner ›die Tische befestigt‹ – in andern Worten, das Tischtuch gelegt. Wenn wir geschrieben haben und ich ihn bitte, (erinnerst Du Dich, nach so langer Zeit, noch meiner Ordnungsliebe?) unsre Papiere zusammen zu legen, antwortet er, daß er sie ›sogleich befestigen will‹. So auch, wenn Jemand sich anzieht, ›befestigt‹ er sich, und wenn Du Dich unter die Behandlung eines Arztes stellst, ›befestigt‹ er Dich in kürzester Zeit. Neulich Abends, ehe wir hier an Bord gingen, hatte ich eine Flasche Glühwein bestellt, auf den ich ziemlich lange warten mußte; als er endlich auf den Tisch kam, geschah es mit einer Entschuldigung seitens des Wirthes (eines Oberst-Lieutenants), er fürchte, ›der Wein sei nicht gehörig befestigt‹. Und hier, am Sonnabend Morgen, fragte ein Mann aus dem Westen, indem er Mr. O. beim Frühstück die Kartoffeln reichte, ob er nicht einige dieser ›Befestigungen‹ zu seinem Fleisch nehmen wolle. Die hier angewandten amerikanischen Ausdrücke sind fix und fixings. Es ist unmöglich, in der Uebersetzung die verschiedenen Schattirungen des hineingelegten Sinnes wiederzugeben, ohne die Worte zu wechseln. Ich habe daher zu Gunsten des Wortspiels dasselbe Wort beibehalten, aus dem sich auch der Sinn einigermaßen ermessen oder doch rathen läßt. – D. Uebers. Ich blieb so ernst wie ein Richter. Ich ertappe die Leute zuweilen, wenn sie mich ansehen und habe das Gefühl, daß sie denken, ich bekümmre mich um nichts. Die Politik geht hier in hohen Wellen – sie ist furchtbar energisch, Plakate, Denunciationen, Invektiven, Drohungen und Zänkereien. – Die Frage ist, wer der nächste Präsident sein soll. Die Wahl wird in viertehalb Jahren stattfinden.«

Er setzte seinen Brief fort »an Bord des Dampfschiffs von Pittsburg nach Cincinnati, 1. April 1842. Ein sehr schüttelndes Dampfschiff, das meine Hand zittern macht. Heute Morgen, mein lieber Freund, grade heute Morgen, der uns, wenn er keine Nachrichten aus England gebracht hätte, mit traurigen Herzen und niedergeschlagenen Gesichtern und der Aussicht, wenigstens drei Wochen länger ohne jede Kunde von denen zu bleiben, die uns so unaussprechlich theuer sind, auf unserm Wege nach St. Louis ( via Cincinnati und Louisville) gesehen haben würde, – grade heute Morgen, ein heller und glücklicher Morgen wie es war, wurde uns ein großes Packet an die Thür unsres Schlafzimmers gebracht, aus der Heimath. Wie ich Deinen liebevollen, herzlichen, interessanten, spaßhaften, ernsten, entzückenden und durch und durch Forster'schen Brief gelesen und wieder gelesen habe, will ich nicht versuchen, Dir zu sagen, noch wie ich mich freute, daß mein erster Brief Dir gefallen hat, noch wie ich fürchte, daß mein zweiter nicht in so guter Stimmung geschrieben war, wie er hätte sein sollen, noch wie ich mich freue, zu denken, daß mein dritter es war, oder, wie ich hoffe, daß Du einige Belustigung haben wirst durch meinen vierten: dieses gegenwärtige Sendschreiben. Alles dies und wärmere und ernstere Worte, als das Postamt um irgend welchen Preis befördern würde, obgleich sie keine scharfen Ecken haben, woran der Stempelbeamte sich weh thun könnte, wirst Du, ich weiß es, ohne Ausdruck und ohne einen Versuch, sie auszudrücken, verstehen. Nachdem ich daher die erste Aufregung einer so großen Freude überwunden habe und auf dem Verdeck umhergegangen bin, und mich jetzt in der Kajüte befinde, wo eine Gesellschaft Schach spielt und eine andre schläft und eine andre sich um den Ofen herum unterhält und Alle spucken, und ein beharrlicher Schwätzer von einem entsetzlichen Neu-Engländer mit einer summenden Stimme, wie eine riesenhafte Biene, darauf besteht, neben mir zu sitzen, obgleich ich schreibe, und in mein Ohr hinein unaufhörlich mit Kate zu sprechen – fahre ich nun weiter in meiner Erzählung fort.

»Laß mich sehen! Ich sollte Dir zuerst sagen, daß wir zwischen acht und neun Uhr am Abend des Tages, an dem ich oben an diesem Bogen aufhörte, nach Pittsburg kamen und dort von einem kleinen Manne (einem sehr kleinen Manne), den ich vor Jahren in London kannte, empfangen wurden. Er erfreut sich des Namens D. G., und war, als ich mit ihm bekannt war, Theilhaber in dem Geschäft seines Vaters an der Aktienbörse und lebte herrlich und in Freuden in Dalston. Bald nachher machten sie Bankerott und dann fing dieser kleine Mann an, sich das, was ihm früher zur Unterhaltung gedient hatte, zu Nutze zu machen, indem er kleine Sachen für Kunstläden malte. So verlor ich ihn vor fast zehn Jahren aus den Augen, und hier tauchte er neulich als Porträtmaler in Pittsburg wieder auf! Er hatte mir vorher einen Brief geschrieben, der mich durch eine Art ruhiger Unabhängigkeit und Zufriedenheit, welche darin athmete, und doch zugleich eine Empfindung des Alleinseins in so weiter Ferne von der Heimath, sehr rührte. Ich erhielt ihn in Philadelphia und beantwortete ihn. Er speiste bei uns jeden Tag unsres Aufenthalts in Pittsburg (es waren im ganzen nur drei) und war wahrhaft befriedigt und erfreut, mich unverändert zu finden – mehr als ich Dir sagen kann. Ich freue mich sehr, wenn ich heute Abend daran denke, wie viel Freude wir glücklicherweise im Stande waren, ihm zu bereiten.

»Pittsburg ist gerade wie Birmingham – wenigstens sagen das die Einwohner, und ich widersprach ihnen nicht. In einer Beziehung ist es so. Es ist sehr viel Rauch darin. Ich beleidigte bei unserm gestrigen Levée einen Mann vollständig, der meinte, ich ›wäre nun ganz zu Hause‹, indem ich ihm sagte, die Ansicht, London sei ein so dunkler Ort, sei ein volksthümliches Mißverständniß. Ich versichre Dir, wir haben bei unsern Receptionen höchst seltsame Kunden gehabt. Darunter nicht am mindesten einen Herrn, dessen ›Unaussprechliche‹ unvollständig zugeknöpft waren und dessen Gürtelband auf seinen Schenkeln ruhte, der hinter der halbgeöffneten Thüre stand und durch keine Lockung oder Vorstellung bewegt werden konnte, hervorzukommen. Es war auch ein andrer Mann da, mit einem Auge und einer eingesetzten Stachelbeere, der in einer Ecke stand, bewegungslos wie eine Uhr, die acht Tage geht, und mich anglotzte, während ich die Pittsburger zuvorkommend empfing. Es waren auch zwei rothköpfige Brüder da – Jungen – oder vielmehr junge Drachen, – die Kate umkreisten und nicht fort wollten. So kamen sie, drei Tage hindurch, eine große Menge und eine höchst seltsame.«

 
Noch in demselben Boot. 2. April 1842.

»Viele, viele Glückwünsche zu diesem Tage. Es ist jetzt erst acht Uhr Morgens, aber wir wollen Deine Gesundheit nach dem Mittagsessen in einem vollen Becher trinken und auf zahllose Festmahle für uns in Richmond. Der 2. April war Forster's Geburtstag und Dickens' Hochzeitstag. Vergl. S. 87–88. – D. Uebers. Wir haben Wein (ein von unserm Pittsburger Wirthe an Bord geschicktes Geschenk) in unsrer Kajüte und wir wollen ihn zu einem guten Zweck anzapfen, indem wir Dir alles Glück wünschen und uns ein langes Leben, damit wir daran theilnehmen können. Wir haben uns schon hundertmal gefragt, ob Du und Mac zu Ehren des Tages irgendwo diniren werdet. Ich sage ja, aber Kate sagt nein. Sie sagt voraus, daß Du Mac einladen wirst und daß er nicht kommen wird. Ich habe noch nicht von ihm gehört.

»Wir haben hier eine bessere Kajüte, als wir an Bord der Britannia hatten, die Betten sind viel breiter und das Zimmer hat zwei Thüren, von denen die eine sich nach der Damenkajüte zu öffnet und die andre auf eine kleine Galerie am Steuerbord des Schiffes. Wir denken, daß wir am Montag Morgen in Cincinnati ankommen werden, und haben ungefähr fünfzig Passagiere an Bord. Die für die Mahlzeiten bestimmte Kajüte geht durch das ganze Schiff hindurch, vom Schnabel bis zum Steuerbord, und ist sehr lang, nur ein kleiner Theil ist durch eine Scheidewand von Holz und Glas für die Damen abgetrennt. Wir frühstücken um halb acht, diniren um eins und soupiren um sechs. Niemand setzt sich zu irgend einer dieser Mahlzeiten nieder, wenn auch die Schüsseln rauchend auf dem Tische stehen, bis die Damen erschienen sind und ihre Stühle eingenommen haben. Es war ebenso in dem Kanalboot.

»Das Waschdepartement ist etwas civilisirter als auf dem Kanale, aber doch noch schlecht genug. Die Amerikaner sind in der That, wie Miß Martineau geneigt scheint zuzugeben, auf der Reise sehr nachlässig, um nicht zu sagen schmutzig. So weit ich es habe beobachten können, sind die Damen meist damit zufrieden, wenn sie sich Hände und Gesichter in einer sehr geringen Wassermenge beschmieren. Ebenso ist es mit den Männern, die zu dieser Abwaschungsmethode einen hastigen Gebrauch von Bürste und Kamm hinzufügen. Es ist auch allgemein die Sitte, nur ein baumwollenes Hemd wöchentlich zu tragen und drei oder vier feine Leinwand- Fronten. Anne berichtet, daß dies Mr. O's Verfahren ist, und mein Freund, der Porträtmaler, erzählte mir, es sei dasselbe mit beinahe Allen, die ihm säßen, so daß als er vor nicht langer Zeit ein Stück Zeug kaufte und der Näherin austrug, es Alles zu Hemden, nicht zu Fronten zu verarbeiten, diese ihn für verrückt hielt.

»Mein Freund, der Neu-Engländer, von dem ich gestern Abend schrieb, ist wohl der unerträglichste, zudringlichste Schwätzer dieses großen Welttheils. Er summt und schnüffelt und schreibt Gedichte und redet schwachsinnige Philosophie und Metaphysik und will nie, unter keinen Umständen, schweigen. Er ist auf dem Wege zu einer großen Zusammenkunft der Mäßigkeitsgesellschaften in Cincinnati, in Gesellschaft eines Doctors, den ich in Pittsburg etwas kennen lernte. Der Doctor ist, außer Allem was der Neu-Engländer ist, noch ein Phrenologe. Ich suche ihnen so viel als möglich auszuweichen. So oft ich auf dem Verdeck erscheine, sehe ich sie auf mich loskommen – und fliehe. Der Neu-Engländer drückte gestern Abend den dringenden Wunsch aus, daß er und ich eine ›magnetische Kette bilden‹ und den Doctor zum Besten aller ungläubigen Passagiere magnetisiren sollten; ich lehnte dies jedoch unter dem Vorwande, daß ich durch Briefschreiben ungeheuer in Anspruch genommen sei, ab.

»Und da ich einmal vom Magnetismus rede, so will ich Dir sagen, daß neulich Abends in Pittsburg, als Niemand außer Mr. O. und dem Porträtmaler zugegen war, Kate sich lachend hinsetzte, damit ich meine Hand an ihr probirte. Ich hatte in ziemlich lichtvoller Weise über die Sache gesprochen und erklärt, ich glaube, ich könne diesen Einfluß ausüben, habe es aber nie versucht. In sechs Minuten magnetisirte ich sie in hysterische Anfälle und dann in den magnetischen Schlaf. Ich versuchte es den folgenden Abend wieder und sie fiel in wenig mehr als zwei Minuten in den Schlaf. . . . Ich kann sie mit der größten Leichtigkeit aufwecken, aber ich gestehe, daß ich (unvorbereitet auf etwas so Plötzliches und Vollständiges, wie ich war) bei der ersten Gelegenheit etwas in Schrecken gerieth . . . Da die westlichen Gegenden mitunter gefährlich sind, habe ich meine ganze kleine Gesellschaft mit ledernen Schwimmjacken versehen, die ich, jedesmal wenn wir an Bord eines Schiffes kommen, mit großer Feierlichkeit aufblase, und wie Mrs. Cluppins ihren Regenschirm in dem Gerichtshof, zu augenblicklichem Gebrauch bereit halte.«

Er nahm seinen Brief wieder auf am »Sonntag, 3. April«, mit einer Anspielung auf einen General, der ihm in Washington mit zwei literarischen Damen seine Aufwartung gemacht und den folgenden Tag schriftlich um eine sofortige Zusammenkunft gebeten hatte, da die beiden Damen lebhaft nach der Ehre einer persönlichen Vorstellung verlangten. »Außer dem Doctor und dem furchtbaren Neu-Engländer haben wir jenen tapferen General an Bord, der mir über »die beiden DD.« schrieb. Er ist ein alter, alter Mann, mit einem Luftröhrengesicht und den Resten einer Taubenbrust in seinem militärischen Ueberrock. Er benimmt sich aufs strengste wie ein Gentleman und ein Officier. Die Brust ist so eingefallen und das Gesicht ist so scharf markirt, daß er wie eine Taubenpastete nur die Füße des Vogels nach außen zu zeigen und den Rest für sich zu behalten scheint. Er ist wohl der furchtbarste Schwätzer in diesem Lande. Und ich rede ganz im Ernst, wenn ich sage, daß ich nicht glaube, daß es auf der ganzen übrigen Erde so viele intensiv zudringliche Schwätzer gibt als in diesen Vereinigten Staaten. Niemand kann von dem wahren Sinn dieses Wortes eine hinreichende Vorstellung gewinnen, ohne hierher zu kommen. Mit diesen drei Ausnahmen sind keine auffallenden Charaktergestalten an Bord. In der That sehe ich die Passagiere, außer bei den Mahlzeiten, selten, da ich in unsrer eigenen kleinen Kajüte schreibe. . . . Ich habe zwei Stühle in unser Zimmerchen hineingeschmuggelt und schreibe dies auf einem Buch auf meinem Knie. Alles ist natürlich in der saubersten Ordnung, und mein Rasirgeräth, Toilettenkasten, Bürsten, Bücher und Papiere sind mit eben so großer Sorgfalt aufgestellt, als wollten wir einen Monat hier bleiben. Gott sei Dank, werden wir das nicht.

»Die durchschnittliche Breite des Flusses ist etwas größer, als die der Themse bei Greenwich. Stellenweise ist er viel breiter und dann ist gewöhnlich eine grüne baumbewachsene Insel da, die ihn in zwei Ströme theilt. Gelegentlich halten wir einige Minuten an einer kleinen Stadt oder einem Dorfe an (ich sollte Stadt sagen, denn alles ist hier Stadt), aber die Ufer sind größtentheils tiefe Einsamkeiten, mit Bäumen überwachsen, die in diesen westlichen Breiten schon belaubt und sehr grün sind. . . .

»Ich sehe dies Alles, indem ich schreibe, durch die nach der Steuerbord-Galerie führende Thür, von der ich eben sprach. Es kommt nicht sechs mal des Tages vor, daß ein andrer Passagier ihr nahe kommt, und da das Wetter jetzt warm genug ist, daß wir bei der offnen Thür sitzen können, bleiben wir hier von Morgen bis Abend, lesend, schreibend, sprechend. Was der Gegenstand unsrer Unterhaltung ist, brauche ich Dir nicht zu sagen. Keine Schönheit oder Abwechselung vermindert unsre Sehnsucht nach der Heimath. Wir zählen die Tage und sagen: ›Wenn der Mai kommt und wir sagen können, nächsten Monat, wird die Zeit fast dahin gegangen scheinen‹. Wir werden es nie müde, uns vorzustellen, womit Ihr Alle beschäftigt seid. Ich stelle keine Berechnungen an über den Unterschied der Zeit, sondern halte mich an die entsprechende Minute in London. So ist es am einfachsten und besten. . . . Gestern tranken wir Deine Gesundheit – in Wein nach dem Mittagessen, in einer kleinen Milchkanne mit Gin-Punsch am Abend. Und als ich aus einem der Schubfächer meines Toilettenkastens, um den kleinen Leuchter darauf zu stellen, einen temporären Tisch machte, den ich schlauer Weise zwischen die Matratzen meiner Koje einfügte und mit einem Gewicht beschwerte, das ihn an Ort und Stelle halten sollte, so daß er eine ganz vorzügliche Unterlage bildete, kamen wir überein, daß dies, so Gott will, am 2. April 1843 im ›Stern- und Hosenbandorden‹ ein Spaß werden solle. Wenn Deine Leere übertroffen werden kann, so glaube mir, die unsre geht darüber hinaus. Mein Herz wird zuweilen wund nach der Heimath.

»In Pittsburg sah ich noch ein Zellengefängniß, denn Pittsburg ist auch in Pennsylvanien. Als ich mich an jenem Abend an Alles, was ich gesehen hatte, erinnerte, kam mir ein schrecklicher Gedanke. Wie wenn Gespenster eins der Schrecknisse dieser Gefängnisse wären? Ich habe seitdem oft darüber gegrübelt. Die vollständige Einsamkeit bei Tage und bei Nacht, die vielen Stunden der Finsterniß, das Schweigen des Todes, das beständige Brüten des Geistes über traurigen Gegenständen, der Mangel an jeder Erholung, mitunter die Geschäftigkeit eines bösen Gewissens – kann man sich da nicht vorstellen, wie ein Gefangner den Kopf in die Betttücher verhüllt und von Zeit zu Zeit heraussieht, mit gespenstischer Furcht vor einer unerklärlichen schweigenden Gestalt, die immer auf seinem Bette sitzt, oder in derselben Ecke seiner Zelle steht (wenn man sagen kann, daß etwas steht, was nie geht wie die Menschen gehen). Je mehr ich daran denke, um so gewisser wird es mir, daß nicht wenige dieser Menschen (wenigstens während eines Theils ihrer Haft) nächtlich von Gespenstern heimgesucht werden. Ich fragte einen Mann in diesem letzten Gefängnisse, ob er viel träumte. Er sah mich mit einem höchst seltsamen Blick an und sagte mit verhaltenem Athem und flüsterndem Tone – ›Nein‹. . . .«

 
Cincinnati, 4. April 1842.    

»Wir sind hier heute Morgen angekommen, um drei Uhr, wie ich glaube, aber ich schlief fest in meiner Coje. Ich stand bald nach sechs Uhr auf, kleidete mich an und frühstückte an Bord. Gegen halb neun Uhr gingen wir an's Land und fuhren nach dem Hotel, wo wir von Pittsburg aus Zimmer bestellt hatten und das in kurzer Entfernung von dem Landungsplatze liegt. Ehe ich eine officielle Anzeige erlassen hatte, daß wir ›nicht zu Hause‹ seien, machten zwei Richter uns im Namen der Einwohner ihre Aufwartung, um zu erfahren, wann wir die Stadtbewohner empfangen wollten. Wir setzten morgen früh von halb zwölf bis eins fest, verabredeten mit diesen beiden Herren um 1 Uhr auszugehen, um die Stadt in Augenschein zu nehmen, und sagten unsre Gegenwart morgen Abend bei einer Abendgesellschaft in dem Hause eines derselben zu. Am Mittwoch Morgen gehen wir mit dem Postschiff nach Louisville, eine Fahrt von vierzehn Stunden, und begeben uns von dort in dem nächsten guten Schiffe auf die Reise nach St. Louis, was eine Fahrt von vier Tagen ist. Da ich durch meine richterlichen Freunde (wohlunterrichtete und sehr angenehme Herren) heute Morgen hörte, daß die Prairiefahrt nach Chicago äußerst anstrengend ist und daß die Seen um diese Jahreszeit stürmisch, seekränklich und nicht sehr sicher sind, schrieb ich durch unsern Kapitän nach St. Louis (denn das Schiff, das uns hierher gebracht hat, geht dorthin weiter), daß ich nicht den Weg über die Seen einschlagen, sondern hierher zurückkommen und die Prairie, die dreißig Meilen von St. Louis ist, unmittelbar nach meiner Ankunft dort besuchen werde. . . .

Ich bin an's Fenster gegangen, seit ich diese Seite umschlug, um zu sehen, wie die Stadt aussieht. Wir wohnen in einer breiten Straße, die auf dem Fahrwege mit kleinen weißen Steinen, und auf dem Fußwege mit kleinen rothen Ziegeln gepflastert ist. Die Häuser sind meistens ein Stock hoch; einige sind von Holz, andere von zierlichen weißen Ziegelsteinen. Fast alle haben vor jedem Fenster grüne Rouleaux. Die Hauptläden an der gegenüberliegenden Seite der Straße sind den darüberstehenden Inschriften zufolge eine große Brotbäckerei, eine Buchbinderei, eine Kurzwaarenhandlung und ein Wagenrepositorium; das letztgenannte Etablissement ist aber einem äußerst kleinen Kohlenverschlag sehr ähnlich. Auf dem Pflaster unter unserm Fenster spaltet ein Neger Holz und ein andrer Neger spricht (vertraulich) mit einem Schweine. Der öffentliche Tisch in diesem Hotel und in dem gegenüberliegenden Hotel ist grade mit dem Mittagsessen fertig. Die Gäste sammeln sich auf dem Pflaster zu beiden Seiten des Weges, stochern sich die Zähne und unterhalten sich. Da der Tag warm ist, haben Einige Stühle in die Straße gebracht. Einige befinden sich auf drei Stühlen, Einige auf zweien, und Einige sitzen allen bekannten Gesetzen der Schwere zum Trotz ganz bequem auf einem mit drei Stuhlbeinen und ihren eignen beiden hoch in der Luft. Die Müßiggänger unter unserm Fenster sprechen von einer großen Zusammenkunft der Mäßigkeitsvereine, welche morgen hier stattfinden soll. Andre über mich, Andre über England. Sir Robert Peel ist hier bei Jedermann populär. . . .«

 

*

 


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