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Fünftes Kapitel.

Erstes Buch und Entstehung Pickwick's.
1836.

Der Beginn des Jahres 1836 fand ihn damit beschäftigt, die erste Reihe der »Skizzen von Boz«, die er für ein bedingungsweises Honorar von, ich glaube, hundert und fünfzig Pfund St. an einen ihm mehrere Wochen vorher durch Ainsworth bekannt gewordenen jungen Verleger Namens Macrone verkauft hatte, in zwei Bänden zu sammeln. In diese Zeit fällt der Besuch des notorischen N. P. Willis, der ihn in Macrone's Begleitung in Furnivals-Inn aufsuchte, von ihm spricht als »einem jungen Paragraphenschreiber des Morning Chronicle« und seine Wohnung und ihn selbst folgendermaßen schildert. »In dem belebtesten Theile von Holborn, einige Häuser von dem Bull-and-Mouth-Inn, hielten wir an dem Eingang eines zu Advokaten-Büreaus eingerichteten großen Gebäudes still. Wir stiegen eine Menge Treppen in ein oberes Stockwerk hinauf und wurden in ein teppichloses, öde aussehendes Zimmer gewiesen, dessen Inhalt aus einem Tisch von Tannenholz, einigen Stühlen und Büchern, einem kleinen Jungen und Dickens bestand. Zuerst fiel mir nur eins auf (und ich machte mir an demselben Abend eine Notiz darüber, als die stärkste Probe, die mir von englischer Unterwürfigkeit gegen Arbeitgeber vorgekommen war) – der Grad, in welchem der arme Autor von der Ehre des Besuchs seines Verlegers überwältigt war. Ich erinnere mich, daß ich zu mir selbst sagte, indem ich auf einem gebrechlichen Stuhle Platz nahm: ›Mein guter Freund, wärst Du in Amerika mit Deinem schönen Gesicht und Deiner fertigen Feder, so würdest Du nicht nöthig haben, Dich von einem Verleger patronisiren zu lassen.‹ Dickens war ungefähr ebenso gekleidet, wie er seitdem Dick Swiveller beschrieben hat, minus das fashionable Aussehen. Sein Haar war kurz geschnitten, seine Kleidungsstücke dürftig, obschon von modischem Schnitt und nachdem er einen zerlumpten Arbeitsrock mit einem schäbigen blauen vertauscht, stand er an der Thüre, ohne Hemdkragen und zugeknöpft, die wahre Personifikation, wie mir schien, eines dicht beim Winde segelnden Matrosen.« – Ich erinnere mich, daß wir zu Lebzeiten meines Freundes herzlich über diese Beschreibung lachten, an der kaum ein wahres Wort ist, und setze sie hierher als keine üble Probe der Art von Unrath, welche auch seit seinem Tode, sowohl von seinen eignen als von mehreren andern Landsleuten von Willis, nur zu reichlich aufgetischt worden ist. Um dieselbe Zeit war es auch, wie wir aus einem bereits citirten Briefe erfahren, als James Grant, in dessen Hände die Redaktion des Monthly Magazine übergegangen war und der Dickens durch den frühern Herausgeber fragen ließ, ob er wieder Beiträge liefern wolle, zwei Dinge hörte, erstens, daß er im Begriff stehe, sich zu verheirathen, und zweitens, daß er es unternommen, einen Roman in Monatsheften zu schreiben, weshalb seine Verpflichtungen ihm in Zukunft wenig freie Zeit lassen würden. Beide Nachrichten bestätigten sich bald. Die Times vom 26. März 1836 kündigte an, am 31. werde das erste Shillingsheft der »Nachgelassenen Papiere des Pickwick Clubs, herausgegeben von Boz« veröffentlicht werden und dieselbe Zeitung meldete einige Tage später, daß am 2. April Charles Dickens sich verheirathet habe mit Katharine, der ältesten Tochter George Hogarth's, dem wir schon als seinem Mitarbeiter an dem Morning Chronicle begegnet sind. Die Flitterwochen verlebte er in der Gegend, zu der er in allen bedeutungsvollen Epochen seines Lebens mit einer seltsamen sich erneuernden Neigung zurückkehrte und während das junge Paar in dem ruhigen kleinen Dorf Chalk, an der Straße zwischen Gravesend und Rochester ist, will ich genau den Ursprung des ewig denkwürdigen Mr. Pickwick erzählen.

Eine junge Verlagshandlung hatte seit kurzem, neben andern mehr originellen als wichtigen Unternehmungen, eine Novellenbibliothek ins Leben gerufen. Unter den Schriftstellern, welche sie für dieselbe zu gewinnen wünschte, befand sich der Verfasser der Skizzen in dem Monthly Magazine und in Bezug auf einen Beitrag war ihnen dies während des verflossenen Jahres durch den von ihnen angestellten Redakteur, Charles Whitehead, einen sehr orginellen und sehr unglücklichen Mann, gelungen. »Ich wußte nicht,« schrieb das ältere Mitglied der Firma Die bekannte Londoner Firma »Chapman und Hall«, in deren Verlag die Mehrzahl von Dickens' Werken erschien. – D. Uebers. dreizehn Jahre später in einem Briefe an Dickens, worauf dieser sich in der Vorrede zu einer der späteren Ausgaben von Pickwick bezog, Der Brief wurde weder damals noch später ausführlich citirt, obgleich Dickens sich darauf bezog. Er wurde mir jedoch anvertraut, als Dickens 1867 nach Amerika ging, falls etwa eine Veranlassung entstehen sollte, davon Gebrauch zu machen. Der Brief ist datirt vom 7. Juli 1849 und war Mr. Chapman's Antwort auf die an ihn gerichtete Frage Dickens', ob der Bericht, den er in der Vorrede zu der billigen Ausgabe von 1847 über den Ursprung Pickwick's gegeben, nicht völlig richtig sei. »Er ist so richtig beschrieben,« war Chapman's Erklärung, »daß ich nur wenig neues Licht darauf zu werfen vermag.« – Was den Namen des Helden betrifft, so will ich hier bemerken, daß Dickens denselben einem berühmten Kutschenbesitzer in Bath entlehnte. »daß Sie in das Chronicle schrieben, oder was ihr Name war; aber Whitehead, ein alter Mitarbeiter des Monthly Magazine, besann sich darauf und veranlaßte Sie, ›die Familie Tupps in Ramsgate‹ Ein Artikel, der später in dem Boz'schen Skizzenbuch eine Stelle fand. – D. Uebers. zu schreiben.«

Und nun erscheint eine andere Person auf dem Schauplatz. »Im November 1835,« fährt Mr. Chapman fort, »veröffentlichten wir ein kleines Buch unter dem Titel Squib Annual (Satirisches Jahrbuch) mit Illustrationen von Seymour und während eines Besuchs, den ich diesem machte um mich nach den Illustrationen umzusehen, bemerkte er, er möchte wohl eine Anzahl Bilder von Londoner Sportsmen ausführen, von einer höhern Sorte als diejenigen, die er schon veröffentlicht hatte. Ich billigte diesen Plan, vorausgesetzt, daß die Bilder durch einen Text ergänzt und in monatlichen Heften ausgegeben würden und nachdem wir hierin übereingekommen, schrieben wir an den Verfasser der Three Courses and a Desert (Drei Gänge und ein Nachtisch) und machten ihm den Vorschlag; da wir aber keine Antwort erhielten, blieb die Sache einige Monate ruhen, bis Seymour sagte, er wünsche, wir möchten eine Entscheidung treffen, da er eine Anerbietung zu einer andern Arbeit habe, die seine Zeit ganz ausfüllen werde. Hierauf beschlossen wir, uns an Sie zu wenden. Da wir schon wegen unsrer Novellenbibliothek mit Ihnen in Verbindung getreten waren, war es nur natürlich, daß wir an Sie die Bitte richteten, den Pickwick zu schreiben; aber ich glaube nicht, daß wir unsre Absicht gegen Seymour auch nur erwähnten und ich bin ganz sicher, daß von Anfang bis zu Ende Niemand als Sie etwas damit zu thun hatte. Unser Prospektus war zu Ende Februar erschienen und Alles war vor diesem Datum verabredet.«

Das Mitglied der Firma, welches ihn mit diesem Vorschlag in Furnivals-Inn aussuchte, war nicht der Schreiber dieses Briefes, sondern Mr. Hall, derselbe, der ihm zwei Jahre vorher, ohne zu wissen, daß er der Käufer sei, das Magazin verkauft hatte, worin sein erster Erguß abgedruckt war; und Dickens selbst hat beschrieben, was bei dieser Zusammenkunft vorging. »Was mir vorgeschlagen wurde, war, daß das monatliche Etwas gewissen von Seymour auszuführenden Kupferstichen zum Vehikel dienen solle und entweder dieser bewunderungswürdige humoristische Künstler selbst oder mein Besucher war der Meinung, daß ein Nimrod-Club, dessen Mitglieder auf die Jagd, den Fischfang und so fort gehen und durch ihren Mangel an Geschick in Verlegenheiten gerathen, das beste Mittel zur Einführung derselben sein würde. Ich wendete bei näherer Ueberlegung dagegen ein, daß ich, obgleich auf dem Lande geboren und theilweise herangewachsen, doch, abgesehen von Umherbewegung jeder Art, kein großer Sportsmen sei, daß der Gedanke nicht neu und schon öfter benutzt worden, daß es unendlich viel besser sein werde, wenn nicht der Text aus den Bildern, sondern die Bilder aus dem Texte hervorgingen und daß ich die Darstellung eines weiteren Kreises englischer Scenerie und englischen Volkslebens vorziehe und schließlich, wie ich glaube, unter allen Umständen einen solchen wählen werde, was ich mir auch anfangs vornehmen möge. Nachdem man sich diesen Ansichten gefügt, dachte ich an Pickwick und schrieb die erste Nummer und nach den Correcturbogen derselben entwarf Seymour seine Zeichnung des Clubs und das glückliche Portrait seines Gründers. Ich verknüpfte Mr. Pickwick mit einem Club wegen des ursprünglichen Vorschlags und ich brachte Mr. Winkle ausdrücklich für Seymour's Zwecke hinein.«

Hall war todt als diese Erklärung in dem Vorwort zu der billigen Ausgabe von 1847 zuerst abgegeben wurde, aber Chapman besann sich genau auf den Bericht seines Compagnons über die erwähnte Zusammenkunft und bestätigte sie in seinem Briefe von 1849 in allen Einzelnheiten, Dickens wendete sich damals an ihn wegen gewisser thörichter Erklärungen der Verwandten Seymour's, auf die Dickens selbst erwiederte wie folgt. »Nur sehr ungern nehme ich Notiz von einigen unfaßbaren und unzusammenhängenden Behauptungen, die, angeblich im Interesse Seymour's, gemacht worden sind, des Inhalts, daß er einen Antheil an der Erfindung dieses Buchs oder an etwas in demselben Enthaltenen gehabt habe, was nicht wahrheitsgetreu in dem Vorstehenden erwähnt worden ist. Mit der Mäßigung, welche ebensowohl dem Andenken eines Kunstgenossen als meiner Selbstachtung gebührt, beschränke ich mich darauf, hier die folgenden Thatsachen festzustellen: daß Seymour nie ein Vorkommniß, einen Satz oder ein Wort in diesem Buche erfand oder vorschlug, daß Seymour starb, als erst 24 Seiten dieses Buchs erschienen und sicherlich keine 48 Seiten geschrieben waren, daß ich, soviel ich weiß, Seymour's Handschrift nie in meinem Leben gesehen habe, daß ich Seymour nur einmal sah und zwar den vorletzten Abend vor seinem Tode und daß er mir bei dieser Gelegenheit ganz gewiß keine Winke gab, daß ich ihn damals in Gegenwart zweier Personen sah, die beide noch am Leben und mit diesen Thatsachen genau bekannt sind, und deren geschriebenes Zeugniß darüber ich besitze, und endlich, daß Edward Chapman (der überlebende Theilhaber der ursprünglichen Firma Chapman und Hall) seine persönliche Kenntniß von dem Ursprung und dem Fortschritt dieses Buchs, von der Absurdität der in Frage stehenden grundlosen Behauptungen und sogar von der offenbaren Unmöglichkeit, daß sie (wenn man sie im Einzelnen prüft) wahr sind, zum Zwecke einer ähnlichen Aufbewahrung niedergeschrieben hat.« Auch dies geschriebene Zeugniß wurde mir, zugleich mit dem bereits erwähnten Briefe Chapman's, im J. 1867 übergeben und befindet sich in meinem Besitz. mit einer Ausnahme. Indem er Seymour als den Erfinder der Gestalt anerkannte, in welcher die ganze bewohnte Erde Mr. Pickwick kennt und die Anfangs ohne Frage dazu half, ihn zu einer Realität zu machen, gestand er dem Künstler zu viel zu. Der Leser wird schwerlich so überrascht sein wie ich war, als ich an die Schlußzeile von Mr. Chapman's bestätigendem Briefe kam. »Da dieser Brief historisch sein soll, so kann ich wohl auch das Wenige, was in dieser Sache mir zukommt, in Anspruch nehmen und das ist die Gestalt Pickwick's. Seymour's erste Skizze stellte einen langen hagern Mann dar. Die gegenwärtige unsterbliche entwarf er nach einer Beschreibung, die ich ihm von einem meiner Freunde in Richmond gab, einem fetten alten Beau, der trotz der Einwendungen der Damen darauf bestand, helle knapp anliegende Beinkleider und schwarze Gamaschen zu tragen. Sein Name war John Foster.«

Bei den unerwarteten Zwischenfällen, Aehnlichkeiten und Ueberraschungen des Lebens liebte Dickens ganz besonders zu verweilen und wenig andere Dinge wirkten so erheiternd auf seine Phantasie. Die Welt, sagte er oft, sei so viel kleiner als wir glaubten, wir seien alle, ohne es zu wissen, so eng durch das Schicksal verbunden, Leute, die weit getrennt zu sein meinten, stießen so beständig nahe zusammen und das Morgen gleiche nichts Anderm so sehr als dem Gestern. Da seien die einzigen Hauptereignisse seines Lebens, ehe ich mit ihm bekannt geworden: seine Heirath und das erste Erscheinen Pickwick's und es stelle sich am Ende heraus, daß ich mit beiden einen schattenhaften Zusammenhang habe. Er habe sich an meinem Geburtstage verheirathet und das Original von Pickwick's Gestalt trage meinen Namen. Ob Chapman den Namen richtig schrieb, oder unbewußt seinen fetten Beau des Buchstabens »r« beraubte, kann ich nicht sagen, aber nach meiner Erfahrung zu urtheilen, ist das Letztere wahrscheinlich. Ich habe mich mein ganzes Leben bemüht, meinem Namen bei den Leuten sein volles Recht zu verschaffen und es ist mir nur sehr unvollständig gelungen. (Bezieht sich auf den Umstand, daß man im Englischen Forster wie Foster ausspricht. – D. Uebers.)

Das erste Heft von Pickwick war noch nicht erschienen, als die » Skizzen von Boz, Schilderungen alltäglichen Lebens und alltäglicher Leute«, in zwei Duodezbänden, mit einigen vortrefflichen Illustrationen von Cruikshank und mit einem Vorwort herauskamen, worin er von der Scheu sprach, mit der er allein vor dem Publikum würde erschienen sein, und von seiner Freude über den Beistand Cruikshank's, der häufig zu dem Erfolge ähnlicher Unternehmungen beigetragen, obgleich es bei seinem wohlverdienten Ruf unmöglich, daß er an dem Risiko derselben betheiligt sei. Es wurde sehr bald klar, daß hier kein Risiko vorhanden war. Die »Skizzen« erregten ein viel größeres Aufsehen, als die ersten zwei oder drei Hefte von Pickwick und sie verdienten das ihnen gespendete Lob in reichem Maaße und in weit höherem Grade, als Dickens selbst geneigt war, zuzugestehen. Er unterschätzte sie ganz entschieden. Er gab dem ganzen Inhalt seiner späteren Schriften eine so viel vollendetere Form und Fülle, daß ihm nicht daran lag, sich das Wunder, schon so frühe so viel geleistet zu haben, hoch anzurechnen. Aber der erste frische Erguß seines Genies ist unzweifelhaft hier. Bumble findet sich schon in den Gemeinde-Skizzen und Dawkins der Schlaukopf in den Scenen aus Old-Bailey. Man hat Gelächter und Scherz die Fülle, ohne daß sie je falsch angewandt werden, man hat die bis ins kleinste Detail anschaulich ausgeführten Charakterschilderungen, die später so berühmt wurden, man hat überall die vollkommenste Leichtigkeit und Geschicklichkeit der Behandlung. Die in dem ganzen Werke entfaltete Beobachtungsgabe grenzt an das Wunderbare. Die Dinge werden buchstäblich gezeichnet wie sie sind und was für ein Bild auch vorgeführt werden mag, sei es etwas Alltäglich-Gewöhnliches, etwas Schäbig-Gentiles oder etwas völlig Gemeines, immer geschieht es ohne die herablassende Art und Weise die Affektation ist, wie ohne die zu familiäre die Gaunersprache ist. Das ganze Buch ist eine vollständig natürliche, anspruchslose, ehrliche Leistung. Unter seiner männlichen, verständigen, gradsinnigen Redeader fließt die Strömung eines Gefühls, das nie sentimental, eines Humors, der immer leicht und ungezwungen ist, und eines meist dramatischen oder pittoresken Pathos, in dem der Keim dessen lag, woran sein reiferes Genie später das größte Gefallen fand. Wie sich von selbst versteht, fehlt es nicht an Ungleichheiten und an Dingen, die besser weggeblieben wären; allein trotzdem ist es ein Buch, das sich, hätte es auch ganz allein gestanden, behauptet haben würde, wegen seiner ungewöhnlich wahrheitsgetreuen Darstellung einer Lebensweise zwischen den mittleren und den unteren Klassen, die, weil sie für literarische Beobachter wenig Anziehendes hatte, noch ein ganz unbearbeitetes Gebiet war. Es hatte außerdem das ganz besondere Verdienst in seinen Beschreibungen der alten Stadt, mit welcher der Verfasser so vertraut war, in keiner Hinsicht schulgemäß oder conventionell zu sein. Es gab ein Bild des alltäglichen Londons, mit seinen guten und schlimmen Eigenschaften, mit seinem Humor und seinen Freuden wie mit seinen Leiden und Sünden, überall durchdrungen nicht bloß von der absoluten Wirklichkeit der dargestellten Dinge, sondern auch von jenem feinen Sinn und jener Herrschaft über die Gefühle, welche den Sympathieen des Lesers stets die rechte Richtung gibt und gerade für Diejenigen Rücksicht, Zartheit und Theilnahme erweckt, die eines solchen Beistandes am meisten bedürfen.

In der Zeit zwischen dem Erscheinen des ersten und des zweiten Hefts von »Pickwick« starb der Künstler Seymour durch seine eigne Hand und das zweite Heft erschien mit drei statt mit vier Illustrationen. Dickens hatte den unglücklichen Mann nur einmal, achtundvierzig Stunden vor seinem Tode gesehen, als er mit einer Radirung zu der in diesem Hefte enthaltenen »Erzählung des Landläufers« nach Furnivals-Inn kam. Dickens schlug einige Veränderungen darin vor und Seymour war mit der Ausführung derselben beschäftigt bis zu einer späten Stunde der Nacht, in der er sich das Leben nahm. Eine dem Heft beigefügte Anzeige setzte das Publikum von dieser letzteren Thatsache in Kenntniß. Es kostete zuerst einige Mühe, ihn zu ersetzen und für ein Heft wurden die Illustrationen von Buß gemacht. Aber vor dem Erscheinen des vierten Heftes war eine Wahl getroffen, welche der Lauf der Zeit so vollständig rechtfertigte, daß diese Verbindung während des größten Theils seiner damals beginnenden wunderbaren Laufbahn aufrecht erhalten wurde und der Name Hablot Browne's mit den Meisterwerken des Dickens'schen Genies in nicht unwürdiger Weise verknüpft ist. Ein Vorfall, den ich bei einem der Festessen der Königlichen Kunstakademie von Thackeray erzählen hörte, gehört dieser Zeit an. »Ich erinnere mich,« sagte er, »daß, als Dickens ein ganz junger Mann war und angefangen hatte, die Welt mit einigen reizenden humoristischen Werken zu entzücken, die einmal monatlich in hellgrünen Umschlägen ausgegeben wurden, dieser junge Mann einen Künstler zu Illustrationen seiner Werke gebrauchte und ich entsinne mich, daß ich ihn in seiner Wohnung in Furnivals-Inn mit einigen Zeichnungen in der Hand aufsuchte, die er seltsamer Weise nicht passend fand.« Dickens selbst hat eine andre Veränderung beschrieben, die jetzt bei der Veröffentlichung stattfand. »Wir fingen an mit einem Heft von 24 Seiten und vier Illustrationen. Seymour's plötzlicher beklagenswerther Tod, ehe das zweite Heft erschienen war, brachte eine schnelle Entscheidung über einen schon angeregten Punkt; das Heft enthielt von nun an 32 Seiten mit nur zwei Illustrationen und so blieb es bis zum Schlusse.«

Mit der Parlamentssession von 1836 endete seine Thätigkeit als Berichterstatter und einige Früchte seiner vermehrten Muße zeigten sich noch vor dem Schluß des Jahres. Die musikalischen Talente und Verbindungen seiner ältesten Schwester hatten ihn mit vielen Freunden und Professoren dieser Kunst bekannt gemacht; so kam es, daß er sich lebhaft für Braham's Unternehmen an dem St. James Theater interessirte Braham war ein bekannter englischer Sänger und Componist, der 1836 den Versuch machte, in dem St. James Theater in London eine englische Oper zu begründen. – D. Uebers. und zum Besten desselben eine auf eine seiner Skizzen gegründete Posse und das Buch für eine Oper schrieb, die sein Freund Hullah componirte. Sowohl die Posse, welche unter dem Titel » Der fremde Herr« im September, als die » Die Dorfcoquetten« betitelte Oper, die im December 1836 aufgeführt wurden, hatten einen guten Erfolg und die letztere ist denkwürdig für mich, weil sie mich zuerst in persönlichen Verkehr mit Dickens brachte.

 

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