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Vierzehntes Kapitel.

Barnaby Rudge.
1841.

Die Briefe von 1841 gewähren ähnliche Einblicke in sein Thun und Reden und wir wollen sie auf ähnliche Weise in Bezug auf die literarische Arbeit, mit der er beschäftigt war, zu Rathe ziehen.

Er hatte den Vortheil, »Barnaby Rudge« mit einer ziemlichen Menge schon fertigen Manuscripts anzufangen, das er nur, durch gelegentliche neue Anordnung der Kapitel, der Veröffentlichung in Wochenheften anzupassen brauchte; und hiermit war er Ende Januar beschäftigt. »Ich bin gegenwärtig (22. Januar 1841) in einer Art von unmöglichem Zustand, wie Leigh Hunt sagen würde – ich denke nach, was in aller Welt Master Humphrey auf vier langen Seiten denken kann. Ich machte gestern zu dem letzten Kapitel des »Raritätenladen« hier und da Zusätze und es bleiben mir nur noch vier Seiten zu schreiben übrig.« (Sie wurden ausgefüllt durch einen einleitenden Artikel Humphrey's zu der neuen Geschichte, worin sich ein merkwürdiges Bild Londons von Mitternacht bis zum Tagesanbruch findet.) »Ich machte auch das zweite Heft »Barnaby's« fertig und schrieb die nöthigen Einschaltungen dazu – so daß ich wieder etwas in die Arbeit hineinkam.« Aber doch nicht ganz; denn nach vier Tagen schreibt er, während er unterdessen nichts gethan hatte: »Ich habe (es ist jetzt drei Uhr) mit einem Anschein von außerordentlichem Interesse und Eifer seit halb elf Uhr ein Blatt der Curiosities of Literature betrachtet – ich habe nicht den Muth, es umzuschlagen.« Dann, am Freitag den 29., kamen bessere Nachrichten. »Ich ging gestern nicht aus, sondern saß und dachte den ganzen Tag, ohne eine Zeile, oder einen Strich durch ein t oder einen Punkt über ein i zu schreiben. Ich ersann ein gutes Theil von »Barnaby«, indem ich meine Gedanken fest auf ihn richtete und freue mich, Dir sagen zu können, daß ich heute Morgen mit frischen Muth, starker Hoffnung und heiterm Sinn an die Arbeit gegangen bin. Gestern Abend war ich unsäglich, und Du kannst Dir keinen Begriff davon machen, wie elend . . . Beiläufig gesagt, binde Dich nirgendwo, außer bei mir, für Sonntag über acht Tage, weil es mein Geburtstag ist. Ich zweifle nicht, daß bis dahin unsre Sorgen hier überstanden sind und ich beabsichtige ein vertrautes Mahl in meinem Arbeitszimmer zu haben.« Wir hatten das Mahl zusammen, obgleich die Sorgen noch nicht überstanden waren; aber den Tag darauf (8. Februar) wurde ihm ein zweiter Sohn geboren. »Gott sei Dank,« schrieb er am 9., »Alles wohl. Ich denke scharf nach und habe eben an Browne Hablot Browne, der Illustrator seiner Werke. – D. Uebers. geschrieben und ihn gefragt, wann er kommen und sich mit mir wegen des Raben berathen will.« Er hatte damals beschlossen, diesen Vogel, dessen Talente sich während der letzten zwölf Monate zu unser Aller Vergnügen und Heiterkeit täglich zu größerer Reife entfaltet hatten, zu einer hervorragenden Gestalt in »Barnaby« zu machen und die Einladung an den Künstler galt einer Berathung darüber, wie man ihn am besten bildlich einführen könne.

Der nächste »Barnaby« erwähnende Brief war aus Brighton (25. Februar), wohin er auf eine ruhige Arbeitswoche hinausgeeilt war. »Ich habe (es ist vier Uhr) heute Morgen ein ganz hübsches Stück Arbeit gethan. Ich habe sehr eifrig dabei gesessen und außerdem das Glück gehabt, eine klare Vorstellung von dem Ende des Bandes zu bekommen. Da der Inhalt eines Heftes gewöhnlich mindestens einen Tag Nachdenken erfordert, und oft mehr, so versetzt mich dies in eine frohe Stimmung. Ich glaube – das heißt, ich hoffe – die Erzählung thut an diesem Punkte einen großen Schritt vorwärts und thut ihn gut vorwärts. Nous verrons. Grip wird seine Wirkung thun und ich baue sehr auf die Familie Varden.«

Bei seiner Rückkehr hatte er einen häuslichen Unglücksfall zu beklagen, der wegen seines Zusammenhangs mit jener berühmten Charaktergestalt in »Barnaby« hier erwähnt werden muß. Der Rabe war einige Tage unwohl gewesen und Topping hatte von ihm berichtet, wie Shakespeare von Hamlet, daß er seine Heiterkeit verloren und sich aller gewohnten Uebungen enthalte: aber Dickens achtete nicht viel darauf, da er sich seiner Genesung von einer Krankheit erinnerte, die er sich im vorigen Sommer durch das Verschlingen von etwas weißer Farbe zugezogen; so daß die ernstere Meldung, die ihn veranlaßte, nach dem Arzt zu schicken, ihn unvorbereitet traf. Das Resultat kann nur seine eigene Sprache würdig beschreiben. Bei seiner erregten Stimmung unfähig, zwei Briefe zu schreiben, schickte er die Erzählung unter einem ungeheuren schwarzen Siegel an Maclise, der sie mir übersenden sollte, und so geschah es, daß dieser glückliche Vogel einen doppelten Paß zum Nachruhm erlangte, da ein so großer Humorist sein Scheiden für die gegenwärtige und ein so großer Maler sein Willkommen in einer andern Welt verherrlichte.

»Es wird Dich schmerzlich überraschen (der Brief ist Freitag Abend, 12. März 1841 datirt) zu hören, daß der Rabe todt ist. Er starb heute, einige Minuten nach zwölf Uhr Mittags. Er war einige Tage unwohl gewesen, aber wir erwarteten keinen ernsten Ausgang. Wir glaubten, ein Theil der weißen Farbe, die er vorigen Sommer verschluckte, möchte noch in seinen Eingeweiden zurückgeblieben sein, ohne eine ernste Wirkung auf seine Gesundheit auszuüben. Gestern Nachmittag wurde es so viel schlimmer mit ihm, daß ich einen Eilboten an den Arzt (Mr. Herring) schickte, der sich pünktlich einstellte und ihm eine starke Dose Ricinusöl eingab. Unter dem Einfluß dieser Arzenei erholte er sich so weit, um um 8 Uhr Abends Topping beißen zu können. Seine Nacht war ruhig. Heute Morgen bei Tagesanbruch schien er besser; erhielt (in Gemäßheit mit der Verordnung des Doktors) eine zweite Dose Ricinusöl und verzehrte eine ziemliche Menge warmen Haferschleims, dessen Geschmack ihm zu behagen schien. Gegen 11 Uhr wurde es so viel schlimmer, daß man es für nöthig fand, den Klopfer an der Stallthüre einzuwickeln. Um halb 12 oder so hörte man ihn mit sich selbst über das Pferd und über Topping's Familie reden und einige unzusammenhängende Ausdrücke hinzufügen, von denen man meint, daß sie entweder eine Vorahnung seiner herannahenden Auflösung waren, oder Wünsche betreffs der Verfügung über sein kleines Vermögen, das besonders aus Halbpfennigstücken bestand, die er in verschiedenen Theilen des Gartens verscharrt hatte. Als die Uhr zwölf schlug, schien er etwas unruhig, erholte sich aber bald wieder, spazierte zwei- oder dreimal den Stall entlang, stand still um zu krähen, taumelte, rief aus: Holla, altes Mädchen! (sein Lieblingsausruf) und starb.

»Er benahm sich bis zuletzt mit einer anständigen Tapferkeit, Gemüthsruhe und Selbstbeherrschung, die man nicht zu sehr bewundern kann. Ich bedaure tief, daß ich bei der Unkenntniß der Gefahr, worin er sich befand, seine letzten Verordnungen nicht in Empfang nehmen konnte. Ein sonderbarer Ausdruck in seinen Augen veranlaßte Topping, um 12 Uhr nach dem Doktor zu laufen. Als sie zusammen zurückkamen, war unser Freund dahin. Es war der Arzt, der mich von seinem Tode benachrichtigte. Er that dies mit großer Vorsicht und Schonung, indem er mich durch die Bemerkung: ›es sei eine sonderbare plötzliche Aenderung eingetreten‹, vorbereitete; aber die Erschütterung war trotzdem sehr groß. Ich kann mich nicht ganz des Verdachtes von Gift entschlagen. Man hat einen boshaften Metzger sagen hören, er werde ihm den Garaus machen: sein Grund dafür war, daß er, wenn er in der Stallstraße Bestellungen in Empfang nehme, von keinem Vogel mit einem Schwanz belästigt werden wolle. Man hat auch andre Personen drohen hören, z. B. Charles Knight, der grade angefangen hat, eine Wochenschrift zu dem Preise von vier Pence herauszugeben, während »Barnaby«, wie Du weißt, drei Pence kostet. Ich habe eine Sektion angeordnet und die Leiche ist zu diesem Zwecke nach Herring's anatomischer Schule hinübergebracht worden.

»Wenn es Dir keine Ungelegenheit verursacht, möchte ich, daß Du diesen Brief, sofort nachdem Du ihn gelesen, an Forster schickst. Ich kann die peinliche Pflicht, das Geschehene zu melden, nicht mehr als einmal erfüllen. Waren es Raben, die gewissen Leuten in der Wüste Manna brachten? Zuweilen hoffe ich es und dann wieder fürchte ich, daß es keine Raben waren, oder sie würden das Manna ganz gewiß unterwegs gestohlen haben. In tiefem Kummer bleibe ich Dein betrübter Freund C. D. Kate ist so wohl, als sich unter den Umständen erwarten läßt, aber furchtbar niedergeschlagen, wie Du Dir denken kannst. Die Kinder scheinen sich mehr darüber zu freuen. Er biß sie in die Füße. Doch das war Spiel.«

Maclise's begleitender Brief an mich war eine Apotheose, die sich nur als Facsimile mittheilen läßt.

Apotheose Grip's

Apotheose Grip's, des Raben

von Maclise

Auf welche Weise der Verlust ersetzt wurde, damit die Früchte des fortgesetzten Studiums der Vogelfamilie, welche Grip so schön vertreten hatte, dem »Barnaby« zu Gute kämen, hat Dickens in der Vorrede zu dem Roman erzählt. Ein andrer, älterer und größerer Grip wurde in dem Stalle installirt, fast noch ehe die ausgestopften Ueberreste seines verehrten Vorgängers in einem Glaskasten, zur Ausschmückung der Studirstube seines Herrn, zurückgeschickt waren.

Ich nehme nun unsren Briefwechsel über seine literarische Arbeit wieder auf. »Ich sehe,« schrieb er 25. März, »daß noch für einige Zeilen Raum da ist und Du hast ganz Recht, wenn Du wünschest, ich solle das, was ich ausgestrichen, wieder einfügen. Ich beabsichtigte nicht, daß Joe sich über Dolly so kurz äußern sollte und schrieb seine Bemerkungen über diese junge Dame mit wirklicher Sorgfalt – wie natürliche Dinge, die eine Bedeutung haben. Chigwell, lieber Freund, ist der herrlichste Ort in der Welt. Bestimme einen Tag, wo Du hin willst. Ein so famoses altes Wirthshaus dem Kirchhof gegenüber – ein so angenehmer Ritt – so schöne Waldscenerie – ein so abgelegener ländlicher Ort – ein solcher Küster! Noch einmal, bestimme einen Tag!« Der Tag wurde sofort festgesetzt und der weißeste Denkstein bezeichnet ihn in einer jetzt schmerzlichen Erinnerung. Unser Genuß übertraf sein Versprechen, und seine Freude über das doppelte Erkennen seiner selbst und »Barnaby's« durch den Wirth des hübschen alten Wirthshauses ging weit hinaus über jeden Stolz, den er über das, was die Welt für die höchste Ehre hält, empfunden haben würde.

»Ich habe mich heute (26. März) ganz in mein Innerstes zurückgezogen und will versuchen tüchtig mit der » Wanduhr« vorwärts zu kommen. Kate ist aus und das Haus friedlich trübselig. Ich besinne mich nicht darauf, daß ich den besondern Theil, gegen den Du Einwände machst, geändert habe, aber wenn etwas darin ist, was Dir nicht gefällt, so streiche es mitleidlos aus.« »Unterlasse nicht« (5. April), »Alles was Dir zu stark vorkommt, anzustreichen. Es ist für mich schwer, zu urtheilen was zu kräftig wirkt und was nicht. Ich versuche diesem unvermeidlichen Heft ein sehr ruhiges gegenüber zu setzen. Ich hoffe, es wird gut werden, aber ich fühle mich gar nicht zur Arbeit aufgelegt. Es freut mich, daß Du dies für gelungen hältst. Was ich hineingesetzt habe, ist mehr zum Ausruhen von dem Raben.« Zwei Tage später: »Ich bin mit diesem Hefte fertig und will mich jetzt an das nächste machen. Es ist meine Absicht, wenn es dem Himmel gefällt, das erste Kapitel bis Freitag Abend zu beenden. Heute Abend denke ich bei Dir vorzusprechen und wir wollen dann wegen der Trinksprüche für Sonnabend die nöthige Verabredung treffen. Ich leide noch an der Galle, aber das Heft ist, wie ich hoffe, trotzdem gut. Jeffrey ist in die Stadt gekommen und war gestern bei mir.« Die zu verabredenden Trinksprüche sollten am 10., bei einem zur Feier des zweiten Bandes von »Master Humphrey« angesetzten Festmahle, ausgebracht werden. Talfourd führte dabei den Vorsitz, die heiterste Laune herrschte und nach den an jenem Sonnabend Abend gemachten, jetzt vor mir liegenden Aufzeichnungen zu schließen, verherrlichten wir in der allerbesten Stimmung Einer den Andern: Talfourd hielt eine Rede auf die » Wanduhr«, Macready auf Mrs. Dickens, Dickens auf die Verleger und ich selbst auf die Künstler; Macready ließ Talfourd leben, Talfourd Macready, Dickens mich, ich den Schauspieler Harley, dessen humoristische Lieder nicht am wenigsten zu der Heiterkeit des Abends beigetragen hatten.

Fünf Tage später schreibt er: »Ich beendete das Heft gestern und habe, obgleich ich bei Jeffrey speiste und nachher zu Lord Denman mußte (so daß ich spät nach Hause kam), heute Morgen acht Seiten von dem » Lampenwärter« für Mrs. Macrone geschrieben. Wenn ich das von der Seele habe, werde ich versuchen, stetig vorzurücken und die » Wanduhr« nebenher nachzuholen.« Der » Lampenwärter« war seine alte Posse, die er jetzt in eine komische Erzählung verwandelte und dies, nebst andern von Freunden gelieferten Beiträgen, die er zusammen als › Pic Nic Papers‹ herausgab, setzte ihn in den Stand, der Wittwe seines alten Verlegers in ihrer bedrängten Lage durch ein Geschenk von 300 Pfd. St. beizustehen. Er hatte sein menschenfreundliches Werk beendet, ehe er mir wieder über »Barnaby Rudge« schrieb, aber er rückte langsam vom Flecke. »Ich komme,« schrieb er 29. April, »sehr langsam weiter. Ich will an der Geschichte festhalten und die Furcht, zu viel zu sagen, macht dies, bei der Unmöglichkeit, eine Sylbe zurückzunehmen oder zu ändern, viel schwerer als es scheint. Es war sehr schlecht von mir, daß ich Dir die Mühe machte, das Heft zu beschneiden, aber ich wußte so gut, daß Du es an den rechten Stellen thun würdest. Für das, was Harley die ›Vorwärtsarbeit‹ nennen würde, glaube ich wirklich einige vortreffliche Gedanken zu haben.« Ein Monat verfloß zwischen dieser und der nächsten Anspielung. »Es war meine Absicht,« (3. Juni) »daß Salomon's Ausdruck einer von jenen starken Ausdrücken sein sollte, die starke Umstände in den gewöhnlichsten Geistern erzeugen. Mach' damit was Du willst . . . Du magst von Gordon sagen was Du willst« (ich hatte gegen einige Punkte seiner, wie mir schien, viel zu günstigen Auffassung dieses Tollhäuslers Einwände erhoben), »er muß von Herzen ein guter Mensch gewesen sein, der die Verachteten und Unterdrückten nach seiner Weise liebte. Er lebte von einem kleinen Einkommen und kam immer damit aus, erleichterte, wie bekannt, die Noth Vieler, stellte an seinem Platze die corrupten Versuche eines Ministers, ihn aus dem Parlament herauszukaufen, bloß und erwies in Newgate große Wohlthaten. Er sprach immer auf der Seite des Volkes und versuchte, trotz seines verworrenen Gehirns, die Ausschweifungen beider Parteien bloßzustellen. Er erlangte durch seine Tollheit nie etwas und suchte auch nie etwas dadurch zu erlangen. Die wildesten und wüthendsten Angriffe seiner Zeitgenossen geben diese Verdienste zu und es würde schwer auf meinem Gewissen lasten, wollte ich sie ihm nicht in ihrem vollen Umfang zuerkennen, wenn ich bedenke, in was für einer (politisch) gottlosen Zeit er lebte. Die Schmähschrift, wegen deren er ins Gefängniß geworfen wurde, als er starb, war gegen die Königin von Frankreich gerichtet und die französische Regierung verwendete sich mit Wärme für seine Freilassung, die sie auch, wie ich glaube, hätte erlangen können, wäre nicht Lord Granville dagegen gewesen.« Erfolgreicher war ich mit meinem Rathe gegen einen Einfall, den er in diesem Theile der Erzählung hatte. Er wollte nämlich bei den Gordon'schen Unruhen drei prächtige Kerle als handelnde Personen auftreten lassen, die der Volksmenge in dieser wahnwitzigen Zeit Befehle ertheilen, sie leiten, im Zaume halten und als natürliche Führer von ihr anerkannt werden und wenn Alles vorüber wäre, als Flüchtlinge aus Bedlam erkannt werden sollten. Aber obgleich er die Unhaltbarkeit dieser Idee einsah, konnte er, in Gordon's Falle, nicht so leicht die Gefahr begreifen, die darin lag, daß er sein Talent aufbot, um Handlungen eines bloßen Wahnsinns vernünftige Beweggründe zuzuschreiben. Die schwächsten Theile des Buches sind diejenigen, in welchen Lord George Gordon und sein Sekretär auftreten.

Nach der Mitte des Juni ging er nach Schottland, nahm aber etwas zu arbeiten mit. »Du wirst Dir denken können,« schrieb er am 30. aus Edinburg, »daß ich nicht viel gearbeitet habe; aber mit der Freitag-Abendpost hoffe ich von hier das erste lange Kapitel eines Heftes und die beiden Illustrationen schicken zu können; von Loch-earn, am Dienstag Abend, das Schlußkapitel jenes Heftes; aus demselben Orte, am Donnerstag Abend, das erste lange Kapitel eines neuen, nebst den beiden Illustrationen, und aus einem Orte, den noch Niemand buchstabirt hat, der aber wie Ballyhoolisch klingt, am Sonnabend, das Schlußkapitel jenes Heftes, was genügen wird, bis wir nach London zurückkehren.« Neun Tage später schrieb er aus Ballechelisch: »Ich habe in Bezug auf » Barnaby« Alles gethan, was ich thun kann und zu thun brauche, ehe ich nach Hause zurückkomme und die Geschichte schreitet (ich hoffe, auch Du wirst dieser Ansicht sein) mit kräftigem Interesse vorwärts. Ich habe sie an einer aufregenden Stelle, bei dem klaren Aufdämmern der Unruhen, abgebrochen. Ich vergesse, ob in dem ersten der beiden Hefte, die ich seit meiner Abreise geschrieben, der blinde Mann, wo er mit Barnaby über den Reichthum spricht, diesem sagt, daß derselbe in Haufen zu finden sei. Wenn ich dies Wort nicht wirklich gebraucht habe, willst Du es einfügen? Das Durchlesen des Correcturbogens des folgenden Heftes (70) wird Dir zeigen, wie und warum.« »Hast Du,« schrieb er bald nach seiner Rückkehr (20. Juli), »Nr. 71 gesehen? Ich glaubte, es wäre eine gute Ausschau auf einen Haufen, aus einem Fenster, darin – eh?« Er war jetzt ganz von dem Interesse seiner Schlußkapitel durchdrungen und fühlte mehr als je den Zwang, welchen die Form der Veröffentlichung ihm auferlegte. » Barnaby« (schrieb er am 5. August von Broadstairs) »tritt mir jetzt recht lebendig nahe. O! könnte ich ihn nur von jetzt bis ans Ende in Monatsheften erscheinen lassen! N'importe Ich hoffe, das Interesse wird ziemlich stark sein und in jedem Hefte stärker werden.« Sechs Tage später, aus demselben Ort: »Ich war immer überzeugt, daß ich etwas Gutes aus »Barnaby« machen könnte und ich glaube Du wirst finden, daß er bedeutend bleibt bis zum letzten Worte. Ich habe ein neues Heft, bis auf zwei Seiten, fertig. Um den jungen Chester sei unbesorgt. Die Zeit ist noch nicht gekommen – da, siehst Du, sind wir wieder mit den wöchentlichen Verzögerungen. Ich bin in sehr gehobener Stimmung in Bezug auf diese Erzählung und bei der Aussicht, daß ich Zeit haben werde nachzudenken, ehe ich etwas Neues anfange.« Ein Zwischenraum von einem Monat folgte und was denselben ausfüllte, soll kurz beschrieben werden. Am 11. September schrieb er: »Ich habe gerade in Newgate hineingebrannt und werde im nächsten Hefte die Gefangenen an den Haaren herausreißen. Das Heft, das bis ins Gefängniß hineingeht, sollst Du am Dienstag in Correctur haben.« Hierauf eine Woche später: »Ich habe sämmtliche Gefangene aus Newgate befreit, Lord Mansfield's Haus verbrannt und ganz den Teufel gespielt. Ein anderes Heft wird mit dem Feuer fertig werden und uns weiter zum Ende forthelfen. Es kommt mir ganz räucherig vor, wenn ich bei der Arbeit bin. Es fehlt mir schrecklich an dem gehörigen Raum.« Zu diesen Mühen gesellten sich andere ernsterer Art bei seiner Rückkehr, darunter eine ernstliche persönliche Krankheit; aber er kämpfte wacker dagegen an und ich hatte nie eine bessere Gelegenheit zu beobachten, wie ruhig er Schmerzen ertrug, wie wenig er an sich selbst dachte, wo die Empfindung des Selbst gewöhnlich vorherrscht und mit wie männlichem Pflichtgefühl er Alles that, was er, krank wie er war, für nothwendig hielt. Er war noch in seinem Krankenzimmer (22. Oktober), als er schrieb: »Ich hoffe, ich werde jetzt nicht wieder aufhören, ehe »Barnaby« beendet ist.« Drei Tage nachher war er wieder eifrig für Andre beschäftigt; und am 2. November empfingen die Drucker den Schluß von » Barnaby Rudge«.

Diese Erzählung war Dickens' erster Versuch außerhalb der Kreise des täglichen Lebens und der faktischen Zustände desselben. Angefangen während des Fortschritts von » Oliver Twist«, war sie eine Zeit lang bei Seite gelegt worden; die Form, welche sie schließlich annahm, hatte nur theilweise in dem ursprünglichen Plane gelegen, und in ihrer vollendeten Gestalt brachte sie entschieden einen besondern Zweck zur Anschauung, eine Eigenthümlichkeit, welche allen seinen Schriften, mit Ausnahme der frühesten, gemeinsam war. Der Roman spielt in einer Zeit, wo die unaufhörlichen Hinrichtungen von verhältnißmäßig unschuldigen Männern und Frauen das Land entehrten und Tausende, die sie ebenfalls für das Schaffot vorbereiteten, entwürdigten. In jenen Tagen wurde das Stehlen einiger Lumpen von der Bleiche, die Entwendung einer Rolle Band von dem Ladentisch, mit der Blutstrafe heimgesucht und solche Gesetze brutalisirten ebensosehr ihre Diener als ihre Opfer. Es war auch die Zeit, als ein falscher religiöser Parteiruf entsetzliche Schuld und Leiden mit sich brachte. Solche Laster lassen größere Wirkungen zurück als die Formen, worunter sie zuerst erscheinen und schärfen Lehren ein, die nothwendig genug sind, um ihre Darstellung durch den Schriftsteller zu rechtfertigen. Und noch andre Lehren wurden mit ihnen verbunden. An Barnaby selbst sollte gezeigt werden, welche Quellen des Trostes dem geduldigen und heitern Herzen auch in den schlimmsten aller menschlichen Leiden fließen; und in dem ruhelosen Leben des verworfenen Vaters, dessen Verbrechen nicht dies Leiden allein, sondern andres, weit furchtbareres Elend nach sich gezogen hatte, haben wir ein Bild der unvermeidlichen und unergründlichen Folgen der Sünde, das an Kraft keinem in seinen Werken nachsteht. Aber indem die Erzählung weiter fortschritt, lag es in der Natur dieser Pläne, daß das, was in seinem Vorgänger an Einfachheit der Wirkung, Einheit der Idee und Harmonie der Behandlung erreicht worden war, hier nicht erreicht werden konnte und andre Mängel kamen bei der Durchführung des Planes hinzu. Das Interesse, womit die Geschichte anfängt, hat vor ihrem Schluß aufgehört, ihr Interesse zu sein und was die Phantasie des Lesers im Eingange besonders beschäftigt hat, verschwindet fast vollständig in der Kraft und Leidenschaft, womit in den späteren Kapiteln die großen Unruhen geschildert werden. Diese Schilderung ist aber so bewunderungswürdig, daß es schwer fallen würde, sie auch für eine weit vollkommenere Anlage der Fabel aufzugeben.

Seine Werke enthalten wenig meisterhaftere Leistungen als diese. Von dem ersten leisen Murren des Sturmes bis zu seiner letzten schrecklichen Erschütterung wird dieser rasende Ausbruch der Unwissenheit und Wuth des Volkes mit unverminderter Kraft beschrieben. Die Zwecklosigkeit müßigen Unheils, wodurch die Reihen der Aufrührer im Beginn anschwellen; die Sorglosigkeit, welche durch die den frühen Excessen gewährte schmachvolle Straflosigkeit hervorgerufen wird; die plötzliche Ausbreitung dieser trunkenen Schuld in alle Höhlen der Armuth, der Unwissenheit und des Uebels in der gottlosen alten Stadt, wo die reichen Stoffe des Verbrechens schwärend daliegen; die wilde Wirkung ihres Giftes auf Alle, die, ohne Zweck und Plan, in ihr Bereich kommen; die Schrecken, welche eben wegen dieser vollständigen Abwesenheit eines Zweckes noch verwirrender sind; und wenn Alles vorüber ist, die Entdeckung des selbstzugefügten Elends in jeder Spalte und Ecke von London, als wäre eine Pest durch die Straßen hingezogen, – das sind Charakterzüge in dem Gemälde einer wirklichen Begebenheit, denen die Behandlungsweise außerordentliche Kraft und Bedeutung verleiht. Auch wird in der Folge Nichts mit wirkungsvollerer Lebendigkeit geschildert, als die unterschiedlose Grausamkeit des Gesetzes am Ende, im Gegensatz zu seiner feigen Gleichgültigkeit am Anfang, während unter den genialen Gedanken, welche die Scene mit den jeden Theil derselben erleuchtenden Blitzen der Wirklichkeit aufhellen, die Entdeckung erwähnt werden mag, daß an dem Orte, woher die lautesten Hülfeschreie ertönen, als man meint, daß eine Feuersbrunst in Newgate ausgebrochen sei, sich vier Männer befinden, die jedenfalls am Tage darauf ihr Leben auf dem Galgen verloren haben würden.

Obgleich dieser Roman mit ungewöhnlicher Sorgfalt geschrieben und von einer männlich kräftigen Denkweise durchdrungen ist, ist er nicht so reich an berühmten von Jedermann anerkannten Charaktergestalten wie seine Vorgänger; nichtsdestoweniger enthält er eine hinreichende Anzahl von Charakteren, die eine feste Gestalt im Geiste annehmen und im Gedächtnisse haften bleiben. Zu diesen gehören ganz besonders Gabriel Varden und sein Haushalt, an den des Schriftstellers ganze Neigung und nicht wenig von seinem schärfsten Humor verschwendet werden. Der ehrliche Schmied mit seinem jovialen Trinkkrug und dem Tink-tink-tink seiner heitern Natur, die aus Stahl und Eisen frohe Musik macht; die muntre Frau, mit ihrer plaghaften Zunge, die Jeden unglücklich macht, den ihre gute Absicht glücklich machen möchte; die gutherzige runde kleine Dolly, coquettes loses Geschöpf von einer Tochter, mit Allem was sie durch ihr launenhaftes gewinnendes Wesen und ihre kleinen selbstbewundernden Eitelkeiten leidet und zufügt; und Miggs, die bösartige und schlüpfrige, bittre, verliebte und von unbequemer Gestalt, Aussäerin von Familienstreit und Unfrieden, die aber zugleich schwört, sie möchte sich nicht damit abgeben und hineinmischen, nicht für eine jährliche Goldmine und Versorgung mit Thee und Zucker – es gibt nicht viel Gesellschaftsmalerei mit einer bessern häuslichen Moral als diese und eine feine Angemessenheit des Gefühls und des Gedankens regelt diese Satyre durchweg. Niemand weiß genauer, wie weit er mit dieser furchtbaren Waffe gehen darf, oder versteht es besser, daß das, was Alles satyrisirt, in Wahrheit Nichts satyrisirt.

Eine andere vortreffliche Gruppe ist die, mit welcher der Roman anfängt, in der pittoresken alten Küche des Maypole; John Willet und seine Freunde, sämmtlich ächt komische Schöpfungen. Dann haben wir Barnaby und seinen Raben: den fröhlichen Idioten, der sich keiner Schuld und keiner Leiden bewußt und glücklich ist ohne jedes Gefühl, ausgenommen sein Naturgefühl, und der ernste schlaue Vogel, mit hinreichendem Verstand, sich so unglücklich zu machen, als schurkische Gewohnheiten das menschliche Thier machen können. Da ist auch der arme rohe Hugh, der müßig vor der Thür des Maypole faulenzt, während ein Sturm von Leidenschaften in ihm dem Losbruch zutobt; schon die vertrocknete Frucht des Schaffots, wie er bestimmt ist, dessen reifes Opfer zu werden und obgleich von allen schlimmsten Instinkten des Wilden erfüllt, doch auch nicht ohne einige seiner besten. Noch weiter außerhalb des mitleidigen Einflusses der gütigen Natur lauert der schlimmste Bösewicht der Scene, mit dem einzigen Anspruch auf Nachsicht, daß er durch die beständige Berührung mit dem schmutzigsten Werkzeuge des Gesetzes und des Staates die Masse von moralischem Schmutz geworden ist, die er ist. Dennis, der Henker, ist ein Porträt, das Hogarth mit derselben gesunden Strenge der Satyre gemalt haben würde, welche in Barnaby Rudge darauf verwandt worden ist.

 

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