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Zwölftes Kapitel.

Der Raritätenladen.
1840 und 1841.

Einige Tage nach dem Datum des zuletzt angeführten Briefes besuchten Dickens und seine Frau, mit Maclise und mir, Landor in Bath und es war während drei glücklicher Tage, die wir dort zubrachten, daß die Idee, welche bald darauf die Gestalt der kleinen Nell annehmen sollte, zuerst in dem Geist ihres Schöpfers erwachte. Ich habe diesen Umstand in meinem »Leben Landor's« erwähnt und zu der betreffenden Stelle füge ich hier die Bemerkungen hinzu, welche Dickens machte, als er sie las. »Es war bei einer Feier seines Geburtstages, in der ersten seiner Wohnungen in Bath, 35 St. James' Square, daß die Idee, welche die Gestalt der kleinen Nell in dem Raritätenladen annahm, zuerst in dem Geist ihres Schöpfers dämmerte. Kein andrer Roman-Charakter war ein größerer Liebling Landor's. Er meinte, Julia hätte ihren Blick einen Augenblick von Romeo ihr zuwenden und Desdemona hätte von ihren gefahrvollen Abenteuern gerührt werden können, so anziehend und pathetisch schien sie ihm, und als man ihn vor einigen Jahren an den von mir erwähnten Umstand erinnerte, wurde er von einem jener grillenhaften Ausbrüche komischer Ausgelassenheit befallen, aus welchen die Idee Boythorn's entstand. Mit gewaltiger Emphase bekräftigte er den Umstand und fügte hinzu, nie in seinem Leben habe er etwas so sehr bedauert, als daß er einen in Beziehung darauf gefaßten Plan unausgeführt gelassen, denn es sei seine Absicht gewesen, das Haus 35 St. James' Square zu kaufen und es an Ort und Stelle niederzubrennen, damit nie etwas Gemeineres die Geburtsstätte der kleinen Nell entweihe. Dann hielt er wohl einen Augenblick inne, wurde sich unsrer Empfindung seiner Absurdität bewußt und brach in ein donnerndes Gelächter aus.« Dickens hatte selbst beabsichtigt, diese Geschichte als einen Beitrag zu der Biographie unsres gemeinsamen Freundes zu erzählen, aber seine Abreise nach Amerika verhinderte ihn daran. »Ich sehe«, schrieb er mir, sobald das Buch ihn nach seiner Veröffentlichung erreichte, »daß Du mit (wie unser Freund gesagt haben würde) wunderbarer Genauigkeit die kleine Geschichte von St. James' Square erzählt hast, die ein gewisser treuloser Wicht hätte erzählen sollen.« Aber vorläufig nur mit dem Gedanken, eine Geschichte von ein paar Kapiteln daraus zu machen. Am 1. März kehrten wir von Bath zurück und am 4. empfing ich den folgenden Brief. »Wenn Du es möglich machen kannst, mich im Laufe des Tages oder des Abends zu besuchen, so möchte ich gern, daß Du es thätest. Ich überlege nur ernsthaft, wie ich die Verbesserung, von der wir gestern Abend sprachen, am besten machen kann; denn machen will ich sie unter allen Umständen, und ich möchte, daß Du sie sähest, ehe ich sie schließlich an den Drucker befördere. Ich habe beschlossen, die Hexengeschichte nicht in das dritte Heft zu bringen, denn ich bin über die Wirkung ihres Contrastes zu Humphrey durchaus nicht gewiß. Ich denke daran, Humphrey zu verlängern, die Beschreibung der Gesellschaft zu beenden und mit der kleinen Kindergeschichte zu schließen, die jedenfalls einen Eindruck machen wird, besonders nach der ruhigen Art und Weise des alten Mannes.« Dann kam unmittelbar darauf: »Was denkst Du von dem folgenden doppelten Titel für den Anfang jener kleinen Geschichte? › Persönliche Abenteuer Master Humphrey's: Der Raritätenladen‹. Ich habe an Master Humphrey's Erzählung, Master Humphrey‹s Geschichte, Ein Bruchstück aus Master Humphrey's Leben gedacht; aber ich glaube nicht, daß irgend etwas Andres so gut ist als dies. Ich habe auch an Der Raritätenhändler und das Kind statt Der Raritätenladen gedacht. Ueberlege Dir's. Topping Dickens' Reitknecht. – D. Uebers. wartet.« – Und so gewann allmälig, mit weniger unmittelbarem Bewußtsein eines Planes seinerseits, als ich mich in irgend einem andern Falle seiner ganzen Laufbahn erinnern kann, eine Geschichte Gestalt, die seine Popularität in hohem Grade vermehren, mehr als irgend ein andres seiner Werke ein Band persönlicher Neigung zwischen ihm und seinen Lesern knüpfen und die Vorstellung von seinem Genie als pathetischer wie als humoristischer Schriftsteller in beträchtlichem Maße steigern sollte.

Er hatte nicht mehr als zwei oder drei Kapitel geschrieben, als die Fähigkeit des Gegenstandes zu einer umfangreicheren Behandlung als derjenigen, die er zuerst beabsichtigt, sich ihm aufdrängte und er beschloß, alles Andere bei Seite zu werfen und sich nur dieser einen Geschichte zu widmen. Es waren noch andere dringende Gründe dafür da. Von dem ersten Heft der » Wanduhr« wurden fast 70,000 Exemplare verkauft; aber mit der Entdeckung, daß sie keine fortlaufende Erzählung bieten werde, nahmen die Bestellungen sofort ab und es hätte eine Aenderung getroffen werden müssen, auch wenn das Material und die Mittel nicht schon zur Hand gewesen wären. Zwischen dem ersten und dem zweiten Kapitel hatte ein Zwischenraum von drei Heften gelegen, den die Gesellschaft Pickwick's und der beiden Weller angenehm genug ausfüllte; aber nach dem Auftreten Dick Swiveller's kamen drei auf einander folgende Kapitel und in dem weiteren Fortgang der Erzählung, bis zu ihrem Abschluß, fanden nur noch zwei Unterbrechungen statt, eine zwischen dem vierten und fünften Kapitel und eine zwischen dem achten und neunten – jetzt verzeihlich und erfreulich um Sams und seines Vaters willen. Das Wiedererscheinen dieser Lieblinge bildete, wie wir sahen, einen Theil des ursprünglichen Planes, über dessen Aufgeben hier Dickens' eigne Worte aus seiner Vorrede zu der Gesammtausgabe angeführt werden mögen. »Das erste Kapitel dieser Erzählung erschien in dem vierten Heft von ›Master Humphrey's Wanduhr‹, als der fragmentarische Charakter dieses Werkes mich bereits unbehaglich gemacht hatte und als, wie ich glaube, meine Leser diese Empfindung vollständig theilten. Der Anfang einer längeren Geschichte war eine große Befriedigung für mich und ich hatte Grund zu glauben, daß von meinen Lesern auch diese Empfindung getheilt wurde. Da ich nun zu einigen Unterbrechungen und einer Durchführung des ursprünglichen Planes verpflichtet war, so ging ich frisch ans Werk, mich so schnell als möglich von diesen Hindernissen zu befreien, und von der Zeit an, als dies geschehen war, bis zu seiner Vollendung wurde der » Raritätenladen« von Woche zu Woche in wöchentlichen Heften geschrieben und veröffentlicht.«

Er fühlte sich selbst sehr bald stark dadurch angezogen. »Es freut mich sehr,« schrieb er mir nach den ersten sechs Kapiteln, »daß Du so günstig über den » Raritätenladen« denkst, und besonders daß Du siehst, was sich aus Dick machen läßt. Ich beabsichtige viel aus ihm zu machen! Ich fühle mich selbst außerordentlich von der Geschichte ergriffen, was ich für ein gutes Zeichen halte, und empfinde schon ein warmes Interesse dafür. Ich werde sie jetzt ohne Unterbrechung in vier ganzen Heften fortsetzen, um ihr den gehörigen Spielraum zu lassen.« Jeder Schritt erleichterte den Weg, da die Geschichte mit jedem neuen darin erscheinenden Charakter immer wirklicher wurde, und ich erinnere mich noch der Freude, mit der er mir erzählte, was er nicht bloß mit Dick Swiveller, sondern mit Septimus Braß, aus dem später Sampson Braß wurde, thun wolle. Ohne Frage jedoch war Dick sein Liebling. »Dick's Benehmen in Bezug auf Miß Wackles wird Dich, wie ich hoffe, zufrieden stellen,« bemerkt er in einem andern Briefe. »Ich kann noch nicht entdecken, daß seine Tante den geringsten Glauben an ihn hat, oder im mindesten geneigt ist, ihm Geld zu schicken, so daß er vermuthlich ein Spielball des Schicksals bleiben wird.« Was ihm Schwierigkeit verursachte, waren die schnell wiederkehrenden Termine der Veröffentlichung, der beschränkte Raum eines jeden Heftes, das doch seine individuelle Wirkung hervorbringen sollte und (wegen der Plötzlichkeit, womit er angefangen hatte) die Unmöglichkeit, einen Vorsprung zu gewinnen. »Ich sah mich genöthigt, etwas, was ich für eine hübsche Idee hielt, in dem letzten Kapitel entsetzlich zusammenzupressen. Ich hatte keinen Platz, mich umzudrehen.« Diese und ähnliche Klagen kehren häufig wieder, und von den erwähnten Verdrießlichkeiten war dies bei weitem die schlimmste. Allein er hielt standhaft gegen alle aus und errang in der kleinen Geschichte einen großen Triumph.

Um seine Arbeit zu fördern, ging er zweimal nach Broadstairs, im Juni und im September. Von dort schrieb er mir (17. Juni): »Es ist jetzt vier Uhr und ich bin an der Arbeit gewesen seit halb neun. Ich habe mich wirklich bis zu einem Grade ausgetrocknet, daß Niemand es mir verargen könnte, spränge ich, den Kopf voran, von der Klippe hinunter – aber ich muß noch reicher werden, ehe ich mir diesen höchsten Luxus gestatte. Von dem 15ten Heft, das ich heute anfing, verspreche ich mir große Dinge. Es ist eine Beschreibung darin, wie man allmälig aus London herauswandert und durch Lokalitäten von ganz verschiedenem und eigenthümlichem Charakter kommt, die mich, hätte ich sie als Werk eines andern Schriftstellers gelesen, sehr interessirt haben würde. Das Kind und der alte Mann sind natürlich auf ihrer Wanderung, und der Gegenstand ist ein äußerst anziehender.« Zwischen diesen beiden Besuchen in Broadstairs schrieb er mir: »Ich wollte Dich heute morgen auf meinem Rückwege von Bevis Marks Eine Straße in der City von London. – D. Uebers. besuchen, wohin ich gegangen war, um mich nach einem Hause für Sampson Braß umzusehen. Aber ich wurde in eine Art gesellschaftlichen Teig mit den Juden von Houndsditch vermengt und schweifte unter ihnen umher, bis ich ganz unerwartet in Moorfields herauskam. So setzte ich mich denn in ein Cab und kam, sehr ermüdet, durch City Road nach Hause.« Zu Anfang September war er wieder in Broadstairs. Die Wohnung, die er dort am liebsten hatte, Fort-House, lag weithin sichtbar auf dem Gipfel eines luftigen Hügels, an der Straße nach Kingsgate, mit einem Kornfeld zwischen ihr und der See. Hier wohnte er immer in vielen späteren Jahren. Aber damals mußte er sich noch mit Lawn-House, einer kleinen Villa, zwischen dem Hügel und dem Kornfeld, begnügen, von wo er mir nun über seine Bemühungen um Sally Braß, Sampson Braß's Schwester, schrieb. »Ich bin natürlich an der Arbeit gewesen (2. Sept.) und habe soeben ein Heft beendet. Ich habe eine Reform durchgeführt, kraft deren wir dreiviertel auf acht frühstücken, so daß ich um halb neun an die Arbeit komme, und gewöhnlich um ein Uhr herum frei bin, was ein großes Glück ist. Dick ist jetzt Sampson's Schreiber, und ich habe Miß Braß in dem 25sten Heft obenhin, aber, wie ich hoffe, wirksam geschildert.«

An diesem Punkte wurde es nöthig, den ersten Band der › Wanduhr‹ zu schließen, der demnach mit einer Widmung an Rogers und einem später noch zu erwähnenden Vorwort ausgegeben wurde. »Ich habe,« schrieb er mir 9. September, »den zweiten Band mit Kit eröffnet, und ich sah heute morgen, indem ich aufs Meer hinausblickte, wie wenn ein Schleier gelüftet wurde, eine rührende Sache, die ich später mit ihm vornehmen kann. Nous verrons.« »Es freut mich, daß das Kit-Heft Dir gefällt,« schrieb er zwölf Tage später; »ich erwartete es. Das über den Opernbesuch habe ich geändert. Ich dachte natürlich nicht daran, dem vielköpfigen Wesen eine falsche Vorstellung über die Opernabende beizubringen, sondern bloß eine gewisse Klasse von Gesetzgebern zu schildern. Ich hätte es jedoch nicht zu thun brauchen, denn, beim Himmel, sie sind sich alle so ziemlich gleich.« Dies bezog sich auf einen Einwand, den ich gegen eine Bemerkung über »die an Mittwoch Abenden in die Oper gehenden Gesetzgeber« gemacht hatte; und über eine andere Aenderung, die er einem andern von mir gemachten Einwand gemäß vorgenommen hatte, schrieb er am 4. Oktober: »Du wirst hiermit den Druckbogen erhalten. Ich habe es geändert, Du mußt es jetzt stehen lassen. Ich glaube wirklich, daß die ›todte Menschheit, Millionen Faden tief‹, das Beste in dem Satze ist. Ich kann mir das furchtbare Schweigen dort unten vorstellen, und wie die Sterne auf ihre ertrunkenen Augen niederscheinen – die Frucht, ich will es Dir gestehen, eines einsamen Spazierganges bei Sternenlicht auf den Klippen. In Bezug auf das Kinderbild habe ich mir eine Note behufs der Abänderung gemacht. In dem 30sten Hefte werden allerlei Abkürzungen nöthig sein, glaube ich. Ich weiß jedoch etwas am Anfange, was sich leicht fortnehmen läßt. Du wirst eine Beschreibung des Weges erkennen, auf dem wir zwischen Birmingham und Wolverhampton zusammen reisten, aber ich hatte ihn mir so gut in Gedanken vorgestellt, daß die Ausführung mir nicht ganz so gut gefällt als ich erwartet hatte. Ich bin neugierig zu hören, was Du von der Idee des Mannes und seines Ofenfeuers denkst. Mir ist es seitdem vorgekommen, als würde das einen guten Anfang für eine neue Geschichte abgegeben haben.«

Mitte Oktober kehrte er nach London zurück, und zu Ende des Monats war er so weit vorgeschritten, daß der Abschluß des Romans nicht mehr weit entfernt zu sein schien. »Sage mir,« hatte er unmittelbar vor seiner Rückkehr an mich geschrieben, »was Du von 36 und 37 denkst. Der Weg steht jetzt für Kit und für einen großen Effekt am Schluß mit der Marquise offen.« Die letzte Anspielung konnte ich durchaus nicht verstehen, bis ich in den mir eben übersandten Heften die vortrefflichen 57sten und 58sten Kapitel des Romans fand, in denen Dick Swiveller seine Drohung gegen Miß Whackles wahr macht, das kleine Geschöpf entdeckt, welches das Schicksal ganz besonders für ihn aufspart, sie zur Marquise ernennt und ihr die Freuden von heißem Wermuthbier und Cribbage Ein bei den niedern Mittelklassen in England beliebtes Kartenspiel. – D. Uebers. lehrt. Dies ist Komik von der reinsten Sorte; ihr großer Reiz liegt in der Freundlichkeit des gutherzigen Menschen gegen das arme verwahrloste Kind, die sich unter der Hülle dessen, was nichts als Lustigkeit und Scherz scheint, verbirgt. Alles in Allem und vielmehr wegen als trotz seiner Schwächen, ist Dick eine einnehmende Persönlichkeit. Sein Frohsinn und seine gute Laune überleben eine solche Anhäufung von Widerwärtigkeiten, er macht so rosige Entdeckungen in den allerunbedeutendsten Getränken und wird selbst durch seine dichterischen Tröstungen ein so »beständiger großartiger Apollo«, daß man ihm alle seine Fehler vergiebt und Herzen, die gegen Opfer des Schicksals im Allgemeinen standhaft geschlossen bleiben, sich Dick Swiveller willig öffnen.

Zu Anfang November scheint Maclise den Wunsch gehabt zu haben, sich an einer Illustration für den Roman zu versuchen, aber ich erinnere mich nicht, daß derselbe eine andre Frucht trug, als einen sehr angenehmen Tag in Jack Straw's Castle, wo Dickens uns eins der späteren Hefte vorlas. »Maclise und ich (allein im Wagen),« schrieb er, »werden Punkt zwei Uhr bei Dir sein. Unser Plan ist, nach Hampstead hinauszufahren und dort umherzuwandern, wenn es nicht mit Eimern herunterregnet. Ich werde dem Drucker das Manuscript des nächsten Heftes nicht eher schicken als morgen, denn es enthält schon eine Andeutung des dann folgenden und ich möchte es Mac vorlesen, da, wenn ihm der Gegenstand gefällt, derselbe, wie ich glaube, ihm einen liefern wird. Du kannst Dir nicht vorstellen (ich schreibe und rede im Ernst), wie erschöpft ich heute von der gestrigen Arbeit bin. Ich ging gestern vollständig muthlos und abgemattet zu Bett. Die ganze Nacht hat das Kind mich verfolgt; und heute Morgen bin ich unerfrischt und elend. Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll . . . Ich glaube, der Schluß des Romans wird groß sein.« In Verbindung mit jenem Wunsch Maclise's fand eine zweite Vorlesung statt, diesmal in meinem Hause und zwar von dem Hefte, dessen Inhalt durch das in Hampstead Gelesene angedeutet war. »Ich will das Manuscript bringen,« schreibt er am 12. November, »und, falls es nöthig sein sollte Mac zu informiren, auch das vorhergehende Heft. Ich habe erst in diesem Augenblick die letzte Hand daran gelegt. Die Schwierigkeit ist ungeheuer, die Angst unsäglich gewesen. Ich sagte nicht sechs. Speise daher um halb sechs, wie ein guter Christ. Ich werde Mac um jene Zeit bringen.«

Er hatte mir kurz vorher die Kapitel geschickt, in denen die Marquise Dick in seinem Fieber pflegt und seine Lieblingsphilosophie auf die harte Probe stellt, ihn zu fragen, ob er jemals Stücke Orangeschalen in kaltes Wasser gethan habe und zu dem Glauben gekommen sei, es wäre Wein. »Wenn Du es ordentlich glaubst, so ist es sehr gut, wenn Du es aber nicht ordentlich glaubst, dann, weißt Du, hat es nicht viel Geschmack,« so stand es ursprünglich und gegen das letzte Wort in dem Mund des kleinen Geschöpfes scheine ich einen Einwand erhoben zu haben. In seiner Antwort (16. December) schreibt er: »›Wenn Du es ordentlich glaubst, so ist es sehr gut; wenn Du es aber nicht ordentlich glaubst, dann, weißt Du, scheint es, als ob es allerdings etwas mehr Würze vertragen könnte.‹ Ich glaube, das ist besser. Geschmack ist ein gewöhnliches Wort in der Kochkunst und bei den Köchen und so gebrauchte ich es. Den Theil, den Du in dem andern Hefte, das mir heute morgen geschickt wurde, ausgeschnitten hast, hatte ich im Hinblick auf Quilp's letztes Auftreten, welches seinen Schatten auf meinen Geist wirft, hineingesetzt; aber es wird auch ohne eine solche Vorbereitung seine Wirkung thun; ich habe daher nichts verändert. Ich beabsichtige, bei Sir Robert Inglis zu schwänzen und heute Abend zu arbeiten. Ich habe diesen ganzen Morgen den Gesammtverlauf der Erzählung feierlich überlegt. Das 45ste Heft wird jedenfalls den Schluß bilden. Vielleicht wäre es gut, wenn das 41ste, woran ich jetzt arbeite, die Ankündigung »Barnaby's« enthielte. Es freute mich, daß Dick und die Marquise Dir in jenem 64sten Kapitel gefallen. Ich dachte mir's.«

Schnell, wie das Leben der kleinen Nell sich nun abkürzte, hätte das sterbende Jahr sein Ende sehen können, aber bei keinem andern Werke kostete es Dickens eine so schmerzliche Ueberwindung zum Schlusse zu kommen, als bei diesem. Er bediente sich aller möglichen Entschuldigungen, seine Hand davon abzuhalten und dehnte die Zeit, innerhalb deren es vollendet werden mußte, bis an die äußerste Grenze aus. Auch das Weihnachtsfest brachte seine Verzögerungen, so daß der Dreikönigstag gekommen und gegangen war, als ich ihm schrieb, in dem Glauben, daß er beinah fertig sei. »Fertig!« antwortete er mir am Freitag, 7. Januar. »Fertig!!! Was denkst Du? Ich werde nicht vor Mittwoch Abend fertig sein. Ich fing erst gestern an und, glaube mir, über diesen Theil der Geschichte kann man nicht rasch hinwegeilen. Ich glaube, es wird herrlich werden – aber ich bin der Elendeste der Elenden. Es wirft den furchtbarsten Schatten über mich und das Höchste, was ich thun kann, ist, mich nur überhaupt fortzubewegen. Ich bebe viel mehr, mich dem Orte zu nähern, als Kit, viel mehr als Mr. Garland, viel mehr als der einzelnstehende Herr. Ich werde mich lange nicht davon erholen. Niemand wird sie entbehren, wie ich sie entbehren werde. Es ist so tief schmerzlich für mich, daß ich meinen Kummer nicht auszudrücken vermag. Alte Wunden bluten von Neuem, wenn ich nur daran denke, wie ich es thun soll; was das wirkliche Thun sein wird, weiß Gott. Ich kann mir nicht den Trost des Schulmeisters vorpredigen, ob ich es auch versuche. Meine theure Mary starb erst gestern, wenn ich an diese traurige Geschichte denke. Ich weiß nicht, was ich über das Dîner morgen sagen soll – vielleicht läßt Du Dir morgen früh Nachricht darüber holen? Das wird das Beste sein. Ich habe für diese und die nächste Woche mehrere Einladungen ausgeschlagen, da ich mich entschlossen hatte, nirgend wohin zu gehen, ehe ich fertig wäre. Ich fürchte den Gemüthszustand zu stören, in den ich mich eingelebt habe und mich dann noch einmal wieder hineinleben zu müssen.« An dem oben erwähnten Dienstag hatte er mit Ausnahme des letzten Kapitels Alles beendet; das war am 12. Januar; und am folgenden Abend las er mir die zwei Kapitel über Nell's Tod vor, das 71ste und 72ste mit dem Resultat, welches ein am folgenden Montag, 17. Januar 1841, an mich gerichteter Brief schildert.

»Ich kann nicht unterlassen, Dir zu sagen, welche Freude Dein gestriger Brief mir gemacht hat. Ich war überzeugt, daß die Kapitel Dir gefielen, als wir sie am Donnerstag Abend lasen, aber es war eine große Befriedigung für mich, meinen Eindruck so entschieden und so von Herzen bestätigt zu sehen. Du weißt, wie wenig Werth ich dem, was ich gethan habe, beimessen würde, wenn alle Welt ausriefe, es wäre gut, und die, deren gute Meinung und Billigung ich am höchsten schätze, schwiegen. Die Versicherung, daß dieser kleine Schluß der Scene Dich rührt und so tief von Dir empfunden wird, ist mir mehr werth, als tausend noch so süße Stimmen von außen her. Als ich, auf Deine freundschaftliche Veranlassung, zuerst anfing meine Gedanken auf diesen Schluß zu richten, beschloß ich den Versuch zu machen, etwas zu schreiben, was von Leuten, denen der Tod nahe getreten, mit besänftigtem Gefühle und mit Trost gelesen werden könnte . . . Nachdem Du gestern Abend fortgegangen warst, trug ich mein Schreibpult hinauf, setzte mich zum Schreiben und beendete die alte Geschichte heute morgen um vier Uhr. Es macht mich tieftraurig, zu denken, daß alle diese Leute mir nun auf immer verloren sind und mir ist, als könnte ich nie wieder in einem andern Kreise von Charakteren heimisch werden.« Die in gesperrter Schrift gedruckten von ihm selbst unterstrichenen Worte geben mir meinen Antheil an der Erzählung, die ihm so nahe an's Herz gegangen war. Ich war für ihr tragisches Ende verantwortlich. Er hatte nicht daran gedacht, sie zu tödten, als ich ihn, nachdem er etwa die Hälfte geschrieben, zu bedenken bat, ob es nicht nothwendigerweise auch seiner eigenen Auffassung angemessen sei, nachdem er solch ein bloßes Kind eine solche Tragödie des Kummers habe durchleben lassen, sie auch über den Gemeinplatz eines gewöhnlichen glücklichen Ausgangs zu erheben, so daß die anmuthige reine kleine Gestalt sich nie für die Vorstellung verändere. Er begriff sofort, was ich meinte und wich seitdem keinen Augenblick mehr davon ab.

Das Erscheinen des Buches hatte einen außerordentlichen Erfolg und vermehrte, ganz besonders in Amerika, in hohem Maaße die Popularität des Verfassers. Die pathetische Ader, die es eröffnet hatte, war wol hauptsächlich die Ursache davon; aber in England hielt man sich doch an die alten Charakterzüge: die Frische des Humors, von dem das Pathos nur eine andre Form und Schöpfung war, die realistische Kraft, mit welcher die Charaktere wieder erfaßt waren, die Erkenntniß des Guten in seinen am wenigsten anziehenden Erscheinungen, und die des Bösen in seinen fesselndsten Hüllen, die erwärmende Weisheit und das gesunde Herz, der üppige und doch in den gebührenden Schranken gehaltene Lebensmuth und Scherz. Hierin fand man kein Nachlassen und ich zweifle, ob unter allen seinen Charakteren ein andrer in so weiten Kreisen Freunde gefunden hat, wie Dick Swiveller und die Marquise. In der That tragen die Charaktere im Allgemeinen ihren Antheil zu dem Gang der Geschichte bei, die Extravaganzen einiger helfen ihre Bedeutung verstärken und die Reden und Handlungen der Schlechtesten wie der Besten haben ihre Anwendbarkeit und ihren Zweck. Mancher überargwöhnischen Person wird es zum Nutzen gereichen, wenn sie sich daran erinnert, wohin eine zu freigebige Anwendung von Foxey's Grundsatz, Jedermann zu beargwöhnen, Sampson Braß führte und mancher übereilten Beurtheilung der armen menschlichen Natur wird unbewußt Einhalt gethan werden, wenn man sich erinnert, daß Christopher Nubbles am Ende doch zurückkam, um jenen Schilling abzuverdienen.

Aber für die Meisten bilden die Hauptidee und die Hauptgestalt des Werkes sein Interesse, wodurch es in eine Reihe tritt mit den anziehendsten Schöpfungen des englischen Romans. Ich kenne keine Erzählung in unsrer Sprache, die geeigneter wäre, das im Herzen zu stärken, was der Hülfe und der Aufmunterung am meisten bedarf, edle und reine Triebe zu nähren und überall die schlafenden Keime des Guten zu erwecken. Sie schließt nothwendigerweise viel Schmerz, viel ununterbrochene Traurigkeit ein und doch überragen die Heiterkeit und der Sonnenschein das Dunkel. Der Humor ist so wohlwollend, die Ansicht über Irrthümer, die keine Entartung des Herzens offenbaren, ist so milde; der ruhige Muth im Unglück, die Reinheit, welche durch nichts Unreines befleckt werden kann, sind so voll zarter Lehren. Auch ihre Wirkung als ein Kunstwerk halte ich im Hinblick auf die Umstände, unter denen sie, wie ich gezeigt habe, geschrieben wurde, für sehr merkwürdig. Sie fing an mit einem Plane für nicht mehr als ein halbes Dutzend Kapitel, sie entfaltete sich zu einem vollwüchsigen Roman unter der Wärme des Gefühls, mit der sie ihren Verfasser erfüllte; ihre Ereignisse selbst schufen eine vorher nicht erkannte Nothwendigkeit und sie wurde zu einem Schluß geführt, der erst ins Auge gefaßt wurde, nachdem sie halb fertig war. Dennoch scheint von Anfang der Erzählung an bis zu jenem unbeabsichtigten Ende, von dem Bilde der kleinen Nell, die inmitten der seltsamen grotesken Gestalten des Raritätenladens schläft, bis zu jenem andern letzten Schlaf, zu dem sie sich unter den düstern Formen und dem Schnitzwerk des Chorgangs in der alten Kirche niederlegt, der Hauptgedanke immer gegenwärtig zu sein. Die Charaktere und Begebenheiten, die ihm zuerst am fernsten zu liegen schienen, werden in ihrem engen Zusammenhange mit demselben offenbar. Der häßliche Plunder und die Fäulniß, welche das Kind in dem Hause ihres Großvaters umgeben, nehmen in Quilp und seiner schmutzigen Bande von neuem Gestalt an. In dem ersten stillen Bilde von Nell's Unschuld inmitten der seltsamen und fremdartigen Umgebung, haben wir eine Vorahnung ihrer spätern Wanderungen, ihres geduldigen Elends, der traurigen Reife ihrer Erfahrung vor ihrer Zeit. Ohne die Komödiantengesellschaft und deren Mischung von Dichtung und Wahrheit, ihre Wachsfiguren, ihre Zwerge, Riesen und dressirten Hunde, würde dem Bilde ein Theil seiner Bedeutsamkeit gefehlt haben. Und der Genius Hogarth's selbst hätte ihm keinen höhern Ausdruck verleihen können, als in den Scenen an der Bauernhütte, bei dem Ofenfeuer und auf dem Begräbnißplatz der alten Kirche, über deren Gräbern und Grabsteinen die Drahtpuppen des Punch-Theaters hängen, während die Mitglieder der Gesellschaft sie ausbessern. Und wenn Nell endlich in der stillen alten Kirche sitzt, wo alle ihre Wanderungen enden, und jene schweigenden Monumente der Krieger betrachtet, um welche her Helme, Schwerter und Panzerhandschuhe verwesen, scheinen die Bilder, unter denen ihr Leben anfing, sich noch einmal auf den Schauplatz zu drängen, um bei seinem Schlusse gegenwärtig zu sein – aber ihrer Fremdartigkeit beraubt, durch die Leiden, die sie ertragen hat, zu feierlichen Gestalten vertieft, jede Empfindung eines vergangenen Lebens sanft auflösend in die hoffende und vertrauende Vorahnung eines kommenden Lebens und sie schon, ohne Gram oder Schmerz, emportragend von der Erde, die sie liebt, deren rauhere Pfade aber ihre leichten Tritte nur berührten, um durch sie hindurch den Weg zum Himmel zu zeigen. Das ist ächte Kunst, eine Kunst, welche jeder anerkennen muß, der das Buch in wahrer Sympathie mit dem dasselbe durchdringenden Gedanken liest. Auch bin ich, so groß die Unbequemlichkeit, das Buch in kurzen wöchentlichen Stückchen zu lesen, war, nicht ganz sicher, daß die Unbequemlichkeit, es so zu schreiben, nichts als Nachtheile mit sich brachte. Bei einer für jeden Theil festgesetzten Aufgabe und bei der Kürze der Zeit, worin dieselbe beendet werden mußte, waren die Gelegenheiten zu bloßer Selbstgenüge nothwendigerweise selten.

Unter den unzähligen Tributen der Anerkennung, welche dieser Roman erhalten hat (und zahlreichere und verschiedenartigere sind keinem andern Werke Dickens' dargebracht worden), ist einer, der letzte von allen, der mich sehr gerührt hat. Nicht viele Monate vor dem Tode meines Freundes hatte er mir zwei Hefte der amerikanischen Zeitschrift Overland Monthly geschickt, welche zwei Skizzen eines jungen im fernen Westen von Californien lebenden amerikanischen Autors enthielten, The Luck of Roaring Camp und The Outcasts of Poker Flat, in denen er eine genialere Kraft der Darstellung entdeckt hatte als irgendwo sonst während der jüngsten Jahre. Die Art und Weise glich seiner eigenen, aber der Inhalt war von einer ihn überraschenden Neuheit; die Malerei in allen Stücken meisterhaft und der wilde rohe Gegenstand mit einer wahrhaft wunderbaren Realität dargestellt. Ich habe ihn selten aufrichtiger gerührt gesehen. Einige Monate gingen dahin; die Telegraphendrähte blitzten es über die ganze Welt hin, daß er am 9. Juni geschieden sei und der junge Schriftsteller, über den er mir geschrieben, legte, jenes Lobes völlig unbewußt, seinen Tribut der Dankbarkeit und des Schmerzes in einem » Dickens im Lager« betitelten Gedichte Poems by Bret Harte. ( Boston, Osgood & Co.. 1871) S. 32–35. nieder. Dasselbe verkörpert ein ähnliches Vorkommniß, wie dasjenige, welches den Meister selbst in den erwähnten Skizzen so gerührt hatte; es offenbart die sanfteren Mächte, die, auch in jener californischen Wildniß, außer dem Gesetze stehende »brüllende Lager« zu Schweigen und Menschlichkeit zurückführen können; und es gibt kaum eine Form des posthumen Tributs, von der ich mir denken kann, daß sie sein Verlangen nach Ruhm in höherem Maaße zufriedengestellt haben würde als dieser, der mit der Hauptlieblingin unter allen seinen Heldinnen den zügelnden Einfluß und die Gewalt verknüpft, welche sein Genie über die rohesten und wenigst civilisirten Mitbewerber in jenem fernen grimmen Rennen nach Reichthum ausübte. Ich freue mich, dies Gedicht in der vortrefflichen Uebersetzung Ferdinand Freiligrath's mittheilen zu können, der durch diese und andre gleich vorzügliche Uebersetzungen der Gedichte Bret Harte's schon soviel gethan hat, den californischen Dichter in Deutschland einzubürgern. – D. Uebers.

Der Mond trieb langsam übers Haupt der Fichten,
    Der Fluß hielt singend Wacht:
Die Sierren, jenseits, reckten ihre lichten
    Schneezacken in die Nacht.

Das Lagerfeu'r, rauh spottend, ließ entbrennen,
    Ließ rosig färben sich
Manch hager Antlitz, das, im grimmen Rennen
    Nach Reichthum, längst erblich;

Bis einer aufstand, und aus seinem Ballen
    Ein Buch nahm; – da in's Gras
Aus müß'ger Hand ließ man die Karten fallen,
    Zu hören was er las.

Und nun – die Schatten dunkelnd rings wie Geister,
    Das Feuer minder grell –
Laut las er vor das Buch, darin der Meister
    Schrieb von der kleinen Nell.

War's Knabentraum? der las, war rings im Reigen
    Der jüngste sicherlich –
Doch als er las, schien es als senkt' ein Schweigen
    Von Tann' und Ceder sich.

Wie lauschten sie, die himmelhohen Riesen!
    Kein Zweiglein, das nicht Ohr!
Derweil die Schaar mit »Nell« auf Englands Wiesen
    Irrt' und den Weg verlor.

So in den Oeden, wie von einem Banne
    Göttlicher Art bewegt,
Warf ihre Brust die Sorg' ab, wie die Tanne
    Die Nadeln, sturmdurchfegt.

Auf brach das Lager! hin sein Funkenstieben!
    Und der die Nacht geweiht? –
Ah, stolze Tann' und schlanker Kirchthurm drüben
    In Kent – ihr tragt Ein Leid.

Auf brach das Lager! doch von seinen Klüften
    Die duft'ge Kunde soll
Sich mischen mit des Hopfens weichen Düften,
    Durch Kent zieh'nd wonnevoll.

Und auf der Gruft, drauf Englands Hulst und Eiche
    Bei Lorbeern ruhn als Preis,
O nennt zu kühn und thöricht nicht dies weiche
    Westliche Tannenreis!

 

*

 


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