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Sechzehntes Kapitel.

Abenteuer in den Hochlanden.
1841.

Von Loch-earn-head schrieb Dickens am Montag, 5. Juli, nachdem er es an demselben Nachmittage ›völlig durchnäßt‹ erreicht hatte: »Nachdem wir am Sonnabend Abend im Theater, das gedrängt voll war, sehr beschäftigt gewesen waren, verließen wir Edinburg gestern Morgen um halb acht und reisten, unter Fletcher's Führung, nach einem Orte Namens Stewart's-Hotel, zwei Meilen weiter als Callender. Wir hatten es versäumt, Zimmer zu bestellen und fanden uns genöthigt, aus unserem Schlafzimmer ein Wohnzimmer zu machen, wobei mein Genie für die Anordnung von Möbeln mir sehr zu statten kam. Fletcher schlief in einem Loch mit drei Glasscheiben, die zu einem Fenster gehörten, dessen drei andre Scheiben einem Manne gehörten, der auf der andern Seite der Scheidewand schlief. Er erzählte mir heute Morgen, er habe die ganze Nacht an Alpdrücken gelitten und wisse, daß er furchtbar geschrieen habe. Der gute arme Fletcher hatte, neben seinen andern Eigenthümlichkeiten, die Gewohnheit, seinen Gemüthsbewegungen in einem wilden Schrei Luft zu machen, der selbst über das beschreibende Talent von Dickens hinausging, welcher sich in seinen Briefen aus Broadstairs häufig darauf bezog. Hier ist eine Probe (20. September 1840). »Mrs. M., die neulich in dem nächsten Badekarren war, hörte ihn heulen wie einen Wolf (wie er zu thun pflegt), als er zuerst das kalte Wasser berührte. Es freut mich meine frühere Geschichte nach dieser Seite bestätigt zu finden. Es gibt auf der Erde keinen gleichen Ton. In den infernalischen Regionen mag es ihn geben, aber anderswo gibt es keine irgendwie zusammengesetzte Schaar wilder Bestien, die einen solchen Gesammtton hervorbringen könnte. Die Beschreibung der Wölfe in ›Robinson Crusoe‹ nähert sich ihm am meisten; aber sie ist schwach – sehr schwach – im Vergleich.« Von der im Allgemeinen liebenswürdigen Seite aller seiner Excentricitäten fühle ich mich versucht, eine Schilderung desselben Briefes anzuführen. »Neulich kam mir ein beunruhigendes Gerücht zu, daß er unter freiem Himmel predige. Als ich den Ort erreichte, fand ich, daß er vor dem Hause in der Straße einer an der Terrasse wohnenden Familie aus Wordsworth vorlas. Die ganze Stadt war draußen. Nachdem er ihnen eine Probe von Wordsworth gegeben, ließ er Mrs. Norton's Buch von Hause holen und unterhielt sie mit gewählten Stellen aus diesem. Er schloß mit einer Nachahmung von Mrs. Hemans, wie sie ihre eigenen Gedichte vorliest, wobei er, zur Nachahmung ihres Schleiers, ein Taschentuch über seinen Kopf hing – Alles öffentlich, vor dem versammelten Publikum.« Der Fremde, wie Du Dir denken kannst, miethete einen Wagen und fuhr beim ersten Tagesgrauen in vollem Galopp ab. Da wir sehr müde waren (denn wir hatten die Nacht vorher nicht mehr als drei Stunden geschlafen), lagen wir heute Morgen bis 10 Uhr im Bette und gingen um halb 12 durch die Trossachs nach Loch Kathrine, wohin ich schon gestern Abend nach dem Thee von dem Hotel aus spazieren gegangen war. Es ist unmöglich, zu beschreiben, was für ein herrlicher Anblick es war. Es regnete, wie es nur hier regnen kann. Wir führten Kate einen Felsenpaß hinauf, von wo sie die Insel der Lady of the Lake sehen sollte, aber sie gab es nach den ersten fünf Minuten auf und wir ließen sie, sehr malerisch und unbehaglich, unter dem Schutze Tom's (des Dieners, den sie von Devonshire Terrace mitgenommen hatten), der einen Regenschirm über ihrem Kopfe hielt, während wir weiter hinaufstiegen. Als wir zurückkamen, hatte sie sich in den Wagen verfügt. Wir waren bis auf die Haut durchnäßt und fuhren in diesem Zustande sechstehalb Meilen weiter. Fletcher ist sehr gutmüthig und außerordentlich nützlich in diesen ausländischen Gegenden. Seine in Broadstairs in Verlegenheit setzende Gewohnheit, in Küchen und Schenken zu gehen, ist uns hier von großem Dienst. Da man uns erst um sechs Uhr erwartete, brannte unser Feuer noch nicht als wir ankamen und hättest Du ihn (auf dem die Verantwortlichkeit für diese Unterlassung ruhte) sehen können, wie er mit einem großen Paar Blasebalge in dem Wohnzimmer und den zwei Schlafstuben aus- und einlief und in seiner Aufregung ein Feuer nach dem andern ausblies, Du würdest vor Lachen gestorben sein. Er trug auf dem Kopfe eine große hochländische Mütze, auf dem Rücken einen weißen Rock und machte eine Figur, die selbst der Unnachahmliche nicht beschreiben kann. . . .«

»Die Gasthöfe sind von innen und außen die sonderbarsten Gebäude, die man sich vorstellen kann! Von der Straße gesehen sieht dieser hier in Loch-earn-head aus wie eine weiße Wand, in der aus Versehen Fenster angebracht sind. Wir haben jedoch ein gutes Wohnzimmer im ersten Stock, eben so groß, obgleich nicht so hoch als mein Studirzimmer. Die Schlafzimmer sind von einer Größe, daß es unmöglich ist, sich darin zu bewegen, nachdem man die Stiefel ausgezogen hat, ohne sich Stücke aus den Beinen zu stoßen. Es gibt kein Waschbecken in den Hochlanden, in das mein Gesicht hineingeht, keine Schieblade, die sich aufziehen läßt, nachdem man seine Kleider hineingelegt hat, keine Wasserflasche, die Wasser genug hält, um die Zahnbürste damit anzufeuchten. Die Hütten sind kläglich und elend über jede Beschreibung hinaus. Die Lebensmittel, für die die dafür bezahlen können, ›nicht schlecht‹, wie M. sagen würde: Haferkuchen, Hammelfleisch, Hotch-Potch, Ein schottisches Ragout. – D. Uebers. Forellen aus dem See, schwaches auf Flaschen gezogenes Bier, Marmelade und Whiskey. Von dem letztgenannten Artikel habe ich heute ungefähr eine halbe Flasche zu mir genommen. Das Wetter ist was man ›weich‹ nennt – was bedeutet, daß der Himmel eine große Wasserhose ist, die nie aufhört sich zu entleeren; und geistige Getränke bringen keine größere Wirkung hervor als Wasser. . . . Ich beabsichtige morgen zu arbeiten und hoffe Dir noch einmal zu schreiben, ehe ich von hier fortgehe. Die Parlamentswahlen sind kläglich ausgefallen. Daß man Sibthorp wählt und Bulwer verwirft, ist bei Gott eine nationale Schande. . . . Es wundert mich nicht, daß der Teufel über Lincoln hinwegflog. Die Leute dort hatten viel zu leere Köpfe, sogar für ihn. . . . Ich will Dich nicht mit Beschreibungen von allen möglichen Bens und Lochs langweilen, aber es ist ein wunderbares Land. Die Art, wie die Nebel heute umherzogen und die Wolken sich über die Berge legten; die tiefen Thäler, die hohen Felsen, die rauschenden Wasserfälle, und die in tiefen Klüften donnernden Ströme, waren alle staunenerregend. Dieses Haus liegt zwischen hohen Bergen eingekeilt, die sich in den Wolken verlieren und das drittehalb Meilen lange Loch erstreckt sich nach der Länge vor den Fenstern hin. In meinem nächsten Briefe werde ich mich vielleicht zur Erhabenheit aufschwingen, in diesem gegenwärtigen Schreiben beschränke ich mich auf das Lächerliche. Aber ich bleibe stets &c.«

Sein nächster Brief war datirt ›Ballechelish, Freitag, 9. Juli 1841, halb 10 Uhr Abends‹ und beschrieb, was wir uns oft gesehnt hatten zusammen zu sehen: den Paß von Glencoe. »Ich kann nicht zu Bette gehen, ohne Dir von hier zu schreiben, obgleich die Post diesen Ort nicht verlassen wird, ehe wir ihn verlassen haben und an einem andern angekommen sind. Indem ich die Route überblickte, die Lord Murray mir vorgezeichnet hat, fand ich, daß er nächsten Donnerstag für Abbotsford und Dryburgh-Abbey angesetzt hat und eine Fahrt von sechzehn Meilen obendrein! Aus diesem Grunde und weil ich glücklich genug war, mich selbst in Loch-earn-head um einen Tag überholen zu können und in zwei Tagen zu beendigen, was ich auf drei Tage angesetzt hatte, werden wir von hier schon morgen früh fortgehen und indem wir so einen Tag früher, als wir beabsichtigt, in allen Orten zwischen hier und Melrose (das wir Dienstag Abend zu erreichen denken) eintreffen, werden wir für Scott's Haus und Grab einen ganzen Tag gewinnen und doch am Sonnabend Abend in York und, so Gott will, am Sonntag zu Hause sein. . . . Wir verließen Loch-earn-head gestern Abend und fuhren nach einem zwei Meilen davon entfernten Ort, Namens Killin, wo wir schliefen. Nachdem wir dort angekommen waren, machte ich mit Fletcher noch einen Spaziergang von mehr als einer Meile, um einen Wasserfall zu sehen und es war in der That ein prachtvoller Anblick, wie er drei große Stufen zerklüfteter Felsen hinunterschäumte und toste, über die erste soweit hinabsprang als das Auge reichte und mit betäubendem Donner in eine wirbelnde Lache niederstürzte. Heute hatten wir eine Fahrt von 12–15 Meilen durch den wildesten und ödesten Theil von Schottland, wo die Berggipfel noch stellenweise mit Schnee bedeckt sind und die Straße sich über steile Pässe und an dem Rand tiefer Bäche und Abgründe hinwindet. Den ganzen Tag über war es empfindlich kalt und regnete oft sehr heftig. Es war völlig unmöglich, sich warm zu halten; selbst dem Wiskey mißlang es, der Wind war selbst für ihn zu schneidend. Die Zurücklegung einer Station von zwei Meilen, durch eine Black-Mount genannte Gegend, erforderte dritthalb Stunden und als wir an eine einsame Schenke Namens King's-House am Eingang von Glencoe anlangten (dies war ungefähr um drei Uhr), waren wir dem Erfrieren nahe. Wir bekamen sofort ein Feuer und nach zwanzig Minuten setzte man uns ein Stück famosen geräucherten Lachs vor, gebraten; ein gebratenes Huhn, heiße Hammelskeule und gebackene Eier, Pfannkuchen, Haferkuchen, Weizenbrod, Butter, auf Flaschen gezogenen Porter, heißes Wasser, weißen Zucker und Whiskey, wovon wir ein höchst erfrischendes Mahl einnahmen. Den ganzen Weg über hatte die Straße zwischen Mooren und Bergen mit gewaltigen Felsenmassen gelegen, die Gott weiß wo abgefallen waren, den Boden nach allen Seiten bedeckten und ihm das Aussehen einer Begräbnißstätte eines Geschlechtes von Riesen verliehen. Dann und wann kamen wir an einigen Hütten vorbei, die weder Fenster noch Schornstein hatten und aus deren Thüren der Rauch des Torffeuers hervorqualmte. Aber auf einem Wege von drittehalb Meilen fanden sich nicht sechs dieser Wohnungen und etwas Oederes und Wilderes und in seiner Einsamkeit Größeres wie dies ganze Land, kann man sich nicht vorstellen. Glencoe selbst ist wahrhaft schrecklich. Der Paß selbst ist eine furchtbare Stelle. Er ist auf beiden Seiten von ungeheuern Felsen eingeschlossen, von denen große Bergströme nach allen Richtungen hinunterschäumen. Zwischen diesen Felsen, auf einer Seite des Passes (der linken, wie wir kamen), erstrecken sich weit hinaus zahlreiche Thäler, Höhlen, wie man sie in der Glut eines Fieberwahnsinns durchwandert. Sie werden Jahre lang, ich wollte sagen mein ganzes Leben lang, in meinen Träumen leben – und ich glaube dies in allem Ernst. Die bloße Erinnerung daran macht mich schaudern. . . . Ich will Dich mit meinen Eindrücken von diesen gewaltigen Einöden nicht langweilen, aber sie sind wirklich furchtbar in ihrer Großartigkeit und wunderbaren Einsamkeit. Wales ist im Vergleich damit ein bloßes Spielzeug.«

Die weitere Erwähnung des grillenhaften Treibens seines Führers mag hier folgen, denn sie kann jetzt in keiner Weise mehr Schmerz oder Unannehmlichkeiten, oder irgend etwas andres als ein sehr unschuldiges Gelächter, veranlassen.

»Wir befinden uns jetzt in einem kahlen weißen Hause an den Ufern von Loch Leven, aber in einem behaglich möblirten Zimmer, oben im Hause – das heißt im ersten Stock – während der Regen gegen das Fenster schlägt, als wäre es December, der Wind dumpf heult, ein kalter feuchter Nebel Alles draußen bedeckt, innen ein großes Feuer den halben Schornstein hinauflodert und ein infernalischer Dudelsackpfeifer sich unter dem Fenster zu einem Wettpfeifen, das in Kurzem stattfinden soll, einübt. . . . Der Vorrath von Anekdoten über Fletcher, mit dem wir heimkehren werden, wird eine lange Zeit vorhalten. Es scheint, daß die Fletchers einen großen Clan bilden und daß sein Vater ein Bergschotte war. Wohin er daher auch geht, entdeckt er immer einen Häusler oder kleinen Pächter, der sein Vetter ist. Ich wollte, Du könntest ihn sehen, wie er sich über die geronnene Milch und die Sahne und die Milchkammern seiner Vettern überhaupt hermacht. Gestern Morgen zwischen acht und neun saß ich am offenen Fenster und schrieb, als der Postbote in das Gasthaus kam (welches in Loch-earn-head das Postamt ist), um die Briefe abzuholen. Er geht gerade fort, als Fletcher, der irgendwo unten geschrieben hat, hinausstürzt und ausruft: ›Holla, heda! ist das die Post?‹ Ja, antwortet Jemand. ›Ruft ihn zurück!‹ sagt Fletcher. ›Sei so gut und bleib hier sitzen bis ich fertig bin und geh' nicht fort bis ich Dir's sage.‹ Denke nur! die Hauptpost mit den Briefen von vierzig Dörfern in einem ledernen Beutel! . . . Morgen in Oban, Sonntag in Inverary, Montag in Tarbet, Dienstag in Glasgow (und an demselben Abend in Hamilton), Mittwoch in Melrose, Donnerstag in ditto, Freitag ich weiß nicht wo, Sonnabend in York, Sonntag – wie werde ich mich freuen, Dir die Hand zu drücken! Herzliche Grüße an Mac. Ich dachte, er würde einmal geschrieben haben. Ditto an Macready. Ich hatte einen sehr netten und willkommenen Brief von ihm und einen äußerst herzlichen von Elliotson. . . . P. S. Ich schlafe halb. Entschuldige daher die Schläfrigkeit des Inhalts und des Styls. Es wird mir die größte Freude machen, noch einen Brief von Dir vorzufinden! . . P. P. S. Man spricht hier gaelisch und viele von den gemeinen Leuten verstehen sehr wenig englisch. Seit ich diesen Brief schrieb, habe ich das Mädchen heraufgeklingelt und sehr ausführliche Anweisungen (Du kennst meine Art) gegeben, wie man mit einer halben Flasche Sherry Negus Ein in England beliebtes warmes Getränk aus Wein, Wasser, Zucker, Citrone und Muskat gemischt. – D. Uebers. kochen soll, wobei ich sämmtliche Ingredienzien erwähnte, eins nach dem andern, und ganz besonders die Muskatnuß. Als ich ganz zu Ende gekommen war und ihre offenbare Verwirrung bemerkte, sagte ich mit großem Ernst: ›Nun, wissen Sie, was Sie bestellen sollen?‹ O ja, gewiß; ›was?‹ – eine Pause – Nun – eine andre Pause – Nun, recht viel Nußberge!« Nutbergs im Englischen – eine Verdrehung von nutmeg, d. h. Muskatnuß. – D. Uebers.

Von dem Eindruck, den der Paß von Glencoe auf ihn hervorbrachte, hatte Dickens in seinem Briefe keine übertriebene Darstellung gegeben. Jener Eindruck blieb unverändert derselbe und selbst wo er die Natur in ihrer wildesten Größe, in der wüsten Einöde einer amerikanischen Prairie, zu finden erwartete, kehrte, wie wir später sehen werden, seine Phantasie mit größerer Befriedigung nach Glencoe zurück. Aber seine Erlebnisse in Beziehung darauf sind noch nicht vollständig mitgetheilt worden. Die Fortsetzung fand sich in einem zwei Tage später aus Dalmally, Sonntag, 11. Juli 1841, datirten Briefe.

»Da kein Ort dieses Namens auf unsrer Route lag, wirst Du Dich wundern, ihn an der Spitze dieses Schreibens zu sehen. Aber unser Hiersein ist ein Theil so erschütternder Begebenheiten auf Flut und Feld, daß Du darüber in Staunen gerathen wirst. Solltest Du zufällig Deinen Hut aufhaben, so nimm ihn ab, damit das Haar Dir ohne jede Unterbrechung zu Berge stehen kann. Um von Ballihoolisch (denn so muß ich es schreiben, wenn Fletcher nicht da ist; und er ist eben draußen) nach Oban zu kommen, ist es nothwendig, über zwei Fähren zu setzen, deren eine ein Meeresarm von zwei bis drittehalb Meilen Breite ist. Passagiere, Wagen, Pferde und Alles begiebt sich in die Fähre und kommt irgendwie hinüber, wenn das Wetter einigermaßen schön ist. Gestern Morgen jedoch wehte ein so starker Wind, daß der Wirth des Gasthauses, wo wir für die Pferde den ganzen Weg nach Oban (sechs Meilen) bezahlt hatten, ehrlicherweise gerade in dem Augenblick, als wir aufbrechen wollten, mit dem Gelde in der Hand zu uns heraufkam und uns erklärte, es werde unmöglich sein, überzusetzen. So blieb denn nichts übrig, als den ganzen Weg von acht Meilen durch Glencoe und Inverouran nach einem Orte Namens Tyndrum zurückzukehren, von wo eine drittehalb Meilen lange Straße nach Dalmally führt, welches etwas mehr als drei Meilen von Inverary entfernt ist. Wir kehrten demnach um und suchten in einem gewaltigen Sturmwind und Regen von neuem die öde Straße zurückzufahren, auf der wir am Tage vorher gekommen waren. . . . Es mißfiel mir durchaus nicht, noch einmal durch das furchtbare Glencoe kommen zu müssen. Wenn es am Tage vorher ungeheuer gewesen war, so war es gestern völlig grauenhaft. Es hatte die ganze Nacht geregnet und regnete noch, wie es nur in diesem Lande regnen kann. Durch das ganze zwei Meilen lange Thal hin kochten und schäumten die Bergströme und spritzten ihren Schaum wie den Rauch großer Feuersbrünste nach allen Seiten. Jeden Hügel und jede Bergwand rauschten sie nieder, stürmten wie Teufel über den Pfad hin und in die Felsentiefen hinab. Einige Berge sahen aus, als wären sie voll von Silber und an hundert Stellen geborsten. Andre als wären sie von Furcht ergriffen und in Todesschweiß ausgebrochen. Bei andern gab es keine Vereinigung oder Theilung der Ströme, sondern ein großer Strom schoß mit betäubendem Getöse, einem schreckenerregenden Rauschen der Gewässer brüllend hernieder. Kurz, eine solche Scene ist seit vielen Jahren nicht gesehen worden und Anblick und Töne gingen über jede Beschreibung hinaus. Dem Postillon war durchaus nicht leicht zu Muthe und die Pferde wurden (wie sie wohl mochten) scheu über das beständige Wüthen und Tosen; eines von ihnen bäumte sich, indem wir eine steile Stelle hinunterkamen und es fehlte nur so viel (–) daran, daß wir einen Abgrund hinabstürzten; gerade in diesem Augenblicke brach auch der Hemmschuh und wir mußten ohne denselben weiter fahren, so gut es eben ging, wobei wir häufig ausstiegen und uns hinten an den Wagen hingen, um zu verhindern, daß er zu schnell abwärts rollte und der Himmel weiß wohin ging. Unter diesen erfreulichen Umständen kamen wir wieder nach King's-House, nachdem wir vier Stunden gebraucht hatten, die viertehalb Meilen zurückzulegen. Der Hinterbock, wo Tom saß, war inzwischen so mit Wasser angefüllt, daß er sich einen Bohrer leihen und Löcher in das Fußbrett bohren mußte, um es zum Abfließen zu bringen. Die Pferde, die uns weiter fahren sollten, waren draußen auf den Bergen, irgendwo in einem Umkreise von zwei Meilen, und drei oder vier nacktbeinige Kerle gingen hinaus, sie zu suchen, indeß wir am Feuer saßen und bemüht waren uns zu trocknen. Endlich kamen wir wieder von der Stelle (ohne Hemmschuh und mit einer zerbrochenen Springfeder, denn in einem Umkreise von zwei Meilen gab es keinen Schmied) und hinkten so weiter nach Inverouran zu. Während der ersten halben Meile kamen wir in einen Graben und wieder heraus und verloren ein Hufeisen. Diese ganze Zeit über hörte es nicht auf zu regnen und war sehr windig, sehr kalt, sehr nebelig und auf's äußerste trübselig. So fuhren wir über den Black-Mount und kamen an eine Stelle, die wir den Tag vorher passirt hatten, wo ein reißender Fluß durch ein mit zertrümmerten Felsen gefülltes Bett fließt. Dieser Fluß nun, Sir, hatte vorigen Winter eine Brücke, aber die Brücke brach als der Thau kam und wurde seitdem nicht wieder hergestellt; die Reisenden gehen deshalb auf einer kleinen aus rohen Tannenbalken gemachten Platte hinüber, die von Felsen zu Felsen reicht und Wagen und Pferde überschreiten das Wasser an einem gewissen Punkt. Da die Platte das gerade Gegentheil von fest ist (wir hatten dies an dem vorhergehenden Tage erfahren), da sie sehr schlüpfrig ist und da man nicht im mindesten angenehm darauf steht, indem nur ein schwankes kleines Geländer sich an einer Seite befindet und an der andern nichts als der schäumende Strom, so beschloß Kate in dem Wagen zu bleiben und sich lieber den Rädern anzuvertrauen als ihren Füßen. Fletcher und ich waren ausgestiegen und der Wagen fuhr ab, als ich ihr noch einmal, wie ich schon mehreremal vorher gethan, rieth, mit uns zu kommen, denn ich sah, daß das Wasser sehr hoch ging, weil der Strom beträchtlich durch den Regen angeschwollen war, und daß der Postillon ihn während der letzten halben Stunde mit sehr betroffenen Augen betrachtet hatte. Dies bestimmte sie auszusteigen und Fletcher, sie, Tom und ich fingen an hinüberzugehen, indeß der Wagen etwa fünf Minuten stromabwärts fuhr, um eine Furth zu suchen. Die Platte schwankte so stark, daß jedesmal nur zwei hinüberkommen konnten und dann war es ein Gefühl, als wäre sie an Springfedern aufgehangen. Was den Wind und den Regen betrifft! . . . nun, dränge allen Wind und Regen, den Du je gesehen und gehört hast, in einen Sturm zusammen und Du wirst eine leise Vorstellung davon haben. Nachdem wir sicher an das gegenüberliegende Ufer gekommen waren, kam ein wilder in einen großen Plaid gehüllter Bergschotte herangeritten, in dem wir den Wirth des Gasthauses erkannten und der, ohne sich im Geringsten um uns zu kümmern, mit im Winde flatternden Plaid weiter galoppirte – und dem Postillon am gegenüberliegenden Ufer in gaelischer Sprache zuschrie und die wüthendsten Zeichen machte, wobei ein andrer wilder Mann zu Fuß, der auf einem Richteweg, knietief in Koth und Wasser, herübergekommen war, ihn unterstützte. Da wir anfingen zu sehen, was dies bedeutete, eilten wir, d. h. Fletcher und ich, ihnen nach, während der Postillon, Pferde und Wagen so tief in das Wasser tauchten, daß nur die Köpfe der Pferde und der Oberkörper des Postillons sichtbar blieben. Um die Zeit als wir sie erreichten, waren der Mann zu Pferde und der Mann zu Fuß vollständig toll vor pantomimischen Bewegungen; denn das Getöse des Wassers war so groß, daß sie eben so gut hätten stumm sein als sich durch ihr Geschrei dem Postillon verständlich machen können. Der Gedanke daran, wie mir zu Muthe gewesen sein würde, wäre Kate in dem Wagen gewesen, machte mich ganz krank. Der Wagen ging um und um wie ein großer Stein, der Postillon war blaß wie der Tod, die Pferde kämpften und platschten und schnaubten wie Seethiere und wir alle brüllten dem Kutscher zu, sich herabzuwerfen und sie und die Kutsche zum Teufel fahren zu lassen, als es plötzlich gut ging (weil sie in flaches Wasser gekommen waren) und Alle, stolpernd und triefend und von Seite zu Seite rüttelnd, ans trockene Land hinaufklommen. Ich versichre Dir, wir sahen etwas sonderbar aus, als wir uns die Gesichter abtrockneten und einander in der kleinen herumstehenden Gruppe anstarrten. Es ergab sich, daß der Mann zu Pferde uns durch ein Fernrohr beobachtet hatte, als wir an das Wasser kamen und da er wußte, daß die Stelle sehr gefährlich war und sah, daß wir mit dem Wagen hindurchwollten, in raschem Galopp herbeigeeilt war, um dem Kutscher die einzige Stelle zu zeigen, wo er übersetzen konnte. Als er herankam, war der Mann schon an einer falschen Stelle ins Wasser gegangen und kam (mit Wagen, Pferden, Gepäck und Allem) dem Ertrinken so nahe, als je ein Mensch. War das nicht ein gutes Abenteuer?«

»Wir Alle eilten dem Gasthause zu – der wilde Mann galoppirte uns voran, um ein Feuer anstecken zu lassen – und dort verzehrten wir Eier und Speck, Haferkuchen und Whiskey und wechselten die Kleider und trockneten uns. Der Ort war nichts als ein Haufen von kleinen Wirthschaftsgebäuden und in einem derselben waren fünfzig Bergschotten, sämmtlich betrunken. . . . Einige waren Viehtreiber, andere Pfeifer und noch andere Arbeiter, die in der Nähe mit dem Bau eines Jagdschlosses für Lord Breadalbane beschäftigt und durch das schlechte Wetter dorthin getrieben waren. Einer war ein Tapezierer. Er war vor drei Tagen hergekommen, um das beste Zimmer des Gasthauses zu tapezieren, ein Gemach, das ungefähr groß genug ist, um einen Neufundländer Hund darin zu halten, und war von der ersten halben Stunde nach seiner Ankunft bis auf diesen Augenblick hoffnungslos und unrettbar betrunken gewesen. Sie lagen nach allen Richtungen herum, auf Bänken, auf der Erde, auf einem Bodenraum darüber, um das Torffeuer in Plaids eingewickelt, auf den Tischen und unter den Tischen. Wir bezahlten unsere Rechnung, dankten unserm Wirth recht herzlich, gaben seinen Kindern etwas Geld und fuhren, nachdem wir eine Stunde ausgeruht, weiter. Um 10 Uhr Abends erreichten wir diesen Ort und unsre Freude war groß, als wir ein ganz englisches Gasthaus mit guten Betten (die, worin wir bis jetzt geschlafen haben, waren immer von Stroh) und aller möglicher Bequemlichkeit vorfanden. Wir frühstückten heute Morgen um halb elf und brechen um 3 Uhr nach Inverary auf, wo wir diniren werden. Der unbequemste Theil der Reise ist, wie mir scheint, vorbei und ich bin sehr froh darüber. Ich hoffe morgen einen Brief von Dir in Inverary zu finden, wenn die Post dort ankommt. Ich schrieb gestern nach Oban und bat den dortigen Postmeister, alle Briefe, die er für uns hat, nach Inverary zu befördern. Herzliche Grüße an Mac.«

Noch ein kurzer, aber in jedem Worte von Dickens edeler Natur überströmender Brief soll die schöne Reihe seiner aus Schottland geschriebenen Briefe schließen. Er war den Tag nach jenem aufregenden Abenteuer aus Inverary datirt, versprach mir noch einen Brief aus Melrose (der unglücklicherweise verloren gegangen ist) und legte die Einladung zu einem öffentlichen Festessen in Glasgow bei. »Ich habe geantwortet, daß ich wegen dringender mit meinen wöchentlichen Publikationen verknüpfter Geschäfte nach Hause zurückkehren muß und nicht bleiben kann. Aber ich habe mich erboten, an irgend einem Tage im September oder October wieder zu kommen und dann die Ehre anzunehmen. Ich werde dann mit dem Postzuge hinfahren und zurückkehren und wenn das ihnen genehm ist, mußt Du ein feierliches Gelübde bei mir eingehen, daß Du mich begleiten willst. Thu es. Du mußt. Ich bin überzeugt Du wirst. . . . Bis zu meinem nächsten Brief und auf alle Zeiten sei gesegnet! Ich empfing Deinen willkommenen Brief heute Morgen und habe ihn hundertmal gelesen. Welch eine Freude ist das! Herzliche Grüße von Kate. Ich schmachte nach Sonntag und würde jetzt nicht um zwanzig Festessen von je zwanzigtausend Personen hier bleiben.«

Facsimile von Dickens' Unterschrift »Boz«

Facsimile von Dickens' Unterschrift »Boz«

»Wird Lord John dem Parlament begegnen, oder vorher seine Entlassung einreichen?«

Ich versprach, ihn nach Glasgow zu begleiten, allein das Festessen wurde durch Krankheit verhindert.

 

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