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Achtzehntes Kapitel.

Vorabend der Reise nach Amerika.
1841.

Der Gedanke an Amerika beschäftigte ihn, wie wir sahen, als er zuerst den Plan zu der » Wanduhr« faßte, und ein sehr herzlicher Brief Washington Irving's über die kleine Nell und den »Raritätenladen«, welcher der Freude an seinen Schriften und der Sehnsucht nach ihm selbst Ausdruck gab, nebst Briefen ähnlichen Inhalts, die ihm schon seit einiger Zeit aus sämmtlichen Theilen der Vereinigten Staaten zugeströmt waren, frischten denselben von Neuem lebhaft an. Er antwortete Irving mit mehr als dessen eigener Wärme, unfähig, ihm hinreichend für sein herzliches und edles Lob zu danken oder zu sagen, welch dauernde Befriedigung dasselbe ihm gewährt habe. »Ich wollte«, fügte er hinzu, »ich könnte in Ihrem so willkommenen Briefe eine Andeutung finden, daß Sie England zu besuchen beabsichtigen. Es würde die größte Freude für mich sein, mit Ihnen nach Little-Britain und Eastcheap und Green-arbour-Court und der Westminsterabtei zu gehen, wohin ich schon Gott weiß wie oft gegangen bin. . . . Es würde mein Herz erheitern, mich mit Ihnen über all' die prächtigen Orte und Leute auszusprechen, die ich zu besuchen und von denen ich am hellen Tage zu träumen pflegte, als ich ein sehr kleiner und nicht mit übermäßiger Liebe behandelter Knabe war.« Nach dem Austausch dieser Briefe wurde die Sache häufig von Neuem in Anregung gebracht. Nach seiner Rückkehr von Schottland fing sie an, als etwas, das früher oder später irgendwie zur Ausführung kommen mußte, Gestalt zu gewinnen, und endlich ging mir, am Ende eines mit vielen unbedeutenden Dingen angefüllten Briefes, die Ankündigung doppelt unterstrichen zu.

Nachdem der Entschluß einmal gefaßt war, befand er sich in seinem gewöhnlichen Fieber, bis die der Ausführung entgegenstehenden Schwierigkeiten beseitigt waren. Die Einwände gegen die Trennung von den Kindern führte Anfangs zu dem Gedanken, sie mitzunehmen, doch dies wurde schnell aufgegeben, und was noch zu überwinden war, wurde leicht erledigt durch das freundliche Entgegenkommen Macready's, dessen Anerbietung, die Kleinen während Dickens' Abwesenheit in seinem Hause aufzunehmen, freilich nicht in vollem Umfang angenommen wurde, aber doch die Sicherheit gab, welche nöthig war, um natürliche Besorgnisse zu beruhigen. Dies Alles, mit Einschluß einer Uebereinkunft betreffs der Veröffentlichung seiner Reise-Erlebnisse, erforderte nur wenige Tage und ich las eben in meiner Wohnung einen Brief, den er an dem Tage vorher von Broadstairs geschrieben hatte, als ein an demselben Morgen von ihm in London geschriebenes Billet mich erreichte, worin er mir meldete, er befinde sich auf dem Wege zu mir und er wolle mit mir frühstücken. Er war, nachdem er seinen ersten Brief auf die Post gegeben, zu Land über Canterbury herübergekommen, hatte den Abend vorher Macready gesehen und einen Theil der Anordnungen erledigt. Diese rasche Verfahrungsweise war für ihn in allen ähnlichen Zeiten charakteristisch und wird in den folgenden Auszügen aus seinen Briefen hervortreten.

»Jetzt«, schrieb er 19. September, »werde ich Dich in Erstaunen setzen. Nachdem ich die Sache nach allen Seiten erwägt, betrachtet und überlegt habe, habe ich mich entschlossen, (so Gott will) nach Amerika zu gehen und so früh nach Weihnachten aufzubrechen, als dies ohne Gefahr geschehen kann.« Fernere Nachrichten wurden in Aussicht gestellt und eine Bitte, die im Zusammenhang mit dem Plan zu einer so weiten Reise nicht charakteristischer hätte sein können, folgte: daß wir nämlich die Schauplätze seiner Kindheit noch einmal zusammen besuchen möchten. »Am 9. October gehen wir von hier fort. Es ist ein Sonnabend. Sollte es einigermaßen schönes trocknes Wetter sein, willst Du uns dann in Rochester treffen und zwei oder drei Tage dort bleiben, damit wir alle Merkwürdigkeiten der Umgegend sehen? Bedenke Dir's. . . . Wenn Du es einrichten kannst, zu kommen, so will ich den Wagen und Topping hierher kommen lassen, und vorausgesetzt, daß Nachrichten von Glasgow uns nicht stören (was sie hoffentlich nicht thun werden), so will ich dafür sorgen, daß es uns nicht an Genuß fehlt.«

Drei Tage nach der Ankündigung seines Entschlusses wurde der Gegenstand von neuem aufgenommen. »Ich habe an Chapman und Hall geschrieben und sie um ihre Ansicht darüber gefragt und bemerkt, daß ich ein Tagebuch zu führen und dasselbe bei meiner Rückkehr für eine halbe Guinee oder so herauszugeben beabsichtige. Sie erwiederten sofort aufs wärmste und sagten, sie hätten angenommen, daß ich gehen würde und noch den Tag vorher davon gesprochen. Ich habe sie gebeten, Erkundigungen über die Fahrpreise, die Cajüten und die Zeit der Abfahrt einzuziehen, und ich werde thun was in meinen Kräften steht, Kate und die Kinder mitzunehmen. In diesem Falle werde ich mein Haus auf sechs Monate (denn so lange werde ich in Amerika bleiben) zu vermiethen suchen, und wenn mir dies gelingt, wird das Miethgeld die Kosten der Hin- und Rückreise beinahe decken. Ich habe von Familiencajüten zu 100 Pfd. St. gehört und denke, eine solche wird groß genug sein, uns Alle zu halten. Der Fahrpreis für eine einzelne Person ist, glaube ich, vierzig Guineen. Ich fürchte, ich könnte nicht glücklich sein, läge der Atlantische Ozean zwischen ihnen und mir; sie aber in New-York zu lassen, während ich einige hundert Meilen oder so weiter reiste, würde eine ganz andere Sache sein. Wenn ich mit allen meinen Plänen zum Abschluß kommen kann, ehe die Ansprache in der Wanduhr« veröffentlicht wird, werde ich dort erwähnen, daß ich gehe, was keine unwichtige Erwägung sein wird, weil sie den bestmöglichen Grund für einen langen Aufschub gewährt. Wie ich sieben oder acht Monate ohne Dich fertig werden soll, kann ich nicht fassen. Ich fürchte mich, daran zu denken, daß alle unsere alten schönen Gewohnheiten auf so lange Zeit unterbrochen werden sollen. Die Vortheile der Reise scheinen jedoch bei genauer Erwägung so groß, daß ich dahin gekommen bin, mich zu überreden, daß sie absolut nothwendig ist. Kate weint, so oft davon die Rede ist. Washington Irving hat ein häßliches schleichendes Fieber. Ich hatte vor einigen Tagen Nachricht von ihm.«

Sein nächster Brief war jene unerwartete Botschaft aus Devonshire Terrace, während ich ihn noch an der See wähnte. »Dies ist zur Nachricht, daß ich heute morgen auf meinem Wege nach Broadstairs zum Frühstück zu Dir kommen werde. Ich wiederhole es, Sir, auf meinem Wege nach Broadstairs. Denn gleich nachdem ich gestern Macready's Brief empfangen hatte, ging ich nach Canterbury und fuhr mit der Kutsche zu dem besonderen Zweck hierher, mit ihm zu sprechen, was ich zwischen 11 und 12 Uhr gestern Abend in Clarence-Terrace gethan habe. Die amerikanischen Präliminarien sind nothwendigerweise außerordentlicher Art und zerstören bei einem Menschen von meinem Temperament Ruhe, Schlaf, Appetit und Arbeit, bis sie endgültig geordnet sind. Macready hat mich in Bezug auf Zeit und so fort vollständig entschieden. Sowie ich Kate eine widerstrebende Einwilligung abgerungen habe, werde ich Plätze für uns in dem Packetschiff zum nächsten Januar bestellen. Ich habe meine Freunde nie mehr geliebt als jetzt.« Wir alle hatten seinen ersten Gedanken, die Kinder mitzunehmen, gemißbilligt und in Bezug hierauf und auf andere Punkte war die Erfahrung unsers Freundes, der die Vereinigten Staaten selbst bereist hatte, sehr werthvoll. Sein nächster zwei Tage später geschriebener Brief aus Broadstairs benachrichtigt mich von dem Resultat der Conferenz mit Macready. »Nur ein Wort. Kate ist ganz ausgesöhnt. Anne (ihre Kammerjungfer) geht mit und freut sich ungeheuer darauf. Und ich denke jetzt, daß es für mich eine größere Prüfung ist, als für irgend Jemand sonst. Der 4. Januar ist der Tag. Macready's Brief an Kate wurde auf die beste Weise aufgenommen und beantwortet. Sie spricht ganz vergnügt darüber und ist es zufrieden, daß Niemand im Hause bleibt als Fred, den sie, wie Du weißt, Alle gern haben. Er hat seine Beförderung erhalten und man gibt ihm seinen höheren Gehalt von dem Tage, an dem der Ministerialbefehl unterzeichnet wurde. Ich fühle mich so liebenswürdig, so sanft, so menschenfreundlich, so voll von Dankbarkeit und Vertrauen, daß mir zu Muthe ist wie einem kranken Manne. Und ich zähle schon die Tage, die von jetzt an bis zu meiner Heimkehr verfließen werden.«

Er sollte leider bald das sein, womit er sich verglich. Ich traf ihn verabredetermaßen zu Ende September in Rochester, wir brachten dort einen Tag und eine Nacht zu, einen Tag und eine Nacht in Cobham und dessen Umgegend, wo wir in der »Ledernen Flasche« schliefen und einen Tag und eine Nacht in Gravesend. Aber wir waren kaum nach London zurückgekehrt, als einige leichte Symptome körperlicher Beschwerden eine ernstere Form annahmen und eine Krankheit folgte, die eine wundärztliche Operation nothwendig machte. Diese Umstände, auf die bereits oben hingedeutet wurde, schoben nothwendigerweise das Festessen in Glasgow auf und kaum hatte er das Krankenzimmer verlassen, als ihn ein Schmerz traf, der ihn bis in die Tiefe des größten Kummers seines Lebens bewegte; und was noch von seiner eignen Krankheit übrig blieb, schien vor der Nothwendigkeit, sich für Andre zu bemühen, dahin zu schwinden.

Der jüngere Bruder seiner Frau starb mit derselben unerwarteten Plötzlichkeit wie früher ihre jüngere Schwester, und dies Ereigniß war fast unmittelbar auf den Tod der Mutter Mrs. Hogarths, während eines Besuches bei ihrer Tochter und Mr. Hogarth, gefolgt. »Da keine Schritte hinsichtlich des Begräbnisses gethan waren«, schrieb er am 25. October, als Antwort auf meine Anerbietung von Diensten, die ich etwa leisten könnte, »hielt ich es für das Beste, die Sache sofort in die Hand zu nehmen, und selbst Du hättest mir den Gang nach dem Kirchhofe nicht ersparen können. Es ist ein großer Schmerz für mich, Mary's Grab herzugeben, größer als ich es auszudrücken vermag. Ich dachte daran, sie nach den Katakomben bringen zu lassen und nichts davon zu sagen, dann aber erinnerte ich mich, daß die arme alte Dame auf ihren eignen Wunsch neben ihr begraben wird und konnte nicht das Herz fassen, sowie sie in die Erde versenkt ist, ihre Enkelin von ihr zu entfernen. Das Verlangen, bei ihr begraben zu werden, ist bei mir noch ebenso stark, als vor fünf Jahren, und ich weiß (denn ich glaube nicht, daß es je eine Liebe gab wie die, welche ich zu ihr fühle), daß es nie abnehmen wird. Ich fürchte, ich kann nichts thun. Glaubst Du daß es möglich ist? Sie würden sie am Mittwoch entfernen, wenn ich mich entschließen sollte, es thun zu lassen. Ich kann den Gedanken, von ihrem Staube ausgeschlossen zu sein, nicht ertragen, und doch fühle ich, daß ihre Geschwister und ihre Mutter ein besseres Recht haben, an ihrer Seite zu ruhen, als ich. Es ist nur ein Gedanke. Ich denke weder noch hoffe ich (was Gott verhüte), daß unsere Geister sich je dort vereinigen werden. Ich sollte Herr darüber werden, aber es ist sehr schwer. Ich habe dies nie bedacht und nun es so plötzlich, und nachdem ich krank gewesen, kommt, regt es mich tiefer auf als es sollte! Es ist, als verlöre ich sie zum zweitenmale.« . . . . »Nein«, schrieb er am Morgen darauf, »ich habe das versucht. Nein, es ist auf beiden Seiten keine Stelle frei. Ich muß es aufgeben. Ich will am Donnerstag Morgen hinfahren, ehe sie dort ankommen und ihren Sarg sehen.«

Er litt mehr als er merken ließ und mußte wieder mehrere Tage das Zimmer hüten. Am 2. November meldete er, er sei besser und werde auf ärztlichen Rath nach Richmond gehen, das er etwa eine Woche später mit dem »Weißen Hirsch« in Windsor vertauschte, wo ich einige Tage mit ihm, seiner Frau und deren jüngerer Schwester Georgina zubrachte. Aber erst gegen das Ende des Monats konnte er von sich sagen, daß er wieder ganz fest auf den Füßen stehe, in dem gewöhnlichen Zustand, dessen er sich zu rühmen pflegte: kerzengerade, fest in den Knieen, ein tiefer Schläfer, ein tüchtiger Esser, ein guter Lacher und in keiner Weise abgefallen, »mit Ausnahme einer gelegentlichen kleinen Schwäche und nervösen Aufregung«.

Am Ende des Jahres verlebten wir mehrere sehr genußreiche Tage. Landor kam zu der Taufe seines Pathen von Bath herüber, und die »Britannia«, die uns die Reisenden im Januar entführen sollte, brachte ihnen im Dezember alle möglichen Herzlichkeiten, Hoffnungen und Entgegenstrecken von Händen, zum Zeichen des sie erwartenden Willkommens. Am Sylvester-Abend speisten sie bei mir und am Neujahrstage ich bei ihnen; dann (sein Haus war für die Zeit seiner Abwesenheit an den General Sir John Wilson vermiethet) versiegelten wir seinen Weinkeller, nachdem wir zu Ehren der Ceremonie einige Flaschen mussirenden Moselweins darin geöffnet und denselben an Ort und Stelle auf seine glückliche Heimkehr getrunken hatten. Am folgenden Morgen (es war ein Sonntag) begleitete ich sie nach Liverpool; Maclise konnte wegen des plötzlichen Todes seiner Mutter nicht mit. Der dazwischen liegende Tag ist in seinem amerikanischen Buche humoristisch beschrieben und am 4ten segelten sie ab. »Wie wenig dachte ich« (so lauteten die letzten Zeilen seines ersten Briefes aus Amerika), »als Du den formlosen Rock zum erstenmal anzogst, daß ich zu seinem Rücken in so traurige Beziehung treten sollte, wie damals, als ich ihn bei dem Räderkasten des kleinen Dampfboots sah.«

 

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