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Zwanzigstes Kapitel.

Spätere Amerikanische Eindrücke.
1842.

Sein zweiter Brief, stralend von derselben freundlichen Wärme, die seinem Genius immer so hohen Reiz verlieh, war vom 14. Februar aus dem Carlton-Hotel in New-York datirt, aber die einzige darin enthaltene Anspielung von öffentlichem Interesse war der Beginn seiner Agitation zu Gunsten eines internationalen Vertrags zum Schutze des literarischen Eigenthums. Er ging mit keiner ausdrücklichen Absicht nach Amerika, diese Frage irgendwie anzuregen, und ganz gewiß nicht mit dem Glauben, daß Bemerkungen, wie sie ein Mann in seiner Lage allein darüber machen konnte, von irgend einer Classe des amerikanischen Volkes übel aufgenommen werden würden. Aber er blieb über diesen Punkt nicht lange in Zweifel. Er hatte zweimal öffentlich darüber gesprochen, »zum großen Unwillen einiger der hiesigen Zeitungsredakteure, die mich dafür auf allen Seiten angreifen.« Dagegen hatten alle angesehensten Männer ihm versichert, daß, wenn nur in England die Agitation fortgesetzt würde, der gegen das bestehende Gesetz geführte Schlag eine Aenderung hervorbringen könne und der angenehmen Hoffnung nachgebend, daß die besten Männer den schlechtesten gewachsen seien, drang er in mich, so viele Kräfte für seine Seite anzuwerben als möglich, und besonders, da er Scott's Ansprüche zu seinem Schlachtruf gemacht hatte, Lockhart Lockhart war der Schwiegersohn Sir Walter Scott's und sein Biograph. Außerdem hatte er um jene Zeit bedeutenden Einfluß als Herausgeber der Quarterly Review. – D. Uebers. ins Feld zu bringen. Ich konnte nicht viel thun, that aber was ich konnte.

Drei Tage später fing er einen andern Brief an, und da dieser dem Leser ganz neu sein wird, lasse ich ihn so folgen, wie er mich erreichte, mit Ausnahme einiger auf mich selbst bezüglichen Stellen, die ich, obschon widerstrebend, es für meine Pflicht halte, in allen diesen Auszügen zu unterdrücken. Weder die persönlichen noch die auf den internationalen Vertrag zum Schutze des literarischen Eigenthums bezüglichen Details dieses Briefes ließen sich für die »Noten« gebrauchen. Sie wurden von denselben ausgeschlossen durch die beiden Regeln, die er in diesem Buche beobachtete: einmal, über die Diskussion des internationalen Vertrags ganz zu schweigen, und sodann sich jeder Erwähnung von Personen zu enthalten. Aber die Verletzung dieser beiden Regeln kann jetzt keinen Schaden mehr thun; denn, wie Sydney Smith mit seiner humoristischen Traurigkeit sagte: ›Wir sind jetzt alle todt.‹

»Carlton-House, New-York, Donnerstag, 17. Februar 1842. . . . . . Da morgen ein Segelschiff von hier nach England abgeht, das (von den Eigenthümern) für einen wunderbar schnellen Segler erklärt wird, und da es höchst wahrscheinlich die Heimath (ich schreibe das Wort mit Pein) vor dem Cunard-Dampfer vom nächsten Monat erreichen wird, setze ich mich zum Schreiben hin. Und falls dieser Brief Dich vor einem andern Brief erreichen sollte, den ich am vorigen Monat von hier abschickte, laß mich Dir zunächst sagen, daß ich an jenem Tage eine kurze Epistel an Dich abgeschickt habe, sammt einer Zeitung und einer Broschüre über den Boz-Ball, und daß ich auf dem Postamt in Boston eine andre Zeitung für Dich abgegeben habe, mit einem Bericht über das Festessen, das, wie Du Dich erinnern wirst, grade stattfinden sollte, als ich Dir aus jener Stadt schrieb.

»Es ging äußerst prächtig dabei her und die Reden waren bewunderungswürdig. In der That gehört das allgemeine Talent für öffentliches Reden hier zu den auffallendsten Dingen, die sich der Beachtung eines Engländers aufdrängen. Da ein Jeder ein Congreßmitglied zu werden hofft, so bereitet ein Jeder sich darauf vor; und das Resultat ist höchst überraschend. Du wirst eine sonderbare Gewohnheit bemerken: die Trinksprüche auf Gefühlsausdrücke. Bei uns ist dies ganz erloschen, aber hier wird es als etwas ganz Selbstverständliches erwartet, daß Jedermann mit einem Epigramm bei der Hand ist.

»Wir verließen Boston am 5ten, zusammen mit dem Gouverneur der Stadt, bei dem wir bis Montag in seinem Hause in Worcester wohnten. Er ist mit einer Schwester Bancroft's verheirathet und eine andre Schwester Bancroft's begleitete uns. Das Dorf Worcester ist eins der hübschesten in Neu-England. Montag Morgen um 9 Uhr fuhren wir mit der Eisenbahn weiter nach Springfield, wo eine aus zwei Personen bestehende Deputation uns erwartete und Alles, was die äußerste Aufmerksamkeit thun konnte, in Bereitschaft war. Wegen der Milde des Wetters war der Connecticutfluß ›offen‹, nämlich nicht gefroren und man hatte ein Dampfboot bereit, uns weiter nach Hartford zu bringen, wodurch uns eine Landreise von nur fünf Meilen erspart wurde, aber auf Straßen, auf denen sie um diese Jahreszeit fast zwölf Stunden dauern würde. Das Boot war sehr klein, der Fluß voll von schwimmenden Eisblöcken, und die Tiefe, in der wir fuhren (um das Eis und die Strömung zu vermeiden) nicht größer als einige Zoll. Nach drittehalb Stunden dieses seltsamen Reisens kamen wir nach Hartford. Dort fanden wir ein ganz englisches Gasthaus (mit Ausnahme der Schlafzimmer, die immer ungemüthlich sind) und das beste Verwaltungscomité, das uns bis jetzt vorgekommen ist. Sie ließen uns mehr Ruhe und waren rücksichtsvoller und aufmerksamer, sogar bis auf ihre eigne Ausschließung, als irgend ein andres Comité, mit dem ich bis jetzt zu thun gehabt habe. Da Kate furchtbar an Gesichtsschmerzen litt, beschloß ich, ihr hier Ruhe zu geben und schrieb aus diesem Grunde nach Newhaven, um mich meines dortigen Engagements zu entledigen. Wir blieben in dieser Stadt bis zum 11ten und hielten jeden Tag zwei Stunden ein förmliches Levée und empfingen bei jedem 2–300 Leute. Um 5 Uhr am Nachmittage des 11ten fuhren wir (wieder mit der Eisenbahn) nach Newhaven, das wir um 8 Uhr erreichten. Sowie wir Thee gehabt hatten, wurden wir gezwungen, noch ein Levée für die Professoren und Studenten der Universität (der größten in den Vereinigten Staaten) und für das Stadtvolk zu eröffnen. Ich glaube wir schüttelten, ehe wir zu Bett gingen, viel mehr als 500 Leuten die Hände und ich stand natürlich während der ganzen Zeit . . .

»Nun hatte die Deputation von zwei Personen uns von Hartford hierher begleitet und in Newhaven war ein andres Comité, und die ungeheure Ermüdung und Abhetzung durch dies alles können keine Worte übertreiben. Am Morgen hatten wir Gefängnisse und Anstalten für Blinde und Taubstumme besichtigt, hatten unterwegs an einem andern Orte Namens Wallingford angehalten, wo eine ganze Stadt herausgekommen war um mich zu sehen und wo der Zug besonders anhielt, um deren Neugier zu befriedigen, hatten am Donnerstag (dies war Freitag) einen sehr aufregenden und anstrengenden Tag verlebt und waren unsäglich abgemattet. Und als wir endlich zu Bette gingen und grade einschlafen wollten, erschienen die Chorknaben des Collegs in Massen unter unsern Fenstern und brachten uns eine Serenade. Wir hatten beiläufig gesagt auch in Hartford eine Serenade gehabt von einem Mr. Adams (einem Neffen von John Quincey Adams) und einem deutschen Freunde. Das waren prächtige Sänger, und als sie in der tiefen Stille der Nacht, in einem langen, musikalischen, wiederhallenden Gange vor unserer Kammerthür zu singen anfingen, mit leiser Stimme, zu Guitarrenbegleitung, von der Heimath und abwesenden Freunden und andern Dingen, die, wie sie wußten, unsere Theilnahme erregen würden, waren wir tiefer bewegt als ich sagen kann. Mitten in meiner Sentimentalität kam mir jedoch ein Gedanke, der mich so unmäßig lachen machte, daß ich mir das Gesicht mit den Betttüchern bedecken mußte. ›Guter Gott!‹ sagte ich zu Kate, ›was für einen entsetzlich lächerlichen und alltäglichen Anblick müssen meine Stiefel vor der Thüre darbieten!‹ Ich war nie in meinem ganzen Leben so von einem Gefühl der Absurdität von Stiefeln durchdrungen gewesen.

»Die Serenade in Newhaven war nicht so gut, obgleich sehr viele Stimmen da waren und ein reguläres Orchester. Sie hatte nicht das Herz der andern. Ehe es 6 Uhr war, kleideten wir uns nach Leibeskräften an und machten uns zur Abreise fertig, denn man fährt zwanzig Minuten bis ans Dampfboot und die Stunde der Abfahrt war 9 Uhr. Nach einem eiligen Frühstück brachen wir auf und nach einem neuen Levée auf dem Verdeck (thatsächlich auf dem Verdeck) und ›dreimal drei Cheers für Dickens‹, segelten wir nach New-York ab.

»Ich freute mich sehr, einen Mr. Felton an Bord zu finden, den ich in Boston gekannt hatte. Er ist Professor des Griechischen in Cambridge und befand sich auf dem Wege nach dem Ball und dem Festessen. Wie die meisten Männer seiner Classe, die ich gesehen habe, ist er ein prächtiger Mensch – einfach, herzlich, lebendig und heiter, ganz ein Engländer der besten Art. Wir tranken sämmtlichen an Bord befindlichen Porter, aßen allen kalten Schweinebraten und Käse und waren sehr vergnügt. Ich hätte Dir an der passenden Stelle erzählen sollen, daß sowohl in Hartford als in Newhaven von den Comité's eine förmliche Bank unterzeichnet wurde, für alle meine Ausgaben. Es war unmöglich, die Rechnung an der Barre zu bekommen und Alles war schon bezahlt. Aber da ich dies unter keinen Umständen zulassen wollte, weigerte ich mich fest und entschieden, einen Zoll vom Flecke zu weichen, ehe Mr. O. die Rechnungen aus des Wirthes eigner Hand empfangen und bis auf den letzten Heller bezahlt haben würde. Da man fand, daß es unmöglich sei, mich fortzubringen, ließ man mich endlich sehr ungern meinen Willen haben.

»Um halb drei kamen wir hier an. Eine halbe Stunde später erreichten wir dies Hotel, wo eine höchst glänzende Reihe von Zimmern für uns bereit war und wo Alles sehr comfortabel und ohne Zweifel (wie in Boston) ungeheuer theuer ist. Grade als wir uns zum Essen hinsetzten, erschien David Colden, und als er fort war und wir unsern Wein tranken, kam Washington Irving ganz allein und mit offenen Armen herein. Und hier blieb er bis 10 Uhr Abends. Nachdem ich so weit gekommen bin, will ich meine Erzählung in vier Abschnitte eintheilen. Erstens der Ball. Zweitens einige kleine Proben einer gewissen Phase des amerikanischen Charakters. Drittens der internationale Vertrag zum Schutze des literarischen Eigenthums. Viertens mein Leben hier und meine Pläne für die Zeit meines Hierseins.

»Erstens der Ball. Er fand vorigen Montag statt ( vide die Broschüre). Pünktlich um ein viertel auf 10 (ich citire das gedruckte Programm) ›machten David Colden, Esq., und General George Morris uns ihre Aufwartung‹; gekleidet, der erstere in volles Ballkostüm, der letztere in die Gala-Uniform der Himmel weiß was für eines Miliz-Regiments. Der General führte Kate, Colden reichte mir den Arm und wir begaben uns die Treppe hinunter in einen an der Thüre haltenden Wagen, der uns an die Bühnenthür des Theaters brachte, zur großen Enttäuschung einer ungeheuren Volksmenge, welche die Hauptthür belagerte und einen furchtbaren Lärm machte. Das Schauspiel bei unserm Eintritt war sehr merkwürdig. Es waren dreitausend Leute in voller Toilette zugegen, vom Dach bis zum Fußboden war das Theater prachtvoll dekorirt und das Licht, das Glitzern, der Glanz, das Gepränge, der Lärm und das Beifallsrufen machen mein beschreibendes Talent zu Schanden. Man führte hinein uns durch die Mitte der mittleren Hauptloge, deren Fronte zu diesem Zwecke abgenommen war; von dort hinter die Bühne, wo der Mayor und andre Würdenträger uns empfingen, und dann paradirte man uns um den ganzen gewaltigen Ballsaal herum, zweimal, zur Befriedigung der vielköpfigen Menge. Nachdem dies vorüber war, fingen wir zu tanzen an – der Himmel weiß, wie wir es machten, denn es war kein Raum da. Und wir fuhren fort zu tanzen, bis wir, unfähig uns länger auf den Füßen zu halten, ruhig hinaus schlüpften und nach unserm Hotel zurückkamen. Alle mit diesem außerordentlichen (hier ganz beispiellosen) Feste verknüpften Dokumente haben wir aufbewahrt; Du wirst Dir daher vorstellen können, daß wir in Bezug hierauf allein Dir genug werden zu zeigen haben, wenn wir nach Hause kommen. Die Speiseliste für das Souper ist an Masse und Umfang eine wahre Curiosität.

»Was nun die Phase des amerikanischen Charakters angeht, die mich am meisten belustigt, so wurde dieselbe mir in ihrer belustigendsten Gestalt durch die diese Angelegenheit begleitenden Umstände vorgeführt. Ich hatte sie schon vorher und habe sie seitdem beobachtet, aber ich kann sie nicht besser erläutern, als mit Beziehung auf dies Thema. Ich kann natürlich Nichts thun, was nicht in einer oder der andern Form in die Zeitungen kommt. Alle möglichen Lügen kommen da hinein und zuweilen eine Wahrheit, so verdreht und entstellt, daß sie ebensoviel Aehnlichkeit mit der wirklichen Thatsache hat als Quilp's Bein mit Taglioni's. Aber da dieser Ball bevorstand, waren die Zeitungen wo möglich noch mehr als gewöhnlich geschwätzig, und in ihren Berichten über mich und was ich am Sonnabend Abend und Sonntag vorher gesehen, gesagt und gethan, beschreiben sie meine Manieren, meine Redeweise, meine Kleidung und so fort. Indem sie dies thun, berichten sie, daß ich ein allerliebster Mensch bin (natürlich) und stellen sich auf äußerst vertraulichen Fuß mit mir, ›was‹, sagen sie, ›zuerst einige Modehelden amüsirte‹, ihnen aber bald ungeheuer gefiel. Eine andre nach dem Ball erschienene Zeitung verweilt bei seiner Pracht und seinem Glanz, thut sich und ihren Lesern für Alles, was Dickens gesehen, etwas zu Gute und schließt, indem sie im Ernst ihre Ueberzeugung ausdrückt, daß Dickens in England nie in solcher Gesellschaft gewesen sei, wie er sie in New-York gesehen und daß ihr hoher und ausgezeichneter Ton nicht ermangeln kann, einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüth hervorzubringen! Aus demselben Grunde werde ich, so oft ich vor dem Publikum erscheine, als ›sehr blaß‹ geschildert, ›anscheinend vom Donner gerührt‹ und von Grund aus verwirrt durch Alles was ich sehe. . . . Du erkennst die wunderliche Eitelkeit, die diesem Allen zu Grunde liegt? Ich habe eine Menge darauf bezüglicher Geschichten, mit denen ich Dich erheitern werde, wenn ich zurückkehre.«

 
24. Februar.        

»Es ist unnöthig zu sagen, daß dieser Brief nicht mit dem Segelboot abgegangen ist und mit dem Cunardschiff abgehen wird. Nach dem Ball hatte ich eine sehr schlimme Halsentzündung, die mich vier volle Tage an's Haus fesselte, und da ich außer Stande war zu schreiben, oder in der That irgend etwas zu thun als hinzuträumen und Limonade zu trinken, versäumte ich das Schiff. . . . Ich habe noch eine schreckliche Erkältung, ebenso wie Kate, aber übrigens geht es uns wohl. Ich wende mich nun zu meiner dritten Abtheilung: dem internationalen Vertrage zum Schutz des literarischen Eigenthums.

»Ich glaube, es existirt kein Land auf der Erde, wo weniger Meinungsfreiheit in Bezug auf Gegenstände herrscht, über die eine bedeutende Meinungsverschiedenheit besteht, als in diesem. Ich schreibe diese Worte mit Widerstreben, Enttäuschung und Schmerz, aber ich glaube daran vom Grund meiner Seele. Ich redete, wie Du weißt, über den internationalen Schutz des literarischen Eigenthums in Boston und ich redete wieder davon in Hartford. Meine Freunde waren wie vom Schlage gerührt, vor Staunen über ein so kühnes Wagniß. Der Gedanke, daß ich, allein für mich in Amerika, es wagte, den Amerikanern anzudeuten, daß es einen Punkt gebe, worin sie weder gegen ihre eignen Landsleute noch gegen uns gerecht seien, machte die Kühnsten stumm. Washington Irving, Prescott, Hoffmann, Bryant, Halleck, Dana, Washington Allston – alle Schriftsteller Amerikas sind der Sache ergeben und nicht ein einziger wagt, seine Stimme zu erheben und sich über den schauderhaften Zustand des Gesetzes zu beklagen. Es ist Nichts, daß ich von allen lebenden Menschen am meisten dabei verliere. Es ist Nichts, daß ich einen Anspruch darauf habe, zu sprechen und gehört zu werden. Das Wunder ist, daß sich ein lebendiger Mensch findet, der Vermessenheit genug besitzt, den Amerikanern vorzustellen, daß sie im Unrechte sind. Ich möchte, Du hättest die Gesichter sehen können, die ich zu beiden Seiten des Tisches in Hartford sah, als ich über Scott zu sprechen anfing. Ich wollte, Du hättest hören können, wie ich damit herauskam. Mein Blut kochte so in dem Gedanken an die monströse Ungerechtigkeit, daß mir war, als wäre ich zwölf Fuß hoch, als ich es ihnen die Kehlen hinunterstopfte.

»Ich hatte kaum jene zweite Rede gehalten, als ein Geschrei anfing (um mich abzuschrecken, in dieser Stadt dasselbe zu thun), wovon ein Engländer sich keine Vorstellung machen kann. Anonyme Briefe, mündliche Abrathungen, Angriffe in den Zeitungen, die Colt (einen Mörder, der hier große Aufmerksamkeit erregt) im Vergleich zu mir als einen Engel erscheinen lassen, Behauptungen, ich sei kein Gentleman, sondern nichts als ein feiler Schurke, verbunden mit den unerhörtesten Mißdeutungen über die Absicht und den Zweck meines Besuchs in den Vereinigten Staaten, strömten tagtäglich auf mich ein. Das Festessen-Comité (das, wie Du Dich erinnern mußt, aus den ersten Männern Amerikas besteht), wurde dadurch so in Schrecken gesetzt, daß sie mich anflehten, die Sache nicht weiter zu verfolgen, obgleich sie ohne Ausnahme mit mir übereinstimmten. Ich antwortete, ich würde sie weiterführen; nichts würde mich davon abschrecken . . . die Schmach sei die ihre, nicht die meine und daß, da ich sie nicht schonen würde, wenn ich in meine Heimath zurückkehrte, ich mich auch hier nicht zum Schweigen würde bringen lassen. Als daher der Abend herankam, machte ich mein Recht geltend, mit allen Mitteln die mir zu Gebote standen, um ihm in Ausdruck, Haltung und Worten Würde zu verleihen und ich glaube, hättest Du mich sehen und hören können, so würdest Du mich darum mehr geliebt haben als je zuvor.

»Der › New York Herald‹, den Du zugleich mit diesem Briefe erhalten wirst, ist der › Satirist‹ von Amerika; aber da er eine sehr große Verbreitung hat (wegen seiner Handelsnachrichten und weil er alle Neuigkeiten früh bringt), kann er sich die besten Berichterstatter halten. . . . Meine Rede ist im Ganzen mit bemerkenswerther Genauigkeit wiedergegeben. Es sind viele Druckfehler darin und durch die Auslassung einiger Worte, oder die Substituirung eines Wortes für das andere, wird sie oft wesentlich geschwächt. So sagte ich nicht, daß ich mein Recht ›beanspruchte‹, sondern daß ich es ›behauptete‹, und ich sagte nicht, daß ich ›einen Anspruch‹, sondern ›einen höchst gerechten Anspruch‹ hätte, zu sprechen. Aber im Ganzen ist es sehr correct.«

*

Washington Irving führte bei diesem Festessen den Vorsitz und wie er von Anfang an gefürchtet hatte, daß er in seiner Rede stecken bleiben würde, so geschah es. Neben ihm saß der Professor aus Cambridge, der mit Dickens zu Schiff von Newhaven gekommen war, mit dem er bereits eine warme Freundschaft geschlossen hatte, welche fürs Leben dauerte und der den Vorgang angenehm beschrieben hat. Mr. Felton sah Irving beständig in der Zwischenzeit der Vorbereitung und konnte nicht umhin, bei seiner täglich wiederholten Vorahnung des ich werde jedenfalls stecken bleiben, zu verzagen, obgleich außer der wirklichen Furcht ein geheimer Humor mit unterlief, der den grillenhaften Schrecken derselben durch unwiderstehliche Komik erhöhte. Aber der Professor faßte ein wenig Hoffnung als der Abend herankam und als er sah, daß Irving das Manuscript seiner Rede unter seinen Teller gelegt hatte. Dennoch hörte man während des Essens wieder sein altes vorahnendes Wort und endlich war der Moment gekommen; Irving erhob sich und der betäubende und lang fortgesetzte Beifall minderte seine Befürchtungen nicht. Er fing in seiner angenehmen Stimme an, kam ziemlich leicht durch zwei oder drei Sätze, aber bei dem nächsten zögerte er und nach einigen Versuchen fortzufahren, gab er es auf, mit einer hübschen Anspielung auf das Tournier und die Schaaren der Ritter, die alle bewaffnet dem Kampfe entgegenharrten und endete mit dem Toast: Charles Dickens, der Gast des Volkes. Da! sagte er, indem er seinen Platz wieder einnahm, unter ebenso großem Beifall als demjenigen, welcher ihn beim Aufstehn begrüßt hatte, da! ich sagte Ihnen, ich würde stecken bleiben und ich bin stecken geblieben. Einige Monate später war er in London, auf dem Wege nach Spanien und ich hörte Thomas Moore an Rogers' Tisch erzählen, wie viel Mühe es wegen jenes Steckenbleibens gekostet habe, ihn zu überreden, daß er an dem Festessen des Royal Literary fund, bei dem Prinz Albert den Vorsitz führte, theilnahm. »Ich sagte ihm jedoch«, bemerkte Moore, »er möge nur einige Worte versuchen, und schlug ihm vor, welcher Art sie sein sollten und er sagte, etwas so Leichtes sei ihm nie in den Sinn gekommen, und er ging hin und machte es vortrefflich.« Ich wußte sehr gut, indem ich Moore zuhörte, daß dies nicht der Fall gewesen war; aber da der berühmte Amerikaner sich diesmal nicht unter den Rednern von New-York, sondern unter Männern befunden hatte, die ebenso wenig öffentlich reden konnten, als er selbst, und gleich befähigt waren, etwas besseres zu thun, Das Festessen fand am 10. Mai statt und am folgenden Morgen erhielt ich von Blanchard einen Brief darüber, der die folgenden Worte enthielt: Washington Irving konnte vor Zittern kein Wort hervorbringen und Moore war so klein wie gewöhnlich. Aber der arme Thomas Campbell, großer Gott, welch ein Schauspiel! Unter schallendem Gelächter fing er dreimal einen Satz an über etwas, das Dugald Steward oder Lord Bacon gesagt hatten, und kam nie über diese Worte hinaus. Der Prinz war vortrefflich, obgleich verteufelt bange. Er scheint ebenso einfach und liebenswürdig, als gescheidt. war er ohne Zweifel mehr mit seinem Mangel an Erfolg ausgesöhnt. Was mich zu dieser Abschweifung veranlaßt hat, ist Dickens' Schweigen über den Mißerfolg seines Freundes. Er hatte eine so große Liebe zu Irving, daß es ihm schmerzlich war, irgendwie in nachtheiliger Weise von ihm zu reden, und über das Festessen in New-York schrieb er nur im Zusammenhang mit seinen eigenen Reden über den Vertrag zum Schutze des literarischen Eigenthums.

*

»Die Wirkung dieser ganzen Agitation für den Schutz des literarischen Eigenthums ist wenigstens die gewesen, daß eine große Bewegung auf beiden Seiten des Gegenstandes hervorgerufen ist, und daß die respectabeln Zeitungen und Zeitschriften ebenso entschieden zu meinen Gunsten Partei ergriffen haben, als die andern gegen mich. Einige der Vagabunden rechnen es sich sehr zum Verdienste an, (gieb uns Geduld!) daß sie mich populär gemacht haben, indem sie meine Bücher in den Zeitungen veröffentlichten: als gäbe es kein England, kein Schottland, kein Deutschland, kein Land außer Amerika in der ganzen Welt. Eine köstliche Satyre auf diese Art von Gewäsch hat soeben stattgefunden. Ein Mann kam gestern hierher und forderte, bat nicht, sondern forderte, Geldhülfe und machte Mr. O. eine förmliche Scene darüber. Als ich nach Hause kam, dictirte ich einen Brief des Inhalts: daß solche Gesuche mich tagtäglich in großer Zahl erreichten, daß ich, auch wenn ich ein Mann von Vermögen wäre, nicht Allen Beistand gewähren könne, die mich darum angingen und daß ich, da ich hinsichtlich des Beistandes, den ich zu gewähren vermöge, von meinen eignen Anstrengungen abhänge, ihm zu meinem Bedauern keinen solchen könne zu Theil werden lassen. Hierauf setzt mein Herr sich hin und schreibt mir, daß er ein hausirender Buchhändler sei, daß er der Erste gewesen, der meine Bücher in New-York verkauft habe, daß er Noth leide in der Stadt, wo ich in Wohlleben schwelge, daß es ihm seltsam vorkomme, daß der Mann, der » Nickleby« geschrieben, ohne jedes Gefühl sei und ›daß ich mich hüten soll, daß ich es nicht einmal bereue‹. Was denkst Du davon? – wie Mac sagen würde. Ich hielt es für einen so guten Commentar, daß ich den Brief an den Redacteur der einzigen hier erscheinenden englischen Zeitung geschickt und ihm gesagt habe, daß er ihn drucken kann wenn er will.

Ich will Dir sagen was ich möchte, mein lieber Freund, immer vorausgesetzt, daß Dein Urtheil mit meinem übereinstimmt, und daß Du Dir die Mühe machen wolltest, ein solches Document zu beschaffen. Ich möchte, daß die englischen Schriftsteller, welche die Petition um einen internationalen Vertrag zum Schutze des literarischen Eigenthums unterzeichnet haben, einen kurzen Brief an mich richteten, worin sie ihre Meinung ausdrückten, daß ich in dieser Sache meine Pflicht gethan habe. Ich glaube, ich verdiene es, aber ich wünsche es nicht aus diesem Grunde. Ich wünsche es, weil die Veröffentlichung eines solchen Briefes in den besten hiesigen Journalen ohne Frage eine gute Wirkung hervorbringen würde. Da der Handschuh einmal hingeworfen ist, laß uns damit vorangehen. Clay hat expreß einen Herrn von Washington (wo ich am 6ten oder 7ten nächsten Monats sein werde) an mich abgesandt, um sein lebhaftes Interesse an der Sache, seine aufrichtige Billigung des ›mannhaften‹ Verfahrens, das ich in Hinsicht darauf verfolgt, und seinen Wunsch, sich wo möglich daran zu betheiligen, kundzuthun. Ich habe ein solches Feuer angeschürt, daß ein Meeting der angesehensten Vertreter der Gegenpartei (in Bezug auf mich persönlich, wie ich zugeben muß, sehr respectvoll und angemessen) neulich Abends in dieser Stadt abgehalten wurde. Und es wäre jammerschade, wenn wir nicht so hart zuschlagen als wir können, jetzt da das Eisen heiß ist.

»Ich bin endlich, und es ist ganz Zeit dazu, bei meinem hiesigen Leben und bei meinen Plänen für die Zukunft angelangt. Ich kann nichts thun, was ich thun möchte, nirgends hingehen, wohin ich gehen möchte, und nichts sehen, was ich sehen möchte. Wenn ich in die Straße hinausgehe, folgt mir die Menge. Wenn ich zu Hause bleibe, machen die Besucher das Haus zu einem Markt. Wenn ich mit meinem einzigen Freunde ein öffentliches Institut besuche, kommt eine unmäßige Zahl von Directoren, verlegt mir im Hofe den Weg und richtet an mich eine lange Rede. Ich gehe Abends in eine Gesellschaft und werde, wo ich auch stehen mag, so von Leuten eingeschlossen und bedrängt, daß ich aus Mangel an Luft erschöpft bin. Ich dinire außer Hause und muß mit Jedermann über Alles reden. Ich gehe, um Ruhe zu finden, in die Kirche, und in der Nähe des Stuhls, wo ich sitze, findet ein heftiges Gedränge statt und der Geistliche predigt mich an. Ich nehme meinen Sitz in einem Eisenbahnwagen und selbst der Zugführer läßt mich nicht in Ruhe. Ich steige an einer Station aus und kann kein Glas Wasser trinken, ohne daß hundert Leute mir in die Kehle hinuntersehen, wenn ich den Mund zum Schlucken öffne. Stelle Dir vor, was das Alles ist. Dann kommen mit jeder Post Briefe über Briefe an, alle über Nichts und alle mit der Forderung einer umgehenden Antwort. Dieser Mann ist beleidigt, weil ich nicht in seinem Hause wohnen will, und jener ist völlig angeekelt, weil ich nicht mehr als viermal an einem Abend ausgehen will. Ich habe keine Ruhe und keinen Frieden und befinde mich in einer beständigen Plackerei.

Unter diesen fieberischen Zuständen, welche das hiesige Klima ganz besonders befördert, bin ich zu dem Entschluß gekommen, daß ich (soweit mein Wille bei der Sache betheiligt ist) während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten keine öffentlichen Unterhaltungen oder öffentlichen Anerkennungen irgend welcher Art mehr annehmen will, und in Folge dieses Entschlusses habe ich Einladungen aus Philadelphia, Baltimore, Washington, Virginien, Albany und Providence abgelehnt. Der Himmel weiß, ob dies zweckdienlich sein wird, aber ich werde es bald sehen, denn am Montag Morgen, den 28sten, reisen wir nach Philadelphia ab. Dort werde ich nur drei Tage bleiben. Von dort gehen wir nach Baltimore und auch dort werde ich nur drei Tage bleiben. Von dort nach Washington, wo wir vielleicht zehn Tage bleiben werden, vielleicht nicht so lange. Von dort nach Virginien, wo wir uns für einen Tag aufhalten mögen, und von dort nach Charleston, wo wir vielleicht eine Woche bleiben und wo wir sehr wahrscheinlich bleiben werden, bis Deine Märzbriefe uns durch David Colden erreichen. Ich hatte einen Plan, von Charleston nach Columbia in Süd-Carolina zu gehen und dort eine Kutsche, einen Gepäckwagen und einen Negerjungen zur Aufsicht darüber und für mich selbst ein Sattelpferd zu miethen, mit welcher Karavane ich gerade fort, wie man hier sagt, nach dem Westen ziehen wollte, durch die Wildnisse von Kentucky und Tennessee, über die Alleghany-Gebirge und so weiter, bis wir an die Seen kämen und in Canada anlangten. Man hat mir jedoch vorgestellt, daß dies eine Route ist, welche nur die reisenden Kaufleute kennen, daß die Straßen schlecht sind, das Land eine große Einöde, die Gasthöfe Blockhäuser und die Reise der Art, daß Kate aufs schlimmste dadurch würde mitgenommen werden. Ich bin schwankend geworden, aber nicht abgeschreckt. Wenn ich finde, daß es sich in der festgesetzten Zeit ausführen läßt, bin ich entschlossen es zu thun; denn ich bin überzeugt, daß ich ohne einen solchen Geniestreich nie mein eigner Herr sein oder irgend etwas der Rede werthes sehen kann.

Wir beabsichtigen mit einem Packetschiff, nicht mit einem Dampfschiff, in die Heimath zurückzukehren. Sein Name ist George Washington, und es wird am 7. Juni von hier nach Liverpool abgehen. Um diese Jahreszeit ist man selten länger als drei Wochen unterwegs und ich möchte mich dem weiten Meere nie wieder in einem Dampfschiff anvertrauen. Wenn ich Dir Alles erzähle, was ich an Bord der Britannia beobachtete, wirst Du erstaunen. Inzwischen bedenke zwei Gefahren von Dampfschiffen. Erstens, daß, wenn der Schornstein über Bord geweht wird, das Schiff unverzüglich vom Schnabel bis zum Steuerbord in Feuer stehen muß; um diese Folge zu begreifen, brauchst Du nur zu wissen, daß der Schornstein mehr als 40 Fuß hoch ist und daß in der Nacht das Feuer zwei oder drei Fuß über die Oeffnung hinausschlägt. Denke Dir, daß dies Feuer durch einen starken Wind niedergefegt wird und Du wirst Dir die Flammenmasse auf dem Verdeck vorstellen können. Und daß ein starker Wind den Schornstein umwerfen könnte, kann man an den Vorsichtsmaßregeln erkennen, die getroffen werden, ihn in einem Sturme aufrecht zu erhalten, was das erste ist, woran man denkt. Zweitens, jedes dieser Schiffe verbraucht zwischen London und Halifax 700 Tonnen Kohlen und aus diesem ungeheuren Unterschiede des Gewichts bei einem Schiffe von nicht mehr als 1200 Tonnen Gehalt ergibt sich ziemlich klar, daß es entweder zu schwer sein muß, wenn es den Hafen verläßt, oder zu leicht, wenn es einläuft. Der tägliche Unterschied in dem Rollen des Schiffs, indem es seinen Kohlenvorrath verzehrt, ist absolut furchtbar. Füge zu diesen Dingen hinzu, daß es bei Tag und Nacht voll von Feuer und von Menschen ist, daß es keine Böte hat und daß das Kämpfen dieser ungeheuern Maschinerie in einer stürmischen See den Eindruck macht, als ob das Schiff in Stücke gerissen werden sollte – und Du wirst eine ziemlich beträchtliche verflucht gute Sorte von einer schwachen Vorstellung haben, daß es damit nicht in Ordnung ist, und daß es nicht geeignet ist, Dich übermäßig munter zu machen, und daß Du Dich nicht besonders heiter und keineswegs in allerbester Stimmung fühlst und gar nicht ›zungig‹ (oder zur Unterhaltung aufgelegt), und daß es, so ausgelassen Du auch von Natur sein magst, Deine ganze Kraft verzehrt, und das ist unzweifelhaft; und es erschüttert Dich beträchtlich und bringt Dich in Versuchung, die Maschine zu verfluchen! – alle welche Ausdrücke, wie ich hinzufügen muß, reine Amerikanismen vom ersten Wasser sind.

»Wenn wir Baltimore erreichen, sind wir in den Regionen der Sklaverei. Sie besteht dort in ihrer wenigst abschreckenden und mildesten Form; aber da ist sie. Man flüstert sich hier zu (man wagt nur zu flüstern, weißt Du, und zwar im leisesten Tone), daß über jenem Orte und über dem ganzen Süden eine schwere dunkle Wolke ruht, auf welcher das Wort des Verhängnisses geschrieben steht. Ich werde an einem dieser Tage sagen können, daß ich an keinem Orte, wo die Sklaverei bestand, einen öffentlichen Beweis der Achtung angenommen habe – und das ist immerhin etwas.

»Die amerikanischen Damen sind entschieden und ohne Frage schön. Ihre Hautfarbe ist nicht so gut als die der Engländerinnen, ihre Schönheit dauert nicht so lange und ihre Gestalten sind untergeordneter Art. Aber sie sind sehr schön. Mein Urtheil über den Nationalcharakter halte ich noch zurück – ich sage nur ganz leise, daß ich für einen hieher kommenden Radikalen zittere, wenn er nicht aus Grundsatz, aus Vernunft und Nachdenken und aus Rechtsgefühl radikal ist. Wäre er irgend etwas Andres, so fürchte ich, er würde als Tory heimkehren. . . . Ich werde von jetzt an innerhalb zweier Monate nichts weiter über diesen Punkt sagen, als dieses: daß ich fürchte, daß der schwerste je gegen die Freiheit geführte Schlag von diesem Lande geführt werden wird, durch das Fehlschlagen seines Beispiels für die Erde. Die Scenen, welche jetzt im Congreß vorfallen, sämmtlich mit der Tendenz zu einer Trennung der Staaten, füllen mich mit so tiefem Widerwillen, daß ich gegen den bloßen Namen Washington (den Ort, nicht den Mann) eine Abneigung fühle und durch den bloßen Gedanken, mich ihm zu nähern, abgestoßen werde.«

 
27. Februar, Sonntag.        

»Man fängt hier an für das Cunardschiff, das (wie wir annehmen) Liverpool am 4. verließ, sehr besorgt zu werden. Es ist noch nicht angekommen. Wir wissen kaum, was wir in unserer höchsten Sehnsucht nach Nachrichten von Hause mit uns machen sollen. Ich habe wirklich im Ernste daran gedacht, allein nach Boston zurückzugehen, um den Nachrichten näher zu sein. Wir haben beschlossen, bis Dienstag Nachmittag hier zu bleiben, wenn das Schiff nicht eher ankommen sollte, und Mr. O. und das Gepäck morgen früh nach Philadelphia voranzuschicken. Gott gebe, daß das Schiff nicht untergegangen ist; aber alle hier ankommenden Schiffe bringen Kunde von einem furchtbaren Sturm (der in der That auch hier auf dem Lande gefühlt wurde) in der Nacht des 14. und die Seekapitäne schwören (natürlich nicht ohne Vorurtheil), daß kein Dampfschiff ihn hätte durchleben können, falls es seiner vollen Wuth begegnet sei. Da kein Dampf-Packetschiff für die Fahrt nach England hier ist, falls die Caledonia nicht ankommt, sind wir genöthigt, unsre Briefe mit dem Schiff Garrick zu schicken, das morgen früh absegelt. Ich muß dies Schreiben daher geschwind zu Ende bringen und in aller Eile nach dem Postamt schicken. Ich habe Dir so viel mitzutheilen, daß ich ein ganzes Buch Papier damit anfüllen könnte, was dies plötzliche Abbrechen um so ärgerlicher macht.

»Ich habe in meinem Koffer eine Petition um ein Gesetz für den internationalen Schutz des literarischen Eigenthums, mit den Unterschriften der besten amerikanischen Schriftsteller, Washington Irving an der Spitze. Sie haben mich gebeten, dieselbe an Clay zu überreichen, damit er sie dem Congreß vorlegt, und bei dieser Gelegenheit zur Motivirung dieses Schrittes zu sagen, was mir passend scheint. So denn ›Hurrah für das Princip, wie der Geldverleiher sagte, als er den Wechsel nicht erneuern wollte‹. Eine der Originalbemerkungen Sam Weller's in ›Pickwick‹. – D. Uebers.

»Gott segne Dich. . . . Du weißt, was ich über die Heimath und unsre lieben Kleinen sagen möchte. Tausend Segenswünsche für Dich. . . . Man fürchtet auch für Lord Ashburton. Es sind keine Nachrichten von ihm da.«

Ein kurzer Brief, der mir am folgenden Tage mit dem Postsack des Gesandten geschickt wurde, war in der That eine Nachschrift zu dem vorstehenden und gab auf noch stärkere Art den Zweifeln und Befürchtungen Ausdruck, die seine Hinreise in ihm erweckt hatte und die, wenn er auch später Grund fand, seine übeln Vorahnungen bedeutend zu modificiren, damals nicht so befremdend waren, als sie uns jetzt erscheinen.

»Carlton-House, New-York, 28. Februar 1842. . . . Die Caledonia ist zu meinem größten Bedauern noch nicht angekommen. Wenn sie England zu der festgesetzten Zeit verlassen hat, ist sie jetzt 24 Tage zur See gewesen. Nachrichten von ihr sind nicht da und in den Nächten vom 14. und 18. wüthete ein furchtbarer Sturm, der fast den schlimmsten Verdacht rechtfertigt. Was mich angeht, so hoffe ich kaum noch auf sie, denn bei unsrer Herreise habe ich genug gesehen, um mich zu überzeugen, daß die Fahrt eines Dampfschiffs über den Ocean in stürmischem Wetter noch ein äußerst gefahrvolles Experiment ist.

»Da man meinte, daß in diesem Monat überhaupt kein Dampfschiff nach England abgehen würde (weil nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge die Caledonia am 2. März mit der Post zurückgekehrt sein würde), machte ich gestern die Briefe in Eile fertig und schickte sie mit dem Garrick, der vielleicht drei Wochen unterwegs sein mag, aber sehr wahrscheinlich nicht länger. Aber die Cunard-Compagnie hat ein Schiff Namens Unicorn, das im Sommer den St. Lawrence befährt und Passagiere von Canada, zum Anschluß an die Britisch- und Nordamerikanischen Dampfschiffe in Halifax, befördert. Während des Winters liegt es an dem letztgenannten Orte, woher heute Morgen Nachricht eingelaufen ist, daß man es für die Post nach Boston geschickt hat und es, um der etwaigen Unterbrechung des Postverkehrs vorzubeugen, statt der armen Caledonia nach England schicken will. Das ist, beiläufig gesagt, an sich ein kühnes Unternehmen; denn das Schiff wurde ursprünglich gebaut für die Fahrt zwischen Liverpool und Glasgow und ist ebensowenig für den Atlantischen Ocean angelegt, als das Packetschiff zwischen Dover und Calais, obgleich es einmal während des Sommers hinübergefahren ist.

»Du kannst daher urtheilen, was die Eigenthümer über die Wahrscheinlichkeit der Ankunft der Caledonia denken. Welch eine geringe Abänderung unsrer Pläne würde uns zu Passagieren auf ihr gemacht haben!

»Es würde schwer sein, Dir, lieber Freund, zu sagen, was für einen Eindruck dies auf uns hervorgebracht hat und mit welch ängstlicher Erwartung wir Deine Briefe aus der Heimath erwarten. Wir hätten heute nach Süden abfahren sollen, zögern hier aber noch bis morgen Nachmittag (nachdem wir den Sekretär und das Gepäck vorausgeschickt haben), um wo möglich noch Nachricht zu erhalten. Die besten Grüße an unsern lieben Macready und an unsern lieben Mac und an Alle, die wir lieben. Es nutzt Nichts von den lieben Kindern zu reden. Es scheint jetzt, als sollten wir nie wieder von ihnen hören.

»P.S. Washington Irving ist ein großer Mensch. Wir haben aufs herzlichste zusammen gelacht. Er ist ganz was er sein sollte. Das ist auch Dr. Channing, mit dem ich einen interessanten Briefwechsel gehabt habe, seit ich ihn zuletzt in Boston sah. Halleck ist ein lustiger kleiner Mann; Bryant ein melancholischer und sehr zurückhaltend. Washington Allston (der Verfasser Monaldi's), ist ein schönes Exemplar eines glorreichen alten Genies. Longfellow, dessen Band Gedichte ich für Dich habe, ist ein ebenso freimüthiger hochgebildeter Mensch als ein eleganter Schriftsteller und wird nächsten Herbst in London sein. Sage Macready, es scheine mir, daß die Preise seit seiner Zeit sich hier etwas verändert haben müssen. Ich bezahlte gestern Abend unsre Rechnung für vierzehn Tage. Wir haben jeden Tag außer dem Hause dinirt (ausgenommen als ich an der Halsentzündung zu Bette lag) und im ganzen nur vier Flaschen Wein gehabt. Die Rechnung betrug 70 Pfd. St. englisch!!!

»Du wirst aus meinem andern Briefe sehen, wie man mich fetirt und bewirthet hat und wie Krieg bis aufs Messer besteht wegen des internationalen Vertrags zum Schutze des literarischen Eigenthums und wie ich darüber sprechen will und mich weigre, unterdrückt zu werden. . . .

»O, wären Nachrichten von Hause da! Ich stelle mir vor, daß Deine Briefe, so voll von Herz und Freundschaft und vielleicht ein kleines Gekritzel von Charley oder Mamey dabei, auf dem tiefen Grunde des Meeres liegen und mir ist so schmerzlich zu Muthe, als wären sie einmal lebendige Geschöpfe gewesen. – Nun, sie können noch kommen.«

*

Sie erreichten ihn, aber nicht mit der Caledonia. Seine Befürchtungen in Bezug auf dies Schiff waren nur zu wohl begründet. An demselben Tage als sie in Boston hätte eintreffen sollen (18. Februar), erfuhr man in London, daß ihr ein Unfall zugestoßen sei, daß sie, nachdem ihr Verdeck gesäubert und ihr Steuerruder fortgerissen worden, glücklicherweise ohne Verlust an Menschenleben, in seeuntüchtigem Zustand nach Cork zurückgekehrt sei und daß die Acadia, nachdem sie die Passagiere und die Post an Bord genommen, am nächsten Tage von Liverpool mit ihnen abfahren solle.

Ueber den Hauptgegenstand jenes an dem vorhergehenden Tage geschriebenen Briefes, über den ganz unvorherbedachten Impuls, woraus seine Vertretung von Ansprüchen hervorging, die er in seiner Person vertreten fühlte, über die Ungerechtigkeit der Wirthe gegen ihren Gast, indem sie diese Vertretung seiner Selbstsucht zuschrieben und über das ernstlichere Unrecht, das sie ihren eigenen höchsten Interessen, ja sogar ihren gewöhnlichsten und gemeinsten Interessen zufügten, indem sie fortfuhren, diese Ansprüche zu verwerfen, will ich jetzt nichts zu dem hinzufügen, was ich vor so vielen Jahren bemüht war, vielen Lesern darzuthun. Es wird genügen, wenn ich hier von den Briefen der Schriftsteller, die ich ihm, seinem Wunsche gemäß, mit der nächstfolgenden Post zugehen ließ, den nachstehenden eines sehr lieben Freundes von ihm und mir mittheile. Ich hatte glücklicherweise eine Abschrift davon genommen, ehe ich ihn auf die Post gab, da Carlyle in ziemlicher Eile aus ›Templand, 26. März 1842‹ geschrieben hatte, ohne eine Abschrift zu nehmen.

»Wir hören aus den Zeitungen, daß Sie allerorten in Amerika die Frage eines internationalen Vertrags zum Schutze des literarischen Eigenthums anregen und dadurch eine gewaltige Dissonanz erwecken, wo sonst Alles triumphirende Harmonie für Sie war. Man hat mich gebeten, meine Meinung über diese Sache zu sagen und dieselbe in Worten niederzuschreiben.

»Vor mehreren Jahren war ich, wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht, schon einer von vielen englischen Schriftstellern, die, unter den Auspicien Miß Martineau's, eine Petition an den Congreß unterzeichneten zu Gunsten eines Vertrages zum Schutze des literarischen Eigenthums zwischen den zwei Nationen – die im Grunde nicht zwei Nationen sind, sondern eine; untheilbar durch Parlament, Congreß oder irgend ein menschliches Gesetz oder Diplomatie, denn sie sind schon vereinigt durch die Parlamentsakte des Himmels und das ewige Gesetz der Natur und der Thatsachen. Dieser Meinung hänge ich noch an und werde ihr vermuthlich immer anhängen.

»Bei der Erörterung der Angelegenheit vor einem Congreß oder Parlament werden nothwendigerweise mannigfache Erwägungen und Beweisführungen zum Vorschein kommen, die für mich kein Interesse haben und auch keinen wesentlichen Einfluß aus meine Ansichten ausüben können. Sie beziehen sich auf die Zeit und die Art, wie die Sache ins Werk gesetzt werden sollte, durchaus nicht, ob die Sache sein sollte oder nicht. In einem alten, wie ich hoffe, auf beiden Seiten des Oceans verehrten Buche wurde vor Jahrtausenden aufs entschiedenste und ausdrücklichste geschrieben: Du sollst nicht stehlen! Daß Du zu einer verschiedenen ›Nation‹ gehörst und stehlen kannst, ohne ganz gewiß dafür gehängt zu werden, gibt Dir keine Erlaubniß zu stehlen! Du sollst überhaupt auf keine Weise stehlen. So steht es für Nationen und für Individuen in dem Gesetzbuche des Schöpfers dieser Welt geschrieben. Ja, der arme Jeremy Bentham und Andre treten hier auf und wollen uns beweisen, daß es thatsächlich zu unserm wahren Vortheil und Nutzen ist, nicht zu stehlen, was ich meinerseits, in großen wie in kleinen Verhältnissen und in allen denkbaren Verhältnissen und Gestalten, auch gewiß für wahr halte. Wenn z. B. die Nationen sich des Stehlens enthielten, wozu wären dann die Kriege nöthig – mit ihren Schlächtereien und Verwüstungen, entschieden das kostspieligste Ding in der Welt? Wie viel mehr zwei Nationen, die, wie ich sagte, nur eine Nation sind, auf tausendfältige Weise zusammengeknüpft durch die Natur und den praktischen Verkehr, untheilbare brüderliche Elemente desselben großen Sachsenthums, dem auf jede ehrenvolle Art langes Leben beschieden sein möge!

»Als Robert Roy Macgregor vor zweihundert Jahren in dem Distrikt von Menteith an der Grenze der schottischen Hochlande wohnte, fand er es seinerseits bequemer, sich mit Rindfleisch zu versehen, indem er es lebendig aus den anliegenden Thälern stahl, als indem er es todt auf dem Fleischmarkt in Stirling kaufte. Das war in jenen Tagen Roy's die Methode, sich mit Rindfleisch zu versehen: es zu stehlen. In manchem kleinen ›Congreß‹ in dem Distrikt von Menteith gab es ohne Frage Debatten und weitläufige Argumentationen auf beiden Seiten, ehe man ausfindig machte, daß das Kaufen wirklich und wahrlich das beste Mittel sei, Rindfleisch zu bekommen; allein im Laufe der Zeit kam man endlich allgemein überein, daß dies unbestreitbar der Fall sei und demgemäß hält man noch bis auf den heutigen Tag daran fest.«

Dieser brave Brief war ein wichtiger Dienst, geleistet in einer kritischen Zeit, und Dickens war sehr dankbar dafür. Aber in spätern Jahren gab es für ihn andre und höhere Ursachen der Dankbarkeit gegen den Schreiber desselben. Die Bewunderung Carlyle's nahm bei ihm mit der Zeit zu und in seinem spätern Leben schätzte er Niemand so hoch und empfand vor Niemandem eine höhere Achtung, als vor Carlyle.

 

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