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Drittes Kapitel.

Schultage und Eintritt ins Leben.
1824–1830.

Wie diese seltsamen Erfahrungen seines Knabenalters ihn später beeinflußten, muß seine Lebensgeschichte zeigen: aber es waren Einflüsse, die sich auch auf seinem Wege ins Mannesalter fühlbar machten.

Was er sofort aus der Demüthigung, die einen so tiefen Eindruck auf ihn hervorgebracht, freilich ohne daß er sich dessen wohl ganz bewußt war, mit herausnahm, war eine natürliche Furcht vor den Drangsalen, die ihm noch vorbehalten sein möchten, geschärft durch das, was er bereits erlebt hatte, und dieses in seinen Wirkungen vorläufig erst unvollkommen verstandene Gefühl wurde allmälig zu einem leidenschaftlichen Entschluß, auch wenn er den Umständen nachgab, nicht das zu sein, was die Umstände sich verschworen aus ihm zu machen. Er konnte damals noch nicht wissen, was Alles in den von ihm erduldeten Leiden und Demüthigungen einbegriffen war; aber später, wie wir sehen, war es klar genug und in Unterhaltungen mit mir, nachdem die Enthüllung stattgefunden, fand er oft an den entgegengesetztesten Punkten seines Lebens eine Erklärung seiner selbst in jenen frühen Prüfungen. Er verdankte ihnen viel Gutes – doch nicht ohne Beimischung. Die feste und eifrige Entschlossenheit, die rastlose und unüberwindliche Energie, durch die er in den Stand gesetzt wurde, sich vielen niedrigen Einflüssen zu entziehen, nicht indem er die Bahn der Pflicht verließ, sondern indem er sich kühn zu der innerhalb derselben erreichbaren Vortrefflichkeit oder Auszeichnung erhob, brachte neben manchen edeln Vortheilen auch manche Nachtheile mit sich. Er wußte dies selbst, wenn auch nicht in vollem Umfange. Was ihn in Gesellschaft oft unbehaglich, scheu und übertrieben empfindlich machte, wußte er; aber der ganzen Gefahr, der er sich aussetzte, indem er dies Gefühl überwand und bemeisterte, war er sich nicht bewußt. Ein zu großes Selbstvertrauen, ein Gefühl, daß Alles möglich sei für den Willen, der es möglich machen wolle, legte ihm mitunter selbstgewählte Lasten auf, die Keiner mit Sicherheit tragen konnte. Nach dieser Richtung war zu solchen Zeiten sogar etwas Hartes und Aggressives in ihm; in seinen Entschließungen Etwas, das fast wie Wildheit klang, Etwas in seiner Natur, das seine Entschlüsse unüberwindlich machte, so übereilt auch die Ansichten sein mochten, unter deren Einfluß er sie gefaßt hatte. Diese Aeußerungen waren jedoch so selten und übten auf einen Charakter, der zu allen Zeiten eben so offen und edel als feurig und ungestüm war, so wenig eine nachtheilige Wirkung aus, daß sie mir nur gegen das Ende der mittleren Zeit einer Freundschaft, welche ohne die Unterbrechung eines einzigen Tages dreiunddreißig Jahre lang dauerte, mehrere Male in ungünstiger Weise entgegentraten. Aber sie waren da, und wenn ich in solchen Momenten eine strenge und selbst kalte Abschließung des Selbstvertrauens mit einer fast weiblichen Empfindlichkeit und der verlangenden Sehnsucht nach Sympathie seltsam vereinigt sah, schien es mir, als wäre sein gewöhnlicher Drang nach allem Guten und Edlen augenblicklich in der plötzlichen, harten und unerbittlichen Empfindung dessen untergegangen, was das Schicksal ihm in jenen frühen Jahren bereitet. In der That wurde mir dies bei mehr als einer Gelegenheit bestätigt. »Ich muß dich bitten,« schrieb er mir im Juni 1862, »einen Augenblick still zu stehen und zu dem zurückzukehren, was Du von den Tagen meiner Kindheit weißt, und Dich zu fragen, ob es nicht natürlich ist, daß etwas von der Sinnesweise, welche damals in mir entstand und sich unter glücklicheren Verhältnissen verlor, während der letzten fünf Jahre wieder aufgetaucht ist. Das nie zu vergessende Elend jener Tage brachte eine gewisse scheue Empfindlichkeit in einem gewissen schlecht gekleideten, schlecht genährten Kinde hervor, die mir in dem nie zu vergessenden Elend dieser späteren Zeit wieder zurückgekehrt ist.«

Ein Gutes ohne Beimischung blieb ihm jedoch, das noch einfach erwähnt werden muß, ehe wir unsere Erzählung wieder aufnehmen. Die Geschichte der Leiden seiner Kindheit hat selbst hinreichend bewiesen, daß er in dem ganzen Verlaufe derselben nie die kostbare Gabe eines aufgeweckten Sinnes oder seine angeborene Fähigkeit des Humors einbüßte, und was er ertrug gewährte ihm auch einen positiven Gewinn, der ebenfalls reich und dauernd war. Auf das, was beim Beginn jener Leiden und Prüfungen seinem Genie die entscheidende Richtung verlieh, habe ich bereits ausdrücklich hingewiesen, und in Bezug auf das was folgte, muß hier bemerkt werden, daß die Erfahrungen seiner Kindheit ihn mit den Armen und Nothleidenden, aus deren Leiden und Kämpfen und den dadurch erzeugten Lastern und Tugenden ihm nicht die geringsten seiner glänzenden Erfolge erwuchsen, thatsächlich vereinigt hatten. Es waren nicht seine Schützlinge, deren Sache er mit so viel Pathos und Humor vertrat und für die er das Gelächter und die Thränen der ganzen Welt gewann, sondern es war gewissermaßen sein eigenstes Selbst. Auch war es kein geringer Theil dieses offenbaren Gewinns, daß er seine Erfahrungen als Kind und nicht als Mann durchmachte, daß nur das Gute, die Blume und die Frucht davon ihm zu Theil wurden und daß nichts von dem Uebel, von der Erde, in welcher der Samen gepflanzt war, an ihm haften blieb.

Sein nächster Schritt im Leben kann ebenfalls in seinen eigenen Worten beschrieben werden. »Ein Mr. Jones, ein Walliser, hielt eine Schule in Hampstead-Road, wohin mein Vater mich schickte, um einen Prospektus mit den Preisen zu holen. Die Jungen waren gerade beim Essen und Mr. Jones war in einem Paar leinener Halbärmel mit dem Vorschneiden beschäftigt, als ich mich dieses Auftrages entledigte. Er kam heraus und gab mir was ich wünschte; und hoffte, ich würde sein Schüler werden. Ich wurde sein Schüler. Um sieben Uhr eines Morgens, sehr bald nachher, trat ich als Tagschüler in Mr. Jones‹ Institut, das in Mornington Place lag und dessen Schulzimmer abgerissen wurde, als man die Eisenbahn nach Birmingham durch diesen Stadttheil führte. Damals jedoch war das Schulzimmer weder durch Eisenbahn-Directoren noch durch Ingenieure bedroht und über der Thür befand sich ein Schild, geziert mit den Worten: Wellington House Academy

In der »Akademie« in Wellington-Haus blieb er fast zwei Jahre, denn er war etwas über 14 Jahre alt als er sie verließ. Sowohl in seinen kleinern Schriften als in »David Copperfield« finden sich allgemeine Andeutungen darüber, und unter den aus den »Household Words« gesammelten Artikeln ist einer der ganz besonders den Zweck hat, sie zu beschreiben. Gegen den Bericht, den er darin über sich selbst giebt, als sei er fortgeschritten genug gewesen, um (so treu hatte sein Gedächtniß die traurigen Bruchstücke seines frühen Unterrichts bewahrt) bei seinem Eintritt in die Schule in die Klasse zu kommen, die den Virgil übersetzte; in Bezug auf die Preise, die er davon getragen und den Umstand, daß er die hervorragende Stellung des »Ersten« in der Schule errungen, hat einer seiner zwei Schulkameraden, mit denen ich die Sache erörtert habe, Einwände erhoben; aber Beide geben zu, daß der allgemeine Charakter der Schule mit wunderbarer Treue zur Anschauung kommt, ganz besonders in denjenigen Beziehungen, in welchen die Schule weit bemerkenswerther gewesen zu sein scheint als hinsichtlich der Gelehrsamkeit ihrer Schüler.

In dem erwähnten Artikel beschreibt Dickens sie als bemerkenswerth wegen ihrer weißen Mäuse. Er sagt, daß die Jungen sich Bluthänflinge, Flachsfinken und selbst Kanarienvögel in ihren Pulten, Schiebladen, Hutkasten und andern sonderbaren Zufluchtsörtern für Vögel hielten, daß aber weiße Mäuse die Hauptthiere waren und daß die Jungen die Mäuse viel besser unterrichteten als der Lehrer die Jungen. Er erinnerte sich besonders einer weißen Maus, die in dem Deckel eines lateinischen Wörterbuchs wohnte, Leitern hinauflief, zinnerne Wagen zog, Gewehre schulterte, Räder drehte und sich sogar auf der Bühne als »Hund von Montargis« Titel einer Posse. – D. Uebers. sehr gut ausnahm, die es zu noch mehr hätte bringen können, wenn sie nicht das Unglück gehabt hätte, ihren Weg in einem Triumphzuge nach dem Capitol zu verfehlen, wo sie in ein tiefes Dintenfaß fiel, schwarz gefärbt wurde und ertrank.

Nichtsdestoweniger erwähnt er, daß die Schule einer gewissen Berühmtheit in der Nachbarschaft genossen, obgleich Niemand sagen konnte, weshalb; und fügt hinzu, die Jungen seien der Ansicht gewesen, daß der Principal Nichts wisse und einer der Hülfslehrer Alles. »Wir sind noch geneigt, die erstere Annahme für vollkommen richtig zu halten. Im vorigen Sommer sahen wir uns den Ort wieder an und fanden, daß die Eisenbahn ihn ganz in Stücke zerschnitten hatte. Ein breiter Schienenweg hatte den Schulplatz verschlungen, das Schulzimmer und die Ecke des Hauses abgeschnitten. So in seinen Verhältnissen beschränkt, mit grünangelaufenem Stuck bedeckt, stellte es sich, mit dem Profil gegen die Straße gekehrt, wie ein verlornes aufrecht stehendes Flacheisen ohne Griff dar.«

Einer, der ihn in jenen frühen Tagen kannte, Mr. Owen P. Thomas, schreibt mir wie folgt (Febr. 1871): »Ich hatte die Ehre, zwei Jahre (1824–26) Dickens' Schulkamerad zu sein, in Mr. Jones' ›Classischer und Commercieller Akademie‹, wie damals an dem Hause angeschrieben stand, das an der Ecke von Granby Street und Hampstead Road lag. Wir waren beide Tagschüler dort. Eine anschauliche Beschreibung der Schule von Dickens selbst werden Sie in den Household Words vom 11. October 1851 finden. Der Artikel ist betitelt: ›Unsre Schule‹. Die Namen sind natürlich erdichtet; aber, eine leichte Färbung abgerechnet, sind die Personen und die Vorkommnisse lebensgetreu geschildert und Jemandem, der die Schule damals besuchte, leicht erkennbar. Der lateinische Lehrer hieß Manville oder Mandeville und war viele Jahre in der Bibliothek des Britischen Museum wohl bekannt. Die›Akademie‹ wurde, nachdem die Eisenbahn sie zerstört hatte, in ein andres Haus in der Nachbarschaft verlegt, aber Mr. Jones und mindestens zwei seiner Hülfslehrer sind längst aus den Reihen der Lebenden geschieden.«

Es war einer von diesen Hülfslehrern, von dem geglaubt wurde, er wisse Alles und der als Schreiblehrer, Mathematischer Lehrer, Englischer Lehrer fungirte, sich mit dem Lateinischen Lehrer in die kleineren Jungen theilte, die Rechnungen schrieb, die Federn schnitt und immer in den Häusern der Eltern nach dem Befinden kranker Schüler fragte, weil er die Manieren eines Gentleman hatte. Dies Bild erkannte mein Correspondent, ebenso wie das des fetten kleinen Tanzlehrers, der sie die Bockpfeife spielen lehrte, des Lateinischen Lehrers, der seiner Taubheit wegen Zwiebeln in seine Ohren stopfte, des mürrischen Bedienten, der die Jungen im Scharlachfieber pflegte und des Principals selbst, der fortwährend mit einem feisten Mahagony-Lineal Rechenbücher liniirte, mit demselben diabolischen Instrument unartigen Jungen die Hände schlug, oder boshaft mit einer seiner großen Hände ein Paar Hosen straff anzog und mit der andern den Träger prügelte.

»Ich erinnere«, fährt Mr. Thomas fort, »Dickens in der Schule als einen gesund aussehenden, kleinen aber wohlgebauten Jungen, von mehr als gewöhnlich lebhaftem Geist, der ihn zu harmlosen Scherzen veranlaßte, selten oder nie zu schlechten Streichen, zu denen so manche Knaben in diesem Alter geneigt sind. Ich kann mich auf Nichts besinnen, was damals andeutete, daß er eine literarische Berühmtheit werden würde, doch vielleicht war er dafür noch zu jung. Gewöhnlich hielt er den Kopf gerader als Jungen gewöhnlich thun und im Allgemeinen hatte er ein schmuckes Aussehn. Seine Alltagskleidung, Jacke und Hose, war, wie ich mich entsinne, von dem Stoff, den man Pfeffer und Salz nennt, Ein schwarz und weiß gemischtes Zeug. – D. Uebers. und statt der Halskrause, welche die meisten Knaben seines Alters damals trugen, hatte er einen niedergekrämpten Kragen, was ihm ein weniger jugendliches Aussehen verlieh. Er erfand eine Sprache, die wir lingo nannten, und die durch Hinzufügung einiger gleichlautenden Buchstaben zu jedem Worte entstand, und es war unser Ehrgeiz, indem wir so sprechend durch die Straßen wanderten, für Ausländer gehalten zu werden. Ein andres Vergnügen war es, wie der Schreiber dieser Zeilen sich sehr gut erinnert, aus dem Stegreif Geschichten zu erzählen, wobei Dickens, Danson oder Tobin ihm zur Seite gingen. Ich schicke Ihnen die Abschrift eines Briefes, den ich von ihm empfing, als er dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, wohl eins der frühesten Erzeugnisse seiner Feder. Das ›Bein‹ war die Legende von irgend etwas, einem Flugblatt-Roman, den ich ihm geliehen hatte; der ›Clavis‹ war natürlich das sogenannte Lateinische Schulbuch.«

(Facsimile des untenstehenden Briefes.)

Dem »Bein« liegt irgend eine Grille oder ein Scherz zu Grunde, Anspielungen, welche Mr. Thomas übersehen zu haben scheint und für die er jedenfalls die Erklärung schuldig bleibt; aber der Brief mag für sich selbst sprechen. Er lautet wie folgt:

Tom!

Ich schäme mich förmlich, daß ich Dir Dein Bein noch nicht zurückgeschickt habe. Harry soll es Dir morgen mitbringen. Solltest Du meinen Clavis kaufen wollen, so sollst Du ihn zu sehr herabgesetztem Preise haben, vergleichsweise billiger als ein Bein.

Dein treuer

C. Dickens.

P. S. Ich denke mir, daß Du diese ganze Zeit über ein hölzernes Bein gehabt hast. Ich habe Deins jeden Sonnabend Abend gewogen.

»Nach vielen Jahren,« fährt Mr. Thomas fort, »erkannte ich den berühmten Schriftsteller als dieselbe Person wieder, die ich als Knabe so gut gekannt, weil ich diesen Brief aufbewahrt hatte, und als Dickens im December 1854 Reading besuchte, um dort eine seiner frühesten öffentlichen Vorlesungen zum Besten des Literarischen Instituts zu halten, dessen Präsident er nach dem Tode des Oberrichters Talfourd geworden war, benutzte ich diese Gelegenheit, ihm den Brief zu zeigen, über den er sich sehr amüsirte. Bei derselben Gelegenheit sprachen wir über unsre gegenseitigen Schulkameraden und unter andern wurde Daniel Tobin erwähnt, von dem ich wußte, daß er in jenen Schultagen (1824–26) Dickens' vertrautester Gefährte gewesen war. Er sagte, Tobin sei entweder damals oder vorher sein Sekretär gewesen; aber hinter Tobins späteren Beziehungen zu seinem Freund und Gönner steckt ein Geheimniß, das ich nie habe verstehen können; denn wie ich erfuhr, fand bald darauf eine vollständige Trennung zwischen Beiden statt und es muß ein ernstes Vergehen gewesen sein, das einer in früher Jugend entstandenen Freundschaft, die so lange und so sehr zu Tobins Vortheil gedauert hatte, ein Ende machte. Doctor Danson, der andre Schulkamerad, mit dem wir befreundet waren, ist der Meinung, daß Dickens und Tobin, nachdem sie die Schule verlassen, in das Büreau desselben Advokaten eintraten und er glaubt, daß sich dies entweder in oder bei Lincolns-Inn-Fields befand.«

Tobins Vergehen bestand in nichts Schlimmerem, als darin, daß er endlich selbst Dickens' Geduld und Güte erschöpft hatte. Seine Gesuche um Unterstützung wurden so ohne Unterlaß wiederholt, daß kein anderes Mittel übrig blieb, dem was eine unerträgliche Plage geworden war zu entrinnen, als daß er sich vollständig von ihm und von ihnen lossagte. Die Leser werden es mir danken, wenn ich dem Briefe von Mr. Thomas einen nicht weniger interessanten von Doctor Danson hinzufüge. Wir haben hier außer dem zur Heiterkeit neigenden aufgeweckten Wesen, ein wenig von der Neigung zum Unfug, von der sein andrer Schulkamerad ihn frei erklärt; aber dieser Unfug ist harmloser Art und möchte vielleicht besser nur als ein Bestandtheil einer nicht zu unterdrückenden Lebhaftigkeit charakterisirt werden.

»Ich glaube, ich war fast zwei Jahre lang ein Schulkamerad von Dickens; er ging vor mir fort, als er etwa fünfzehn Jahre alt war. Mr. Jones' Schule führte den Namen ›Wellington House Akademie‹ und galt damals für ein vortreffliches Erziehungsinstitut, in der That für das beste seiner Art in diesem Theile von London; aber sie wurde schmählich vernachlässigt und die Knaben machten nur wenig Fortschritte. Der Eigenthümer, Mr. Jones, war ein Walliser, ein äußerst unwissender Mensch und ein bloßer Tyrann, dessen Hauptbeschäftigung darin bestand, die Schüler durchzuprügeln. Dickens hat in seinem ›Unsere Schule‹ betitelten Artikel eine sehr lebendige Beschreibung von der Schule gegeben, aber dieselbe ist in mancher Hinsicht äußerst mythisch und ganz besonders hinsichtlich der Complimente, die er sich selber macht. So viel ich mich erinnere, zeichnete Dickens sich in keiner Weise aus und trug keine Preise davon. Meiner Meinung nach lernte er kein Griechisch und Latein dort, und wie Sie wissen werden, findet sich in keinem seiner Werke eine classische Anspielung. Er war ein schöner Junge, mit einem Lockenkopf, voller Leben und Bewegung und hatte wohl an sämmtlichen unnützen Streichen in der Schule seinen Antheil. Ich glaube nicht, daß Mr. Jones' Neigung zum Prügeln sich auch an ihm bethätigte; in der That war er, eben so wie ich selbst, nur ein Tagschüler und bei diesen hatte man eine heilsame Furcht, daß sie ihren Eltern zu Hause davon erzählen möchten. Seine persönliche Erscheinung zu jener Zeit wird mir, durch ein mehrere Jahre später von Lawrence gemachtes Bild von ihm, lebhaft ins Gedächtniß gerufen. Sie können sich darauf verlassen, daß er Alles sich selbst verdankte und seine wunderbare Herrschaft über die Englische Sprache muß er sich durch lange und geduldige Studien erworben haben, nachdem er die Schule verlassen hatte. Sein Hauptgenosse war Tobin, mit dem er noch viele Jahre später befreundet gewesen scheint. Damals erschienen allwöchentlich die Penny- und Saturday-Magazine, die wir eifrig lasen. Wir hielten insgeheim Bienen, weiße Mäuse und andere lebendige Dinge in unsern Pulten und beschäftigten uns viel mit der Uebung der mechanischen Künste, in Gestalt des Wagenbauens und der Verfertigung von Pumpen und Kähnen, die durch die weißen Mäuse in Bewegung gesetzt wurden.

Dickens fing damals an, kleine Geschichten zu schreiben und wir hatten eine Art Club, in dem sie verliehen und umhergeschickt wurden. Er zeichnete sich auch in dem Gebrauch einer Art Kauderwälsch aus, die uns andern Leuten ganz unverständlich machte. Wir waren auch sehr stark in theatralischen Aufführungen, machten uns kleine Theater zurecht und setzten den Miller and his Men und Cherry and Fair Star glänzend in Scene. Ich entsinne mich, daß der gegenwärtige Mr. Beverley, der Bühnenmaler, uns dabei half. Dickens spielte bei diesen Aufführungen, die gelegentlich mit großer Feierlichkeit vor einem Publikum von Schülern und in Anwesenheit der Hülfslehrer stattfanden, immer eine hervorragende Rolle. Bei einer Darstellung des Miller and his Men war das Feuerwerk in der letzten Scene, die mit der Zerstörung der Mühle endigte, so sehr wirklich, daß die Polizei sich einmischte und heftig an die Thür klopfte. Vielleicht hatte Dickens' späterer Geschmack an theatralischen Aufführungen seinen Ursprung in diesen kleinen Dingen.

»Ich erinnere mich noch sehr wohl, daß Dickens sich einmal in Drummond-Street an unsre Spitze stellte, unter dem Vorgeben, daß wir arme Kinder wären und die Vorübergehenden, besonders ältliche Damen, um Almosen ansprach und daß eine dieser Damen uns erklärte, ›sie habe kein Geld für Betteljungen‹. Wenn die alten Damen bei diesen Unternehmungen ganz außer sich geriethen über die Unverschämtheit der an sie gestellten Forderung, brach Dickens in lautes Gelächter aus und lief davon.

»Ich traf ihn eines Sonntag Morgens, bald nachdem er die Schule verlassen, in der Kirche in Seymour-Street, wo wir sehr andächtig dem Gottesdienst beiwohnten. Ich bedauere, sagen zu müssen, daß Master Dickens dem Gottesdienst nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, sondern mich zum Lachen brachte, indem er erklärte, sein Mittagessen sei fertig und die Kartoffeln würden verderben, und sich überhaupt auf eine Weise betrug, daß wir uns glücklich schätzen konnten, nicht aus der Kirche hinaus geworfen zu werden.

»Ich hörte von ihm etwas später durch Tobin, dem ich begegnete, indem er einen schäumenden Topf voll Londoner Porter durch Lincolns-Inn-Fields trug, und ich erfuhr, daß Dickens mit ihm in demselben oder einem benachbarten Büreau arbeite.

»Viele Jahre vergingen, ehe das zufällige Lesen des Artikels ›Unsre Schule‹ mich darauf aufmerksam machte, daß der glänzende und jetzt berühmt gewordene Dickens mein alter Schulkamerad sei. Ich mochte mich ihm nicht aufdrängen und erst vor drei oder vier Jahren, als er bei dem Festessen von University College in Willis Rooms den Vorsitz führte und eine höchst glänzende und wirkungsvolle Rede hielt, schickte ich ihm einen beglückwünschenden Brief, worin ich ihn an unsere frühere Kameradschaft erinnerte. Er antwortete darauf in einem freundlichen Briefe, der mir sehr werth ist. Ich schicke Abschriften von beiden.«

Von Dickens selbst hörte ich nie viel über die hier beschriebene Schule; aber ich wußte, daß sie, abgesehen davon, daß sie den Gegenstand des Artikels in Households Words bildete, einige der leichteren Charakterzüge für Salem-Haus in »David Copperfield« geliefert hatte und daß Dickens auf den Umstand, daß einer ihrer Lehrer später einen Sohn unseres gemeinsamen Freundes Macready unterrichtete, als einen Beweis für seine Lieblingstheorie über die Kleinheit der Welt hinzudeuten pflegte, und wie Dinge und Personen, von denen man am wenigsten erwarten sollte, daß sie sich begegneten, beständig gegen einander stießen. Die Beschäftigung seines Schulkameraden Tobin als Sekretär datirt aus der Zeit, als Dickens in Doctors Commons war, aber meine beiden Correspondenten irren sich, wenn sie meinen, daß Tobin mit ihm in dem Büreau desselben Advokaten gearbeitet habe. Die Wahrheit ist, daß er noch kurze Zeit, nachdem er die Wellington-Akademie verlassen, eine andere Schule bei Brunswick Square besuchte, daß hier ein gewisser Milton sein Schulkamerad war, daß er später mit diesem in New-Square, Lincolns Inn, bei einem Advokaten Namens Malloy Schreiber wurde und daß, nachdem er diese Anstellung verloren, sein Vater ihm bei einem Advokaten in Gray's Inn, Mr. Edward Blackmore, eine andre ähnliche zu verschaffen wußte. Den einzigen Aufschluß, den wir in dieser seiner Eigenschaft als Advokatenschreiber über ihn erlangen, verdanken wir dem letztgenannten Herrn, der in kurzer und unzweifelhaft authentischer Weise die Dienste beschrieben hat, welche von ihm der Jurisprudenz erwiesen wurden. Man kann nicht sagen, daß dieselben denkwürdig waren, obschon es schwer sein möchte, eine berühmtere Person zu finden, welche jenen Titel getragen hat, wenn man nicht etwa den Vater der Literatur selbst ausnimmt, den Chaucer, als belustigendes Beispiel dafür, wie die Worte ihren Sinn verändern »jenen eingebildeten Schreiber Homer« genannt hat. That conceited clerke Homère, im Original. Das englische clerk wurde früher von »Gelehrten« gebraucht, noch jetzt nennt man Geistliche Clerks in Holy Orders. Vorzugsweise jedoch bedeutet es »Schreiber«. – Der Uebers.

»Ich kannte«, schreibt Mr. Edward Blackmore, seine Eltern sehr gut, und da ich damals in Gray's Inn praktizirte, fragten sie mich, ob ich eine Anstellung für ihn finden könne. Er war ein aufgeweckter, klug aussehender junger Mann und ich nahm ihn als Schreiber in mein Büreau. Er kam im Mai 1827 zu mir und verließ mich im November 1828 und ich habe noch jetzt ein Rechnungsbuch über kleine Büreauausgaben, das er zu führen pflegte und worin er für sich selbst erst den bescheidenen Gehalt von 13 Schilling und 6 Pence und später von 15 Schilling die Woche anschrieb. Es fielen mehrere Begebenheiten in dem Büreau vor, die er scharf beobachtet haben muß, da ich sie in ›Pickwick‹ und ›Nicholas Nickleby‹ wieder erkannte, und ich müßte mich sehr irren, wenn mehrere seiner Charaktere ihre Originale nicht in Personen hatten, deren ich mich sehr wohl erinnere. Sein Geschmack an theatralischen Aufführungen wurde sehr befördert durch einen Mitschreiber Namens Potter, der jetzt todt ist und mit dem er besonders verkehrte. Ohne daß ich es wußte, benutzten sie jede Gelegenheit, in eins der kleineren Theater zu gehen, wo sie (wie ich später erfuhr) nicht selten an den Aufführungen theilnahmen. Nachdem er mich verlassen hatte, sah ich ihn mitunter in dem Gerichtshof des Lordkanzlers, wo er sich als Berichterstatter über Prozesse Notizen machte. Ich verlor ihn dann aus den Augen, bis sein ›Pickwick‹ erschien.« Dieser Brief deutet an, was für eine Stellung er bei Mr. Blackmore einnahm, und wir brauchen nur die Stelle im ›Pickwick‹ aufzuschlagen, wo er die verschiedenen Rangordnungen der Advokatenschreiber schildert, um sie klarer zu verstehen. Er stand weit unter dem contractmäßig angestellten Schreiber, der eine Prämie bezahlt und selbst die Aussicht hat, einmal Advokat zu werden. Er stand nicht so hoch als der besoldete Schreiber, der fast seinen ganzen Gehalt von dreißig Schilling wöchentlich für seine persönlichen Vergnügungen verausgabt. Er stand nicht einmal auf demselben Niveau mit seinem mittelaltrigen Abschreiber, der immer dürftig und ohne Ausnahme schäbig ist. So hoch seine eigne Natur ihn auch darüber erhoben haben mag, so befand er sich doch einfach unter den »Büreau-Jungen in ihren ersten Ueberröcken, die eine angemessene Verachtung für Jungen fühlen, die in die Schule gehen, sich Nachts, wenn sie nach Hause gehen, auf gemeinsame Kosten Würste und Porter kaufen und denken, daß das Leben eine herrliche Sache ist.« So weit, nicht mehr und nicht weniger, war er jetzt gekommen. Er war einer von den Büreau-Jungen.

Aber auch so ging der Prozeß der Erziehung, trotz Allem was ihn zu unterbrechen drohte, weiter und was er aus seinem Schulleben in der Wellington-House-Akademie und später mitbrachte, kann in dem Gesammtumfang seiner damaligen Ausrüstung fürs Leben nur von geringer Bedeutung gewesen sein im Vergleich mit dem, was er bei Blackmore lernte. Doch würde es, ohne seinen eignen Beistand, eine müßige und hoffnungslose Aufgabe sein, Stellen in seinen Büchern mit seinen jugendlichen Erfahrungen in der Jurisprudenz identificiren zu wollen. In seinen frühesten und in seinen spätesten Schriften bearbeitete er das Feld, welches einem Beobachter des Lebens und der Sitten durch ein Advokatenbüreau geöffnet wird, auf erschöpfende Weise; aber wir haben es jetzt nicht mit den verschiedenen Varietäten des Genus » Schreiber« zu thun, die er zur Belustigung Andrer beschrieben hat, sondern mit dem Besitz, den er mittelst der durch solche Büreaus gebotenen Gelegenheiten für sich selbst ansammelte. Auch würde man keinen bessern erläuternden Commentar über alle diese Jahre finden können, als denjenigen, welchen die Antwort seines Vaters auf die Frage eines Freundes bot, den man damals für ihn zu interessiren hoffte und die ich ihn mehr als einmal auf launenhafte, obschon gut gelaunte Weise habe nachahmen hören. »Wo hat Ihr Sohn denn seine Erziehung erhalten, Mr. Dickens?« – »Nun, Sir, man kann sagen – ha! ha! – daß er sich selbst erzogen hat.« – Von den zwei Arten der Erziehung, welche nach Gibbon's Ausspruch alle Menschen empfangen, die über das gewöhnliche Niveau emporsteigen, derjenigen seiner Lehrer und der persönlicheren und wichtigern die er sich selbst gab, genoß er nur den Vorzug der letzteren. Nichtsdestoweniger reichte sie für ihn aus.

Beinahe achtzehn weitere Monate sollten nun hauptsächlich mit der praktischen Vorbereitung für die Thätigkeit hingebracht werden, für die er sich um diese Zeit schließlich entschied, eine Thätigkeit, von der bei seinen Talenten ein hübsches Einkommen zu erwarten war und der auch sein Vater während der letzten Jahre bereits obgelegen hatte, um die Mittel für den Unterhalt seiner Familie zu vermehren. Dickens hatte bis jetzt bei seinem Vater gewohnt, und ohne Zweifel unter dem Einfluß des von diesem gegebenen Beispiels faßte er den plötzlichen Entschluß, sich gründlich für das zu qualificiren, was sein Vater geworden war: parlamentarischer Berichterstatter für Zeitungen. Er machte sich daher eifrig an das Studium der Stenographie und theils um seine allgemeinen Kenntnisse so weit zu vervollständigen, als man von einem jungen guterzogenen Manne erwarten durfte, theils der Befriedigung eines höheren Bedürfnisses wegen, wurde er ein fleißiger Besucher in dem Lesezimmer des Britischen Museums. Er wies oft auf jene Tage als auf die ihm persönlich nützlichsten hin, die er je verlebt habe, und nach den Resultaten zu urtheilen, müssen sie dies gewesen sein. Niemand, der ihn in spätern Jahren kannte, und mit ihm eingehend von Büchern und Dingen sprach, würde geahnt haben, daß seine Erziehung im Knabenalter, fast völlig selbsterworben wie sie war, von so schwankender und zufälliger Art gewesen, wie ich sie hier beschrieben habe. Das Geheimniß lag darin, daß er sich stets auf die Höhe der Sache erhob, die ihn gerade beschäftigte und nie die Regeln unberücksichtigt ließ, welche den Helden seines Romans leiteten. »Was ich in meinem Leben zu thun versucht habe, habe ich mit ganzem Herzen versucht, gut zu thun. Wenn ich mich einer Aufgabe widmete, so widmete ich mich ihr ganz. Nie nur eine Hand an das zu legen, worauf ich mein ganzes Selbst wirken lassen konnte und nie meine Arbeit zu unterschätzen, was sie auch sein mochte, das waren, wie ich jetzt finde, meine goldnen Regeln.«

Von der Mühe, welche seine stenographische Studien ihm verursachten, sowie von dem, was seinen Geist zuerst denselben zuwandte, hat er ebenfalls in »Copperfield« einiges mitgetheilt. Er hatte gehört, daß manche in verschiedenen Berufskreisen ausgezeichnete Männer ihr Leben als Berichterstatter über parlamentarische Debatten angefangen, und er ließ sich nicht abschrecken durch die Warnung eines Freundes, daß es ihm mehrere Jahre kosten möge, ehe er die bloß mechanische Kunst hinreichend bemeistere, um Vortreffliches darin zu leisten: ›denn eine vollkommene Herrschaft über das Geheimniß des stenographischen Schreibens und Lesens komme an Schwierigkeit der Bemeisterung von sechs Sprachen fast gleich.‹ Unerschrocken stürzte er sich hinein, unterwies sich auch hier, wie in anderen ernsteren Dingen, selbst und arbeitete, nachdem er Gurney's Lehrbuch der Stenographie für eine halbe Guinee gekauft, sich langsam aber sicher durch die Irrgänge desselben hindurch. »Die Kunststücke mit den Punkten, die in einer gewissen Stellung Eins bedeuteten und in einer andern etwas ganz Anderes; die wunderbaren Schnaken, die man mit Kreisen spielte; die unerklärlichen Folgen, die aus fliegenbeinähnlichen Zeichen entsprangen; die furchtbaren Wirkungen einer Curve an einer falschen Stelle, beunruhigten nicht nur meine wachenden Stunden, sondern stiegen auch im Schlafe wieder vor mir auf. Wenn ich blind durch diese Schwierigkeiten hindurch getappt war und das Alphabet bemeistert hatte, erschien eine Procession neuer Schreckbilder, willkürliche Zeichen geheißen, die despotischsten Charaktere, die mir je vorgekommen sind, die z. B. darauf bestanden, daß ein Ding wie der Anfang eines Spinngewebes Erwartung bedeute und daß eine mit der Feder gezeichnete Rakete für nachtheilig stehe. Hatte ich diese Gräuel meinem Gedächtniß eingeprägt, so fand ich, daß sie alles Andre daraus vertrieben hatten; fing ich dann von neuem an, so vergaß ich sie; sammelte ich sie wieder auf, so ließ ich die andern Bruchstücke des Systems fallen – kurz es war fast herzbrechend.«

Was es für den Helden des Romans nicht ganz herzbrechend machte, wissen seine Leser, und etwas derselben Art sollte jetzt in der wirklichen Erfahrung des Verfassers eintreten. Zunächst muß ich jedoch bemerken, daß, nachdem er diesen widerspenstigen und unnachgiebigen Diener Stenographie seinem Willen in wunderbar schneller Zeit unterworfen hatte, sein größter Wunsch ihm noch versagt blieb. »Es gab nie einen solchen Stenographen«, erklärte mir oft Mr. Beard, der Freund, den er sich zuerst auf diesem Gebiete erwarb, als er in die Reihe der parlamentarischen Berichterstatter eintrat, und mit dem er bis an das Ende seines Lebens den freundschaftlichsten Verkehr unterhielt. Aber noch war kein Sitz unter den parlamentarischen Berichterstattern für ihn frei. Er mußte fast zwei Jahre lang als Berichterstatter für eins der Büreaus in Doctors Commons fungiren und in diesen und den andern Gerichtshöfen seinem Beruf nachgehen, ehe er an den parlamentarischen Kämpfen und Siegen theilnehmen konnte; und was seinen jungen Helden in einer ähnlichen Prüfung tröstete, diente auch ihm als Stütze. Auch er hatte seine Dora, scheinbar in derselben hoffnungslosen Höhe, erstrebt als das einzige zu erreichende und noch unerreichbarere Ziel – denn weder gelang ihm sein Wunsch, noch, glücklicherweise, starb sie – aber doch, wie die andre, das eine Ideal, das ihn zur Thätigkeit antrieb und dem Anbeter, in der Wirklichkeit wie in der Dichtung, auch sonst eine höchst schwärmerische, glückliche, thörichte Zeit eröffnete. Ich pflegte ihm lachend zu sagen, ich glaube an Niemand als an die Dora des Romans, bis das plötzliche Wiedererscheinen der wirklichen Dora in seinem Leben, fast sechs Jahre nachdem »Copperfield« geschrieben war, mich überzeugte, daß jene Kapitel seines Buches eine thatsächlichere Grundlage hatten, als ich hatte glauben wollen. Dennoch wollte ich es nicht ganz zugeben, und daß die Sache ihn damals noch berühren könne, weigerte ich mich steif und fest zu glauben. Seine Anwort (1855) wirft einiges Licht auf diesen Theil seiner jugend1ichen Laufbahn und aus diesem Grunde erlaube ich mir, sie mitzutheilen.

»Ich verstehe nicht ganz, was Du damit sagen willst: ich überschätze die Stärke der Gefühle der Zeit vor fünfundzwanzig Jahren. Wenn Du meine eigenen Gefühle meinst, und Dich nur besinnen willst, von welch verzweifelter Intensität meine Natur ist und daß dies anfing, als ich in Charley's Seines ältesten Sohnes. – D. Uebers. Alter war; daß ich vier Jahre lang jeden andern Gedanken aus meinem Geiste ausschloß, zu einer Lebenszeit, wo vier Jahre viermal vier Jahren gleich sind und daß ich mit einem Eifer zur Ueberwindung aller Schwierigkeiten daran ging, der mich wirklich in jenem Zeitungsleben emporhob und über die Köpfe von hundert Leuten hinwegtrug, – dann hast du Unrecht, weil dies nicht übertrieben werden kann. Ich bin in der That seitdem über mich selbst erstaunt gewesen! – und so litt ich und so arbeitete ich und so hämmerte und schmiedete ich an den tollsten Romanen, die je in eines Knaben Kopf kamen und sich darin festsetzten, daß es mir noch jetzt meine Selbstbeherrschung raubt, die Ursache von diesem Allen zu sehen. Ohne einen Augenblick aufrichtig zu glauben, daß es besser gewesen wäre, wir hätten uns nie getrennt, verstehe ich nicht, weshalb ein solche Gemüthsbewegung mich ergreift. Niemand kann sich im allerentferntesten vorstellen, welchen Schmerz die Erinnerung mir in »Copperfield« verursachte. Und grade wie ich dies Buch nie so öffnen kann, wie ich irgend ein andres Buch öffne, kann ich (selbst als Vierundvierziger) dies Gesicht nicht sehen oder diese Stimme hören, ohne daß ich in der wildesten Weise über die Asche jener ganzen Jugend und Hoffnung dahin schwärme.« Im Lichte von Vierundvierzig immer deutlicher gesehen, entschwebte jedoch die Romantik allmälig sichtbar seinen Augen, nachdem sie ihre volle Wirkung ausgeübt und am Schlusse des Monats, welcher demjenigen folgte, in dem der vorstehende Brief geschrieben wurde und während dessen er mit seiner Frau sehr ruhig in dem Hause seiner jugendlichen Dora einen förmlichen Besuch gemacht und in der Vorhalle mit stillem Gleichmuth ihren ausgestopften Liebling Jip betrachtet hatte, fing er den Roman an, Little Dorrit. – D. Uebers. worin er der Dora seines Vorgängers eine Flora gegenübersetzte, beide nach demselben Original entworfen. Die Neigung hatte für ihn einen komischen Humor, dem er nicht zu widerstehen vermochte, aber sie war freundlich und heiter bis zuletzt und wenn das spätere Bild ihm in diesem Rückblick aus seine Jugend viel Stoff zum Lachen bot, so gab es Nichts woran er sich mit mehr Wärme erinnerte als an das frühere, so lange sein Leben dauerte.

Ich entnehme andre phantasievolle Anspielungen auf die Dame zweien seiner kleinern Schriften. Die erste aus seinem ›Besuch in den Kirchen der Londoner City‹ (geschrieben zur Zeit von »Dombey und Sohn«, als er eine Kirche wählen mußte für die Trauung von Florence): »Ihr schläfriger Tonfall singt die drei alten Frauen schnell in Schlaf und der unverheirathete Krämer sitzt da und schaut zum Fenster hinaus und der verheirathete Krämer sitzt da und sieht nach dem Hute seiner Frau und die Liebenden sitzen da und sehen einander an, so überschwänglich glücklich, daß es mir in den Sinn kommt, wie ich, gerade achtzehn Jahre alt geworden, mit meiner Angelika, um einem Regenschauer zu entwischen, in eine Citykirche ging und wie ich zu Angelika sagte: ›möge das beseligende Ereigniß an keinem andern Altare stattfinden, o Angelika, als an diesem‹. Und wie meine Angelika bestimmte, es solle an keinem andern stattfinden – was allerdings auch geschah, denn es fand nirgendwo statt. Und, o Angelika, was ist aus Dir geworden, an diesem Sonntag Morgen, wo ich nicht auf die Predigt achten kann; und, eine noch schwerer zu beantwortende Frage, was ist aus mir geworden, wie ich war, als ich an Deiner Seite saß!« – Die zweite Anspielung findet sich in seinem gemüthvollen ›Essay über Geburtstage‹: Ich gab bei dieser Gelegenheit eine Gesellschaft. Sie war da. Es ist unnöthig, sie besonders zu nennen. Sie war älter als ich und hatte seit drei oder vier Jahren alle Risse und Spalten meines Geistes durchdrungen. Ich hatte ganze Bände imaginärer Unterhaltungen mit ihrer Mutter in Bezug auf unsre Verbindung, und ich hatte an diese diskrete Frau eine größere Zahl von Briefen geschrieben als die Horace Walpole's, worin ich um die Hand ihrer Tochter bat. Ich hatte nie die entfernteste Absicht, einen dieser Briefe abzuschicken; aber sie zu schreiben und sie nach einigen Tagen zu zerreißen, war eine erhabene Beschäftigung gewesen.«

 

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