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Es war einmal anders.

I.

Wenn man von der Einmündung des Allmannsbaches in die Aitrach eine leichte Stunde südöstlich wandert durch Wiese, Feld und Wald, so überschaut das Auge nach dem Austritte aus dem Gehölz eine Hochfläche, die Menschenhand und Menschenfleiß zu einer einzigen, schönen Ackerflur umgewandelt hat. Auf drei Seiten umgibt Hochwald schützend und abschließend das Gebiet und nur auf dem sanft abfallenden Talhange reihen sich die Felder an die Wiesen des Bachgrundes. Ursprünglich war die ganze weite Fläche nur ein einziges Allod gewesen, aber schon in Altväterzeiten hatte man das Gut in zwei Erbteile zerlegt, indem man Süd und Nord von der Mitte aus möglichst gleichmäßig trennte, und dennoch blieben die neuen Höfe groß genug, daß sie ebenbürtig den übrigen Großgütern der Umgegend zur Seite standen. Durch Einheirat waren auch allmählich die Bande der Verwandtschaft lose geworden und jedes Gut führte seinen eigenen Hausnamen – der Raaschhof unten, der Wachshof oben.

Wenn du nun gerade zu guter Stunde, wo aller Lärm der Landwirtschaft schweigt, diesen heimlichen Erdenfleck betreten hast, so möchtest du wohl glauben, hier müsse unbedingt heiliger Gottesfriede ruhen: mindestens für eine halbe Stunde ringsum kein Nachbar, mit dem es Streit und Widerpart geben könnte, zwischen den Feldern der beiden Höfe die breite Grenzstraße, welche keinen Zweifel läßt, wem hüben und drüben zu eigen sei, die beiden Höfe in sich selbst geschlossen und doch so nachbarlich traut beisammen, daß die inzwischen liegenden Obstgärten nur mit einem einfachen Stangenzaun getrennt sind, eine von der Welt geschiedene Einöde und doch keine Einsiedelei, denn mehr als zwei Dutzend Menschen walten und wirken dort, um das reiche Ackerfeld zu bestellen, und zudem sind die Inhaber beider Güter ziemlich gleich versehen mit jenem rollenden Erdengute, das in wohlverwahrter Truhe nicht von Rost und Motten verzehrt werden kann, so daß auch Neid und Not ausgeschaltet ist. Tatsächlich herrschte dieser selige Friede dort auch ungestört und ungetrübt fast ein Jahrhundert lang, durch das ganze lange Leben von der Wiege bis zur Bahre jener zwei Männer, die als Erben beider Höfe dort die Regierung führten. Gleichalterig tollten sie gemeinsam den weiten Schulweg, eines Sinnes blieben sie im Jugendalter bei Lust und Spiel, einträchtig hausten sie als Männer und Gebieter, statteten ihre Töchter standesgemäß mit Geld und Gut zur Heirat aus und übergaben die Leitung ihres Gutes erst dem ältesten Sohne als sie fühlten, daß ihre volle Manneskraft im Abnehmen sei und daher die Jugend in ihr Recht treten solle.

An Seele und Geist waren sie dabei wohl beide so ziemlich gleich gestimmt – biederste Rechtlichkeit, stark ausgeprägtes Sitten- und Ehrgefühl, frommer Sinn und ein friedfertiges Herz beherrschten vor allem ihr Tun und Lassen – aber in ihrer körperlichen Entwicklung wichen sie stark voneinander ab. Wenn auf freier Flur ein Kronawittbäumchen und ein Tännling licht- und luftumflossen von allen Seiten sich entwickeln können, so strebt das eine mehr in die Höhe, und wenn es auch noch so hoch und alt wird, sein ganzer Wuchs bildet eine ziemlich überall gleich umfangreiche Säule, der Tännling dagegen strebt mehr in die Breite als in die Höhe, mit weitausladenden Ästen deckt er breitspurig den Boden und verjüngt sich rasch nach oben wie der kurze Helm eines dicken Kirchturms. Ähnlich wuchsen sich die zwei Bauern aus. Der Raaschhofer ging in die Länge wie die Kronawittstaude, so daß er fast sieben Schuh maß und seines Körpers Breite stand dazu in gutem Ebenmaße; der Wachshofer dagegen blieb ein stockiger, stämmiger Kerl, der seinem Freunde leicht unter dem ausgestreckten Arme durchlaufen konnte, dafür aber ging seines Leibes Umfang zuletzt so sehr in die Breite, daß er den Kameraden darin um ein Bedeutendes überragte. Doch dies störte ihre Eintracht nicht im geringsten, das ungleiche Paar ging trotzdem gleichen Schrittes seiner Wege. Aber auch als sie beide nacheinander sich in das stillere Ausnahmhäuschen zurückgezogen hatten, blieben sie dennoch nicht ganz müßig. Die Arbeitsruhe des Alters gab ihnen mehr Gelegenheit, des religiösen Sinnes besser zu pflegen und im gemächlichen Kirchgange des Gottesdienstes zu warten, aber auch daheim boten ihnen leichte Arbeiten in Haus und Feld genug Zeitvertreib, und wenn sie sonst gar nichts zu tun fanden, wußten sie aus langer Erfahrung zur Genüge, daß das wachende Auge des Herrn bei mancher Arbeit Besseres leistet als die selbstzugreifende Hand. Als dann die Enkel nacheinander kamen, da ward das Stübchen der Alten auch zum Stübchen der Jungen, wo die vom Alter sich verlangsamenden Tritte mit den trippelnden Schritten der ersten Jugend sich leicht einten und der Frohmut des Kindes alte, milde Herzen zu neuer Freude weckte.

Wenn es dann in Spätherbst- und Wintertagen draußen gar nichts mehr zu tun gab, so machten sich die beiden Ausnahmbauern auf zu gegenseitigem Heimgarten. Dann plauschten sie wohl einige Zeit von neuen Ereignissen oder kramten alte Erinnerungen aus, und wenn der Rede und Gegenrede Quell versiegte, holte man die Spielkarte vor und im eifrigsten Spiele suchten nicht selten beide sich nach geriebener Spieler Art zu bemogeln, wo es ging, so daß es manchmal zu erregten Auseinandersetzungen kam; ja einmal gerieten sie sogar so hart aneinander, daß sie im ernstlichen Zorn auseinandergingen. Doch bald ward bei beiden die ungewohnte Stimmung zu einem drückenden Gefühle. Der Girgl von oben, sie hatten sich ja ihr Leben lang fast nur beim Taufnamen gerufen, schritt unzufrieden mit sich selbst und unruhig die Stube aus und ab, weil er sich vorwarf, daß der versuchte Betrug zu arg verstoßen habe und sehnsüchtig schaute er aus, ob der Nachbar nicht käme und Versöhnung heischte. Dem Sepp unten erging es nicht besser. Auch er schalt sich selbst, daß er sich soweit hatte hinreißen lassen, um dem alten Freunde solch böse Worte an den Kopf zu werfen, die beleidigen mußten. Als ihm selbst das Nachtessen darob gar nicht munden wollte, da hatte er vollauf genug an der Feindseligkeit. »Sepp sei gescheid,« sagte er zu sich, »der Gescheidere gibt nach« und stapfte sofort zum Nachbarhaus nach oben. Dort kam ihm der Girgl schon aus der Haustür entgegen, bot ihm die Hand zu willkommener Versöhnung mit den Worten: »Geh', Sepp, san ma wieder gut miteinander! In der Heiligen Schrift steht, daß man die Sonne nicht über seinen Zorn untergehen lassen soll, halten wir's auch so, die ganze Geschichte war des Streites nicht wert.« Und Sepp war es vom Herzen recht. Als sie sich nach einiger Zeit auf der Halbscheide des Weges eine geruhsame Nacht wünschten, war beiden wieder wohl, weil der unleidliche Gemütsdruck über die Störung ihrer lebenslänglichen Freundschaft gewichen war und Leben wie Spiel ging fortan weiter wie bisher. Obwohl es dabei beide leicht verwunden hätten, wenn sie sich gegenseitig abwechselnd einen Vierundzwanziger oder einen halben Gulden abgewonnen hätten, so verlockte sie doch die Aussicht auf Gewinn nicht dazu; das Spiel allein genügte und befriedigte, den Gewinn dabei zahlten sie in Bäxen aus, d. h. mit getrockneten Zwetschgenkernen, die sie nach Beendigung der Unterhaltung wieder gemeinsam in die gleiche Schale zurückgaben so recht nach der Sitte jener Zeit, wo man selbst im Wirtshause sich vielfach nicht scheute, Bohnen oder Zwetschgenkerne als Spielmarken zu benützen, zehn Stück um einen Kreuzer.

Ein Gegenstück aus neuerer Zeit sei kurz zu rechter Beleuchtung angefügt. Die Enkel jener altväterischen Bauern hausen und wirtschaften vielfach auf ihren Gütern nicht mehr solange, bis das Alter sie gehen heißt, sondern nur solange, bis sie einen genügenden Batzen Geld erworben haben, der es ihnen ermöglicht, ohne weitere Sorge um Hof und Enkelkinder in der nahen Stadt von ihren Renten und der vertragsmäßigen Ausnahme zu »privatisieren«. Der Kirchgang ist dadurch wohl erleichtert, aber auch der Weg ins Wirtshaus ist angenehmer gestaltet, wo Gleichgesinnte zu Genuß und Unterhaltung sich leicht finden lassen. An jedem Samstag ist zudem große Schranne, wozu die Lauern der Umgebung ihre Ware liefern; dadurch erfährt man auch von der heimatlichen Scholle wieder neuere Kunde und kann so ruhig des Lebens Freuden genießen, ohne von dessen Leid allzu nahe bedrängt zu werden.

Nun kamen da einmal vier solcher Gesellen auf dem Eise zusammen, um des Spieles zu pflegen. Man sollte nun meinen, das landesübliche Spiel des Eisschießens, das sichere Hand und sicheres Auge voraussetzt, Übung und sogar eine gewisse Kunst fordert, könnte auch bei geringem Einsatz der Reize genug bieten, die mit jedem Schub des Eisstockes wechseln. Nein! Dieser Lockreiz des Spieles allein war für diese neuzeitlichen Bauern allein nicht genügend, es mußte noch der Kitzel eines hohen Geldeinsatzes dazukommen und so spielten sie nicht wie andere um Nickelmünzen, nicht einmal um Silber, sondern Gold mußte der Entgelt sein für Verlust oder Gewinn, 20 Mark für den Meier, 10 Mark für den Helfer, wenn dadurch auch keiner von ihnen besonderen Schaden oder Vorteil davontrug, weil das Spielglück sich doch vielfach im Kreise dreht, so gab ihr protziges Tun doch Anlaß genug zu schweren Klagen und höhnendem Spott; ihr Gebaren stand allzu grell im Gegensatz zur Altvätersitte, deren guter Schein immer noch bei besseren Menschen in die Neuzeit hereindämmert.

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II.

Auf der Sonnenseite des Kronberges, der sich in langer, sanft ansteigender Linie fast einhundert Meter über die Talsohle erhebt, steht ein großes, schönes Bauerngut mitten drinnen zwischen Wiesen und Feldern, die nebst einem großen geschlossenen Walde als eine einzige, von keinem fremden Eigentum unterbrochene Bodenfläche zu dem Hofe gehören. Sein Hausname deutet auf ein hohes Alter, wenn es auch nicht erwiesen ist, daß wirklich ein versprengtes Glied des alten deutschen Volksstammes, dessen Name darin anklingt, diese Siedlung schon gegründet hat. Auch andere Furnamen weisen in der Umgebung hin, daß diese Gegend seit alter Zeit die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen hat. Das moosige Waldwiesental im Hochwalde hinter dem Gute heißt heute noch bei dem Volke »In der Elenten« und das Bächlein, welches von dort entrinnt, der Schwarzgraben. Aussprache und Form des Volksnamens weisen darauf hin, daß nicht die Kartenzeichner, welche »Im Elend« daraus gemacht haben, recht haben können, sondern daß in dem Sumpflande neben dem Schwarzwild einst auch noch das Elen gehaust haben mag, das seit langen Jahrhunderten in Bayerns Gauen nicht mehr zu finden ist.

Auf diesem Gute nun war ein reicher und milder Bauer Herr und Gebieter. Gebieter allerdings nur insofern, als man ihm willig den Ehrenrang dazu ließ, in der Tat beherrschte er nur einen Teil seines Besitzes ganz und allein, das war sein weiter Waldbestand, der Gegenstand seiner Liebe und seines Stolzes. Je prächtiger sein Hochwald gedieh, desto schöner dünkte ihm sein Besitz, und wenn er ja einmal einen Teil abtreiben mußte, weil das Holz ausgewachsen und überständig war, so tat es ihm fast im Herzen weh. Deshalb ließ er auch die uralten Eichen, welche den Schwarzbach entlang und in der Elenten den Fichtenwald durchsetzten, beileibe nicht fällen, wenn er auch von wohlmeinenden Beratern wieder und wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, daß es höchste Zeit wäre, die wertvollen Stämme vor dem Verderben zu retten.

»Sie sind die Zierde des Waldes, gab er darauf zur Antwort, und sie sollen es bleiben, solange ich lebe.« Und wenn so ein überalter Riesenstamm, morsch und nur mehr wenig belaubt dastand, durchlöchert und überall angebohrt von der Arbeit der Spechte und in diesen Höhlen das flinke Gesindel der kleinen Meisen und der größeren Wiedehopfe brütete, dann konnte er davor stehen leuchtenden Auges und beglückten Herzens und er trug womöglich Sorge, daß kein böser Feind sich in der Nähe einnistete, um diese Vogelheimat zu vernichten. Bei einer solchen Suche nach Schädlingen des Waldgetieres durfte er sich denn auch einen besonders freudevollen Dank erholen. Im leichten Neuschnee hatte er die Spur eines Marders entdeckt und bei der Verfolgung das huschende Tierlein zu Gesicht bekommen – es war ein Edelmarder mit einem prachtvollen, völlig weißen Pelze. Dieser ungewohnte Anblick erregte seinen Jagdeifer noch mehr, aber das Tier war plötzlich seinen Augen entschwunden; am Fuße einer mächtigen Fichte hörte die Spur auf und so scharf er auch Ausschau hielt, er konnte die ersehnte Beute nicht entdecken, nur hoch oben in der Krone des Baumes war der Kobel eines Eichkätzchens, in dem es sich vielleicht versteckt halten mochte. So schoß er denn auf gut Glück in das Reisiggewirre hinein und er hatte Erfolg – die edle Beute fiel tot zu seinen Füßen nieder. Der Pelzhändler bot auf den ersten Blick eine volle Karolin für das seltene Stück, aber all seine Redekunst bezwang den glücklichen Jäger nicht; zu Freud und Zier hing das kleine Pelzchen im Gewehrschranke und blieb dort, denn die Seinen ließen ihm ungestört und ungetrübt die Freude an Wald und Jagd.

Im Hause selbst aber herrschte und gebot die Bäuerin. Ihre Regierung über den Eheherrn, Kinder und Gesinde war indes bei aller Festigkeit in so milde Form gekleidet, daß es niemand für drückend oder unpassend fand; es war mehr das Gehorsam heischende Walten einer Mutter, denn das einer streng befehlenden Gebieterin. Nur über die Ehre und den guten Ruf ihres Hauses wachte sie mit unerbittlichem Ernste.

Es kam ja sehr selten vor, daß ein gröblicher Verstoß dagegen sich zutrug, denn leichtfertige Gesellen mieden von vornherein den Hof; wenn aber eine einmalige ernstliche Verwarnung den Leichtsinn nicht vor einem Rückfall bewahrte, so durfte dieser Dienstbote sicher sein, daß ihm gleich nach dem nächsten Mittagmahle der Lohn ausbezahlt wurde und er sein Bündel noch vor dem Abend schnüren mußte; mochte die Arbeit noch so dringend sein, es gab dadurch kein Halten, die Unantastbarkeit der Hofehre ging sohin über alles.

Die Pflichten und Aufgaben der Untergebenen waren durch das verkommen ziemlich genau festgelegt und oft genug bis ins kleinste geregelt. Dafür nur ein Beispiel. Es ist nicht feinster Art, aber gerade deshalb ein treffender Beweis, wie ehedem Sitte und Herkommen auch das Niederste und Unwichtigste in regelnde Bahnen geleitet hatte. Jene geheimen Orte, die der Erdgeborne nun einmal braucht, waren auf den Bauernhöfen meist hübsch weit ab hinter Stall oder Stadel angebracht, wo sie Aug und Nase am seltensten verletzen konnten. Nun waren aber die steife Lederhose und die ebenfalls aus dauerhaftem Leder bestehenden Träger etwas unschmiegsame Dinger, deshalb blieb es zwischen Martini und Georgi hausrechtlich erlaubt, sich die hinteren Knöpfe noch in der warmen Stube aus- oder einzuknöpfen, niemand durfte daran den geringsten Anstoß nehmen.

Aber auch die Rechte waren durch das gleiche Herkommen vielfach festgelegt, besonders die Speisenordnung war im allgemeinen sowohl, wie für besondere Tage genau geregelt und wurde von dem Knechte getreulich überwacht, damit ja kein Brosamen vom alten Brauche verfallen sollte. Doch dies war bei unserer Bäuerin nicht zu fürchten; sie legte im Gegenteil ihren ganzen Stolz darein, dabei ihre Kochkunst und den Reichtum ihres Kaufes zu zeigen, so daß auch nicht die geringste Klage laut werden konnte. Sie bot vielmehr gelegentlich mehr als es der Brauch forderte, um auf diese weise ihre Anerkennung für treu geleistete Dienste zu zeigen, so für die Dirnen ab und an in der Küche statt der Milchsuppe eine Schale Kaffee, für die Knechte nach schwererer Arbeit einen Trunk Bier, wenn die Leute auf dem Felde von einem Gewitter überrascht, durchnäßt heimkehrten, ließ sie die geräumige Backstube heizen, um sofort die Kleider wieder trocknen zu können und suchte so allen Hausfrau und Mutter zu sein, soweit es anging. Diese Auffassung von einer gewissen Familienzugehörigkeit kam besonders zur Winterszeit deutlicher zutage. Wenn im Herbste die letzte Furche über den Stoppeln gezogen war, Kartoffeln und Futterrüben in den Kellern ruhten, dann kam die Zeit, wo der Dreschflegel den Tag beherrschte. Es war keine leichte Arbeit, nur kräftige Bauernarme bezwangen sie ohne besondere Ermüdung.

Schon in aller Frühe kroch man aus den Ledern, um bis zum Mittag das übliche Tagewerk gedroschen zu haben, war dann nachmittags das angefallene Getreide gereinigt und auf den Speicher abgetragen, so hatten die Knechte nur noch eine bestimmte Anzahl von Körben an Lutter zu schneiden, und dann war für diesen Tag Feierabend, eine volle Rastezeit von jeglicher Arbeit. Dazu wußte man es nun auf diesem Hofe nicht anders, als daß sich alles in der warmen Stube versammelte. An dem einen Tische saßen Bauer und Bäuerin mit dem Altknecht und dem Baumann und spielten mit Karten. Wenn dabei der Hausherr, weil er kein raffinierter Spieler war, des öfteren verlor und sich neue Spielmarken von den Gegnern mit Geld erkaufen mußte, so war es seiner Ehehälfte nur recht, sie vergönnte den beiden Ehehalten von Kerzen den Gewinn. Am großen Eßtische saß der Oberknecht mit den übrigen, das selbstgeschnitzte Mühlbrett in ein und dem andern Paare vor sich und die Mägde sahen zu, strickend oder flickend bis die Zeit herankam, wo das Vieh wieder betreut werden mußte. Bei solchen patriarchalischen Verhältnissen war es leicht begreiflich, daß die Dienstboten gern auf dem Hofe dienten, solange es irgend möglich war und schon um Allerheiligen anzufragen pflegten: »Bauer, darf ich auf Lichtmeß wieder bleiben?« Eine Frage, die fast nie verneint wurde, weil dem Besitzer selbst daran gelegen war, die bewährten Kräfte sich zu erhalten.

Gedenken wir nun auch des dritten Herrschers in diesem Reiche; das war der Altknecht, Hans mit Namen. Er stand in gar keinem verwandtschaftlichen Verhältnisse zu der Dienstherrschaft, sondern als armes Waisenbüblein hatte ihn der Vater des jetzigen Besitzers aufgenommen und er hatte sich vom Hütbuben bis zum Oberknecht durchgearbeitet und schon als solcher war er der volle Kerrscher über den Feldbau des Gutes geworden, denn wenn er allabendlich Bericht erstattete über des Tages Arbeitsleistung und seine Vorschläge für den nächsten Tag anbrachte, stimmte der Bauer fast stets einwandfrei zu. So ging es jahrelang fort, bis Hans allmählich verspürte, daß die volle Rüstigkeit, welche ein Oberknecht auf so großem Gute braucht, nachzulassen begann. Diese Einsicht und noch mehr die dadurch bedingte Aussicht, den ihm wie eine Heimstätte liebgewordenen Hof verlassen zu müssen, legten sich schwer auf sein Herz. Da war es nun am Tage des Erntemahles, als er dem Bauern wieder abendlich seine Pläne für den andern Tag unterbreitete, während die Bäuerin daneben saß und dem Hausherrn mit dem Knechte noch einmal einen vollen Krug hingestellt hatte, daß er all seinen Mut zusammennahm und gedrückten Herzens am Ende herauspreßte: »Bauer! wir werden wohl auseinandergehen müssen, ich kann es nimmer erkraften!«

Diese Rede traf den Bauern wie ein schwerer Schlag vor den Kopf; die Gewohnheit der Jahre her hatte ihn so eingelullt, daß er nicht im geringsten an die Möglichkeit einer Änderung gedacht hatte. »Teixlhalleinia, Teixlhalleinia, wiederholte er deshalb sein Lieblingswort für jegliche Erregung, dies kann ja gar nicht sein!« und mit ängstlich fragenden Blick schaute er zur Gattin hinüber. Doch dieser kam die Sache nicht so unerwartet; sie hatte seit längerem schon die Augen und die Hände dafür offen gehabt und sich wohl bedacht. Deshalb konnte sie auch kurz entschlossen entscheiden: »Hans, du bleibst da, solang wir Zwei hausen, von Weggehen kann keine Rede sein!« Ein dankbarer, fast von Tränen feuchter Blick begleitete sein kurzes »Vergelt's Gott, Bäuerin dafür!« und auch dem Bauern fiel damit ein drückender Stein vom Herzen, ihm war es so nur ganz willkommen. Als nach einiger Zeit die Knechte wieder fragten: »Bauer, darf ich bleiben?« Da rückten sie alle unerwartet um eine Rang- und Lohnstufe nach oben vom Anderknecht, der Oberknecht wurde, bis hinab zum Hütbuben; der bisherige Oberknecht ward stillschweigend zum Altknecht des Hauses befördert, aber niemand rief ihn so, er war und blieb der Hans und was Hans sagte und schaffte, das geschah und mußte getan werden, gleich als ob der Bauer selbst es befohlen hätte. Dabei fuhren alle gut mit Hans – er wußte aus eigener Erfahrung, was ein Dienstbote leisten kann und soll, deshalb bedrückte er auch keinen seiner Untergebenen, wenn er auch keinem eine Nachlässigkeit hingehen ließ, aber auch für die Dienstherrschaft sorgte er mit ebensolcher Gewissenstreue, als wenn das Gut ganz sein Eigen gewesen wäre; dafür erntete er auch seinen Dank nach beiden Seiten, er blieb geehrt und geachtet von seinem Herrn wie von allen ihm unterstellten Dienern.

In dieser dreigeteilten und doch einmütigen Gutsregierung ging es noch manches Jahr glücklich weiter, bis inzwischen des Hauses Kinder groß geworden waren und die Alten, vorab Hans, wirklich alt, so daß es Zeit war, sich zur Ruhe zu setzen. Unweit der Dorfkirche erwarben sie sich deshalb ein neues Heim und übergaben dem ältesten Sohne das Gut. Mit diesem zog aber auch die neue Zeit unvermittelt auf dem Hofe ein. Der Odem des neuen Zeitgeistes umspülte ja jeden Menschen mehr oder minder, nur mit dem Unterschiede, daß sich die einen davon ganz tragen und beherrschen ließen, während andere noch ein redlich Teil des guten Alten mit herüberretten wollten; die Soldatenzeit in des Landes Hauptstadt hatte den stets mit reichen Mitteln von daheim versorgten Bauernsohn obendrein mit andern Lebensbildern vertraut gemacht und das Beispiel so mancher anderer Herren-Bauern vollendete die Umgestaltung.

In der Feldwirtschaft war allerdings nicht viel zu ändern und umzugestalten, da hatte schon der Vater trotz des altväterischen Sinnes jede bewährte Neuerung beachtet; um so mehr aber griff die Änderung den stolz bewahrten Hochwald des Vaters an. Jahr für Jahr fiel davon eine beträchtliche Fläche und nach zehn Jahren war es mit dem Waldbestande so weit, daß auf fünfzig Jahre hinaus davon keine besondere Rente zu erwarten war. Dafür allerdings trugen die papierenen Schätze des Geldschrankes fort und fort ihre sicheren und mühelosen Zinsen. Aber auch die innere Verwaltung des Hauses änderte bedenklich ab unter der jungen Bäuerin. Sie stammte nicht aus der näheren Heimat, sondern von weiter her, wo unter dem Einflusse der unfernen Stadt die alten Bräuche und Gewohnheiten schon länger mehr oder minder geschwunden waren und sie war zudem von etwas scharfer Art, nicht wie ihre Vorgängerin eine mehr mütterliche Hausfrau, sondern eine herrische Gebieterin. Da nun aber der umgestaltende Geist der neuen Zeit auch an den Dienstboten nicht spurlos vorübergegangen war, trat bald das Gegenteil von ehedem ein. Die Knechte und Mägde waren froh, wenn sie nach Ablauf des Jahres den unwirtlichen Hof verlassen durften, ja sie traten sogar nicht selten unterm Jahre plötzlich aus, so daß es manches Mal dem Bauern zur Zeit der dringendsten Feldarbeit an den nötigen Arbeitskräften mangelte.

Diese Mißlichkeiten verbitterten ihnen das Leben und Wirtschaften auf ihrem Hofe, denn sie suchten und fanden nicht den größeren Teil der Schuld in sich, sondern nur in den andern, sie wollten wohl für sich die Verhältnisse der neuen Zeit ausnützen, aber nicht in gleichem Maße auch den Untergebenen gegenüber der Neuordnung Rechnung tragen. Deshalb wartete der Besitzer nicht einmal die Zeit ab, wo er seiner ältesten Tochter den Hof nach alter Sitte hätte übergeben können, sondern verkaufte das Gut, als er rechnen konnte, daß der Geldsack übergenügend gefüllt sei. Der letzte männliche Sproß eines alten Freibauerngeschlechtes, dessen Ahnen seit Jahrhunderten stolz und unabhängig auf ihrer Hube gehaust hatten, gab noch in der Zeit des besten Mannesalters leichten Herzens und ledig aller Väter Sitte das Ahnenerbe preis und lebte fortan statt auf eigener freier Scholle in einem neuzeitlichen Miethause der unweiten Stadt; kein schaffender Bauer mehr, aber auch kein erwerbsamer Bürger, nicht einmal gebietender Herr, sondern nur ein müßiger Verbraucher der Rente, welcher der Väter Mühe und Sorge geschaffen hatte. Undeutsche Nachahmung gallischer Liebhaberei!

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