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Schiefe Ebene.

Ein seelisch ungleicheres Ehepaar als die beiden Sittenauerleute einige Jahre lang waren, hätte man weit und breit wohl nicht gleich wieder finden können. Der Mann, ein wüster Trinker, welcher meist der letzte war, wenn es galt, die Zechstube zu leeren, wie ein verwegener Wildschütze vertraut mit den Schleichwegen des Waldes, dem keine Nacht zu finster war und kein Unwetter zu schlecht, wenn es galt, in den herrschaftlichen Waldungen einen schönen Rehbock den rechtmäßigen Jägern vorweg zu nehmen, ein arbeitscheuer Tagedieb, der die schönsten Tage verschlief, um das bei nächtlichen Gelagen Versäumte nachzuholen und so sein kleines, aber schönes Anwesen verlottern ließ. Daß er bei solcher Lebensweise auch Kirchenluft nicht gern atmete, läßt sich leicht denken; wenn er je einmal gar keine Ausrede finden konnte, um sich von der Sonntagspflicht des Christen loszuschrauben, so war er jedenfalls der Letzten einer in die Kirche hinein und der Ersten einer wieder heraus und drinnen war der dunkle Winkel hinter der Emporstiege sein Lieblingsplätzchen, wo man ja leicht auch an heiliger Stätte unheiligen Gedanken nachhängen konnte.

Sein Weib dagegen war das schönste Abbild einer wirklich christlichguten Frau: als des Hauses Mutter sorgend in Lieb und Mühe für alle, arbeitsam fast für zwei, um des Lottergatten Pflichten soweit als möglich zu ersetzen, dabei eine fromme Beterin, die gelernt hatte im trauten Seelenverkehre mit Gott sich Kraft und Trost zu holen für die schwere Last ihres Lebens, eine stille Dulderin, welcher die bittere Erfahrung nicht erspart geblieben war, daß weder liebevolles Bitten noch zürnendes Schmollen auf ihren Mann mehr bessernd einwirken konnte und die darum schweigend und leidend ihren Weg ging, der sich schließlich so ganz anders gestaltet hatte, als sie einstmals in glücklicher Brautzeit geträumt. Der Sittenauer hatte in der Jugend so gar kein Anzeichen geboten, daß er sich einmal so ungut auswachsen würde. Sein Vater war ein braver und rechtschaffener, fast etwas zu stiller Mann gewesen, die Mutter allerdings war eine von jenen Reschen, die nach dem Sprichworte im aufbrausenden Unmute am liebsten dem Gegner den Kopf abgerissen hätte, um ihn dann nach Verrauchen des Grolles doppelt sorgsam wieder aufzusetzen. Nach des Vaters Tod hatte er der Mutter freudig mit all seiner Kraft geholfen, das heimische Anwesen zu bewirtschaften und ihr die Sorgenlast erleichtert, an Sonntagen freilich trank er manches Mal auch ein Glas zuviel im Kreise froher Kameraden, und wenn es hie und da Meinungsverschiedenheiten gab, die mit der Kraft der Fäuste ausgetragen werden mußten, stellte er sich nicht stillbeschaulich abseits, sondern werkelte treulich mit, aber er war nach diesen beiden Seiten nicht schlimmer als alle seine Altersgenossen und so hatte sich ein glückliches Familienleben erhoffen lassen, als er um die schmucke Rosl freite, welche beim Hofwirte seit langem als Magd und Kellnerin diente, weil keine elterliche Heimstätte ihrer starken Arme bedurfte. Jahrelang war denn auch ihr Zusammenleben ein glückliches und schönes gewesen, der Mann hatte sich als liebevoller Gatte und sorgender Hausherr bewährt, und als ihm nach und nach fünf kräftige Söhne geschenkt wurden, war er auch ein stolzer Vater geworden, dem es eine Freude war, im schmuckgehaltenen Heime bei seiner Rosl inmitten seiner Jungen zu weilen. Wenn er aber auch hie und da sich dem fröhlichen Kreise seiner Dorfgenossen anschloß und etliche Male etwas angeheitert heimkehrte, so war sein Weib klug genug, darob nicht zu schmollen und zu greinen, weil sie ja aus ihrer Dienstzeit her recht gut wußte, daß auch der Beste einmal im lustigen Freundeskreise nicht immer das rechte Maß ganz zu halten versteht.

Leider ward aber das schöne Familienglück mit einem Male gröblich gestört und der gute Mann auf eine Lebensbahn gedrängt, wo es für ihn kein Halten mehr gab, denn Haß und Rausch sind schlimme Berater und Führer. Als er eines Sonntags frohgemut um seine Felder ging, sich am guten Stande seiner Saaten zu erfreuen, mußte er gewahren, daß ein Rehbock mit seinem ganzen Rudel sich gerade sein Kornfeld unweit vom Waldesrande zur Äsung und Lagerstelle auserkoren hatte. Darob gewaltig verärgert klagte er mit scharfen Worten den Jäger, der gerade aus dem Walde kam, wo er der prächtigen Jagdbeute nachgespürt hatte, ob des entstandenen Wildschadens an, doch dieser hatte dafür nur ein höhnend Lächeln und meinte spottend »Mußt halt einen Zaun rummachen«, indem er achtlos auf die Klage weiter schritt. Auf dem Heimwege konnte unser Bauersmann seinen Unmut so weit meistern, daß er wenigstens nicht mehr als lohende Flamme brannte, wenn es auch im Innern immer noch glühte und er suchte sich das Nötige zusammen, um durch lärmende Holzklappern und schreckende Feldscheuchen das verwüstende Waldgesindel von seinem Erntefelde fernzuhalten. Doch diese Schreckmittel übten nur einige Tage den begehrten Erfolg; schon nach einer Woche mußte der Bauer beobachten, daß sich die Tiere dadurch nicht abhalten ließen, etwas weiter davon weg ihr verderbliches Spiel auf seinem Felde fortzusetzen. Da loderte der glühende Funke des Grolles zu heller Flamme auf und in seinem Unmute rannte er spornstreichs heim, riß die alte Hausflinte, welche für Notfälle mit schwerem Schrot geladen über seinem Bette hing, herunter und eilte damit wieder hinauf zu seinem Kornacker, um das verwüstende Gesindel einmal ernstlich von seinem Brotfelde zu verscheuchen. Als er näher kam, sah er leicht an dem raschen Schwanken der Halme, daß das ganze Rudel sich darin wieder tollend herumtrieb, und das scharfe Knacken der gebrochenen Halme verriet zu sehr den Schaden, welchen die Tiere verursachten. Haßerfüllt darob schlich er sich an und als er aus der Nähe das Verderben sah, fluchte er für sich hin: »Malefizviehzeug, elendes, warte nur, du bist wohl hoffentlich zum letztenmal in meinem Kornfeld gewesen.«

Die Erregung hatte ihn wohl zu laut dabei werden lassen, denn der unfern stehende Bock verhoffte und hob witternd den Kopf, aber schon krachte der Schuß und der hatte unbeabsichtigt nur zu gut getroffen. Mit lautem Schrei setzte der Bock in mächtigen Sprüngen aus dem Felde, um in den schützenden Wald zu flüchten, aber noch am Waldesrande brach er tot zusammen. Mit ingrimmiger Schadenfreude sah ihn der Bauer stürzen, sein jäher Haß hatte ein Opfer gefunden und damit wollte er schon zufrieden heimkehren, als ihm plötzlich siedeheiß der Gedanke an die möglichen Folgen seines Tuns aufstieg. Ach, er hatte ja nicht im geringsten daran gedacht, wie ein gewöhnlicher Wilddieb zu töten und Beute zu machen, verscheuchen hatte er die Tiere nur gründlich wollen und ihnen allenfalls einen Denkzettel mitgeben, daß sie die Wiederkehr vergessen sollten. Nun war es ihm fast leid, weil er das Tier so gut getroffen, daß es nicht mehr das schützende Waldesdickicht erreicht hatte; jetzt mußte er Sorge tragen, sich der Folgen seines Tuns soweit als möglich zu erwehren. Sorgfältig hielt er nach allen Seiten Umschau, aber es war glücklicherweise niemand in der Nähe und so schleppte er das schwere Tier in das verbergende Dickicht, um bei Einbruch der Nacht die saure Last in ein Nachbardorf zu tragen, wo er wußte, daß er einen verschwiegenen Freund solcher Taten finden dürfte. Seine Flinte verbarg er zu tiefst in einem Winkel des Heustockes und nun sollten sie kommen und ihm die Tat wirklich beweisen; sie kamen auch. Der laut rollende Schuß aus dem alten Gewehre hatte sich ja weithin vernehmlich gemacht und dem forschenden Jäger war es bald gelungen, die Spuren zu finden, welche ihm unwiderleglich zeigten, daß der Kapitalbock, den er immer schon als schöne Beute für den Jagdherrn ausersehen hatte, von einem andern zu Unrecht vorweg geholt war. Nach Lage der Sache mußte sich der Verdacht auf den Sittenauer lenken und so kam denn bald der Jäger in Begleitung von zwei Gendarmen in sein Haus, klagte ihn des Wildfrevels an und durchstöberte jeden Winkel seines Besitztums von oben bis unten nach einem Beweisstücke. Mit verbissenen Lippen führte der Hausherr die unwillkommenen Gäste in seinem Hause herum und je länger es währte, desto mehr fraß sich der Ingrimm über den Jäger, dessen Pflichterfüllung er nicht mehr recht einzuschätzen wußte, an seinem Herzen fest. »Ich habe nicht gewildert,« war allein seine trotzige Antwort auf alle Fragen. Trotzdem, daß die eifrigste Suche des Jägers auch nicht das geringste Belastungsmaterial ergab, wurde dennoch die gerichtliche Klage auf Jagdfrevel anhängig gemacht und der Schuldverdächtige in Untersuchungshaft abgeführt. Wohl mußte er bei dem Mangel jeglichen Tatbeweises auch vor Gericht freigesprochen werden, aber die einsamen Tage der Inhaftierung hatten ihm nur Zeit und Gelegenheit gegeben, seinen Groll gegen Jäger und Jagdherrn, die den ihm verursachten Wildschaden so leicht genommen hatten, während sie das Wegschießen des Schädlings so hoch anrechneten, nur noch zu vertiefen, so daß er nicht frohgemut und schaffensfreudig wieder heimkehrte zu seinen Lieben, sondern mit einem Herzen, das sich eisig verhärtet hatte in den schlimmen Gedanken von rächender Selbsthilfe und Wiedervergeltung.

Mürrisch und verdrossen verrichtete er nunmehr seine Arbeiten, menschenscheu suchte er einsame Wege und alle Liebesmühe seines Weibes, den Groll und Haß zu bannen, blieben erfolglos, so daß sie bangenden Herzens dem drohenden Unheil entgegensah und oft genug ihren Zähren nicht mehr wehren konnte. Unterdes war auch die Erntezeit gekommen und als er nun erst ganz den angerichteten Schaden übersehen konnte, da wallte sein Jähzorn mit neuer Glut auf. Er mochte rechnen, wie er wollte, und sinnen hin und her, soviel stand unzweifelhaft fest, daß der verursachte Wildschaden um vieles den Wert des erlegten Tieres überwog. Nun hätte er aber um den Ersatz des Schadens erst lange streiten müssen und man würde sicherlich so arg als möglich geknausert haben, ihn selbst aber hatten sie kurzerhand wie einen gewöhnlichen Wilddieb ins Gefängnis gebracht ob einer Tat, die sie ihm nicht beweisen hatten können und die er selbst ja eigentlich nicht ganz so gewollt hatte, wie das Unglück es gefügt hatte. Das war doch sicherlich zweierlei Maß von Gerechtigkeit und um so tiefer bohrte sich das Gefühl, daß ihm unrecht geschehen sei, in seine Seele und nagte darin fort, bis es alles Gute daran wie zerstörender Rost angefressen hatte, so daß es an seiner Wirksamkeit gelähmt und behindert war.

Heiß und schwer waren die Wochen gewesen, wo sie alle in Mühe geschafft hatten, Gottes Erntesegen in die Scheune zu bergen. Körperlich müde und vor allem seelisch abgespannt, saß unser Sittenauer eines Sonntag nachmittags am Tische und grübelte und sinnierte in seinem Mißmute weiter. Seine Rosl setzte sich zu ihm und suchte mit lieben, linden Worten seinen Unmut zu verscheuchen und von Vergeben und Vergessen zu reden. »Probiere es einmal, meinte sie, geh' wieder einmal unter die Leute, geh' ein wenig zu den andern Männern ins Wirtshaus, da gibt es so vielerlei zu reden, du wirst dann auch auf andere Gedanken kommen und lernst etwas vergessen, was an Leid und Unbill hinter uns liegt.« Der Rat deuchte ihm gut. Einmal wieder etwas anderes denken können und Herr werden über das, was ihm das Herz so schwer machte, wie gut müßte das sein! Er machte sich auf, den Rat zur Tat werden zu lassen, aber leider sollte gerade dieser so herzlich gut gemeinte Vorschlag erst recht zum Unheile werden.

Als er nämlich in die Gaststube trat und sich im gewohnten Kreise der Männer niederlassen wollte, da bot ihm ja mancher davon freundlichen Gruß und Bescheid mit dem üblichen Trunke, in manchen Gesichtern allerdings glaubte er so etwas wie Scheu und Mißachtung erkennen zu können, aber auch dies hätte er ruhig hingenommen, wenn nur nicht an einem Nachbartisch der verhaßte Jäger gesessen wäre mit Seinesgleichen in eifrigem Gespräche über Jagd und Jagdgeschichten. Dieser Anblick bohrte sich wie ein vergifteter Stachel in seine Seele und am liebsten wäre er sofort wieder umgekehrt. Dagegen aber bäumte sich sein Stolz auf; den konnte er nicht über sich triumphieren lassen und gerade der sollte nicht über ihn spötteln dürfen. Er setzte sich deshalb so, daß er dem Jäger den Rücken kehrte und bestellte sich gleich eine Maß Bier, weil er hoffte, den Ärger über die Anwesenheit seines Feindes damit hinunterschwemmen zu können.

Wo Landwirte in traulichem Gespräche beisammen sitzen, dreht sich die Unterhaltung zumeist um das Nächstliegende, das Seele und Leib beherrscht, um den Stand der Felder, die Ergiebigkeit der Ernte und ähnliches mehr. Unser Sittenauer blieb wortkarg und war überhaupt nur halb dabei, denn er horchte mehr als gut war auf die Reden am andern Tische, wo ja leider bald das Thema von dem Kampfe zwischen dem berufsmäßigen Jäger und Wildheger mit den Wilderern in echtem Jägerlatein aufgetischt wurde. Er hatte gerade wieder seinen Krug zum Trunke ansetzen wollen, als er vom Nachbartische her aus dem Munde des verhaßten Jägers die Worte zu hören bekam: »Ich erwische ihn schon noch den frechen Wilddieb, der mir heuer meinen schönsten Rehbock weggestohlen hat.« Das war wie ein spitzer Dolchstich, der ihm ans Herz ging und mit einem Satze stand er, den Krug in der Hand, hinter dem Jäger und zornfunkelnden Auges zischte er ihn an: »Meinst, elender Jäger! du vielleicht da mich?« »Wer könnte es denn sonst anders gewesen sein als du?« gab dieser höhnisch zu. Da konnte er seinen Zorn nicht mehr meistern, mit aller Wut schlug er den steinernen Krug auf dem Kopfe des Jägers in Trümmer, so daß dieser bald bluttriefend und ohnmächtig vom Stuhle sank. »Da hast du deinen Wilddieb!« schrie er ihm noch zu, warf ein Geldstück für Krug und Zeche auf seinen Tisch und stürmte fort; aber nicht heimwärts zog es ihn, sondern querfeldein tollte er, in seinem Kopfe summte es und brummte es, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, er konnte nicht mehr seiner Gedanken Herr und Meister werden. So fiel er endlich müde und matt nieder auf dem Raine seines Kornfeldes, von wo aus er den unheilvollen Schuß auf das Unglückstier abgegeben hatte. Erst allmählich in dieser Ruhelage konnte er dem Sturme im Innern etwas Ruhe abringen und sich die trüben Folgen seiner Tat etwas ausdenken. Was würde werden? Er malte es sich aus in den trübsten Farben, wie es eben die Reue und Ernüchterung nach rascher, erregter Tat nur allzugern in übertreibender Weise zu tun pflegt. Ein paar Jahre Zuchthaus würden sie ihm sicher auflegen und wie würde er diese lange Zeit hinter grauen Mauern aushalten können, da ihm die wenigen Wochen der Untersuchungshaft schon so grauenvoll geworden waren, und wenn er dann wirklich wieder heimkehren könnte, dann würden sie alle ihn verachten, denen er bisher Freund und Nachbar gewesen, weil ja jedem, der einmal »gesessen war«, zeitlebens ein Makel blieb, und noch dazu war ja sein Vorgehen wirklich auch nicht ehrenhaft gewesen nach dem ganzen Brauche im Volke, den er nur zu gut kannte. Wenn er erst bedächtig seine Joppe ausgezogen hätte und die Hemdärmeln aufgekrempelt und seine beiden Fäuste dem Jäger vor die Nase gehalten als Aufforderung zur Gegenwehr, dann wäre es ein ehrliches Raufen gewesen, und wenn er dann den Gegner zu Boden gerungen hätte, daß er für einige Zeit das Aufstehen vergessen, dann wäre er nach der Volkssitte als ehrlicher Sieger dagestanden und wenn er dafür auch gerichtlich eingezogen worden wäre, dieser Strafe wäre keine Unehre angehangen, aber so hatte er den Feind hinterrücks angefallen und niedergeschlagen, ohne daß dieser sich wehren konnte und das mußte er jetzt selbst als unehrenhaft zugeben. Und nicht bloß er selbst würde darunter leiden, sondern auch Weib und Kinder. Hatte er doch schon in den Wochen der letzten Zeit oft genug merken müssen, daß sich seine Rosl arg härmte und oft mit verweinten Augen ihrer Arbeit nachkam, der Gram über seine neue Meintat würde ihr das Herz erst recht wie eine Zentnerlast beschweren, böse Menschen würden es nicht unterlassen können, immer wieder an der schmerzenden Wunde zu rühren, manch höhnischer Blick würde sie verletzen und ätzende Worte sie kränken und seine Buben wohl auch dazu, die jetzt den Vater so notwendig bräuchten, weil sie allmählich in die Jahre hineinwuchsen, wo weiche, milde Mutterhand die jugendliche Kraft und deren Überschwang nicht leicht mehr zähmen kann, sondern die feste Hand des Vaters die Führung über die Zeit der Flegeljahre hinaus übernehmen muß. Ach Gott! Bei diesen Gedanken ward ihm so weh ums Herz, daß er laut hätte aufschreien können; wenn doch das unselige Tier von seinem Ackerfeld ferngeblieben wäre, dann wäre ihm und seinen Lieben all dies Leid erspart geblieben. Doch nun war es nicht mehr ungeschehen zu machen; wenn er auch seine Jähzornstat verabscheute und verfluchte, er konnte den Folgen derselben nicht mehr entrinnen, aber vielleicht – verlief die Sache doch noch gnädiger als er es sich jetzt ausmalen mußte. Damit machte er sich auf den Heimweg und es verwunderte ihn gar nicht, daß die Gendarmen vor seiner Haustür bereits auf ihn warteten und Weib und Kinder tränen- und kummervoll zu ihm aufschauten mit der stummen Frage: »Vater, wie hast du uns das antun können?« Ja, das war dieselbe Frage, die er sich auch schon gestellt hatte, aber er wußte keine rechte Antwort darauf; es war so überraschend und übergewaltig auf ihn hereingebrochen, daß es kein Überlegen mehr gab, von blinder Wut hatte er sich blindlings leiten lassen. Um seinem eigenen Bangen und Hoffen doch etwas Klarheit zu verschaffen, fragte er mit weher, zitternder Stimme um das Befinden des verletzten Jägers. »Schlecht,« mußte ihm der Gendarm sagen, »er liegt noch immer bewußtlos und der Doktor redet von Gefahr auf Leben und Tod, von Schädelbruch und Gehirnblutung, Sittenauer, du hast es zu arg gemacht.« Da erbleichte der Arme noch mehr, sein ganzer Körper erzitterte und er mußte alle Kraft zusammenraffen, um nicht umzusinken, denn damit war alle Hoffnung auf eine leichtere Strafe wohl ausgeschlossen. Es war ihm nunmehr lieb, daß der Tag sich zur Nacht neigte; in den späten Dämmerstunden würden ihm wohl weniger neugierige Blicke begegnen, wenn er wie ein Verbrecher sich abführen lassen mußte. Der Abschied von der Heimstätte und den Lieben war kurz aber schwer; sie alle hatten das Herz so übervoll von Weh, daß der letzte Druck der Hand und ein Blick voll Liebe alles sagen mußte, was der zuckende Mund nicht mehr aussprechen konnte.

Nach langer Untersuchungshaft, weil der verwundete Jäger Monate hindurch schwer krank daniedergelegen war, kam endlich die gerichtliche Aburteilung. Der Angeklagte erzählte alles wahrheitsgetreu von dem ersten Aufflammen seines Jähzorns über die höhnische Antwort des Jägers bis zu dem unglücklichen Schlage im Wirtshause, und nur die untergeschobene bewußte Absicht und Überlegtheit seiner Handlung mußte er bestreiten, es war beide Male über ihn gekommen wie ein Blitz, der aus den Wolken niederfährt und alles zerschmettert. Doch die Richter schenkten ihm darin keinen Glauben, denn der Jäger, welcher den vermeintlichen Wilddieb auf möglichst lange Zeit unschädlich gemacht wissen wollte, suchte die Sache ganz anders darzustellen, und schob so viel Vermutungen und Beobachtungen unter, an denen unser Sittenauer gar keinen Teil hatte, daß der Arme schließlich wegen vorsätzlicher, erschwerter Körperverletzung im Zusammenhange mit dem eingestandenen Jagdfrevel zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. In den trübseligen Tagen der Untersuchungshaft hatte er sich ja oft genug alles überdacht, wie es gekommen, wie es gegangen war, und immer hatte er sich sagen dürfen, daß er gewiß nicht überlegt und frei gewollt gehandelt habe, sein wohl von der Mutter her ererbter Jähzorn hatte ihn fortgerissen und dazu verführt und allmählich war ihm die Hoffnung lieb geworden, die Richter würden ihm darin vertrauen und das Strafmaß danach milder berechnen, aber nunmehr sollte er drei lange, lange Jahre so im Zuchthause sitzen müssen. Diese Strafzeit schien ihm zu hoch gegriffen und schuld daran war wohl wieder der leidige Jäger, der ihm Dinge und Absichten unterschoben hatte, von denen sein Herz nichts gewußt, und der alte Haß, den er schon begraben hatte wollen, weil auch er ihm schwere Unbill mit dem unseligen Schlage zugefügt hatte, loderte wieder zur hellen Flamme auf und erstickte ganz alle andern guten Vorsätze in seiner Brust.

Auch in den trübseligsten Regenwochen mit ihrer düsteren, eintönigen Melancholie bleibt der Himmel nicht immerfort mit dunklen Wolken verhangen, hie und da blaut doch einmal wieder ein Stückchen Himmel auf die Erde nieder oder ein Sternlein glänzt auf zwischen den sich schiebenden und jagenden Wetterwolken und weckt Hoffnung, daß auch wieder Tage kommen werden voll von lichtem Sonnenschein und Nächte mit mildem Sterngeflimmer; wenn aber Tag um Tag und Jahr um Jahr die gleiche graue Einförmigkeit sich hinzieht ohne jegliche Änderung in der langweiligen Tretmühle des Daseins, dann verliert die Menschenseele allzuleicht ihre Spannkraft und das Gemüt wird trüb und stumpf. Wie eine Maschine geht der Mensch seinem Tagewerk nach ohne Liebe, ohne Lust, ohne Befriedigung, und nur das Leid und Ungemach wird in einsamen Stunden immer wieder wach, weil man so viele überflüssige Zeit hat zu grübeln und zu sinnieren, wie es denn so hat kommen können und wie es wohl werden würde, wenn endlich einmal der Tag der Freiheit anbrechen sollte. Wenn nun da auch noch ein mehr oder minder berechtigtes Gefühl sich einschleichen durfte, daß einem irgendwie Unrecht geschehen sei, dann steigt dieses Fühlen immer höher und höher an und läßt das selbst verübte Unrecht in immer milderem Lichte erscheinen und überträgt alles Hadern und Zürnen auf die eine Person, durch die das Unrecht zugefügt wurde. So war es auch bei unserm Sträflinge. All sein bitteres Leid schien ihm nur der eine Jäger mit seinem Hohne und übertriebenem Pflichteifer verschuldet zu haben und darum schmiedete sein Herz üble Vergeltungspläne. Nach vielem Hin und Her in düsterem Grübeln erschien ihm schließlich der Gedanke am besten, den Jäger gerade damit zu strafen, womit dieser zumeist an ihm gefehlt hatte und woran ein echtes Jägerherz am meisten hängt, an dem schönen Rehwildbestande des Waldes. Hatte der Jäger einmal nur höhnisch gelacht, als er über den Wildschaden geklagt, so würde er in Zukunft schadenfroh lachen, wenn der Jäger vor Wut bersten möchte, weil ihm immer wieder gerade die schönsten Rehböcke von frechen Wilderern vorweg geholt worden waren.

Endlich kam auch für ihn der befreiende Tag und als er gegen Abend seine Heimstätte wieder betrat, bot ihm sein liebes Weib herzlichen Willkommgruß, denn auch sie hatte oft genug die Tage gezählt, bis die Stunde der Heimkehr des Mannes kommen würde. Aber wie bitterlich war ihm das Wiedersehen verleidet, wenn er sie anblickte. Was hatten diese drei Jahre nur aus seiner Rosl gemacht? Aus dem kraftstrotzenden, lebensfrischen Weibe von ehedem war eine verhärmte, abgerackerte Gestalt geworden, die rosigen Backen waren bleich und eingefallen, die Stirn mit Sorgenrunzeln gefurcht und das einst so lustig flackernde Auge blickte müde, als ob es vor vielem Weinen seinen Glanz eingebüßt hätte. Daran hatte er nicht im geringsten gedacht, als er in den einsamen Kerkerstunden fast nur mit sich allein und seinem Grollen beschäftigt war und vermeint hatte, daheim würde alles ohne besonderes Leid, ohne Kummer und Sorge den gewohnten Gang gehen. Ob dieser Verstimmung hörte er nur einsilbig, ja fast stumpf zu, als sie ihm, während er das bereit gehaltene Abendessen verzehrte, kurz berichtete, was an Freude und Leid sich im Dorfe während seiner Abwesenheit ereignet hatte und vor allem ihrer frohen Hoffnung Ausdruck gab, daß nun alles wieder gut werden würde, denn die Buben hätten ihr manche schwere Stunde schon bereitet, weil des Vaters führender und zügelnder Arm gefehlt. Nachdem jedoch keines von beiden die wehen Tage der Vergangenheit bereden wollte, begaben sie sich bald zur Ruhe und obwohl sich nach dem harten Lager der letzten Jahre sein Bett fast ungewohnt weich seinem Körper anschmiegte, fand er doch für die ganze Nacht keinen Schlaf.

Dieses Wiedersehen hatte ihn zu tief erschüttert, er mußte sich eingestehen, woran er früher nicht gedacht, daß sein Weib wohl für Zwei hatte schaffen wollen und müssen, um die fehlende Kraft des Mannes nach Möglichkeit zu ersetzen, daß sie ganz allein die doppelte Sorge und Mühe getragen habe und dazu wohl auch noch viele andere Unannehmlichkeit erduldet haben werde, weil ja zu oft der Mitmenschen Torheit und Bosheit da noch kränkt und beleidigt, wo Liebe und Mitleid herrschen und helfen sollte. Und nun erschien ihm sein Ungemach erst recht groß, weil nicht bloß er allein hatte büßen müssen, sondern auch seine Familie darunter schwer gelitten hatte. Das verbitterte sein Herz noch mehr und statt die Umkehr zu finden von seinem bösen geplanten Wege und durch Liebe und gute Tat zu sühnen, was er durch seinen Jähzorn gefehlt, verbohrte er sich nur noch mehr in seinen Haß gegen den, welchen er für den Anstifter all seines Leides hielt. Wenn die Welt ihn als Zuchthäusler verachten und verstoßen würde, er konnte es ihr nicht wehren, ihm sollte es gleichgültig sein, er würde seine Wege suchen und finden und seine Rache sollte ihn entschädigen für all das Unrecht der Menschen, das sie ihm und seiner Familie angetan.

Alle die Liebe und Sorgfalt seines Weibes, mit der sie den Mann umhegte, um ihm die Rückkehr zu den alten guten Tagen zu ermöglichen, konnte die harte Rinde nicht mehr durchbrechen, welche sich um sein Herz gelagert hatte; er haderte mit Gott und der Welt, wollte keinem Menschen begegnen, um nicht neugierigen, oder vielleicht sogar spöttischen Blicken ausgesetzt zu sein und deshalb vergrub er sich scheu in seinem Hause. Dieser Müßiggang bot ihm um so mehr Gelegenheit, seinen Racheplänen nachzuhängen und bald kam die Zeit, wo er des Alleinseins überdrüßig sich aufmachte in ein Nachbardorf, wo er hoffen konnte, daß er in einer Kneipe Zechgenossen finden würde, die ihm hälfen, seinen Haß hinunter zu schwemmen und seine Rachepläne durchzuführen. Ein böser Geselle, sagt ein Sprichwort, führt zehn andere zur Hölle; um wieviel leichter wird es zehn solcher Gesellen gelingen, den einen noch ganz zu umstricken und zu verderben, der sich selbst schon halb und halb aufgegeben hat. Bei überschäumendem Trunke wurde der ganze Plan beraten und gutgeheißen, da ja auch in wenigen Wochen die Jagdzeit auf Rehwild angehen würde. Der Sittenauer wollte nicht selbst die Flinte zur Hand nehmen, aber den Spürhund würde er mit Freuden machen, der den Jäger auf allen Wegen überwachen und womöglich auf falsche Fährte führen sollte, der den schweren Verdacht der Wilddieberei auf sich lenken würde, wenn er überall die sicheren Wechsel des Wildes auskundschaftete, dann aber sollte ein anderer Genosse den Abschuß übernehmen, während er mit den übrigen Gesinnungsgenossen bei Spiel und Trunk sitzen würde, um jederzeit leicht den Beweis erbringen zu können, daß er den Jagdfrevel nicht begangen haben könnte, und gerade darin wollte er seine besondere Freude und seine Art der Vergeltung suchen, daß er den Jäger mit allen Kniffen an der Nase herumführen würde, ohne daß dieser ihm selbst etwas anhaben oder beweisen würde können. Damit hatte der unselige Mann ein Geleise beschritten, auf dem es nur mehr ein Abwärtsgleiten geben konnte; um seine Rache zu befriedigen opferte er unbedenklich alles hin, was ihm einst lieb und wert gewesen, den guten Namen, den Frieden der Familie, Glück und Wohlergehen, wie es ihm sein Haus und Hof verbürgte. Sinnlos betrunken torkelte er erst am frühen Morgen heim, er sah nicht mehr das vergrämte Gesicht seines Weibes, beachtete nicht mehr die verwunderten und verschreckten Blicke seiner Buben, die den Vater noch nie in solch unwürdigem Zustande gesehen hatten, sondern warf sich nur schwerfällig in sein Bett, um den Rausch zu verschlafen. Als er aber gegen Abend erwachte, da nagte und zuckte der Katzenjammer in seinem Kopfe, als ob jedes Haar darauf wie mit feiner Nadelspitze sein Gehirn anbohrte, und dagegen wußte er sich kein anderes Heilmittel, als den Teufel mit einem andern zu vertreiben, den Katzenjammer mit elendem Schnaps zu ersäufen. So ging es rasch bergab; den Tag über faul und trunken im Bette oder wie ein Hund Jäger und Wild beschleichend, die Nacht bei tollem Gelage im Kreise wüster Zecher, wo stets ein Teil der Jagdbeute gemeinsam verpraßt wurde; für Haus und Familie keine Lieb' und Mühe mehr, mochten die Seinen dafür sorgen, er hatte andere Aufgabe, andern Genuß gefunden.

Wohl hatte es sein Weib im Anfange noch mehrfach versucht, mit freundlichen Bitten und ernsthaften Vorstellungen ihn von seinen Abwegen zurückzurufen, aber es hatte nichts gefruchtet, sogar mit rauhen Worten hatte er ihre Liebesmühe zurückgestoßen. So war ihr nichts verblieben, als die eigene Kraft nach Möglichkeit einzusetzen, um dem drohenden Unheil zu wehren und im übrigen zu beten um Gottes Hilfe und Gnade, das schwere Kreuz geduldig zu tragen, denn leider folgten bald auch die älteren Söhne dem bösen Beispiele des Vaters nach; sie wurden Trinker und Raufbolde, denen die anständigen Menschen darob gern aus dem Wege gingen und die darum auch schon Gefängnisluft geatmet hatten. Nur der Jüngste war auch seelisch das getreue Abbild der Mutter, den es nicht im geringsten irre machen konnte, wenn ihn seine wilden Brüder als Mutternbubele hänseln und stacheln wollten. Gemeinsam schafften sie beide, was nur ihre Körperkraft leisten konnte, gemeinsam aber auch weinten und klagten beide über das Elend und Verderben in der Familie. Doch mühevolle Tage in harter Überarbeit und sorgenschwere, schlaflos verweinte Nächte zehren an des Lebens Mark, so daß es von innen her schwindet und aufgebraucht wird wie der Docht in der Kerze. Nach etlichen Jahren legte sich deshalb auch die gute Sittenauerin hin zum Sterben und als Todesursache hätte man wohl am besten eintragen können, »sie starb am gebrochenen Herzen.«

Aber auch dieses Ereignis vermochte nicht mehr sein durch den Alkoholmißbrauch abgestumpftes Gemüt stärker zu erregen und ihn so dem Sumpfe der Leidenschaften zu entreißen. Fast war er sogar im Gegenteil etwas froh darüber, denn der Anblick ihres klaglosen Leidens und Mühens hatte doch so manches Mal sein Gewissen aufgerüttelt und ihm einen seelischen Katzenjammer bereitet, der schwerer zu tragen war als die größte Übelkeit nach durchzechter Nacht.

Wohl versuchte er es, sich etwas mehr wieder der Sorge für sein Heimwesen hinzugeben, aber er unterlag schnell wieder seiner alten Leidenschaft; Trunk und Spiel war ihm zum unentbehrlichen Bedürfnis geworden und aus dem einstigen Zutreiber des Wildes an seine Genossen war inzwischen selbst ein Wilddieb geworden. Sein Obstgarten grenzte ja auf zwei Seiten an die freien Fluren und wenn man nun an dem abschließenden Zaune kleine Lücken entstehen ließ, so war es leicht möglich, daß im Herbst und Winter hungrige Häslein die scheinbar achtlos verlorenen Krautblätter und Heureste sich holen wollten für des Lebens Not, und wenn sie dann den Weg zurück nicht mehr fanden, weil eine feine Drahtschlinge sie daran hinderte, wer sollte es ihm verwehren können auf seinem umgrenzten Grund und Boden nach seiner Art Gerechtigkeit zu üben und die kleinen Diebe zu hängen? Er übergab deshalb sein Besitztum dem ältesten Sohne. Sollte dieser in seiner Jugendkraft sich plagen mit der Bewirtschaftung und zusehen, wie er das schon etwas verfahrene Gefährte ins rechte Geleise wieder leiten könnte; er würde mit seinem Leibgedinge und dem, was sich wohl gelegentlich nebenher finden würde, zu seiner Lebensführung genügen und obendrein aller Sorgen ledig sein.

Am zufriedensten mit dieser Schlichtung der heimatlichen Verhältnisse schien der jüngste Sohn zu sein. Seit dem Tode der geliebten Mutter verband ihn nichts mehr mit dem Elternhause, es war ihm der Aufenthalt sogar verleidet inmitten der wüsten Gesellen, die er Vater und Brüder nennen sollte. Er ließ sich seinen Teil am Elterngute auszahlen, weil er in die Wirtschaftsführung seines Bruders kein Vertrauen hatte, legte es sorglich in der Sparkasse an und suchte sich eine Dienstesstelle in der nicht allzu fernen Kreishauptstadt. Infolge seiner vortrefflichen Eigenschaften wurde er bald Hausmeister beim Schrannenbräu, wo die reichliche Einkehr der bäuerlichen Fuhrwerke, die zu Markte kamen, ihm auch reichen Verdienst einbrachten, bis der Hufschlag eines scheuenden Pferdes ihn zu Tode verletzte. Bald danach wurde der alte Sittenauer in Sachen der Erbschaft vor das Gericht geladen, wo ihm eröffnet wurde, daß sein Sohn ein sicher angelegtes Vermögen von zehntausend Mark hinterlassen habe, von dem aber dem Vater nur der gesetzliche Pflichtteil zukommen solle, während das übrige zu wohltätigen Zwecken bestimmt sei. Das deuchte dem alten Saufbruder schier wie eine Unmöglichkeit. Daß sein Jüngster statt zu trinken und zu vergeuden ein häufiger Besucher der Sparkasse geworden, schien ihm fast unglaublich, daß er aber auch noch den größten Teil des ersparten Vermögens zur Wohlfahrt fremder Leute ausgesetzt haben könnte, hielt er für unmöglich. Dieses Vermächtnis seines Sohnes müßte er anstreiten. Als ihm nun der Richter ruhig und bestimmt erklärte, daß er die letztwillige Verfügung seines Sohnes gerichtlich wohl anfechten könne, aber den Streit sicher verlieren und nur seinen Anteil daran verkürzen würde, nahm er mürrisch seinen Teil in Empfang und stapfte kopfschüttelnd aus dem Saale. Draußen aber wandte er sich noch einmal um und mit geballter Faust drohte er gegen das Zimmer, gleich als ob sein Jüngster noch darinnen wäre und brummelte: »Ich sag's ja, der Bub hat ganz aus der Art geschlagen, schenkt der sein schönes Vermögen ganz fremden Leuten, die ihn gar nichts angegangen hätten. Schade um das schöne Geld, schade um das viele Geld, wie viele Räusche hätte ich mir darum noch trinken können und gerade jetzt, wo daheim die Vergantung vor der Tür steht!« Ingrimmig trollte er in die Vorstadt hinaus, wo er ein ihm zusagendes Wirtshaus wußte und dort fing bald ein Trinkgelage an, weil er für alle, die sich ihm zugesellten, die Zeche bezahlen wollte. Als er sich kaum mehr aufrecht halten konnte, drängte ihn der Wirt selbst zur Heimkehr und torkelnd schlug er den Weg durch die Isarauen ein.

Am nächsten Tage fanden Fischer, welche die Altwässer nach Beute absuchten, am Wege seinen Hut liegen und als sie näher zusahen, entdeckten sie auch seine Leiche in einem ganz seichten Wässerlein; er war wohl in seiner Trunkenheit über eine der knorrigen Weidenwurzeln gestolpert und in das Wasser gefallen, aus dem er sich nicht mehr herausarbeiten konnte. Wie er schließlich gelebt, so war er auch aus der Welt gegangen.

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