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Ein schöner Tag.

Woher der Aiterbach seinen giftigen Namen haben sollte, habe ich mir nie recht ausdenken können. Es müßte denn nur sein, daß ihn die uralten Gäubauern so übel benamst hatten, weil ja heutzutage noch unterhalb den Aiterhöfen viel moosige Wiesengründe sich finden, die ehedem wohl ein ganzes Moor gewesen sein werden, aus dem bei glühender Sommerhitze Düfte und Dünste aufgestiegen sein mögen, die dem Geruchsorgane sich ebenso unangenehm bemerkbar machten wie schwärendes Eiter aus der Wunde. Aber daran ist eigentlich nicht das kleine Bächlein schuld, das sich träge durch diese Auen schleicht, sondern die vielmal mächtigere Donau, welche in ständigen Windungen und Krümmungen die Ebene durchströmt, gleich als wollte sie möglichst lang in der von ihr geschaffenen Kornkammer Bayerns immer noch bleiben. Dadurch aber sind dem Anstürme des Hochwassers zu viele Stauwehre entgegengestellt und das überfließende Wasser sucht sich in den ehemaligen Seitenarmen des Flußbettes, die sich als Niederungen oder echte Altwasser noch kundgeben, einen andern Weg und sein letzter Rest, der die Ausgangsschwelle nicht mehr übersteigen kann, bleibt stehen, bis er erst nach einer längeren Trockenperiode infolge Verdunstung und Senkung des Grundwassers verschwindet. Dadurch aber versauert der Boden, so daß diese Wiesen nur schlechtes Gewächse aus Schilf, Ried und Binsen bieten und aus dem Walde nur ein Irlet wird, weil die Lebensbedingungen für bessere Pflanzen noch zu ungesunde sind.

In dem viel längeren Oberlaufe des Bächleins ist es aber nicht so; im Gegenteil ist hier das Tal meist so enge, daß sich vielfach nur ein schmaler Streifen Wiesengrund längs des Bächleins hinzieht, während links und rechts gleich die Höhenzüge heranreichen, die sich allerdings kaum hundert Meter über die Talsohle erheben, aber dennoch mit dem stolzen Namen Berge bezeichnet werden, weil meinem heimatlichen Bauersmanne alles Feld, das er nicht als »Breite« ebenweg bestellen kann, als minderwertiger Berghang erscheint, wo, besonders auf der Schattenseite, die goldige Frucht des Weizens nicht mehr recht gedeihen will.

So war es besonders in Hochdorf, wo sich unser Geschichtlein zugetragen hat. Nicht mehr als sechs Häuser standen so eben da, daß Vorder- und Rückseite des Hauses gleich hohen Eingang hatte. Die übrigen Häuser lehnten sich alle so an den Berghang, daß man nur bei der hinteren Tür zu ebener Erde in das Haus eintreten konnte, während man an der Vorderseite aus mehr oder minder zahlreichen Stufen zur »Gred« emporsteigen mußte, um den Hauseingang zu gewinnen. In gewisser Beziehung bot diese Bauweise auch wieder Vorteile: unter der Gred konnte man gleich die verschiedenen Keller und Überwinterungsräume anbringen und vor allem konnte der Landwirt die für die Feldbestellung so wertvollen Abfälle der Stallungen leicht über die Gred hinabtransportieren, so daß die Feuchtigkeit der Dungstätte vom Hause weg talwärts geleitet wurde.

Nach dieser Art war auch das Tafernwirtshaus des Ortes mit einem zwölfstufigen Gredaufgang ausgerüstet, unter dem sich der Bierkeller gleich befand, während nebenan sich die Landwirtschaft breit machte. In dieser Wirtsstube saßen nun an einem heißen Juninachmittag an drei Tischen drei verschiedene Typen bäuerlicher Gäste. Es ist eine gewisse Eigentümlichkeit unseres Landvolks, daß es sich zum stillen Trunke auch bei dem schönsten Wetter gern in die Stube hockt. Die Leute sind die ganze Woche zumeist unter freiem Himmel und wenn sie sich am Sonntag vergnügen wollen, so möchten sie ein Dach über dem Haupte haben, um nicht nach Wind und Wetter etwa ausschauen zu müssen, und war es gar zu schwül, dann zog man eben Joppe oder Spenser aus und hing das Gewand nur lose um die Schulter. Eine andere Eigenartigkeit war früher wenigstens auch die Tischordnung. Die eigentlichen Bauern, und als solche galten nur jene, welche mindestens an die 300 Tagwerk Grund und Boden ihr Eigen nennen durften, beanspruchten ausschließlich ihren eigenen Stammtisch. Für gewöhnlich war es der zweite Tisch an der Straßenseite des Hauses, weil der Ecktisch als Herrentisch galt, wo der Pfarrherr, der Schulmeister, der Förster und etwaige andere Honoratioren ihren Stammsitz hatten. War die Runde der Großbauern in der Regel auch der Zahl nach nicht groß, so sah sie doch zumeist stattlich aus, denn der Leibesumfang der einzelnen forderte sehr oft einen entsprechenden Sitzraum. Wie sich ihr Besitz an Haus und Grund breit hinlegte in der Welt seiner Umgebung, so gingen auch ihre Leiber gern in die Breite, so daß man von den Bauern eines Gaudorfes sprichwörtlich sagte: »Sechs Allburger Bauern brauchen allein einen großen Tisch.« Neben ihnen war dann der Platz für die Halb- und Viertelsbauern. Aber diese waren in der Regel schon nicht mehr so ausschließlich nur in ihrem Kreise, sie ließen auch Handwerker zu und größere Söldner, weil ihrer meist nicht viele waren, da es damals noch nicht allgemeine Sitte war, jeden Sonn- und Feiertag im Wirtshause sich zu sammeln, um zu trinken und zu politisieren; man holte sich lieber seinen Trunk zur Sonntagsfeier heim, um ihn in der Familie gemeinsam zu genießen bei selbstgebackenem Hausbrot und selbstgeräuchertem Fleisch. Auf der andern Seite der Stube kam dann das Jungvolk zu sitzen, wenn auch hier noch in etwas die Ehrenrechte der Alten galten, so wurde es doch meist nicht so genau genommen. Die Jugend überließ gern noch Ehren und Sorgen den Vätern und wollte sich nur unterhalten. Darum wurde jeder nur halbwegs Standeszulässige geduldet, wenn er nur seinen Teil dazu beitrug, daß es heiter und lustig herging. Die letzten Tische bei der Stubentür und der Ofentisch gehörten für das dienende Volk, zumeist auch getrennt je nach Handwerk oder rein bäuerlichem Dienst.

Entsprechend dieser Gesellschaftsordnung saßen nun auch an dem genannten Tag die Gäste verteilt. Am Bauerntische der Sedlbauer vom Dorfe, eigentlich mehr noch ein Jungbauer, weil sein Ältester kaum erst die Schulbank drückte und deshalb auch seiner Gestalt nach noch geschmeidiger, wenn man ihm auch schon ansehen konnte, daß auch ihm bald eine gewisse Leibesfülle zu eigen sein werde; neben ihm dann das Urbild eines Altbauern: der Wachshofer von der nahen Einöde Raasch – an ein derbes, fast mehr in die Breite als in die Höhe gegangenes Knochengerüste lehnte sich eine Muskulatur, der man es trotz des Alters leicht anmerken konnte, daß er in der Vollkraft seines Lebens zwei zentnerschwere Getreidesäcke sich spielend auf die Schultern geladen und mit einem kühnen Rucke sie auf den Schrannenwagen geworfen; jetzt allerdings hatte sich ein Bäuchlein angelegt, das ihn seine Zehenspitzen nur mehr sehen ließ, wenn er die Beine weit vorstreckte. In seiner Tracht war er auch der Väter Sitte noch treu geblieben, indem er allein noch den breiten Leibgürtel aus Glanzleder trug, auf dem mit gespaltenen Pfauenfedern der Namenszug inmitten reicher Verschnörklungen gestickt war.

Als einst der Dorfschuster mit seinen Gesellen auf der üblichen Stöhre in seinem Hause arbeitete, mußten sie den Gürtel erweitern, weil er mit der Leibesfülle sich nicht mehr vereinen ließ und da hatten sie sich das Vergnügen gemacht, daß sie alle viere sich mit dem Gürtel umspannten und er war so weit, daß sie alle darin leicht Platz hatten. Dem Wachshofer gegenüber befand sich sein Gegenbild – der Hirsch von Seeholz – er war auch nicht mehr jung, denn sein Ältester saß schon drüben unter dem Jungvolke, aber im Vergleich zu seinem Gegenüber erschien er nicht wie ein Altbauer, sondern seine hochgewachsene Gestalt machte mehr den Eindruck eines hageren, ja fast dürren Gesellen. An seiner Seite dann saß das Mittelding zwischen beiden – der Krempel von der Breitenau – eine gedrungene, derbe Gestalt voll Kraft und Fülle, aber ohne das Fettbäuchlein seines älteren Standesgenossen.

Das Dutzend vom Jungvolke an dem vordern Ecktische war halt gemischt wie eben ein Bündel solcher Menschen gewöhnlich ist – von dem hochaufgeschossenen, aber zähen Hirschen Simmerl bis herab zur untersetzten, breitschultrigen Gestalt, aber alle kerngesund und lebfrisch wie der Vogel im Breinsamen.

Am Ofentische saßen ihrer nur drei, aber es waren gute Bekannte, denn wenn auch ihres Lebens Beruf sie nicht oft zusammenführte, eines einte sie doch des öftern, ihr großer, starker Durst. Der eine davon war der Schmied Konrad, des Dorfschmiedes Bruder, der bei diesem in der Mittelstellung als Bruder und Geselle seine Kräfte auswirkte. Daß ein Schmiedgeselle kernige, sehnige Arme braucht, um den schweren Hammer tagaus tagein zu schwingen, ist wohl selbstverständliche Sache, daß er noch dazu eine kerngesunde Brust sein eigen nennen muß, die es ohne Nachteil aushält, daß er zumeist nur mit Hose und brustoffenem Hemd bekleidet von der glühenden Esse weg auf die winddurchzogene Beschlagbrücke gehen darf, um den Pferden die Hufeisen aufzulegen, ist wohl ebenso klar. Indes unser Konrad verfügte sogar noch über stärkere Kraft. Wenn einmal ein Jungbauer aus dem Kundenkreise Hochzeit hielt und der feierliche Zug zur kirchlichen Trauung fuhr oder wenn ein solcher dann den Erstgebornen zur Taufe brachte, dann nahm er den schwersten Ambos der Werkstätte auf seine Schulter, trug ihn hinaus auf die Wiese am Bache und wenn er dann mit ihm gleich einem Böller die drei Ehrensalven abgeschossen hatte, dann trug er ihn ebenso wieder heim und schwang gleich darauf ohne jegliche Atemnot wieder den schweren Hammer, um die dicke Eisenstange zum Radreifen zu biegen.

Der Zweite dieser Gesellen war der Ziegler Wastl. Er war nicht heimisch im Dorfe, aber seit Jahren Lehmknecht in der Ziegelei außer dem Dorfe. Auch seine Tagesarbeit war keine leichte Aufgabe. Mußte er doch jeden Tag vom Frühling an bis zum Herbst dafür aufkommen, daß gut bereiteter Lehmbrei für tausend Ziegelsteine zuhanden war, das heißt, er mußte mit seiner Kraft dafür einstehen, daß die entsprechende Erdmasse stets von dem Lehmhange abgegraben und gut durchwässert wurde, dann mußte sie in die eigentliche Lehmgrube gefahren, dort mit den Füßen fleißig durchgeknetet, wieder umgeschlagen und noch einmal durchgeknetet werden, bis alles ein gleichmäßig durchgearbeiteter zäher Lehmbrei war, der dann zur Seite des eigentlichen Zieglers aufgehäuft wurde. Zu solcher Tagesarbeit gehören sehnige Arme und Füße, um sie Tag für Tag leisten zu können und Wastl brachte es sogar noch fertig, dabei lustig und heiter zu sein. Gerade dann, wenn ein harter Brocken sich gar nicht erweichen lassen wollte, pfiff er sich ein Tanzlied und stapfte nach dem Takte darauf herum. Morasttanzer nannten ihn deshalb scherzweise oft seine Kameraden und er ließ es sich ruhig gefallen, ja er gebrauchte selbst so manchmal dieses Wort, wenn er sich seine gelben dicken Tanzschuhe am frischen Brunnen wegspülen ließ. Hie und da wagte es auch ein übermütig Dirnlein ihm diesen Namen bei seiner Arbeit zuzurufen; er lachte nur dazu, trat fest in seinen Brei hinein und nahm heimlich eine Handvoll davon auf, um es der ahnungslos Weitergehenden nachzuwerfen. Wenn ihn dann ein Schrei des Entsetzens belehrte, daß er gut getroffen mit seinem klebrigen Geschosse, so pfiff er sich recht erst ein schelmisch Lied dazu.

Der Dritte im Bunde war der Holzer Sepp – eines Kleinhäuslers Sohn – der mit seiner Hände Lohn dazu beitragen mußte, die Familie ernähren zu helfen, weil der kleine Grundbesitz allein nicht das nötige Brot bieten konnte. Zu einem Holzknechte eignet sich keine schwächliche Gestalt. Vom Herbste durch den Winter bis weit in den Frühling hinein bei jedem Wetter Tag für Tag im Walde hausen, um die Bäume zu fällen, sie mit der Säge zu zerteilen und die Stücke in Scheitholz zu spalten und dabei oft genug noch auf entfernten Schlägen nur in einer aus Holzrinde improvisierten Hütte auf hartem Boden über etwas Waldheu zu schlafen, heischt gesunde, widerstandsfähige Menschen mit festen Armen und Sepp war trotz seiner Jugend der Führer über die ganze Gruppe, weil seine überlegene Kraft allgemein anerkannt war. Er setzte aber auch seine ganze Stärke freudig und kameradschaftlich ein, wenn er sehen mußte, wie ein älterer Arbeitskollege mit irgendeinem ungeschlachten Holzstücke sich vergeblich abmühte. Dann griff er zur schwersten Schlegelhacke und trieb sie mit mächtigem Schwunge in den Klotz und wenn dann von seiner Hand geführt, der eisenberingte Schlegel aus knorrigster Hagbuche mehrmals darauf niedersauste, dann mußte wohl auch der ungefügste Klotz sich so weit spalten, daß sein Kamerad nur noch wenig Mühe einzusetzen hatte, um das Werk der Trennung ganz zu vollenden. Wenn die andern dann aus frohem Herz ihr »Herr vergelt's Gott!« sagten, dann ging er doppelt freudig wieder seiner Wege; es freute ihn der Liebesdienst, den er geleistet hatte und es freute ihn der Sieg, den seine Kraft über das schwerbezwingbare Holzstück davongetragen.

Wenn nun solche drei Gesellen mit ihrer bärenhaften Stärke, die noch dazu durch die tägliche schwere Arbeit gestählt war, zusammenstanden, so konnte man wohl rechnen, daß ihre Kräfte auch bei andern Gelegenheiten die Oberhand gewinnen würden über eine zwei- und dreifache Überzahl und das sollte sich noch an diesem Tage erweisen.

Allmählich war nämlich der Redestoff für die Unterhaltung ausgegangen; die gewöhnlichen Erlebnisse und Ereignisse waren nach allen Seiten durchbesprochen und erzählt. Außergewöhnliches hatte sich nicht ereignet und Zeitungswesen nebst Politik, die über das engere Gemeinwesen hinausging, hatte die Gemüter damals noch nicht aufgewühlt. So war man denn am Jungmanntische zum Sange übergegangen, hatte die alten Volkslieder vorgeholt in der Hoffnung, daß sich durch den gewöhnlich einsetzenden Zwischensang weitere Gelegenheit zu Scherz und Späßen ergeben würde. In der Regel kam ja die bäuerliche Dichtkunst zum Durchbruch, wenn einmal Lied und Sang geweckt war. Schnaderhüpfl werden dann bald hin und her gesungen und es entsteht ein förmlicher Wettstreit dabei, sich nicht niedersingen zu lassen, sondern immer wieder eine Antwort zu finden und Gstanzl auf Gstanzl zu setzen, bis endlich einer klein beigab oder sich ein Dritter und Vierter einmengte, um die Einförmigkeit zu verscheuchen. Leider ward aber gerade dieses Wettsingen oft genug auch Anlaß zum Streit, weil so manchmal auf einen groben Klotz ein noch gröberer Keil gesetzt wurde und weil man im Liede nicht selten etwas neckisch andeutete, was besser verschwiegen geblieben wäre. Wenn dann nicht ein paar bedächtige Burschen dabei waren, die es verstanden, mit einem neuen Schelmenliede beide Parteien gleicherweise zu treffen und so Versöhnung und Schluß einzuleiten, so gab es leicht Händel, die früher oder später mit der Faust geschlichtet wurden. So auch an diesem Tage und zwar in unerwartet schneller Folge.

Der durch seinen übertriebenen Bauernstolz vielfach unbeliebte Hirschensohn von Seeholz setzte nämlich sehr bald mit seiner hohen Stimme ein:

»Ist koana so schön,
Kann koana so gehn,
Ist koana so stolz
Wie der Hirsch von Seeholz.«

Prompt erwiderte ihm der allzeit sangesfreudige Ziegler Wastl:

»Da kraht wieder Oana,
Und moant, was er ist,
Und ist dennerst nichts anders
Als wie a Gockerl am Mist.«

Schnell folgte die leichte Antwort:

»Ich sag dirs nochmal wieder,
Du singst mich nöt nieder,
's ist koana so stolz
Wie der Hirsch von Seeholz.«

Da bäumte sich der Kleinhäuslersbube, der Holzer Sepp dagegen auf und sang:

»A Tännling im Holz drauß,
Langstanget und dünn,
Moant wohl, daß er groß ist,
Aber 's hat dennerst koan Sinn.«

Mit dieser Anspielung auf seine hagere, lange Gestalt waren Hirsch Vater und Sohn böse getroffen und erregt setzte der Junge ein:

»Es sitzt a kloans Pinkerl
Sonst stad hint im Winkerl,
Aber wenn's Ander hinter sich hat,
Na schau, wie es sich blaht.«

Schnell kehrte der Holzer Sepp den Vorwurf um:

»Dös kloan dicke Pinkerl
Kann sich drahn wie der Wind,
Und wenn du's grad spürn magst,
Na wirft's dich schön hin.«

Auf diese Zeile erwiderte nun protzig der Seeholzer:

»Da lus nur, wie's aufdraht
Als war's der stärkst Ries,
Aber wenn's drum und drauf ankimmt,
Na merkst, daß 's nichts ist.«

Der Schmied Konrad hatte bisher schweigend sich verhalten. Aber daß nunmehr dieser hagere Kerl von einem Seeholzer mit seiner Stärke protzen wollte, das ging ihm gegen den Sinn und kurz entschlossen schnitt er nun rundweg jede weitere Auseinandersetzung ab, indem er seinem Kameraden Hilfe bot mit dem Liede:

»Mit Oan und Zwoa mögn ma nöt,
Mit Drei und Vier ah no nöt,
Sechs und Sieben müssens san,
Na fang ma an!
Wenn's a Schneid habts, geht's her!«

Damit war alles weitere Frozzeln und Reizen endgültig abgeschnitten; der Fehdehandschuh war hingeworfen und zugleich die gewiß ehrliche Bedingung kundgetan, daß die Dreie nur mit der doppelten Anzahl Gegner in den Ringkampf eintreten wollten. Die Jungmannschaft durfte nur den Anwurf aufnehmen, dann konnte ein regelrechtes Ringen losgehen, die Joppen hingen so nur lose um die Schultern und die Hemdärmel waren bald aufgestülpt. Aber der herausfordernde Seeholzer Junge konnte für sich allein den Streit nicht aufnehmen, weil er nur zu gut wußte, daß ihn nach kurzer Zeit der Schmied Konrad schon allein zusammenfassen und hinaustragen würde, um ihn wohl ziemlich unsanft in den Straßenstaub zu legen und bei seiner Umgebung bestand keine Lust ihm beizuspringen, weil sein Stolz sie schon manchmal selbst verletzt hatte und auch heute wieder die Ursache des Streites war, so daß sie es ihm von Herzen gönnten, wenn er einmal wieder ordentlich gedemütigt wurde. Die drei am Ofentisch verhielten sich ebenfalls abwartend, weil sie aus sich heraus nicht das Ringen veranlassen wollten und weil der überstolze Seeholzer auch so seinen Teil an bäuerlicher Schmach zu kosten bekäme, wenn er keine Freunde fände, die ihm beistünden, sondern vielmehr durch die Tat zeigten, daß Kameradschaft und Achtung sie nicht auf seine Seite stellte. So folgte denn der Herausforderung eine beklemmende Stille, in der alle Stimmen erwartungsvoll schwiegen zwischen Bangen und Neugierde, was der nächste Augenblick wohl bringen würde. Da griff unerwartet der Sedlbauer, welcher einmal selbst gern seine Kraft gemessen hatte im Ringen mit den Altersgenossen, lösend ein, indem er das persönlich verletzende der Reizgesänge in den Hintergrund drängte und dafür den allgemeinen Wettbewerb der Kräfte vorschlug dadurch, daß er der Partei am Ofentisch ermunternd zurief: »Wenn ihr drei zusammen es fertig bringt, alle die Zwölfe da drüben hinauszuwerfen, zahle ich euch einen halben Eimer Bier und jedem hole ich noch ein ordentlich Stück Rauchfleisch von daheim als Extragabe.«

Lieber Leser, der du gerade kein Altbayer bist, erschrick nicht aus Furcht, du müßtest jetzt ein Schlachtenbild schauen, wo ein wüster Knäuel zornbebender Menschen in roher Weise mit improvisierten Waffen aus Tisch- und Stuhlbeinen einander den Schädel einschlägt und Ströme roten Blutes flössen, weil das »Vereinszeichen« des Niederbayern – das lange Messer – in grauser Wirksamkeit sich kundgibt. Ich weiß recht gut, wie man in bestimmten Kreisen und Gebieten über uns Altbayern denkt; habe ich doch einmal mit eigenen Ohren es hören müssen, daß ein Universitätsprofessor in einem Vortrage über seine Forschungen bei den noch wilden Völkern Nordindiens gemeint hat, er hätte sich dort sicherer gefühlt, als wenn er zu gleichem Zwecke in Niederbayern hätte weilen müssen, wo das griffeste Messer so lose in der Tasche stecke. Vielleicht, mein Lieber! sind wir aber dennoch besser als unser Ruf. Ihr kennt uns nur nicht recht, denn wir sind ja wohl etwas abweisend und verschlossen gegen Fremde, und weil ihr eure Voreingenommenheit nicht überwinden könnet im engeren Verkehre mit uns, ist euer Urteil nicht frei und ungetrübt. Freilich wachsen in jedem Walde knorrige Knüttel und selbst auch verwimmerte Stämme, aber warum sollte man deshalb den ganzen schönen Wald schänden, der auf den bayerischen Ebenen und Höhen so prächtig und kräftig gedeiht? Und ich kann es euch auch beweisen. Warum geht ihr denn so gern in unsere bayerischen Berge – den bayerischen Wald und vor allem ins Oberland? Weil es Mode ist? Vielleicht ja bei Neulingen und seichten Genußjägern, aber mehr als einmal habe ich aus der Mitte solcher Gäste, die jedes Jahr treulich wiederkehren, beteuern hören, daß es die süddeutsche Gemütlichkeit ist, die euch so wohl tut, wenn ihr erst einmal begriffen habt, was und wie wir in unserer Eigenart sind, und keinen Anstoß mehr nehmt, wenn euch ein von der Kultur noch nicht beleckter, naturwahrer Bauer mit seinem gewohnten und vertraulichen Du anredet oder sogar über die »Stadtfrack« brummelt, weil ihr ihn mit eurer Gespreiztheit und eurem fremden Wesen reizet. Schaut euch einmal in München genauer um, soweit es noch Altmünchen ist, dann werdet ihr nicht selten Beispiele finden, daß so manch ein Nichtbayer, der vorher die Nase rümpfte über unsere Maßkrüge, wenn er erst einmal das echte, bayerische Bier »erschmeckt« hat, mehr davon hinter die Binde gießt als unsere Einheimischen, die trotz aller gegnerischen Aufstellungen zumeist auf ihr bestimmtes nicht allzu hohes Maß geeicht sind. Und dann noch eins! Habt ihr nichts davon gelesen im Kriege Anno 1914, daß einer von euch Norddeutschen schrieb: »Es ist eine wahre Freude mit den prächtigen Bayern in demselben Heeresverbande zu stehen; in der Schlacht sind sie wie Löwen, die voll Mut und Ausdauer darauflosgehen bis alles weichen muß, was ihnen widersteht, und im Lager so herrliche, liebe Kameraden.« Habt ihr's nicht gelesen, wie die Belgier sich mit den Bayern der Okkupationsarmee bald verstanden haben »Bayer gut, Bayer brav« und das waren dieselben Bayern, die das lange Messer als ureigene Bayernwaffe in die Schlacht mitnahmen und mit den Gewehrkolben dreinschlugen, solang sie konnten und durften. Ja nun! so sind wir einmal. Gutmütig, wenn man uns nichts in den Weg legt und uns gehen läßt mit unserer ganzen Eigenart, übergroße Höflichkeit darf man von uns allerdings nicht erwarten, dafür aber ehrliche Treue und Wahrhaftigkeit, die in ihrer ungeschminkten Offenheit fast zur Grobheit wird, aber wenn uns jemand auf den Zehen herumtreten und auf unsern Köpfen tanzen möchte und so unsern Zorn weckt – »fuchsteufelswild« nennen wir selbst diese Stimmung – dann ballt sich leicht die Faust und schlägt darein nach Ungnad, wohin sie trifft, aber wieder im ehrlichen Kampfe Mann gegen Mann und nicht hinterrücks und hinterlistig.

Von diesem Standpunkte aus sollte man auch das »Raufen« unseres Volkes beurteilen; dann ist es nicht schwer, dasselbe im großen Ganzen in drei Hauptgruppen einzuteilen, wenigstens für die früheren Zeiten, denn die heutigen Epigonen haben darin leider oft nicht mehr den rechten alten Einschlag und halten sich nicht mehr an den alten Ehrenkodex, der ungeschrieben, aber treulich überliefert von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbte.

Das wirklich ernste Raufen ist meist nur die Folge tiefgehender Feindseligkeit, sei es nun wegen eines Rechtsstreites oder namentlich wegen Störung des Liebeswerbens – da kann ja leider der grimme Haß die harten Schädel so verblenden, daß sie nur im Kampfe bis aufs Messer einen Ausweg finden, wo der Unterliegende im besten Falle ein langes Gebresten davonträgt, während der Obsiegende dann jahrelang hinter Schloß und Riegel Zeit hat, über Recht und Unrecht nachzudenken. Doch derartige Streithändel finden sich nicht bei unserm Volke allein, man berichtet davon auch bei andern Völkern und es soll sogar dort nicht so ehrlich zugehen wie bei uns, sondern Heimtücke und Hinterlist ein beliebtes Mittel zum Siege sein.

Eine zweite Gruppe minder ernster Raufhändel bildeten dann die alt vererbten Feindseligkeiten zwischen den Burschenschaften zweier Dörfer. Den Untergrund dazu bot zumeist das ewig Weibliche. Ein oft längst schon vergessener Streit zwischen zwei Rivalen aus den beiden Dörfern hatte dazu geführt, daß die gesamten Burschen des Dorfes nunmehr eifersüchtig darüber wachten, damit die eigenen Dorfschönen vor ähnlichem Werben möglichst bewahrt bleiben sollten. Kamen nun dennoch einmal die Burschen von Niedernhart in Mehrzahl nach Obernhart oder umgekehrt, so durfte man fast sicher sein, daß es auf Verabredung geschah und daß man sich darauf vorbereitet hatte. Der lange Gehstock aus erlesenem Weichselschoß wurde schon Tage vorher in den Brunnentrog gelegt, um ihn wieder zäh und biegsam zu machen, der eiserne Schlagring ruhte leicht erreichbar in der Tasche oder dafür das Dengelstöckchen und seine handlichere Nachahmung, das Raufeisen –. Wenn nun nach verschiedenen Sticheleien und reizenden Schnadahüpfeln der »Tanz« losging, dann galt es, die harten Schädel der Gegner mit dem Stocke zu bearbeiten – Dachdecken oder Dengeln hieß der technische Ausdruck – und mit dem Schlagringe ein Stück der Kopfschwarte herunterzureißen, so daß der Aderlaß kampfunfähig machte; aber beileibe war es verpönt, absichtlich auf tödliche Verletzungen hinzutrachten oder das Messer dabei zu gebrauchen. Dies galt allgemein als unehrenhaft und ließ sich dennoch einmal einer in der Erregung dazu verleiten, so wurde er darob verachtet und nicht mehr als ehrlicher, ebenbürtiger Gegner betrachtet. Waren dann die Eindringlinge siegreich aus dem Dorfe vertrieben, so trennte man sich ohne persönliche Feindschaft nur von dem Streben erfüllt, bei nächster Gelegenheit den Siegern es durch die Übermacht heimzahlen zu können, und diese betrachteten es ihrerseits oft genug als Ehrensache, nach Wiederherstellung der Verwundeten und Abwicklung der gerichtlichen Folgen sich den Besiegten in ihrem Dorfe zu stellen, um das Kampfglück von neuem zu versuchen.

Die dritte Gruppe bildete dann das Raufen unter den einheimischen, gar nicht verfeindeten Altersgenossen. Es war dies in der Regel kein ernstes Raufen, sondern nur ein Messen der gegenseitigen Kraft und Stärke. Der Tiroler nennt dieses Kraftspiel Ranggeln, aber wir Niederbayern haben dafür kein eigenes Wort. Dabei durfte von keiner Waffe Gebrauch gemacht werden, nicht Stock, nicht Schlagring noch sonst etwas war erlaubt, nur die Wucht der Faust und die Kraft der Arme sollte in ehrlichem Ringen entscheiden. Es war ein Schieben und Zerren hin und her, wo jeder danach trachtete, den Gegner bei den Lenden zu fassen, ihn so hochzuheben und dann zu Boden zu werfen – zarter oder unzarter, je nach dem Grade des Widerstandes. Hosenlupfen war der übliche Ausdruck dafür. Gab der Besiegte sich damit zufrieden, so setzte man sich nicht selten noch einmal zusammen und trank darauf noch eins. Wollte jedoch der Unterlegene weiterkämpfen, dann öffneten die Freunde des Siegers die Tür sperrangelweit und das Ringen setzte sich fort, bis der Besiegte unsanft vor die Haustür gesetzt wurde. Dann aber durfte er für diesen Tag nicht wieder an der Tafelrunde teilnehmen, er war »hinausgeworfen« und sollte nun nach Ehr und Sitte auch draußen bleiben; aber unversöhnliche Feindschaft gab es deshalb noch lange nicht, niemand mißachtete den Besiegten und bei nächster Gelegenheit bot der Sieger und seine Freunde dem Unterlegenen friedlich den Krug zum Willkommsgruße an und die ganze Geschichte war glatt und still erledigt. So war es einmal Sitte und Brauch – leider ist auch diese Altvätersitte schlimmeren Einflüssen zum Opfer gefallen.

Und unsere Vorliebe für das feststehende Messer beruht sicher nicht in erster Linie auf seinem Werte als »Waffe zum Nahekampfe«, sondern in der vielfachen Verwendung, die wir ihm abgewinnen lernten, so daß es für uns zum unentbehrlichen, weil nützlichen und brauchbaren Begleiter geworden ist. Die Verallgemeinerung seines leidigen Mißbrauches auf den ganzen Volksstamm ist eine unbewiesene und unbeweisbare Verleumdung; tragen doch Tausende und Tausende von uns aus jedem Stand und Alter den Knicker bei sich, ohne daß sie je im Leben an Streit und Raufhändel denken, ja den Unfug damit ebenso verabscheuen wie nur je ein Außenstehender. In erster und allererster Linie ist uns das Messer Taschenwerkzeug, das wir von Jugend auf durch Vater und Großvater gebraucht sehen bei all den kleineren Zwischenfällen des bäuerlichen Lebens als Schnitzer, Hammer, Beißzange, Stemmeisen und – Zahnstocher, vor allem aber als »Brotmesser«. Wenn z. B. in der Heuernte der Magd – Dirn heißt sie bei uns mit ihrem ganz ehrlichen und rechtschaffenen Namen – der Rechen entzweigeht, weil er sich in einer sparrigen Wurzel zu fest geklemmt hat, so braucht sie deshalb nicht erst nach Hause zu gehen, um sich einen Ersatz zu holen, sondern sie wendet sich einfach an den zunächstarbeitenden Knecht; dieser bohrt mit seinem Messer das gebrochene Stielende heraus, schneidet die Spitzen zu, daß sie in die entsprechenden Bohrungen wieder passen, treibt sie hinein und verankert sie darin wieder mit einem Holzkeile und ohne besondern Zeitverlust ist der Schaden mit Hilfe des Messers gehoben und so gibt es viele kleine Aufgaben im täglichen Getriebe, die wir mit unserm Messer lösen gelernt haben. Insbesondere aber fordert die Landessitte das Mittragen des Messers als unentbehrlichen Teil des Eßbesteckes. In ganz alten Zeiten, wo mein Urgroßvater noch zu den Großeltern alljährlich als Kirchweihgast kam, trug man sogar auch noch die zweizinkige Eßgabel neben dem Messer mit sich und man setzte seinen Stolz darein, auch darin standesgemäß ausgerüstet zu sein. Und schau dir heutzutage noch in alten Bauernhäusern, wo man noch nicht ganz mit der Väter Sitten gebrochen hat, einmal so ein Mittagessen an, dann wirst du fast Ähnliches noch beobachten können. Wenn die Anderdirn das Tischgebet gesprochen, dann geht sie in die Küche, um die Schüssel mit der dampfenden Suppe zu holen. Unterdes setzen sich die übrigen Dienstboten genau nach Rang und Würde um den großen viereckigen Eichentisch. Derselbe ist bedeckt mit selbstgesponnenem, blaugefärbten Rupfentuch und vor jedem Esser liegt der flache Teller aus Weißbuchenholz, vor dem Teller des ersten Knechtes der mächtige Laib Hausbrot. Und nun, mein Nicht-Niederbayer! siehe zu, wo das Eßbesteck sich findet. Vom Altknecht an bis zum jüngsten Stallbuben greift nun jeder nach einem genau bestimmten Plätzchen, wo hinter der Lehne der Sitzbänke Löffel und Gabel paarweise steckt, um es sich zu holen, Messer wirst du keines erblicken. Inzwischen steht auch die Suppe auf dem Tische. Nun nimmt der Knecht den Brotlaib an seine linke Seite, holt aus der Tasche sein Messer und schneidet flache Schnitten ab, die dann die beiden Dirnen in die Suppe bröckeln, bis nach dem Sprachgebrauche der Löffel in der Suppe stecken bleibt oder sogar die Steine aus der Isar herausschauen. Scheinen der Brotstücke genug zu sein, so geht ringsum ein allgemeines Untertauchen derselben los, damit sie sich vollsaugen und ist dies geschehen, dann fischt der erste Knecht mit seinem Löffel den ersten Brocken mit Suppe heraus und ihm folgen gemäß Reihe und Rang die andern nach bis mit dem letzten Brocken der Knecht den Löffel weglegt, für die übrigen das Zeichen, daß auch sie nunmehr den Löffel vorerst rasten lassen müssen. Hierauf trägt die Anderdirn die Suppenschüssel ab und die Dirne folgt ihr in die Küche nach. Bald kommen sie zu Dritt wieder heraus. Voran die Bäuerin mit den vorgeschnittenen Stücken von Rauchfleisch, auf dem mindestens zwei Finger breiter Speck sich finden soll und legt jedem nach Rang vor, hinter ihr folgt die Dirne mit den weit mehr als faustgroßen Knödeln aus Schwarzbrot und die Anderdirn mit einer mächtigen Schüssel voll Sauerkraut, die in die Mitte des Tisches gestellt werden. Und nun greift alles männliche Erwachsene an seine rechte Seite um das Messer und selbst die weiblichen Dienstboten holen aus der Tasche ihr Schnappmesser, um Fleisch und Knödel verkleinern zu können und sich daran mit einem Schober Kraut bedeckt sättigen zu können. Diese Beschäftigung geht eine gute Meile still und bedächtig fort, bis der Oberknecht an den langsameren Bewegungen der Arme und Kaumuskeln merkt, daß alle sich satt fühlen, denn dann erst darf er das Eßgerät weglegen zum Zeichen, daß das Diner aufgehoben ist. Nun wischt jeglicher Messer, Gabel und Löffel am Tischtuche ab, das Messer wandert wieder in die Tasche, Gabel und Löffel an das stille Plätzchen, wo sie schon vorher ruhten. Ein allgemeines Dankgebet noch und dann geht alles wieder zur Tagesarbeit über. Und genau so ist es auch mit dem Messer, wenn bei schwererer Arbeit zur »Brotzeit« Milch, Bier oder Ähnliches auf das Feld gebracht wird. Die Löffel werden mitgegeben, das Brotmesser muß der Knecht schon mit sich haben.

Wenn du, um noch ein Beispiel anzuführen, als lieber Heimgast in so ein noch altväterisches Bauernhaus kommst, dann wirst du auf den Ehrenplatz des Hausherrn über dem ledergepolsterten Kanapee höflich niedergezwungen, der Bauer setzt sich dir gegenüber und die Bäuerin bringt dir bald ein »Haferl Bier« im schönsten Trinkglase, das sie zur Hand hat. Daneben legt sie den Brotlaib und ein blühweißes Holzteller mit einem Stücke »Schwarzen«. Die Gabel liegt daneben, das feste Messer aber steckt sie dir gleich in den Brotlaib, damit du ganz bequem weiterschneiden könntest zu deinem Stücke Brot. Aber ich rate dir gut, wenn du in unsere Bräuche noch nicht eingeweiht sein solltest, laß dich nicht verführen dort weiterzuschneiden, wo die sorgsame Hausfrau das Messer für dich hineingesteckt hat, wofern du nicht einen starken Hunger mitbringst, sondern ziehe es lieber heraus und bedenke dein Eßvermögen, denn der bäuerliche Anstand erfordert es, daß du mit einem flachen Schnitte über die ganze Breite des Brotlaibes wegfährst und nicht eine Mulde heraussägest. Nehmen und essen mußt du aber von dem Gebotenen, willst du nicht die Hausehre gröblich verletzen und nach dem Volksglauben Segen und Ruhe aus dem Hause mitfortnehmen und niemand, der unser Volk und seinen Brauch kennt, wird es einfallen, darüber zu kritteln, daß die bäuerliche Hausfrau das gewohnte und landesübliche Messer auch dem liebwerten Gaste als Brotmesser vorlegt, selbst wenn sie es erst dem Eheherrn aus der Tasche ziehen und an ihrer Schürze abwischen muß.

Nach dieser Abschweifung nun zurück zu unserm Geschichtlein. Menn der Sedlbauer mit seinem Angebote zum Raufen aufforderte, so war damit die dritte der obengeschilderten Gruppen gemeint – das Messen der Kräfte im gegenseitigen Ringen ohne Waffe und ohne ernstliche Verletzung. Der halbe Eimer Bier war dazu ein mächtiges Lockmittel für die drei durstigen Gesellen – davon trafen ja auf den einzelnen zehn Maß und wenn man es sich einteilte, so konnte man auch noch am nächsten Abend sich dadurch eine Freude bereiten nach des Tages Last und Arbeit: ein ordentlich Stück Rauchfleisch aus des Sedlbauern Vorrat, ein Keil Brot von zu Hause und ein paar Maß Bier dazu, das mußte ein Nachtmahl geben, welches der Kraftanstrengung schon wert war und daß sie drei obsiegen würden, war ihnen unzweifelhaft. Trotz alldem stieg dem bedächtigen Schmied Konrad noch ein starkes Bedenken dagegen auf: zu solchem Ringen war der Raum in der Gaststube für die 15 Leute zu eng und beschränkt, man konnte einerseits nicht seine ganze Kraft einsetzen und auswirken und anderseits konnte man kaum einstehen dafür, daß nicht der Geschirrschrank und der Ofen in Mitleidenschaft gezogen würden, wodurch vielleicht ein Schadenersatz erstünde, der den ausgesetzten Preis zunichte machen würde. Doch ihm fiel auch ein Ausweg ein, der ebenso ehrenhaft war, aber die bedachten Gefahren vermied – das Hinausschieben. Leise teilte er seine Anschauung den beiden Kameraden mit und als diese zustimmend nickten, gab er laut sein Angebot und die Gründe dafür kund.

Der Sedlbauer war damit einverstanden, »Wie ihr es machen wollt,« meinte er, »gilt mir gleich, wenn ihr es nur fertig bringt.« Auch die Jungmannschaft ging darauf ein; das war nicht mehr persönliche Anrempelung, sondern eine Herausforderung der Gesamtheit und überdies war das Schieben und Geschobenwerden ein gefahrloser Scherz, auf den man sich froh einlassen konnte, weil sie Zwölfe am Ende doch mit ihrer ausgeruhten Kraft – die anstrengende Erntezeit hatte ja noch nicht begonnen – über die Dreie Herr werden könnten und so um den erhofften Siegespreis brächten.

Nachdem so alles einverstanden war, wurden gemeinsam auch gleich die nötigen Vorbereitungen getroffen: Tische und Bänke möglichst an die Wand gerückt, die Tür ausgehoben und alles Hinderliche, wie die Joppen, entfernt. Die Dreie wählten sich dann die kräftigste Fürbank aus und stellten sie in die Mitte der beiden Parteien, drei gegen zwölf. Ohne Zögern ward nun die Bank auf Schulterhöhe genommen und die Kämpfer stemmten sich Schulter an Schulter dagegen in dem Streben, die Gegenpartei zum Wanken und Weichen zu bringen. Aber Ruck um Ruck mußten die Zwölfe Platz geben, nur der Türausgang hemmte den Fortschritt der Sieger etwas, weil einerseits die Schwelle festen Halt für die Füße bot und anderseits die Türenge eine besondere Taktik forderte, um mit der Bank so durchzukommen, daß nicht ein Teil des Gegners in der Stube verblieb. Der erbittertste Wettkampf erstand jedoch erst auf der Gred. Da gaben die Spalten zwischen den Ziegelplatten feste Griffe für die Füße und das Holzgeländer, welches die Gred nach außen abschloß, bot einen weiteren Stützpunkt, so daß die Unterlegenen mit vermehrtem Widerstand einsetzen konnten und die bisherigen Sieger sogar etwas zurückdrängten. »Hölldeixel,« knirschte da Konrad auf, »dies darf's fein nit geben, drauf Kameraden mit aller Gewalt!« Wirklich setzten sich auch die Dreie mit einheitlichem festestem Gegendrucke ein um endgültig den Sieg zu erringen. Aber da ereignete sich etwas, das sie nicht in Berechnung gezogen hatten. Im Eifer des Wettspieles hatten sie alle nicht darauf geachtet, daß das Holzgeländer schon mehrmals ganz bedenklich gekracht hatte, als ob es aus den Fugen gehen wollte und nun brach es bei dem erneuten kräftigen Ansturme vollends zusammen und alle die Kämpfer, Besiegte und Sieger, flogen infolge der plötzlichen Entlastung des Gegendruckes kopfüber auf die Dungstätte hinab. Die Altbauern, welche Schritt für Schritt dem Kampfspiele als Zuschauer und Richter gefolgt waren, mußten laut auflachen, als sie den Knäuel von Füßen und Armen sich da unten entwirren sahen und ihr Lachen steckte auch die Jungen an, als sie aufgekrabbelt waren und sich gegenseitig anblickten.

Selbst die Dreie, denen der Sieg damit nicht ganz zugefallen war, konnten sich nicht dagegen wehren. Der Schmied Konrad stellte die Bank, welche sie bei der Fahrt in die Tiefe mitgenommen hatten, zurecht und setzte sich darauf, um das Schlachtfeld ruhig zu überschauen. »So,« meinte er dann, »da san wir jetzt alle beisammen, außi g'schoben haben wir Enk wohl, aber abigfallen san wir auch mit, es ist nit ganz recht gegangen.« »Macht nichts, Konrad!« mischte sich der Sedlbauer ein, »ich halte meine Wette, der halbe Eimer gehört euch, denn die Geschichte ist noch viel schöner geworden als ich gerechnet habe.« »Und ich leg noch einen Gulden dazu,« ließ sich der Hirschenbauer vernehmen, denn ihm war ja gerade ein besonderes Gefallen erwiesen worden dadurch, daß die drohende Schmach von seinem Jungen abgelenkt worden war. Auch die beiden andern Altbauern boten gern ein Trinkgeld an für den Genuß, welchen ihnen das Wettspiel und besonders sein seltsamer Abschluß bereitet hatte. Da hob der Schmied Konrad seine beiden Hände schnalzend in die Höhe und sein Juhschrei klang hell durchs Dorf.

Bei dem Sturze in die Tiefe waren alle so ziemlich heil davongekommen; das Strohbett hatte den Fall gemildert, die Sommersonne hatte es vorher hübsch trocken gelegt, so daß die Berührung nicht allzu saftig ward, die braunen Flecken auf dem weißen Sonntagshemde würden bei der nächsten Wäsche leicht verschwinden und für Gesicht und Hände rann ja gleich daneben im Röhrlbrunnen frisches Wasser genug, der etwas stechende Geruch, den ihre Nasen dabei hatten einige Zeit tiefer einsaugen müssen, machte ihnen nichts zu schaffen, denn es war ja doch nur ein Teil der gewohnten Landluft.

So zogen denn Sieger und Besiegte friedlich von der Walstatt ab und sammelten sich nach der entsprechenden Reinigung wieder in der Gaststube, aber nunmehr gemeinsam an einem Tische. Da den drei Siegern durch das Versprechen der andern Großbauern immer noch für morgen und übermorgen ein guter Abendtrunk verblieb, opferten sie den Halbeimer des Sedlbauern auf dem Tische der Kameradschaft, er sollte gemeinsam vertilgt werden. Unter Scherz und Lachen geschah es und als man sich nach vollbrachtem Werke trennte, geschah es unter dem allgemeinen Gefühle der größten Befriedigung, »Heut' ist es schön gewesen, so schön wie schon lange nimmermehr,« sprach einer von ihnen im Sinne aller. »Ja,« erwiderte Konrad darauf mit schelmischem Blicke auf seine zwei Siegesgenossen, »schön ist es gewesen, aber morgen und übermorgen bleibt es auch noch schön. Juchhe!«

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