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Im Wandel der Jahre.

In der alten feudalen Zeit gehörten viele der größeren Güter des oberen Aitrachtales nicht völlig freien Bauern, sondern ihre Besitzer waren mehr oder minder zehentpflichtige Grundholden. Noch mehr waren die kleineren Besitzungen in Abhängigkeitsverhältnissen; wenn sie auch der Zehent an Getreide und sonstigen Abgaben vielleicht nicht so sehr bedrückte, so mußten sie dafür durch Robot und Scharwerksdienste ihrer Herrschaft Folge leisten. Abgesehen von den ferner liegenden Grundherren, wie die Hochstifte und Klöster von Regensburg, denen einzelne Pfarreien und Höfe eigneten, fanden sich fast auf jedem größeren Dorfe eigene Hofmarken. Auf einer Wegstrecke von etwa drei Stunden mag der Geschichtsforscher gut an die dreißig Namen adliger Geschlechter finden, die dort seit dem 15. Jahrhundert einmal Besitzungen hatten und deren Glieder sogar in den dortigen Kirchen sich zur ewigen Ruhe betten ließen. Es sind darunter Adelsgeschlechter, die zum Teil im Tale selbst oder wenigstens in der Nähe ihre Stammgüter hatten, aber auch solche, die nur durch Kauf und Erbschaft in den Besitz gelangt waren; Adelsgeschlechter, die heute noch dauern, viel mehr aber solche, die untergegangen und ausgestorben sind im Laufe der Zeiten. Sie alle aber hatten dort ihre sogenannten Schlösser, selten in der Bauform der Burgen auf den Bergen, sondern zumeist nur mehr oder minder stattliche Wohngebäude in der Talebene, in deren Umgebung sich die weiten Zehentstädel und die vielstockwerkigen Getreidekästen breit machten, denn die meisten dieser Besitzungen hatten nicht bloß selbst ausgedehnte landwirtschaftliche Betriebe, sondern füllten ihre Scheuern auch mit den Zehentgarben, welche der Schloßverwalter selbst zur Erntezeit von den Feldern holte und durch die Robotleute ausdreschen ließ, soweit nicht die zehentpflichtigen Bauern ihre Abgabe gleich in reinem Korn liefern mußten. Meist gehörte auch ein größerer Waldbesitz dazu, um das Jagdrecht ausgiebiger üben zu können. Wie gering jedoch damals der Wald bewertet ward, mag man leicht aus der verbürgten Tatsache ersehen, daß drei adlige Fräulein, die als letzte ihres Zweiges das ihnen gehörige Schloß verkaufen wollten, der Dorfgemeinde ihren Besitz von rund 1000 Tagwerk Wald um den Preis anboten, daß jeder Hausbesitzer für die Klafter Holz, welche er sich jährlich aus dem Walde holen dürfte, auch alljährlich nur einen Groschen an die Kirchenstiftung zahlen sollte zur Begründung eines ewigen Seelengottesdienstes; aber auch diese geringe Abgabe war den Leuten noch zuviel, sie lehnten das Angebot rundweg ab.

Nachdem jedoch die Zehenten und andere Vorrechte gefallen oder abgelöst waren, verfielen die leeren Städel und Speicher und mit ihnen nicht selten auch die Schlösser, da man keinen Verwalter und Gerichtshalter mehr brauchte und sich die Entlohnung für ihre Dienste schenken mochte, von den meisten dieser Schlösser weiß das Volk von heute kaum mehr den Platz, wo sie einst gestanden; an einige wenige nur knüpfte sich noch längere Zeit die dunkle Sage, daß es auf ihrem Grunde immer noch zuzeiten geistere und spuke. Wie achtlos man vielfach bei der Niederlegung dieser Schlösser vorging, weiß ich selbst noch aus den Berichten unserer Familie, weil der Großvater als leitender Maurerpalier im Winter 1851 dabei tätig war. Man hatte es nicht der Mühe wert erachtet, die Einrichtungsgegenstände fortzubringen; mit den schweren Eichentruhen und Kästen der Vorratskammern und den zierlichen Rokokomöbeln der Herrschaftskemenaten heizten die Arbeiter den gewaltigen Kamin im alten Speisezimmer des Erdgeschosses, um sich des Abends warm zu halten; zu gleichem Zwecke verschwand die reiche Bibliothek des Schlosses, das Jagdgeräte und alles, was sonsten brennbar war. Wenn irgend ein Stück den Arbeitern gefiel und tragbar war, mochten sie es ungehindert wegschleppen und mein Großvater brachte davon selbst mit: eine große Weihnachtskrippe aus schönen holzgeschnitzten Figuren, eine ganze Sammlung von reich eingelegten Flinten und Pistolen und einen großen stehenden Spiegel mit gut vergoldetem Rahmen. Leider ging auch das noch durch Unachtsamkeit verloren. Den wertvollen Spiegel hat ein dummes Öchslein zuschanden gebracht. Er war in der guten Stube der Tür gegenüber ausgestellt und als eines schönen Sommertages die Herde zur Weide getrieben ward, ging das übermütige Tier seine eigenen Abwege, kam dabei sogar in diese Stube und wie es nun im Spiegel sein unbekanntes Ebenbild erblickte, stürzte es sich kampfeslustig darauf los und unter der Wucht seines Anpralles ging das schöne Stück in schöne Scherben. Die Weihnachtskrippe baute der Großvater wohl noch manche Jahre auf und die Jugend kam und freute sich ihrer, weil sie die einzige Krippendarstellung weit um im Lande war, aber als die Enkelkinder allmählich heranwuchsen, holten sie Stück für Stück davon weg als Spielzeug, verbrachen und verschleppten es, bis vom Ganzen nichts mehr übrig war und ebenso unbeachtet verloren sich die schönen Schießwaffen. So wurde vieles achtlos vernichtet und vergeudet, das heute ein Schmuckstück für jede historische Sammlung wäre. Trüb gestimmt berichtet denn auch ein neuerer Kunsthistoriker von diesem Schlosse, das erst 1732 neugebaut worden war, daß er nichts mehr davon finden konnte als »ein paar Mauersteine mit schön profiliertem Gesimse und die Gewölbe im jetzigen Kuh- und Pferdestalle des sogenannten Schloßbauern«. Nur zwei dieser Schlösser blieben erhalten, weil sie erst um das Jahr 1830 als Stammgüter einer neueren Adelsfamilie angekauft worden waren. Das eine derselben, nach einem Brande 1842 neu aufgebaut, besaß und besitzt heute noch keine eigene Feldwirtschaft, nur ein stattlicher Kranz von Waldungen gehört in weiter Runde dazu, das andere Schloßgut aber hat sich aus großbäuerlichem Wirtschaftsbetriebe in der Zeit von drei Generationen zu einem ganz modernen Fideikommißgute entwickelt, das nunmehr zu dem alten Besitze die ganzen Fluren von drei früheren Dörfern in sich aufgesaugt hat bis auf einen Bauernhof und einige kleinere Güter, deren Besitzer geldkräftig und eigensinnig genug sind, um auf eigener Väterscholle noch weiter hausen und heimaten zu wollen. Und wie das Schloßgut sich verändert und modernisiert hat, so änderten sich auch in derselben Zeit viele andere Verhältnisse, wenn auch das Gebiet der alten Hofmark, obwohl es nicht mehr durch die eigene Patrimonialgerichtsbarkeit ausgezeichnet war, immer noch der Mittelpunkt des Tales blieb.

Hier hatte 1716 Franz Joseph Adam Freiherr v. Lerchenfeld mit seiner Gemahlin Margareta, gebornen Gräfin v. Fugger, ein kirchliches Benefizium gestiftet und im folgenden Jahre ein schmuckes Barockkirchlein »Von Grundt auffer Pautt«, wie sein Grabstein berichtet. Durch den sonntäglichen Frühgottesdienst in diesem Kirchlein war aber ein Mittelpunkt für das kirchliche Leben der weiteren Umgebung geschaffen, namentlich die Hausfrauen benützten die Gelegenheit gern, um einerseits ihrer Christenpflicht genügen zu können und doch für die hausmütterlichen Arbeiten freie Zeit zu erhalten, während die Männer sich zum pfarrlichen Hauptgottesdienste begaben und anderseits gleich auch die kleinen Geschäfte mitbesorgen zu können, welche für des Hauses Bedarf gerade nötig waren. Dieses Verhältnis ist geblieben und hat sich sogar noch viel verbessert. In alten Zeiten gab es ja der katholischen Priester genug und jeder Pfarrherr ringsum hatte seinen Kooperator, wenn nicht gar noch einen Supernumerarius zu eigenen Diensten und Kosten und der junge Priester wurde fast grau, bis auch er sich einmal der pfarrherrlichen Rechte erfreuen durfte; dies wurde aber später ganz anders. Man mußte froh sein, wenn die wichtigeren Stellen mit einem eigenen Priester besetzt werden konnten, und dadurch wurden jene Kirchen, welche glücklich in der Mitte größerer Siedlungen lagen, erst recht zu Mittelpunkten kirchlich-religiösen Lebens, und vielleicht schreitet in nicht allzu ferner Zeit dieses Verhältnis noch weiter fort, indem man den neuen Verhältnissen Rechnung tragend aus dem alten, großen Filialbezirke am Aiterbach eine eigene selbständige Pfarrei erstehen läßt. Einen weiteren Mittelpunkt besaß die alte Hofmark in dem einzigen Arzte des ganzen Tales, der dort seine Behausung und Hausapotheke hatte und zu dem alles kommen mußte, das von schwereren Gebresten heimgesucht wurde, die nicht vom Bader und den eigenen Hausmitteln geheilt sein wollten. Auch dies ist geblieben und hat sich verbessert: neben dem Menschenarzte müht sich nunmehr auch ein Tierarzt und ihnen steht eine eigene Apotheke zur Seite nebst einer Drogerie und statt des sprichwörtlich gewordenen Doktorschimmels, der nie aus seinem gewohnten Trott zu schnellerer Gangart zu bringen gewesen war, saust nunmehr das Auto durch Staub und Schmutz der Straßen, um möglichst schnell ärztliche Hilfe bringen zu können. Eine dritte Zentrale der Hofmark bildete die Post, von da aus rollten täglich die gelben Wägen nach Nord und Süd und beförderten Gäste, Güter und Briefschaften, die dann erst wieder durch die Postboten in weitem Umkreise verbreitet wurden. Das materielle Erträgnis des Gasthauses zur Post mit dem zugehörigen Grundbesitz wertete aber ein früherer Besitzer so hoch, daß er sich zu behaupten getraute: »Wenn ein tüchtiger Mann bei dem Kaufe der Post alles schuldig bliebe bis auf die Gerichtskosten und die ersten Betriebsauslagen und die Gläubiger ihn nicht bedrängten, so könnte er in 15 Jahren sich frei von allen Schulden machen.« Der schöne Besitz ist nach manchem Wechsel ebenfalls in dem Fideikommißgute aufgegangen und statt der trabenden Postgäule rattert nunmehr das Auto, um den Menschen- und Güterverkehr zu bewältigen. Der einzige Kramladen des Dorfes war eigentlich ein Warenhaus der damaligen Zeit: Schmied und Schlosser fanden dort Eisen und Blech, der Schreiner und Tüncher Leim und Farbwaren, der Schuster Pech und Drahtgarn, der Schneider Tuche und Zubehör, die Näherin Kleiderstoffe und alles, was sonst Frauenherz begehren mag für des Kleides Zier, und die Hausfrau mochte dort erst all ihren Bedarf leicht decken, vom saueren Hering an und dem getrockneten Stockfische bis zu süßem Zucker und Backwerk, von der Unschlittkerze für das Dunkel der Nacht bis zur Wachskerze am Lichtmeßtage, vom Milchweidling und der irdenen Bratreine an bis zu dem Geschirre, das sich in dunkler Nacht verbirgt. Allwöchentlich brachten schwerbeladene Blahenwägen Ergänzungen und Neubeschaffungen, so daß die weite Kaufhalle bis an die Decke vollgestopft war, und wie sehr das Geschäft blühte, zeigte sich bei dem frühen Tode eines Besitzers, wo die junge Witwe zur Erbverteilung einfach eine ganze Schürze voll Silbertaler auf den Marmeltisch schüttete, daß sich die Verwandten darein teilen mochten, während sie für sich und die Kinder nur das Geschäft beanspruchte. Und in der Folge? Neue Krämereien und Spezereien und andere Handelsgeschäfte taten sich auf, schmälerten einander den Erwerb und als moderner Abschluß besteht heute wieder ein Kaufhaus nach dem Systeme Tietz und Genossen, wo von der Nähmaschine und dem Fahrrade an alles angeboten wird, was des Lebens Not und Luxus fordern kann; die reiche Krämersfrau von ehedem starb aber verarmt in einem Stübchen, das die Armenpflege der Gemeinde ihr noch eingeräumt hatte. Am Bache klapperte die Mühle das ganze Jahr hindurch und hatte genug zu tun, um alles Brotgetreide zu vermahlen; unweit davon stand die einzige Brettersäge des Tales, deren knirschende Töne selten schwiegen. Heute steht das Mühlenrad oft genug stille, eine Kunstmühle mit Motorbetrieb hart an der Landstraße hat ihr die Arbeit abgenommen; die Sägemühle findet der Wanderer überhaupt nicht mehr, ein moderner Baumeister, ausgerüstet mit Dampf und Elektrizität hat ihre Kraft überflügelt und seine neue große Dampfziegelei hat alle die alten kleinen Ziegeleien des ganzen Tales kurzerhand brach gelegt. In den drei oberen Dörfern des Tales saßen zusammen fünf Schuhmachermeister, die ihre Gewerbegerechtsame um teuren Preis erworben hatten, aber auch mit ihren Gesellen vollauf beschäftigt waren, um die Wünsche ihrer Kundschaft zu befriedigen. Mit dem Eintritt der Gewerbefreiheit wurden ihrer mehr als ein Dutzend, von denen keiner mehr einen Gesellen nötig hatte, und heute versorgt ein Schuhbasar die ganze Gegend mit seiner Ware und verurteilt die alten Schusterwerkstätten zumeist zu Schuhflickereien.

Am langsamsten ging noch die Umwandlung in der Landwirtschaft vor sich und hierin war gerade das Herrschaftsgut die führende Partei. In der ersten Generation blieb allerdings das meiste noch beim alten. Der Gutsherr war ja ein Staatsbeamter und konnte demnach nur die Zeiten des sommerlichen Urlaubs auf seinen Gütern zubringen und auch dafür wählte er lieber jenes Schloß, dessen Ruhe nicht durch den Betrieb der Landwirtschaft gestört wurde. Die Führung des Landbaues lag in den Händen eines Verwalters, dem es in der Schreib- und Rechenstube wohliger war als hinter dem Pfluge und der Erntesichel und überdies lagen auch die Neuerungen noch nicht so sehr in der Luft. Die umwälzenden Theorien der Wissenschaften eines Liebig und anderer mußten erst noch gefunden und durch wagemutige Praktiker ausgeprobt werden, bis das neue Licht neue Pfade weisend sich durchringen konnte. Der gewöhnliche Bauer mit seinem zähen konservativen Sinne blieb erst recht im alten, lang ausgefahrenen Geleise. »Wie es Vater und Ahne als recht gehalten haben, wird es auch weiter gut tun,« das war sein Grundsatz, dem er unbedenklich folgte. Als die Schaffung der Ostbahn geplant war, sollte ihre Linie durch unser Tal geführt werden, aber kein Einheimischer wollte dafür seinen Grund abtreten, selbst der Gutsherr lehnte seine Mitwirkung ab mit der Begründung, daß er seine Pferde habe und auf eine Eisenbahn damit verzichten könne.

Aber schon neben dem alten Herren hauste und wirkte der Sohn. Wohl hatte er nach Väter Sitte die Rechtswissenschaft studiert und nach einem glänzenden Examen war er der Kreisregierung zur praktischen Betätigung seines Wissens zugeteilt worden, aber der Aktenstaub und die eingesperrte Luft der Schreibstube wollten ihm nicht zusagen, so daß sich sein Vorgesetzter zu einem leisen Winke nach eifrigerer Arbeit gezwungen sah, der damit gründlich erledigt ward, daß er die ganze Juristerei an den Nagel hing, um fortan sich als Freiherr, dem Namen und der Tat nach, dem väterlichen Landgute zu widmen. Nach geheimer Rede sollte zu diesem Entschlusse allerdings auch eine Herzensangelegenheit mitgeholfen haben. Man munkelte, daß ein Grafenkind ihm lieb gewesen wäre, aber der gräfliche Vater hätte die kleinere Freiherrnkrone und den minder straff gefüllten Geldsack nicht für ebenbürtig erachtet und ein trennendes Machtwort gesprochen. Sei dem, wie es wolle, jedenfalls setzte mit seiner Tätigkeit die Zeit der Neueinführungen auf dem Gute ein, die erprobten Neuerungen wurden überall verwertet, neuere Geräte und Maschinen beschafft, Verbesserungen nach Möglichkeit erwogen und erstrebt und durch gelegentliche Grundankäufe der Besitz immer mehr vergrößert. Dieses Beispiel blieb allmählich nicht ohne Einfluß auf die ganze bäuerliche Umgebung, waren die Söhne überhaupt schon nicht mehr so altväterisch veranlagt, daß sie von vornherein alles Neue und Ungewohnte ablehnten, so ließen sie sich um so leichter durch den augenscheinlichen Erfolg und Nutzen der neuen Art der Feldwirtschaft überzeugen. Erst ging ja manch einer von ihnen vorsichtig prüfend und abwägend durch die herrschaftlichen Felder, wenn er an schönen Sommersonntagen zu kellerfrischem Trunke im kühlen Schatten der uralten Eichen des Schloßberges strebte und dann wagten sie auch die Neuerung und als sich vieles bewährte, war die Bahn des Fortschrittes eröffnet, die vom Alten mehr und mehr aufgeben ließ, was durch Besseres zu ersetzen war. Bei der jetzigen Generation magst du sogar vielleicht schon oft vergeblich fragen nach der Art, wie es Großvater und Urahne gehalten hat, sie spricht bereits von Kunstdünger, von neuen Sorten an Saatgetreide und Kartoffeln, von neuen Pflügen und Maschinen, als wäre es immer schon so gewesen; kaum daß du noch so einen alten hölzernen Pflug verlassen und vereinsamt in einem Winkel der Schupfe wie ein verlorenes Überbleibsel aus alter Zeit finden magst oder die Drischel klappern hörst mit ihrem lärmenden Takte. Dafür surrt jetzt der Motor oder brummt für ein paar Tage die Dampfmaschine und leistet in dieser kurzen Zeit an gleicher Arbeit, was früher vieler Hände Mühe erst in langen Monden zuwege gebracht haben, wie lange wird es vielleicht noch währen, so frägt der Dienstbote bereits beim Eindingen allen Ernstes darnach, ob auch schon im ganzen Betriebe neumodische Motoranlage ihm die schwerere Last der Arbeit abnehmen kann? Hat doch schon auf dem Herrschaftsgute, dessen jetziger dritter Inhaber das alte Schloß mit reichen Mitteln zu einem modernen Herrensitze umgestaltete, das Lastauto einen Teil der altgebräuchlichen Pferdekräfte ersetzen müssen.

So ist also auch die neuere Zeit an dem scheinbar so fest an Grund und Boden haftenden Bauernstande nicht spurlos vorübergegangen, viel Gutes und Besseres hat sie ihm gebracht, leider aber auch manches alte Gute vernichtet. Die ganze alte heimische Tracht wirst du kaum mehr entdecken können, die blitzenden Silberknöpfe auf Leibl und Spenser sind meist zu andern Zwecken umgewertet worden; das einst in den Abendstunden so traulich schnurrende Spinnrad steht verstaubt auf dem Dachboden und hausgesponnene Leinwand oder gar den selbstgesponnenen und selbstgewebten schwarzweißen Wollenrock der Frauen magst du nur mehr als Rest einer andern Zeit spärlich finden; selbst die alten Häuser mußten sich eine Modernisierung gefallen lassen, indem der Schrot mit seinen zierlichen Säulen weggeschnitten wurde und so ist vielfach das wechselvolle, oft so malerisch schöne Bild des alten Bauerndorfes in der langweiligen Einförmigkeit der allzusehr nur das Nützliche betonenden Neuzeit untergegangen.

Aber auch das Landschaftsbild selbst hat sich eine Modernisierung vielfach gefallen lassen müssen, wo früher das Bächlein sich in zahlreichen Windungen durch den Wiesengrund schlängelte, da und dort auf seinem Laufe in breiteren, tiefen Tümpeln rastend, rinnt es jetzt von des Menschen Hand bezähmt und eingedämmt in schnurgerader Linie gleichmäßig dahin, von den alten Fellerbäumen an seinen Borden, aus deren saftvollen Loden wir Jungen uns so gern Pfeifen schnitten, um mit ihrem hellen Klange der ganzen Welt froh und freudig zu verkünden, daß nun der Lenz wirklich ins Land gezogen kam, findest du kaum ein Stäudchen mehr. Ebenso schaut mein Auge vergeblich und wehmütig aus nach den nicht wenigen Scheibelbirnbäumen, die an den Grenzen von Ackerfeld und Wiese standen. Es war nicht feines Tafelobst und wenn die Birne nicht gelb wie ein eben aus dem Ei gekrochenes Gänslein vom Baume fiel, hat auch der begehrlichste Kindermund nicht gern darein gebissen, aber wir wußten uns damit zu helfen, wenn man sie daheim einige Wochen nur unterm Strohsack oder sonst in einem geheimen Verliese versteckte, wurden sie bald mürbe und teig und boten dann einen herrlichen Genuß. Dabei wurden wir Junge nicht einmal mit Schimpf und Drohung versprengt, wenn wir davon unsere Taschen und Mützen bis zum Überlaufen vollstopften, es blieb noch genug übrig für den Besitzer, der sie ohnedies nicht hoch wertete, weil die Bäume auf der Point vorm Hause edleres Obst ihm trugen. Den tiefen Grabeneinschnitt, der die Schmelzwasser des waldigen Brettbachtales bis unter die Mühle hinab zum Bache führte, suche ich umsonst und doch wie habe ich ihn einst geliebt mit seinem wilden Haine von Schlehdorn, Haselstaude, Pfaffenkäpplein, Hundebeeren, Hagrosen neben vielen anderm, und mit dem reichen Vogelsange darin vom ersten Tagesgrauen bis zum letzten Abendrufe der Schwarzamsel. Vom Frühling an, wo die Schlehen sich das weiße Hochzeitskleid umtaten und zu ihren Füßen Märzveigelein dufteten und die Himmelsschlüssel den Lenz einleiteten bis die Nüsse reiften und wir uns im Herbste die Hagebutten zu Ketten reihten, gab es allzeit dort etwas zu schauen und zu suchen. Der Hag ist verschwunden und mit ihm auch das uralte Eichenreis, in dessen weiten Schatten so oft die Ernteschnitter ihre Brotzeit und Arbeitsrast gehalten haben. Schon zu Ur-Ur-Ahnszeiten muß ein Häher auf dem Fluge von Dunzenberg zum Auholz dort die Eichel verloren haben, die dann keimte und weiter gedieh bis ein mächtiger Baumriese daraus ward. Aber alle die Geschlechter bisher hatten Bäumlein und Baum für unantastbar gehalten und vererbt, bis die neue Zeit klug und sorgfältig ausgerechnet hat, daß der kerngesunde Stamm wohl ebensoviel hundert Mark werten dürfte als er an Lebensjahren zählte und daß er obendrein sogar noch schädlich sei durch die weite Beschattung des Getreideackers und die Gewinnsucht vernichtete die Ideale der Altvorderen und erst recht den schönen Baum.

Wo der Schwedenbach in die Aitrach mündete, war ein kaum um einen guten Schuh erhöhter Wiesenfleck und dieses Wiesenstücklein sah im ersten Frühling aus als ob ein Teilchen der schönsten Himmelsbläue sich dort vorübergehend zur Erdenrast niedergelassen hätte, denn Schusternägelein blühten dort in Unzahl und wenn nach der Grummeternte der übrige Wiesenschmuck selten geworden, dann zierte dieses Fleckchen immer noch das hellblau des Kreuzenzians untermischt mit den violetten Tönen des Bartenzians, so daß der Blumenfreund seine helle Freude daran haben konnte, zumal weit und breit nichts Ähnliches zu schauen war. Wo hinwiederum am Mühlensteg der Altbach abzweigte, da holten sich im Auswärts, wenn das übrige Gras erst zu sprossen begann, die jungen Dirnlein große Büschel der gelben Butterkugeln zu Spiel und Schmuck, und im Sommer wogten dort in überreicher Zahl die hohen Halme des Wiesenknopfes mit ihren rosaroten Blütenköpfen. Heute siehst du dort die Adventbotschaft vom Abtragen der Höhen und Ausfüllen der Täler im kleinen erfüllt; weitum schaut dein Auge nur einen Wiesenplan, bretteben wie eine Stadeltenne und gewiß bietet der Blick über den grünsammeten Wiesenteppich, gesprenkelt mit weißen, gelben, blauen Blütensternen, ein schönes Naturgemälde, aber wer bei dem Gedanken an Bachtal und Mühlengrund von etwas anderm träumt als von reicher Heumahd, der findet nimmermehr seine Rechnung dabei; das poesieumwobene Landschaftsidyll ist der grauen Theorie von der Wertnutzung geopfert worden. Andere Menschen, andere Lieder; andere Zeiten, andere Bilder. Ob immer auch wirklich schöner, darüber wollen wir nicht streiten, denn Guster und Maultaschen, sagt ein heimisches Sprichwort, sind nicht alleweil gleich.

Seit dem Sturmjahre 1848 sind noch nicht einmal hundert Jahre vergangen und doch wie vieles hat sich selbst auf dem kleinen Erdenflecke schon verändert! Der Menschengeist hat neue Verhältnisse geschaffen, hat verbessert und des Lebens Mühe in manchen Stücken erleichtert, aber auch alte Werte völlig umgewertet und sogar zerstört, von den Menschen sind dabei gar manche schuldlos untergegangen, andere haben sich langsam zur Höhe gearbeitet oder sind sogar rasch emporgeschnellt. Des Erdenglückes scheint ein reicherer Teil über die Menschen ausgegossen zu sein, ob damit auch immer ein größerer Teil an Herzensglück und Herzensfrieden, mag unerörtert bleiben. Jedenfalls würde so ein Alter, wenn er wieder dem Grabe entstiege und das ganze Tun und Treiben sähe, wie es so vielfach hastet und drängelt, sich mit seiner Art in seiner alten Heimstätte nicht mehr zurecht finden und den Kopf bedenklich schüttelnd, würde er gern wieder Abschied nehmen von der Welt von heute, indem er wohl brummelte: »Sakra, Sakra! na, da mag ich nit bleiben, es gefällt mir vieles nimmer! die Welt ist anders geworden, da lob ich mir meine gute, alte Zeit, wo es ruhiger und gemütlicher war.«

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