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Der alte Fritz.

Zum Fritzen war der Hausname, unter dem er allgemein bekannt war, während sein eigentlicher Schreibname fast nur von Amts wegen gebraucht wurde. Sein Besitz hatte ihn recht gut das ganze Jahr hindurch ausschließlich beschäftigen und nähren können, denn es war eine Sölde mit so viel Feldwirtschaft, daß zwei kräftige Ochsen nötig waren, um der ganzen Arbeit Herr zu werden, aber diese Haus- und Feldarbeit war ihm zu eintönig und langweilig. Er hatte eine lebhafte Musikantenseele im Leibe und da Musikantenkehlen nach dem Sprichwort stets etwas durstig sein sollen, war er es auch und dieser übergroß sich auswachsende Durst geleitete ihn allwegs durchs Leben und führte sogar auf Abwege, die ihn ungut enden ließen.

Ein kleines, untersetztes Männlein war er nur, wenn er so einherschritt, die Füße mit derben Bundschuhen bewehrt, auf dem Kopfe aber auch zur Sommerszeit noch die mit Fuchspelz verbrämte Haube, an der Seite eine lange Ledertasche mit einer Decke aus Dachsfell, in der seine Lieblinge untergebracht waren: Flaute, Klarinett und Dudelsack. Wie seine Stimme für einen Mann ungewöhnlich hoch klang, so liebte er auch besonders jene Musikinstrumente, die helle Töne ermöglichten und darum erpreßte er sogar nicht selten auch dem Dudelsacke, der doch weit mehr zu schwermütigen oder stilleren Hirtenliedern sich eignet, hohe schrille Töne. Gelegenheit aber, die musikalischen Künste im Verein mit andern Berufsgenossen zu zeigen, gab es immerhin genug. Vor Weihnachten wanderte man von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, um das Christkindl anzublasen gegen Entgelt an klingender Münze oder eßbarer Ware, vor Silvester konnte man denselben Gang wieder machen, um mit frohem Spiele ein glückliches, neues Jahr anzuwünschen, in der Fastnachtszeit gab es lustige Schlittenfahrten und andere Vergnügungen, und von Ostern an feierte man fast jeden Sonntag irgendwo auf einem Dörflein Kirchweih, wo die Tanzmusik nicht fehlen durfte und damit war für den Fritzen immer willkommener Anlaß gegeben, der lästigen Heimarbeit auf ein paar Tage glücklich zu entrinnen. Als nun auch allmählich der Sohn so weit herangewachsen war, daß er die Bewirtschaftung des Gütchens übernehmen konnte und er der alte Fritz geworden war, da hielt ihn erst recht nichts mehr zurück auf der heimischen Scholle; ein unstetes, ungebundenes Musikantenleben erfüllte fürderhin seine Tage und obwohl er nicht von des Lebens Not dazu gedrängt ward, sank er dennoch nach und nach zum echten, rechten Bettelmusikanten herab. Um das tägliche Brot durfte er dabei allerdings nicht bangen, denn auf den meisten Höfen des Landes kannte man das Sprichwort: »Almosengeben armet nicht« und handelte danach. Ob ein Armer vor der Haustür sein Vaterunser betete oder der Spielmann ein lustiges Liedlein pfiff, für beide hatte die Hausfrau zum wenigsten ein Stücklein Brot, um den Hunger zu stillen, und wenn er gegen Abend sich auf einen einsamen Hof hinzog, wo des Lebens heitere Genüsse seltener Einkehr nahmen, konnte er sicher sein, daß ihm für die musikalische Unterhaltung warmes Abendessen und andere Gabe gereicht ward und er auf einer tüchtigen Schütte Stroh im warmen Stalle eine entsprechende Nachtherberge fand.

An den Sonntagen zog er dann von Wirtshaus zu Wirtshaus, bis er eine junge, lebenslustige Gesellschaft fand, die seines Spieles froh war und ihn mit Geld und freiem Trunke entlohnte, denn leider trank er allzu gern und nicht bloß das weniger unheilvolle Bier, sondern mehr den billigen, giftigen Schnaps, so daß er oft genug irgendwo auf einem Feldraine hinfiel und unter Gottes schönem Himmel seinen häßlichen Rausch ausschlief. Dieses unselige Treiben schwächte aber auch allgemach seines Geistes Kraft. Sein Äußeres verlotterte und schreckte durch die Unreinlichkeit ab, sein Gang ward laß und schlotternd, seine zitterigen Finger fanden oft nicht mehr die sicheren Griffe auf seinen Instrumenten, so daß Mißtöne sein Spiel verdarben, bis wieder der stachelnde Reiz des Alkohols seine Kräfte aufpeitschte. Die mildtätige Liebe, welche ihm früher gern die kleine Gabe verabreicht hatte, zog sich nicht selten scheu und unmutig vor dem üblen Saufbruder zurück und weigerte ihm das Nachtlager, so daß die Strohhaufen des Feldes ihm Bett und Decke leihen mußten und selbst die Zunftgenossen der früheren Musikbande wollten ihn nicht mehr um sich haben, obwohl doch auch sie festem Trunke nicht abhold waren.

Ein Gutes nur war ihm aus früherer Zeit verblieben, die Vorliebe für das fröhliche jauchzende Kindervolk. Wenn er da einmal gerade in eine Schar Mädel hineingeriet und sie baten ihn um ein Tanzlied, dann ließ er sich nicht selten vergeblich anbetteln, sondern blähte seinen Dudelsack auf und pfiff ihnen ein und das andere Liedchen, wobei er sogar seine Neigung für die hellen, schreienden Töne zu weichen, stille sinnenden Akkorden dämpfen konnte, und wenn die frohe Schar im verschlungenen Ringe-Ringel-Reihen um ihn tanzte, drehte er sich langsam mit ihnen um die eigene Achse, beglückend und selbst beglückt. Mit den Buben allerdings hatte er des öfteren kein solch lustig Gespiel, denn sie höhnten seiner allzu gern in ihrem Mutwillen, wenn seine Füße ungewollt krumme Pfade wandelten. Aber trotz all des Elendes seiner Lage blieben die wiederholten Versuche seiner Angehörigen ihn an Haus und Heim zu fesseln, erfolglos; alle Liebe und Sorgfalt konnte den Vagantentrieb und die überstarke Anhänglichkeit an den fuseligen Gifttrank nicht mehr meistern.

So war es denn auch wieder einmal in der Zeit vor Weihnachten, daß er den Seinen in dunkler Nacht entschlüpfte. Das Christkindl-Anblasen wollte er nicht missen und wenn ihn seine früheren Kumpane nicht mehr mitgehen ließen, ging er eben seine eigenen Wege – er kannte die übliche Marschroute, konnte also einer unliebsamen Begegnung ausweichen und dennoch seiner Lieb und Leidenschaft nachgehen. Am heiligen Abend aber setzte ein schneidend kalter Wind ein, der den lockeren Schnee zu tiefen Schneewächten zusammenballte. Die eisige Kälte hatte ihn immer und immer wieder dazu angetrieben, aus der Schnapsflasche sich wärmende Geister einzugießen und darob schwankten bedenklich seine Füße, die ohnehin durch das mühselige Stapfen auf pfadlos verschneiten Wegen übermüde waren, und so kam es denn, daß er am Rande eines tiefen Hohlweges strauchelte, in den darin aufgehäuften Schnee versank und sich nicht mehr emporraffen konnte. Alles Suchen und Forschen nach seinem Verbleib war erfolglos, denn der Wind hatte alle Spuren über Nacht sorgsam zugedeckt und ein gleichmäßiges weites Bahrtuch über den müden Schläfer ausgebreitet. Erst gegen Ostern, als die Märzensonne mit den letzten Resten der tiefen Schneewehen aufräumen konnte, tauchte sein schwarzer Burnus aus der schmutzigen Schneedecke auf und verriet das traurige Ende eines von unseliger Leidenschaft geblendeten Menschen.

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