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Der Liebe Kraft.

In der gleichen, weitausgedehnten Siedlung, wo die opfermutige Heldin unseres früheren Geschichtleins litt, wohnte auf der Seite gegen Kirchlehen zu ein anderes Mädchen. Es war nicht reich, aber auch nicht arm, denn es besaß ein Häuschen mit einem kleinen Gärtchen zu eigen, das ihr die früh verstorbenen Eltern hinterlassen hatten. Dabei war sie gesund und munter wie das Fischlein im frischen Wasser und hatte in der Stadt als Näherin sich ausgebildet, so daß sie nicht bloß die gewöhnlicheren Ansprüche des Lebens befriedigen konnte, sondern auch mit feiner Zierarbeit den reicheren Bauerntöchtern der Umgebung aufzuwarten verstand und damit hatte sie vollauf Beschäftigung im eigenen Heim oder durch Störgang rings im Lande.

Nachdem es seine Jugendfrische auch noch durch schmucke Kleidung zu heben wußte, versuchte mancher Bursche im Orte ihr zu nahen, um sie als Gattin heimzuführen, aber sie lehnte stolz jede Annäherung ab; ihr Sinnen stand nicht nach bäuerlicher Betätigung, sondern verlangte nach städtischer Art, die Hände, welche so fein sticheln gelernt hatten, sollten nicht durch schwere Arbeit dessen entwöhnt werden.

Nach einigen Jahren schien es, als ob sich ihr Sehnen in gewünschter Weise erfüllen sollte; es war ein flotter Grünrock auf die nächste Station gekommen, der an der schmucken Maid Gefallen fand und es hatte allen Anschein, daß sich eine Verbindung fürs ganze Leben knüpfen würde, wenn auch noch einige Jahre in geduldigem Harren ertragen werden mußten. Dieses Warten auf das ersehnte Glück deuchte dem Mädchen nicht einmal so schwer, wenn sie in stillen Stunden träumend und dichtend an ihrer Brautausstattung nähte. Allein auch dieser Lieblingstraum zerrann zu bitteren Zähren. Der Geliebte wurde wieder an eine andere Stelle versetzt und in der Ferne vergaß er auf Worte und Versprechungen, die er in traulichen Stunden wiederholt gegeben. Mit wehem Herzen wartete sie Monat um Monat auf liebe Kunde, aber als nach Jahr und Tag noch keines ihrer Brieflein beantwortet wurde, mußte sie einsehen, daß sie betrogen war und Männertreue manchesmal so hinfällig ist, wie das kleine Blaublümlein des Feldes, welches nach ihr benannt ist.

Mit dieser Verbindung hatte sie aber auch die Achtung aller Ortsgenossen verscherzt. Die Grünröcke waren als die Werkzeuge der Landespolizei überhaupt ungern gesehen und gerade an ihrem Orte, wo nicht selten kleinere oder größere Vergehen gegen Recht und Gerechtigkeit aufgespürt und geahndet werden mußten, machte das Erscheinen eines Gesetzeswächters immer einen unangenehmen Eindruck. Ein allgemein verbreiteter, derber Vierzeiler endet deshalb auch mit den Worten: »Die einen Gendarm heiratet, ist ein schlechtes Mensch.« In dieser Verlassenheit und Not versuchte das Mädchen nun durch stärkere Betonung und Betätigung des religiösen Lebens das Herz zum Schweigen und Ergeben zu bringen, allein es gelang ihr nicht. Die Einsamkeit ward ihr immer mehr und mehr zur Qual und Last; sie sehnte sich mit reiner Frauenliebe danach, jemanden um sich zu haben, den sie in Sorgfalt umhegen könnte, ein menschlich Wesen ihr eigen zu haben, für das zu sorgen Liebe war, selbst wenn es Opfer kosten sollte, nicht bloß für sich allein sich zu mühen, sondern eine Lebensaufgabe zu haben, an der das eigene Herz auch sein Genügen finden könnte.

Die Jahre der Jugend waren bereits vergangen, als sich ihr Sehnen dennoch erfüllen sollte, wenn sie dabei auch ihre einstmaligen höheren Ansprüche stark mäßigen mußte. Etwa anderthalb Stunden weit weg lebte nämlich auch ein einschichtiger Mann, dessen Herz sehnlich nach einer Lebensgefährtin verlangte, die sich sorgend seiner selbst und seiner Herdstätte annehmen möchte. Aber nirgends, weder bei alt noch jung, hatte der Binder Martl freundliche Aufnahme gefunden, wenn er schüchterne Annäherungsversuche gewagt hatte. Es war dies leicht begreiflich, denn er war an sich schon ein kleines, unansehnliches Menschenkind, dazu hatte er infolge eines Sturzes ein krummes Bein, dessen Wunde stets der Pflege bedurfte und obendrein trank er gern immer noch eins über den Durst, so daß nicht selten seine wackeligen Beine von der breiten Straße abirrten und in den Graben nebenan zu liegen kamen. Des Binders Arbeit wurde ja häufig bei den Brauhäusern benötigt und da gab es zu jenen Zeiten noch ungemessenes Freibier, so daß der Übergenuß auch für andere Gelegenheiten verführend wirkte. Bei einer solchen Wirtshaussitzung traf nun der Martl einmal einen Schmuser, der auch mit Heiratskuppelei sich befaßte und in bierseliger Stimmung vertraute er diesem seinen Herzenswunsch an. Selbst dem geriebenen Unterhändler wollte dieser Auftrag allzu schwierig erscheinen, aber er sagte dennoch seine Mitwirkung zu. Ihm galt es ja gleich, wo und wie er Geld verdiente, mochten die andern zusehen, daß sie nicht betrogen wurden. Die Tatsache, daß er bei den meisten der durch seine Überredungskunst zusammengeführten Heiratspaaren nicht einmal mehr über den Hof gehen durfte, drückte sein weites Gewissen nicht besonders nieder. Und wirklich brachte er es fertig, daß sich nach einiger Zeit die einsame Näherin unter seiner Führung aufmachte, um Bräutigamsschau zu halten. Der Jugend Überschwang lag weit hinter ihnen. Schönheitsbegehren und schwierige Geldfragen waren ausgeschaltet, so konnten die beiden ruhig und sachlich die Angelegenheit besprechen. Das Verlangen des Mannes nach einer sorgenden und helfenden Gefährtin fand in dem Sehnen des Weibes nach einer Aufgabe von Fürsorge und Pflege zustimmenden Widerhall, so daß sie sich zur Lebensgemeinschaft einen wollten und dem noch kräftigen, gesunden Weibe schien es kein großes Opfer zu bedeuten, sich mit dem krüppelhaften Manne zu verbinden.

Tatsächlich verging denn auch mehr als ein Jahrzehnt, wo die beiden glücklich und zufrieden miteinander hausten. Der Martl schaffte in seiner Werkstätte, das Weib besorgte ihm treulich sein Haus und in den freien Stunden nähte und stichelte sie weiter an Kleidern, um den Erwerb des täglichen Brotes zu erleichtern, dabei hatte Martl den größten Teil an Gewinn für sich; es war nicht bloß seine Heimstätte in schönster Ordnung, auch seine Kleidung, die während des Junggesellentums etwas in Unordnung gekommen war, ward unter der nähgewandten Hand ganz geordnet, und sogar sittlich hatte er sich gehoben, indem er seinen Hang zum übermäßigen Trunke doch ein wenig meistern lernte. Hie und da freilich kam es immerhin noch vor, daß freundliche oder böse Zungen der Bindersfrau berichten mußten, ihr Martl liege da und dort wieder einmal an der Straße und könne nicht mehr weiter. Dann machte sich das Weib bereitwillig dahin auf, nahm den großen Zögerer mit den Werkzeugen in den einen Arm und mit der andern Hand führte sie stützend den Ehegenoß heim ohne zu schmähen und zu zanken. Gerade diese Güte und Nachsicht aber bezwang besser des Mannes Sinn als der heftigste Zornesausbruch es vermocht hätte; er schämte sich selbst vor seinem Weibe und schwor sich im stillen immer wieder zu, sich von seiner Leidenschaft nicht mehr überwinden zu lassen. Leider aber vergaß er doch wieder einmal seines Gelöbnisses und das sollte ihm recht zum Leide ausschlagen. Als Vorbereitung für die neue Sudperiode hatten sie die großen Fässer neu gepicht und hergerichtet, die Herbstsonne hatte ihnen dazu noch mit voller Wärme geleuchtet, so daß Martl und seine Helfer nur zu oft sich Stärke und Kühlung antranken und als das letzte Faß mit dem Abend glücklich fertig war, hatten sie sich im Bräustübchen noch einmal zusammengesetzt, um nach des Tages Last und Mühe sich bei kellerfrischer Maß zu ergötzen. Dadurch aber gewannen unvermerkt die prickelnden Biergeister wieder die Übermacht über den kleinen Binder und sein ohnehin schwerfälliger Gang wurde ganz unsicher, als er endlich den Heimweg antrat, so daß er an einem schmalen Feldrain torkelte und so unglücklich fiel, daß sein kranker Fuß noch einmal gebrochen wurde. Dabei kam die Nacht herein und es war kein Mensch weit und breit, der seine Hilferufe vernahm, so daß er in Schmerzen so liegen bleiben mußte, bis man ihn des Morgens endlich fand. Aber auf diese eine Nacht folgten lange Wochen voll harter Leiden und trotz alledem wurde sein Fuß nimmer heil und brauchbar und machte ihn zu einem fast ganz arbeitsunfähigen Krüppel, der zufrieden sein mußte, wenn er mühsam auf Krücken gestützt sich vom Platz bewegen konnte. Oft wollte da der Martl ungeduldig und mißmutig werden, aber wenn er sein Weib ansah, das ihn so liebevoll pflegte und stützte, das den nicht geringen Teil der Last, der ihr dadurch auferlegt war, so still und ergeben trug und nun für Zwei arbeitete, um nicht darben zu müssen, dann vermochte er seinen Unmut zu bezähmen und allmählich lernte er es sogar, sich williger in sein Geschick zu fügen und das Kreuz, welches er sich selbst gezimmert hatte, ergeben zu tragen. Wieder gingen manche Jahre friedlich dahin, bis die böse Wunde des Fußes den Mann immer hinfälliger machte und ihn trotz der sorgfältigsten Pflege zum Tode führte. Sein Weib trug schwer daran; wieder schien ihr das Leben leer und bedeutungslos zu sein, seit sie niemand mehr zu umsorgen hatte, denn die schwerere Aufgabe, welche ihr durch Mißgeschick des Mannes geworden war, hatte sie selbst nur größer gemacht, so daß sie ihre Pflichten nicht bloß klaglos, sondern sogar liebevoll nach bestem Vermögen erfüllte und sie mit Freuden weiterhin erfüllt haben würde, wenn unser Herrgott sie nicht getrennt hätte. Gegenüber dem Sehnen der Jugendzeit aber, das solange aussichtslos sie bedrückt hatte, hatte der Trennungsschmerz doch das eine Trostvolle, daß liebe Erinnerungen ihn verklärten und daß des Alters Tage nicht mehr allzu viele sein würden, bis ein seliges Wiedersehen im Himmel alles Leid und Sehnen für immer endete. Die rechte Liebe überdauert ja selbst das Grab. Ein alter und doch immer wieder sich erneuernder Beweis für das Wahrwort: »Ein gutes Weib, ein gutes Los.« (Sirach 26, 2.)

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