Paul Ernst
Geschichten von deutscher Art
Paul Ernst

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Das Eisenbahnwägelchen

In einem Dorf lebten zwei Brüder, nach der Sitte des Landes mit ihrem Vornamen gerufen der Klas und der Sepp, welche beide Stellmacher waren. Sie hatten jeder sein Haus mit etwas Grund, der eine am obern und der andre am untern Ende des Dorfes, und die Ortschaft war groß genug, um zwei Stellmacher zu ernähren. Beide Männer waren gegen Ende der Zwanzig, beide waren noch unverheiratet; dem Ältesten, dem Klas, führte die alte Mutter die Wirtschaft.

Ein Mädchen namens Marie hatte eine Neigung zum Klas gefaßt, und es hieß im Dorf, er müsse nur zugreifen, es liege nur an ihm, daß er das Mädchen bekomme. Das Mädchen war sauber, gesund und fleißig und hatte ein hübsches Vermögen, und der Klas war wohl nicht abgeneigt, sie zu heiraten, aber er hatte Bedenken, ob es nicht Unfrieden mit der Mutter geben werde, wenn er eine junge Frau ins Haus nehme. Über diesen Bedenken verging die Zeit, und so wurde mit einem Male erzählt, daß der Sepp sich mit dem Mädchen verlobt hatte und auch bald Hochzeit machen wollte. Die Hochzeit wurde denn auch gefeiert, und das junge Paar lebte in Ruhe und Frieden bei einander.

Der Krieg kam und beide Männer mußten ins Feld. Der Klas sagte zu seinem Bruder: »Ich habe mir ja manchmal gedacht, es ist eine Dummheit von mir gewesen, daß ich die Marie nicht genommen habe, aber man weiß doch nicht, wozu Alles gut ist. Man zieht leichter hinaus, wenn man nichts zu Hause zurückläßt.« Nachdenklich erwiderte der Sepp: »Ja und nein. Wir erwarten nun ein Kind. Und man weiß doch, daß zu Hause Jemand sitzt, der sich darauf freut, daß man zurückkommt.«

Der Sepp erhielt noch die Nachricht, daß ihm ein Sohn geboren sei; er freute sich und sprach viel mit seinem Bruder über die Pläne, die er mit dem Kind hatte. Bei einem nächtlichen Sturmangriff, an dem die Brüder beteiligt waren, sah der Klas seinen Bruder stürzen; er kniete bei ihm nieder, da sagte der Sepp zu ihm: »Mit mir ist es aus, grüße meine Frau, küsse das Kind, und wenn es dir nicht zuwider ist, so heirate die Marie, sie ist eine gute Frau, und sei gut zu meinem Jungen.« Der Klas mußte aufspringen und weiter laufen. Der Angriff mißglückte, die Deutschen mußten zurückgehen und ihre Toten und Verwundeten dem Feinde überlassen.

Der Krieg zog sich immer länger hin. Der Klas kam auf Urlaub und erzählte der Marie von dem Gefallenen, er nahm das Kind auf den Arm und ließ es auf seinem Knie tanzen, die Mutter seufzte und sagte. »Es ist eine schwere Zeit.«

Dann war der Krieg zu Ende. Der Klas zog wieder in sein Haus, die Mutter war gestorben, die Arbeit hatte sich angehäuft; er war nun der einzige Stellmacher im Dorf. Er überlegte sich, was ihm der Bruder gesagt hatte, es wäre ihm auch nicht lieb gewesen, wenn ein Fremder in das Besitztum des Bruders hineingeheiratet hätte, denn er mußte ja mit dem andern Stellmacher auskommen; so beschloß er denn, die Witwe zu heiraten, in das Haus des Bruders zu ziehen, sein eignes Haus an einen Maurer zu vermieten, der zuziehen wollte und seine Gründe von dem neuen Hof aus zu bewirtschaften; wenn die Arbeit zu viel wurde, dann dachte er noch einen Gesellen anzunehmen, später, wenn erst wieder vernünftige Löhne waren. So tat er nun und es ging alles gut.

Aber der Sepp war nicht tot. Die Franzosen hatten ihn aufgenommen, sie hatten ihn in ein Lazarett gebracht, er hatte lange gelegen; der Schreck über entsetzliche Dinge, welche er auf dem Verbandplatz gesehen, hatte so auf ihn gewirkt, daß er völlig gelähmt war und auch die Zunge nicht gebrauchen konnte. Bei seinem sehr gesunden und kräftigen Körper erholte er sich zwar langsam, konnte aber immer keine Nachrichten nach Hause geben. Dann wurde er mit Andern verschleppt; als der Waffenstillstand kam, verwendete man ihn für allerhand zwangsmäßige Arbeiten; ihm wie den Andern war verboten, Briefe zu schreiben; er wurde inzwischen gänzlich gesund, verabredete sich mit einigen Genossen zur Flucht; die Flucht gelang, und so kam er eines Abends spät in seinem Ort an. In seinem Hause war noch Licht; er sah durchs Fenster, da sah er seine Frau am Backtrog stehen und Teig kneten. Er klopfte ans Fenster, sie streifte den Teig oberflächlich ab, öffnete mit dem kleinen Finger das Schiebefenster und rief hinaus; da ergriff er durch die kleine Öffnung mit beiden Händen ihren Kopf und küßte sie. Sie schrie laut auf und stürzte zurück, aus dem Schlafzimmer trat der Klas in Strümpfen, ohne Rock und Weste, mit abgestreiften Hosenträgern; er hatte eben zu Bett gehen wollen. »Der Sepp ist wieder da«, schrie die Frau, dann sank sie halb ohnmächtig auf die Bank. Sie legte die Hände in den Schooß, da merkte sie, daß die Arme noch voller Teig waren, sie erhob sich und kratzte sie mit dem Schaber ab.

Inzwischen hatte sich der Klas den Rock übergeworfen, war in die Holzpantoffeln getreten und hatte dem Bruder geöffnet. Der trat ein, mager, gebückt, mit grauem Haar und tiefliegenden Augen. Matt setzte er sich auf einen Holzstuhl, er hatte seit langen Stunden nichts gegessen. Die Frau brachte Brot, Butter, Schinken und kochte zwei Eier. »Ihr habt die Not hier noch nicht«, sagte der Sepp kauend. »Im Rheinland essen die Leute Brot aus Sägespänen und Eichenlaub.«

Der Sepp verlangte das Kind zu sehen; er ging in die Schlafkammer; da lag der fünfjährige Knabe, die Wangen waren ihm vom Schlaf gerötet, er hatte die Händchen überm Kopf liegen. Der Sepp faltete die Hände, die Tränen rollten ihm aus den Augen. »Ja, ich habe viel durchgemacht«, sagte er. Er zog aus der Tasche ein kleines Spielzeug, einen Eisenbahnwagen aus Blech gestanzt, wie man ihn in den großen Städten auf der Straße für zehn Pfennige kauft, das legte er leise auf das Kopfkissen des Knaben. Dann ging er wieder in die Stube.

Nun setzten sich die drei zusammen und besprachen sich, was werden sollte. Die beiden Männer waren im Krieg weit herumgekommen. »Hier können wir nicht bleiben,« sagte der Sepp, »ich mag nicht im Maul der Leute sein, wir müssen alle Beide fort. In den selben Ort können wir auch nicht wieder ziehen, das tut nicht gut, die Frau muß wissen, wohin sie gehört. Es hat mich keiner gesehen; ich gehe morgen früh, ehe die Leute aufgestanden sind, ich suche mir ein Anwesen in der Fremde.« Dann wurde abgemacht, daß der Klas beide Anwesen verkaufen sollte; dann sollte er Frau und Kind zum Sepp bringen und sich in einer andern Gegend selber Etwas suchen.

Die beiden Männer hatten die Besprechungen beendet, die Frau hatte still zugehört, indem sie den gesunden und schönen Klas mit dem verfallenen Sepp verglich. Sie dachte daran, daß sie den Klas von Anfang an lieb gehabt hatte, und daß sie gut mit ihm lebte, denn er war ein fleißiger und ordentlicher Mann, und so kamen ihr die Tränen. Die beiden Männer standen auf, plötzlich wurde ihnen klar, daß sie wegen des Nachtlagers eine Einrichtung treffen mußten. Alle drei wurden verlegen; der Sepp sagte: »Geht ihr in die Kammer, ich schlafe auf dem Heuspeicher; ich muß doch vor Tau und Tag wandern und es ist besser, wenn Nichts am Gewohnten geändert wird.« So brachte denn der Klas den Bruder auf den Speicher, dann kam er zurück.

Er traf die Frau auf der Bank sitzend, den Kopf auf die Hände gestützt. »Das ist eine Schlechtigkeit von ihm, daß er zurückgekommen ist«, sagte sie. »Es war alles gut. Ich habe meinen Kummer gehabt, ich bin über ihn fort gekommen. Nun habe ich meinen Mann, ich habe mich eingewöhnt, nun soll ich wieder zu ihm zurück. Wir sollen ihm das Vermögen herausgeben. Wer gestorben ist, der hat kein Recht mehr.« Der Klas wurde verlegen, er antwortete ihr kurz: »Du schwatzt, wie du es verstehst.«

Aber nun sprach die Frau weiter, er hörte mürrisch zu. Dann machte er Einwendungen, sie sprach wieder. So blieben die Beiden eine lange Zeit, dann holte der Mann die schwere Holzaxt, die Frau nahm das Licht; so gingen sie leise auf den Speicher. Sie hörten den Sepp schnarchen. »Wenn der schläft, wacht er nicht auf, wenn neben ihm eine Kanone abgeschossen wird,« sagte die Frau, »das kenne ich.« Sie traten vor ihn, da lag er mit offenem Mund, in dem ausgemergelten Gesicht traten häßlich die Knochen vor. Der Klas hob die Axt und schlug ihm mit dem umgekehrten Ende auf den Kopf; es klang, wie wenn man einen leeren Topf zerschlägt. Ein halb erstickter, halb abgerissener Schrei kam, die Augenlider waren entsetzt aufgerissen, die Augen verdrehten sich, dann zuckte der Körper, dehnte sich und lag still da.

Die Frau suchte einen Zweizentnersack vor und die Beiden steckten den biegsamen, warmen Leichnam hinein. »Vielleicht hat er noch Etwas in der Tasche gehabt?« fragte die Frau. »Laß, laß«, sagte der Mann hastig, dann lud er den Sack auf den Rücken, indem die Frau half und ging die Stiege hinunter. Die Beiden eilten zum Stromufer, wo der Kahn angekettet lag; der Mann trug den Toten, die Frau hatte die Ruder auf der Schulter. Sie setzten den Sack in den Kahn, suchten Steine zusammen und taten sie zu dem Toten, dann banden sie den Sack fest zu, machten den Kahn los und ruderten in die Mitte des Stromes. Dort zogen sie die Ruder ein, der Mann wälzte den Sack über den Rand ins Wasser, indem die Frau auf der andern Seite das Gleichgewicht hielt; der Sack plumpste dumpf unter, die beiden ruderten zurück, ketteten den Kahn wieder an, und gingen still nach Hause.

Es hatte Niemand Etwas vom Sepp gesehen, und das Verbrechen hätte unentdeckt bleiben können, wenn nicht eine Verwicklung gekommen wäre, die wohl nicht leicht Jemand hätte ahnen können.

Der Sepp hatte das schlafende Kind betrachtet. Dieses war wohl nicht aufgewacht, aber es war, als ob es im Schlafe irgendeinen Einfluß des Vaters gespürt. Der Knabe hatte ja wohl etwas davon gehört, daß der Klas nicht sein richtiger Vater war, daß der richtige Vater gefallen war, aber er hatte doch, wie so Kinder tun, das Gegebene als das Natürliche hingenommen, den Klas als Vater angesehen und sich um Weiteres keine Gedanken gemacht. Nun fragte er mit einem Male nach seinem richtigen Vater, er verlangte die Erzählung zu hören, wie er gefallen war, was er zuletzt gesagt; ja, er sprach davon, daß der richtige Vater vielleicht zurückkommen werde und ihm Etwas mitbringe. Den kleinen Eisenbahnwagen hatte die Mutter ihm in der Mordnacht vom Kissen genommen und in ihren Wäscheschrank gelegt. Einmal stand der Knabe dabei, als sie am Sonntagmorgen die reine Wäsche aus dem Schrank holte; da fiel das Spielzeug heraus, der Knabe nahm es auf und freute sich; die Mutter erschrak, riß ihm das Wägelchen aus der Hand und warf es wieder in den Schrank; aber nun hörte der Knabe nicht auf, zu fragen, was das für ein Wägelchen gewesen sei, ob es ein Spielzeug sei, und ob ihm sein richtiger Vater ein solches Spielzeug mitbringen werde, wenn er zurückkomme.

Der Klas war ein finsterer und reizbarer Mensch geworden seit dem Mord. Als der Knabe in seiner Gegenwart von dem Wägelchen schwatzte, da brauste er auf und drohte dem Kind, er werde es tot schlagen, wenn es wieder ein Wort von dem Spielzeug sage, er ging zum Wäscheschrank, riß an der Tür, das Schloß sprang auf und die Tür flog auf; er wühlte in der Wäsche bis er das Wägelchen fand, dann nahm er es und warf es in das Feuer des Küchenherdes.

Der Knabe hatte sich ängstlich in die Ecke gedrückt. Am späten Nachmittag, als der Vater in der Werkstatt war und die Mutter im Stall, störte er mit einem Stückchen Holz im Herd und fand das ausgeglühte und verbogene Wägelchen. Er nahm es und schloß es in die hohle Hand, die er in den Hosenbund steckte, dann lief er in den Hof hinaus, um es zu verbergen.

Auf dem Hof lagen die Hölzer aufgeschichtet, die der Klas für seine Stellmacherei brauchte. Es waren starke buchene Bohlen, sorgfältig übereinander gelegt, immer Hölzchen zwischen ihnen, damit sie austrockneten. Der Klas hatte dem Knaben verboten, auf dem Stoß herumzuklettern, wie er gern tat; und wie das bei Kindern so geht, dadurch erschienen dem die Bohlen als besonders anziehend. So kam er auf die Idee, das Wägelchen hinter dem Haufen zu verbergen, indem er es dort in der Ecke vergrub.

Der Klas konnte aus der Werkstatt den Hof übersehen und beobachtete, wie der Knabe sich bei den Bohlen zu schaffen machte. Der Zorn stieg in ihm auf über den Ungehorsam, er lief auf den Hof, faßte den Knaben, riß ihn hoch und fragte ihn hart, was er hier zu tun habe. In der Angst fiel dem Knaben das Wägelchen zur Erde; der Klas ließ ihn erschrocken los, der Knabe griff eilig wieder nach seinem Spielzeug, drückte es fest an sich und sagte: »das gehört mir, das hat mir mein richtiger Vater mitgebracht.«

Der Klas taumelte zurück, wie er diese kindlichen Worte hörte, die doch nur ein Geschwätz aus einer verwirrten Vorstellung waren, wie das bei Kindern oft ist. Da lagen die schweren Bohlen übereinander geschichtet. Er ergriff mit beiden Händen die oberste Bohle und warf sie mit aller Gewalt auf den Knaben.

Der schrie laut auf und jammerte, die Mutter lief aus dem Stall hervor, der Klas nahm die Bohle auf, der Knabe konnte sich nicht erheben, er hatte schwere Verletzungen erlitten.

Die Mutter kauerte nieder, nahm das furchtbar jammernde Kind in den Schooß, das Kind wurde plötzlich still und wachsfarbig. »Mörder!« schrie sie ihren Gatten an. »Den Vater hast du zuerst ermordet, nun soll auch noch das Kind hinüber!« Der Mann ging still von ihr in die Werkstatt. Da lag ein Kälberstrick in der Fensterbank. Er stieg auf die Hobelbank und knüpfte ihn an einen starken Nagel, der in einen Deckbalken eingeschlagen war, dann steckte er den Kopf in die Schlinge und sprang ab.

Das Kind starb, die Mutter gab sich selber den Gerichten an und wurde zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.


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