Paul Ernst
Geschichten von deutscher Art
Paul Ernst

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Eine Kleinstadtgeschichte

Das Geschwisterpaar Lichtlein betrieb ein von den Eltern ererbtes Geschäft für Kolonial- und Materialwaren in einer kleinen deutschen Stadt. Die beiden unverheirateten Leute waren etwa fünfzig Jahre alt und hatten immer zusammen gelebt; erst, so lange die Eltern noch wirkten, als Kinder des Hauses und dann, als die Eltern gestorben waren, als selbständige Leute. Herr Lichtlein war glatt rasiert, trug eine Perücke und schnupfte. Wenn ein Stillstand im Geschäft war, so stand er in der Ladentür, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, sah angelegentlich die leere Straße auf und ab, bemerkte das Gras zwischen den Pflastersteinen mit staunender Bewunderung Gottes, der auch für dieses Gras gesorgt hat, obwohl es von der Obrigkeit verfolgt wird, und dachte wohl an die fremden Länder, wo Wilde mit einem Blätterschurz Tabak rauchen, wo die Zigarren von glutäugigen Mädchen gedreht werden, die Kaffeebohne von dem fleißigen Neger geerntet wird, der gottlob! heute von dem unchristlichen Joch der Sklaverei befreit ist; wo der Engländer ein Vermögen erwirbt und der Spanier zurückgeht, indessen der Holländer sich auf seiner Stufe erhält. Zuweilen trat er auf die Straße und prüfte die Auslage des Schaufensters, das eine Auge schließend und den Kopf schräg haltend. In der Mitte stand der Zuckerhut, unten im blauen Papier, oben glänzend weiß; in diesem Artikel ist dank den Fortschritten der Wissenschaft und Agrikultur Europa den Kolonien nicht mehr tributpflichtig wie in früheren Zeiten. Schräg gegen den Hut gelehnt standen zwei Stangen Zimmet; in lackierten chinesischen Schalen war Tee, Kakao und Kaffee aufgestellt in den verschiedensten Preislagen von Prima Prima abwärts. Gewürznägelein und Pfeffer, Kümmel – ein vaterländisches Produkt – Korinthen, Muskatnüsse, Ingwer und Johannisbrot standen in kleinen Glasbüchsen, in großen Glasbüchsen waren getrocknete Zwetschen (bezieht man heute nur noch aus Serbien), Rosinen und Apfelschnitzel.

Im Laden selbst auf dem schön gebohnten Tresen waren zwei hohe Glasbüchsen aufgestellt, die eine mit Rocksbonbons, die andere mit gewöhnlichen Bonbons in grüner, roter und weißer Farbe; aus ihnen wurden einholende Kinder bedacht, und zwar nach dem Stande der Eltern: die vornehmen aus der ersten, die einfacheren aus der zweiten Büchse; auf der Erde befanden sich nebeneinander das Faß für die Heringe, für den Sirup und die grüne Seife; und an der Hinterwand wurden in Auszügen aufgehoben Gries und Sago, Reis und Zucker, Lorbeerblätter und Lakritzenstangen. Über dem Tresen von der Decke herab hing eine kunstvolle Schnitzarbeit, welche zwei verschlungene Schlangen vorstellte; in ihre Leiber waren Haken eingebohrt, und an denen hingen die schön geputzten Messingschalen der Wagen.

In seinen jungen Jahren hätte Herr Lichtlein sich gern etwas weiter in der Welt umgesehen und etwa einmal in Nordhausen konditioniert, einer großen Handelsstadt, in welcher die Eltern Geschäftsverbindungen besaßen. Indessen so lange der Vater lebte, hielt er es für seine Pflicht, den zu unterstützen im Geschäft; und als er gestorben war, stand die unverheiratete Schwester einsam und verlassen in der Welt da und hatte keine Stütze wie ihn. Er war weit entfernt, sich über die Weltkinder zu erheben, die in dem leicht zum Materialismus neigenden Kaufmannsstande ja besonders häufig sind, und er rühmte sich des Opfers durchaus nicht, das er gebracht hatte; nur ein herzliches Bedauern hatte er für die unglücklichen Weltkinder, welche die Süßigkeit eines guten Gewissens und die Ruhe eines in Gott fröhlichen Herzens nicht geschmeckt haben. O ja, auch er hatte seine Leidenschaften; aber er bezwang sie, denn was folgt auf die Befriedigung der Leidenschaften? Reue! Er hätte nicht mit dem alten Amtsgerichtsrat getauscht, von dem es hieß, daß er ein uneheliches Kind habe, wenn der Amtsgerichtsrat auch ein Studierter war. Und welche Spesen waren dem Manne aufgelaufen! Nein, wir sollen Gott dankbar dafür sein, wenn er uns die sittliche Kraft verliehen hat, der Verführung zu widerstehen, und sollen keinen Stein auf unsern Nächsten werfen, der diese Kraft nicht besitzt. Wenn der Apotheker eine freisinnige Zeitung hielt, so schadete er sich schon genug dadurch bei der feineren Kundschaft; denn wenn er auch Rezepte natürlich sicher hatte, Herr Lichtlein wußte, was er bloß für ein Seifengeschäft machen konnte, wenn er nicht die feinere Kundschaft geradezu abschreckte durch seine Ansichten. Muß man einen solchen Mann nicht bedauern?

Fräulein Lichtlein führte den Haushalt und erledigte einen großen Teil der Geschäftskorrespondenz, im Kontor auf einem hochgeschraubten Schreibstuhl sitzend. Auch sie hatte Opfer gebracht. Denn sie stammte doch aus einer guten Familie und war vermögend; und ohne Rühmen war sie ihrer Zeit lange so anziehend gewesen wie Andere, welche die besten Partien gemacht haben; und sie hatte auch Heiratsvorschläge genug gehabt; aber sie hatte sich gesagt: Du mußt für deinen alleinstehenden Bruder sorgen, was sollte aus dem werden, wenn du ihn verläßt? Wer soll die Geschäftskorrespondenz führen? Und soll er die Sorge für seinen Körper einer lieblosen fremden Person übertragen, einem Mietling? – Auch sie war nicht übermütig ob ihrer Handlungsweise, sondern demütig, denn wir müssen Gott dankbar sein für alles Gute, das er in uns wirkt; und wenn er Opfer von uns verlangt, so hat er uns lieb; auch sie bedauerte die Armen, welche solcher Opfer von Gott nicht gewürdigt wurden, und etwa am Sonntag nachmittag prahlerisch aufgeputzt mit großen Hüten, am Arm des Mannes und die Kinder vor sich, nach dem Wäldchen hinausspazierten. Ihr alter schwarzer Hut tat noch seine Dienste; und wenn man schwarz geht und das Kleid bis oben geschlossen trägt und nicht die Sinnlichkeit der Männer durch einen üppig zur Schau gestellten hoffärtigen Busen reizt, so kann man ein Kleid lange haben. Denn sinnlich sind freilich alle Männer, auch Herr Lichtlein war da nicht ganz freizusprechen, wennschon er immerhin noch einer der Besten war; sie mußte für ihn beständig auf der Hut sein, sonst hätte er sich längst umgarnen lassen und hätte geheiratet.

Die Geschwister waren in behaglichen Verhältnissen. Sie lebten von dem Ertrage des Geschäftes, das ihnen Beiden gemeinsam gehörte, und sparten jedes Jahr eine größere Summe; diese trugen sie zuerst auf die Sparkasse, und wenn sie ein kleines Kapital zusammen hatten, so liehen sie es auf eine sichere erste Hypothek, die auf ihrer Beider Namen eingetragen war. Da Frauen ja weniger essen und auch sonst weniger Bedürfnisse haben wie Männer, so waren sie übereingekommen, daß Fräulein Lichtlein jährlich noch fünfzig Taler für sich allein bekommen solle. Dieses Geld bewahrte sie in einem langen Frauenstrumpf, der oben zugebunden war; er lag in ihrer Kommode, deren Schlüssel sie beständig bei sich trug.

Es kam in die Stadt eine Schauspielertruppe, welche einen Monat lang jeden Abend eine Vorstellung gab. Ein junger Schauspieler mit seiner gleichfalls jungen Schwester hatte ein Zimmer gegenüber dem Lichtleinschen Geschäft gemietet bei einem Schneider, welcher viele Kinder hatte und häufig ins Wirtshaus ging, wo er gegen die Regierung sprach. Gleich am ersten Tage kam die junge Schauspielerin über die Straße und machte allerhand Einkäufe bei Herrn Lichtlein, in Spiritus, Mehl, Speck (sie erzählte, daß sie zu Mittag eine Mehlsuppe kochen wolle) und Rocksbonbons. Sie war eine hübsche, freundliche und gebildete Person, die im Ausland gewesen war und viel gesehen hatte; Herr Lichtlein unterhielt sich gern mit ihr.

Nach einiger Zeit bemerkte er, daß das Geschwisterpaar sehr einfach lebte, und er kam auf den Gedanken, daß die Beiden wohl nicht viel verdienen mochten. Nun hatte er eine Sendung Schellfische erhalten, aber weil, eben als der Korb ankam, bei Schuster Keitel die Kuh geschlachtet werden mußte, so ging der Fisch schlecht und er besorgte, daß ihm das Letzte verderben könne. Er hatte ihn der Schauspielerin natürlich auch angepriesen, aber sie hatte immer unter allerhand Vorwänden abgelehnt, so daß er wohl einsah, daß sie aus Sparsamkeit sich zurückhielt. Da wickelte er einen Dreipfundfisch in Papier, ging über die Straße in das Haus, klopfte an und brachte ihn den Leuten als Geschenk. Sie waren sehr erfreut und wollten ihn in die Stube nötigen; aber er bat um Entschuldigung, weil er das Geschäft nicht dürfe leer stehen lassen, und empfahl sich gleich wieder. Die Schauspielerin holte dann noch ein Viertelpfund Tonnenbutter von ihm, denn sie wollte Buttersauce zu dem leckeren Essen machen. Am Mittag wurde der Tisch vor das Fenster gerückt und das Fenster geöffnet, so daß Herr Lichtlein aus der Ladentür hineinsehen konnte; dann deckte die Schauspielerin ein schönes neues Tischtuch auf, das noch zu der Aussteuer der Schneidersfrau gehörte, richtete die Teller und alles andere Eßgeschirr zu und trug den Fisch auf; dabei warf sie ihm eine Kußhand zu, und Herr Lichtlein verbeugte sich lächelnd, indem er die Hand auf das Herz legte. Die Schauspieler setzten sich, nahmen und aßen; und dabei sahen sie oftmals nach Herrn Lichtlein hinüber, lachten und klopften sich auf den Leib, um zu zeigen, wie gut der Schellfisch schmeckte; sie aßen die ganzen drei Pfund auf einmal, und Herr Lichtlein freute sich, wie sie satt wurden, und wie lustig sie waren. Nach der Mahlzeit schoben sie den Tisch fort, stellten sich am Fenster einander gegenüber und sangen ein schönes Liebesduett aus einer Oper, mit allen Handbewegungen und endlicher Umarmung, so daß Herr Lichtlein ganz gerührt wurde und sich in sein buntes Taschentuch schneuzte.

Indem kam seine Schwester vom obern Stock herunter, begann ihn zu tadeln, daß er als eingesessener Bürger sich mit diesen Leuten abgebe und auf ihre Faxen eingehe, und behauptete, daß die Leute über ihn lachen würden. Er wurde ärgerlich, da er schon selber ein schlechtes Gewissen hatte, und erwiderte entsprechend; und wie denn ein Wort das andere gab, so erklärte er am Schluß aus bloßem Ärger und Widerspruchsgeist, er werde abends auch in das Theater gehen. Die Schwester wurde blaß, schwieg still und verließ den Laden.

Herr Lichtlein hatte sich natürlich eine Karte für den ersten Platz genommen. Stadtmusikus Gumbrecht spielte Klavier und Barbier Baensch Geige. Dann ging der Vorhang hoch. Das Stück stellte vor, wie ein edler Mann in der Ferne weilt und seine Verwandten, welche auf seine Kosten leben, inzwischen über ihn spotten und ein edles junges Mädchen beschimpfen und schlecht behandeln, welches aus Dankbarkeit allein zu ihm hält und eine Dose mit seinem Bilde heimlich auf ihrem Herzen trägt. Dann kommt der edle Mann zurück, prüft unerkannt Alle und erkennt den einzigen Edelstein unter diesen Kieseln; diesen erwählt er dann zu seiner Gemahlin.

Das edle Mädchen wurde von der jungen Schauspielerin dargestellt, welche Herr Lichtlein kannte. Aber wie wunderbar sah sie aus! Große dunkle Augen leuchteten aus einem weiß und roten Gesicht; eine herrliche blonde Lockenfülle drängte sich unter einem zierlichen Häubchen hervor. Herr Lichtlein war von Allem so ergriffen und gerührt, daß ihm immer die Tränen kamen; er wollte sie verbergen, denn er schämte sich; aber da sah er Fleischer Löwe neben sich sitzen, breit und breitbeinig, die Hände auf die Beine gestützt, das volle Gesicht starr auf die Bühne gerichtet, und die Tränen rollten ihm, ohne daß er es merkte, über die rosigen Backen, und eine hing an der Nasenspitze.

Als Herr Lichtlein vor seiner Haustür angekommen war, schloß er behutsam auf und zu und ging leise die Treppe hoch. Seine Schwester hatte ihn kommen hören und stand mit der Lampe in der Hand, in Nachtjacke und Unterrock und mit der Nachtmütze auf dem Kopf in der Tür der Wohnstube. Stumm winkte sie ihn hinein. Dann begann sie:

»Ich wollte eigentlich zu Bett gehen, aber ich konnte es dann doch nicht übers Herz bringen, Dich ohne einen schwesterlichen Zuspruch zu lassen, damit Du nicht etwa auf die Meinung gerätst, ich grolle Dir über Dein freilich unverzeihliches Benehmen. Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Ich habe die Person ja selber genau genug gesehen; die Verführung ist groß, und die Männer merken die schlaue Berechnung solcher Frauen nicht. Ich werde Dir immer treu zur Seite stehen, auch wenn Du die Achtung deiner Mitbürger verlieren solltest. Ich rühme mich dessen nicht; es ist nur meine Pflicht; und wenn ich auch in Manchem gefehlt haben mag, so habe ich doch immer mir Mühe gegeben, meine Pflicht zu erfüllen. Freilich, wir wissen nicht, ob das uns immer gelingt; auch ich weiß es nicht, wennschon ich auf manches Opfer zurückblicken kann, das ich Dir auf dem Altar der schwesterlichen Liebe gebracht habe.«

Herr Lichtlein war gereizt durch den Gegensatz in der Gestalt seiner Schwester zu der wunderschönen Schauspielerin und der frommen Rede zu der herrlichen Dichtung, welche er soeben genossen; und so fragte er in trockenem Tone: »Was sind denn das für Opfer gewesen?«

»Was das für Opfer gewesen sind? Ich selber, ich bin das Opfer gewesen! Ich konnte doch nicht von Dir gehen und Dich fremden Personen überlassen!«

»So? Nun, das Opfer bin ich gewesen! Ich war es, der Dich nicht allein lassen konnte, deshalb bin ich hier geblieben, wo man Nichts sieht von der Welt, Nichts hat für Geist und Gemüt, wo man ein Philister wird, der keine höheren Interessen hat! Jetzt weißt Du es! Nun verschone mich mit Deinen Vorwürfen.«

Die Lippen der Schwester zitterten. Sie erwiderte gefaßt: »Ich werde mich morgen nach einer Stellung umsehen und aus dem Hause gehen, denn ich mache keinen Anspruch auf Opfer. Mein Vermögen lasse ich im Geschäft, aus Achtung für die Eltern; Du kannst es mit vier Prozent verzinsen.«

»Gut, wenn es deine Absicht ist; ich habe nicht das Recht, Dich zurückzuhalten. Es wird ja bei mir dann eine Veränderung eintreten.«

»Du willst heiraten?« rief sie; dann fuhr sie in gefaßtem Tone fort: »Über das Vermögen muß natürlich etwas aufgesetzt werden, es ist nur um Leben und Sterben.«

Die Geschwister tranken ihren Morgenkaffee wie gewöhnlich im Kontor; aber sie sprachen kein Wort zusammen; Herr Lichtlein las aufmerksam die Zeitung und die Schwester berechnete in einem kleinen Heft allerhand Posten. Den ganzen Vormittag sahen sie sich nicht; auch zum Mittagessen schwiegen sie, und nur zum Schluß bat Herr Lichtlein seine Schwester, auf den Laden zu achten, da er einen Weg zu tun habe. Nach dem Mittagessen ist die stille Zeit, weil da die Hausfrauen und Dienstmädchen das Geschirr abwaschen; erst von vier Uhr an belebt sich das Geschäft wieder Etwas; und deshalb pflegte Herr Lichtlein seine Ausgänge immer möglichst in die Zeit von eins bis vier Uhr zu legen.

Er zog seinen schwarzen Anzug an, nahm den Zylinderhut aus der Schachtel und ging über die Straße zu den Schauspielern. Verwundert öffnete ihm der Bruder die Tür, dann aber streckten ihm Beide herzlich und froh die Hände entgegen; der Zylinder wurde ihm abgenommen und auf die Kommode gestellt und er selber in das Sofa gesetzt. Hier begann er nun, indessen die Beiden erwartungsvoll zuhörten, seine überlegte Rede. Er beklagte das unruhige und unsichere Leben des Schauspielers, lobte es, daß das Geschwisterpaar so treu zusammenhalte und so alle Verführungen leichter bestehen könne, sprach dann von sich selber und den Vorteilen des eingesessenen Bürgerstandes, der Holzberechtigung im Stadtforst, und wie wünschenswert es für ein junges Mädchen sein müsse, eine sichere Versorgung für ihre alten Tage zu haben. Die Schauspielerin bekam einen heftigen Husten, so daß sie ganz rot wurde und ihr die Augen voller Tränen standen; sie hielt sich die Hand vor den Mund und eilte hinaus, indem sie einen runden Rücken machte.

Herrn Lichtlein kam es gelegen, daß er mit dem Schauspieler nun allein war; er brachte seinen Heiratsantrag vor. Der Schauspieler schwieg eine Weile verlegen; Herr Lichtlein sah in der Pause zufällig auf seine roten Hände, welche ungeheuer aus den engen Manschetten und schwarzen Rockärmeln hervorkamen; er wurde befangen, und indem er gar nicht an seine strohfarbige Perücke und sein kümmerliches, langes, bartloses Gesicht mit der überhohen Oberlippe dachte, sondern nur an die Hände, entschuldigte er sich und erklärte, daß die Röte davon komme, wenn man im Winter die Heringe aus der scharfen Lake hervorhebe, welche mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand am Schwanz gefaßt und mit einem Schwung in ein Stück Zeitungspapier gelegt werden müssen, welches in der linken Hand bereit gehalten werde.

Der Schauspieler erwiderte ihm, daß der Antrag für sie Beide eine große Ehre sei; aber es sei nicht möglich, ihm nachzugeben. Denn als ein Geheimnis wolle er ihm anvertrauen, daß die Schauspielerin nicht seine Schwester sei, sondern seine Frau. Die Theaterdirektoren nämlich pflegten die Gagen zu drücken bei verheirateten Leuten, weil sie wüßten, daß die gern zusammenbleiben; deshalb hätten sie sich fälschlich als Geschwister ausgegeben und erhielten so fünfundsiebzig Mark Gage monatlich, während sie sonst nur sechzig erhalten würden. Herr Lichtlein war ganz niedergeschlagen, entschuldigte sich vielmals, daß er belästigt habe, und wollte aufstehen. Aber der Schauspieler hielt ihn zurück, und nachdem er seine Frau gerufen hatte, baten ihn die Beiden so lange, bis er zu einem Nachmittagskaffee bei ihnen blieb.

Die Frau brachte den Kaffee und hatte einen Teller mit Kuchen vom Bäcker geholt, und dann tranken und aßen sie alle drei, und die Schauspieler erzählten lustige Geschichten, und bald waren sie alle drei heiter und vergnügt und lachten; der Schauspieler machte Gang und Sprechweise aller Leute in der Straße nach, es wurde über Herrn Müller gesprochen, den Buchdruckereibesitzer und Herausgeber der Zeitung des Ortes, welcher die Theaterkritiken schrieb, und seine Ungerechtigkeit wurde getadelt; denn manche Schauspieler verstehen es eben, sich bei der Kritik lieb Kind zu machen; und zuletzt zeigte der Schauspieler Herrn Lichtlein, wie sich der dramatische Ton bildet, nämlich ganz unten in der Brust, indem er gegen den Gaumen anschlägt; er machte es ihm vor, indem er die Hand flach an die Nasenwurzel hielt und sagte »mi, mi, mi«; und Herr Lichtlein fühlte selber, wie sich der Ton unten bildete und oben anschlug.

So ging er nun ganz heiter und zufrieden nach Hause. Seine Schwester stand wortlos auf, ging die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer, schlug sich in ihr türkisches Umschlagetuch, das fünfundvierzig Taler gekostet hatte, und machte nun gleichfalls einen Ausgang.

Sie ging zu dem Amtsgerichtsrat, der sie verwundert empfing und zum Sitzen nötigte. Sie setzte sich kerzengerade in ihrem bunten Tuch auf den Stuhl und begann gleich, daß sie gehört habe, er suche eine neue Haushälterin, und sie melde sich zu der Stelle.

Der Amtsgerichtsrat war verwundert, denn er wußte von Nichts; aber auf weiteres Befragen erfuhr er, seine bisherige Haushälterin, eine nicht mehr ganz junge Person, habe erzählt, der Herr Amtsgerichtsrat habe ihr Andeutungen von Heiraten gemacht; aber sie sei viel zu vernünftig, um über die Standesunterschiede hinwegzusehen in blinder Leidenschaft, und deshalb wolle sie lieber die Stelle aufgeben, so schwer es ihr werde, denn sie erhalte neunzig Taler und für zehn Taler zu Weihnachten.

Der Amtsgerichtsrat hieß Fräulein Lichtlein eine Weile warten und ging hinaus. Sie hörte, wie er in der Küche sprach und verstand alles. Er sagte:

»Sie altes Kamel, was haben Sie sich denn da wieder einmal eingebildet? Ich habe mich an Sie gewöhnt, wollen Sie bei mir bleiben oder nicht?«

Die Antwort konnte Fräulein Lichtlein nicht mehr hören; aber die folgenden Worte des Amtsgerichtsrats vernahm sie wieder deutlich:

»Das ist die Schwester von dem Schleicher, dem Lichtlein. Die Person nehme ich nicht. Wenn die einen Topf anguckt, dann wird die Milch drin sauer.«

Fräulein Lichtlein stand auf und verließ das Haus. Auf dem Gange hörte sie noch die Haushälterin sagen:

»Wenn der Herr Amtsgerichtsrat mit meiner Küche zufrieden sind . . .«

Die Geschwister lebten nunmehr eine Weile nebeneinander, und es schien sich nicht Viel in ihrem Verhältnis verändert zu haben; nur daß sie fast gar nicht sprachen; aber auch früher hatten sie sich wenig mitgeteilt.

Fräulein Lichtlein ging Nachts oft im Hause herum mit ihrer Öllampe, und als der Bruder sie nach dem Grunde fragte, antwortete sie ihm, daß sie keinem Menschen mehr traue, und wer in Schauspielerinnen verliebt sei, der lasse sich auch Nachschlüssel machen. Er bemerkte dann zuletzt, indem er durch das Schlüsselloch seiner Schlafkammer spähte, daß sie ihren Geldstrumpf unter dem Arm trug; und es wurde ihm klar, daß sie ihn jetzt jede Nacht an einem anderen Ort im Hause versteckte.

Das Haus, welches die Beiden allein bewohnten, war ein engbrüstiges Gebäude, das unten nur Laden und Schreibstube enthielt, eine Treppe hoch das Wohnzimmer und die gute Stube und zwei Treppen hoch die beiden Schlafkammern. Dann kam das Dachgeschoß, welches nur ein einziger Raum war für leere Kisten, alte Flaschen und anderes Gerümpel; und darüber führte eine Stiege nach dem Hahnebalken. Auf dem Hahnebalken waren die nackten Ziegeln zu sehen, zwischen denen die Kalkstücke häufig abfielen; im Dachgeschoß war das Dach mit Brettern verschlagen. Diese waren unterhalb der Dachsparren angenagelt, oberhalb deren die Latten mit den darauf gelegten Ziegeln befestigt waren, so daß sich ein hohler Zwischenraum von der Dicke eines Dachsparrens zwischen Dach und Verschalung befand, der oben auf dem Hahnebalken ringsum offen war, während unten, im Dachgeschoß, sich natürlich keine Öffnung zeigte.

Eine Nacht wurde Herr Lichtlein durch ein heftiges Gepolter und Gerassel geweckt, dem nach einer Weile ein lautes Hilferufen seiner Schwester folgte. Er faßte sich Mut, bekleidete sich notdürftig und öffnete vorsichtig seine Kammertür, um zu lauschen. Die Rufe kamen vom Dachgeschoß, und es wurde ihm bald klar, wie Alles zusammenhing. Er ging mit dem Licht die Treppe hoch; da pochte und rief hinter der Verschalung seine Schwester; sie hatte ihren Strumpf oben auf dem Hahnebalken verstecken wollen, war ausgeglitten und nun zwischen Verschalung und Dach hinuntergerutscht. Die Rufe wurden immer ängstlicher und erstickter; Herr Lichtlein in seiner Not trippelte vor der Stelle hin und her und antwortete nur »ja, liebe Schwester; ja, liebe Schwester«; dann versuchte er mit den Fingern ein Brett zu lösen, aber die Nägel bluteten ihm; zuletzt rief er ihr zu, er wolle seinen amerikanischen Kistenöffner holen, denn mit dem Brecheisen würde er die Verschalung zu sehr ruinieren. Er lief und kam mit dem Kistenöffner zurück, und riß in mühseliger Arbeit einige Bretter los, bis die Schwester hervorkriechen konnte. Sie war in Pantoffeln, Unterrock und Nachtjacke, mit Staub und Spinnweben bedeckt, kleine Kalkstückchen saßen in ihren Haaren, und ihr Gesicht war gänzlich verschmutzt. Den Geldstrumpf hielt sie unter dem Arme. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie an ihm vorbei, die Treppe hinunter in ihr Schlafzimmer und schloß sich ein.

Am anderen Tage machte sie einen langen Ausgang. Als sie zurückkam, forderte sie ihren Bruder auf, ihr in die gute Stube zu folgen, wo die roten Plüschmöbel mit Überzügen versehen um den runden Tisch mit der Visitenkartenschale standen. Auf der Schale lag eine einzige Karte, ihre eigene. Sie hatte als junges Mädchen einmal von ihrem Vater hundert Stück als Weihnachtsgeschenk erhalten. »Das war auch Unsinn damals«, sagte sie, indem sie zufällig die Karte erblickte. Dann fuhr sie fort: »Je toller das Stück, je besser das Glück. Ich habe mein Testament gemacht. Den türkischen Schal nehme ich auch mit ins Grab.« Der Bruder sah sie erschreckt an. Sie fuhr fort: »Unsereins hat nichts von seinem Leben, wer Glück haben will, der muß schon schlecht sein. Der Schellfisch ist nun doch noch ausverkauft. Die hergelaufene Person kann ja den Amtsgerichtsrat heiraten. Opfer dankt Einem kein Mensch.«

Am späten Nachmittag ging Herr Lichtlein in den hintern Flur; er stieß an seine Stehleiter, denn es war schon dunkel hier, und er hatte sie nicht gesehen. Er dachte, seine Schwester habe oben von dem Haken eine Wurst abgeschnitten, schob ärgerlich die Leiter zusammen und wollte sie fortstellen; da stieß er mit dem Kopf an ihre Füße; sie hatte sich an einem Wursthaken erhängt.


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