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Drittes Kapitel

Unsere Reisenden beratschlagten gerade – und zwar mit wenig Aussicht auf Erfolg – ob es nicht möglich sei, die Woche des Aufschubs mit irgend einer Beschäftigung oder einem Vergnügen auszufüllen, als Keferinis sie benachrichtigte, daß die Königin sie schon am Mittag dieses Tages, des Tages nach ihrer Ankunft, in Audienz empfangen würde. Dementsprechend stellten sich zur betreffenden Zeit einige Diener bei Tancred und Fakredin ein, die den Auftrag hatten, die beiden Freunde in die königlichen Gemächer zu geleiten. Keferinis hingegen ließ sich nicht mehr blicken. Tancred und Fakredin verließen das Zimmer, stiegen eine Treppe hinan, die zu der hölzernen Galerie führte. Sie gingen diese entlang, an ihrem Ende stand ein Doppelposten mit Lanzen, dann wurden sie noch eine Treppe hinangeführt und wieder in ein Zimmer geleitet, wo verschiedene Pagen zu ihrem Empfange bereitstanden. Nachdem sie hier einige Minuten gewartet hatten, wurden sie hereinbefohlen.

Die junge Königin der Ansari hätte, selbst wenn sie eine levée im St. James Palaste abzuhalten gehabt hätte, kein ernsteres und würdigeres Gesicht machen können. In einem Purpurkleide saß sie regungslos auf dem Diwan und ihr langes, schwarzes Haar fiel in langen Strählen über ihre Schultern herab. Eine mächtige, reingoldene Spange, die anscheinend aus alter Zeit stammte, hielt dieses Haar vorne zurück, so daß die prächtige, weiße Stirne vollkommen klar zur Geltung kommen konnte. An ihrer rechten Seite stand Keferinis, der Hauptmann ihrer Leibwache, sowie ein etwas priesterlich aussehender, alter Mann mit langem, weißem Barte – weiter, und von diesen durch einen Zwischenraum getrennt, standen noch eine Menge anderer Personen, die sich aber in ihrem Äußeren nur wenig von den gewöhnlichen Untertanen der Königin unterschieden. Zur Linken der Königin standen zunächst drei junge hübsche Dienerinnen und dann eine Anzahl Sklavinnen, an die sich in einiger Entfernung ebenfalls eine größere Menge ihrer Untertanen in schwarzen Gewändern und weißen Turbanen anschlossen. Das Audienzzimmer selber war sehr geräumig und in ionischem Stile, doch etwas roh ausgemalt.

»Unsere vollkommen unwiderstehliche Königin bittet die Fürsten in ihrer übergroßen Gnade und im Namen der Freundschaft, die sie für sie empfindet, sich gefälligst setzen zu wollen«, sagte Keferinis, und dementsprechend nahm Tancred den ihm angewiesenen Stuhl zur Rechten der Königin und Fakredin den zur Linken ein. Der junge Emir war in vollster syrischer Pracht, im Schmucke aller seiner Schals und mit Juwelen besetzten Waffen erschienen, aber Tancred trug wieder, wie auch sonst stets, sein fränkisches Gewand, nur daß er dieses Mal die dunkelgrüne, reichbestickte Uniform der Bellamont-Yeomanry-Kavallerie mit ihrem stolz wehenden Federbusche angelegt hatte.

»Sie sind ein englischer Fürst?« fragte die Königin Tancred.

»Ich bin ein Engländer,« erwiderte er, »und ein Untertan der Königin, denn auch wir rühmen uns der Auszeichnung, daß ein junges und schönes weibliches Wesen uns regiert.«

»Mein Vater und das Haus Schihab sind immer Freunde gewesen«, fuhr die Königin, zu Fakredin gewendet, fort.

»Und mögen wir es immerdar bleiben,« erwiderte dieser, »denn wenn die Schihab und die Ansari zusammenhalten, so ist Syrien nicht länger die Erde, sondern vielmehr das Paradies.«

»Ihr wohnt meistens auf euren Schiffen«, fragte die Königin, indem sie sich wieder zu Tancred wandte.

»Wir sind ein Inselvolk«, erwiderte dieser etwas unsicher, aber der stets gut unterrichtete Keferinis kam dem Gaste, wie seiner Herrin zu Hilfe.

»Die Engländer bewohnen nur während sechs Monaten, besonders, wenn sie nach Indien reisen, ihre Schiffe – den übrigen Teil des Jahres leben sie auf ihren Landgütern.«

»Kann man nur zu Schiffe nach Indien kommen?« fragte ihre Majestät.

Tancred nickte zustimmend.

»Ist Ihre Königin ungefähr so alt wie ich?«

»Als sie den Thron bestieg, befand sie sich gerade in Ihrer Majestät Alter.«

»Und wie lange regiert sie schon?«

»Ungefähr sieben Jahre.«

»Hat sie ein Schloß?«

»Unsere Königin bewohnt meistens ein sehr berühmtes Schloß.«

»Ist es stark befestigt?«

»Ziemlich stark.«

»Befindet sich der Emir Beschir noch in Stambul?«

»Er wohnt, glaube ich, jetzt in Brusa«, erwiderte Fakredin.

»Und wie gefällt ihm Brusa?«

»Nicht so gut wie Stambul.«

»Ist Stambul die größte Stadt der Welt?«

»Ich glaube kaum«, erwiderte Fakredin.

»Welche ist denn größer?«

»London, die große Stadt der Engländer, aus der der Prinz stammt, ist größer; auch Paris ist größer, aber nicht so groß als London.«

»Wie viele Menschen leben in Stambul?«

»Mehr als eine halbe Million.«

»Haben Sie auch Antakia (Antiochia) besucht?« fragte die Königin.

»Noch nicht.«

»Haben Sie Beirut gesehen?«

»Jawohl.«

»Antakia ist nicht so groß wie Beirut,« sagte die Königin, »aber einstmals war Antakia größer als Stambul, vielleicht ebenso groß als euer London.«

»Und sicherlich schöner als beide«, sagte Tancred.

»Oh, Sie haben also davon gehört,« rief die Königin mit Lebhaftigkeit aus. »Dann sagen Sie mir doch den Grund, warum Antakia nicht mehr eine große Stadt, so groß wie Stambul und die Stadt der Engländer ist, sie, die schöner war als beide.«

»Das ist eine Frage, die die weisesten Leute kaum beantworten könnten«, erwiderte Tancred.

»Ich bin nicht weise,« sagte die Königin und sah Tancred ernst in das Gesicht, »und doch könnte ich die Frage lösen.«

»Möchte Ew. Majestät geruhen, uns aufzuklären.«

»Es gibt Dinge, die man sagen darf, und Dinge, die man nicht sagen darf«, war die Antwort, während welcher die Königin einen Blick auf Keferinis warf.

»Ihre Majestät haben sich mit vollkommener Genauigkeit und liebenswürdigster Herablassung geäußert«, sagte der Premierminister.

Die Königin schwieg einen Augenblick, wie in Gedanken und gab dann mit ihrer kleinen Hand ein Zeichen, worauf alle Anwesenden den Saal verließen. Nur die Prinzen, die Keferinis besonders darum ersucht hatten, blieben zurück, sowie dieser selbst, der jetzt ebenfalls auf Wunsch seiner Herrin auf einem besonderen Sitze, nämlich gegenüber der Königin auf dem Fußboden Platz nahm.

»Werte Prinzen,« sagte jetzt die Königin, »ich heiße euch willkommen in Gindarics, der Burg, die noch kein Fremder betreten hat. Denn wir sind ein Volk, das kein Verlangen danach trägt, andere bei uns zu sehen, noch auch von anderen gesehen zu werden. Wir sind nicht wie andere Völker, und wir beneiden andere Völker auch nicht. Unser Verlangen steht darum nicht nach den Schiffen der Engländer, und meine Untertanen sind es zufrieden, so zu leben, wie ihre Vorfahren vor ihnen gelebt haben. Unsere Berge sind unfruchtbar und wild und der Anbau unserer Täler verlangt unausgesetzte Mühe und Arbeit. Wir besitzen kein Gold, kein Silber, keine Juwelen – nicht einmal Seide. Aber wir nennen einige schöne, tröstende Gedanken, die eigentlich mehr als Gedanken sind, unser eigen, und jeder aus unserem Volke beschäftigt sich mit ihnen, und nur wir allein können ihre Schönheit richtig einschätzen und verstehen. Als Darkusch, der in Damaskus wohnt und der Diener meines Vaters war, uns die treue Taube hierher schickte, die die Botschaft von den beiden Fürsten überbrachte, da wußte er wohl, daß er keine Leute hierher schicken durfte, die von den Engländern und Ägyptern, von der Pforte und den Frankenreichen zu uns sprechen würden. Derlei Sachen sind für uns wie die Schale der Frucht. Denn wir machen uns nichts aus Wolle, noch aus den anderen Dingen, die man in Städten als das Wichtigste betrachtet und die man anscheinend auch im Libanon, edler Emir, über die Gebühr schätzt. Denn dies hier ist nicht der Libanon, dies hier sind die Berge der Ansari, die heute sind, was sie immer waren, was sie schon waren, ehe der Name der Türken oder der Engländer noch in Syrien bekannt war, und die immerdar bleiben werden, was sie sind, wenn nicht jenes Ereignis eintritt, das vielleicht niemals eintreten wird, das aber zu schön ist, um die Hoffnung darauf ganz aufzugeben. Darum spreche ich mit Freimut zu euch, ihr Fürsten fremder Länder: Darkusch, der der Diener meines Vaters war und mein Diener ist, hat mir durch die treue Taube übermittelt, daß wir uns nicht von gleichgültigen Dingen, die wie Wasser auf Sand zerrinnen, unterhalten werden, sondern, daß andere Fragen erörtert werden würden, die jene an Wichtigkeit weit überragten. Darum habe ich den treuen Boten wieder zurückgeschickt und Darkusch sagen lassen: Sende diese Fürsten ruhig zu Gindarics, denn sie wollen sich nicht von vergänglichen Dingen unterhalten, von Dingen, die man an der Küste und in den Städten für ernst nimmt, die aber wie der Wind verwehen. Wir fühlen nur Verachtung für derartige Unterhaltung; aber die Worte der Wahrheit, die aus befreundetem Munde kommen, haben dauernden Wert und um ihretwegen statten mit Recht die Fürsten den Königinnen Besuche ab.«

Als die Königin geendigt hatte, warf sie einen Blick auf Keferinis, der seiner Zustimmung durch eine tiefe Verbeugung Ausdruck gab. Tancred und Fakredin sahen einander ebenfalls an, aber der Emir gab Tancred ein Zeichen mit der Hand, das die Antwort seinem Freunde überließ. Dieser äußerte sich dann auch nach einer kurzen Pause wie folgt:

»Mein Freund, der Fürst des Libanons, und ich haben die Worte der Weisheit vernommen, Worte, die in jeder Hinsicht das Rechte und das Wahre ausdrücken. Wir hatten keine Gelegenheit, Darkusch persönlich kennen zu lernen, aber er war in seinem Rechte, als er Ew. Majestät mitteilte, daß wir nicht um gewöhnlicher politischer oder kaufmännischer Angelegenheiten willen Gindarics besuchen wollten und daß uns ebenfalls die gewöhnliche Neugierde der Reisenden nicht dazu veranlaßt hätte. Denn wir sind keine Reisenden, sondern Männer, die einen festen Vorsatz haben, den sie in die Tat übersetzen wollen. Die Welt, die seit den Tagen der Schöpfung der geistigen Leitung Asiens gefolgt ist – worin sie im übrigen sicher recht tat, denn der Schöpfer dieser Welt ist niemals irgendwo anders, als in Asien erschienen und nur hier hat er mit den Menschen selber gesprochen – diese Welt steht unglücklicherweise im Begriff, sich von jenem Glauben und jenen Grundsätzen, die bisher die menschliche Rasse regiert haben, loszusagen. Wir sind darum der Meinung, daß die Zeit gekommen sei, da Asien den Versuch machen sollte, seine geistige Oberhoheit wieder zur Geltung zu bringen. Und obwohl wir, unserer festen Überzeugung nach, auf göttliche Eingebung hin an unsere große Aufgabe gegangen sind, so haben wir doch die Pflicht, uns der bestmöglichen menschlichen Kräfte zur Erfüllung dieser unserer Mission zu bedienen. Unser Gedanke ging darum dahin, daß Syrien und Arabien dieser hohen Aufgabe sich unterziehen sollten, denn dieses sind die Länder, in denen unser Gott gewohnt und mit denen er von den frühesten Zeiten an Beziehungen unterhalten hat. Zwei Menschenrassen, die hier wohnen, erschienen uns in ihrer Vereinigung als die natürlichen Eroberer der Welt: die eine bewohnt die Wüste, die andere die Berge, die eine kann eine unbesiegbare Kavallerie ins Feld schicken, die andere eine fertige Armee mutiger Fußtruppen, und diese beiden Völker haben auch geistig viel gemeinsam, denn die Laster der Ebene haben sie nicht berührt und die jungfräuliche Stärke ihrer Intelligenz ist nie durch den gewöhnlichen Aberglauben der Stadtbewohner verunreinigt worden. Wir wünschen uns, mit Gottes Hilfe, zu Herren der Welt zu machen, auf daß wir durch Wiederherstellung der Religion die Menschen beglücken können, auf daß wir des politischen Atheismus, der jetzt die Welt verpestet, Herr werden und die gemeine Tyrannei der Selbstregierung verschwinden machen können.«

Die Königin der Ansari hörte der Rede Tancreds mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Als er geendet hatte, sagte sie nach einer Pause: »Auch ich glaube an die Notwendigkeit der geistigen Oberherrschaft Asiens. Denn seit diese aufgehört hat, scheint mir der Mensch und das Menschenleben immer kleiner und häßlicher geworden zu sein. Was Sie hier geäußert haben, überzeugt mich von der Berechtigung Ihres Besuches. Aber wenn Sie von Arabien sprechen, welchen Gott Arabiens meinen Sie denn da?«

»Ich spreche von dem einig einzigen Gotte, dem Schöpfer aller Dinge, dem Gotte, der auf dem arabischen Sinaiberge sprach und der unsere Sünden auf dem syrischen Kalvarienberge sühnte.«

»Es gibt aber noch einen anderen Berg, den Olympus,« sagte die Königin, »der ist in Anatolien. Einstmals wohnten die Götter dort.«

»Die Götter der Dichter«, sagte Tancred.

»Nein, die Götter der Völker, Götter, die das Volk liebten und die das Volk ebenfalls liebte.«

Es entstand eine Pause, während welcher die Königin einen Blick auf ihren Minister warf: »Edler Keferinis, die Gedanken dieser Fürsten sind göttlicher und in jeder Hinsicht erhabener Natur. Sollten wir ihnen darum nicht die Tore des Schönen und des Heiligen öffnen?«

»Es wäre vollkommen in der Ordnung, unwiderstehliche Königin, wenn wir ihnen die Tore des Schönen und des Heiligen öffnen würden.«

»Dann lasset Girlanden hereinbringen. Fürsten,« fuhr die Königin zu den Fremdlingen gewendet fort, »ihr werdet jetzt sehen, was das Auge noch keines Fremden zu sehen bekommen hat. Auch dieses ist Asien und auch dieses ist göttlich.«

Der Audienzsaal füllte sich jetzt wiederum mit Menschen. Die Königin warf den beiden Prinzen einen Blick zu, verbeugte sich und stand von ihrem Diwan auf. Die beiden Freunde folgten sofort ihrem Beispiele. Ein Diener trat vor, der der Königin und ihren Gästen je eine Girlande überreichte. Auch Keferinis und einige der Anwesenden bekamen Girlanden. Cypros und einige andere Dienerinnen gingen voran, dann kamen Keferinis und ein anderer hoher Würdenträger, dann die Königin zwischen ihren beiden Gästen und hinter ihnen ein kleines Gefolge.

Vor einem mächtigen, alten Bronzeportal machte man halt. Dieses führte in einen Tunnelweg hinein, der jenem anderen nach dem Schlosse Gindarics führenden nicht unähnlich war, aber dennoch, trotz ziemlicher Länge, keiner künstlichen Beleuchtung benötigte. Er führte auf eine Terrasse hinauf, die ganz aus dem Felsen herausgearbeitet war; rings um sie herum erhoben sich steile Bergmassen und darüber wölbte sich der helle, blaue Himmel. Die Schlucht war so von allen Seilen abgeschlossen.

Die gegenüber befindliche Felswand, die etwa hundertfünfzig Meter entfernt war, erweckte zunächst den Eindruck der Fassade eines alten Tempels, und als Tancred näher kam, bemerkte er, daß die Hand des Künstlers der natürlichen Anlage beträchtlich nachgeholfen hatte: aus dem Felsen war nämlich ein Giebel, den eine Säulenhalle in ionischem Stile trug, sowie eine Freitreppe herausgehauen, welch letztere in mächtige Höhlen hineinführte, die ebenfalls von künstlerischer Hand in geräumige, prächtige Säle umgewandelt waren. Als die Gesellschaft die Treppe hinangestiegen war, erhoben die Königin und ihre Gefährtinnen ihre Girlanden gen Himmel und stimmten einen feierlichen, melodiösen Chorgesang an, dessen Text aber anscheinend nicht in der Sprache Syriens war. Tancred schritt jetzt durch eine Säulenhalle hindurch und kam in einen mächtigen Höhlensaal hinein, woselbst er eines sehr merkwürdigen Schauspieles ansichtig wurde.

Im ersten Augenblicke hatte er nur den Eindruck von einer Masse schöner, kostbarer Skulpturen, die auf Felsblöcken standen und betrachtete nun mit Andacht diese Abbilder voll heroischer Majestät und idealer Grazie, die so heiter und ruhig auf ihn herabzusehen schienen. Erst als sich sein Auge etwas an das Licht gewöhnt hatte, der erste Rausch der Überraschung verflogen war, erkannte Tancred jene schönen und berühmten Götterbilder, über die er in seiner Jugend so oftmals nachgedacht hatte. Da stand jene erhabene Statue in Wirklichkeit vor ihm, jene Statue, die den Göttervater, mit seinem wallenden Barte und dem lockigen Haupthaar, auf seinem Elfenbeinthrone sitzend, darstellte, da, in seiner Rechten war der stetsbereite Donner, da, in der anderen das Cypressenzepter, und zu seinen Füßen saß wirklich der wachsame Adler mit seinen ausgebreiteten Flügeln. Und da tauchten vor dem erstaunten Blicke des Pilgermannes auch die anderen Götterbilder jener hohen und vornehmen Hierarchie, die nur in sonnigen Ländern und unter einem klaren Himmel entstehen konnte, auf: da waren Götter und Göttinnen, Nymphen und Faune und alles, was menschliche Leidenschaft und menschliches Genie sonst noch zu erdenken und erschaffen vermochte, alles was die tausendfachen Formen einer wunderschönen Natur sich zu ihrer äußeren Darstellung und Verherrlichung nur wünschen und erträumen können. Auf die heiligen Statuen fiel ein schönes, mitunter etwas flackerndes Licht, das die Schäden der Zeit freundlichst verhüllte und dem toten Marmor mitunter ein himmlisches Leben zu verleihen schien.

»Die Griechengötter!« rief Tancred aus.

»Die Götter der Ansari,« verbesserte die Königin, »die Götter meiner Vorfahren!«

»Ein süßes Erstaunen kommt über mich,« murmelte Tancred. »Das Leben ist doch noch seltsamer, wie ich dachte. Meine Seele fühlt sich freier!«

»Sie kennen also diese Götter,« sagte die Königin, »und der Emir des Libanons kennt sie nicht?«

»Auch ich fühle, daß es Götter sind«, sagte Fakredin.

»Woher kommt es denn,« fragte die Königin, »daß Sie, ein Kind einer nördlichen Insel –«

»Etwas vom olympischen Zeus wissen?« unterbrach Tancred. »Es ist allerdings wunderbar, aber ich habe von ihm schon in meiner frühesten Jugend gehört.«

»Er ist also wirklich,« sprach die Königin zu sich selbst und mit einem Gefühle der Zufriedenheit, »er ist also wirklich, wie Darkusch richtig vermutete, einer der Unsrigen.«

»So habe ich das Glück, doch endlich der Götter der Ansari ansichtig geworden zu sein,« sagte Fakredin.

»Alles, was von Antiochia, von dem herrlichen Antiochia mit seinen hundert Türmen, seinen heiligen Hainen und seinen schönen Tempelbauten übriggeblieben ist.«

»Unglückliches Asien!« rief der Emir aus, »wie tief bist du gefallen!«

»Damals, als alles vorüber war,« sagte die Königin, »damals, als das Volk das Opfer verweigerte und die erzürnten Götter die Erde – hoffentlich nicht für immer – verlassen hatten, damals floh der Rest der Gläubigen mit diesen heiligen Bildern in die Berge und wir haben seit jener Zeit diese Bilder stets in hohen Ehren gehalten. Ich sagte Ihnen schon vorhin, daß wir schöne und tröstliche Gedanken und mehr als Gedanken unser eigen nannten. Alles andere ist verloren gegangen, unser Reichtum, unsere Künste, unsere Erfindungen – alles ist verschwunden. Die kärgliche Erde liefert uns kaum so viel, als wir zum Leben nötig haben; wir tragen Gewänder, die nicht besser als die der Kurden sind und unser Essen ist wahrscheinlich noch einfacher, wie das jener – aber wenn wir, ebenso wie sie, unsere Berge verlassen und mit unseren Herden durch die Ebene ziehen wollten, so würden wir unserer heiligen Bilder verlustig gehen, wir würden alle jene alten Überlieferungen, die noch heute unser Trost sind, aufzugeben haben. Diese Überlieferungen aber sind das einzige, was uns, trotz unseres harten Lebens, vor einem Rückfall in die Barbarei beschützt – durch sie hat sich in uns ein Sinn für das Schöne und das Erhabene erhalten, durch sie leben wir noch heute der göttlichen Hoffnung, daß die Menschheit, wenn der Niedergang Asiens sich gänzlich erfüllt haben wird, wieder zu unseren Göttern, die die Welt gut und glücklich gemacht haben, zurückkehren wird und daß diese gnädigst wieder eine erneute Erde mit ihrem Erscheinen beglücken werden, die ohne sie eine Stätte heulenden Elends geworden ist.«

»Hohe Königin,« sagte Tancred gerührt, »wir müssen, wenn Ihr es erlaubt, uns noch einmal später über diese Dinge besprechen. Mein Herz ist in diesem Augenblick zu voll.«

»Kommen Sie mit mir«, sagte die Königin sanft zu Tancred, und dieser folgte ihrem Wunsche.

Sie traten jetzt in ein viel kleineres Zimmer, das eher wie eine Seitenkapelle zu jener Kathedrale oder jenem Pantheon, das sie soeben verlassen hatten, aussah. Zu beiden Enden des Zimmers stand je eine Statue. Vor einer derselben machten sie halt. Sie war aus Gold und Elfenbein und etwa lebensgroß, die Farbe rein und überaus blendend und das Ganze so gut erhalten, daß man aus der Entfernung überhaupt keinen Fehler entdecken konnte.

»Ist Ihnen auch dieses Götterbild bekannt?« fragte die Königin, auf die Statue weisend, und blickte dabei forschend Tancred in das Antlitz.

»Es ist der Gott des Lichtes und der Dichtkunst,« sagte Tancred, »es ist Phoebus Apollo.«

»Unser Gott: der Schutzgott von Antiochia, der Gott des heiligen Haines! Wer könnte seiner ansichtig werden und an seiner Göttlichkeit zweifeln?«

»Sollte dieses wirklich die Statue sein,« murmelte Tancred vor sich hin, »der man einst Hekatomben von Stieren darbrachte? der man einst Trankopfer von Honig und Wein aus goldenen Bechern spendete? der einst Wolken von Weihrauch entgegenwehten?«

»Ah! Sie wissen alles!«

»Mögen die Engel uns beschützen!« sagte Tancred, »ich vergehe vor Erstaunen. Wer ist diese Statue hier?«

»Eine, vor der einstmals die Pilgersleute der ganzen Erde knieten. Es ist die syrische Göttin, die Venus unseres Landes, die von uns mit einem anderen Namen bezeichnet wird, einem Namen, der auch der meinige ist: Astarte


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