Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Elftes Kapitel

»Nun, wie gefällt Ihnen mein Wald?« fragte Fakredin Tancred. Sie waren gerade einen Bergabhang des Libanons hinabgestiegen und vor ihnen breiteten sich ein großes Tal, das mit riesigen Eichen bestanden war, und mehrere ebenso bewaldete Hügel, einer mit einem Kloster darauf, aus. »Dies ist der einzige Eichenwald Syriens. Genug Holz, um eines Tages damit unsere Flotte zu bauen.«

Sie hatten Gaza in kleinen Tagesmärschen erreicht, denn Fakredin nahm noch immer große Rücksicht auf Tancreds Gesundheit und wollte ihn keine unnützen Gefahren laufen lassen. In der Tat war der Arm kaum geheilt, und Fakredin hatte recht, mit einer wahrhaft weiblichen Sorgfalt über seinen Freund zu wachen. In Gaza hatten sie Scheriff Effendi getroffen. Lord Montacutes magische Unterschrift brachte die langausstehende Frage der fünftausend Musketen zum Abschluß und sicherte gleichzeitig dem Führer der Eskorte zehntausend Piaster zu, die dieser dem großen Scheik abzuliefern hatte. Die Kinder Rechabs nahmen hier Abschied von Tancred und Fakredin und schlugen mit ihrer kostbaren Ware den Weg nördlich von Hebron und dem Toten Meere, in der Richtung nach Hauraan, ein, woselbst sie den großen Scheik einzuholen gedachten. Ein Teil der Gewehre war für diesen bestimmt, der ganze übrige Rest sollte an gewissen, genau vereinbarten Stellen des Libanons abgeladen werden. Die beiden Freunde blieben in Gaza selbst zurück und erwarteten dort Tancreds Jacht, mit der Baroni vom benachbarten Jaffa nach einigen Tagen ankam. Ein günstiger Wind brachte sie bald von Gaza nach Beirut, wo sie landeten und wo Fakredin mit großem Vergnügen seinen neuen und mächtigen Verbündeten, einen englischen Prinzen, der vielleicht der Bruder der Königin und unzweifelhaft der Besitzer einer großartigen Jacht war, allen seinen Bekannten, besonders aber seinen habgierigen und doch gleichzeitig leichtgläubigen Gläubigern vorstellte.

Die Bergesluft tat Tancred unendlich wohl. Seine Augen hatten so lange nichts wie Ozean und Wüste gesehen, daß andere Farben und Formen ihnen die größte Erquickung gewährten.

Sicherlich gibt es Berge, die höher noch als die stolzen Gletscherspitzen des Libanons sind; sicherlich gibt es anderswo Szenerien, die erhabener und selbst schöner sind: denn die Gipfel des Libanon verlieren sich nicht wie die des geheimnisvollen Ararats in den Wolken; seine Wälder sind nicht so ausgedehnt und wunderbar wie die des alles überragenden Himalajas; er besitzt nicht die prächtige, vulkanische Natur der glühenden Anden, und seine Katarakte und Seen stehen sicherlich denen der europäischen Alpen nach – aber kein Hochland der Welt kann ein so frisches, verschiedenartiges, malerisches Leben aufweisen, als die große syrische Bergeskette.

Ihre Bewohner hatten einstmals als Flüchtlinge die reichen, aber durch türkische Tyrannei und arabische Habgier ausgesogenen Ebenen verlassen, sie hatten sich auf diese Höhen gerettet und die Hügel um sich herum mit der Weinrebe und die Bergspitzen über sich mit dem Feigenbaume bepflanzt. Ihr ausdauernder Fleiß und das himmlische Klima haben so aus den syrischen Bergen einen vollkommenen Garten gemacht, der meilenweit nichts wie Kornfelder und Fruchtgärten sichtbar werden läßt. Klöster und Schlösser krönen die Spitzen der dazwischen sich erhebenden Berge, und an ihren Abhängen liegen flachdachige Dörfer inmitten von Maulbeerhainen. Und in diesen Bergen wohnen die verschiedenartigsten Menschenrassen, gelten die verschiedensten Gesetze, betet man zu den verschiedensten Göttern – und doch ist überall Freiheit: eine stolze feudale Aristokratie steht neben einer klösterlichen Kirche, die mit ihren Verzweigungen an das Mittelalter erinnert; dazu kommt eine bewaffnete Bauernschaft, die, welchen Glaubens sie auch immer sein mag, sich stolz ebenfalls als eine freie bezeichnen darf.

Einige jener wunderschönen Pferde, für die Fakredin berühmt war, hatten unsere Reisenden in Beirut erwartet. Die Reise durch die Berge bis nach Canobia war auf drei Tage berechnet. Die erste Nacht verbrachte man in einem Bergdorfe, wo der junge Emir mit Enthusiasmus empfangen wurde; am Abend des zweiten Tages befanden sie sich in einem kleinen Schlosse, das Fakredin gehörte und von einem seiner Verwandten bewohnt wurde. Am dritten Tage kamen sie, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, an jenen oben beschriebenen Eichenwald, den sie in einer halben Stunde durchritten. Sie hielten auf einem mit einem Kloster gekrönten Berge, von dessen Höhe sie eine ausgedehnte Ebene überblicken konnten. Diese war vorzüglich angebaut und enthielt verschiedene kleine Dörfer, durch sie hindurch floß zwischen reichlichem Strauchwerk von Oleandern ein kleines Flüßlein. Ziemlich in der Mitte dieser Ebene lag auf einer die anderen überragenden Anhöhe ein allmählich ansteigender und mit Sykomoren geschmückter Berg, auf dem sich ein großartiges sarazenisches Schloß erhob.

»Canobia!« sagte Fakredin zu Tancred, »das Sie hoffentlich so bald nicht wieder verlassen werden.«

»Das würde mir jedenfalls recht schwer fallen,« erwiderte Tancred, »denn ich habe selten einen wunderbareren Anblick gehabt.«

Inzwischen wechselten auch Freeman und Trueman, die sich weit hinter ihnen bei Fakredins Dienern befanden, bezeichnende, überraschte und gleichzeitig zufriedene Blicke.

»Dies ist der erste wirkliche herrschaftliche Sitz, den ich seit England gesehen habe«, sagte Freeman.

»Die könnten hier auch ganz gute Feste geben, wie wir eines hatten, als Mylord mündig wurde«, erwiderte Trueman.

»Na das wohl kaum,« erwiderte Freeman. »Solche Feste hängen doch meist von gutem Essen und Trinken ab. Aber hier mit ihrem ewigen Kaffee und ihren alten Pfeifen können sie doch nichts Rechtes anfangen. Ohne ganzgebratene Ochsen und am Spieß gedrehte Schweinsköpfe gibt es doch keine richtige Majorennerklärung für einen Edelmann, meinst du nicht, Trueman?«

Ein Reitersmann, der dem Emir und Tancred vorausgeeilt war, begann jetzt zwei Trommeln, die zu beiden Seiten seines Sattels hingen, zu schlagen, um denen auf dem Schlosse das Zeichen zu geben, daß der Besitzer sich nähere. Dennoch dauerte es noch geraume Zeit, bevor der Weg, der langsam durch Sykomorengestrüpp sich emporschlängelte, sie zu den Außenwerken des Schlosses brachte, auf das sich im übrigen während des Weges hier und da stets eine neue Aussicht eröffnete. Es war ein großes Gebäude, das noch sehr gut erhalten und anscheinend sehr stark befestigt war. Eine Anzahl Bewaffneter in sehr auffallenden Kostümen standen an dem mit Zinnen geschmückten Torweg, durch den hindurch unsere Reisenden in einen geräumigen viereckigen Hof hineinritten. Der leichte und gewissermaßen luftige Stil dieses Binnenraumes stand zu dem massiven, ernsten Charakter der Außenseite in angenehmstem Gegensätze. In der Mitte dieses von Arkaden umgebenen Vierecks sprudelte eine Fontäne, und um diese Fontäne herum standen zwanzig gesattelte Pferde reinster Rasse, zu deren Seite je ein Diener und ein Bewaffneter. Als der Emir den Hof betrat, legten alle, und zwar mit ernstester Würde, ihre Hand auf das Herz, eine Zeremonie, die einen großartig-feierlichen Eindruck machte und gar nichts Gezwungenes an sich hatte. Die beiden Reisenden saßen jetzt ab, und Fakredin führte Tancred durch eine Reihe von Sälen hindurch in die für ihn hergerichteten Räumlichkeiten. Alles war, wie es sich für den Orient geziemt, einfach gehalten; aber die Möbel waren teilweise luxuriös, die Fußböden bestanden aus marmornem Mosaik, die Decken waren reichlich mit Arabesken geschmückt, die Wände waren aus geschnitztem Zedernholze und überall lagen helle Teppiche und standen breite Diwans aus den feinsten Stoffen von Damaskus.

»Dieser Diwan also ist für Sie,« sagte Fakredin, als sie in ein schönes Zimmer traten, das auf einen von Zitronenbäumen beschatteten Blumengarten hinausging. »Auf diesen Spiegel bin ich besonders stolz,« fügte er nach einer Weile hinzu und wies auf ein großes französisches Glasstück, das einzige, dessen sich der Libanon zu rühmen hatte. Darauf führte Fakredin Tancred durch eine Reihe von Marmorzimmern in ein anderes und sagte: »Dies ist Ihr Badezimmer.«

In der Mitte des Zimmers befand sich ein großes Alabasterbassin, das außen mit frischen Girlandenketten reichlich geschmückt war, und in dessen Inneres eine dauernd sprudelnde Fontäne ihre klaren Wasser ergoß. Das ganze Zimmer war mit Porzellan ausgelegt, dessen Muster eine goldene Blume auf mattgrünem Grunde abgab.

»Ich werde sofort Ihre Diener benachrichtigen,« sagte Fakredin, »aber inzwischen könnten Ihnen vielleicht meine eigenen Diener besser helfen, da sie wissen, was sie hier zu tun haben.« Bei diesen Worten klatschte er in die Hände, worauf sofort verschiedene Diener mit Körben voll schneeweißem Leinen und allerhand Kleidungsstücken im Badezimmer erschienen.

 

Ende des vierten Buches.

 


 << zurück weiter >>