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Siebentes Kapitel

Baroni hatte sofort nach seiner Ankunft in Damaskus ein Bad genommen, war darauf zu einem bekannten Friseur gegangen und hatte, was er stets bei längerem Verweilen in einer Stadt zu tun pflegte, sich in einen frischen, weißen Anzug geworfen. Er hatte sich dazu einen Turban in derselben Farbe ein klein wenig schief auf den Kopf gesetzt, so daß sein Äußeres die große Sorgfalt verriet, die sein Träger gewöhnlich darauf zu verwenden pflegte. Dann nahm er sich einen Esel und ritt zum großen Basar von Damaskus.

Der Stadtteil, den er zu durchkreuzen hatte, war ungewöhnlich belebt und geräuschvoll und bestand aus engen Straßen, über welche oben Teppiche gespannt waren, um die unten hindurchdrängende Menge vor den Strahlen der Sonne zu schützen. Durch langjährige Gewohnheit kannte Baroni genau jede Gasse des Bezirks und schritt, ohne zu zögern, mitten durch das Gewirr unendlicher Arkadengänge hindurch. Jetzt befand er sich in der Straße der Waffenschmiede, jetzt in der der Schalverkäufer, hier lagen die Kattune von Manchester aus und dort die Seidenwaren Indiens. Hier stieß er auf eine Reihe von Läden, in denen die heiteren Farben gelber und scharlachroter Pantoffeln winkten und dort kam er an einer Reihe von Tischen und Stühlen vorbei, die mit jenen gefährlichen orientalischen Trödelwaren bedeckt waren, in denen, wie man meint, die Pest beständig verschleppt wird. Immerhin zeigte diese Gegend unserem Wanderer an, daß er sich schon der Grenze des Bezirks näherte; die Menge der Menschen hatte schon abgenommen und es war stiller um ihn herum geworden; jene Masse fliegender Händler, die Nargilehs und Eis, Kaffee und Sorbet oder Körbe voll schöner Früchte ausboten, waren jetzt gänzlich verschwunden. Nur hier und da bemerkte man einen Spaziergänger, die aber alle geschäftig vorübereilten, einige Armenier, einen jüdischen Arzt und seinen Pagen, sowie einige gespensterhaft vorüberrauschende Laken, die nichts anderes als Frauen waren.

Baroni bog jetzt in eine schön gebaute, luftige und geräumige Arkade ein. Es war der Basar der Drogenverkäufer. Hier wurden auch Gewürze, sowie alle Arten von Färbehölzern verkauft, auch jene vorzüglichen Harze, für die Arabien noch heute berühmt ist und die Syrien vergebens durch den wohlriechenden Saft seiner Pistazie und seiner Aprikosenbäume zu überbieten sucht.

Ein in mittleren Jahren stehender Mann mit einer langen gebogenen Nase und hellblauen, stechenden Augen saß hier auf seinem Ladentisch und rauchte seine Nargileh. Er hatte einen maulbeerfarbenen, mit Pelz besetzten Umwurf an und auf seinem Kopfe thronte ein schwarzer Turban.

»Willkommen, Effendi,« sagte er, als er Baronis ansichtig wurde. »Tausendmal willkommen! Wie lange bist du schon in Esch Scham?

»Noch nicht sehr lange,« sagte Baroni, »und bist du die ganze Zeit seit meinem letzten Besuche hiergeblieben?«

»Bald hier, bald dort«, sagte der Mann und bot ihm seine Pfeife an.

»Und wie geht es unseren Freunden in den Bergen?« sagte Baroni, indem er das Pfeifenrohr mit seinen Lippen berührte und es wieder zurückgab.

»Sie leben«, sagte der Mann.

»Das ist immerhin etwas«, sagte Baroni.

»Bist du seit der Zeit wieder im Frankenlande gewesen?« fragte der Mann.

»Ich halte mich meistens im Frankenlande auf«, sagte Baroni.

»Du weißt am Ende jemand, der ein Paket Skammonienharz kaufen will?«

»Vielleicht«, sagte Baroni bedeutungsvoll.

»Ich habe ein wunderschönes Paket,« sagte der Mann, »und eins, das eine sehr seltene Art enthält.«

»Keine Stärke und Myrte drin?« fragte Baroni.

»Hältst du mich etwa für einen Juden?« sagte der Mann.

»Ich habe nie genau erfahren können, was du eigentlich bist, Freund Darkusch. Aber für den Skammonienharz könnte ich dir ein paar gute Kunden nachweisen, ebenso für Galläpfel und Tragant.«

»Was den Tragant anbetrifft,« erwiderte Darkusch, »so kannst du dich versichert halten, daß niemand in Esch Scham reinen, außer mir, besitzt, und bezüglich der Galläpfel erwidere ich nur, daß jedes Findelkind in Syrien Afis handeln kann, aber ist es Afis aus Mossul, Effendi?«

»Was du sagst, sind die Worte der Wahrheit, guter Darkusch, – ich könnte dich jedem mit gutem Gewissen empfehlen. Ich träumte neulich, daß bei dieser meiner Visite so mancher Piaster zwischen uns hin und her gehen würde.«

»Wozu hat man Freunde, wenn sie einem in der Stunde der Not nicht helfen können?« rief Darkusch aus.

»Du sprichst stets die Worte der Wahrheit. Ich bin selber in einem Tale voll dunkler Schatten. Ich reise gerade mit einem jungen englischen Häuptling, einem Pascha mit vielen Roßschweifen, der mir erklärt hat, daß er mein Lebenslicht ausblasen wird, wenn ich ihm nicht die Möglichkeit verschaffe, die Königin der Ansari zu besuchen.«

»Laß ihn erst einen Besuch beim König Soliman machen«, erwiderte Darkusch mürrisch.

»Vielleicht wird er das auch tun,« erwiderte Baroni, »denn er ist ein Mann, für den es keinerlei Schwierigkeiten gibt. Aber wir wollen lieber vom Skammonienharz sprechen,« setzte er hinzu und setzte sich bei diesen Worten Darkusch zur Seite auf den Ladentisch, »obgleich man durch eine Ermöglichung einer Reise in eure Berge mehr verdienen könnte wie mit all euren Harzen, Freund Darkusch – aber es geht nicht, nein, es geht wohl nicht.«

»Es geht nicht.«

»Um auf das Skammonienharz zurückzukommen. Erinnerst du dich noch an meinen alten Herrn, Darkusch?«

»Mancherlei auf dieser Welt wird vergessen, aber er wird es nicht.«

»Dieser Häuptling, mit dem ich reise, dieser Pascha mit vielen Roßschweifen, ist sein Freund. Wenn du mir diesen Gefallen erweist, so erweist du dem einen Gefallen, der auch dir einst nützlich war.«

»Es gibt Dinge, die man machen kann, und Dinge, die man nicht machen kann.«

»Dann wollen wir uns weiter von Skammonienharz unterhalten. Aber damals, vor fünfzehn Jahren, Freund Darkusch, als wir zum ersten Male Bekanntschaft machten, hast du Freund Sidonia keinerlei Schwierigkeiten gemacht. Die Pest allein hat uns zurückgehalten.«

»Der Schnee auf den Bergen ist nicht derselbe Schnee, als der vor fünfzehn Jahren, Effendi. Alles ändert sich.«

»Dann wollen wir wieder auf das Skammonienharz zurückkommen. Die Ansari haben Freunde in anderen Ländern, aber wenn sie nicht auf sie hören wollen, so ist alles vergeblich. Es könnten sich auch Dinge ereignen, die eines jeden Schatten länger machen würden, aber wenn die Sonne nicht scheint, so kann man ihre Schatten nicht sehen.«

Darkusch zuckte mit den Achseln.

»Wenn die Sonne der Freundschaft nicht ihre Strahlen auf mich fallen läßt,« erwiderte Baroni, »so versinke ich im Tale der Tränen. Wahrhaftig, ich würde tausend Piaster geben, wenn ich den Häuptling in eure Berge bringen und dadurch meinen Kopf retten könnte.«

»Die Fürsten der Frankenländer dürfen einem nicht die Köpfe abschneiden,« bemerkte Darkusch. »Alles, was sie tun können, ist, einen auf Inseln, die von Dämonen bewohnt sind, zu verbannen.«

»Aber der Fürst, von dem ich spreche, ist ein Pascha mit vielen Roßschweifen und der Bruder von Königinnen. Man berichtet sogar, daß die große Königin der Engländer seine Schwester sei.«

»Wer Königinnen sich gefällig erweist, kann auf einen Bakschisch rechnen.«

»Aber du dienst doch auch einer Königin, Darkusch?«

»Und das ist der Grund, warum ich dir keinen Geleitpaß in die Berge geben kann, wie ich es vor fünfzehn Jahren, als ihr Vater noch regierte, hätte tun können.«

»Hat sie es dir so strenge verboten?«

»Sie will weder einen Moslem, noch einen Christen sehen. Sie lebt mit beiden Religionen im Kriege, und dieser Krieg wird ewig dauern, denn keinerlei Menschenklugheit kann den Streit zwischen ihnen schlichten.«

»Und welches ist die Ursache dieses Streites?«

»Das kannst du nur in den Bergen erfahren«, erwiderte Darkusch mit böswilligem Lächeln.

Baroni wurde nachdenklich. Nach einigen Augenblicken sah er auf und sagte: »Was du mir da erzählt hast, Freund Darkusch, ist höchst interessant und wirft auf mancherlei ein bezeichnendes Licht. Denn dieser junge Fürst, dem ich diene, ist ein Freund deines Volkes, ein Freund, der sehr wohl weiß, warum ihr mit Moslem und Christen Krieg führt – denn er tut das Gleiche. Aber er ist ein sehr wortkarger Mann, dessen Gedanken man kaum erraten kann und der deswegen recht schwer zu behandeln ist. Warum er dein Volk besuchen will, wagte ich ihn nicht zu fragen, aber aus dem, was du mir soeben erzählt hast, kann ich entnehmen, daß er selber ein Ansari ist. Er ist anscheinend aus fernem Lande hierhergekommen, nur, um seine Rasse zu besuchen. Zweifelsohne hat er eurer Königin viel zu erzählen: und Dinge könnten dabei erörtert werden, die unserer aller Schatten verlängern würden – aber das macht nichts, was nicht sein kann, kann nicht sein: wir wollen darum lieber von unserem Skammonienharz weiter sprechen.«

»Du glaubst wirklich, er sei ein Ansari?« fragte Darkusch leise und mit forschendem Blicke.

»Sicherlich«, sagte Baroni.

»Aber ich kann ihm keinen Reisepaß in die Berge geben,« sagte Darkusch, »doch die gute Gesinnung von Freunden ist wie ein Fluß, der in einem schönen Garten fließt. Wenn dieser Fürst, dessen Worte und Taten so unergründlich sind, wirklich einer der Unsrigen sein sollte, nun – könnte ich ihn nicht einmal sehen, Effendi?«

»Ich darf überhaupt davon nicht mit ihm sprechen,« sagte Baroni. »Ich habe nur einmal eine Anspielung darauf gemacht, daß er mit mir kommen sollte: und seine Stirne umwölkte sich wie die Stirne von Iblis, und sein Auge blitzte, wie das Glutfeuer des Kamsins: es ist unmöglich! Was nicht gemacht werden kann, kann eben nicht gemacht werden. So wird er in das Land seiner Väter zurückkehren müssen und eure Königin, deren Bruder er vielleicht ist, wird seiner nicht ansichtig werden; und er wird weiter leben und wird Christen und Moslemin weiter hassen, aber mich wird er auf ewig auf die Insel mit den vielen Teufeln verbannen.«

»Ich werde der Königin diese merkwürdigen Geschichten berichten,« sagte Darkusch, »und wir wollen ihren Bescheid abwarten.«

»Das hieße auf die Mekkakarawane warten!« rief Baroni, »du kennst nicht dieses Kind der Stürme, das mein Herr ist, und gerade das bestärkt mich in meiner Meinung, daß er zu eurem Volke gehören müsse. Denn hätte ihn das Christentum zivilisiert oder wäre er der Segnungen des Korans teilhaftig geworden –«

»Unreife Feigen auf dein Christentum und deinen Koran!« rief Darkusch aus. »Weißt du, was wir von deinem Christentum und deinem Koran halten?«

»Nein,« erwiderte Baroni ruhig, »erzähle es mir.«

»Nun, du wirst das noch in den Bergen erfahren«, sagte Darkusch.

»Dann hast du also die Absicht, uns die Reise zu gestatten?«

»Ja – wenn auch die Königin ihre Einwilligung gibt.«

»Aber bis zu deinem Lande sind es fünfundsiebenzig Meilen,« sagte Baroni. »Und du mußt zunächst deinen Brief schreiben, dann mußt du ihn fortschicken, dann auf Antwort warten, und die Antwort von einer Frau und gar einer Königin kann lange auf sich warten lassen, und die Quellen von Esch Scham werden ausgetrocknet sein, ehe wir überhaupt gehört haben, daß unsere Reise nicht gestattet würde.«

Darkusch schüttelte seinen Kopf und lächelte dabei.

»Morgen beim Sonnenuntergang, Effendi, werde ich dir ›Ja‹ oder ›Nein‹ sagen können. Jetzt erzähle mir noch, wieviel Skammonienharz du haben willst und alles wird in bester Ordnung sein.«

»Soviel du nur auf Lager hast,« sagte Baroni, »und morgen werde ich es dir gleich bezahlen. Die Ware selbst kannst du bei dir behalten, bis ich sie von dir verlange; was ich wahrscheinlich erst tun werde, wenn ich wieder mit einem Fürsten hierherkomme.«

Darkusch warf seine Nargilehpfeife in die Ecke, schob seine Hand vorsichtig in sein weites Gewand und holte aus seinen Falten eine Taube mit großen, schwarzen, lebhaften Augen heraus. Er ließ das kluge, stolze Tier auf seinen zwei Fingern balancieren und sagte dabei:

»Nun, mein Karagus, mein Schwarzauge! Ja, ja, jetzt geht es wieder auf eine kleine Reise! Aber ja – ich kann meinem Karagus trauen, denn er gehört zu uns. Ja, ja! Effendi, der Basar ist morgen geschlossen – aber du wirst bei Sonnenuntergang in deinem Khan von mir hören.

 

Ende des fünften Buches

 


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