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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Theodor Shelf war am Ende seiner Hilfsquellen angelangt, und als einsichtsvoller Geschäftsmann verhehlte er sich das nicht, aber noch konnte er sich nicht entschließen, den letzten Schritt zu thun und zu fliehen, denn das Zögern bis zum letzten Augenblick hatte einen prickelnden Reiz für ihn.

Die schöne Estancia am Ufer des Rio Paraguay wartete auf ihn, allein er ließ sie weiter warten. Die Aufregung des Verbleibens in London war Speis' und Trank für ihn. Von seiner Kühnheit sollte noch lange gesprochen werden, und wenn ihm auch nicht gerade Segenswünsche folgten, vergessen würde er gewiß nicht. Das war vielleicht der Hauptgrund, der ihn zum Bleiben veranlaßte, denn die Eitelkeit dieses Menschen grenzte schier ans Unglaubliche.

Seinem Warten lag ferner der Plan zu Grunde, sich an der Frau zu rächen, die seinen Fall herbeigeführt hatte. Ohne ihre wahnwitzige Verschwendung wäre es ihm gelungen, den durchs Darniederliegen der Geschäfte heraufbeschworenen Sturm aufzuhalten, aber sie hatte seine Warnungen mit Hohn erwidert, ihre Einladungen noch weiter ausgedehnt und ihre Gäste mit Banknoten gefüttert. Worin dieser Plan bestand, vertraute er niemand an, als George, und dieser schwatzte nicht aus der Schule.

»George,« sprach Shelf am Schlusse eines dieser düsteren Vertrauensergüsse, »ich werde ein einsamer Mann sein, aber du sollst mit mir dorthin gehen,« und George schob seine kalte schwarze Schnauze in Shelfs Hand und sagte, es würde ihm eine schwere Enttäuschung sein, wenn er zurückbleiben sollte.

Theodor Shelf beabsichtigte, seinen Racheplan während eines Balles auszuführen, den seine Frau geben wollte und der an Pracht und in Hinsicht auf die Auswahl der Gäste alle ihre früheren Festlichkeiten in Schatten stellen sollte.

Daß ein solches Handeln gerechtfertigt sei, darüber war er innerlich gar nicht zweifelhaft, und doch war er ein Mann, dem es auch an rein menschlichem Empfinden keineswegs fehlte. Seine Mündel, Amy Rivers, hatte er außerordentlich lieb, trotzdem er infolge der geschäftlichen Wachsamkeit ihres Verlobten gezwungen worden war, ihr Vermögen zu ersetzen und so seinen eigenen Sturz zu beschleunigen. Viele würden ihren begreiflichen Aerger an dem jungen Mädchen ausgelassen haben, aber Shelf that das nicht. Er war in der That nur einmal unliebenswürdig gegen sie. Das war das letzte Mal, wo sie überhaupt miteinander sprachen, und was er bei dieser Gelegenheit sagte, war ganz in ihrem Interesse und brachte ihm keinerlei Nutzen. Es war am Morgen des erwähnten Balles, er hatte sie in sein Zimmer rufen lassen und sie gefragt, ob Fairfax abends kommen werde.

»Natürlich,« antwortete sie. »Warum?«

»Nach dem, was zwischen uns vorgefallen ist?«

»Meinst du in der City?«

»Allerdings, meine Liebe. Mr. Fairfax hat mir Grund zum größten Mißfallen gegeben. Zunächst ist er von der Direktorstelle der Genossenschaftlichen Dampfschiffahrtsgesellschaft, die ich ihm verschafft hatte, ohne triftige Gründe zurückgetreten, und dann hat er mir durch Zweifel an der Lauterkeit meines Handelns bei Gründung dieser Gesellschaft tiefen Schmerz bereitet. Ich bin ein langmütiger Mann, Amy, aber Mr. Fairfax hat die Grenzen meiner Geduld überschritten. Ein Geist, wie der seine, ist ganz danach angethan, den Samen der Zwietracht unter meinen einfachen Angestellten zu säen, und ich habe es für meine Pflicht gehalten, ihn von ihnen zu entfernen.«

»Das heißt mit andern Worten, du hast ihm den Laufpaß gegeben. Das weiß ich natürlich!«

»Vielleicht,« entgegnete Shelf mit einem schmerzlichen Lächeln, »wird es ihm gelingen, eine andre Stellung zu finden, oder er fängt selbst ein Geschäft an, aber ich fürchte, meine Liebe, daß ihm der christliche Einfluß, der die Angestellten der Firma Marmaduke Rivers & Shelf so erhebt und läutert, sehr abgehen wird.«

Miß Rivers zuckte die Achseln.

»Hat das nicht eigentlich mehr mit der City, als mit Park Lane zu thun? Da Mrs. Shelf Hamilton eine Einladungskarte geschickt hat, sehe ich nicht ein, warum er nicht kommen sollte. Es ist Mrs. Shelfs Empfangsabend.«

»Und meiner nicht, Amy? Du hast dem Buchstaben nach recht, nicht aber dem Geiste nach. Als Christ habe ich Mr. Fairfax das Unrecht, das er mir angethan hat, natürlich schon lange vergeben, aber dieses bescheidene Dach gehört mir, Amy, und es würde mir außerordentlich peinlich sein, unter seinem Schutze jemand empfangen zu müssen, mit dem ich nicht auf dem Fuße brüderlicher Freundschaft stehe. Aber vielleicht hat Mr. Fairfax seine übereilten und ungerechten Worte bereits bereut?«

»Nein, das hat er nicht, dessen bin ich sicher,« antwortete Miß Rivers.

»Dann,« erwiderte Shelf mit bekümmerter Miene, aber fest, »kann ich ihn nicht empfangen.«

»Du wirst wohl wissen,« versetzte das junge Mädchen gereizt, »daß, wenn Hamilton nicht kommt, auch ich nicht erscheinen werde.«

»Du bist meine Mündel.«

»Mag sein! Du bist nie hart gegen mich gewesen und wirst jetzt nicht damit beginnen. Ich erkläre dir demnach offen: ohne Hamilton keine Amy Rivers. Ich werde zu meiner Cousine nach Hampstead gehen.«

»Ich kann dir in dieser Sache nicht nachgeben, Amy, mein Gewissen erlaubt es mir nicht.«

»Gut. Kann ich den Wagen haben, oder muß ich mir eine Droschke holen lassen?«

»Mein liebes Kind, etwas Vernünftiges werde ich dir nie abschlagen. Der Wagen steht jetzt wie immer ganz zu deiner Verfügung.«

Miß Rivers verließ das Zimmer, und Shelf kraute dem Hunde den Kopf. »Jetzt ist sie böse auf mich, George,« sprach er mit einem zufriedenen, wenn auch traurigen Lächeln; »aber später wird sie wohl anders darüber denken. Sie ist ein kluges Mädchen und wird verstehen, warum ich so handle.«

Hierauf hob er George auf einen bequemen Stuhl und setzte sich an seinen Tisch. Er hatte viel zu schreiben und viel zu verbrennen, und diese Arbeit nahm ihn bis spät in Anspruch. Sodann kleidete er sich an und begab sich zum Diner in den Klub. Um elf Uhr kam er von dort zurück und stellte sich an die Seite seiner Frau, um zuzusehen, wie sie ihre Gäste empfing. Er meinte, sie nie so schön und stattlich gesehen zu haben, und einigemal empfand er etwas wie Bedauern darüber, daß sie ein solcher Schlag treffen sollte, aber als seine Augen auf die Wände des Zimmers, die silbernen Lampen und die verschwenderische Fülle zum Schmuck verwandter Blumen fielen und er an die Kosten dieser Pracht dachte, schwand jede Spur von Mitleiden, das etwa noch in seiner Seele geschlummert hatte. Er erinnerte sich der wahnsinnigen Verschwendung, der weder seine Bitten, noch seine Vorstellungen Einhalt zu thun vermocht hatten, und die allein, so glaubte er, ihn auf den Weg des Verbrechens geführt hatte. Und doch – und doch – sie war so unerhört schön und spielte die Rolle, die sie sich vorgezeichnet hatte, mit so vollendeter Gewandtheit!

Es war wirklich eine prächtige Versammlung; wenn sie auch nicht ausschließlich aus lauter vornehmen Leuten bestand, obgleich deren viele anwesend waren, so sah man doch auf den ersten Blick, daß ungezählte Reichtümer vertreten waren. Herren im Gesellschaftsanzug können allerdings keine zur Schau tragen, und das Höchste, was sie erwarten dürfen, ist, daß sie nicht mit den Lohndienern verwechselt werden. Aber die Frauen! Die trugen ihn auf Schulter und Busen, wie sie das vom Anbeginn der Zeiten an gethan haben. Ihre Toiletten waren ein Traum von Schönheit, ihre Schmucksachen eine endlose Zahl von Regenbogen.

»O Gott!« rief ein junger Herr mit räuberischen Instinkten, der eine Wand stützen zu müssen glaubte, »warum habe ich nicht das Räuberhandwerk erlernt? Hier sind einige der schönsten Diamanten der Welt, und zwei Spitzbuben mit Pistolen könnten das ganze Haus auf den Kopf stellen. Warum ist in England die Sicherheit so verdammt groß?«

»Thu mir den einzigen Gefallen und schätze diese Menge nicht nach Pfund, Shilling und Pence ab,« entgegnete eine andre Wandstütze, »das nimmt der Sache alle Poesie. Für mich sind sie eine Augenweide.«

»Daß sie das wären, habe ich nie bestritten,« erwiderte Stütze Nr. 1. »Was mich ärgert, ist, daß sie nicht mir gehören; ich wüßte schon, was ich damit anfinge.«

»Hör' mal,« entgegnete der andre entrüstet, »wir sind doch hier nicht in der Türkei?«

»Ach, ich meine ja nicht die Frauenzimmer. Ich habe an einer Frau vollkommen genug, aber ich möchte die Kleider und Brillanten haben. Ich verkaufte sie an die Juden und schwelgte mit dem Erlöse. Komm mit, wir wollen sehen, wo wir was zu trinken finden.«

Sie verließen den Tanzsaal und stiegen die breite, bequeme Treppe hinab, allein als sie den Flur überschreiten wollten, trat ihnen ein Mann in den Weg und erklärte, er dürfe sie nicht weiter gehen lassen.

»Was ist denn los? Hat es ein Unglück gegeben?«

»Vielleicht ist es ein Unglück, Herr. Ich kann darüber nicht urteilen.«

»Wer, zum Teufel, sind Sie denn überhaupt?«

»Ich gehöre zur Londoner Geheimpolizei, Ihnen zu dienen. Zurück, sage ich Ihnen, die Polizei hält hier unten Haussuchung.«

»Herr meines Lebens! Ist denn eingebrochen worden?«

»Nein, sie suchen nach Mr. Shelf,« entgegnete der Polizist kurz. »Wir haben einen Haftbefehl gegen ihn wegen Unterschlagung, aber darum brauchen sich die Damen und Herren nicht stören lassen. Tanzen Sie nur ruhig weiter.«

Die beiden Gäste sahen sich verdutzt an und brachen in ein gezwungenes Lachen aus, stiegen aber dann ruhig die Treppe wieder hinauf.

»Noch vor einer Minute habe ich den Mann beneidet,« sprach einer von ihnen. »Das zeigt, wie wenig man aus dem, was einer ausgibt, auf seine Mittel schließen kann.«

Eine Polka war eben zu Ende, die Musik hörte auf zu spielen, lautes Geplauder erhob sich überall und erfüllte das ganze Haus. Allein sehr bald wurde es leiser und dämpfte sich schließlich bis zum Flüstern. Der Bacillus des Skandals verbreitet sich schneller als sein Vetter, der der Cholera. Herren und Damen warfen neugierige Blicke übers Treppengeländer. Halb hofften, halb fürchteten sie, ihren gastfreien Wirt ins Gefängnis abgeführt zu sehen.

Den einen that es leid, andre waren entsetzt, aber auch an Schadenfrohen fehlte es nicht. Jetzt stimmte die Musik den Eldoradowalzer an, und da es das beste Orchester in London war, wurde er so gespielt, daß selbst die Stühle Lust bekamen, zu tanzen, aber keine Sohle glitt mehr über den glänzenden Fußboden. Die Gäste verließen das Haus mit einer Hast, als ob die schwarze Pest darin ausgebrochen wäre. Die Polizei hatte die Wachen am Fuße der Treppe zurückgezogen und sich entfernt, was der umsichtige Shelf schon einige Zeit früher gethan hatte.

Mrs. Shelf war wie betäubt. Sie stellte sich in straffer Haltung hinter einen Stuhl im Salon und klammerte sich mit ihren behandschuhten Händen so fest an dessen Lehne, daß auf ihrem runden weißen Arme Muskeln hervortraten, die noch nie dort sichtbar gewesen waren. Durch die offene Thür sah sie ihre Gäste, in Mäntel und Shawls gehüllt, in ununterbrochenem Strome der Treppe zudrängen. Die meisten starrten eifrig gerade vor sich hin, und von den wenigen, die ihr einen halb neugierigen, halb erschreckten Blick gönnten, fügte nur eine Minderzahl den Schatten einer Verbeugung hinzu. Von der ganzen bestürzten, Menge traten vor dem Fortgehen nur zwei Herren, aber keine einzige Dame zu ihr.

»Gute Nacht, Mrs. Shelf,« sagte der eine, und der andre sprach: »Gute Nacht, Laura, du thust mir furchtbar leid.«

Als alle gegangen waren, kam ein Bedienter mit bleichem Gesicht und erzählte ihr, was vorgefallen war. Die Polizei war rasch bei der Hand gewesen, aber der Mann, den sie fangen wollte, war noch rascher gewesen. Er hatte das Haus zehn Minuten vor ihrer Ankunft verlassen.

»Ist das alles?«

»Ja, das ist alles.«

»Gut,« entgegnete Mrs. Shelf. »Ich habe Sie heute abend nicht mehr nötig. Schließen Sie alles ab, und dann könnt ihr alle zu Bett gehen.«

Daß Theodor Shelf für einen sehr wirksamen Abgang gesorgt und seiner Frau gesellschaftlichen Sturz auf höchst dramatische Weise in Scene gesetzt hatte, konnten selbst die von seiner Niederträchtigkeit am schwersten Getroffenen nicht leugnen. Die Polizei verfolgte mit großer Mühe seine Spur bis zum Bahnhof Paddington, stellte fest, daß er eine Fahrkarte erster Klasse nach Liverpool genommen hatte. Sie ließ den Telegraphen spielen und begab sich dann mit der festen Ueberzeugung zur Ruhe, daß ihre Amtsbrüder in der Hafenstadt den gesuchten Herrn auf dem Bahnhofe dort in Empfang nehmen würden. Natürlich konnte sie unmöglich vermuten, daß er und sein Foxterrier unterwegs umgestiegen, nach Newport gefahren und dort zur rechten Zeit angelangt waren, um sich an Bord eines Dampfers der »Ueberseeischen Dampfschiffahrtsgesellschaft«, der dort Kohlen eingenommen hatte, zu begeben.

Die Polizei und Shelfs Opfer wußten gar vieles zu sagen, als sie hörten, auf wie einfache Weise er seine Flucht bewerkstelligt hatte. Sie erwarteten zuversichtlich, ihn in dieser Welt nicht mehr zu sehen, und hofften, ihm auch in der nächsten nicht zu begegnen.



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