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Fünfzehntes Kapitel

»Wie unsagbar gräßlich!« sprach Amy Rivers.

»Ja,« stimmte Fairfax zu. »Diese Anarchisten sollten niedergeschossen werden wie wilde Tiere, jedesmal, wenn sie den Mund aufthun. Denk nur mal! Nicht nur ein schönes Schiff, sondern auch eine halbe Million in gemünztem Gold mit dieser niederträchtigen Bombe aus der Welt geblasen! Das wird einen schwarzen Tag bei Lloyds geben, wenn die Versicherungsabrechnung gemacht wird. Eine solche Aufregung, wie heute in der City herrschte, ist noch nie dagewesen. Zeitungen wurden mit einer halben Krone das Stück bezahlt.«

»Und ist es sicher, daß der arme Mr. Onslow ums Leben gekommen ist?«

»Ich fürchte, ja. Die beiden Rettungsboote sind am andern Morgen aufgefischt und ihre Bemannungen nach Mobile gebracht worden. Erst da stellte sich heraus, daß der Kapitän, Onslow und einer der Heizer fehlten. In der Eile der Flucht scheinen sie in keins der Boote mehr gelangt zu sein. Das Telegramm sagt, ein andres als die Rettungsboote wäre bei dem furchtbaren Seegang nicht eine Minute flott geblieben, selbst wenn eins zu Wasser gelassen worden wäre. Und der Steuermann, der telegraphiert hat, meint, es wäre gar nicht versucht worden, da die ›Port Edes‹ gesunken sei, noch ehe die Rettungsboote sie aus den Augen verloren hatten. Ehe ich das Comptoir verließ, kam eine Privatkapeldepesche, die dahin lautete, andre Dampfer, die diesen Teil des Golfs von Mexiko befahren hätten, hätten sich umgesehen, aber auch nicht den geringsten Teil des Wracks gefunden. Deshalb fürchte ich, daß das Schiff wie ein Stein in tiefem Wasser gesunken ist und die armen Teufel mitgenommen hat.«

»Es ist schrecklich traurig, besonders wenn man bedenkt, was ich heute morgen gehört habe. Die junge Dame, die vor sechs Jahren Onslow so tiefes Leid verursacht hat, befindet sich augenblicklich in Florida und ist frei. Duvernay, der Herr, mit dem sie verheiratet war, ist vor sechs Monaten gestorben. Du erinnerst dich doch, daß sich Onslow mit ihr verlobte, sowie er in Cambridge ausstudiert hatte und Attaché geworden war? Er soll sie ganz furchtbar geliebt haben, und das traue ich ihm auch zu. Als ihre Angehörigen sie zwangen, den andern zu heiraten, gab er seine Stelle auf und begab sich in die entlegensten Gegenden der Welt, um zu versuchen, sie zu vergessen. Ich interessiere mich deshalb so sehr für die Geschichte, weil ich eben in Erfahrung gebracht habe, daß sie eine geborne Miß Mabel Kildare ist, deren Schwester Elsie ich als Kind sehr gut gekannt habe. Als ihre Schwester diesen Duvernay heiratete, der in den Kolonieen angestellt war, ging Elsie mit ihnen, und seitdem haben wir uns vollständig aus den Augen verloren. Seltsam, nicht wahr, daß ich an demselben Tage wieder von ihr höre, der uns die Nachricht vom Tode des armen Onslow bringt!«

»Ja, diese Welt ist sehr klein,« entgegnete Fairfax bedeutsam, »und ein solches Zusammentreffen ist ganz etwas Alltägliches.«

»Du scheinst verstimmt zu sein,« meinte seine Verlobte, ihre Finger auf seinem Arme zusammenflechtend.

»Wohl möglich! Zunächst ist diese Geschichte mit der ›Port Edes‹ wahrlich nicht danach angethan, einen heiter zu stimmen, und außerdem habe ich einen Blick in deines frommen Vormunds Treiben gethan, der mir übel gemacht und das ganze Geschäft fast verleidet hat. Du hast ja von der ›Genossenschaftlichen Dampfschiffahrtsgesellschaft‹ gehört, die er zu gründen versucht. Nun hat heute eine vorläufige Versammlung stattgefunden, an der gewiß an die tausend Leute teilnahmen, meist vergleichsweise arm. Sie gehörten vorzugsweise den Kreisen an, denen er Sonntags etwas vorpredigt, und außerdem waren ein paar stellenlose Schiffskapitäne und andres seefahrendes Volk darunter. Shelf eröffnete die Versammlung mit einem Gebet, das ich mir am richtigen Platze gefallen lasse, das mir aber dort ganz besonders unpassend vorkam. Die Zuhörer aber waren ganz ergriffen, und ihr Vertrauen in den Mann schien noch zuzunehmen. Hierauf folgte eine äußerst geschickte Ansprache über den Nutzen, den das überseeische Frachtgeschäft gegenwärtig abwirft, und er verbreitete sich dabei über die bekannte Thatsache, daß die Verluste hauptsächlich von dem Mangel an Interesse, das die Schiffskapitäne und andre Offiziere an dem Geschäft nähmen, herrührten. Dies würde bei der ›Genossenschaftlichen Dampfschiffahrtsgesellschaft‹ ganz anders sein, da nach ihrem Grundgesetz niemand eine verantwortliche Stellung auf einem ihrer Schiffe bekleiden könne, der nicht thatsächlich Genossenschafter sei. Dann wies er darauf hin, daß für die Prioritätsaktien acht Prozent Zinsen gewährleistet und für die gewöhnlichen fünfzehn bis achtzehn Prozent sicher seien, und schloß mit einer zweiten Dosis salbungsvoller Redensarten. Die Gesellschaft, sagte er, würde sich nicht damit begnügen, ihren Aktionären ein hübsches Einkommen zu verdienen, sondern es sich auch angelegen sein lassen, das Evangelium auszubreiten und englische Kultur an die äußersten Enden der Erde zu tragen. Die Versammlung rief Amen, klatschte Beifall und zeichnete sofort zehntausend Aktien zu fünf Pfund, und als die armen Bethörten auseinander gingen, fuhren Shelf und ich nach dem Geschäft zurück.

»›Hören Sie,‹ sprach ich zu ihm, ›Sie haben mich zum Direktor dieser neuen Gesellschaft mit zehntausend Pfund jährlichem Gehalt ernannt. Ich bitte um meine Entlassung.‹

»›Warum denn, um alles in der Welt?‹

»›O, sagen wir einmal, weil es mir am nötigen Kleingeld fehlt, Aktien genug zu kaufen.‹

»›Aber,‹ wandte er rasch ein, ›Sie brauchen ja gar nicht so viele zu nehmen. Erheben Sie Ihr Gehalt fürs erste Vierteljahr und zahlen Sie's wieder bei der Bank der Gesellschaft ein; dann sind Sie für die Stelle wählbar.‹

»›Nein,‹ versetzte ich, ›das werde ich bleiben lassen. Ich will überhaupt mit der ganzen Geschichte nichts zu thun haben, einfach, weil ich kein Zutrauen dazu habe. Es ist ja doch eine ganz bekannte Thatsache, daß Tausende von Tonnen Schiffsraum im Dock liegen, weil die Frachten so niedrig stehen, daß die Schiffe nicht mehr mit Nutzen fahren können, und wenn Sie jetzt noch mehr in Dienst stellen, werden die Frachtpreise noch weiter gedrückt.‹

»›Sie sprechen wie ein Mensch, der nichts von der Sache versteht,‹ entgegnete er. ›Das Geschäft von Marmaduke Rivers & Shelf ist ein bleibendes Denkmal dessen, was meine bescheidenen Fähigkeiten leisten können, und Sie werden die neue Gesellschaft eines Tages in gleicher Stellung sehen. Haben Sie denn nicht bemerkt, welch begeistertes Vertrauen auf ihre glänzende Entwickelung meine schlichten Freunde heute nachmittag bewiesen?‹

»›Die verstehen so gut wie gar nichts vom Frachtgeschäft,‹ antwortete ich. ›In der Stimmung, worein Sie sie zu versetzen verstanden haben, hätten sie auch dem schwindelhaftesten Prospekt geglaubt, wenn nur ein Bibelspruch am Kopfe gestanden hätte.‹

»Shelf zog an der Schnur, und der Wagen hielt.

»›Mr. Fairfax,‹ sprach er, ›Ihre Haltung thut mir sehr weh. Wir wollen uns lieber für jetzt trennen und beide beten, daß Sie von einer mehr christlichen Gesinnung erfüllt sein mögen, wenn wir uns wiedersehen.‹ Liebe Amy, ich muß gestehen, daß mir die ganze Geschichte sehr wenig gefällt. Das andre Geschäft, die ›Ueberseeische Dampfschiffahrtsgesellschaft‹, ist durchaus nicht in gesundem Zustande, und wenn ich das bedenke, will mir die Gründung dieser neuen Gesellschaft fast wie ein Schwindel vorkommen. Ich fürchte, Theodor Shelf fühlt, daß er in einer Klemme sitzt, und greift zu verzweifelten Mitteln.«

»Ich weiß gar nichts darüber,« erwiderte das junge Mädchen nachdenklich; »aber ich glaube, du irrst, wenn du meinst, er säße in der Klemme. Mrs. Shelf war gestern auf einer Gemäldeversteigerung und hat zwei alte Meister für viertausend Guineen das Stück erstanden. Es ist doch kaum anzunehmen, daß sie einen solchen Betrag für etwas ausgeben würde, was doch der reine Ueberfluß ist, wenn sie nicht über sehr viel Geld verfügte.«

»So kann die Geschichte nicht weiter gehen,« antwortete Fairfax. »Ich kenne die Leistungsfähigkeit des Geschäfts und weiß, daß es Ausgaben, wie sie ein solcher Aufwand erfordert, nicht vertragen kann. Voriges Jahr war der Verdienst nahezu Null, aber hat sich Mrs. Shelf deshalb eingeschränkt? Nicht im geringsten, im Gegenteil, sie treibt die Sache jede Woche toller. Das muß zu einem Unglück führen, und wenn die ›Ueberseeische Dampfschiffahrtsgesellschaft‹ zusammenbricht, wird diese neue Gründung notwendigerweise mit in den Sturz hineingerissen.«

»Und dann?«

»Dann werden mehr als tausend arme, meist alte Leute plötzlich inne werden, daß sich die Ersparnisse eines Lebens vor ihren Augen in nichts verflüchtigt haben. Es ist fürchterlich, an einen solchen Verdacht zu denken, aber ich kann mich seiner weniger und weniger erwehren, und Shelf las meine Gedanken, als er mich heute nachmittag aus seinem Brougham aussteigen ließ.«

»Was willst du denn thun?« fragte das junge Mädchen in erschrecktem Flüsterton.

»Nichts. Was kann ich denn thun? Wenn ich auch nur ein Wort meines Verdachtes laut ausspräche, wäre das eine Verleumdung, da ich die Wahrheit nicht beweisen kann, und wenn ich nicht ins Gefängnis käme, würden sie mich als gefährlichen Geisteskranken ins Tollhaus sperren. Shelfs Name ist heute noch so gut als eine Note der Bank von England in der City, und ich hoffe, um unser aller willen, daß ich ihm ein schweres Unrecht anthue. Aber, aber, liebe Amy, ich habe ein Vorgefühl, daß es in weniger als einem halben Jahre von jetzt an viele, viele Menschen geben wird, die sich das Leben nehmen oder ins Armenhaus wandern müssen, weil Theodor Shelf sie zu Grunde gerichtet hat.«



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